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Full text of "Theodor Herzls tagebücher, 1895-1904"

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1. 



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DIESE AUSGABE WURDE IN 150 NUMERIERTEN 
EXEMPLAREN HERGESTELLT 



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THEODOR HERZLS TAGEBÜCHER 



D,3,l,zedb,G00gle 



THEODOR HERZLS 

TAGEBÜCHER 

1895—1904 

DREI BÄNDE 



JÜDISCHER VERLAG / BERLIN 



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THEODOR HERZLS 
TAGEBÜCHER 



ERSTER BAND 



j 9» a 



JÜDISCHER VERLAG / BERLIN 



D,3,l,zedb,G00gle 



Druck von G. Kxe^ing in Leiptig. 
Copjri^ igia b; Jüditdier Verlag, G. m. b. H., Berlin. 
Alls Rechte, inibetondere d>i der Oberaetiung, vorbehalten. 




Dm die«etn Band beigegebene Poitrit Theodor Henli itt 
nach einer Aufiiahnv reprodiuieit, die ungefiihr aui der 
2Mt det Beginn* der TagebUcher-Niedervcbiift (tunint. 



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Vorwort 

Theodor Heril war der Begröoder der neuen politisch- 
zionistischen Bewegung. Sein Tagebuch, das hiermit der 
Of fentlichJieit unterbreitet wird, st^l zum vollkommeneren 
Verständnis seines Lebenswerkes und seiner Persönlich- 
keit beitragen. 

Die achtzehn „BOcher" des Originalmanuskriptes sind 
hier in drei Bänden gesammelt. Der Text ist wortgetreu 
wiedergegeben, mit Ausnahme von wenigen und kursen 
Stellen (stets klar durch Punktreihen kenntlich gemacht), 
die die Herausgeber zu entfernen sich bewogen fühlten. 
2wei Rücksichten kamen hierbei in Betracht. Einiges 
schien ihnen als zu intimer Natur, gleich als ob der Ver- 
fasser sich der endlichen Publizierung nicht bewußt ge- 
wesen wäre; anderes, als geeignet, noch lebende Personen 
zu verletzen. 

Daß aber dieses spätere Schicksal seiner Aufzeich- 
nungen den Absichten Theodor Herzls sonst nicht fremd 
war, dafür zeugt manche Stelle dieser Tagebücher. 



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Erstes Buch 



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Der Judensache erstes Buch 
- Begonnen in Paris um Pfingsten 1896 

Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Werk, das von 
unendlicher Größe ist. Ich weiß beute nicht, ob ich es 
ausführen werde. Es siebt aus wie ein mächtiger Traum. 
Aber seit Tagen und Wochen füllt es mich aus bis in die 
Bewußtlosigkeit hinein, begleitet mich überall hin, 
schwebt über meinen gewöhnlichen Gesprächen, blickt 
mir über die Schulter in die komisch kleine Journalisten- 
arbeit, stört mich und berauscht mich. 

Was daraus wird, ist jetzt noch nicht tu ahnen. Nur 
sagt mir meine Erfahrung, daß es merkwürdig ist, schon 
als Traum, und daß ich es aufschreiben soll — wenn 
nicht als ein Denkmal für die Menschen, so doch für mein 
eigenes späteres Ergötzen oder Sinnen. Und vielleicht 
zwischen diesen beiden Möglichkeiten: für die Literatur. 
Wird aus dem Roman keine Tat, so kann doch aus der 
Tat ein Roman werden. 

Titel: Das Gelobte Landl 

Ich weiß wahrhaftig heute nicht mehr, ob nicht über- 
haupt der Roman das erste war, woran ich dachte. Aller- 
dings nicht etwas „Belletristisches" als Selbstzweck, son- 
dern nur als ein Dienendes. 

Und daß ich es heute nach so kurzer Zeit nicht mehr 
deutlich weiß, beweist am besten, wie notwendig diese 
Aufscbreibung ist. Wie sehr habe ich es bedauert, daß 
ich nicht am Tage meiner Ankunft in Paris ein Tagebuch 
begann für die Erlebnisse, Wahrnehmungen und Ge- 
sichte, die nicht in die Zeitung kommen können, zu 
schnell und eigentümlich vorübergehen. So ist mir viel 
entschwunden. 



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Aber was sind die Erlebnisse eines Reporters gegen 
das, woran ich jetzt wirke. Welche Träume, Gedanken, 
Briefe, Begegnungen, Taten — Enttäuschungen, wenn 
es zu nichts kommt, und furchtbare Kämpfe, wenn ea 
dazu kommt, werde ich zu besteben haben. Das muß fest- 
gehalten werden. 

Stanley interessierte die Welt mit der kleinen Beise- 
bescbreibung : „How I found Livingstone". Und als er gar 
quer durch den dunklen Weltteil zog, da war die Welt 
sehr ergriffen, die ganze Kulturwelt. Und wie gering 
sind diese Unternehmungen gegen meine. Heute muß ich 
noch sagen: gegen meinen Traum. 

Wann ich eigentlich anfing, mich mit der Judenfrage 
zu beschäftigen? Wahrscheinlich, seit sie aufkam. Si- 
cher, seit ich Dübrings Buch gelesen. In einem meiner 
alten Notizbücher, das jetzt in Wien irgendwo eingepackt 
steckt, finden sich die ersten Bemerkungen über Dübrings 
Buch und die Frage. Ich hatte damals noch kein Blatt 
für meine Literatur — das war, glaube ich, 1881 oder 
1883; aber ich weiß, daß ich beute noch öfters einiges 
von dem sage, was ich dort aufschrieb. Im weiteren Ver- 
lauf der Jahre hat die Frage an mir gebohrt und genagt, 
mich gequält und sehr unglücklieb gemacht. Tatsächlich 
bin ich immer wieder zu ihr zurückgekehrt, wenn mich 
die Erlebnisse, Leiden und Freuden meiner eigenen Per- 
son ins allgemeine aufsteigen ließen. 

Natürlich ist mit jedem wandelnden Jahre eine Ände- 
rung in meine Gedanken gekommen, hei aller Einsicht 
des Bewußtseins. So siebt mir ja jetzt auch aus dem 
Spiegel ein anderer Mann entgegen, als früher. Aber die 
Person ist auch mit den verschiedenen Zügen dieselbe. 
Ich erkenne an den Alterszeichen meine Reife. 

Zuerst hat mich die Judenfrage bitterlich gekränkt. 



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Es gab vielleicht eine Zeit, wo ich ihr gern entwischt 
. wäre, hinüber ins Christentum, irgendwohin. Jedenfalls 
waren das nur unbestimmte Wünsche einer jugendlichen 
Schwäche. Denn ich sage mir in der Ehrlichkeit dieser 
Aufschreibung — die völlig wertlos wäre, wenn ich mir 
etwas vorheuchelte — ich sage mir, daß ich nie ernstlich 
daran dachte, mich zu taufen, oder meinen Namen zu 
ändern. Letzteres ist sogar durch eine Anekdote beglau- 
bigt. Ab ich in meinen blutigen Anfängen mit einem 
Manuskript zur Wiener „Deutschen Wochenschrift" 
ging, riet mir Dr. Friedjung, einen weniger jOdischeu 
Namen als Federnamen zu wählen. Ich lehnte das rund- 
weg ab und sagte, daß ich den Namen meines Vaters 
weiter tragen wolle, und daß ich bereit sei, das Manu- 
«kript zurückzuziehen. Friedjung nahm es dann doch. 
Ich war dann schlecht und recht ein Literat mit klei- 
nem Ehrgeiz und geringen Eitelkeiten. 

Die Judenfrage lauerte mir natürlich an allen Ecken 
und Enden auf. Ich seufzte und spöttelte darüber, fühlte 
mich unglücklich, war aber doch nicht recht davon er- 
griffen, obwohl ich schon, bevor ich hierher kam, einen 
Judenroman schreiben wollte. Ich wollte ihn auf meiner 
spanischen Reise verfassen, die ich im Sommer 1891 an- 
trat. Es war mein damals nächster literarischer Plan. 
Die Hauptfigur sollte mein teurer Freund Heinrich Kana 
werden, der sich im Februar 1891 in Berlin erschossen 
hatte. Ich glaube, ich wollte mir in dem Roman sein 
Gespenst losschreiben. Der Roman hieß in meinem Ent- 
wurf , .Samuel Kohn" und unter meinen losen Notizen 
müssen sich viele finden, die darauf Bezug haben. Na- 
mentlich wollte ich die leidende, verachtete und brave 
Gruppe der armen Juden in Gegensatz zu den reichen 
Juden bringen. Diese spüren nichts vom Antisemitismus, 



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den sie doch eigentlich und hauptsfichlicb verschulden. 
Das Milieu Kanas sollte dem Milieu seiner reichen Ver- 
wandten gegenübergestellt werden. 

Die Neue Freie Presse rief mich als Korrespondenten 
nach Paris. Ich nahm an. weil ich gleich ahnte, wie viel 
ich in dieser Stellung von der Welt sehen und lernen 
würde; hatte aber doch in mir ein Bedauern über den 
verlassenen Plan des Romans. 

In Paris geriet ich — wenigstens als Beobachter — in 
die Politik. Ich sab, womit die Welt regiert wird. Ich 
starrte auch das Phänomen der Menge an; lange Zeit, 
ohne es zu begreifen. Ich kam auch hier in ein freieres 
und höheres Verhältnis zum Antisemitismus, von dem 
ich wenigstens nicht unmittelbar zu leiden hatte. In 
Österreich oder Deutschland muß ich immer befürchten, 
daß mir hepp-hepp nachgerufen wird. Hier gebe ich 
doch „unerkannt" durch die Menge. 

In diesem Unerkannt I liegt ein furchtbarer Vorwurf 
gegen die Antisemiten. 

Das Hepp-bepp hörte ich mit meinen Ohren bisher nur 
zweimal. Das erstemal in Mainz auf der Durchreise 1888. 
Ich kam am Abend in ein billiges Konzertlokal, trank dort 
mein Bier, und als ich aufstand imd durch den Lärm 
und Qualm zur Türe ging, rief mir ein Bursche „Hepp- 
hepp" nach. Um ihn herum entstand ein rohes Gewieher. 

Das zweitemal wurde mir in Baden bei Wien ,,Saujud'* 
nachgerufen, als ich im Wagen aus der Hinterbrühl von 
Speidel kam. Dieser Ruf traf mich stärker, weil er das 
merkwürdige Nachwort zu dem Gespräche war, das ich 
in der Hinterbrüh] geführt hatte, und weil er auf „hei- 
mischem" Boden ertönte. 

In Paris also gewann ich ein freieres Verhältnis zum 



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Antisemitismus, den ich historisch lu verstehen und xu 
entschuldigea anfing. 

Vor allem erkannte ich die Leere und Nutzlosigkeit 
der Bestrebungen „zur Abwehr des Antisemitismus". Mit 
Deklamationen auf dem Papier oder in geschlossenen 
Zirkeln ist da nicht das mindeste getan. Es wirkt sogar 
komisch. Immerhin mögen — neben Strebern und Ein- 
fSltigen — auch sehr wackere Leute in solchen „Hilfs- 
komitees" sitzen. Sie gleichen den ,JIilfskomitees" nach 
— und VCH"! — Oberschwemmungen und richten auch un- 
geffihr so viel aus. Die edle Bertha von Suttner ist im 
Irrtum — freilich in einem Irrtum, der sie hoch ehrt — , 
wenn sie glaubt, daß ein solches Komitee helfen kann. 
Ganz der Fall der Friedensvereioe. Ein Mann, der ein 
furchtbares Sprengmittel erfindet, tut mehr für den Frie- 
den ab tausend milde Apostel. 

Dies antwmiete ich auch beiläufig dem Baron Leiten- 
berger, als er mich vor drei Jahren fragte, was ich von 
dem „Freien Blatt" zur Abwehr usw. hielte. Nichts hielt 
ich davon. Allerdings ließe sich journalistisch wirken, 
meinte ich, und entwickelte ihm den Plan des von einem 
unverfälschten Christen zu leitenden Volksblattes zur Be- 
kämpfung des Judenhasses. Dies schien dem Baron L. 
jedoch tu umständlich, oder zu kostspielig. Er wollte 
nur im kleinen kämpfen. Gegen den Antisemitismus! 

Heute bin ich freilich der Ansicht, daß es ein macht- 
loser, törichter Versuch wäre, was mir damals ausrei- 
chend vorkam. 

Der Antisemitismus ist gewachsen, wächst weiter — 
und ich auch. 

Ich erinnere mich jetzt noch an zwei verschiedene Auf- 
fassungen der Frage und ihrer Lösung, die ich im Ver- 
lauf dieser Jahre hatte. Vor ungefähr zwei Jahren wollte 



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ich die Judenfrage mit Hilfe der katholischen Kirche we- 
nigstens in Osterreich lösen. Ich wollte mir Zutritt zum . 
Papst verschaffen, nicht ohne mich vorher des Beistandes 
österreichischer Kirchenfürsten versichert su haben, und 
ihm sagen: Helfen Sie uns gegen die Antisemiten, und 
ich leite eine große Bewegung des freien und anstfindigen 
Übertritts der Juden zum Christentum ein. 

Frei und anständig dadurch, daß die Führer dieser Be- 
wegung — ich vor allen — Juden bleiben und als Juden 
den Obertritt zur Mehrheitsreligion propagieren. Am 
hellichten Tage, an Sonntagen irni zwölf Uhr, sollte in 
feierlichen Aufzügen unter Glockengeläute der Übertritt 
stattfinden in der Stefanskirche. Nicht verschämt, wie 
es Einzelne bisher getan, sondwn mit stolzen Gebärden. 
Und dadurch, daß die Führer Juden blieben, das Volk 
nur bis zur Kirchenschwelle geleiteten und selbst draußen 
blieben, sollte ein Zug großer Aufrichtigkeit das Ganze 



Wir Standhaften hfitten die Grenzgeneration gebildet. 
Wir blieben noch beim Glauben unserer Väter. Aber un- 
sere jungen Söhne sollten wir zu Christen machen, bevor 
sie ins Alter der eigenen Entschließui^ kämen, wo der 
Übertritt wie Feig^it oder Streberei aussieht. Ich hatte 
mir das alles wie gewöhnlich bis ins GeSstel der Einzel- 
heiten ausgedacht, sah mich auch schon im Verkehr mit 
dem Erzbischof von Wien, stand in Gedanken vor dem 
Papst — die sehr bedauerten, daß ich nur zur Grenzgeae- 
ration gehören wollte — und ließ dieses Schlagwort der 
Rasaenvermischung durch die Welt fliegen. 

Bei der ersten Gelegenheit des mündlichen Verkehrs 
wollte ich die Herausgeber der Neuen Freien Presse für 
den Plan gewinnen. Früher schon hatte ich ihnen von hier 
aus einen Rat gegeben, den sie zum Schaden der liberalen 



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Partei in Osteireich nicht befolgten. Nämlich, ungefähr 
ein Jahr bevor die Wahlreformbewegung der Soziali- 
sten akut wurde, empfahl ich, sie sollten im Weihnacbts- 
artikel plötzlich das allgemeine Wahlrecht fordern. Da- 
durch könnten die Liberalen den verlorenen festen Boden 
im Volk, in der intelligenten Arbeiterschaft wiedergewin- 
nen. — Die Wahlreformbewegung kam dann von außen 
an sie heran, und sie nahmen dazu keine glückliche 
Stellung. 

IcJi hatte allerdings bei den Leitartiklern keine rechte 
Autorität; sie hielten mich nur für einen Plauderer und 
Feuilletonisten. 

So lehnte auch Benedikt, als ich hier mit ihm darüber 
sprach, meine Papstidee ab, wie früher Bacher die all- 
gemeine Wahlrechtsidee zurückgewiesen hatte. 

Aber etwas in Benedikts Antwort traf mi<^ als richtig. 
Er sagte: Hundert Generationen hindurch hat Ihr Ge- 
schlecht sich im Judentum erhalten. Sie wollen jetzt sich 
selbst als die Grenze dieser Entwicklung setzen. Das 
können und dürfen Sie nicht. Übrigens wird Sie der 
Papst gar nicht empfangen. 

Das hinderte freilich die Neue Freie Presse und die 
österreichischen Liberalen nicht, dann doch zum Papst 
um Intervention gegen die Antisemiten zu gehen. Das 
geschah im heurigen Winter, anderthalb Jahre nach mei- 
nem Gespräch mit Benedikt : freilich unter ungünstigen, 
ja prinzipienwidrigen Umständen; und zwar als Kardinal 
Scbönborn nach Rom fuhr, um den Papst für ein Auf- 
treten gegen jenen Teil der Antisemiten zu bitten, der dem 
Klerus und der Regierung anfing unangenehm zu wer- 
den. Die Liberalen erkannten da durch konkludente 
Handlungen an, was sie früher immer geleugnet hatten : 
das Recht des Papstes, sich in die inneren Angelegen- 



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heiteo Österreichs einzumischen. Das Ergebnis dieser 
Seibstaufgabe war gleich Null. 

Ich hatte etwas ganz anderes gemeint: einen diploma- 
tischen Friedensschluß bei verschlossenen Türen. 

Ohne meine Zeitung konnte ich natürU<^ nichts ma- 
chen. Wo hätte ich die Autorität hergenommen? Wel- 
chen Gegenwert hätte ich versprechen können? Die 
Dienste des führenden liberalen Blattes hätten den klugen 
Papst vielleicht bewogen, etwas zu tun, eine Erklärung 
abzugeben, oder Winke zu machen. Ich hörte übrigens 
später einmal eine Äußerung LeosXIII. über die Zeitung: 
Schade, daß die Neue Freie Presse so gut gemacht ist. 

Nach dieser verlassenen Auffassung reifte in mir auf 
jene dunkle Weise im Unbewußten eine weitere, nicht 
so politische, aber mehr betrachtende. Diese führte ich 
zum erstenmal deutlich im Gespräch mit Speidel aus, 
ala ich ihn im vergangenen Sommer von Baden aus in 
der Hinterbrühl besuchte. Wir gingen über grüne Wie- 
sen, philosophierend, und kamen auf die Judenfrage. 

Ich sagte: „Ich begreife den Antisemitismus. Wir 
Juden haben uns, wenn auch nicht durch unsere Schuld, 
als Fremdkörper inmitten verschiedener Nationen erhal- 
ten. Wir haben im Ghetto eine Anzahl gesellschaftswid- 
riger Eigenschaften angenommen. Unser Charakter ist 
durch den Druck verdorben, und das muß durch einen 
anderen Druck wieder hergestellt werden. Tatsächlich 
ist der Antisemitismus die Folge der Judenemansipation. 
Bevölkerungen, denen das historische Verständnis man- 
gelt — also alle — , sehen uns aber nicht als geschicht- 
liches Produkt an, nicht als die Opfer früherer, grausa- 
mer und noch beschränkterer Zeiten. .Die wissen nicht, 
daß wir so sind, weil inan uns unter Qualen so gemacht 
bat, weil die Kirche das Wuchergewerhe für Christen 



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unehrlich machte und wir durch die Herrscher in Geld- 
geschfitte gedrängt wurden. Wir kleben am Geld, weil 
man uns aufs Geld geworfen bat. Zudem mußten wir 
immer bereit sein, su fliehen oder unseren Besitz vor 
Plünderungen zu verbergen. So ist unser Verhältuia zum 
Geld entstanden. Auch dienten wir Kammerknechte des 
Kaisers als eine Art indirekter Steuer. Wir zogen dem 
Volke das Geld ah, das uns nachher geraubt oder kon- 
fisziert wurde. In all den Leiden wurden wir häßlich, 
verwandelte sich unser Charakter, der in Vorzeiten stolz 
und großartig gewesen war. Wir waren ja Männer, die 
den Staat auf der Kriegsseite zu verteidigen wußten, und 
müssen ein hochbegabtes Volk gewesen sein, wenn wir 
zweitausend Jahre hindurch erschlagen wurden und 
nicht umgebracht werden konnten. 

Nun war es ein Irrtiun der doktrinär Freisinnigen, zu 
glauben, daß man die Menschen durch eine Verfügung 
im Reichsgesetzblatt gleich macht. Ab wir aus dem 
Ghetto herauskamen, waren und blieben wir zunächst 
noch die Ghettojuden. Man mußte uns Zeit lassen, uns 
an die Freiheit zu gewöhnen. Diese Großmut oder Ge- 
duld hat aber die uns umgebende Bevölkerung nicht. Sie 
sieht nur die üblen und auffälligen Eigenschaften der 
Freigelassenen und ahnt nicht, daß diese Befreiten un- 
schuldig Bestrafte waren. Hinzu kommen die sozialisti- 
schen Zeitideen gegen das bewegliche Kapital, dem sich 
die Juden seit Jahrhunderten ausschließlich zuzuwenden 
gezwungen waren. 

Wenden sich die Juden aber vom Gelde weg zu Be- 
rufen, die ihnen früher vorenthalten waren, so bringen 
sie einen fürchterlichen Druck in die Erwerbsverhält- 
nisse der Mittelstände; einen Druck, unter dem freilich 
sie seihst vor allen leiden. 



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Der Antisemitismus, der ia der großen Menge etwas 
Starkes und Unbewußtes ist, wird id>er den Juden nicht 
schaden. Ich halte ihn für eine dem Judencharakter nütz- 
liche Bewegung. Er ist die Erziehung einer Gruppe 
durch die Massen und wird vielleicht zu ihrer Aufsaugung 
führen. Erzogen wird man nur durch Härten. Es wird 
die Darwinsche Mimikry eintreten. Die Juden werden 
sich anpassen. Sie sind wie Seehunde, die der Weltzufall 
ins Wasser warf. Sie nehmen Gestalt und Eigenschaften 
von Fischen an, was sie doch nicht sind. Kommen sie 
nun vrieder auf festes Land und dürfen da ein paar Ge- 
nerationen bleiben, so werden sie wieder aus ihren Flos- 
sen Füße machen. 

Die Spuren des einen Druckes können nur durch den 
anderen Druck vertilgt werden." 

Speidel sagte : „Dasist eine welthistorische Auf fassung." 

Ich fuhr dann in die wachsende Nacht hinaus, hinüber 
nach Baden. Als mein Fiaker durch den Tunnel hinter 
der Gholerakapelle raste, kamen eben zwei junge Leute, 
einer in Kadettenuniform des Wegs. Ich glaube, ich saß 
zusammengesunken und in Gedanken. De hörte ich deut- 
lich hinter dem Wagen herrufen : „Saujud I" 

Es riß mich in einen Zorn auf. Ich drehte mich er- 
bittert gegen die Burschen um, die aber schon weit zurück 
waren. Gleich darauf war auch die kurze Lust vergangen, 
mich mit Gassenjungen herumzubalgen. Es war auch 
nicht beleidigend für meine ihnen unbekannte Person, 
sondern nur für meine Judennase und m«nen Judenbart, 
die sie in der halben Dunkelheit hinter den Wagenlater- 
nen gesehen hatten. 

Und welch ein wunderlicher Nachhall zu meiner „welt- 
historischen" Auffassung. Das Welthistorische nützt da 
nichts. 



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Eiaige Monate später saß ich dem Bildhauer Beer zu 
meiner Büste. Und wie es das Gespräch ergab, kamen wir 
darauf, daß es den Juden nichts nütze, Künstler und 
geldrein zu werden. Der Fluch haftet. Wir kommeD 
nicht aus dem Ghetto heraus. Da erhitzte ich mich sehr 
im Reden, und beim Weggehen glühte es in mir nach. 
Mit der Raschheit jenes Traumes im Wasserschaff des 
arabischen Märchens entstand in mir der Plan zu diesem 
Stück. Ich glaube, ich war von der rue Descombes noch 
nicht bis zur place P^eire gekommen, da war in mir 
schon alles fertig. 

Am anderen Tage setzte ich mich hin. Drei selige 
Wochen der Glut und Arbeit. 

Ich hatte geglaubt, durch diese dramatische Eruption 
die Sache losgeschrieben zu haben. Im Gegenteil, ich 
kam immer tiefer hinein. Es verstärkte sich in mir der 
Gedanke, daß ich etwas für die Juden tun müsse. 

Ich ging zum erstenmal in den Tempel der rue de la 
Victoire, fand den Gottesdienst wieder feierlich und rüh- 
rend. Vieles erinnerte mich an meine Jugend, den Tempel 
in der Tabakgasse in Pest. Ich sah mir die hiesigen Juden 
an und fand die Familienähnlichkeit ihrer Gesichter. 
Kühne, verdrückte Nasen, scheue und listige Augen. 

Faßte ich ihn damals, oder hatte ich ihn schon früher, 
den Plan, „Zustände der Juden" zu schreiben? 

Jetzt erinnere ich mich, daß es schon früher war. Ich 
sprach schon im Herbst davon in Wien. Ich wollte die 
Orte aufsuchen, wohin der Weltzuf all die Juden in Grup- 
pen verstreut hat, namentlich Rußland, Galizien, Ungarn, 
Böhmen, später den Orient, die neuen Zionskolonien, 
endlich wieder Westeuropa. Aus all den wahrheitsge- 
treuen Schilderungen sollte das unverschuldete Unglück 
der Juden hervorkommen. Zeigen, daß es Menschen sind, 

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die man beschimpft, ohne sie zu kennen. Hier habe ich 
ja Reporteraugen bekommen, die für solche Aufnahmen 
nötig sind. 

Ich geriet vor Ostern mit Daudet in Verkehr. Einmal 
kamen wir auch auf die Juden. Er gestand, daß er Anti- 
semit sei. Ich erklärte ihm meinen Standpunkt und wurde 
wieder einmal warm. (Woraus hervorginge, daß ich 
eigentlich ein Sprechdenker bin.) Als ich ihm sagte, 
daß ich fOr und Ober die Juden ein Buch schreiben wolle, 
fragte er: Einen Roman? — Nein, meinte ich: Lieber 
ein Buch für Männer ! — Er aber sagte : Der Roman trägt 
weiter. Sehen Sie, Onkel Toms Hülle. 

Ich rednerte dann noch weiter, ergriff auch ihn so, 
daß er endlich sagte: „Comme c'est beau, comme c'est 
beaul" 

Das hat mich dann wieder an den „Zuständen der Ju- 
den" wankend gemacht, und ich dachte wieder an den 
Roman. Nur war Samuel Kohn — Heinrich Kana nicht 
mehr die Hauptfigur. Im ersten Plan handelte das 
Scblußkapitel von den Stimmungen, die Samuels Selbst- 
mord vorhergingen. Er spazierte am Abend Unter den 
Linden, fühlte sich durch seinen nahen Tod allen über- 
legen. Er betrachtete spöttisch die Gardeoffiziere, von 
denen er sich pflücken konnte, welchen er wollte. In 
dem Augenblick, wo er seinen Selbstmord verwerten 
wollte, war er ein Gebieter. Er ging auch so stolz und 
herrisch daher, daß ihm alle unwillkürlich auswichen. 
Das stimmte ihn wieder versöhnlich, und er ging still 
nach Hause und erschoß sich. 

In der jetzigen Form war Samuel noch der schwä- 
chere, si>er sehr geliebte Freund des Helden, der durch 
Zufälle seines Lebens dahin kommt — das Gelobte Land 
zu entdecken, richtiger zu gründen. 



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Auf dem Schiff, das ihn nach den neuen Gestaden 
führen soll, nüt dem Stab seiner Landsuchungsoffiziere, 
erhSit er Samueb Abschiedsbrief, knapp vor der Abfahrt. 
Samuel schreibt: ,JVIein lieber, guter Junge, wenn du 
diesen Brief liest, bin ich tot." 

Da f fthrt sieb der Held mit der Faust, in der das Papier 
knittert, ans Herz. Aber im oSchsten Augenblick ist nur 
Zorn in ihm. 

Er gibt Befehl zur Abfahrt. Dann steht er am Schif fs- 
bug, schaut steif hinaus ins Weite, wo das Gelobte Land 
liegt. 

Und er nimmt den Brief, in dem doch so viel rührende 
Liebe und Treue ist, und ruft in den Wind : „Dummkopf, 
Lump, Elender I Ein verlorenes Leben, das uns gehörte!" 



Wie ich von den Romanideen zu den praktischen kam, 
ist mir jetzt schon ein Rätsel, obwohl das in den letzten 
Wochen liegt. Das spielt im Unbewußten. 

Vielleicht sind es übrigens gar keine praktischen Ideen, 
und ich mache mich zum Gespött der Leute, mit denen 
ich ernst rede. Und ich wandle nur im Roman? 

Aber auch dann ist des Auf Schreibens wert, was ich in 
dieser Zeit gesonnen habe und weiter sinne. 

Ich schrieb plötzlich, eines Tages, einen Brief an den 
Baron Hirsch, der sich um die Juden so auffallend und 
millionärisch bekümmert hat. Nachdem dieser Brief 
fertig war, ließ ich ihn liegen und überschlief ihn vier- 
tehn Tage und Nächte lang. 

Als mir der Brief auch nach dieser Zeit nicht sinnlos 
erschien, schickte ich ihn ab. Dieser Brief lautete: 

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Sehr geehrter Herrl 

Wann kann ich die Ehre haben, Sie zu besuchen? Ich 
möchte mich mit Ihnen fiher die Judenfrage unterhalten. 
Es handelt sich um kein Interview und ebensowenig um 
eine verkappte oder unverhüllte Geldsache. Es scheint, 
Sie werden so viel in Anspruch genommen, daß man sich 
nicht früh genug gegen unsaubere Vermutungen ver- 
wahren kann. Ich wünsche nur mit Ihnen ein Juden- 
politisches GesprSch zu fähren, das vielleicht in eine Zeit 
hinauswirken wird, wo weder Sie noch ich da sein 
werden. 

Darum möchte ich auch, daß Sie mir einen Tag für 
unsere Zusjimmenkunft bestimmen, wo Sie ein-xwei 
Stunden ungestört der Sache widmen können. Wegen 
meiner gewöhnlichen Beschäftigung wSre mir ein Sonn- 
tag der liebste Tag. Es muß nicht der nScbste Sonntag 
sein. Wann Sie wollen. 

Was ich vorhabe, wird Sie interessieren. So wenig ich 
Ihnen aber auch damit andeute, wünsche ich doch nicht, 
daß Sie diesen Brief Ihrer Umgebung — SekretSren u. a. 
— zeigen. Behandeln Sie ihn gefälligst vertraulich. 

Vielleicht ist Ihnen mein Name schon bekannt. Jeden- 
falls kennen Sie die Zeitung, die ich hier vertrete. 
Hochachtungsvoll ergeben 
Dr. Herzl 
Korrespondent der Neuen Freien Presse 
* * * 

So lautet der Brief im Brouillon, das ich noch habe. 
Vielleicht änderte ich einzelnes in der Reinschrift, weil 
ich noch nicht daran dachte, mir das alles zur Erinnerung 
aufxubewahren. 

Meine Hauptangst war, daß dieser Brief als die Ein- 

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leitung eines jouraalistischeD GeldherauslockuDgs-Kunst- 
Btückes angesehen werden könne. Ich wollte doch mit 
dem Manne nicht wegen seines Geldes tusanmienkom- 
mea, nur weil er eine für den Zweck sefar verweqdbare 
Kraft ist. 

Mehrere Tage vergingen. Dann erhielt ich die Antwort 
aus London: 8a Piccadilly, W. 

Londres, le 30 mai iSgS. 
Monsieur le Dr. Theodore Henl, 

Paris. 

Je viens de recevoir votre lettre ici oii je vais passer 
deux mois. Je regrette donc, avec la meilleure volonte du 
monde, de oe pouvoir vous fixer le rendez-vous que vous 
me demandez. Peut-itre pourriez vous me dire par lettre 
ce que vous vouliez m'expliquer de vive voix, en mettant 
„Personnel" sur l'eoveloppe que vous m'adresserez. 

Je vous demande pardon de vous r£pondre par la main 
de mon Secr^taire, et en francais, mais les suites d'une 
ancieuDe blessure de chasse k la main droite ne me per- 
mettent plus de tenir la plume longtemps. 

Hecevez, Monsieur, l'expression de mes sentiments 
dbtinguis. 

M. de Hirsch, 



Auf diesen Brief antwortete ich: 

37 rue Cambon, 3^. V. iSgS. 
Hochgeehrter Herrl 
Ich bedauere sehr lebhaft, daß wir nicht hier zu- 
sammenkommen konnten. 

Zu schreiben, waa ich Ihnen sagen wollte, ist nicht 
leicht. Ich will von den Süßeren Schicksalen, die ein 



Herxli TagebOcher I. 



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foief haben kann, absehen. Meine Absichten, die einem 
bedeutenden Zweck dienen, könnten durch mäUge Neu- 
gier defloriert oder durch den Unverstand suf Uliger Mit- 
wisser verdorben werden. Ferner kann mein Brief in 
einem Augenblick in Ihre H&nde kommen, wo Sie, durch 
anderes zerstreut, ihn nicht mit der ganzen konzentrierten 
Aufmerksamkeit lesen würden. Wenn Sie mir aber durch 
Ihren Sekretär irgendeine höfliche Formel der prise en 
considiration antworten liefieo, wSren Sie für mich 
dauernd erledigt. Und das wSre vielleicht im allgemeinen 
Interesse zu bedauern. 

Dennoch werde ich Ihnen schreibeD. Nur bin ich im 
Augenblick zu beschäftigt — wie der alte Witz sagt — , 
um mich kurz zu fassen. Tatsächlich möchte ich Sie nicht 
mit groflmächtigen Auseinandersetzungen langweilen. Ich 
werde Ihnen, sobald ich Zeit finde, den Plan einer neuen 
Judenpolitik vorlegen. 

Was Sie bisher unternommen haben, war ebenso groß- 
mütig ab verfehlt, ebenso kostspielig wie zwecklos. Sie 
waren bisher nur ein Philanthrop, ein Peabody. Ich vnll 
Ihnen den Weg zeigen, wie Sie mehr werden können. 

Glauben Sie aber nicht, daß ich ein Projektenmacher 
oder Narr von einer neuen Spielart bin, wenn auch die 
Weise, wie ich Ihnen schreibe, ein bißchen vom Gewöhn- 
lichen abweicht. Ich gebe die Möglichkeit von vornherein 
lu, daß ich mich irre, und lasse mir Einwendungen ge- 
fallen. 

Ich erwarte durchaus nicht, daß ich Sie gleich über- 
zeugen werde, denn Sie müssen eine Anzahl Ihrer bis- 
herigen Gedanken umdenken. Ich wünsche nur, obwohl 
ich Ihnen vermutlich nur ein unbekannter Mann bin, Ihre 
vollste Aufmerksamkeit. Im Gespräch hätte ich sie mir 
wahrscheinlich erzwungen, im brieflichen Verkehr ist das 

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schwerer. Mein Schreiben liegt unter anderen auf Ihrem 
Tisch, und ich denke mir, daß Sie von Bettlern, Schma- 
rotzern, Simulanten und Industriellen der WohltStigkeit 
tiglich genug Briefe bekomiBien. Darum wird mein Brief 
in einem zweiten Umschlag liegen, der die Aufschrift 
hat: Brief des Dr. Herxl, Diesen bitte ich Sie beiseite 
zu legen und erst zu öffnen, wenn Sie einen vollkonunen 
ruhigen und freien Kopf haben. So wie ich 's für unser 
unterbliebenes Gespräch gewünscht hatte. 

Hochachtungsvoll ergeben 
Dr. Herzl. 



Auch in diesem Fall ist mein Brouillon nicht verl&ß- 
lich. Mir scheint jetzt, daß ich beim Abschreiben einige 
Ausdrücke änderte. Kurz, das war der Inhalt, und wieder 
hatte ich nur die Besorgnis, daß Hirsch oder ein Dritter, 
der ihm über die Schulter sfihe, mich für einen Geld- 
sudier halten könnte. 

In den nächsten Tagen bereitete ich mir die Denkschrift 
vor. Eine Unzahl Zettel bedeckten sich mit Notizen. Ich 
schrieb im Gehen, in der Kammer, im Gasthaus, im 
Theater. 

Die Sache bekam unter der Hand eine Fülle von De- 
tails. 

Inmitten dieser Vorbereitungen überraschte mich 
Hirsch durch einen zweiten Brief : 

Londres, 36 mai. 
McHuieur Herzl, 37 nie Gambon 

Paris. 

J'ai recu votre lettre d'avant-hier. Vous pouvei, s'il 
n'eat fait dijit, vous öpargner un loi^ exposS. Je me 



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readrai dana quelques jours ä Paris pour 48 heures, et 
vous me trouverez dimanche prochain (a juin) i votre 
dispositioQ, ä io.3o du matin, 3 rue de l'Elys^. 

Recevez, monsieur, TexpressioD de mes sentimeots dt- 
8tingu6s. 

M. de Hirsch. 

Dieser Brief bereitete mir eioe Genugtuung, weil ich 
sah, daß ich den Mann richtig beurteilt, am locus minori* 
retütentiae getroffeo hatte. Offenbar hatte das Wort: 
daß er mehr als ein Peabody werden könne, auf ihn ge- 
wirkt. 

Jetzt machte ich mir erst recht Notizen, und sie waren 
ein dickes Bündel am Samstag vor Pfingsten. Da ordnete 
ich sie nach dem Inhalt in drei Gruppen: Einleitung, 
Hebung der Judenrasse, Auswanderung. 

Ich schrieb die Notizen geordnet ins Reine. Da waren 
es 33 eng beschriebene Seiten, obwohl ich nur Schlag- 
worte gebraucht hatte: Behelfe für mein Gedichtnis 
während der Unterredung. leb mußte und muß immer 
mit meiner anfSnglichen Schficbternheit rechnen. 

Hier im Verkehr mit berühmten oder bekannten Leu- 
ten war ich oft durch meine Verlegenheit iScherlich. 
Spüller, gewiß kein Kirchealicht (obwohl er den esprtf 
nouveaa erfand) schüchterte mich einmal bis zur Bor- 
niertheit ein, als ich ihn während seiner Ministerschaft 
besuchte. 

Am Pfingstsonntag Morgen kleidete ich mich mit dis- 
kreter Sorgfalt. Ich hatte absichtlich am Tag vorher ein 
Paar neue Handschuhe mürbe getragen, damit sie noch 
neu, aber nicht mehr lademn&ßig frisch aussähen. Rei- 
chen Leuten darf man nicht zu viel Ehre erweisen. 

Ich fuhr in der nie de l'Elysäe vor. Ein Palast. Der 



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Prunkbof, die edle Nebenstiege — und gar die Haupt- 
stiege — impressiouierten mich. Der Reichtum wirkt auf 
mich nur in der Form der Schönheit. Und da war altes 
echt in der Schönheit. Alte Bilder, Marmor, ged&mpfte 
G<dl>elin8. Donnerwetter 1 an diese Konsequenzen denkt 
unsereiner nicht, wenn er vom Reichtum abffillig spricht. 
Alles hatte wirklich großen Stil, und so ließ ich mich 
ein wenig betiubt von einem Kammerdiener dem anderen 
übergeben. 

Kamn war ich im Billardsaal, trat Hirsch aus seinem 
Schreibzimmer heraus, gab mir eilig und zerstreut wie 
einem Bekannten die Hand, bat mich, ein bißchen zu 
warten und verschwand wieder. 

Ich setxte mich hin und betrachtete die holden Tanagra- 
ftgnren im Glasschrank. Der Baron muß jemanden für 
guten Geschmack angestellt haben, dachte ich mir. 

Nun hörte ich aus dem Nebenzimmer Stimmen und er- 
kannte die eines seiner Wohltfttigkeits-Beamten, mit dem 
ich einmal in Wien und zweimal hier fluchtig gesprochen 
hatte. 

Es war mir unangenehm, daß mich der beim Heraus- 
kommen sehen würde. Vielleicht hatte Hirsch das auch 
absichtlich so eingerichtet. Darüber mußte ich wieder 
lächeln, denn in seine Abhängigkeit zu geraten, war ich 
nicht gesonnen. Entweder ich machte mir ihn gefügig, 
oder ieh ging unverrichteter Sache weg. Ich hatte sogar 
schon die Antwort, wenn er mir im Verlauf des Gesprächs 
anbieten sollte, eine Stellung bei der Jewish Association 
anzunehmen: „In Ihren Dienst? Nein. — In den der 
Juden? Jal" 

Jetzt kamen die zwei Beamten heraus. Dem einen, den 
ich kannte, gab ich die Hand. Dann sagte ich dem Baron : 
„Haben Sie eine Stunde für mich? Wenn es nicht min- 



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detteiu eine Stunde ist, fange ich liebw gar nicht aik. 
So lange braudie ich. um nur amudeutea, wie viel idb 
tu aagen habe." 

Er ISchelte: „Fangen Sie nur an." 

Ich zog meine Notizen herror: „Um die Sache Aber- 
sichtiicb zu machen, habe ich mir da etaiget voribereitet." 

Kaum hatte ich fünf Minuten gesprochen, kam ein Te- 
lepbonzeichen. Ich glaube, ea war bestellt. Ich hatte ihm 
sogar vorher sagen wollen, daß er nicht nötig habe, sich 
fiktiv abberufen zu lassen ; er solle nur geradheraus aagen, 
ob er frei sei. — Er sprach aber ins Telephon, daß er fOr 
niemanden zu Hause sei. Daran erkannte ich, daß idi 
ihn gefaßt hatte. Er gab sich damit eine Blöße. 

Ich entwickelte also: 

„Sie werden in dem, was ich Ihnen sagm will, einiges 
zu einfach, anderes zu phantastisch finden. Aber mit 
Einfachem und Phantaatiscfaffln führt man die Mensdien. 
Es ist erstaunlich — und bekannt — , mit wie wenig Ver- 
stand die Welt regiert wird. 

Nun war ich keineswegs von vornherein darauf aus, 
mich mit der Judenfrage zu beschSftigen. Sie dachten 
ja ursprünglich auch nicht daran, Patron der Juden tu 
werden. Sie waren ein Bankier, machten große Ge- 
schftfte; endlich verwenden Sie Ihre Zeit und Ihr Geld 
auf die Judensache. — So war ich von Haus aus ein 
Schriftsteller, Journalist, dachte nicht an die Juden. Aber 
meine Erfahrungen, Beobachtungen, der wachsende Dnu^ 
dea Antisemitismus zwangen mich zur Sache. 

Gut. Legitimiert bin ich also. 

Auf die Geschichte der Juden, mit der ich anfangen 
wollte, gehe ich nicht ein. Sie ist bekannt. Nur eins muß 
ich hervorheben. Durch unsere zweitausendjShrige Ver- 
streuung sind wir ohne einheitliche Leitung unserer Po- 



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Utik gewesen. Das aber halte ich für unser HauptunglOdc . 
Das hat nns mehr geschadet als alle Verfolgun^n. Daran 
sind wir innerlich mgronde gegangen, verlumpt. Denn 
es war niemand da, der uns — wäre es auch nur aus mo- 
narchischem Eigennutx — zu rechten MSnnern eriogen 
hStte. Im Gegenteil. Zu allen schlechten Gewerben wur- 
den wir hingedringt, im Ghetto festgehalten, wo wir an- 
einander verkamen; und als man uns herausließ, wollte 
man plOtiUch, daß wir gleich die Gewohnheiten der Frei- 
heit hätten. 

Wenn wir nun eine einheitliche politische Leitung hät- 
ten, deren Notwendigkeit nicht weiter zu beweisen ist, und 
die durchaus keinen Geheimbund vertreten soll — wenn 
wir diese Leitung hätten, könnten wir an die Lösung der 
Judenfrage herangehen. Und zwar von oben und von 
unten und von ^len Seiten. 

Nach dem Zweck aber, den wir dann, wenn wir ein 
Zentrum, einen Kopf haben, verfolgen wollen, werden 
die Mittel sein. 

Zwei Zwecke ktanen es sein. Entweder bleiben oder 
auswandern. 

Für beide sind gewisse Maßregeln der Volkseriiehung 
die gleichen. Denn selbst, wenn wir auswandern, dauert 
es lange, bis wir im Geltsten Land ankommen. Moses 
brauchte vierxig Jahre. Wir werden vielleicht zwanzig 
oder dreißig brauchen. Jedenfalls steigen inzwischen 
.neue Geschlechter herauf, die wir uns erziehen müssen. 

Für die Ersiehung will ich nun gleich von vornherein 
gans andere Methoden einschlagen, als Sie sie haben. 

Zunichst ist da das Prinzip der Wohltätigkeit, das 
ich für durchaus falsch halte. Sie züchten Schnorrer. 
Charakteristisch ist, daß bei keinem Volk so viel Wohl- 
tätigkeit und so viel Bettel vorkommt, wie bei den Juden. 



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Es drängt sich einem auf, daß zwischen beiden Erschei- 
nungen ein Zusammenhang sein müsse. So daß durch 
die Wohltätigkeit der Volkscharakter verlumpt." 
' Er unterbrach mich : „Sie haben ganz recht." 

Ich fuhr fort: 

„Vor Jahren hörte ich, daß Ihre Versuche mit den 
Juden in Argentinien keine oder schlechte Resultate er- 
geben." 

„Wollen Sie, daß ich Ihnen zwischendurch antworte, 
wenn ich eine Einwendung habe?" 

„Nein, mir ist lieber, wenn Sie mich den ganzen KOrper 
meiner Auseinandersetzung geben lassen. Ich weiß, daß 
einzelnes den Tatsachen nicht entsprechen wird, weil ich 
bisher keine Ziffern und Daten sammelte. Lassen Sie 
mich nur meine Prinzipien formulieren." 

Hirsch notierte von da weiter auf einem Notizblock 
seine Einwendungen. 

Ich sagte : „Ihre argentinischen Juden führen sieb lie- 
derlich auf, hat man mir erzählt. Ein Detail frappierte 
mich, daß es ein — sonderbftres Haus war, das Sie zuerst 
bauten." 

Hirsch warf ein: „Nicht richtig. Das war nicht von 
meinen Kolonisten gebaut worden." 

„Auch recht. Aber jedenfalls war die Sache nicht so 
anzufangen, wie Sie es taten. Sie schleppen diese Acker- 
juden hinflber. Die mflssen glauben, daß sie fernerbin. 
ein Recht auf Ihre Unterstützung haben, und gerade die 
Arbeitslust wird dadurch nicht gefördert. Was ein sol- 
cher Exportjude Sie kostet, ist er nicht wert. Und wie 
viel Exemplare können Sie überhaupt hinübersetzen? 

Fünfzehn — zwanzigtausend I In einer Gasse der 

Leopoldstadt wohnen mehr. Nein, direkte Mittel sind zur 

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Bewegung von MeaschenmasseD überhaupt nicht ver- 
wendbar. Wirken können Sie nur mit indirekten. 

Um die Juden aufs Land zu ziehen, müßten Sie ihnen 
ein Märchen der Goldgewinnung erzählen. Pbantaatiach 
könnte es so lauten : Wer ackert, sIt und erntet, findet 
in der Garbe Gold. Ist ja auch beinahe wahr. Nur wissen 
die Juden, daß es ein kleines KlQmpchen sein wird. So 
konnten Sie ihnen vernunf tmSßiger sagen : Wer am besten 
wirtschaftet, bekommt eine Prämie, die sehr hoch sein kenn. 

Nur glaube ich nicht, daß man die Juden in ihren jetzi- 
gen Wohnorten aufs Land setzen kann. Die Bauern wür- 
den sie mit Dreschflegeln erschlagen. Ein Hauptnest des 
deutschen Antisemitismus ist Hessen, wo Juden Klein- 
Ackerbau treiben. 

Mit zwanzigtausend Ihrer argentinischen Juden haben 
Sie noch nichts bewiesen, selbst wenn die Leute gut tun. 
Mißlingt es aber, so liefern Sie einen fiu'chtbaren Beweis 
ge^n die Juden. 

Genug der Kritik. Was ist zu tun? 

Zum Bleiben wie zum Wandern muß die Rasse zunächst 
an Ort und Stelle verbessert werden. Man muß sie kriegs- 
stark, arbeitsfroh und tugendhaft machen. Nachher aus- 
wandern — wenn es nötig ist. 

Für diese Verbesserung können Sie Ihre Mittet besser 
verwenden, als Sie es bisher getan haben. 

Statt sich die Juden einzeln zu kaufen, setzen Sie in 
den Hauptländern des Antisemitismus Riesenprämien aus: 
für aclioru d'iclat, für Handlungen von großer morali- 
scher Schönheit, für Mut, Selbstaufopferung, sittliches 
Verhalten, große Leistungen in Kunst und Wissenschaft, 
für den Arzt in Epidemiezeiten, den Krieger, den Erfin- 
der eines HeiUnittels, eines Wohlfahrtsmittels, gleichviel 
was — kurz, für alles Große. 

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Durch die Prämie wird Doppeltes erreicht: erstens die 
Verbesserung aller, iweitens die Bekanntmachung. Weil 
nlmlich die Sache ungawöhnlich und gtSazead ist, wird 
man aUerwirts davon reden. So erfäirt man, daft es 
auch, und wie viele, gute Juden gibt. 

Das erste aber ist wichtiger: Die Verbesserung. Auf 
den einzelnen jährlich Prämiierten kommt es ja gar nicht 
an. Mir sind die anderen wichtiger, die sich alle höher 
recken, um den Preis zu bektHninen. So wird dag mo- 
ralische Niveau gehoben " 

Jetzt unterbrach er mich ungeduldig : 

„Nein, nein, neini Ich will das Niveau gar nicht heben. 
Alles Unglück kommt daher, daß die Juden lu hoch hin- 
aus wollen. Wir haben tu viel Intelligenzen. Meine Ab- 
sicht ist, die Juden von der Streherei abzuhalten. Sie 
sollen nicht so grofie Fortschritte machen. Aller Haß 
kommt daher. — Was nun meine Pläne in Argentinien 
betrifft, sind Sie auch schlecht unterrichtet. Es ist wahr, 
daß ich anfangs liederliche Burschen hinäberbekam, die 
ich am liebsten ine Wasser geworfen hätte. Ab^* jetzt 
habe ich schon viele ordentliche Leute drüben. Und meine 
Absicht ist, wenn die Kolonie gedeiht, ein schönes engli- 
sches Schiff zu mieten, hundert Zeitungskorresponden- 
ten einzuladen — Sie lade ich schon heute ein — und 
mit ihnen hinüber zu fahren nach Argentinien. Es bfingt 
freilich von den Ernten ab. Nach einigen guten Jahren 
könnte ich der Welt zeigen, daß die Juden also doch zu 
Ackerbauern taugen. Das wird dann vielleicht zur Fcrfge 
haben, daß man sie auch in Rußland auf den Feldern 
arbeiten läßt." 

Nun sagte ich : ,4ch habe Sie nicht mehr unterbrochen, 
(^wohl ich nicht fertig war. Es war mir interessant zu 
hören, was Sie eigentlich vorhaben. Aber ich sehe ein, 

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daA M unnütz wire, Ihnen meine weiteren Gedanken zu 
sagen." 

Nun meinte er in wohlwollendem Tod, wie wenn ich ihn 
um eine Anstellung in seinem Bankhause gebeten hfitte : 
„Ich bemerke ja, daß Sie ein intelligenter Mensch sind." 

Ich lichdte nur in mich hinein. Solche Dinge, wie 
m^ne Aktion, sind Ober der Eigenliebe. Ich werde noch 
verschiedenes sehen und hören. 

Und Hirsch erginite sein Lob dahin: „Aber Sie haben 
so phantastische Einfitle." 

Da stand ich auf: „Ja, habe ich Ihnen denn nicht vw- 
her gesagt, das Ihnen das zu einfach oder zu phantastisch 
vorkommen wird? Sie vnssen nicht, was das Phanta- 
stische ist, und daß man nur von einer Höhe aus die gro- 
ßen ZOge der Menschen betrachten kann." 

Er sagte: „Auswandern wSre das einzige. Es gibt LSn- 
der genug zu kaufen." 

Ich schrie beinahe: „Ja, wer sagt Ihnen denn, daß ich 
nicht auswandwn will. Da steht es, in diesen Notizen. 
ich werde zum Deutschen Kaiser gehen; und dler wird 
mich verstehen, denn er ist dazu erzogen, große Dinge 
zu beurteilen . . ." 

Bei diesen Worten zwinkerte Hirsch einmal merklich 
mit den Augen. Imponierte ihm meine Grobheit, oder 
meine Absicht, mit dem Kaiser zu reden? Vielleicht bei- 
des. — Ich steckte nun meine Notizen in die Tasche und 
schloß: 

,4)era Deutschen Kaiser werde ich sagen: Lassen Sie 
uns liehen 1 Wir sind Fremde; man llßt uns nicht im 
V(^e aufgehen, wir können es auch nicht. Lassen Sie 
uns ziehen I Ich vrili Ihnen die Mittel und Wege angeben, 
deren ich mich f Or den Auezug bedienen will, damit keine 
wirtschaftliche Störung, keine Leere hinter uns eintrete." 

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Hirsch sagt«: „Woher nehmen Sie das Geld? Roth- 
schild wird fünfhundert Francs unterschreiben." 

„Das Geld?" sagte ich lachend und trotzig. „Ich werde 
eine jfldische Nationalanleihe von zehn Millionen Mark 
aufbringen." 

„Phantasiel" lächelte der Baron. „Die reichen Juden 
geben nichts her. Die Reichen sind schlecht, interessieren 
sich für die Leiden der Armen nicht." 

„Sie reden wie ein Sozialist, Baron Hirschl" 

„Ich bin auch einer. Ich bin gleich bereit, alles hersu- 
geben, wenn es die anderen auch tun müssen." 

Ich nahm seinen hübschen Einfall nicht ernster als er 
gemeint war und empfahl mich. Er sagte noch: 

,J)a8 war nicht unser letztes Gespräch. Sobald ich 
wieder von London herüberkomme, gebe ich Ihnen ein 
Lebenszeichen. " 

„Wann Sie wollen." 

Ich ging wieder über die schöne Stiege, den edlen Hof. 
Ich war nicht enttSuscht, sondern angeregt. Im ganzen 
ein angenehmer, intelligenter, natürlicher Mensch — eitel, 
par exemplel — aber ich hätte mit ihm arbeiten kOnnen. 
Er sieht aus, als wäre er bei aller Eigenwilligkeit verläß- 
lich. 

Zu Hause riß es mich gleich an den Schreibtisch. 



Wien, 16. Aprü 1896. 
Hier unterbrach ich damals die zusammenhängende 
Darstellung, denn es folgten mehrere Wochen einer bei- 
spiellosen Produktion, in denen ich die Einfälle nicht 
mehr ruhig ins Reine schreiben konnte. Ich schrie ge- 
hend, stehend, liegend, auf der Gasse, bei Tisch, bei 
Nacht, wenn es mich aus dem Schlaf aufjagte. 

aS 



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Die Zettel tragen das Datum. Ich finde nicht mehr 
Zeit, sie abzuschreiben. Ich fing das zweite Buch an, um 
tiglich das Bemerkenswerte einzutragen. So sind die 
Zettel liegen geblieben. Ich bitte jetzt meinen guten Papa, 
sie für mich in dieses Buch zu schreiben, in der Reihen- 
folge, wie sie entstanden. Ich weiß jetzt und wußte auch 
wShrend dieser ganzen stOrmischen Produktionszeit, daß 
vieles, was ich aufschrieb, kraus und phantastisch war. 
Ich übte dber keinerlei Selbstkritik, um den Schwung 
dieser Einbildungen nicht zu lähmen. Für die reinigende 
Kritik, dachte ich mir, wird auch spfiter Zeit sein. 

In den Aufschreibungen ist der Judeostaat bald als 
Wirklichkeit, bald als Romanstoff gedacht, weil ich mit 
mir damals noch nicht im reinen war, ob ich es denn 
wagen solle, das als ernsthaften Vorschlag zu publizieren. 

So ist die Sprunghaftigkeit dieser Aufzeichnungen, bei 
denen mir das wichtigste war, keinen Einfall entschweben 
zu lassen, vernünftig zu erklSren. Selbst im zweiten Buch 
wird ja auf die Romanform noch einige Male zurückge- 
griffen. 

Für mich jedenfalls, vielleicht aber auch für andere, 
wird selbst das Phantastische dieser sprunghaften Ein- 
fille späterhin Interesse haben. Heute übergebe ich sie 
mit solchen — immerhin nötigen — Vernunftvorbehalten 
meinem teuren Papa zur Eintragung. Denn heute hat 
der Plan einen möglicherweise geschichtlich denkwürdi- 
gen Schritt zur Verwirklichung getan. Pfarrer Hechler, 
der nach Karlsruhe gereist ist, um den Großherzog und 
durch diesen den Kaiser für die Idee zu gewinnen, tele- 
graphiert, ich möge mich bereit halten, nach Karlsruhe 
tu kcKnmen, 



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III. Brief ao Banm Hirsch, Paris. 

Pfingstmontag, 3. Juni iSgS. 

Hochgeehrter Herrl 

Um dem eiprit de l'escalier vorzubeugen, machte ich 
mir Notizen, bev(w ich zu Ihnen ging. 

Heimgekehrt sah ich, dafi ich auf Seite 6 etehenge- 
blieben bin, und ich hatte aa Seiten. Durch Ihre Un- 
geduld haben Sie nur AnsStze kennen gelernt; wo und 
wie die Idee zu blühen anfängt, das haben Sie nicht mehr 
erfahren. 

Schadet nichts. Erstens erwarte ich keine sofortige 
Bekehrung. Zweitens steht mein Plan durchaus nicht auf 
Ihren zwei Augen. 

Wohl hfitte ich Sie als eine vorhandene und bekannte 
Kraft der Kürze w^fen gerne benützt. Aber Sie wären 
eben nur die Kraft gewesen, mit der ich begonnen hätte. 
Es gibt andere. Es gibt endlich und vor allem die Masse 
der Juden, zu der ich den W^ zu finden wissen werde. 

Diese Feder ist eine Macht. Sie werden sich davon 
überzeugen, wenn ich bei Leben und Gesundheit bleibe 
— eine Einschränkung, die Sie ja selbst auch bei Ihrem 
Wer^ machen müssen. 

Sie sind der grofie Geldjude, ich bin der Geistesjude. 
Daher kommen die Verschiedenheiten unserer Mittel und 
Wege. Bemerken Sie, daß Sie von meinen Versuchen 
noch nichts hören konnten, weil der erste eben bei Ihnen, 
an Ihnen stattfand. Ich kcHnme. 

Natürlich sind Sie mir mit leiser Ironie gegenüberge- 
standen. So habe ich 's erwartet. Ich sagte es Ihnen in 
der Einleitung. Neue Ideen werden so aufgenommen. 

3o 



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DabM hatten Si« nicht einnul die Geduld, sie bis tu Ende 
■nxuhOreD. Ich werde mich dennoch aussprechen. Ich 
hoffe, Sie werden das herrliche Wachstum meiner Ideen 
erldwn. Sie werden sich des Pfingstsonntag-Vormittags 
erinnern, denn Sie sind, glaube ich, mit aller Ihrer Iro- 
nie ein unbefangener und großen Entwürfen lugSng- 
licher Mann, auch versuchten Sie ja viel für die Juden 
zu tun — in Ihrer Art. Aber werden Sie mich ver- 
stehen, wenn ich Ihnen sage, daß Ihre Methode durch 
den ganzen Entwicklungsgang der Menschheit Lügen ge- 
straft wird? Wie, Sie wollen eine große Gruppe von 
Menschen auf einem bestimmten Niveau erhalten, ja 
sogar herabdrücken? Allont donci Wir wissen doch, 
welche Phasen unser menschliches Geschlecht durchlau- 
fen hat, von den UrzustSnden herauf bis zur Kultur. Es 
geht immer aufwärts, justament, trotz alledem und ewig 
immer bdher, immer höher, immer höher I Es gibt Rück- 
schl&ge, jawohl. Das Ist keine Phrase. Unsere Groß- 
vlter w&ren verblüfft, wenn sie wieder kSmen; aber wer 
wird kflostlich einen Rückschlag herbeiführen wollen — 
ganz abgesehen davon, daß es nicht geht. Wenn esginge, 
glauben Sie, daß es die Monarchie, die Kirche nicht 
durchführte? Und was haben diese MSchte für Mittel 
über Leib und Seele der Menschen I Was sind Ihre Mit- 
tel dagegen? Nein, wenn es hoch kommt, halten Sie die 
Entvricklung ein Weilchen auf, und dann werden Sie 
vom großen Sturmwind hinweggefegt. 

Wissen Sie, daß Sie eine furchtbar reaktionäre Politik 
haben — firger als die absolutesten Autokratien? Zum 
Glück reichen Ihre Krfifte dazu nicht aus. Sie meinen es 
gut, parbtea, je le »ais bien. Darum möchte ich ja Ihrem 
Willen die Richtung geben. Lassen Sie sich dadurch nicht 
gegen mich einnehmen, daß ich ein jüngerer Mann bin. 

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Mit meiaeo 35 Jahren ist man in Frankreich Minister, 
und Napoleon war Kaiser. 

Sie haben mir mit Ihrem höflichen Hohn das Wort 
abgeschnitten. Ich bin noch im Gespräche zu dekonzertie- 
ren. Ich habe noch nicht den Aplomb, der mir wachsen 
wird, weil er nötig ist, wenn man Widerst&nde brechen. 
Gleichgültige erschüttern, Leidende aufrichten, ein fei- 
ges and verlumptes Volk begeistern, und mit den Herren 
der Welt verkehren will. 

Ich sprach von einem Heer, und Sie unterbrachen mich 
schon, als ich von der (moralischen) Trainierung zum 
Marsch zu reden anfing. Ich ließ mich unterbrechen. 
Und doch habe ich auch das Weitere schon entworfen. Den 
ganzen Plan. Ich weiß, was alles dazu gehört, Geld, 
Geld, Geld; Fortschaffungsmittel, Verpflegung großer 
Massen (worunter nicht Essen und Trinken wie in Moses' 
einfachen Zeiten zu verstehen), Erhaltung der Mannes- 
zucht, Organisierung der Abteilungen, Eutlassungsver- 
trige mit Staatsbäuptern, Durcbzugsvertrfige mit ande- 
ren, GarantievertrSge mit allen und Anlage neuer, herr- 
licher Wohnorte; vorher die gewaltige Propaganda, die 
Popularisierung der Idee durch Zeitungen, Bücher, Trak- 
tatchen, WandervortrSge, Bilder, Lieder. Alles von einem 
Zentrum aus zielbewußt und weitblickend geleilet. Aber 
ich hstte Ihnen schließlich sagen müssen, welche Fahne 
und wie ich sie aufrollen will. Und da hätten Sie mich 
spöttisch gefragt : eine Fahne, was ist das? Eine Stange 
mit einem Fetzen Tuch? — Nein, mein Herr, eine Fahne 
ist mehr als das. Mit einer Fahne führt man die Men- 
schen wohin man will, seihst ins Gelobte Land. 

Für eine Fahne leben und sterben sie; es ist sogar das 
Einzige, wofür sie in Massen zu sterben bereit sind, wenn 
man sie dazu erzieht. 

33 



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Glauben Sie mir, die Politik eines ganzen Volkes — 
besonders, wenn es so in aller Welt zerstreut ist — macht 
man nur mit Imponderabilien, die hoch in der Luft 
schweben. Wissen Sie, woraus das Deutsche Reich ent- 
standen ist? Aus Träiunereien, Liedern, Phantasien und 
schwarzrotgoldenen Bändern — und in kurzer Zeit. Bis- 
marck hat nur den Baum geschüttelt, den die Phantasten 
pflanzten. 

Wie? Sie verstehen das Imponderabile nicht? Und 
was ist die Religion? Denken Sie doch, was die Juden 
seit zweitausend Jahren für diese Phantasie ausstehen. 
Ja, nur das Phantastische ergreift die Menschen. Und 
wer damit nichts anzufangen weiß, der mag ein vortreff- 
licher, braver und nüchterner Mann sein, und selbst ein 
Wohltäter in großem Stil : führen wird er die Menschen 
nicht, und es wird keine Spur von ihm bleiben. 

Dennoch müssen die Volksphantasien einen festen 
Grund haben. Wer sagt Ihnen, daß ich nicht durchaus 
praktische Ideen für das Detail habe? Detail, das frei- 
lich noch immer riesenhaft ist. 

Der Auszug ins Gelobte Land stellt sich praktisch als 
eine ungeheure, in der modernen Weit beispiellose 
Transportunternehmung dar. Was, Transport? Ein 
Komplex aller menschlichen Unternehmungen, die wie 
Zahnräder ineinandergreifen werden. Und bei dieser 
Unternehmung werden schon in den ersten Stadien 
die nachstrebende Menge unserer jungen Leute Beschäf- 
tigung finden; alle die Ingenieure, Architekten, Techno- 
logen, Chemiker, Ärzte, Advokaten, die in den letzten 
dreißig Jahren aus dem Ghetto herausgekommen sind 
und glaubten, daß sie ihr Brot und ihr bißchen Ehre 
außerhalb des jüdischen Schachers finden würden ; die 
jetzt verzweifeln müssen und ein furchtbares Bildungs- 

3 Henli Tisebfloh«! L 33 



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Proletariat zu bilden beginnen. Denen aber meine ganze 
Liebe gehört, und die ich so vermehren will, wie Sie sie 
vermindern möchten. In denen ich die künftige, noch 
ruhende Kraft der Juden sehe. Meinesgleichen, mit einem 
Wort. 

Und aus diesen Bildungsproletariern bilde ich die Ge- 
neralstäbe und Kader des Landsuchungs-, Landfindungs- 
und Landeroberungsheeres. 

Schon ihr Abzug wird in den MittebtSnden der antise- 
mitischen Linder ein wenig Luft machen und den Druck 
erleichtern. 

Sehen Sie nicht, daß ich mit einem Schlag das Ka- 
pital und die Arbeit der Juden für den Zweck bekomme? 
Und ihre Begeisterung dazu, wenn sie erst verstehen, um 
was es sich handelt. 

Das sind freilich nur große Umrisse. Aber woher wis- 
sen Sie, daß ich die Details dafür nicht schon entworfen 
habe? Ließen Sie mich ausreden? 

Allerdings, die Stunde war vorgerückt, Sie wurden 
vielleicht erwartet, hatten zu tun, was weiß ich? Nur kann 
von derartigen ZufSllchen die Bewegung einer solchen 
Frage nicht abhängen. Beruhigen Sie sich, sie hftngt 
wirklich nicht davon ab. 

Sie werden den Wunsch haben, unser Gespräch fortzu- 
führen, und ich werde — ohne auf Sie zu warten — 
immer bereit sein, Ihnen die Forlsetzung zu liefern. 

Arbeiten die Anregungen, die ich Ihnen gab, in Ihnen 
weiter and wollen Sie mit mir reden, so schreiben Sie 
mir: „venez me voir". Das genügt, und ich werde auf 
einen Tag nach London kommen. Und wenn ich Sie an 
dem Tag ebensowenig überzeuge wie gestern, so werde 
ich ebenso unverdrossen und heiter weggehen, wie ich 
gestern weggegangen bin. Wollen Sie mit mir eine Wette 

34 



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eingehen? Ich werde eine Nationalanleihe der Juden 
schaffen. Wollen Sie sich verpflichten, 5o Millionen 
Mark beizutragen, wenn ich die ersten hundert Millionen 
aufgebracht habe? Dafür mache ich Sie zum Oberhaupt. 

Was sind zehn Milliarden Mark für die Juden? Sie 
sind doch reicher als die Franzosen von 1871, und wie 
viel Juden waren darunter I — Übrigens könnten wir zur 
Not schon mit einer Milliarde marschieren. Denn das 
wird arbeitendes Kapital sein, der Grundstock unserer 
späteren Bahnen, unserer Auswanderungsschiffe und 
unserer Kriegsflotte. Damit werden wir Häuser, Paläste, 
Arbeiterwohnungen, Schulen, Theater, Museen, Regie- 
rungsgebäude, Gefängnisse, Spitäler, Irrenhäuser — kurz, 
Städte bauen und das neue Land so fruchtbar machen, 
daß es dadurch das gelobte wird. 

Diese Anleihe wird selbst zur Hauptform der VermC- 
gensauswanderung werden. Das ist der staatsfinanzielle 
Kern der Sache. Es ist vietteicht nicht überflüssig, hier 
zu bemerken, daß ich das alles als Politiker ausführe. Ich 
bin kein Geschäftsmann und will nie einer 
werden. 

Man findet jüdisches Geld in schweren Massen für eine 
chinesische Anleihe, für Neger-Bahnen in Afrika, für die 
abenteuerlichsten Unternehmungen — und für das tiefste, 
unmittelbarste, quälendste Bedürfnis der Juden selbst 
fände man keines? 

Bis Mitte Juli bleibe ich in Paris. Dann verreise ich 
auf längere Zeit. Es gilt der Sache. Ich bitte Sie aber, 
über diesen Punkt wie über alle anderen von mir berühr- 
ten volles Stillschweigen zu beobachten. Meine Handlun- 
gen mögen Ihnen derzeit noch nicht wichtig vorkommen; 
eben darum mache ich Sie darauf aufmerksam, daß mir 
an absoluter Geheimhaltung viel gelegen ist. 

3« 35 



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Im übrigen versichere ich Sie aufrichtig, daß mir un- 
sere Unterredung, selbst in der Unvollst&ndigkeit, inter- 
essant war, und daß Sie mich nicht enttäuscht haben. 
Ich begrüße Sie, 

hochachtungsvoll Ihr ergebener 
Dr. Herzl. 



Hier folgen Gedankensplitter, die sich sfimtlicb auf den 
Judenstaat beziehen und die in meiner Staatsschrift „Der 
Judenstaat" zur Verwertung kommen. 

5. Juni 1895. 
Arbeitszentrate. 

Da wird über Skadenzen der Arbeit so Buch geführt, 
wie in Banken über Wechselskadenzen. 

Ein Großackerbauer telegraphiert : Bitte mM-gen looo 
Arbeiter (gehen militärisch mit Zug ab). — Ein Schnei- 
der braucht Gehilfen. Ein Schusterbub sucht Lehre. 
Alles, das Größte wie das Kleinste, ISuft da zusammen. 
Reservoir der Arbeit. Die Innungen, Dienstvermittlungen 
verstaatlichen, wie Bahn, Versicherung usw. — 

Sekretär Goldschmidt. 

So wieder ein Anregungsamt für Kapitalien. Geld wird 
dort und dort gehraucht. Dort gibt's keine Zuckerfabrik. 
Dort gibt's Petroleum. Und in diesem Amt laufen die 
Anträge der Geldsucher wie der Unternehmungslustigen 
zusammen. Vielleicht Form einer amtlichen Publikation. 
Überall dem Wucher vorbeugen. 



Prinzip: die erprobten Unternehmungen, wie Bank, 
Bahn, Versicherung, Schiffahrt usw. nimmt der Staat 



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dort in Händen, wo kein Zweifel an ProsperitSt. (Dafür 
keine Steuern I) 

Das Aleatorische bleibt dem Privatkapital, für hohe 
Gewinnprimie. Reüssierende Unternehmungen zahlen 
spSter Progressivsteuer im geraden Verhfiltnis zum wach- 
senden Ertragnis. Die Grenze individualisieren, wo Pri- 
vatuntemehmung nicht getötet wird. 



Wenn alles drüben im Gange, beginnt Aufgabe des 
Gen.-Dir. erst recht. Die Auswanderung soll anstSndig 
sein. Für hinterlassene Betrügereien koount Gesellschaft 
auf und h&lt sich dann drüben an Betrüger schadtos. 

So werden wir schwerere Krisen und Verfolgungen in 
spSteren Phasen der Auswanderung vermeiden. Und es 
wird der Beginn unseres Ansehens in der Welt sein. 

Wir werden auch für Wohlwollen den Regierungen da- 
durch danken, daß wir uns dort, wo wir durchschlüpfen 
könnten, (durch auslSndische Rechtssubjektivität eigent- 
lich überall,) als GroßsteuertrSger etablieren und breite 
Surface bieten werden. 

Was wir so und durch Entwertung der übernommenen 
Immobilien verlieren, gevnnnen wir reichlich dadurch, 
daß wir drüben am billigen Land durch unsere gelenkte 
Bewertung enorm verdienen. 

« * * 

Bauprinzip vielleicht: Anfangs dekorativ, und leicht 
bauen (für lo — 20 Jahre berechnet, mit Ausnahmen der 
Monumente), cela attire l'ceil, Ausstetlungsstil. Dadurch 
sind spätere Neubauten, also Arbeitsgelegenheit für immer 
gegeben. Dann, solid und elegant. 



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Sociely of Jewa wird solid, bankmäßig gesund, reell 
vorgehen. Sie ist u. a. auch ein großer Tarifeur (Lein- 
kauf nehmen) und wird mit Bahnen Personal- und 
Frachtrefaktien eingehen. 

Das wird auch eine Form der Versöhnung mit unserem 
Abzug sein. Denn man wird späterbin bereuen, uns nach- 
ziehen wollen, wie Pharao. Wir werden aber keine 
Schmutzerei zurücklassen. Judenehre beginnt. 

* * * 

Wehe den Schwindlern, die sich an der Judensacbe be- 
reichern wollen. Wir werden für sie härteste Ehreostra- 
fen einführen. Sie zu incapaces der Immobilienerwer- 
bung machen. 

* * * 

Denn Society darf kein Panama werden. 

* * * 

Wir werden alle Zionisten fusionieren. 



Gesundheitsmaßregeln vor Abfahrt. Hüben noch hei- 
len die Ansteckenden. Wir werden AbfahrtsspitSler (Qua- 
rantänen) haben, B&der. Kleideranstalten vor Abfahrt. 

♦ ♦ ♦ 

Den historischen Bauer züchten, hieße ein modernes 
Heer mit Armbrust oder Pfeilbogen bewaffnen. 

♦ * ♦ 

So sehr füllt mich das jetzt aus, daß ich alles auf die 
Sache beziehe, wie ein Liebender auf die Person. 

Ich war heute bei Floquets Sekretär, wegen des Frem- 
denlegionirs Nemec, der unter falschen Vorspiegelungen 

38 



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angewortwn wurde. WShread der SekreUr mir deu amt- 
lichen Beriebt des Kriegsministers vorlas — offenbar 
hierarchisch ungenau — , dachte ich immer nur an un- 
sere eigene Truppe; wie ich Disziplin herstellen und doch 
solche Unmenschlichkeiten verhindern könnte. 

Abends in der Oper bei Tannhiuser. 

Wir werden auch so herrliche Zuschauerräume haben, 
die Herren im Frack, die Damen möglichst luxuriös. Ja, 
den Judeoluxus will ich benutzen, wie alles. 

Dabei wieder ans Phänomen der Menge gedacht. 

Da sitzen sie stundenlaug dichtgedrängt, regungslos, 
körperlich gequält I und wofür? Für ein Impooderabile, 
das Hirsch nicht versteht: für Tönel für Musik und 
BUderl — 

Ich werde auch erhabene EiuzugsmSrsche für große 
Feste pflegen. 

6. Juni 1895. 

Wir werden schwere Kämpfe zu besteben haben: mit 
dem bereuenden Pharao, Feinden, und besonders mit uns 
selbst. Das goldene Kalbl 

* * * 

Aber ernst und fem hinblickend werden wir es durch- 
führen, wenn Volk nur inuner fühlt und weiß, wie hoch 
wir es meinen. 

♦ ♦ * 

Armee gut in der Hand halten! 



Unif OTmiert alle Beamten, schmuck, stramm, aber nicht 
lächerlich. 



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Gigantische assistance par le traoail. 

* * « 

Ad Überfuhr verdieoen wir, was uns Mittellose kosten. 
Auch nicht gratis. Sie zahlen drüben in Arbeitstagen, 
durch die sie erzogen werden. 

* * • 
PrSmien aller Art für Tugenden. 

« * * 
Tabakbau, Seidenfabriken. 

* «■ «■ 

Wunderrabbi von Sadagora ausführen, zu einer Art 
Bischof einer Provinz machen. Überhaupt ganzen Klerus 
gewinnen. 

Sie müssen das Algebraische in Ziffern umrechnen. Es 
gibt Leute, die nicht verstehen, daß (a + b)' = a* 4" 
3 ab -|- b> ist. Denen müssen Sie das ausrechnen in 
bekannte Ziffern. 



Ich weiß wohl, daß das Nächste in meiner Aufstellung 
so richtig ist, wie das Fernste. Aber gerade im Nächsten 
(das jeder sieht) darf kein Fehler sein, sonst bfilt man 
das Ganze für Phantasie. 



Reihenfolge : 

I. Geldbeschaffung (Syndikat). 

3. Beginn der Publizität (die nichts kostet, denn An- 
tisem. wird froh sein, und liberale Widerstände breche 
ich durch Konkurrenzandrohung). 

3. Engagement der Landaucher. 

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4. Fortsetzung der Publizitfit im größten Maßstab. 
Europa soll darüber lachen, schimpfen, kurz reden. 
6. Unterhandlungen mit Zion. 

6. Landerwerbungspunktationen, 

7. Ausgabe von LandprioritSten (i Milliarde). 

8. Kauf und Bau von Schiffen. 

g. Fortwährend Engagement aller sich Meldenden, 
Rekrutierung, Zuteilung, Abrichtung. 

10. Die große Subskription zu propagieren beginnen. 

1 1 . Abfahrt des Landnahmeschiffes mit Berichten an 
die gesamte Presse. 

la. Wahl und Fixierung des Landes, der HauptstSdte. 

i3. Arbeiter aus Rußland usw. errichten inzwischen 
zuerst die Ahfahrtsharacken (an italienischer oder hol- 
ländischer Küste, für sich, dann für spätere Heere). 

i4. P^t^everträge mit Bahnen. Wir müssen am Trans- 
port viel verdienen. 

i5. Eintausch alter gegen neue Sachen beginnt. 

16. Die schon sich drehenden RSder werden natürlich 
weiter in Bewegung erhalten, hinzukommen allmählich 
alle übrigen des Programms, bis die ganze Maschine geht 1 

17. Zum Deutschen Kaiser (ihn um Privilegel bitten). 

* * * 
Dafür garantieren wir gute Ordnung und geben aur~ 
face (vielleicht für Bewilligung der öffentlichen Sub- 
skription einer Losanleihe). 

7. Juni 1895. 
Hirsch — heute vor acht Tagen noch der Angelpunkt 
meines Planes, ist heute schon lur qaanlit^ absolament 
n^ligeable herabgesunken, gegen die ich sogar bereits 
großmütig bin in Gedanken. 



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Daniel Deronda leseo. Teweles spricht davon. Ich 
kena's noch nicht. 

* * * 

Dem Familienrat. — Ich beginne mit Ihnen, weil ich so 
für den Anfang, bis meine Kader stehen, kein grand fra~ 
COM brauche, und auch Gut und Blut der Masse sicherer 
hinausführen kann. Während, wenn ich zuerst Massen 
aufrühre, gefährde ich die Reichen. 

* * ♦ 
So kann ich behutsamer vorgehen. 

* * * 

Ich bin der Mann, der aus Abfällen Anilin macht. 
Ich muß Vergleiche verschiedener Art gebrauchen, denn 
es ist etwas Beispielloses. 

Ich war bei Hirsch, ich gehe zu Rothschild, wie Moltke 
von Dänemark zu Preußen. 

* * * 

Die feigen, vermischten getauften Juden sollen bleiben. 
Selbst ihnen werden wir nützen — sie werden sich der 
Zusammengehörigkeit mit uns, deren sie sich schämen, 
rühmen. Wir treuen Juden aber werden wieder groß. 

Dabei will ich auch, wenn ich R's bekomme, den armen 
Baron Hirsch nicht verstoßen. 

Ich gebe ihm ein VizeprSsidiiun (in Anerkennung bis- 
heriger Verdienste, und weil er den Plan kennt). 

Übrigens fürchte ich die Divulgation meiner drei Briefe 
nicht — nur würde ich ihn dafür zerschmettern, den Fa- 
natismus auf ihn hetzen und ihn in einer Schrift demo- 
lieren (das werde ich ihm seinerzeit ankündigen). 

Lieber möchte ich aber ihn und alle großen Juden unter 
einen Hut bringen. 

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Erstens sollVerwaltungsrat der Society les plas „upper" 
umfassen (wegen Autorität) . Dann placiere ich die Camon- 
dos und MendelssOhne als Präsides der Töchteranstalten. 

Ich bringe den R's und großen Juden ihre historische 
Mission. 

J'accueiUerai toutes Ibm bonne* volontis — wir müs- 
sen einig sein — et icreaerai le» mauvaisa (sage ich 
drohend dem Familienrat). 

Brief Teweles (Mut genügt nicht). Beer muß ich schrei- 
ben, daß ich für sein Beerit Verwendung habe. 
• • • 

Meine Obersiedlungen von Wien nach Paris, und zu- 
rück, waren geschichtlich nötig, damit ich die Auswande- 
rung erlerne. 

GüdemannI Sie mache ich zum ersten Bischof der 
Hauptstadt. Nach Glion habe ich Sie gerufen, um Ihnen 
augenfällig zu machen, was wir schon in der Natur ver- 
mögen. 

Wollen R's nicht, so bringe ich die Sache vor Gesamt- 
heit der Juden. Das hat außer Lange noch Nachteil für 
mich, daß ich meine tiefsten Pläne divulgieren, der Dis- 
kussion (auch der Antisem.) übergeben muß. 

Für R's hat es den Nachteil, daß Sache ruchbar wird. 
Stürme der Wut hervorruft (die Juden wollen abziehen I) 
und vielleicht zu schweren Unruhen auf Gassen, und in 
Gesetzgebungen zu Repressalien führt. 

Ich berge oder gefährde ihr Vermögen. Und ich 
setze es durch, weil meine Feder bisher rein ist und un- 
verkäuflich bleibt. 

2. Blatt V. Bois. 

Ich bringe die Löstmg der Judenfrage durch Bo^ng 
des R'schen Vermögens — und umgekehrt. 

Ich bin aber auf die R's nicht angewiesen — ich zöge 

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sie nur vor als Knoten, weil ich das ganze Geld in einem 
Nachmittag aufbringen kann, durch simple patiage 
d'icrUare. 

Sie sollen Albert R veranlassen, Familienrat die Sache 
vorzulegen, und mich zu einem Vortrag vor den Familien^ 
rat (aber nicht in Paris, weil mich Umgebung impressio- 
nieren könnte) einzuladen. 

7. VI. Im Palais Royalgarten. 

Etwas wie Palais Royal oder Markusplatz bauen. 

♦ * ♦ 

Keinen Juden wegschicken. Jeden verwenden nach sei- 
ner Fähigkeit oder Unfähigkeit, z. B. Pferdezucht lernen 
lassen. 

Einleitung in Glion vor dem Geistlichen und dem Welt- 
lichen. 

Geschichte. Es kann nicht besser, muß schlechter wer- 
den — bis zum Massaker. 

Regierungen könaen's nicht mehr verhindern, selbst 
wenn sie wollten. Auch steckt Sozialismus dahinter. 

In den zwanzig Jahren, ,J>is man's merkt", muß ich 
mir die Knaben zu Kriegern erziehen. Aber nur Berufs- 
heer. Zahl >/,e der minnlichen Bevölkerung — weniger 
genügt nicht nach innen. 

Übrigens erziehe ich alle zu freien starken Männern, 
die im Notfall als Freiwillige einstehen. Erziehung durch 
Patriotenlieder und Makkahäer, Religion, Heldenstücke 
im Theater, Ehre usw. 

7.v;. 

Mosis Auszug verhält sich dazu, wie ein Fastnachtssing- 
spiel von Hans Sachs zu einer Wagnerschen Oper. 

• ♦ • ■ 

Ich bin auf alles gefaßt: das Jammern um Ägyptens 



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Fleischtöpfe, den Tam ums goldene Kalb — auch auf 
den Undank der am meisten Verpflichteten. — 

Von Goldmark, Brüll und anderen jüdischen Kompo- 
nisten (auch Mandl) Volksbymnen (Marseillaise der 
Jnden) komponieren lassen. Preisausschreibung unnfitig 
und lächerlich. Die beste wird allgemein werden. 

Wir werden wahrscheinlich die Verfassung Venedigs 
nachbilden und aus den schlechten Erfahrungen Venedigs 
vorbeugend profitieren. 

Für Glion. — Hierher habe ich Sie gebeten, um Ihnen 
vor Augen zu halten, wie unabhängig die Menschen schon 
von der Natur sind. 

I. Hauptpunkt; Ich löse die Frage, indem ich R's Ver- 
mögen in Sicherheit bringe, oder umgekehrt. 

II. Hauptpunkt: Wenn ich's nicht mit R's machen 
kann, mache ich's gegen sie. 

Die Jugend (auch die Armen) bekommt englische 
Spiele: Kricket, Tennis usw., Lyzeen im Gebirge. 

Die TugendniveauhehuDg durch Prämien, mache ich 
für uns — nicht fürs Bleiben! (seil. Prämien, die uns 
nichts kosten und wertvoll sind : wie Läiidereien, Orden 
usw.) 

Grundsatz: Jeder meiner früheren Bekannten, der 
kommt, wird angestellt, nah oder fern. 

Ich werde zuerst mit ihnen herzlich reden, sie prüfen ; 
aber vom Moment an, wo sie angestellt sind, hört prin- 
zipiell Gemütlichkeit auf — das sage ich ihnen voraus 
aus Disziplingrüuden. 

Nach hundert Jahren sollte man die allgemeine Wehr- 
pflicht einführen; aber wer weiß, wie weil man dann 
schon in der Zivilisation hält. 

h5 



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Wir werden uns die Judenjargons, Jüdischdeutsch, ab- 
gewChneD, die nur Sinn und Entschuldiguag als veratoh- 
lene Sprache von HSftlingen hatten. 

Siebenstundentag denke ich mir vwlftufig als Welt- 
reklame — vielleicht sogar durchführbar für immer. 
Wenn nicht, wird jeu naluret das schon wieder einrichten. 

Allen, (Aen and unten: Keine Engherzigkeiit I in einer 
neuen Welt ist Platz für alle . . . 

Dreizehn Jahre hat's mindestens gebraucht, bis ich die* 
sen einfachen Gedanken hatte. Jetzt sehe ich erst, wie oft 
ich nahe daran vorübergekommen bin. 

Die „Arbeitshilfe" war mir sehr wichtig. 



Circenses baldigst: 

Deutsches Theater, internationales Theater, Oper, Ope- 
rette, Zirkus, Caf6-concert, Cafi Champs Elysies. 



Zur Ausstellung von 1900 bereits herrliche Reklame- 
sachen schicken. 



Die Hohenpriester werden imposanten Ornat haben; 
unsere Kürassiere gelbe Hosen, weißen Waffenrock. 
Offiziere silbernen Küraß. 



Sobald wir Land festgestellt und Prftliminarvertrag mit 
jetzigem Souverin abgeschlossen haben, beginnen diplo- 
matische Unterhandlungen mit allen Mächten für Ga- 
rantie. 



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Dann Ausgabe der jüdischen Anleihe. 

* * * 

Rousseau glaubte, daß es einen contrat loeüd gebe. 
Das ist falsch. Es gibt im Staat nur eine negotiorum 
gestio. 

So führe ich die Geschftf te der Juden, ohne ihren Auf- 
trag, werde ihnen aber dafür verantwtn^Iich. 

* « * 

Dem Familienrat. Für Sie ist das un limple paatage 
d^ieritwe. 

Und doch werden Sie mit dieser Bergung Ihres Ver- 
mögens das größte Gesch&ft machen, das Sie je gemacht 
haben. 

Darum wünsche ich auch, daß der großen Masse der 
Juden davon etwas zukomme. Sei es durch zweite Emis- 
sion, hei welcher nur Unitäten der Subskription berück- 
sichtigt werden — sei es durch Aktien für die ersten 
Landnehmer (letzteres schOner und sozialer). Die Form 
werden wir schon finden. 

Das liegt auch in Ihrem Interesse, sonst werden Sie 
von den Juden später hart angefeindet. 

8. Juni 1895. 

Die Zentren ausgraben und biafibernehmen. Ganze Mi- 
lieus, in denen die Juden sich wohl fühlen, verpflanzen. 

* « « 

Alle, die sich gegen mich irgendwann, irgendwas zu- 
schulden kommen ließen und sich deshalb nicht an mich 
heranwagen, aufsuchen und anstellea. Weil ich der erste 
sein muß, der Beispiel einer überlegenen Großmut gibt. 

Judenfrage soll als großer VersOhnungsausklang gelOst 
werden. 



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Wir scheiden als Freunde von unseren Feinden — das 

soll der Beginn der Judenebre sein. 

Den Männern in Glion und spSter dem Familienrat: 

Bemerken Sie, daß ich nicht phantasiere, mit lauter 

realen Faktoren — die Sie selbst prüfen können — 

rechne, und nur in der Kombination liegt die Phantasie. 

* * * 

Ich gUube fest, daß ich die Leute er(^rn werde. Nur 
kleine Leute rieben sich. 

* * * 

Für hinterlassene — natürlicb nur ordentlich nach- 
weisbare — Schmutzereien unserer Auswanderer kommt 
die Gesellschaft auf. Wir werden es schon drüben herein- 
bringen. Das ist die Manneszucht. 

Dossiers meiner Privatkorrespondenz führen. Dossiers 
anlegen für alle Personen, mit denen ich verkehre. 

Die Juden unter einen Hut zu bringen, wird eine Sau- 
arbeit sein, obwohl oder vielmehr weil sie alle einen 
Kopf haben. 

Der erste Senator wird mein Vater. 

In den Senat kommen alle berühmten Juden, die mit ' 
uns gehen. 

Unter Schnitzeln finde ich heute zufällig einen Zettel, 
den ich in San Sebastian am Vorabend meiner Abreise 
nach Paris schrieb. 

Da heißt es: „Ich werde Galloschen haben wie ein Ge- 
schäftsmann." 

Ich sah damals, wie gewöhnlich, die ganze Entwicklung 
voraus — nur die Dauer und das Ende nicht. 

Heute sage ich: Ich werde mit den Herren der Erde 
als ihresgleichen verkehren. 



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Den Männero in Glion. 

Ich entwickle vor Ihnen jetzt nur die moralisch poli- 
tische und die finanzielle Seite, d. h. das Ziel, das ich 
ebenso deutlich sehe wie den Ausgangspunkt. 

Die Sache hat noch viele andere Seiten : technische, mi- 
litlrische, diplomatische, administrative, volkswirtschaft- 
liche, künstlerische usw. 

Sie müssen mir vorläufig glauben, daß ich dafür ebenso 
Rat weiß und meine Plfine aufgestellt habe. 

Eine Sektion für Erfindungen, deren Korrespondenten 
in Paris, London, Berlin usw. sofort alles Neue melden, 
das dann auf seine Verwendbarkeit hin geprüft wird. 

Sektionschef muß oft erneuert werden, damit kein 
Routinebeamter aus ihm werde. 



Volksfeste von künstlerischem Charakter, iparpille 
übers ganze Land, und zwar nach einem Typus, damit 
sich Massen nicht immer nach einem Punkt drängen. 
Denn so fühlt sich Menge bei Festen nur unglücklich. 

Allerdings wird es auch Nationalfeste mit enormen Se- 
henswürdigkeiten, farbigen Aufzügen usw. geben. — 

Dieser Auszug verhält sich zu jenem, wie die jetzige 
wissenschaftliche Goldminenerforschung des Witwaters- 
rand zur abenteuerlichen der Kalifomier Bret Hartes. 

Mich vor Selbstüberschätzung, Hochmut und Narre- 
teien hüten, wenn 's gelingt. Wenn 's mißlingt, hilft mir 
die Literatur, mir's von der Seele zu schreiben. 

Es gibt Detaib, die ich Ihnen noch nicht sagen kann, 
weil ich in diesem Augenblick nicht weiß, ob Sie meine 

4 Henl« Ta«ebIkober I. ^Q 



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Freunde sein werden. Sie können n&mlich nur meine 
Freunde oder Feinde sein. Dazwischen gibt's jetzt nichts 
mehr. 



I. Station Rothschilds 
II. „ Zwergmillionäre 
III. „ die Kleinen (d. h. Divulgationl) 
Dann werden die 3. und i. bereuen. 



Alle Bettler, alle Hausierer nehme ich mit. Die zurück- 
bleiben, d. b. die nicht arbeiteo wollen, soll der Teufel 
holen. 

Wenn ich die Armen abgezogen habe. Es wird eine Er- 
leichterung, ein Aufatmen eintreten. 

Auch die Judenpracht wird in Europa nicht mehr be- 
lästigen. Denn alle Wohlberatenen werden sich drüben 
ihre Paläste bauen. 

Erst später wird die Erleichterung in ein Gefühl der 
Leere ausarten — aber dann sind wir schon drüben und 
haben unser Heer und unsere Diplomatie. 

Diplomaten werden am schwersten zu rekrutieren sein, 
weil wir in der Gefangenschaft die Haltung verloren 
haben. 

Den Männern v. Glion: 

Die R's ahnen gar nicht, wie gefährdet ihr Vermögen 
schon ist. Sie leben in einem fälschenden Kreis von Höf- 
lingen, Dienern, Angestellten, Armen und aristokra- 
tischen Pumpbrüdem. 

Eine Lösung ist's, weil ich alle befriedige. 

Arme, Reiche, Arbeiter, Gebildete, Regierungen und 
antisemitische Völker, 



5o 



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Dem Familienrat: 

Sie geben einem Armen Fr. loo. Ich gebe ihm Arbeit, 
selbst wenn ich keine habe, schlimmstens verliere ich 
daran lOO Francs. Aber ich habe eine nützliche Existenz 
geschaffen, und Sie einen Lumpen. Avec ga, daß ich den 
Markt tugleicfa mit der Arbeit schaffei 

Abo gewinnen muß, was Unternehmer gewinnen — ■ 
je gagne tout ee qae je veux. 



Ihr Vermögen wachsende Kalamitfit. Wir werden uns 
beim Eintausch alter Immobilien gegen neue betragen 
lassen, aber privilegierte, gesetzliche Hypothek schaffen 
für hinterlassen« Schmutzereien. 

Tarifwesen mit Leinkauf studieren. Personen müssen 
uns zum Portosatz zu stehen kommen. Wir werden wie 
Cook und Schrökl eigene Züge haben. Auch Cooks Sy- 
stem werde ich studieren, um seine Benefizien heraus- 
zurechnen. 

* * * 

Das jüdische Kapital darf nichts mehr unternehmen. 

Die jüdische Arbeit darf nicht mehr konkurrieren. 

Die Gleichberechtigung steht noch im Gesetz, ist aber 
tatsfichlich schon aufgehoben. 

Wir produzieren zu viel Intelligenz und haben dafür 
keinen Absatz mehr. 

Dem Familienrat: 

Meine Auffassung : Sozialismus ist eine rein technolo- 
gische Frage. Zerteilung der Naturkrfifte durch Elek- 
trizität wird ihn aufheben. Inzwischen ist unser Muster- 
reich entstanden. 



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Stadtbau: Erst Kanäle, Wasser, Gas usw., dann darüber 
HoUstÖckel. 

8. VI. 

Aber nicht nur Paris, Florenz usw. kopieren, auch 
einen jüdischen Stil suchen, der die Erleichterung und 
Freiheit ausdrückt. 

Freie heitere Hallen, sfiulengetragen. 

Luftzonen zwischen StSdten machen. Jede Stadt gleich- 
sam großes Haus, das im Garten liegt. 

In den Luftzonen darf es nur Ackerbau, Wald usw. 
geben. Dadurch verhindere ich hypertrophische Groß- 
städte, und die Städte sehen früher bewohnt aus. 

8. VI. 

Abends bei S ... 8 diniert. Ihre Schwlgersleute aus Wien 
waren da. Wohlhabende, gebildete, gedrückte Menschen. 
Sie stöhnten leise über den Antisemitismus, auf den ich 
fortwährend das Gespräch brachte. 

Der Mann erwartet eine neue BartholomSusnacht. Die 
Frau meint, daß es nicht mehr schlechter werden könne. 
Sie stritten, ob es gut oder schlecht sei, daß Luegers Wahl 
zum Bürgermeister von Wien nicht bestätigt werde. 

Sie haben mich mit ihrer Mattigkeit ganz verzagt ge- 
macht. Sie ahnen es nicht, aber sie sind Ghettonaturen, 
stille, brave, furchtsame. 

So sind die meisten. Werden sie den Ruf zur Freiheit 
und Menschwerdung verstehen? 

Beim Weggehen war ich ganz verstimmt. Mein Plan 
kam mir wieder verrückt vor. 

Aber in der ddfaiUance sagte ich mir: Angefangen hab' 
ich's, jetzt führe ich 's weiter. 

Hauptsache ist, daß ich in Glion und später Willen 
leige. 

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So etwas kimn nur suggeriert werden. Wie ich zweifle, 
bin ich grotesk. 

9. Juni 1895. 

Salo und Güdemann sollen jeder eine Denkschrift mit- 
bringen. Güdemann über Zahl, Verteilungzuseiner Kennt- 
nis kommender Verfolgungen, Zeichen, ob Antisemitis- 
mos wachse (und in welchem Verhältnis) oder abnehme, 
offizieller und offiziöser Antisemitismus, Antisemitismus 
in Schule und Ämtern, soweit er 's weiß usw. Kurz alles, 
was er Ober moralische und politische Lage weiß. 

Salo über jüdische Erwerbsverhfiltnisse, Zinsfuß, Ver- 
m^ensverteilung (Zahl der großen, Schätzung der klei- 
nen Vermögen), Zustand des jüdischen Unternehmungs- 
geistes (ob wächst, und in welchem Verhältnis, oder 
schwindet), Stimmung in Geschäftskreisen. 

Morgens : Heute bin ich wieder eisenfest. Die Mattig- 
keit der gestrigen Leute ist ein Grund mehr zur Aktion. 
Christen in diesen Verhältnissen wären froh und lebens- 
lustig. Juden sind tramig. 

Approvisionierung wahrscheinlich nicht in eigene Re- 
gie nehmen. 

Um in England nicht „manager" zu heißen, was zu 
geschSftsmfinnisch klingt, werde ich vielleicht den Titel 
„Kanzler" führen oder einen anderen. 

Die subalternen Titel blieben vorläufig wie der ge- 
wöhnlichen Aktiengesellschaften, Die Verwandlung in 
staatsmftftige wird später als Belohnung empfunden 
werden. 

Bei Gehalten, Prinzip: Jedem eine merkliebe Verbesse- 
rung von ^/4 bis Vi seines jetzigen Einkommens zu ge- 
währen. 

Aber Marge halten fürs Avancement, ebenso im Titel 
wie im Gebalt. 

63 



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Anfangs wußten die Gründungsbeamten die Titel nicht 
gebührend zu BchStzen (kamen ihnen st^ar lächerlich 
vor) ; so sollen sie sich nur für Angestellte einer reichen 
Aktiengesellschaft halten. 

Ein Zeitungsleser (S . . .) soll täglich vigilieren auf neue 
Wohlfahrtseinrichtuogen, Spitäler usw. und mir Auszüge 
vorlegen. 

Überhaupt haben alle Ressortchefs Auftrag, alles Wich- 
tige, was der Weltgeist in ihren Fächern an Fortschritt 
schafft, mir zu signalisieren, mit besonderem Bericht über 
Wichtiges. 

Ich selbst werde keine Zeitung lesen (nach Freycinets 
Prinzip — Worte, die er mir über Casimir P6rier sagte). 

Ich habe fortab das Recht und die Pflicht, mich über 
jederlei persönlichen Angriff hinwegzusetzen. 

Nur wenn ein courant d'opinion gegen das Unterneh- 
men erzeugt werden will, muß es mir schleunig signali- 
siert werden, damit ich die Widerstände breche. 

Angriffe der Antisemiten, solange sie uns nicht zurück- 
halten wollen (was auch kommen wird), ignoriere ich 
vollkommen. 

Für meine persSnliche Sicherheit wird eine gut gelei- 
tete Geheimpolizei zu sorgen haben. 

« « * 

9. VI. 
Es ist ein Feldzug. — 

Prinzip der Karawane von Arcueil sofort adoptieren 
(La XIX. Ccoravcme d'Arcaeil par LhermUe [bei Domini- 
kanern in Paria, Ecole Lacordaire, zu kriegenj). 

Buch des Dominikanerpaters Lhermite soll der Führer 
(vielleicht B...) mit Nutzen lesen, mir darüber berich- 

54 



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ten. Wir schicken gleich im ersten Jahr eine Karawane 
hinOber (Raoul geht mit), dann in regelmäßigen Abstän- 
den solche Züge. 

Für Einrichtung der Börsen werden Maklerschaften 
anfangs auf ein Jahr versteigert. 

Aber schon wer in diesem Jahr, wo er noch sein eigener 
Herr ist, die späterhin zu verpönenden Handlungen be- 
geht, wird disqualifiziert (was ihm im vorhinein anzu- 
sagen ist). 

Wer dagegen sich korrekt aufführt, erwirbt für näch- 
stes Jahr Vorzugsrecht, ohne zu konkurrieren. Er kann 
Charge zu dem höchsten gebotenen Preise auf ein wei- 
teres Jahr behalten. Das geht so fort bis zum fünften 
oder zehnten Jahre (was wir dann nach Umständen er- 
messen werden), wo die Versteigerung aufhört und die 
Makler eine geschlossene Korporation werden. 

Durch die großartige Einrichtung dieses Börsenmono- 
pols erreiche ich auch, daß das verblüffte Europa die 
Sache nachmacht. Dadurch werden die Juden von euro- 
päischen Börsen verdringt, weil die bestehenden Regie- 
rungen diese Sinekuren doch nicht den Juden geben 
werden. Das bringt mir neue Auswanderer. 

Die Aufmerksamkeit und Gerechtigkeit der reisenden 
Beschwerdekommissäre sichere ich dadurch, daß ich sie 
verantwortlich mache. Sie selbst unterliegen Amtsstrafen, 
wie Gehaltsabzüge, Versetzimg usw., wenn sie gerechte 
Beschwerden vernachlässigt, schlecht oder parteiisch ent- 
schieden haben usw. 

Es wird geheime Oberinspektoren geben, d. h. Legaten, 
die ohnebin die Gegenden bereisen und nebenbei ihre 
Wahrnehmungen zu verzeichnen haben. 

Die örtlichen Selbsteinschätzungen können zu Betrüge- 
reien führen. Darum bleiben die Auswanderer solidarisch 

55 



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haftbar bis zur Realisierung des HiDterlasseoen, und die 
Haftung ruht in einer privilegierten Hypothek, auf ihren 
neuen Besitzungen. 

Bdrseninonopol des Staates scheint mir jetzt eine ge- 
niale Lösung zu sein. 

Zur Maklerschaft braucht man keine Vorkenntnisse: 
es ist wukUled Utboarl 

Die beeideten Makler habe ich ganz in der Hand, ver- 
wende sie für Staalszwecke, dirigiere sie nach den Be- 
dürfnissen meiner Politik und kann Mißbräuche ver- 
hindern. Ich dulde keine Börsencomptoirs. Ich will einen 
gesunden Geldmarkt. Der Makler, der zum Spiel ver- 
lockt, wird abgesetzt. Mit der Absetzung ist nicht nur 
Verlust einer feiten Pfründe, sondern auch politischer 
Ehrverlust auf graduierte Zeit verbunden. — 

Der Makler wird zur Vertrauensperson wie Notar. Ich 
fasse die Makler in Kammern mit Ehren-Schiedsgericht 
zusammen. 

Kasuistik der Delikte ist zu verfassen, und damit ein 
Spezialkodex zu etablieren. 

Der Makler hat sich seine Kunden anzusehen. Er kann, 
was ich nicht kann: den Spieler vom Anlagesucher unter- 
scheiden. 

Makler, die mit nachweisbarer culpa (selbst levis) den 
wirtschaftlichen Ruin jemandes verschuldet haben, wer- 
den abgesetzt. Ich kann aber die Strafen auch graduie- 
ren: z. B. zeitweilige Suspension (die nicht Verlust der 
politischen Rechte nach sich zieht und abgestuft werden 
kann, von acht Tagen bis zu zwei Jahren. Weil ja maiich- 
mal die Schuld des Maklers schwer nachweisbar.) 

Die Entscheidung über Suspension und Absetzung 
nehme ich vielleicht dem Standeskollegium ah und gebe 
sie meiner staatlichen Börsenkommission. 

56 



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Vielleicht mache ich diese BöraeDkommission nur zur 
Appell-Iiutanz, weil ich dea Umtrieben des Brotneids 
YOTbeogen will, 

9. VI. 
Dieseltw Einrichtung, wie für die Geldbörse, auch für 
Getreide-, Vieh-, Warenbörse, wie für alles, was des SpieU 
flhig ist. 

• * * 

Aus den Einkünften dieses Monopols habe ich großen 
Beitrag zn Staatsbedürfnissen. 



Maklerschaften werden zunächst provisorisch gegen re~ 
devance verliehen und allmählich zur Pensionierung ver- 
dienter Beamten verwendet. Können späterhin auch (wie 
in Paris die at^ente-Chargen) in Viertel und Achtel ge- 
teilt werden. 



Die Maklerschaften sind nicht vererblich und unver- 
Sußerlicfa. — 

So kann ich unbesorgt die Hauptstadt zum vornehmsten 
Platz des Welt-Geldmarktes machen. 

Gewisse Amter (des Heeres, der Diplomatie, Justiz, 
Verwaltung usw.) werden nie mit Maklereinkünften be- 
lohnt, sondern direkt vom Staate aus pensioniert. Das 
ist für uns nur eine Umbuchung, trägt aber zur Hebung 
und Ehrung dieser Stände bei. 

Dem Familienrat: 

9. VI. 

Wenn ich 's mit Ihnen machen kann, habe ich alle Vor- 
teile des anfänglichen Geheimnisses. 

Sobald erste Kader stehen, Land fixiert ist usw., kann 



57 



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ich zu Regierungen gehen und sagen: R's bringen dieses 
Opfer (eine Art indirekter Selbstbesleuerung), Ihnen die 
fiberzSbligen Juden fortzuschaffen. 

Wir dürfen nur von „überzähligen" sprechen, sonst 
läßt man uns nicht propagieren und fortziehen. 

Es muß anfangs scheinen, daß wir den Regierungen 
einen Dienst erweisen wollen. Wir opfern für „Lösung 
der Judenfrage" eine Milliarde. 

Dafür erhalten wir die Gefälligkeiten, die wir brau- 
chen: Freilassung vom Militär u. dgl. 

Vor allem Duldung unserer Propaganda und gelegent- 
lich (auf unseren Wunsch) ein ungnädiges Wort, aber 
unter Aufrecfathaltung der Ordnung. 

Nach zehn Jahren ist die Bewegung unwiderstehlich, 
und die Juden werden uns bei Nacht und Nebel ohne 
Schuh' und Strümpfe zulaufen. Sie werden durch keine 
Gewalt mehr zurückzuhalten sein, wenigstens nicht in 
den freizügigen Ländern. 

Sollte man dann versuchen, Freizügigkeit der Juden 
EU hindern, werden wir öffentliche Meinung der Welt 
zu bewegen wissen (Liberale, Sozialisten, Antisemiten), 
daß man die Juden nicht gefangen halten dürfe. 

Übrigens wird unsere Diplomatie arbeiten (wir werden 
Geldzugeatändnisse machen in Form von Anleihen und 
Surfacegaben). 

Sind vor erst draußen, so vertrauen wir auf unser Heer, 
auf unsere erkauften Freundschaften und auf die Zer- 
klüftung des durch Militarismus und Sozialismus ge- 
schwächten Europas. 

Das ist die Judenemanzipation. 

Dem Familienrat: 

Sie sind gewohnt, WeltgeschSfte zu machen. Sie wer- 
den mich vielleicht verstehen. — 

58 



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Die jüdische Natioaalanleihe lege ich vielleicht schoa 
in unserer Haupbtadt auf. 

Ich verhandle zuerst mit Zaren (bei dem mich unser 
Protektor, Prinz von Wales, einführt) über Freilassung 
der russischen Juden. 

Er soll mir sein Kaiserwort geben und es im Reichsan- 
zeiger publizieren lassea. (Er wird glauben, daß ich nur 
ein paar Hunderttausend wegführen kann.) 

Dann verhandle ich mit Deutschem Kaiser. Dann mit 
Osterreich. Dann mit Frankreich wegen algerischer Ju- 
den. Dann nach Bedarf. 

Ich muß, um gut bei den Höfen angesehen zu sein, die 
höchsten Orden bekommen. Zuerst englischen. 

* * * 

9. VI. 
Ich werde oft unvermutete Inspektionen da und dort 
vornehmen. (Hochwichtig, um gaspilla^e und Beamten- 
schlaf zu verhindern.) 

Auch eine geheime Amtspolizei über Mißbrfiuche be- 
richten lassen. 

9. Vi. 
An der Spitze des Judenblattes: 
Beschwerden gegen Mißbrauch und Willkür der Be- 
amten sind unter Kuvert „Beschwerde an den General- 
Direktor" zu richten. 



Ich werde reisende Untersuchungskonunissionen (die 
auch unvermutet eintreffen) für diese Beschwerden ein- 
setzen. 

Beamtenstraf e : nur in schwersten Fällen Entlassung, 
In leichteren Versetzung in fernere Gegenden, mühsa- 
mere Dienste. 



69 



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Durch andauernd gute Aufführung wird aber solcher 
Amtsmakel getilgt undschadetdemAvancement nichtmehr. 

Natürlich hat jeder Beamte seine Konduiteliste in der 
Abteilung, und Dossier in der Zentrale London (en atten- 
dant que cela soll dans nolre capitale). 



Geschenkannahme zieht unter allen Umstinden Ent- 
lassung nach sich, doch darf der Entlassene sich im Lande 
niederlassen und sich als Freier fortbringen. Auch wird 
seine schuldlose Familie vor Entbehrungen geschützt. 

Eine Form unserer EntlassungsentschSdigung an die 
Staaten ist die doppelte Umschreibegebühr der Immobi- 
lien, die vom jetzigen Besitzer an die Society und von 
dieser weiter verkauft werden. 

Wir werden das freilich nicht von vornherein zugeste- 
hen, sondern zunächst durch die Society nur Agentur- 
geschäfte machen lassen. 

Erst wenn öffentliche Meinung sich über die Vermö- 
gensauswanderung zu beunruhigen anfingt, „finden wir 
nach reiflichem Nachdenken und um unseren guten 
Willen zu zeigen" das Auskunftsmittel dieser doppelten 
Umschreibung — wobei wir uns verpflichten, drüben den 
Steuerbetrügern gewisse Benefizien der anst&ndigen Aus- 
wanderer zu entziehen, z. B. nur denen die ermäßigte 
Fahrt- und Transportrefaktie zu gewähren, die ein Amts- 
zeugnis ihres bisherigen Wohnortes beibringen: ,,In gu- 
ter Ordnung fortgezogen". 

Wir werden selbstverständlich alle Forderungen der 
alten Wohnorte klagbar halten (und zwar selbst wenn 
wir schon unsere eigenen Gesetze haben). Diese Prozesse 
möglichst rasch, mit aller denklichen Bevorzugung und 
nach dem Ursprungsortsgesetz entscheiden. 

60 



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Dagegen muß man uns die jüdiachen Deserteure lassen 
(was ich natürlich ia einer für uns nicht kränkenden 
Form fixieren werde) . Denn, da wir unsere eigene Heimat 
haben, sind wir unseren bisherigen Wirtsvölkern (ich ak- 
zeptiere den Standpunkt der Antisemiten) nicht mehr zum 
Heeresdienst verpflichtet. 

Den Fübrer der Jünglings-Karawanen (nach Muster der 
Dominikaner von Arcueil) verantwortlich machen für 
sittliche Zucht, Ernst und Studien der Burschen. Das 
sind keine Vergnügungsreisen, sondern Lern- und Arbeits- 
reisen, ambulante Schule mit tfiglichen Stunden und Vor- 
trägen, ein Botanisieren in der Welt. Ich werde mir hier- 
über jedesmal speziell berichtea lassen. Sehr wichtig. — 

Wenn wir drüben sind, werden sich die Tänzer ums 
goldene Kalb empören, daß ich sie nicht zur Börse lasse. 

Ich werde sie auf der Gasse auseinanderjagen lassen 
und im Parlamente sagen: 

,4)as war gut für die Gefangenschaft. Jetzt haben wir 
die Pflichten der Freiheit. Wir müssen ein Volk von 
Erfindern, Kriegern, Künstlern, Gelehrten, ehrlichen 
Kaufleuten, aufsteigenden Arbeitern usw. sein." 

Früher war Börsenspiel entschuldbar. Die Intelligen- 
zen waren eingesperrt, wir mußten uns mit Geld abgeben. 
Jetzt sind wir frei. Jetzt kann jeder Jude alle Ämter im 
Staate, in unserem Staat erhalten. Jeder kann General, 
Minister, Gerichtspräsident, Akademiker, kurz alles 
werden. 

Jetzt wollen nur die Faulenzer die Spielfreibeit, und 
die müssen wir überwinden, sonst gehen wir abermals 
zugrunde und werden jammervoll in die Welt zerstreut. 

Fern sei es von mir, gegen die alten Börsianer etwas 
zu sagen. Mein teurer Vater mußte, nachdem er als 
Holzhändler zugrunde gegangen war, sein Brot ab Agent 



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an der Bdrse verdienen, um nicht zu verhungern und 
mich etwas Rechtes lernen zu lassen. Aber das war die 
vergangene Zeit. Ein Jude hatte damals keinen anderen 
Ausweg. Heute ist das nicht mehr nötig und wird darum 
nicht mehr geduldet. 

Ich hStte mir doch bei der Leitung dieses Biesenunter- 
nehmens auch ein Vermögen machen können, wie ich um 
mich her MüHonSre schuf. Ich bestimmte den Platz der 
Städte — was hätte ich dabei für Bauspekulationen ma- 
chen können. 

Neinl Ich habe nur meinen Gehalt, den ich zur Re- 
präsentation brauche, das Haus, das ich mir von meinen 
lürsparnissen baute. Ich weiß, daß die Nation meine 
Nachkommen nie darben lassen wird. 

9. VI. 

Bei der Publikation des Buches werden die Regierungs- 
rezepte weggelassen. Das Volk muß nach Prinzipien ziun 
Guten gelenkt werden, die es selbst nicht kennt. 

Die Regierungsmaximen sollen daher von den Besor- 
gern der Buchausgabe — wenn ich selbst nicht mehr da 
bin — extrahiert und im geheimen Staatsarchiv aufbe- 
wahrt werden. 

Nur der Doge und der Kanzler dürfen sie lesen. Weg- 
zulassen auch diejenigen Bemerkungen, welche fremde 
Regierungen verstimmen könnten. 

Der Gang der Verhandlungen soll aber bleiben. Damit 
unser Volk und die Welt sehe, wie ich die Juden heim- 
geführt habe. 

9. VI. 
Wenn einer um Anstellung bitten kommt: 
Oh ich Sie nehme? Ich nehme alle, die etwas können 
und arbeiten wollen. Ihren Bruder, Ihre Freunde, Ver- 



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wandten und Bekannten, alle, alle, alle! veralanden? — 
und jetzt geben Sie. 

9. VI. 
Das Entslehen von Berufaptolitikern muß auf jede mög- 
liche Weise verhindert werden. 

Diese Frage muß ich seinerzeit mit äußerster Sorgfalt 
studieren. 

« * * 

Die Senatoren beziehen jedenfalls Gebalt, der gleich- 
seitig Ehrenpension unserer Geistesgrößen vorstellt. 

* * « 

9. VI. 
Ala Stipendien für meine tapferen Krieger, strebsame 
Künstler, treuen und begabten Beamten, verwende ich die 
Mitgiften reicher Mädchen. 
Ich muß Heiratspolitik treiben. 



Den großen Bankiers, die mich anbeten werden, sage 
ich : Es wäre mir erwünscht, wenn sie ihre Töchter auf- 
strebenden kräftigen Jünglingen geben. 

Das brauche ich für den Staat. 

Es ist die Selbstbefruchtung der Nation. 

9. VI. 

Gegen Palästina spricht Nähe Rußlands und Europas, 
Mangel an Ausbreitung, sowie Klima, dessen wir schon 
entwöhnt. 

Dafür, die mächtige Legende. 

* * * 

Anfänglich werden vtir von Antisemiten unterstützt 
werden durch recradeseence der Verfolgung (denn ich 



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bin überzeugt, sie erwarten keinen Erfolg und werden 
ihre „Eroberung" ausnützen wollen). 

* « * 

9. VI. 

Weiteres eventuelles Zugeständnis für VermOgensaus- 
Wanderung. 

Die betreffenden Staaten sollen die Judenimmobilien 
erwerben. 

Preis wird — ohne Rücksicht auf das von uns Gezahlte 
— durch eine Regulierungskommission bestimmt, die auch 
wir beschicken dürfen. 

* * * 

9. VI. 

Die Sprache wird uns kein Hindernis sein. Auch 
Schweiz Föderalstaat verschieden Nationaler. 

Wir erkennen uns als Nation am Glauben. 

übrigens dürfte, par la force des choses, deutsche 
Sprache — Amtssprache werden. Judendeutsch I wie 
gelber Fleck für Orden I 

Ich habe auch nichts gegen Französisch oder Englischl 
Die jeanesse dorie lenke ich auf englische SportObungen, 
wodurch ich mir sie für Armee erziehe. 



9. VI. 
Auf der Fahrt zum Grand Prix — draußen und bei 
der Rückfahrt sind mir die GrundzOge fflr Dogenkrö- 
nung und Duell eingefallen. 

Dogenkrönung : 

Den Zag, der vom Dogenpalast ausgeht, eröffnen 
. . . Kürassiere. Folgt Artillerie und Infanterie. 

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Die Beamten aller Ministerien, Abordnungen der Städte, 
die Geistlichkeit, zuletit der Hobepriester der Hauptstadt. 
Die Fabne mit Ehrenwache von GenerSlen. Der Dogel 
Und hier erreicht der Zug seine symbolische Pracht. 

Denn wfibrend alle in goldblitzenden Staatsgewändem, 
die Hohen Priester unter Baldachinen gehen, hat der Doge 
die Schandtracbt eines mittelalterlichen Juden, den spit- 
zen Judenhut und den gelben Fleck 1 (Der Zug geht 
vielleicht auch durch die Ghettogasse, die jedenfalls zur 
Erinnerung und zur Mahnung gebaut werden wird.) — 

Hinter dem Dogen, der Kanzler, die abgesandten frem- 
den Fürsten, die Minister, Generäle usw., das diploma- 
tische Korps (wenn schon eines da ist), der Hat der 
Alten (Senat), das Parlament, freie Gesandtschaften der 
Berufe, Handelskammern, Advokaten, Arzte usw. Artil- 
lerie und Infanterie beschließt den Zug. 

9. VI. 
Den Selbstmord strafe ich : beim Versuch mit dauern- 
der Anhaltung im Irrenhause — beim Gelingen mit Ver- 
weigerung des ehrlichen Begräbnisses. 

9. VI. 

Ich brauche das Duell, um ordentliche Offiziere zu ha- 
ben und den Ton der guten Gesellschaft französisch zu 
verfeinern. 

Das S&belduell ist gestattet und wird nicht bestraft, 
wie immer der Ausgang war, vorausgesetzt, daß die Se- 
kundanten das Ihrige taten zur ehrenhaften Beilegung. 

Jedes Säbelduell wird vom Duellgericht erst nachher 
untersucht. 

Den matamore, den Wurzensucher, der sich schwächere 
Partien aushebt, kann das Duellgericht für fernerbin sa- 
tisfaktionsunfähig erklären, wenn er nachweisbar der Be- 

S nerali T««a1iaoiMr I. 65 



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leidiger war ; und wenn er schwere Beschfidigung zugefügt 
hat, kann er vors gemeine Strafgericht gewiesen und nach 
gemeinem Strafrecht verurteilt werden. 
« >t> « 

Das Pistolenduell (oder das amerikanische, wenn ein 
solches wirklich existiert) muß vor Austragung vor das 
Duellgericht gebracht werden, und zwar durch die beider- 
seitigen Zeugen; sonst werden sie bestraft und verlieren 
das Recht, vor dem Duellgericht je wieder su erscheinen. 

Das Duellgericht entscheidet auf Ausfechten mit S&- 
bela oder, wenn ein Teil körperlich inferior ist, auf Un- 
terlassen des Duells, oder endlich es füllt den geheimen 
Spruch. 

Diesen geheimen Spruch vernehmen nur die beiden 
Duellanten — die Sekundanten müssen sich zurOcksie- 
hen. Der geheime Spruch (für den ich eine geheime 
Instruktion verfassen werde) erkennt aufs Duell in einer 
nicht minder schweren, aber dem Staate nützlichen Form. 
Da nur Ehrenmänner im Zweikampf stehen können, wäre 
der Geschädigte jedenfalls der Staat, der noch lange jeden 
tüchtigen Mann brauchen wird. 

Darum werden diese Duellanten auf lebensgefährliche 
Missionen ausgeschickt, die der Staat eben braucht. Ein- 
mal kann es Choleraimpfung sein, andermal die Be- 
kämpfung eines Volksfeindes. So bleibt die Lebenswette 
des Duells erhalten, und wir ziehen daraus herrlichen 
Nutzen. 

9. VI. 

Städtebau: 

Schwierigkeit : Marge für Ausbreitung und doch nicht 
unbewohnt aussehen. Zu lösen vielleicht durch Garten- 
städte. 



66 



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In alleo Ortsgruppen PIftne und Bilder der homea, 
die wir von unseren jungen Architekten (Preise) entwer- 
fen ließen. 

Auswahl, Zahlungsmodi, Tarife. 

* * * 

Prämien auf Fruchtbarkeit und gute patriarchalische 
Erziehung der Kinder. 

* « * 

VnskiUed laboar haben wir gleich für Hunderttau- 
sende, n&mtich: Straßen, Wege. 

Ein Bois de Boulogne bei der Hauptstadt, resp. umge- 
kehrt. — 

Dem Familienrat und früher schon in GUon: Das 
R'sche Vermögen. Ich spreche davon. Was geht das Sie 
an? werden R's einwenden. Wir kümmern uns auch 
nicht um das Herzische Vermögen. 

Gemacht Es geht mich an. Jeder Politiker muß es in 
seinem Wachsen als Öffentliche Gefahr ansehen. 

Ich aber kümmere mich darum, weil es eine Gefahr für 
die Juden und zwar die furchtbarste ist und weil ich der 
Gestor der Juden werde, mich aufwerfe. 

Milder vor Familienrat: 

Ich werde im Verlaufe der Auseinandersetzung von 
Ihrem Vermögen sprechen müssen. Wollen Sie mir die- 
ses Recht zugestehen oder soll ich auch das erst begrün^ 
den? 

Kryptogame Pflanze des Judentums, hat beide Ge- 
schlechter: Kapital und Arbeit. (Man sieht nur das Ka- 

pitai.) 

9. VI. 
Da ich Gartenstfidte anlegen will, habe ich ein Di- 
a; Entweder die St8dte in auagerodete Wftlder hin- 



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einbaueo (vielleicht kürzer, aber Fachleute werden mir 
sagen, was dagegen spricht) oder Bfiume zwischen HSu- 
ser pflanzen — wodurch mir der Reklame^Eindruck, das 
Zauberhafte verloren geht, aber ich kann die StSdte füh- 
ren, wie ich will; freilich sehen sie dann aus, wie in 
die Baumschule geschickt. 

4> * >t> 
Jedenfalls Gartenkünstler auf meine Landnahme-Ex- 
pedition mitnehmen, Gartenbaumeister. 



Zu Schiff und überall muß gearbeitet werden, meine 
Herren vom Generalstabe. 



9. VI. 

S...S Schwager sehnt sich schon nach i4Tagen nach 
dem Wiener Kaffeehaus. Folglich werde ich drüben 
hin auch Wiener Caf£s treu verpflanzen. Mit solchen 
kleinen Mitteln erreiche ich die erstrebte Illusion der 
alten Heimat. 

Hinhorchen nach solchen kleinen Bedürfnissen. Sie 
sind sehr wichtig. 

• ♦ * 

Dem Familienrat: 

Zwei Kategorien Juden: mit und ohne Lokomotion, 

Die ohne Lokomotion heb' ich aus und setze sie über 
— sie werden es kaum merken. Die andern, die sich 
fortbewegen können — Sie und ich — die bleiben be- 
weglich nach wie vor und werden geachtet. 
« * * 

Unsere Zusammengehörigkeit! Wollen Sie ein Bei- 
spiel dafür? 



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Eh bien: Ich komme beute, ein fremder Mann, sage 
Ihneo im Vertrauen meine geheimsten Absichten. 

Es ist m^lich, daß wir schließlich kSmpfen — aber 
wie feindliche Brüder — .wobei man sieb immerbin ge- 
genseitig totschlagen kann. 

9. VI. 

Ich spreche von Ihrem Vermögen — nicht weil Ihr 
Name Synonym des Geldes geworden — denn ich habe 
dafür keinen Sinn, ich hin kein Geldmenscb. 's fehlt mir 
dasAugl 

* * * 

Der Mann, der den vom Dampf gehobenen Deckel eines 
Teekessels zeigte und sagte: damit werde ich Menschen, 
Tiere und Lasten ziehen und der Welt ein anderes Aus- 
seben geben — wurde als Verrückter ausgelacht. 

Na, ich werde Ihnen nicht nur das Prinzip am Teekessel 
leigea, sondern die ganze fertige Lokomotive. 

* * * 

Meine Vergleiche sind zu blendend, machen Sie stutzig. 
Jetzt denken Sie, wenn ich Sie blende, von denen ich 

— wenn auch nicht für mich — looo Millionen will, wie 
'ich die blenden werde, die ich reich, frei und glücklich 

mache. 

9. VI. 
Für Glion : Die R's sollen sich sofort entscheiden. Ja 

— Nein. Ich habe keine Zeit zu verlieren. Ich habe drei- 
zehn Jahre gebraucht. 

Familienrat: Ich w&ble Aristokratie, weil ich für die 
Zukunft elastische Regierungsform brauche. Monarchie 
würde zur Revolution führen. 

Für Republik sind wir nicht tugendhaft genug, Montes- 
quieu. 



«9 



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Familienrat. 

Wenn nicht mit Ihnen — gegen Sie! was meine ich 
damit? Ich werde nicht Ihr Vermögen als ein schlecht 
erworbenes bezeichnen. Da müßte ich lOgeo. 

Ich bin kein Erpresser und kein Pamphletist (sondern 
ein Staatsmann und zwar ein jüdischer). 

Ich werde nur sagen: es ist zu großl Dadurch volks- 
schädlich, weil Vermögen schneller wächst als Volks- 
wohlstand. — Von einem unbefangenen Juden wird das 
Aufsehen erregen, 

10. VI. 

Dem Deutschen Kaiser: 

Wenn Juden auswandern, muß das Rückgang der Ame- 
rikawanderer zur Folge haben. Sie gewinnen, resp. er- 
halten dadurch unverfälschte Nationale, beugen einem 
Umsturz vor, der vielleicht schwer zu begrenzen wäre, 
schwächen den Sozialismus, dem die bedrängten Juden 
zulaufen müssen, weil sie von anderen Parteien versto- 
ßen sind, und gewinnen Zeit für Lösung der sozialen 
Frage. 

« * * 

Mein Anfangs-Sekretär (E. S . . .) wird die naturwissen- 
schaftlichen Kundschafter rekrutieren. Geographen, Geo- 
logen, Chemiker, Techniker, Botaniker, Zoologen usw. 

* * * 

10. VI. 
Auf politische Umtriebe, die den Untergang des Rei- 
ches herbeiführen können, steht Verbannung oder — 
wenn das Individuum in der Verbannung schaden könnte 
— Tod. 

Aber schon die Verbannung aus der bezaubernden Hei-> 
mat wird furchtbare Strafe sein. 

70 



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iO. VI. 
Meine stetige Sorge muß sein, daß gesund gewirtschaf- 
tet wird. Keine Versettelung, keine Gaspillage. Das ist 
keine curie für Habgierige und Faulenzer. Das soll kein 
Panama, sondern ein Suez werden. 

Amnestie I 

Alle in der Gefangenschaft begangenen — auch Eigen- 
tums-Delikte sind politisch verziehen, haben keine Ehren- 
folgen (natürlich wird der gesunde Sinn der Bevölkerung 
keine notorischen Gauner zu Ehrenfimtem bestellen, et 
au hetoin jy veüla-ai). Es soll für Juden ein neues Leben 
beginnen. Aber strenge Strafen für neue Delikte drübea I 
Abschiedsdelikte (hinterlassene Schmutzereien) werde ich 
nur civUiter fassen, durch jenes privilegierte Pfandrecht. 

iO. VI. 
So lange als möglich keine Steuern, höchstens indi- 
rekte, die aber die Kongrua des kleinen Mannes nicht an- 
greifen. 

* « * 

Auch keine Luxussteuern, denn ich brauche den Luxus 
für den Markt. 

Gern werde ich französische Offiziere (Juden) neh- 
men, nur dürfen sie keine gallischen Chauvinisten sein. 



Aus dem Heer der anskiUed labouren wird man auf- 
steigen können durch Fleiß, Intelligenz, Tüchtigkeit, wie 
im Napoleonischen Heer. 

Jeder kann Arbeitsmarschall werden. Ich werde es 
ihnen euch oft in popul&ren Anreden sagen und si^en 
lassen. 

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Für besondere Leistungeo, die ich sehe, erhöhe ich so- 
fort deD Arbeitsraag und die Bezüge. Dieses dramatische 
Element wirkt auf die Massen. 

Sobald mir actions d'dcba — auf die zu vigilieren ich 
besonders Auftrag gebe — gemeldet werden, belohne ich 
sie schleunigst. 

* ♦ * 

Dem Arbeitsheer möglichst militSrSlinliche Organisa- 
tion geben. 

* * * 

Dienst im Arbeitsheer führt wie in der Armee zur Pen- 
eionieruDg. 

* * ♦ 

Nur die Ehrenzeichen muß ich für Lebens-Einsetzung 
sparen. 

Auch werde ich durch Adelsverleihuog große persön- 
liche Opfer geleistet bekommen. 

Für Geld darf bei uns weder Adel noch Orden zu haben 
sein. Ich werde die bis zur Reichsgründung anderwSrts 
erworbenen ohne Rücksicht auf ihre Erlangung nostri- 
fizieren. 

Später nur mehr die auch anderwärts auf wirklich 
adelswürdige Weise. Ein Jude wird sich nicht das por- 
tugiesische Marquisat kaufen und bei uns nostrifizieren 
können. Aber wenn er in Portugal für gläniende Taten 
(die ja auch auf uns zurückstrahlen) geadelt wird, er- 
kenne ich ihn daheim an. 

Immer wird das vom Adelsamt genau zu prüfen sein, 
individualisieren. 

Dem Familienrat: 

Ich nehme die abgerissene Tradition unseres Volkes 
wieder auf. Ich führe es ins Gelobte Land. Glauben Sie 

7» 



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nicht, daß es eine Phantasie ist. Ich bin kein Architekt 
von Luftschlössern. Ich baue aus Bestandteilen, die Sie 
sehen, greifen, prüfen können, ein wirkliches Haus. Hier 
ist der Plan. 



Bemerken Sie, daß der nSchste europäische Krieg un- 
ser Unternehmen nicht schädigen, sondern nur fördern 
kann, weil alle Juden ihr Hab und Gut drüben in Sicher- 
heit bringen werden. 

Die Feigen werden sich bei uns ihrer Wehrpflicht ent- 
ziehen wollen, wenn's zum Krieg kommt. Aber so wie 
ich die Desertion zu uns herüber im Frieden begünstigen 
will, so werde ich sie im Krieg hindern und zwar wegen 
der Judenehre. 

Wer so lang mit der Adhäsion gewartet hat, soll jetzt 
erst seine alte Pflicht tun, sich schlagen, und nach dem 
Krieg werden wir ihn mit allen Ehren aufnehmen, mit 
viel größeren als sein früheres Vaterland. Wir bekom- 
men ja so gediente Krieger in unser Heer, die den Tod 
gesehen haben und das Prestige unseres Heeres erhöhen. 



ObrigeoB werden wir beim Friedensschluß schon als 
Geldgeber dreinreden und Vorteile der Anerkennung auf 
diplomatischem Weg erzielen. 

10. VI. 

Grenzen der Preßfreiheit weise ziehen. Verleumder an 
den Pranger, und schwere Geldstrafen. 



Herrenhaus für Adel, aber nicht erblich. Eine Wür- 
digkeitssichtung muß vorhergehen. 



73 



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Das muß ich noch vertiefea, wie ich den alberDea Er- 
ben anderer L&nder vorbeuge. 



Herrenhaus wird vieDeicht aus drei Gruppen bestehen. 

Eine vom Adel gewählte, 

zweite, von Regierung (Dogen) ernannte, 

dritte, indirekt wie in Frankreich gewählt. 

Ich habe ein Gefühl wie einst im evangelischen Gym- 
nasium in Pest in der achten Klasse: daß ich bald die 
Schule verlassen würde. Es kam ja dann durch den Tod 
meiner armen Schwester noch früher als ich gedacht I 

So habe ich jetzt ein Vorgefühl, daß ich die Schule 
des Journalismus verlassen werde. 



Amnestie verstehe ich nur als Ehrenamoestie für ver- 
büßte Verbrechen. Flüchtige Verbrecher (Juden) werden 
wir ausliefern gegen Reziprozität. 



AuslieferungsvertrSge mit Ausnahme der Friedensde- 
serteure. 

* * * 

Literarische Verträge! Anfangs werden wir zahlen, 
später bekommen, weil wir ein Volk von Denkern und 
Künstlern sein werden. 



Dem Familienrat: Anleihe wird vielleicht gar nicht 
öffentlich aufgelegt zu werden brauchen: erspare Kon- 
zessionen an Regierungen für Bewilligung. 



74 



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Das Bewegliche wird zu uns fliehen, wenn wir'a nur 
im Vertrauen herumsagea. Wir werden einfach ein Ren- 
teobuch aufmachen und schreiben Rente ein, unbegrenzt 
— und erwerben dafür Land, machen auswSrtige An- 
leihen usw. 

* * * 

Es ist aufier Transport, Industrie usw. auch Riesengeld- 
geschaft. 

Und eigentlich bin ich da/in noch immer der Drama- 
tiker. Ich nehme arme, verlumpte Leute von der Strafie, 
stecke sie in herrliche GewSnder und lasse sie vor der 
Welt ein wunderbares, von mir ersonnenes Schauspiel 
aufführen. 

Ich operiere nicht mehr mit einzelnen Personen, son- 
dern mit Massen: der Klerus, das Heer, die Verwaltung, 
die Akademie usw., für mich lauter MassenunitSten. 

* * * 

Dem Familienrat: Ich mufi die Sache kurzweg beim 
Namen nennen. Glauben Sie deshalb nicht, daß ich ein 
schroffer Mensch bin. Aber ich weiß vorllufig nicht, 
ob ich mit Ihnen oder gegen Sie gehen werde. Darum 
würden mich Schnörkel der Höflichkeit kompromittieren 
und meine spätere Aktion wie eine Rache aussehen lassen. 

* * * 

1i. Jani 1895. 
Arbeitskompagnien werden wie MilitSr unter Klingen 
einer Fanfare zur Arbeit ausziehen und ebenso heimkehren, 

* * •* 

Frauen- und Kinderarbeit in Fabriken gibt's nicht. Wir 
brauchen rflstige Geschlechter. Für bedürftige Frauen 
und Kinder sorgt der Staat. 

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Die , .vergessenen Mädchen" werden für Kindergärten, 
Pflege von Arbeiterwaisen usw. verwendet. 

Aus diesen von Freiern vergessenen Mädchen bilde ich 
das Korps der Gouvernanten für die Armen. Sie bekom- 
men Staatswohnung, genießen Ehren (gleichwie jeder 
Gentleman zuvorkommend gegen Gouvernanten ist) und 
werden schließlich pensioniert. Aber sie kiSnnen ebenso 
hierarchisch aufsteigen, wie Männer. 

Sittliche Aufführung Bedingung. Der Leiter des Per- 
sonalamtes wird dadurch eine wichtige Person. Ich muß 
dafür einen milden, gerechten, weltkundigen, älteren 
Mann nehmen und ihn beständig überwachen, denn seine 
Fehler können viel Schaden stiften, Unzufriedenheit und 
Erbitterung hervorrufen. 

Ich will aber ein glückliches Volk haben. 

Das Schiff 

Keiner wird das Gefühl der Loßreißung haben, denn 
das ganze Erdreich gebt mit. 

Eine Truppe von Schauspielern, Sängern und Musi- 
kanten wird die Überfahrt verkürzen, so wie auf jedem 
Schiff, wie für Belehrung, auch für Unterhaltung ge- 
sorgt sein wird. 

Aber Hazardspiele werden nicht geduldet. 

Meine Beamten dürfen überhaupt nicht spielen. Denn 
diese Ableitung der Intelligenz ist nicht mehr nötig. Wir 
brauchen und verwenden alle Geisteskräfte. Die Aben- 
teuerlust, die sich im Spiel auslebt, soll vielmehr den 
Boden unserer neuen Erde düngen. 

Ich selbst war als Jüngling ein Spieler — gleich Les- 
sing und Laube und vielen* anderen, die später doch or- 
dentliche Männer geworden sind — aber ich war es nur, 
weil mein Tatendrang keinen Abfluß hatte. 



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Dies werde ich zuerst ab milde Ermahnung den Spie- 
lern sagen. Wer aber nicht folgt, den verstoße ich aus 
meinem Dienst. 

Spielen dürfen nur Kinder und Alte. Das Spiel der 
Kinder muß aber der körperlichen Ausbildung dienen) 
Lauf- und Ballspiele, für Jünglinge Kricket, für MSd- 
chen Tennis. 

Die ruhigen Spiele müssen dazu dienen, die spätere Ent- 
wicklung des Geistes vorzubereiten. Zeichnen, Malen, Le- 
sen von sinnvollen Märchen, Bauspiele für Hebung der 
Kombinationslust u. dgl. 

Die Alten dürfen Karten spielen, auch nicht Hazard, 
weil sie den Zuschauern Lust machen könnten, und weil 
sich das für Patriarchen nicht ziemt. Ich will aber die 
Familie patriarchalisch haben. 

Allerdings werde ich vornehme Spielcercles dulden, 
aber Mitglieder nicht unter vierzig Jahren und hohe Spiel- 
kartensteuer für Staatseinkünfte. 

11. VI. 

Die Juden, welche bisher Konsulardienst verschiedener 
Mächte versehen, können in unseren diplomatischen Dienst 
übernommen werden. Natürlich werden sie individuell 
auf ihre Eignung geprüft. 

Es kann Tüchtige unter ihnen geben, die sich den Ton 
und die Formen der Diplomatie angeeignet haben. Ein 
Recht darauf, übernommen zu werden, hat a priori kei- 
ner. Die Nützlichkeit für uns entscheidet. 

Da wir ihnen aber vorläufig keinen Schutz angedeihen 
lassen können, werden wir ihnen keine schnarrenden Titel 
geben, sondern sie Agenten nennen, was sie mit ihren 
bisherigen Konsulaten verbinden können. So deckt sie 
ihr bbheriges Ansehen. 

Wir dürfen unsere diplomatischen Titel, die später zu 

77 



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hohem Ansehen kommen werden, nicht anf Anglich Ucher- 
licb machen lassen. 

Die Yachtbesitxer können unsere Berufsseeleute wer- 
den und sich aufs Kommando unserer sp&teren Kriegs- 
flotte vorbereiten. 

Wenn wir nach Sädamerika gehen, was wegen der Ent- 
fernung vom militarisierten und versumpften Europa viel 
für sich hfttte, müssen unsere ersten StaatsvertrXge mit 
sQdamerikanischen Republiken sein. 

Wir werden ihnen Anleihen gew&hren für. territoriale 
Begünstigimgen und Garantien. Eines der wichtigsten Zu- 
geständnisse, das sie uns machen müssen, ist die Gestal- 
tung der Schutztruppen. 

Anfangs brauchen wir ihre Erlaubnis. Allmihlich wer- 
den wir erstarken, uns selbst alles gewähren, was wir 
brauchen, und allen Trotz bieten können. 

VorlSuHg müssen wir vom Auf nahmestaat Schutz durch 
dessen Truppen erhalten. Später werden wir uns mit ihm 
unabhängig verbünden. 

Wir müssen eine südamerikanische und eine euro- 
päische Politik haben. 

Sind wir in Südamerika, wird die Bildung unseres 
Staates Europa längere Zeit entgehen. 

In Südamerika können vrir anfänglich nach den Ge- 
setzen, Auslieferungsverträgen usw. des Aufnahmestaates 
leben (Europa gegenüber). 

Unsere Schutztruppe wird immer zehn Perzent der 
männlichen Auswanderer betragen. — 

Die Überfahrt soll nach Ortsgruppen und gesellschaft- 
licher Zusammengehörigkeit vor sich gehen. 

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Es wird Schiffe I., IL und III. Klasse geben. Jedes 
mit Belehrungen und Unterhaltungen seiner Art. 

Dadurch wird das aufreizende Beispiel der Standes- 
unterschiede (durch viele Tage in nfidister NShe ange- 
sehen) vermieden. 

Auch bezahlt jeder selbst seine Überfahrt. Ich will den 
Luxus, aber nicht den unfruchtbaren Neid. 
* * * 

Ich will den Luxus als Förderer der Könste, als Ziel 
und PrSmie. Es spornt zu großen Bemühungen an, wenn 
man die Genüsse der Erde sieht und wenn man weiß, daß 
sie durch redliche Arbeit erreichbar sind. 

Wenn es mir nicht gelingt, die R's, und auch nicht die 
ZwergmillionSre zu bekommen, veröffentliche ich den 
ganzen Plan als Buch. 

,J)ie Lösung der Judenfrage" hei Duncker und Hum- 
blot, denen ich aber nur die ersten fünf Auflagen zu den 
Bedingungen des „Palais Bourbon" gebe. Für spätere 
haben sie nur das Vorzugsrecht. 

Im Buch „Die Lösung usw." erzähle ich alle Schritte, 
von Hirsch über Rothschild zu den Zwergmilllonfiren. 

Vorwort: Man kam auch mit dem elektrischen Licht 
zu Rothschild. Er verstand es nicht. 



Die Gefahr des R'schen Vermögens wird natürlich nicht 
in der Art der Pamphletisten geschildert werden, sondern 
mit meinem eigenen beständigen Ernst. 

Jeder polemische Zug unterbleibt. Mir ist es ja um 
die Seche zu tun. Und es wird schon für die Juden von 
ungeheurer Wohltätigkeit sein, daß ein Jude das sagt, 
der doch außer Zweifel ist, der nie ein Geschäft gemacht 
hat, am allerwenigsten mit seiner Feder. 

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1i. VI. 

S. G's Antwort war gestera fSlHg und ist heute noch 
nicht da. Dadurch werden meine Gedanken auf das Buch 
gelenkt. Ich mache mich damit vertraut, daß es nicht 
Tat wird. 

11. VI. 

Im Patais Royal (stehend) : 

Wir sind schlechte Soldaten, weil wir ehrlos sind, weil 
uns nichts hinter den Tod gelegt wird. Und dennoch fehlt 
es nicht an Beispielen, daß wir gut zu sterben verstehen 
(Rede Naquets). Aber wir können nicht Führer werden, 
und die Staaten haben darin recht; sonst wären wir inner- 
halb zweier Generationen überall die BrigadegenerSle, be- 
sonders da der Krieg eine gelehrte Übung geworden ist. 
Und die Völker können sich doch nicht selbst aufgeben, 
indem sie die Angehörigen einer unverdauten und unver- 
daulichen Gruppe zu Führern der Heere machen. 



H. VI. 

Der Wert meines Planes liegt offenbar darin, daß ich 
nur Vorhandenes benütze, unverwertete oder unverwert- 
bare Dinge durch ihre Verbindung fruchtbfu' mache, auf 
alle Leiden Rücksicht nehme (sicherlich auch auf die 
Christen durch Juden zugefügten Leiden), alle erworbe- 
nen Rechte schütze, mit allen menschlichen Regungen 
rechne, Weltangebot und Weltnachfrage bilanziere, die 
Fortachritte der Technik gebrauche und die Traditionen 
heilig halte. 

Vorhin hinein korrigieren: Die Bedächtigen erkennen 
gleich die verläßlichen Pflastersteine. 



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Ja, wir sind eine Geißel geworden für die Völker, die 
uns einst quälten. Die SOnden ihrer Väter rächen sich 
an ihnen. Europa wird jetzt für die Ghetti bestraft. Frei- 
lich leiden wir unter den Leiden, die wir verursachen. 
Es ist eine Geißelung mit Skorpionen, nämlich mit leben^ 
den Skorpionen, die unschuldig daran sind, daß sie nicht 
Löwen, Tiger, Schafe wurden. Die Skorpionen werden 
ja bei der Geißelung am schwersten gemartert. 

Ich könnte einen Massenantrag der kleinen Juden, sie 
hinauszuführen, nur annehmen, wenn mich alle Regie- 
rungen, die es angeht, darum ersuchten, mir ihre wohl- 
wollende Mitwirkung versprächeo und mir die Garan- 
tien für ruhige Vollendung des ungeheuren Werkes gä- 
ben, so wie ich ihnen Bürgschaften leisten würde für 
den Abzug ohne wirtschaftliche Schädigung. 

(Zu Teweles' Brief nachtragen:) Ich muß Daniel De- 
ronda lesen. Vielleicht stehen den meinigen ähnliche Ge- 
danken darin. Dieselben können es nicht sein, weil ein 
Zusammentreffen vieler und eigentümlicher Umstände 
nötig war, um meinen Plan hervorzurufen. 

Wenn wir heim Ausbruch des nächsten Krieges noch 
nicht ausgewandert sind, müssen alle besseren Juden ins 
Feld ziehen, ob sie im stellungspflichtigea Alter „taug- 
lich" waren oder nicht; ob sie noch dienstpflichtig sind 
oder nicht; ob sie gesund oder krank sind. Hinschleppen 
müssen sie sich zur Armee ihrer bisherigen Vaterländer, 
und wenn sie in feindlichen Lagern stehen, aufeinander 
schießen. 

Die einen mögen das für Tilgung einer Ehrenschuld 
ansehen, die anderen als eine Anzahlung auf unsere künf- 
tige Ehre. Tun müssen es alle. 
* * * 

6 Hrnla TaeebOeher I. 8l 



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U. VI. 

S . . . war heute bei mir. Ich bat ihn, mich wShreDd eini- 
ger Tage SU vertreten. Ob ich eioe Zeitung mache? fragte 
er, als ich einige vage Andeutungen machte. 

Eine Zeitungl Ilya belle lurette que je n'y pense plaa. 
Wahr ist freilich, daß ich die praktischen Ideen zuerst 
für die Begründung der „Neuen Zeitung" suchte. 

Wie Saul, der auszog! 

u.yi. 

S . . . s Schwager sagte neulich : Auswandern, ja, ich 
möchte schon. Aber wohin? Schweiz? hat zuerst Gesetze 
gegen Juden gemacht I 

Wohin? über diese Frage habe ich mich innerlich sehr 
irefreut. 

* * ' "■'''• 

über die assUtance par le travail habe ich vor zwei 

Jahren mit Ghlumecky korrespondiert. Er verstand sie 

nicht. 

* * * 

Heute in einer firaaserie beim Ch&tetet diniert. Ich 
weiche allen Bekannten aus. Sie tun mir weh, ahnen 
nicht, wo ich herkomme; und da ist das tfigliche Leben 
schrecklich verletzend. 



Tard au danger, tard aax honneurs. 

Wer wfihrend der ersten zwanzig Jahre unseres Be- 
standes sich uns nicht angeschlossen hat (obwohl er in 
dieser Zeit dreißig Jahre alt oder älter geworden), kann 
kein Amt bekleiden, hat kein passives Wahlrecht. 

Einbürgern kann er sich. 



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Ein technologisches Gewerbemuseum. 



R's verstanden nicht die Jablochkowschen Kerzen, aber 
Guttroanns KohlenvorschlSge. So werden sie vielleicht 
in meiner Idee das Licht nicht begreifen, wohl aber die 
Kohlenseite der Sache. 

Dem Familienrat: Jetzt machen Sie jeden Augenblick 
Geldgefälligkeiten, für minime Toleranzen oder gar für 
Regierungen, die nichts für Sie tun. 

Übernehmen Sie das in eigene Regie — und in zwantig 
Jahren sind wir von der ganzen Welt anerkannt I 

li. VI. 

Ungarn werden Husaren Judas, können prächtige Rei- 
tergenerale werden. 

* * « 

11. VI. 

Jeder Arbeiter, der sich beschwert hat, wird zu einer 
anderen Kompagnie versetzt, damit Aufseher sich nicht 
rSchen können. Oder der Aufseher wird versetzt. 

li.VI. 

Daudet fragte mich, ob ich meinen Judenfeldzug in 
einem Roman machen wolle. Er erinnerte mich an Onkel 
Toms Hatte. 

Ich sagte ihm gleich, daß ich eine m&nnlichere Form 
der Mitteilung wünsche. Ich dachte damals noch an die 
Enquete „Zustände der Juden". 

Heute und je mehr ich darüber nachdenke, scheint mir, 
daß es wirklich unter meiner Würde wäre, meinen Plan 
der Menge durch Liebschaften und kleine Scherze mund- 
gerecht zu machen, wie es Rellamy in seinem Zukunfts- 
roman tut. 



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Es fiele mir ja leicht, da ich ein gelernter „Beltetrist" 
bin. Dennoch muß ich daran denken, das Buch nicht 
ungenießbar werden zu lassen. Es soll ja weit ins Volk, 
in die Völker dringen. 

So möge es auch einen kleinen literarischen Reiz haben. 
Der besteht in der losen Folge der Einfälle, wie sie wäh- 
rend dieser sonnigen Tage des Weltentraums in heiterer 
Fülle mit allen accidenU — wie die Bildhauer sagen („die 
Fingerspur im Ton") — durch meine Seele zogen. 

Dadurch wird auch das BläHern nach Kapiteln in die- 
sem Buch verhindert. Wer es kennen will, muß es lesen. 



Die aasistance par le travail, die mir so wichtig war, 
schalte ich irgendwo ein: n&mlich meinen Artikel in der 
Neuen Freien Presse. 

Das Buch wird „meinen Eltern, dem Herrn Jacob und 
der Frau Jeanette Herzl gewidmet". 



Das Schiff der Särge 1 

Wir nehmen auch unsere Toten mit. 



Manches in diesen Aufzeichnungen wird lächerlich, 
fibertrieben, verrfickt erscheinen. Aber, wenn ich wie bei 
meinen literarischen Arbeiten Selbstkritik geübt hätte, 
wären die Gedanken verkrüppelt worden. Das unge- 
heuerliche dient aber dem Zweck besser als das Verküm- 
merte, weil die Restriktionen jeder leicht machen kann. 

Künstler werden es verstehen, warum ich, bei im übri- 
gen recht klarer Vernunft, die Übertreibungen und Träume 
zwischen meinen praktischen, politischen und gesetzge- 
berischen Einfällen wuchern ließ wie grünes Gras zwi- 

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sehen Pflastersteinen. Ich durfte mich nicht aufs Nüch- 
terne herunterschrauben. Dieser leichte Rausch war not- 
wendig. 

Ja, Künstler werden das ganz verstehen. Aber es gibt 
so wenig Künstler. 

H. VI. 

Vielleicht mache ich im Buch typc^aphisch den Un- 
terschied zwischen den zwei Traumwelten, die durch- 
einanderrauschen, bemerkbar, indem ich die Phantasien 
mit anderer Schrift drucken lasse. So werden die Lieb- 
haber gleich sehen, wo und wie das Gras wichst — an- 
dere werden es hSren — und die übrigen erkennen die 
soliden Pflastersteine. 



Die parallelen F&ltchen der Epidermis eines Künstlers 
in der Bronze. 



Brief an Güdemann vom ii. VI. iSgS. 

Hochgeehrter Herr Doktor I 

Dieser Brief wird Sie in jeder Beziehung überraschen ; 
durch das, was er sagt, wie durch das, was er verschweigt. 

Ich habe mich entschlossen, an die Spitze einer Aktion 
für die Juden zu treten und frage Sie, ob Sie mir behilf- 
lich sein wollen. 

Sie b&tten zunSchst folgendes zu tun: einen genauen 
Bericht zu verfassen über alles, was Sie von der gegeu- 
wirtigen moralischen und politischen Lage der Juden 
wissen, nicht nur in Wien und Österreich-Ungarn, son- 
dern auch in Deutschland, Rußland, Rum&nien usw. Ich 
meine, keinen Bericht mit beglaubigten Zahlen, weil Ihnen 
das viel Zeit rauben würde und der Beriebt in zwei, drei 

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Tagen fertig sein muß. Die festen Ziffern und authen- 
tischen Belege werden wir uns in einem sp&teren Zeit- 
punkte verschaffen. Vorläufig will ich nur die allgemeine 
und treue Darstellung von ihnen bekommen. Je höher 
der Standpunkt ist, den Sie wShlen, je weniger Sie in 
Einzelheiten eingehen, desto erwünschter ist es. Natür- 
lich werden Sie die Beispiele für Ihre Behauptungen wäh- 
len, wie es Ihnen beliebt. Es wird also zu berücksichtigen 
sein : Bewegung der Juden in den genannten L&ndern (Ge- 
burten, Heiraten, Tode nach Berufsarten), wahrnehmba- 
rerer Zug der Ortsveränderung (Beispiel von Galizien 
nach Niederösterreich), ob und wieweit diese Ortsver- 
Snderungen vom Antisemitismus hervorgerufen oder ge- 
hemmt sind, eine charakteristische Übersicht der zu Ihrer 
Kenntnis gekommenen schwereren oder leichteren Juden- 
verfolgungen (in Parlamenten, in Presse, in Versamm- 
lungen, auf der Straße) — Zeichen, ob der Antisemitismus 
wachse und in welchem Verhältnis oder abnehme — offi- 
zieller und offiziöser Antisemitismus, Judenfeindschaft 
in Schuten, Amtern, geschlossenen und freien Berufs- 
arten. 

Das sieht aus, als ob ich eine sehr schwierige Denk- 
schrift von Ihnen verlangte. Nein, nur das, was Ihnen im 
Augenblick von all diesen Dingen bekannt ist, wollen Sie 
fixieren. 

Einem so wort- und federgewandten Manne wie Sie, 
der sicher viel und ernst über die Sache nachgedacht hat, 
kann es nicht schwer falten, das in einigen Stunden nie- 
derzuschreiben oder zu diktieren. Wenn Sie aber dik- 
tieren, darf Ihr SchreÜMr nicht erfahren, für welchen 
Zweck es geschieht. — 

Ich will schon an dieser Stelle auf das dringendste um 
völlige Geheimhaltung unseres Briefwechsels, wie aller 



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folgenden Schritte, ersuchen. Die Sache ist unendlich 
ernst. Sie können das daraus ersehen, daß ich selbst mei- 
nen Eltern und nSchsten Angehörigen kein Wort davon 
sage. Ich verlasse mich auf Ihre Verschwiegenheit. 

Den vorhin geschilderten Bericht hitte ich Sie, mir nach 
Caux, oberhalb vonTerritet am Genfer See, mitzubringen. 
Dort werden wir, wenn Sie mir Ihre werte Hilfe leisten 
wollen — heute in acht Tagen, also Dienstag den i8. Juni, 
zusammentreffen. Warum dieser Ort gewählt wurde, 
werden Sie dort erfahreu. Wenn Sie mit dem Berichte 
nicht ganz fertig geworden sind, werden Sie mir ihn dort 
mündlich ergänzen. Sie wollen aber nicht allein kommen, 
sondern mit einem tüchtigen und ernsten Mann, der Ihre 
Angaben nach anderen Richtungen vervollständigt. Ich 
brauche nämlich in Gauz einen geistlichen und einen 
weltlichen Juden. Meine Wahl fiel zuerst auf den Ihnen, 
glaube ich, wohlbekannten Herrn Salo Cohn. Ich schrieb 
ihm vorigen Donnerstag, 6. Juni. Seine Antwort war 
gestern fällig. Sie ist bis heute nicht da. Ich kann nicht 
länger warten. 

Ich wollte mich zuerst seiner Mitwirkung versichern, 
habe ihm jedoch nicht mitgeteilt, daß ich nachher auch an 
Sie herantreten wolle. Nachher, weil mir Ihre Mithilfe 
— ich hoffe, es war kein Irrtum — von vornherein ge- 
sichert erschien. Sie kennen mich wohl weniger persön- 
lich ab aus meinen Zeitungsarbeiten; und ich denke mir, 
daß Sie mich so ernst nehmen, wie ich wirklich bin. 

Und es ist möglich, daß ich S. G.'s Antwort nach Ab- 
gang und vor Eintreffen dieses Briefes bekomme. In die- 
sem Falle werde ich Sie telegraphisch bitten, sich mit 
ihm in Verbindung zu setzen. 

Sie wieder wollen mir freundlichst, sobald Sie Ihren 
Entschluß gefaßt haben, wenn möglich noch am Tage 

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der Ankunft meines Briefes, telegraphieren : „Einverstan- 
den" — oder „bedaure unmöglich". Fügen Sie auch 
Ihre jetzige Adresse (wahrscheinlich Baden?) hinzu, da- 
mit ich Ihnen telegraphieren könne. 

Wenn S. G. sich der ernsten und hohen Aufgabe, mit 
der ich ihn ehren wollte, nicht unterzieht, müssen wir 
einen anderen Mann suchen. Die Wahl überlasse ich 
Ihnen. Ich will nfimlich keinen meiner Verwandten, sonst 
h&tte ich vor allem meinen Vater gebeten. Der zweite 
Herr soll ein Geschäftsmann sein. Auch er hat einen 
Bericht nach Caux mitzubringen, und zwar über folgen- 
des: ungefShre Darstellung der jüdischen Erwerbsver- 
hättnisse in den erwähnten Ländern, Vennögensvertei- 
lung (Schätzung der Anzahl großer, mittlerer und klei- 
ner Vermögen). Ich weiß, daß es nur eine ganz vage 
Schätzung sein kann, aber auch die genügt. In welchen 
Ländern besitzen die Juden viel unbewegliches Gut; Zu- 
stand des jüdischen Unternehmungsgeistes (ob er wächst 
und in welchem Verhältnis — oder abnimmt), Stimmung 
in Geschäftskreisen, Verhältnisse jüdischer Kleingewerbe- 
treibender und Fabrikanten (Franz- Josefs-Quai usw.). 

Auch dieser Bericht soll kein ängstlich ziffernmäßiger, 
sondern möglichst freier, lebendiger, ungezwungener und 
wahrer im Gesprächston sein. Diktieren ist dazu gut. 

Darnach sehen Sie, was für einen Mann wir brauchen, 
einen ruhigen, überlegenen, unbefangenen Menschen, 
nicht zu jung; und jedenfalls muß er ein geachteter Mann 
von sicherem Auftreten sein, wegen der Aufgaben, die 
später seiner harren. Leider muß ich hinzufügen, daß 
ich einen wohlhabenden vorziehe, denn unsere besitzlosen 
Juden sind recht gedrückt und lialtungslos. Für den 
Zweck, den Sie in Caux kennenlernen werden, muß aber 
auch der zweite Herr ein würdiges, unabhängiges Beneh- 



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meD haben. Der von Ihnen Gewählte wird mich vermute 
lieh dem Namen nach kennen und vielleicht Vertrauen 
in mich setzen. Denn ich weiß wohl, daß einiges Ver^ 
trauen erforderlich ist angesichts der Zumutung, eine 
inmierhin große Reise zu machen, deren Zweck einem 
nicht deutlich genug gesagt wird. 

Da es mir nun absolut unmöglich ist, mich schriftlich 
klarer auszudrücken, kann ich mich nur unter eine Mut- 
willenastrafe setzen. Wenn Sie beide, meine Herren, in 
Gaux finden sollten, daß ich Sie unnötig bemüht habe, 
werde ich Ihnen dort tausend Francs aushändigen, die 
Sie freundlichst an Ihre Privatarmen verteilen mögen. 

Und nun, Herr Doktor, bitte ich Sie, zu kommen. £s 
handelt sich um eine ganz große Sache für unsere armen, 
unglücklichen Brüder. Sie sind ein Seelsorger. In Caux 
erwartet Sie eine Pflicht. Mehr kann ich Ihnen nicht 
sagen. 

Ich grüße Sie in herzlicher Verehrung 

Ihr ergehener 

Theodor Herzl 
37, rue Cambon. 
« • « 

1i, VI. 

Im Brief an Hirsch sage ich : „Mit meinen 35 Jahren ist 
man in Frankreich Minister, und Napoleon war Kaiser." 

Ich finde jetzt, daß ich in der Eile die Meinung schlecht 
formuliert habe. So sieht es größenwahnsinnig aus. Ich 
meinte nur: folglich darf ich wohl auch über den Staat 
nachdenken, und dieses Alter kann schon die Reife eines 
Staatsmannes enthalten. 

//. VI. 

Der Gedanke, in Gaux am Genfer See mit den zwei 
Juden zusammenzutreffen, ist in mancher Hinsicht schön: 

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Dort sind sie berausgeDOmmea aus ihren gewöhnlichen 
engen, gedrOckten Vorslellungen. 

Sie sehen, wie die Materie fiberwunden wird. Und ich 
werde an Rousseau denken, der einen Gesellschaftsver- 
trag sah, wo ich die jiegotioram gestio entdeckte. 



H, VI. 

Die kleinen Juden werden sich vielleicht zusammentun, 
in Ortsgruppen das Geld beschaffen, das R's nicht her- 
geben wollten. Aber werde ich es nehmen können, nach- 
dem ich das ganze Pr<^ramm der Welt erzählt habe? 

Die großen Juden werden das Werk durch ihre Wei- 
gerung vereitelt haben, wodurch freilich sie zuerst leiden 
dürften. 



Dennoch wird die Veröffentlichung mittelbar den Ju- 
den nützen. — Manche meiner Gedanken, wie über Duell, 
Selbstmord, Förderung der Erfinder, Börsenmonopol, 
reisende Beschwerdekommisaionen, sind für alle Völker 
gut. So wird man den Juden vielleicht milder begegnen, 
weil aus ihren Leiden und ihrem Geist diese Anr^^ngeo 
hervorgetriebeo wurden. 

12. Jani 1895. 

Ich muß einen Arbeitsplan nicht nur führen, sondern 
von ständiger Kommission führen lassen. 

Die Arbeitsplan-Kommission, Obmann ein systemati- ' 
scher Kopf. 

* * * 

12. VI. 

Beschränkte werden sich weigern, wenn ich sie auffor- 
dere, ihre Pensions-Institute usw. hiaüberzunehmen. Da 



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muß das Beispiel siegen. Pensionsinatitute, die in Be- 
tracht kommen, sind dreierlei : 

I. wo nur Juden Mitglieder (Chewras u. dgl.) ; die sind 
am leichtesten zu verpflanzen, man grfibt sie mit allen 
Wurzeln aus. 

3. WO Juden in Mehrzahl sind (Beispiel: Wiener ,Con- 
oordia'): da beschließt man in Generalversammlung 
Vermögensaufteilung oder findet die Minorität bar ab 
und verpflanzt das übrige wie vorstehend. Sehr wirkungs- 
voll wfire auch, der MioorttSt die Immobilien zu über- 
lassen (was weniger kostet als es gleich sieht, weil dop- 
pelte Umschreibung erspart wird). 

3. wo Juden nur vereinzelt sind (wie Beamtenverein), 
da muß auf Guthaben entweder verzichtet werden (wir 
entschidigen ja alle unsere Leute, die etwas verloren ha- 
ben — Solidaritätsprinzip) — oder wenn es die Statuten 
zulassen, wird Pension zediert — oder die Bezüge nach 
dem Ausland erbeten. 

* * * 

12. VI. 
Auf dem Landuahmeschiff können außer dem Gene- 
ralstab der Gesellschaft auch Vertreter der Ortsgruppen 
mitfahren (vielleicht gratis), um drüben Pl&tze für ihre 
Anlagen zu ergreifen. Diese Vertreter müssen Vollmacht 
haben, die Ortsgruppen zu verpflichten; und sie (nicht 
die Gesellschaft) sind ihren Mandanten verantwortlich für 
' Platzwahl usw. 

* * * 

12. VI. 
Es wird bei Verteilung dieser neuen Welt gerecht vor- 
gegangen! 



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Ich werde spXter den Zeitpunkt meiner Ortagruppea- 
Rundreise feststellea. 

Die Rundreise wird etwa zwei Monate, spXtestens einen 
Monat, vor Abgang des Landnahineschiffes stattfinden. 

Ich werde freilich nur die größten St&dte aufsuchen 
können. 

Die Art dieser Zentralisierung noch zu Oberlegen. Ob 
ich meine Missionäre in Distrikte schicke — dazu würden 
sich beide S . . . a gut eignen — könnten auch bei Einteilung 
Europas in zwei oder vier Distrikte in zwei Monaten fer- 
tig sein. Oder ob ich für eine Schar wandernder Scho- 
laren Vorträge halte und die Burschen dann hinausstreue 
über die Länder? Vielleicht ersteres zuerst, wo die Sache 
noch mit Vorsicht und Heimlichkeit gemacht werden muß 
— und letzteres später. 



i2. VI. 
Die Gefahr der „Geheimbündelei" überall behutsam 
umgeben. Darum muß unsere offizielle Propaganda von 
den besonnensten Leuten gemacht werden. Decken wer- 
den wir uns, indem wir den Regierungen unsere „geheime 
Instruktion" zur Gutheißung vorlegen. Wir wollen ja 
im Einvernehmen mit den Regierungen vorgehen — nur 
ungestört vom Parlaments- und Preßpöbel. 

* * * 

t2. VI. 
Es wird sieb übrigens wie ein Lauffeuer verbreiten. 



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Eine vortreffliche Idee wäre es, anständige und akkre- 
ditierte Antisemiten zu den Vermögeas-Liquidatoren her- 
anzuziehen. 

Sie wären vor dem Volk unsere Bürgen, daß wir keine 
Verarmung der verlassenen Länder herbeiführen wollen. 

Anfänglich dürften sie dafür nicht reichlich bezahlt 
werden, sonst verderben wir uns die Instrumente, machen 
sie als „Judenknechte" verächtlich. 

Später werden ihre Bezüge wachsen, endlich werden 
wir in den verlassenen Ländern nur christliche Beamte 
haben. 

Die Antisemiten werden unsere verläßlichsten Freunde, 
die antisemitiBchen Länder unsere Verbündeten. 

Wir wollen ab geachtete Leute fortziehen. 

12. VI. 

Kein Judenblatt I 

Judeublfitterl Ich will die Herausgeber der größten Ju- 
denblätter (Neue Freie Presse, Berliner Tageblatt, Frank- 
furter Zeitung usw.) bewegen, drüben Ausgaben zu ma- 
chen, wie New York Herald in Paris. 

Zur Verpflanzung der Gewohnheiten gehört auch das 
Leibblatt zum Frühstück. 

Die Blätter behalten ihre Leser, genügen einem Bedürf- 
nis — das bald enorm sein wird — der Zurückgebliebe- 
nen, kabeln einander die Nachrichten zu. Anfangs wer- 
den die Ausgaben drüben die kleineren sein. Dann wer- 
den die alten verschrumpfen und die neuen groß werden. 

Die christlichen Bedakteure bleiben hier, werden sich 
befreit, wohl fühlen, die jüdischen gehen hinüber, wer- 
den reich und angesehen, nehmen an der Politik tätigen 
Anteil — tatsächlich sind jetzt die Journalisten die ein- 
zigen Juden, die etwas von Politik verstehen. 

Der beste Beweis bin ich. 



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Auch für moralische Prefivergehen Amnestie. Alle 
sollen ein neues Leben beginnen. Aber drüben von vorn- 
hereiD anständig. sein I Ehrengerichte wie die der Ad- 
vokaten. Der Journalismus soll frei sein, aber seine mei- 
nungspriesterliche Ehre haben und wahren. So werden 
wir auch die anständigste Presse der Welt haben. 



Das Versicherungsamt I 

Wird ein großes Ressort werden, wahrscheinlich eige- 
nes Ministerium erfordern. Wir beginnen mit einem Di- 
rektor der Versicherungen. 

Das Kapital ist im Staat (anfänglich in der Society) 
graben. 

Wir verwenden alle jüdischen Versicherungs-Privat- 
beamten (jener verurteilte Wiener P . . . bekommt eine gute 
Stellung), sie werden natürlich Staatsbeamte, können hoch 
steigen. 

Versicherung ist eine erprobte, bekannte Unternehmung 
in allen Zweigen, wie Bank, Bahnen, Telephon usw. Das 
Privatkapital hat da kein Recht mehr, Vorteile zu ziehen, 
weil keine Gefahr mehr vorhanden. 



12. VI. 
Maßgebend für Förderung oder Hinderung des Privat- 
unternehmens ist die Gefahr. Wo keine Gefahr, darf 
kein Unternehmergewinn stattfinden. Hingegen werden 
wir weitherzig jede unbekannte Unternehmung dulden. 



Brüder Hirsch veranlassen, drüben einen „Louvre" tu 
hauen. 



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12. VI. 

Meine russischeD Juden, die das große Reservoir der 
unskiUed laboarer» bilden, werden als Arbeitsheer orga- 
nisiert. 

Sie sollen Arbeitscbargen bekommen, wie im Heer, 
vielleicbt sogar knit Abzeicben. Sie sollen nach der 
Tücbtigkeit und Anciemietftt aufsteigen. Jeder hat den 
Marschallstab im Tornister. Ich will keine Helotenmasse, 
die ewig im Elend bleibt. Für die Arbeiterpensionierung 
verwende ich nach und nach alle tabaktrafikfihnlicben 
Einrichtungen, die eine Graduierung ja zulassen, nach 
Ortsverschiedenbeit. 

12. VI. 

Frage, ob Tabakmonopol? 

Wabrscheinlicb ja. Eis ist die ertrSglicbste Form der 
indirekten Steuer, ist den meisten aus ihren bisherigen 
LSndem bekannt, zieht die großen Genießer stärker her- 
an ab die kleinen, gibt mir Gelegenheit, Tabakpflanzun- 
gen anzulegen (im Pacbtverhlltnis, mit Sanktion der Ent- 
lassung wegen Steuerfrevels), Tabakfabriken zu bescbfif- 
ttgen und ich bekomme Trafiken zur Vergebung als Pen- 
sionen für Arbeiter. 

12. VI. 

Alle großen jüdischen Fabriken, Unternehmungen usw. 
veranlassen, drüben Filialen zu errichten (analog den jen- 
seitigen Ausgaben der BIStter). So können sie ihre Vor- 
räte ebensowohl wie ihre Geschäftserfahrungen allmSh- 
licb hinübersetzen. 

Das ist die Verpflanzung der Geschäfte I und gibt gleich 
Arbeit, Verkehr usw., entspricht Bedürfnissen in bishe- 
riger Weise. 

Auch bei der Verpflanzung der Geschäfte gebt allmib- 

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lieb das Verlassene in den Besitz von Cbristen über. Kri- 
sen werden verhindert. 

Eine Menge neuer woblhabender Menschen steigt in 
den verlassenen Ländern auf. 

Man wird den Juden, deren Geschäftsgeist schließlich 
das alles so sinnreich eingerichtet bat, zum Abschied 
dankbar und freundlich die Hand schütteln. Auch da der 
Beginn der Judenehre I 

* * * 

Überhaupt möchte ich alle Pensionierungen, wenn 
möglich, in der Form solcher mühelosen Beschäftigungen 
durchführen. 

Die Siechenhäuser sind Stätten der Grausamkeit gegen 
die Seelen. Der alte Mensch wird da schon vom Leben 
abgesondert, vor der Zeit begraben. Das Alter wird ihm 
zum Gefängnis — und das gilt als Lohn für ein braves 
Leben. Durch meine Trafik-Pensionierung erhalte ich 
auch dem alten Menschen die Freiheit, die Teilnahme am 
Leben, gebe ihm die tröstende Illusion der Nützlichkeit, 
beschäftige ihn sanft, lasse ihn nicht hinbrüten ; und wenn 
er sich kleine Genüsse verschafft, braucht er nicht scheu 
um sich zu blicken. 

Die Tabaktrafiken werden zugleich ausschließliche 
Verschleißstellen der Zeitungen. Das erhöht die Ein- 
nahmen der Pensionisten. Den Zeitungen ist es' ange- 
nehm — und man kann sie an diesen Knotenpunkten 
konfiszieren, wenn sie die äußere oder innere Sicherheit 
des Staates gefährden. 

Kein Stempel. Aber Kaution zur Sicherung gegen 
Mutvnlleu, Böswilligkeit, Gemeinheit, Zuchtlosigkeit und 
gewinnsüchtige Manöver. 

Diese Kaution kann von vornherein den ak sittlich be- 



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kaiiDten ZeitungsunterDehmern erlassen werdeo. Sie kann 
apSterbin zurückgegeben werden, wenn eine Zeitung sich 
als rein bewährt hat. Sie kanu über die Befreiten wieder 
verhfingt oder erhöht werden, als Begleitstrafe zu einer 
Verurteilung wegen Mißbraucbes der Preßgewalt. 

Den Mißbrauch der Preßgewalt (ein neues Delikt) 
möchte ich aber einem Schöffengericht zur Beurteilung 
vorlegen. Nie und nimmer darf ein Blatt wegen oppo- 
sitioneller Haltung verfolgt werden, solange es sich nicht 
verwerflicher Mittel bedient. Die Frage ist sehr ernst zu 
erw&gen, wie der Presse eine gesunde Freiheit erhalten, 
und die Frechheit verhindert wird. Vielleicht delegierte 
Schöffengerichte? 

12X1. 

Jedenfalls Branntweinmonopol. 

Einige Vorteile, &hnlich wie beim Tabakmonopol, Fa- 
brikation und Trafiken. Letztere dienen auch zur B&< 
kämpfung der Trunksucht, wie Maklerschaften zur Be- 
kämpfung der Spielsucht. Denn die Verleitung zum 
Trinken durch Kreditgewährung usw. kann man unter 
graduierte Geldstrafen, die bis zur Entziehung des Ver- 
schleißes gehen können, stellen. 

* * * 

12. VI. 

Der Übergang von Society zum Staat ist ein kompli- 
ziertes Problem. 

Das muß man beim Verfassen des Gesellschaftsver- 
trages und der Statuten bereits in endgültiger Weise fest- 
stelleu. Denn die Society wird ungeheuren Gewinn ha- 
ben, von denen sich der Aktionär nicht gerne trennt. 

In dem Augenblick, wo der Staat ins Leben tritt, wird 
die Society verstaatlicht — wahrscheinlich so, daß der 

7 BenU Tasebaoher t. Q^ 



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Staat zu einem festgesetztea Preis« sftmtlicbe Aktien er- 
wirbt, aber die Society ia ibrer bisherigen Recbtssubjek- 
tivitSt beläßt, also als engliscbes Rechtssubjekt, weil wir 
nicht so bald die Machtmittel haben werden, Ansprüche 
unserer Staatsangehörigen oder des Staates selbst durch- 
zusetzen. J2 yj 

Bei der Landnahme bringen wir dem Aafnahmestaate 
gleich Wohlfahrt zu. Den Privatbesitz der angewiesenen 
LSndereien müssen wir sachte expropriieren. 

Die arme Bevölkerung trachten wir unbemerkt über die 
Grenze zu schaffen, indem wir ihr in den DurchzugsISn- 
dern Arbeit verschaffen, aber in unserem eigenen Lande 
jederlei Arbeit verweigern. 

Die besitzende Bevölkerung wird zu uns übergehen. 
Das Expropriationswerk muß ebenso wie die Fortschaf- 
fung der Armen mit Zartheit und Behutsamkeit erfolgen. 

Die Immobilienhesitzer sollen glauben, uns zu prellen, 
uns über dem Wert zu verkaufen. 

Aber zurückverkauft wird ihnen nichts. 

* * * 12. VI. 
Selbstverständlich werden wir Andersgläubige achtungs- 
voll dulden, ihr Eigentum, ihre Ehre und Freiheit mit den 
härtesten Zwangsmitteln schützen. Auch darin werden 
wir der ganzen alten Welt ein wunderbares Beispiel geben. 

Anfangs wird man uns übrigens meiden. Wir stehen in 
schlechtem Geruch. 

Bis der Umschwung in der Welt zu unsern Gunsten sich 
vollzogen haben wird, werden wir schon fest in unserem 
Lande sitzen, Zuzüge Fremder nicht mehr fürchten und 
unsere Gäste mit edlem Wohlwollen, mit stolzer Liebens- 
würdigkeit aufnehmen. 

* * * 

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12. VI. 

Die gutwillige Expropriation wird durch unsere ge- 
beimeo Ageuten gemacht. Die Gesellschaft würde zu 
teuer kaufen. 

Wir verkaufen dann nur an Juden, und alle Liegen- 
schaften bleiben nur im Commercium der Juden. Nur 
wird das freilich nicht in der Form von UngOltigkeits- 
erkllning anderer Verkäufe geschehen können. Selbst 
wenn das nicht gegen das moderne Rechtsgefühl der Welt 
wSre — reichte unsere Macht nicht aus, es durchzusetzen. 

Wir müssen daher jeden unserer Immobiiienverkäufe 
durch ROckkaufsvorzug der Gesellschaft sichern. Und 
zwar haben wir, wenn sich der Eigentümer des Guts ent- 
lußero will, das Recht, zu unserem ursprünglichen Ver- 
kaufspreis zurückzukaufen. Wir fügen jedoch eine ex- 
pertgericbtlich festgestellte Entschädigung für ange- 
brachte Verbesserungen hinzu. Der Eigentümer ernennt 
einen SachverstSndigen, wir einen der unseren; und wenn 
sie sich nicht einigen können, wählen sie zur Entschei- 
dung einen freien Dritten. 

Dieses Vorzugsrecht des Rückkaufes ist privilegiert und 
kann durch keine Hypothek gebrochen werden. 



Übrigens wird die Society auch Hypothekarkredit ge- 
währen, in einer Abteilung. Das ist eine Tochterbank, 
die natürlich wie alle anderen Töchterinstitute „drüben" 
verstaatlicht wird. 

Die Privat-Rankbeamten hüben werden allmSblich 
Staatsbeamte drüben, mit reicheren Rezügen, Ehren usw. 

Für die gutwillige Expropriation muß man sich ein- 
heimischer Subageoten bedienen, die nicht wissen dürfen, 
daß ihr Auftraggeber selbst ein geheimer Agent ist und 



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den zeatralisierfen Weisungen der „Güterkauf-Kommis- 
sion" gehorcht. 

Diese geheime Kaufaktion muß gleichieitig, wie 
durch den Druck auf einen elektrischen Taster, durch- 
geführt werden. Unsere geheimen Agenten, die drüben 
als Erwerber für eigene Rechnung auftreten, erbalten das 
Signal: MarchezI 

In der nächsten Woche müssen alle Verkäufe abge< 
schlössen sein. Sonst verteuern wir uns maßlos die Preise. 

Selbstverständlich muß dem eine Aktion sorgfältiger 
Vorerhebungen in Grundbüchern (wo welche existieren), 
durch vorsichtige Umfrage, Erforschung der einielnen 
Verhältnisse usw. vorangehen. 

Gutsbesitier, die durch ihr Alter, ihre Gewohnheiten 
usw. an ihrer Scholle haften, erbalten den Antrag, daß 
man sie gänzlich umpflanzen werde — wohin sie wollen, 
gleich unseren eigenen Leuten. Dieser Antrag wird erst 
gemacht, wenn aUe anderen abgelehnt wurden. 

Wird auch dieser nicht angenommen, schadet es weiter 
nichts. Dieses enge Verhältnis zur Scholle kommt nur 
hei kleinem Besitz vor. Der große ist für Geld zu haben. 

Sollten an einzelnen Punkten viele solcher unbeweg- 
licher Besitzer sein, werden wir sie einfach lassen und 
unseren Verkehr nach anderen Punkten hin, die uns ge- 
hören, entwickeln. 



Die geheimen Landkfiufer sind nicht freie Agenten, 
sondern unsere Beamten. 

Es wird ihnen im vorhinein gesagt, daß jeder Versuch, 
direkt oder indirekt hei diesem Anlaß eine Landspeku- 
lation zu machen, die sofortige Entlassung cum infamia 
für immer nach sich ziehe. 



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I 



Wohl aber werden sie wie alle unsere Beamten Vor- 
zugsrechte der Platzwahl für ihre HSu&er erhalten, die 
wir ihnen billig und aus Gehaltsabzügen nach dem Amor- 
tisationsprinzip bauen. 

Separatnotiz : 

Muß ich 's als Buch machen, so wird alles zu vermeiden 
sein, was wie Prospekt aussieht. 

Ich mufi den kleinen Juden und Regierungen nahe- 
legen, mich darum zu bitten; aber wenn ich's nicht d'an 
air abiolument ditachi mache, so werde ich Ucherlich 
und ein für den herrlichen Zweck untaugliches Instru- 
ment. 

* * * 

S2. VI. 

Wenn uns auf dem Landnahmeschiff das neue Land 
in Sicht kommt, wird die Fahne der Society gebißt (die 
spSter Staatsfahne wird). 

Alle müssen sich entblößen. Grüßen wir unsere Fahne I 

Mit einer schlechten billigen Fahne in der Hand, steigt 
der erste ans Land. Sie wird dann im Nationalmuseum 
aufbewahrt. 

i2. VI. 

Für die Legende eine eigentümliche Kappe bauen las- 
sen, wie Stanley. Bei der Landnahme den gelben Fleck 
tragen, und alle Landnebmer bekommen das gelbe BSnd- 
chen. 

j2 yj, 

Roman. Held: 

Eine seiner Tischreden auf dem Schiff wird das Thema 
der Judenehre haben. 

Nachher werden die gelben Bändchen an alle Anwesen- 
den verteilt. Daß es ein Orden wird, kann er vielleicht 
in dem Augenblick noch nicht sagen. 



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Er verteilt es nur als ErianerungszeicheD. Eine Liste 
hat er vorher anfertigea lassen. Jeder bestStigt dea Emp- 
fang des kleioen silbernen Zeichens am gelben Band. 

Diese Liste wird aufbewahrt. Es sind die ersten Ritter 
der Judenehre. 



Drüben wird das Zeichen von Anfang an getragen. Er 
schreibt es nicht vor — ,^eht es nur gern". Unbefugte 
dürfen es nicht tragen. 

* * * 

12. VI. 

Eine juristische Schwierigkeit, wie der noch nicht vor- 
handene Staat sich den Ankauf der Society-Aktien sichern 
soll. Übrigens, Obergang kann vielleicht nur unter mora- 
lische Garantien gestellt werden. 

12. VI. 

Diese südamerikanischen Republiken müssen für Geld 
tu haben sein. Wir kijnnen ihnen jährliche Zuschüsse 
geben. Aber nur für etwa zwanzig Jahre, d. h. bis wir 
zum Selbstschutz stark genug sind; sonst wird es ein 
Tribut, der mit unserer künftigen Würde nicht verein- 
bar wSre und dessen Einstellung zum Kriege führen 
könnte. 

Dauer der Zuschüsse wSre zu bemessen nach der Zeit, 
die uns von unserem Kriegs-Direktor als genügend be- 
zeichnet würde, um allen diesen vereinten Republiken ge^ 
wachsen zu sein. 

Aber man könnte anfangs — bevor sie noch wissen, 
daß wir hinübergehen — große Zugest&ndnisse erhalten, 
für die bloße Aussicht, ihnen etwas Geld um ein Perzent 
billiger zu borgen I 



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i2. VI. 

Über Geldbedarf tig'keit, innere Partei verbfiltnisse, Strö- 
mungen usw. dieser Büdamerikaniscben Republiken wfiren 
frOher diskrete, delikate Forschungen anzustellen. 

Es ist im großen eine gutwillige LandentSußerung. 

* * * 

Aber zu diesen Dingen besonders brauche ich die Roth- 
schilds. 

Und wemi sie nicht wollen? 

Ja, dann werden sie es eben büßen. 

* * * 

Da mein Plan jetzt auf den Rothschilds steht, beschSf- 
tigen sie mich natürlich sehr. Ich kenne nur einige vom 
Sehen. Nur von zweien weiß ich etwas. Albert in Wien 
scheint ein fleißiger Bankier und ganz offener Kopf zu 
sein. Dabei Hofsnob. Man kam zu ihm mit dem Plan 
eines Palais de Glace, wird mir erzählt. Er sagte : „dafür 
hat Wien keid Publikum", und begründete es auf ge- 
scheite Art. 

Alphonse, den Pariser, sehe ich öfter auf der Gasse, 
sah ihn vor Gericht im Prozeß Burdeau-Drumont, wo 
er ein bescheidenes, zitterndes Aussehen hatte. Er duckt 
sich auf feine Manier. Ich sah ihn zuletzt beim Grand- 
Prix und hatte dabei ein eigentümliches Gefühl. Denn 
dieser dürftige, schlotterige Mann besitzt die Mittel, einen 
ungeheuren Strom von Glück über die Menschen zu 
bringen, wenn er meinem Plane folgt. Ich ging einige 
Zeit durch das Gedrfinge hinter ihm her und sah ihn an 
mit meinen Gedanken. 

i2. VI. 

Bacher werde ich einen recht herzlichen Abschiedsbrief 
schreiben. Er war mein Freund, das habe ich gefühlt. 

* * * 

jo3 



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Julius Bauer, der Direktor des Natioaal-Theaters, f&hrt 
auf dem Schiff meiner Familie mit hioOber, um meine 
Eltern unterwegs zu amüsieren . . . (Ach Gott, für den 
Roman ist das ein hübsches Kapitel — aber wenn es 
Wirklichkeit wird, was lebt dann noch von den Passa- 
gieren, die ich mir jetzt ertrSume?) 

* * • i2. VI. 

Diese Aufschreibungen sind mir keine Arbeit, sondern 
nur Erleichterung. Ich schreibe mir die Gedanken los, 
die heraufsteigen wie Lnftblasen in einer Retorte und 
schließlich das Geffiß sprengen würden, wenn sie keinen 
Abzug finden. 



12. VI. 
Diese Aufschreibungen verhindern mich, das Frühere 
in mein Ruch zu bringen. 

Mit der Reinschrift halte ich noch beim Gesprfich mit 
Hirsch. 

Aber das Wachstum der neuen Einfftlle ist wichtiger. 
Wer weiß, wie bald es aufhört? 

Dabei habe ich die Angst, die Heyse in jenem herrlichen 
kleinen Gedicht vom Künstler schildert. 
„Ich bebe: 
Daß ich hinfahren könnte über Nacht, 
Hinfahren, ehe ich dies Werk vollbracht." 
Ah, habe ich es erst im reinen und meine Zettel bei der 
hiesigen Akademie verschlossen niedergelegt, indem ich 
das Ruch abschreiben lasse, dann ist das Gut in Sicherheit 
gebracht und ist ein unverlierbarer Schatz der Menschen. 
Aller, nicht nur der Juden. 

* * • 

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Nach diesen aufrichtigen Aufieichnungea werden mich 
manche für grö&enwahnsinnig halten. Andere werden 
sagen oder glauben, daß ich für mich ein Geschäft oder 
Reklame machen wolle. 

Aber meine Pairs, die Künstler und Philosophen, wer- 
den verstehen, wie echt das alles ist, and sie werden mich 
schützen. 

* * * 

t% VI. 

Den Architekten : 

Typische Pline für Schuster-, Schneider-, Tischler- 
usw. Werkstfitten, die in Massen gedruckt und überall 
verteilt werden. 

Das ist eine Auswanderreklame ! 

Eis wird eine Lust sein, zu arbeiten. Überall, wenn mög- 
lich, das eigene HSuschen erreichen. 



Eine Architekten-Konferenz für Arbeiter-Wohnungen 

Andere Massenpiftne für das „eigene Haus" des Mittel- 
standes, Cottage-System. Auch als Reklame verteilen. 



Tarife und Amortisationen für diese HSuser. Beim 
Bauen (von HSusem, wie von Bahnen, Straßen usw.) 
wollen vrir Privatunternehmer sehr begünstigen durch 
gesunde Baukredite (was noch gut zu studieren ist). 

Die Society wird nur am Bodenwert gewinnen. Der 
Bau soll billig sein, weil ja durch Bauten der allgemeine 
Bodenwert steigt. 

* * * 

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i2. VI. 

Versatzamt : 

Beim Versdtzen muß Name und Wohnort anf^egeben 
werden. Warum, wird den Versetzern nicht heluumt. Die 
Namen derjenigen, welche Betten, Arbeitsmittel, G^en- 
gtSnde des Sußersten Notbedarfes versetzt haben, werden 
der Wohltfitigkeils-Zentrale direkt bekannt gegeben. 

Diese untersucht ebenso diskret, und tut was sie will. 

Durch Führung alphabetischer Listen wird sie die Ge> 
wohnheitsversetzer und Betrüger bald erkennen. 

* • • 12. VI. 
Wir sind derzeit überall Landesstiefkinder. Ich bin 

heute schon unerschütterlich davon durchdrungen, daß 
es mir gelingen wird. 

Wäre es in meinen Gedanken, daran etwas lu gewin- 
nen, so würde ich mir heute mit Beruhigung Geld aus- 
borgen. 

* * * £f^^^^ 
-»—«./^ i2.VI. 

Ich arbeite es aus? 

Neinl ea arbeitet mich. 

Es wfire eine Zwangsvorstellung, wenn es nicht von 
Anfang bis zu Ende so vernünftig wäre. 

Soldie Zustände nannte man in einer früheren Aus- 
drucksweise: Inspiration. 

12. VI. 

Heute steigt mir der Gedanke auf, ob ich nicht viel 
mehr als die Judenfrage löse. 

NSmlich tout bonnement die soziale Frage 1 Ich weiß 
es nicht, glaube es kaum, weil ich ja in allem an die 
Schaffung neuer Verhältnisse denke ; und die Schwierig- 
keit der sozialen Frage ist ja aber, daß man überall in 

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alten MißstSnden, langen Versumpfungen, ererbtem und 
erworbenem Unrecht steckt. Indes ich jungfräulichen 
Boden voraussetze. Aber wenn es w5re, welches Geschenk 
Gottes an die Juden I 



Wenn ich Gott sage, will ich die Freidenker nicht ver- 
letzen. Sie mögen meinetwegen den Weltgeist oder ir- 
gendein anderes Wort an die Stelle dieser lieben, alten, 
wundervollen Abbreviatur setzen, durch die ich mich mit 
den Einfältigen verständige. Wir meinen ja im Seminar- 
Btreit um Worte doch alle ein und dasselbe. Ja, wir mei- 
nen im Glauben wie im Zweifel alle ein und dasselbe: 
daß es unerklärlich ist! 

f2. VI. 

Einen umsichtigen Mann als Quartiermeister hinüber- 
schicken. Noch bevor das Landnahmeschiff kommt. Die 
Landnehmer, besonders die Vertreter der Ortsgruppen 
müssen bereits Komfort finden. 

Der QuartiermeistJer wird später immer größere Auf- 
gaben haben, an' der Spitze eines Ressorts stehen, bis Ar- 
beiter kommen. 

12. VI. 

Proetitution: 

Direkte Lösungen gibt es wohl schwerlich. (Jeden- 
falls wird darüber eine Beratung von Politikern einzu- 
berufen sein. Dichter werden zugezogen, weil sie sich 
ja mit der Liebe anhaltend beschäftigen.) Indirekte Lö- 
sungen sind: 

Patriarchalische Familie, Beförderung junger Ehen, 
die übrigens par la force des ckoses eintritt, weil wir 
Massen junger Menschen beschäftigen, sie gut bezahlen, 
Urnen somit früh Gelegenheit geben, den eigenen Haus- 

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stand zu gründen. Auch werden sie in den Anfängen 
unserer Kultur ein Haus haben wollen, weil es noch keine 
großstädtischen Unterhaltungen, keine leichten Reizun- 
gen und keinen Weibermarkt gibt. 



Auch werden wir Ehemfinoern Gehaltszulagen gehen. 
Heiratsausstattungen in Massen, also billig herstellen und 
zwar für verschiedene Klassen „als Prämien für Fleiß, 
Tüchtigkeit usw." Wir verfolgen dabei den Ehezweck. 



Kinder-Gehaltszulagen. 

* * * i2. VI. 

Wir Juden sind ein eitles Volk. Wir stellen das größte 
Kontingent zu den Snobs der „guten" Gesellschaft. Ein 
adeliger Schmarotzer kann von den Bankiers haben, was 
er will, wenn er vor Leuten bei ihnen speist. 

Aber ich glaube, wir sind nur eitel, weil uns die Ehre 
nicht zugänglich ist. Haben wir erst wieder unsere Ehre, 
so werden wir nicht eitel, sondern ehrgeizig sein. Der 
gute, gescheite Montesquieu mit seinen Ressorts. 



Ich verfeinde mich wahrscheinlich mit den großen Ju- 
den. Na, es wird sich ja in den Angriffen oder im 
Schweigen des untertänigen Teils der Presse zeigen. 

* * * 12. VI. 

Ziehen wir in eine Gegend, wo es für die Juden unge- 
wöhnliche wilde Tiere gibt — große Schlangen usw. — 
so benütze ich die Eingeborenen, bevor ich sie in den 

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DurchzugsIfinderD bescbiftige, dazu, diese Tiere auszu- 
rotten. Hohe PrSmien für Schlangenhiute usw. und für 
die Brut. 

i2. VI. 

Meineb Unskilleds aus Rußland wird mitgeteilt, daft 
sie avancieren kennen und später (wenn sie nicht zu Ar- 
beitsoffizieren taugen) doch wenigstens Trafiken und 
dergleichen bekommen. 

Sie werden und sollen daher den Rest des Siebenstun- 
dentags für Fortbildung in Arbeiter- und Handwerker- 
schulen benützen. 

Da brauche ich wieder ein neues Bildungskorps. Die 
Handwerker-Lehrer. Es kann auch ein Arbeiter sol- 
cher Lehrer werden. 

* * * 

Der Siebenstundentag! 

Natürlich wird nicht nur sieben Stunden im Tag ge- 
arbeitet, sondern vierzehn. 

Zwei Ablösungen, oder vier? Das wird von der Nihe 
der Wohnorte und Schulen abhängen. Denn wenn ich 
die Arbeiter weite Wege doppelt machen lasse, tue ich 
ihnen sehr weh. 

* * * 12. VI. 

Im Palais Royal, bei Militirmusik : 

Meinen Untergebenen, die mir schmeicheln wollen: 

Mich darf man nicht loben, weil man mich auch nicht 
tadeln darf. Denn ich bin der Führer. Ich sage es aber 
nicht nur wegen der Disziplin. Sondern auch, weil mein 
Geist gesund und einfach bleiben muß, wenn ich es durch- 
führen soll. — Ich werde schon an der Art Ihres Gehor- 
sams, an der Wärme Ihrer Begeisterung erkennen, in- 
wieweit ich auf Sie rechnen kann. 



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Welches Beispiel bin ich für die armen, strebsamen 
Juden, wie ich einer war. 

Wäre icb auf Geld aus gewesen, hätte ich mich nie so 
vor die größte Geldmacht der Erde, die Rothschilds, hin- 
stellen kdnnen, wie ich es tun werde. 



Wenn auch GOdemann versagt, schicke ich den Baron 
Jacobs zum Palistina-Rothschild — ich glaube Edmond 
— und lasse mir eine Unterredung verschaffen. 

« * * 

Man wird mir vorwerfen, da& ich Staatssozialismus 
treibe, kein Vorwurf, wenn es wSre — vorausgesetzt, daß 
der Staat das Rechte will, NSmIich nicht den Vorteil 
einer Gruppe oder Kaste, sondern das mähliche Aufstei- 
gen aller zu den fernen hohen Zielen der Menschheit. 

Aber nur Beschränkte oder Böswillige können über- 
sehen, daß ich ,das Individuum frei, groß, reich und 
glücklich machen will. 

* * * 

Ich streiche nur den Unternehmergewinn gefahrloser 
Unternehmungen. 

Drumont verdanke ich viel von der jetzigen Freiheit 
meiner Auffassung, weil er ein Künstler ist. 



Ich wollte nicht noch eine Utopie schreiben. Das alles 
ist wahr, vernünftig, möglich. 
Warum sollte ich es nicht einfach sagen? 



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13. Juni 1895. 

Ob die Mitgift reicher MSdchen nicht zu besteuern 
w»re? 

Man könnte den Ertrag zur Versorgung „vergessener" 
armer MSdchen heranziehen, wie ja inuner eine sittliche 
Korrelation zwischen der Freude der einen und dem 
Kummer der anderen durch Abgaben hergestellt werden 
muß. (Gut ist in Frankreich die Tbeaterbilletsteuer, die 
der axaiitance pablique zufließt. Das werden wir auch 
haben.) 

Die Juden befolgen dieses Prinzip eigentlich schon im 
kleinen und in der planlosen törichten Weise aller bis- 
herigen „Wohltitigkeit". Bei großen Hochzeiten wird 
viel für die Armen gespendet. 

Ich aber will das nicht nur in feste, gesunde Regeln 
bringen, sondern auch die Harten, die nicht der Armen 
gedenken, heranziehen. — Die MitgiftjSger brauche ich 
wahrhaftig nicht zu schonen. (Dabei ist ein schnurriger 
Gedanke, daß auch die Steuer auf den Schwiegervater 
QbergewSlzt werden kann.) 

Den Steuerbetrug vereitle oder bestrafe ich durch Un- 
gültigkeit von ScheinvertrSgen, durch hohe Prämien für 
den Anzeiger, schwere Geldstrafen und dauernde Ent- 
ziehung des passiven Wahlrechts, der Ordens- und Adels- 
fShigkeit. 

* * * 1i. Jani 1895. 
Heute sehr starker Kopfschmerz. — Um mir das Blut 

vom Kopf abzulenken, will ich heute anfangen, bicyklen 
zu lernen. Sonst führe ich die Arbeit nicht aus. 

• • ♦ M. y/. 

Die sittliche Beselifping und das körperliche Glück der 
Arbeit. 



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Gestern dinierte ich mit einem reichen Wiener Jung- 
gesellen, der ein nutzloser Lebemann ist. Er stöhnte über 
die Antisemiten, über das Blutmarchen. Ich brachte ihn 
zum Reden. Ich bestätigte mich so in der Meinung, die 
ich von der Stimmung der reichen Leute habe. Einen 
Augenblick nahm ich diesen Menschen sogar ernst. Ich 
fragte ihn, ob er wohl bereit wäre, für die Judensache 
etwas zu tun. Er schien ein Geldopfer zu vermuten und 
sagte gedehnt: Neinl — Ich berichtigte diesen Irrtum 
rasch und sagte: Beispielsweise eine Reise nach Konstan- 
tinopel? — „Nein," sagte er, „ich bin zu solchen Sachen 
nicht brauchbar. Ich bin zu bequem I" Jawohl! es wird 
lange dauern, bis ich die Juden aus der Bequemlichkeit 
der Gefangenschaft aufwecke, aufrüttle. 

iu. VI. 

Das Gelobte Land, wo wir krumme Nasen, schwarze 
oder rote Birte und gebogene Beine haben dürfen, ohne 
darum schon verächtlich zu sein. Wo wir endlich als 
freie MSnner auf unserer eigenen Scholle leben und in 
unserer eigenen Heimat ruhig sterben können. Wo auch 
wir zur Belohnung großer Taten die Ehre bekommen. Wo 
wir im Frieden mit aller Welt leben, die wir durch unsere 
Freiheit befreit, durch unseren Reichtum bereichert und 
durch unsere Größe vergrößert haben. 

So, daß der Spottruf „Judel" zu einem Ehrenworte 
wird, wie Deutscher, Engländer, Franzose, kurz wie die 
Massen aller Kulturvölker. So, daß vnr durch unseren 
Staat unser Volk erziehen können für Aufgaben, die jetst 
noch hinter unserem Gesichtskreise liegen. Denn Gott 
hätte unser Volk nicht so lange erhalten, wenn wir nicht 
noch eine Bestimmung in der Geschichte der Menschheit 
hätten. 



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Die Fahne f&llt mir ein. Vielleicht eine weiße Fahne 
mit Bieben goldenen Sternen. Und das weiße Feld be- 
deutet unser neues, reines Leben. Wie Sterne sind die 
Stunden der Arbeit. Im Zeichen der Arbeit ziehen wir 

ins Gelobte Land. 

* * * 

H. VI. 

Gfidemann telegraphiert mir heute : 

,3eise mir unmöglich. Salo am Nordkap. Brief folgt. 
Fahre Sonntag nachmittag Baden. Güdemann." 

Ach ja, es wird schwer sein, die Juden dazu zu bekom- 
men. Aber ich werde sie kriegen. Ich fühle eine wach- 
sende Riesenkraft in mir für die herrliche Aufgabe. Es 
wSchst der Mensch mit seinen höheren Zwecken! 



la. VI. 

Dem Familienrat: 

Für mich wSre der Ruhm größer, wenn ich nur mit 
den Armen und Elenden ins Gelobte Land hinüberzöge 
und aus ihnen ein stolzes und geehrtes Volk machte. 
Aber ich will auf diesen Ruhm verzichten, wie ich ja 
auch bereit wfire, ganz in den Hintergrund zu treten. Nur 
muß der Baumeister, solange er lebt, den Bau seihst 
leiten, wie groß auch Sorge, Mühe und Verantwortung 
seien. « * « 

Unsere ganze Jugend, alle, die jetzt zwischen zwanzig 
und dreißig Jahre alt sind, werden von unklaren soziali- 
stischen Richtungen ah- und mir zufallen. Sie werden 
als Wanderprediger in ihre Familien und ins Land hin- 
ausgehen, — ohne daß ich sie erst noch aufzufordern 
brauche. 

Für sie ist ja das Landl 

8 Henk TacBbOolier I. |l3 



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15. Juni 1895. 

Die nichtjüdiscben Exprc^riiertea drüben erhalten 
Dach Vollzug des Kaufs die Option : Betrag in Geld oder 
in Aktien (nach Nominalwert). Keine Uberlistung, nur 
Selbstschutz. 

Die Welt soll ja durch uns etwas kennenlernen, was 
man seit aooo Jahren nicht für möglich hielt: die Juden- 
ehre. 

* « * 

Dem Familienrat; 

Ihre Siteren Herren werden uns mit ihrem Finanz-, 
Bank-, Bahn- und politischen Bat bebtehen, diploma- 
tische Dienste leisten usw. 

Ihre Sehne, und ich möchte, daß Sie möglichst viele 
h&tten, werden im Heer, in Diplomatie usw. nach ihren 
FShigkeiten — aller<lings auch nur nach ihren Fihig- 
keiten — führende Rollen spielen, Provinzen verwalten 
usw. 1 

Mit Ihren Töchtern werden Sie unsere besten Offiziere, 
feinsten Künstler, genialsten Beamten belohnen. Oder 
auch weiter nach Europa verheiraten, wie die Amerika- 
ner, was ich für ganz nützlich halte. Es soll nur Ihr 
Geld recht weit zerstreut werden. 

15. VI. 

Heute ein einzelner und einsamer Mann. Morgen viel- 
leicht der geistige Führer von Hunderttausenden. Jeden- 
falls der Finder und Verkünder einer mSchtigen Idee. 



Zu den ZwergmillionSren schicke ich meine Vertreter . . . 

Lasse die MillionSre, die noch Judentum in sich haben, 
beim Rabbiner zusammenkoomien, ihnen die Rede vom 
Rabbiner vorlesen. 

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Die Rabbiner, die nicht mitwollen, werden beiseite ge- 
schoben. Der Zug ist unauffaeltsain. 



Aber die Rabbiner werden Stützen meiner Organisation 
sein, und ich werde sie dafür ehren. Sie werden die Leute 
aneifern, auf den Schiffen belehren, sie drüben aufklä- 
ren. Zum LfOhn werden sie in eine schöne, stolze Hierar- 
chie gegliedert, die freilich immer dem Staat unterworfen 
bleibt. 

15. VI. 

Im Schreiben, und besonders wenn mir die ernste fest- 
liche Stimmung auf den Schiffen und drüben die An- 
kunft, der feierliche Empfang einfiel, habe ich oft ge- 
weint über dos Unglück meines Volkes. 

Aber wenn ich das Volk führen werde, darf ich keine 
TrSnen zeigen. Der Führer muß einen harten Blick 
haben. 

* * « 

15. VI. 

Ich glaube nicht an die Börsenlust unserer Leute. Un- 
sere Leute sind gute Familienväter. Und der besorgte 
Familienvater geht mit Bangen an die Börse. 

Aber wohin soll er im bisherigen Leben sonst gehen? 

* * * 

16. Juni 1895. 

Ich habe in diesen Tagen öfters befürchtet, irrsinnig 
ni werden. So jagten die Gedankenzüge erschütternd 
durch meine Seele. 

Ein ganzes Leben wird nicht ausreichen, alles auszu- 
führen. 

Aber ich hinterlasse ein geistiges Vermichtnis. Wem? 
Allen Menschen. 



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leb glaube, icb werde unter den grdßl«n Wobltitem 
der Menscbbeit genannt werden. 
Oder üt diese Meinung scbon der Größenwahn? 

* * * 

i6. VI. 

Ich muß vor allem mich selbst beherrschen. 

Wie Kant sich aufschrieb : An Johann darf nicht mehr 
gedacht werden. 

Mein Johann ist die Judenfrage. Ich muß sie rufen und 
wegQcbicken können. 

16. VI. 

Niemand dachte daran, das Gelobte Land dort lu su- 
chen, wo es ist — und doch liegt es so nahe. 

Da ist es: in uns selbsti 

Ich Iflge niemandem etwas vor. Jeder kann sich über- 
zeugen, daß ich die Wahrheit rede. Denn jeder nimmt 
ein Stück vom Gelobten Lande in sich und mit sich hin- 
über. Der in seinem Kopf, der in seinen Händen und der 
dritte in seinen Ersparnissen. Das Gelobte Land ist dort, 
wohin wir ea tragen 1 



Ich glaube, für mich hat das Leben aufgehört und die 
Weltgeschichte begonnen. 

* * * 

16. VI. 
Anfangs werden wir nur in aller Stille an uns und für 
uns arbeiten. 

Aber der Judenstaat wird merkwürdig werden. Das 
Siebenstundenland ist nicht nur das Musterland für so- 
ziale Versuche, nicht nur die Schatzkammer der Kunst- 
werke — auch in aller Kultur ein Wunderland. Es wird 

ii6 



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ein Ziel för die Kulturwelt, die uns besuchen kcnnmen 
wird, so wie man nach Lourdes, Mekka, Sadagwa geht. 
Verstehen Sie mich endlich? Aber am stärksten bin ich 
auf der dritten Stufe. Da habe ich die ganxe Welt für 
mich, Juden, Christen, Volk, Bürgerliche, Adelige, Kle- 
rus aller Konf essiooea, KCnige und Kaiser I 

* « * 
Sadagora. 

Auf niemanden wird ein Gewissenszwang ausgeübt, auf 
alle wirken die leisen Verführungen der Kultur. 



Die pied» croUi» vor der Börse, alle verlorenen und 
gescheiterten Existenzen nehme ich auf, gebe ihnen ein 
neues Leben! Sie werden unsere besten Mitarbeiter 



16. VI. 

Ich bin drei Stunden im Bois herumgegangen, um mir 
die Qual neuer GedankenzOge loszugehen. Es wurde im- 
mer ärger. Jetzt sitze ich bei Pousset, schreibe sie auf 
— und mir ist leichter. Ich trinke freilich auch Bier. 

Der Judenstaat ist ein Weltbedürfnis. 



Wenn Sie mich in einen Gegensatz zu Ihnen zwingen, 
werde ich auf der sweiten Stufe, an die ich nicht recht 
glaube — mfiglioh ist's ja immerhin — alle mittleren 
und kleineren Millionäre um mich versammeln. Eine 
tweite formidable jüdische Geldmacht marschiert auf. 

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Denn ich werde in der ersten Zeit, wo ich für die voll 
eingezahlte Milliarde noch keine Verwendung habe, Bank- 
geschäfte machen müssen. 

Ich habe auch gegen das Bankgeschäft keinen Wider- 
willen, wenn es der Zweck erfcurdert, so wenig wie gegen 
Spedition, Bau usw. 

Aber wird Europa Sie und uns vertragen? 

Da zittert schon die Erde. 

16. VI. 

Eine der Hauptschlachten werde ich dem Judenspott 
liefern müssen. 

Dieser Judenspott stellt im Grunde den kraftlosen Ver- 
such von Gefangenen dar, frei auszusehen. Darum rührt 
mich dieser Spott eigentlich. 



i6. VI. 

Sobald wir konstituiert sind, alle diplomatischen und 
Landkäufe beendet sind, gebe ich die Bede (mit R's Ab- 
Snderungswünschen) der Neuen Freien Presse, weil ich 
als ihr Korrespondent es fand. Nun wünsche ich, daß die 
Neue Freie Presse den anderen Blättern, auch den Anti- 
semiten, Auszüge zur Verfügung stelle. Berliner Tage- 
blatt auch. 

* * * 

16. VI. 

Ein schöneres Sadagoral 

Wir werden von den Kulturvölkern auch und besonders 
die Toleranz gelernt haben. 

Sie hatten ja den guten Willen, uns zu emanzipieren. 
Es ging nicht mehr, an den alten Wohnorten. 



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Das Börseomonopol wird wahrscheinlich die erste Sache 
sein, die uns Europa nachmacht. Und das drfiogt mir die 
xt^rnden, die feigen Juden zu. Sie werden ein bißchen 
sp&t nachkommen. 

Auch da geht der Zug hinweg über die Widerwilligen. 

15. VI. 

Familienrat. 

Sie sehen, wir überlisten niemanden. Wir tun auch 
niemandem Gewalt an — außer uns selbst, unseren Ge- 
wohnheiten, bösen Neigungen und Fehlern. Aber wer 
etwas Großes tun will, muß zuerst sich selbst überwinden. 



15. VI. 
Wem es beliebt, den Kaftan zu tragen, der soll es ruhig 

und ungeschoren weiter tun. 

Wir werden nur den Grundsatz der modernen Hygiene 
durchführen, zum Wohle aller. 

Einschalten: Familienrat: 

Staat kann durch gütliche Expropriation Fabriken usw. 
erwerben, an welche die Finanzminister nie zu denken 
wagten. 

* * * 
Einschalten: 

Aktien für Expropriierte. Rückkaufsrecht der Society. 

* * * 

16. VI. 
S. . . war heute bei mir und gpOttelte: ich sShe aus, als 

ob ich den lenkbaren LufÜiallon erfunden bitte. 
— Hm, vielleicht! dachte ich mir und schwieg. 

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Zweiter Brief an GüdemaaD. 

i6. VI. 1895. 
Hochgeehrter Herr Doktor I 

Ihr Brief macht den EiDdruck wieder gut, den ich von 
Ihrer Depesche hatte. Ich dachte mir ein bißchen zornig: 
Da soll einer den Juden helfen wollen 1 Was mich freilich 
nicht abhielt, in der Sache selbst rüstig weiter zu gehen, 
so wie ich, um alles unbekümmert, weiter gehen werde 
bis ans Zielt Wer mir helfen will, ist hochwillkommen; 
er tpt nichts für mich, alles für sich selbst. Wer atörrig 
oder gleichgültig ist, über den gehe ich hinweg. 

So hat mich Ihre Depesche selbst im ersten Augenblick 
nicht matt gemacht und nur geärgert. Gleich nachher 
sagte ich mir: ich muß ihm nicht deutlich genug zu ver- 
stehen gegeben haben, wie verzweifelt ernst es ist. Tat- 
sächlich ist mein Vorhaben so ernst wie die Lage der 
Juden, von der sich die Juden, glaube ich, in ihrer dump- 
fen Ermattung gar nicht klar genug Rechenschaft geben. 

Ferner sagte ich mir : der Mann kennt mich nicht, das 
heißt nur ganz flüchtig; wir haben ein paar gleichgültige 
oder scherzende Worte ausgetauscht, und in der Zeitung 
liest er von mir Aufsitze der leichtesten Form. Aber Ihr 
Brief hat mich versöhnt. Es ist darin der Ton, der mir 
zusagt, den ich für meinen Zweck brauche. Ich errate, 
Sie werden mir der richtige Helfer sein, einer der Helfer; 
denn ich werde viele Helfer brauchen. 

Sie sind erstaunt, daß ich ein so warmes Interesse für 
„unsere Sache" habe. Sie ahnen jetzt noch gar nicht, 
welchen Hitzegrad dieses Interesse erreicht hat. Ich hatte 
es allerdings früher nicht. Mein Judentum war mir 
gleichgültig; sagen wir: es lag unter der Schwelle meines 
Bewußtseins. Aber wie der Antisemitismus die flauen. 



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feigen und streberiscben Juden zum Christentum hio- 
übwdrQckt, so hat er aus mir mein Judentum gewaltig 
faervorgepreßt. Das hat mit Frömmelei nichts zu tun. 
Ich bin bei aller PietSt für den Glauben unserer Väter 
kein Frömmler und werde es nie sein. 

Daß ich nichts Religionswidriges vorhabe — im Gegen- 
teil — , geht daraus hervor, daß ich mit den Rabbinern, mit 
allen Rabbinern gehen will. 

Nach Caux habe ich Sie und den Geschäftsmann aus 
iwei Gründen gerufen. Erstens weil ich Sie beide aus 
Ihrer gewohnten Umgebung herausnehmen und in die 
hohe Bergfreiheit versetzen wollte, wo das alltägliche Le- 
ben versinkt; wo Sie in einer Gletscherbahn vor Augen 
haben, wie sehr der menschliche Erfindungsgeist schon 
die Natur überwunden hat, und Sie so für meine unge- 
wöhnliche Mitteilung in eine genügend ernste und doch 
freie Stimmung geraten wären. 

Der zweite Grund war, daß ich mich durch Wochen 
mit Schreiben schwer angestrengt habe, noch weiter an- 
strengen muß in unabsehbarer Zeit, und mich zwei, drei 
Tage erholen wollte von der ungeheuren Arbeit, die ich 
dabei doch nicht verlassen hfttte, weil ich sie nicht mehr 
verlassen darf. 

Ich hätte Ihnen mündlich alles auseinandergesetzt und 
dabei den Eindruck beobachtet; die Zweifel widerlegt 
und dabei immer von einem an den anderen appelliert. 
Denn in den Punkten, wo der eine mich nicht verstanden 
hätte, im Geistlichen oder im Weltlichen, hätte der andere 
unbefangene Mann bestätigt, daß ich mich fortwährend 
auf dem Boden fester Tatsachen bewege. 

Ein reicher oder wohltätiger Mensch brauchte Ihr Be- 
gleiter nicht zu sein; denn ich bin mit meiner Sache we- 
der auf die Reichen noch auf die Wohltätigen angewie- 



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Ben. Es wSre auch BcfaUmiii, wenn es so wäre. Nur ein 
unabhängiger Jude sollte es sein. 

Sie beide aber waren dazu bestimmt, meine ersten Ge- 
hilfen zu sein. Da ich Sie nicht gleich haben kann, brauche 
ich auch den anderen nicht. 

Nun wäre ich sofort an andere MSnner herangetreten, 
wenn ich, wie gesagt, aus dem Inneren Ihres Briefes nicht 
erkannt hStte, daß Sie dennoch der richtige Helfer siod. 
Ich hätte andere gefunden ; und wenn nicht, wäre ich eben 
allein gegangen. Denn ich habe die Lösung der Juden- 
frage. Ich weiß, es klingt verrückt; man wird mich in der 
ersten Zeit noch oft für verrückt halten, bis man die 
Wahrheit alles dessen, was ich sage, erschüttert einsieht. 
Ich habe die LOsung gefunden, und sie gehört nicht mehr 
mir. Sie gehört der Welt. 

Sie beide, sage ich, wären meine ersten Gehilfen ge- 
wesen. Richtiger: zunächst meine Boten. Und zwar wäre 
Ihr erster gemeinschaftlicher Gang zu Albert Rothschild 
gewesen, dem Sie meine Worte überbracht hätten, wobei 
wieder der Geistliche vom Weltlichen in der Klarl^iing 
der Dinge unterstützt worden wäre. Albert Rothschild 
würde die Sache vor den Rat seiner Familie gebracht ha- 
ben, vor dem zu erscheinen und einen Vortrag über die 
Sache zu halten man mich gebeten hätte. 

Sofort will ich einen bei Ihnen aufsteigenden Irrtum 
hinwegräumen. Ich bin auf die Mithilfe der Rothschilds 
ebensowenig angewiesen,wie auf die anderer reicher Juden. 
Aber die eigentümliche Anlage meines Planes bringt es 
mit sich, daß die Rothschilds verständigt werden müssen. 

Sie werden, wenn Sie den Plan kennen, einsehen, warum. 

Ich kann Ihnen heute nicht sagen, worin er besteht. 
— Ich würde meinen Gedanken verstümmeln, wenn ich 
ihn in einen Brief zwängen wollte. 



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Seit Wochen schreibe ich vom frühen Morgen hb in die 
spSte Nacht, um nur die Uauptzüge festzuhalten. Es wäre 
eine Qual, wenn es nicht eine solche Seligkeit w3re. Ich 
bin der erste, den die Lösung beglückt. Das ist mein 
Lohn, und soll mein ganzer Lohn bleiben. 

Wie habe ich das gefunden? Ich weiß es nicht. Wahr- 
scbeinlicb, weil ich immer darüber nachgegrübelt und 
mich über den Antisemitismus so unglücklich gefühlt 
habe. Auf dreizehn Jahre schätze ich die Zeit, in der 
dieser Gedanke sich in mir durcharbeitete. Denn aus dem 
Jahre iSSa, wo ich Dübrings Buch las, stammen meine 
ersten Aufzeichnungen. Jetzt, wo alles in mir so klar 
daliegt, staune ich, wie nahe ich oft daran war, und wie ' 
oft ich am Lösenden vorübergegangen bin. Daß ich es 
gefunden habe, empfinde ich als ein großes Glück. Es 
wird den Lebensabend meiner Eltern vergolden und die 
dauernde Ehre meiner Nachkommen sein. 

Ich will Ihnen gestehen, daß ich TrSnen im Auge habe, 
indem ich dieses schreibe; aber ich werde es mit aller 
Hirte durchführen. 

Noch glauben Sie vielleicht, daß ich schw&rme. Sie 
werden anders denken, wenn Sie alles kennen. Denn 
meine Lösung ist eine streng wissenschaftliche, worunter 
Sie keinen Kathedersozialismus und kein KongreßgewSsch 
verstehen sollen. 

Grenug jetzt I Ich schreibe die Rede, die ich hier vor 
dem Rothschildschen Familienrate halten wollte, auf. Es 
ist ein sehr langer und doch nur die Hauptzüge enthal- 
tender Vortrag. 

In der Form und mit der engen Schrift dieses Blattes 
hat er bisher 68 Seiten, und ich bin noch lange nicht 
fertig. Sie werden zum Verlesen einige Stunden brau- 
chen. Denn Ihre erste Sendung, lieber Herr Doktw, ist, 



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dieso Rede Albert Rothschild vorzulesen. Sie geben sie 
ihm nicht zu lesen, Sie selbst lesen sie ihm vor. 

Ich denke, er wird von vornherein Achtung und Ver- 
trauen genug zu Ihnen haben, um Sie so lange anzuhören, 
als Sie es für nötig halten. Sie werden ja übrigens den 
Vortrag früher gelesen haben und ihm im voraus sagen 
können, vor welche Entscheidung seine Ftunilie da gestellt 
wird. 

Albert Rothschild ist, wie ich in der Zeitung lese, auf 
seinem Landgut Gaming-Waidbofen. Telegraphieren Sie 
mir, ob Sie bereit sind, hinzufahren. 

Da Sie nach Caux kommen wollten, wenn ich Ihnen 
angedeutet hfitte, um was es sich bandelt, werden Sie doch 
die kleine Reise nach Gaming machen. Dann bitte ich 
Sie, Albert Rothschild zu schreiben, wann er Sie ungestört 
empfangen kann. Er muß sich einen ganzen Tag voll- 
kommen freihalten. Er wird ebenso erschättert, ebenso 
glücklich sein, wie Sie selbst. Denn es wird mir von ihm 
erzählt, daß er ein ernster, guter Jude ist. Er wird so- 
fwt nach Paris zu mir kommen. Ich muß n&mlich vor- 
läufig hier bleiben, wegen der Beratung mit allen Roth- 
schilds. 

Sie haben meinen Brief, telegraphieren mir und schrei- 
ben ihm sofort. Ich hoffe, übermorgen meinen Vortrag 
beendet zu haben. Dann brauche ich mindestens drei 
Tage zur Reinschrift. 

Der Vortrag wird also Samstag von hier abgehen und 
Montag in Ihrem Besitze sein. Sie können Dienstag den 
a5., oder Mittwoch den a6. ds. mit Rothschild in Gaming 
zusammentreffen. 

Alles andere enthält der Vortrag. Aber scbcm jetzt 
können Sie Albert Rothschild in dem ernsten Ton, den 
Sie gewiß als Schriftkundiger aus meinem Brief heraus- 

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fflhleD, anseigea, daß es sich um eine hochwichtige Sache 
der Judenwelt handelt. Ich mache die SußersteD An- 
strengungen, um rasch fertig zu werden. Auf eine vck'- 
nehm dilatorische Behandlung der Sache lasse ich mich 
nicht ein. Die Juden warten. 

Alles muß sofort geschehen I Das ist mit ein Punkt 
meines Programms. 

Nun hStte ich wohl den Zeitverlust dieses Briefwechsels 
usw. ersparen können, wenn ich mich hier, was mir ja 
leicht gewesen wSre, hei einem oder dem anderen Roth- 
schild einführen ließ. Aber ich hahe meine triftigen 
Gründe, die Sie kennenlernen werden, mit den Roth- 
schilds in keine persönliche Berührung lu kommen, bevor 
sie im Prinzip zugestimmt haben. Und zwar werden sie 
nicht viel Zeit zur Überlegung haben. 

Jetzt grüße ich meinen ersten Mithelfer in vertrauens- 
voller Verehrung. 

Ihr 

Tb. Herzl. 

Dritter Brief an Güdemann. 

i7. \l. 1895. 
Hochgeehrter Herr Doktor I 

Heute schrieb ich Ihnen einen rekommandierten Brief. 
Der konnte in Baden zu einer Stunde ausgetragen wer- 
den, wo Sie aus sind, auf den Feldern nach Soos zu, wo 
ich in meiner Jugend auch allein philosophieren ging, 
oder über die Hauswiese nach der Kramerhütte hin, wo 
jetzt ein so lieblicher FrOhsommer sein muß. Heimkeh- 
rend erfahren Sie, daß ein „Rekommandierter" da war. 



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Sie erwarten meioen telegraphisch angezeigten Brief und 
sind ein bißchen ungedatdig; Doch nicht sehr, Sie wissen 
ja noch nicht. Sie gehen vielleicht aufs Postamt von Wei- 
kersdorf oder gar nach Baden. Ich weiß weder, oh ich 
Sie schon interessiert habe, noch wo die rekommandierten 
Briefe dort zentralisiert sind. Vielleicht erwarten Sie 
auch mit Ruhe die Wiederkehr des Postboten. Oder Sie 
waren nicht fort, bekamen auch den ersten Brief gleich; 
und nun kommt Ihnen dieser ilberflüssig, komisch, ge- 
schwätzig vor. — 

Ja, warum ich Ihnen deswegen einen eigenen Brief 
schreibe? 

Weil im Hauptbriefe — vorläufig noch ohne nähere 
Angaben — der Satz steht : 

„Ich habe die Lösung der Judenfrage." Und ich sehe 
Ihre bekümmerte Miene, mit der Sie in Ihren schönen 
Patriarchenbart murmeln: „Komplett übergeschnappt I 
die arme Familie I" 

Nein, ich bin weder komplett noch teilweise, ich hin 
überhaupt gar nicht übergeschnappt. 

Und darum schicke ich Ihnen diese Zeilen hinterdrein, 
sie sollen Ihnen ein Zeichen sein, daß ich immer die 
wirklichen Verhältnisse vor mir sehe und mit allem Klein- 
sten so genau wie mit allem Größten rechne. 

Ach, ich werde ja auch in meinen höchsten Ausführun- 
gen hie und da wie zufällig einflechten müssen, daß zwei- 
mal zwei vier, zweimal drei sechs ist und 17 X 7 = 1 19- 
Und daß ich ganz deutlich weiß, was Sie oder ein anderer 
bei früheren Zufällen meines Lebens mir gesagt, ja was 
er sich über mich gedacht haben muß. Damit man 
siebt, daß ich meinen Verstand noch hübsch beisammen 
habe. 

Behaglich ist die Aufgabe nicht, bei der man ähnliches 

laG 



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zu überwinden hat — aber mit Behagen macht man nichts 
Großes. 
Nochmals die herzlichsten Grüße Ihres ergebenen 
Th. Herzl 
37 Rue Cambon. 
* * * 

il. Juni 1895. 
S . . . sagt : das hat im vorigen Jahrhundert einer zu 
machen versucht. Sabbathai! 

Ja, im vorigen Jalirhundert war es nicht möglich. Jetzt 
ist es möglich — weil wir Maschinen haben. 



Depesche an Doktor Güdemann, Baden bei Wien. 

,^uß Sie bitten, meinen gestern abgegangenen nicht 
rekommandierten Brief uneröffnet zurückzuschicken. 
Einer der beteiligten Freunde, dessen Zustimmung eben- 
falls vorausgesetzt worden war, erhebt absoluten Wider- 
spruch. Müssea uns fügen." 

18. Jani 1895. 

Tuileriengarten : 

Ich war vom Nachdenken überreizt. Dikbin ich hierher 
gekomcmen, habe mich an den Statuen wieder gesund ge- 
sehen. 

Es steckt viel Glück in der Kunst im Freien. Das grüne 
Rasenbecken, wo die reizenden LSuf er von Coustou (1713) 
stehen, soll gleich nachgebildet werden. 



18. VI. 
Ebenda wieder mit S... gewesen. Erbat mich „geheilt". 
— Ich akzeptiere nSmlich den negativen Teil seiner Bc- 

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merkungen, „daß ich mich durch diese Sache Ucherlich 
oder tragisch mache". Das ist nKmlich der Judeospott. 
Den negativen Teil akieptiere ich — dadurch unter- 
scheide ich mich von Don Quixote. Den positiven Teil 
(Gerede von Sozialismus, Ohrfeigen usw.) lehne ich ab — 
dadurch unterscheide ich mich von Sancho Pansa. 



Vierter Brief an Baron Hirsch. 

i8. VI. 
Hochgeehrter HerrI 

Mein letzter Brief erfordert einen Abschluß. Da haben 
Sie ihn: Ich hebe die Sache aufgegeben. Warum? Mein 
Plan würde mehr an den armen als an den reichen Juden 
scheitern. 

Sie haben mir das am Pfingstsoantag allerdings ge- 
sagt. Ich konnte Ihnen aber nicht glauben, denn Sie hat- 
ten mich nicht ausreden lassen. 

Aber neuerlich habe ich meinen ganzen Plan einem 
vernünftigen Freund (der kein Geldmann ist) auseinan- 
dergesetzt. Ich habe ihn windelweich gemacht, ihn in 
TrXnen gebadet, seinen Verstand überzeugt und sein Herz 
erschüttert. 

Dann erholte er sich langsam und sagte mir: „Durch 
diese Sache machen Sie sich entweder lächerlich oder 
tragisch". Das Tragische würde mich nicht erschrecken. 
Aber am L&cherlichen ginge nicht ich, sondern die Sache 
zugrunde. Mir würde man höchstens nachsagen, daß ich 
ein Dichter hin. Und darum gebe ich sie auf. 

Den Juden ist vorlSufig noch nicht zu helfen. Wenn 
einer ihnen das Gelobte Land zeigte, würden sie ihn ver- 
höhnen. Denn sie sind verkommen. 

Dennoch weiß ich, wo es liegt: in unsl In unserem 

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Kapital, in unserer Arbeit und in der eigentümlichen Ver- 
bindung beider, die ich ersonnen habe. Aber wir müssen 
noch tiefer herunterkommen, noch mehr beschimpft, an- 
gespuckt, verhöhnt, geprügelt, geplündert und erschla- 
gen werden, bis wir für diese Idee reif sind. 

Vorläufig werden wir noch oben die affronts in der 
Gesellschaft, in die wir uns drängen, in den Mittelständen 
den Druck in den Broterwerben, und in der unteren 
Schicht das furchtbarste Elend ertragen müssen. 

Wir sind noch nicht verzweifelt genug. Darum würde 
man den Retter auslachen. Was, lachen? nein, nur lä- 
cheln : zum Lachen hat man nicht mehr die Kraft. 

Da ist eine Wand, und das ist die Verkommenheit der 
Juden. Jenseits weiß ich die Freiheit und die Größe. 

leb kann aber die Mauer nicht durchbrechen, mit mei- 
nem Kopf allein nicht. Also geb' ich 's auf. 

leb sage nur noch einmal: das einzige Mittel ist,. die 
ganze jüdische Mittelbank zu einer zweiten formidablen 
Geldmacht zusammenraffen, die Rothschilds bekämpfen, 
mitreil^n oder niederreißen — und dann hinüber. 

Wenn wir nächstens oder fernstens einmal zusammen- 
treffen und Sie mich fragen, wie das möglich ist, ohne 
Europa in die schauerlichsten Rörsenkrisen zu stürzen, 
ja, wie man gerade dadurch den Antisemitismus überall 
sofort zum Stillstand bringen kann — werde ich's Ihnen 
erklären. 

Die Sache ist für mich als praktische erledigt. Theore- 
tisch halte ich sie hoch und fest. Vielleicht zeige ich 
damit auch, daß ich nur ein Verkommener bin. Ein 
Christ ginge für eine Idee von solcher Kraft durch dick 
und dünn. 

Was wollen Sie? Ich möchte nicht wie Don Quixote 
aussehen. 

139 



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Aber die kleinea Lösuitgen: Ihre 30000 Argentinier 
oder den Übertritt der Juden zum Sozialismus akzeptiere 
ich nicht. Denn ich bin auch kein Sancbo Pansa. 
Sondern Ihr hochachtungsvoll ergebener 

Dr. Tb. Herzl. 
« * * 

19. Juni 1895. 
S.. .war heute da, brachte mirdiere^iu, dann rechneten 
wir. 

Es war mir ein großer Troat, daß ich schneller und 
richtig addierte, wShrend er lange brauchte und immer 
zu anderen Fehlern kam. So erschüttert hat er mich 
gestern 1 

* * ♦ 

i9. Vt. 

Aus der Seelenqual, in die mich S . . . s verzweifelter 
Widerspruch versetzt hat, fand ich einen Aasweg. 

Ich wende mich an Bismarck. Der ist groß genug, 
mich zu verstehen oder zu heilen. 

* * * 
Brief an Bismarck. 

19. VI. 1895. 
Ew. Durchlaucht! (Überall Durchlaucht I) 

Vielleicht hatten einzelne meiner literarischen Arbeiten 
das Glück, von Ew. Durchlaucht bemerkt zu werden. Ich 
denke : vielleicht meine Aufsätze über den franz^^siachen 
Parlamentarismus, die im Feuilleton der Neuen Freien 
Presse unter den Titeln ,, Wahlbilder aus Frankreich" 
und „Das Palais Bourbon" erschienen sind. 

Gestützt auf diese fragwürdige und geringe AutoritSt, 
bitte ich Ew. Durchlaucht, mich zu einem politischen 
Vortrage zu empfangen. 

i3o 



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Ich will mir nicht etwa auf diese Weise ein Interview 
erlisten. Durchlaucht gewShrten übrigens zuweilen einem 
Journalisten diese Gunst, und unter anderen erfuhr ja 
auch ein Herausgeber meiner Zeitung in Wien die Aus- 
zeichnung, vorgelassen zu werden. Aber ich denke an 
nichts dergleichen. Ich gebe, wenn es gewünscht wird, 
mein Ehrenwort, daß ich nichts von dieser Unterredung 
in Zeitungen veröffentlichen werde, wie kostbar sie auch 
für meine Erinnerung werden möge. 

Und worüber will ich den politischen Vortrag halten? 
Über die Judenfrage. Ich bin ein Jude und als solcher ad 
causam legitimiert. 

Euer Durchlaucht haben übrigens schon einmal mit 
einem ebenfalls mandatlosen Juden, der Lassalle hiefi, 
über nicht reinjüdische Angelegenheiten gesprochen. 

Und was habe ich zur Judensache vorzubringen? Es ist 
eigentlich recht schwer, das Wort auszusprechen. Denn 
wenn ich es heraussage, muß die erste Regung jedes ver- 
nünftigen Menschen sein, mich aufs Beobachtungszimmer 
zu schicken — Abteilung der Erfinder von lenkbaren 
Luftballons. 

Also, wie leite ich es ein? Vielleicht so: zweimal zwei 
ist vier, zweimal drei ist sechs, 17 X 7 = "9, wenn ich 
nicht irre. An jeder Hand habe ich fünf Finger. Ich 
schreibe mit violetter Tinte. Und jetzt wage ich es end- 
lich: 

Ich glaube, die Lösung der Judenfrage gefunden zu 
haben. Nicht „eine Lösung", sondern „die" Lösung, die 
einzige. 

Das ist ein sehr umfangreicher, komplizierter Plan. Ich 
habe ihn, nachdem er fertig geworden, hier zwei Juden 
mitgeteilt, einem sehr reichen und einem armen; letzterer 
ist ein gebildeter Mann. 



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Ich will wahrheitsgemäß sagen, daß der Reiche mich 
nicht für verrückt hielt. Oder tat er nur aus Delikatesse, 
als ob ich ihm noch gesund vorkäme? Genug, er ging 
auf die theoretische Möglichkeit ein und meinte nur 
schließlich: „Dazu kriegen Sie die reichen Juden nicht, 
die sind nichts wert." (Ich flehe Ew. Durchlaucht an, 
dieses Familiengeheimnis nicht zu verraten.) 

Beim armen Juden aber war die Wirkung anders. Er 
schluchzte bitterlich. Anfangs meinte ich — ohne dar- 
über erstaunt zu sein — daß ich seinen Verstand über- 
wfiltigt und sein Herz erschüttert habe. Nein I Er hatte 
nicht als Jude geschluchzt, sondern als Freund. Er war um 
mich besorgt. Ich mußte ihn aufrichten, ihm schwdren, 
daß nach meiner festen Überzeugung zweimal zwei noch 
immer vier sei, und daß ich den Tag nicht kommen sehe, 
an dem zwei parallele Linien zusammentreffen könnten. 

Er sagte : , j>urch diese Sache machen Sie sich iScher- 
lich oder tragisch I" 

Ich versprach ihm endlich alles, was er wollte: daß 
ich den Plan nur zu einem Roman verwenden würde, wo 
der tragische oder komische Held nur auf dem Papier 
steht. Es gelang mir so, den gebrochenen Freund wieder 
in die Höbe zu bringen. 

Nun würde mich das Tragische wohl nicht erschrecken 
und seihst die furchtbare Lächerlichkeit nicht. Aber wenn 
ich auch das Recht habe, für meine Idee — <^ sie toll 
oder gesund sei — meine Person einzusetzen, so muß ich 
doch das Opfer auf meine Person begrenzen; und wenn 
ich in den Geruch des Irrsinns käme, wäre das nicht 
mehr der Fall. Ich habe Eltern und eine Frau, die sich 
tief kränken würden, und Kinder, denen es ihre ganze 
Zukunft verderben könnte, wenn man mich für einen 
verrückten Weltverbesserer hielte. 

i3a 



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In diesem Koaflikte — dessen Sittlichkeit, glaube ich, 
klar ist — wende ich mich an Ew. Dmxhiaucbt. Lassen 
Sie sich meinen Plan vortragen! Im scblimmsten Falle 
ist er eine Utopie, wie man von Thomas Morus bis Bel- 
lamy deren genug geschrieben bat. Eine Utopie ist umso 
lustiger, je weiter sie sich von der vernünftigen Welt 
entfernt. 

Daß ich aber jedenfalls eine neue, also unterhaltende 
Utopie mitbringe, wage ich zu versprechen. Diesem Briefe 
lege ich einen von mir in der Neuen Freien Presse vor 
swei Jahren publizierten Leitartikel ütier die , .Arbeits- 
hilfe" bei. Nicht als merkwürdige schriftstellerische Lei- 
stung schicke ich ihn, sondern weil das Prinzip der Ar- 
beitshilfe einer der vielen Pfeiler ist, auf denen mein 
Gebäude ruht. 

Ich wußte, als ich hier vor zwei Jahren alle diese An- 
stalten studierte und darüber schrieb, nicht, daß mir das 
später für die Lösung der Judenfrage dienen würde. Den- 
noch müßte ich diesen Aufsatz meinem Vortrage voraus- 
schicken. Ich bitte also, ihn vorläufig zur Kenntnis zu 
nehmen. Es wird ja daraus . hervorgehen, daß ich kein 
Sozialdemokrat bin. 

Es wird Ew. Durchlaucht ein Leichtes sein, in Ham- 
burg, Berlin oder Wien Erkundigungen einzuholen, ob 
ich bisher als vernünftiger Mensch galt, und ob man mich 
könne ins Zimmer kommen lassen — bien que fa n'en~ 
gagerait paa l'aoentr. Aber wie ich mir den Fürsten Bis- 
marck vorstelle, brauchen Sie gar keine Erkundigungen 
mehr, nachdem Sie diesen Brief zu Ende gelesen haben. 
Wer so in den Gesichtern, in den Eingeweiden der Men- 
schen liest, der versteht auch das Innere einer Schrift. 

Ich kann mich wirklich an keinen Geringeren wenden. 
Soll ich zu einem Irrenarzt mit der Frage gehen: „Sie, 

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offen, ist das noch das Raisonnement eines zurechnungs- 
fähigen Menschen?" Um es zu beurteilen, müßte er so- 
ziologische, juristische und geschäftliche Kenntnisse aller 
Art haben, die ein Mediziner selbst im Lande der sous- 
v4terinaires nicht hat. 

Soll ich einzelne Menschen, Christen oder Juden, fra- 
gen? Bei der Umfrage träte ja altmählich gerade das 
ein, was ich vermeiden will. 

Nein, es muß gleich die letzte Instanz sein. Nur der 
Mann, der mit seiner eisernen Nadel das zerrissene 
Deutschland so wunderbar zusammengenäht hat, daß es 
gar nicht mehr aussieht wie geflickt — nur der ist groß 
genug, mir endgültig zu sagen, ob mein Plan ein wirklich 
erlösender Gedanke ist, oder eine scharfsinnige Phan- 
tasie. 

Ist es ein Roman, so genoß ich die Gunst, Ew. Durch- 
laucht ein wenig zerstreuen zu dürfen, und stillte dabei 
meine alte Sehnsucht, mit Ihnen einen Augenblick lang 
zu verkehren — eine Sehnsucht, die ich ohne eine so 
bedeutende Veranlassung nie zu äußern gewagt hätte. 

Ist es aber wahr, habe ich aber recht, so gehört der 
Tag, an dem ich nach Friedrichsruh komme, in die Ge- 
schichte. Wer will es noch wagen, meinen Plan einen 
hübschen Traum zu nennen, nachdem der größte lebende 
Staatskünstler seinen Stempel darauf gedrückt hat? Und 
für Sie, Durchlaucht, ist es die mit allen stolzen Werken 
Ihres ruhmvollen Lebens in sittlichem, nationalem und 
politischem Einklang stehende Beteiligung an der Lösung 
einer Frage, die über die Juden weit hinaus Europa quält. 

Die Judenfrage ist ein verschlepptes Stück Mitlelalter, 
mit dem die Kulturvölker auf andere als die von mir 
geplante Weise auch beim besten Willen nicht fertig 
werden können. Man hat es mit der Emanzipation ver- 

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sucht, sie kam zu spät. Es nützt nichts, plötzlich im 
Reichsgesetzblatt zu erklirea: „Von morgen ab sind alle 
Menschen gleich." 

Dergleichen glauben nur die Politiker auf der Bier- 
bank, und ihre höheren Kollegen, dieKathederschwttzer, 
die Klubfaselh&nse. Und es fehlt den letzteren sogar das 
Beste jener minder gelehrten Obungen, n&mlich das Bier I 

HStte man die Juden nicht lieber allmKhlich zur Eman- 
zipation aufsteigen lassen und bei diesem Aufstieg sanft 
oder energisch, je nachdem, assimilieren sollen? Viel- 
leicht! Wie? Man hätte sie durch die Mischehe hindurch- 
sieben können und für einen christlichen Nachwuchs sor- 
gen. Aber man mußte die Emanzipation hinter die Assi- 
milierung setzen, nicht davor. Das war falsch gedacht. 
Jedenfalü ist es auch dafür zu sp&t. 

Man soll doch versuchen, die gesetzliche Gleichberech- 
tigung der Juden aufzuheben. (Eine andere als die ge- 
setzliche existiert ja nicht ! Welche unverstandene Lehre 
für die MSnner von der Bierhank 1) Was wSre die Folge? 
Sofort würden alle Juden, nicht nur die Armen wie bis- 
her, sondern auch die Beichen mit ihren Mitteln zum 
Sozialismus übergehen. Sie würden sich, wie ein Römer 
in sein Schwert, in ihren Geldsack stürzen. 

DrSngen Sie die Juden gewaltsam zum Lande hinaus, 
und Sie haben die schwersten wirtschaftlichen Erschüt- 
terungen. Ja, selbst eine Bevolution, ausschließlich gegen 
die Juden gerichtet — wenn so etwas denkbar wäre — ■ 
brächte den unteren Schichten auch beim Gelingen keine 
Erleichterung. Das bewegliche Kapital ist unfaßbarer als 
je geworden. Es versinkt augenblicklich spurlos im Bo- 
den, und zwar in der Erde fremder Länder. 

Ich will aber nicht von Dingen reden, die unmöglich, 
zu spät, sondern die an der Zeit sind. Höchstens ist es 

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noch 2u früh — denn an das Romanhafte meiner Ideen 
glaube ich nicht, bevor ich es aus Ihrem Munde höre. 

Ist mein Plan nur verfrüht, so stelle ich ihn der deut- 
schen Regierung zur Verfügung. Man wird ihn benützen, 
wann man es für gut findet. 

Nun muß ich, als ein Planmacher, mit allen Eventuali- 
täten rechnen. Auch auf die, daß Ew. Durchlaucht mir 
gar nicht antworten oder meinen Besuch ablehnen. 

Dann ist mein Plan ein Roman. Denn klarer, als ich 
in diesem Briefe die Berechtigung des Wunsches, Ew. 
Durchlaucht meine Lösung vorzutragen, nachgewiesen 
habe — klarer kann ich auch die Möglichkeit der Lösung 
selbst nicht nachweisen. 

Dann bin ich auch beruhigt. Dann habe ich einfach 
geträumt, wie die Utopisten vom Kanzler Thomas Morus 
angefangen bis Bellamy. — 

Ich bitte Ew. Durchlaucht, die Versicherung meiner 
tiefen Ehrfurcht und Bewunderung entgegenzunehmen. 
Dr. Theodor HerzI 
Pariser Korrespondent der Neuen Freien Presse. 
* * * 

20. Jani 1895. 

Des Gleichnis vom Hut (eine Art „Erzählung von den 
drei Ringen") oder Glaube, Zweifel, Philosophie, aufge- 
löst in dem, „was unerklärlich ist". 

Ich nehme meine Bedeckung vom Kopf und zeige sie 
den Leuten. Was ist das? 

„Ein chapeaa", sagt einer. 

„Nein, ein hat", schreit der zweite. 

„Lügel es ist ein capello", der dritte. 

„Dummköpfe, ein sombrerot" der vierte. 

„Ein kaUtp", der fünfte. 

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„Scbuftel es ist ein Hut!" 
und so bringt jeder ein anderes Wort — es gibt unz&h- 
lige; und es sind erst nur die Generalnamen, unter denen 
es wieder Gattungen gibt: Mütse, Helm, Haube mw. 

Und die Leute sind gegeneinander aufgebracht, weil 
sie verschiedene Worte für dieselbe Sache gebrauchen. 

Ich gebe jedem recht, und jeder hat recht. Es ist ein 
Hut, ein chapeau, ein capello. Ich sage es jedem in 
seiner Sprache, sonst würde er mich nicht verstehen. 
Und ich will verstanden sein und werden — in den Aus- 
drücken mache ich die größten Konzessionen. 

Ober Worte streite ich nicht. Dazu habe ich keine Zeit. 

Was wollen Sie mit Ihrem Glauben sagen? Und Sie 
mit Ihrem Zweifel? Doch nur, daß es mit der Vernunft 
nicht erkllrbar ist I 

Nous aommes d'aceord. Untereinander könnt ihr ha- 
dern — mit mir nicht. 

Ich sage ja: es ist auf dem Wege der Vernunft uner~ 
klärlicb I 

Davon nimmt jeder, was er will. Sieht es aus, als oh 
ich auswiche? Gar nicht. 

Denn nachdem ich mit jedem in seiner Sprache ge- 
redet habe, ergreife ich zu einer allgemeinen deutlichen 
Erklärung das Wort und sage ; 

Ist dies ein Gegenstand, der mir dazu dient, meinen 
Kopf gegen Luftzüge, Regen und Sonnenschein zu 
schützen? 

— Alle schreien : ja 1 

Dient er mir dazu, meine Freunde zu grüßen und 
nehme ich ihn auch ab vor einer Fahne? 

— Ja, ja! 

Und ich kann scherzend schließen : nehme ich ihn auch 
ab, wenn ich in eine Gesellschaft komme? Aus Höflich- 

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keit. Das heißt, weil wir übereingekommeD siod, es für 
höflich zu halten. Denn jeder hat seinen Hut für sich und 
soll die anderen nicht durch die verschiedene Form Sr- 
gem. 

So kann ich die Menschen versöhnen, indem ich ihnen 
den Sinn und Zweck einer Sache erklSre. 

20. VI. 

Wenn Bismarck, gezwungen, in seiner Frankfurter Zeit 
h&tle sagen müssen : 

Ich will diese zu kleinen Opfern unfähigen LSnder da- 
durch einigen, daß ich sie zu großen Opfern zwinge. Ich 
will sie durch die blutigsten Raufereien untereinander zu 
Brüdern machen. Und da ich sie im Lande nicht dahin 
bringen kann, sich auf einen Kaiser zu einigen, führe ich 
sie zum Lande hinaus. 

Und weil ich keine deutsche Stadt finden kann, in der 
alle widerspruchslos zusammenkamen, führe ich sie in 
eine kleine französische ProvinzstadI, wo früher einmal 
die verschollenen französischen Könige ein Schloß er- 
richtet haben. 

Was hätte man dazu gesagt? In den sechziger, sieb- 
ziger, achtziger und neunziger Jahren! Wenn er es näm- 
lich nicht ausgeführt hätte I 

20. VI. 

Taverne Royale beim Cassoulet. 

Ich glaube, wenn einer meiner Bekannten das lenkbare 
Luftschiff erfände, ich würde ihn ohrfeigen. Es wäre 
auch eine furchtbare Beleidigung für mich. Warum er? 
Warum nicht ich? Ein Fremder, ja. 

Bei Dingen, die über dem Persönlichen schweben, ver- 
letzt ihre Zugehörigkeit zu einer Person. 



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20. VI. 

Fehler der Demokratie: 

Man hat nur die Nachteile der prinzipiellen Offeatlich- 
keit. Denn durch diese Öffentlichkeit geht der zum Re- 
geren nötige Respekt verloren. Alle Welt erfährt, daß 
die Regierenden auch nur Menschen sind — und wie oft 
sind es lächerliche, beschränkte Menschen. So habe ich 
in Paris den „Respekt" verloren. Andererseits dürfen 
auch nur normale Menschen regieren. Die Monstra, die 
Ungeheuer sind notwendig fürs Erschaffen, aber schäd- 
lich für das Bestehende — ob sie es nun durch Größeres 
ersetzen oder in den Wahnsinn hinausbauen. So lassen 
iiönnen sie die Welt nicht, wie sie sie vorfanden; sie 
gingen selbst an sich zugrunde, wenn sie nicht etwas — 
Schlechtes oder Gutes, gleichviel! — zerstören könnten. 

Das Bestehende, zu Erbaltende, darf nur von mittel- 
mäßigen Menschen regiert werden. Die Monstra ver- 
stehen die Vergangenheit, erraten die Zukunft — aber 
die Gegenwart, die den gesunden Ungeheuern auch voll- 
kommen verständlich ist, wollen sie eilig wegräumen. 

Es drängt sie ja, ihre Spur zu hinterlassen. Sie haben 
Angst, sie könnten vorübergehen, ohne daß man merkt, 
sie seien dagewesen. 

Zur Regierung aber braucht man mittlere Menschen, 
weil die alle kleinen Bedürfnisse der Menschen: Essen, 
Trinken Schlafen usw. verstehen. 

Das Monstrum geht Ober diese Bedürfnisse hinweg — 
hei sich wie bei anderen. Und hier finde ich das Unter- 
scheidungszeichen des gesunden vom kranken Monstrum. 

Das kranke Monstrum geht über die kleinen Bedürf- 
nisse hinweg, weil es sie nicht versteht. 

Das gesunde gebt darüber hinweg, obwohl e» sie ver- 
steht! 

* * * 



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Zudem ist die von der Demokratie gebotene Offeotlich- 
keit Dur eine falsche, fiktive. Hinter der Öffentlichkeit 
gehen doch Dinge vor, die dann in Skandalen heraus- 
kommen, wie Panama und dergleichen. 

20. VI. 

Taverne Royale. 

Nach meinem Dejeuner kamen die beiden Marmoreks 
an meinen Tisch heran. Ich brachte sie zum Reden. Sie 
bestätigten ahnungslos, was ich wollte. Der Architekt 
schilderte deu bösen Zustand des Antisemitismus in Wien. 
Es wird immer ärger. Er meint, es sei eine Erleichterung, 
daß jetzt der Gemeinderat suspendiert ist. Ich klärte ihn 
auf, was das Wesen einer solchen Suspension sei. Sie ist 
die Unterbrechung der Verfassung. Was soll dann kom- 
men? Entweder man läßt die Verfassung wieder normal 
laufen — dann kommen die volkslümlichea Antisemiten 
lärmend wieder. Und verstärkt! 

Oder man hebt die Verfassung „ganz" auf. Das ge- 
schieht dann mit einem heimlichen Liebesblick an die 
Antisemiten, und die werden ihn verstehen — im Not- 
fall wird man ihnen ihn erklären. Man hebt die Verfas- 
sung auf, schmeißt den Juden aus der Gleichberechti- 
gung hinaus — und bewilligt nachher großmütig Po- 
stulat-Landlage. 

* « « 

Der Mediziner Marmorek sagte : Es wird nichts übrig- 
bleiben, als daß wir einen eigenen Staat angewiesen be- 
kommen I (Das ist der gescheite Bursche, der das Serum 
sucht und den Streptococcus tötet.) 

Ich war innerlich erfreut. 

Solche Stützen brauche ich jetzt. So hat S . . . mich mit 
seiner Aufregung, seinen Tränen demoralisiert. 

i4o 



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Jetzt sehe ich: er ist unverstfindig, bei aller seioer 
Bravheit und Treue. Aber ich bin S . . . doch zu großem 
Dank verpflichtet. Erstens £fir seine unverkennbar große 
Freundschaft. Zweitens, weil er mich vom ungenügenden 
Güdemann abgebracht hat und mich so zur Bismarck^ 
Idee stieß — ohne sein Vorwissen. 

Bismarck ist jetzt der Prüf- und Eckstein der Sache. 

* * • 21. Juni 1895. 

Die Demokratie ist ein politischer Unsinn, der auch nur 
von einer Menge in der Aufregung einer Revolution be- 
scblossen werden kann. 

* « « 

22. Juni 1895. 
Ich muß den Zensus in die Bildung verlegen. Aktiv- 
Wahlrecht kann so gestuft werden: Lesen und Schreiben 
für Postulat-Abgeordnetenwahl, höhere Studien für Wahl 
höherer Abgeordneter usw. So kann ich aus Bildungs- 
graden Vertretungsgrade machen. Das passive Wahlrecht 
ist für die unlere immer nur auf der nächsthöheren Stufe 
des aktiven Wahlrechts. 

* * « 

Gemeinde bestreitet Ausgaben aus direkten Umlagen 
(Autonomie). Beschwerdengericht zum Schutz Einzelner 
gegen Gemeinde. 

Für die bei Landversteigerung eing^angenen Ver- 
pflichtungen haftet Gemeinde mit Umlagen. 

* « « 

Die Lehranstalten wwden in die Provinzst&dte gelegt — 

wie deutsche Universitäten. Länger als ein Jahr darf man 

bei einer Couleur nicht aktiv sein. Studenten haben in 

der Hauptstadt nichts zu suchen. 

« * « 

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22. VI, 

Schlafen disqualifiziert den Richter. 

Gewohnheitsmäßige Grobheit den Beamten. {Acds de 
mauvaüe humeur müssen wir bei Menschen mit Nach- 
sicht ansehen.) 

22. VI. 

Wie mache ich den Selbstmord unehrlich? Leicht im 
Leben, beim Versuch (Irrenhaus, somit Verlust aller po- 
litischen und Privatrechte). Schwerer im Tod. Das Be- 
graben auf abgesondertem Plati, nach erfolgter Benüt- 
zung des Kadavers für Wissenschaft — genügt nicht. Es 
muß auch Rechtswirkungen haben. Die letztwilligen Ver- 
fügungen des Selbstmörders (soweit konstatiert werden 
kann, daß er sie bereits im Hinblick auf den Selbstmord 
getroffen bat) werden als die eines Irrsinnigen ungültig. 
Seine Briefe und binterlassenen Schriften dürfen nicht 
publiziert werden. 

Sein Leichenbegängnis muß bei Nacht erfolgen. 



22. VI. 

Man hört: Der ist über die Judenfrage, jener durch 
die jüdische Ausnutzung, der dritte durch den Sozialis- 
mus, der vierte durch Religion, der fünfte durch Zwei~ 
fei usw. verrückt geworden. 

Nein, die waren schon verrückt. Es hat sieb nur ihr 
unsichtbarer oder farblos wallender Irrsinn durch Mode- 
Strömungen gefärbt, wie man im Theater Dämpfe rot, 
gelb, blau usw. macht. 

So eine coaleur ä la mode ist Anarchismus für den 
Selbstmord. 

Die Anarchistenidee kann ich nicht mehr einfangen. 
Darum muß ich den Selbstmord an der Gurgel packen. 



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Wer größer war: Napoleon oder Bismarck? Napoleon. 
Aber seine Größe war unharmonisch. Napoleon war 
der kranke Übermensch, Bismarck ist der gesunde. 

* * * 22. VI. 
Nach Schluß des Bismarckbriefes fällt mir ein Scherz 

ein, für die Interview-PrSzedentien, den ich hätte machen 
können : 

„Ich bat eines Tages einen österreichischen Diploma- 
ten, mir ein Interview mit Casimir Perier — en ce» 
temp$ iloignis prisideni de la Bipublique — zu ver~ 
schaffen. 

Der Diplomat stöhnte : Es wird nicht möglich sein. Es 
gibt kein Prfizedens I 

Dieser Mann wäre in der größten Verlegenheit gewesen, 
wenn man ihn ersucht hätte, das Schießpulver zu erfin- 
den. Es gab kein Präzedens. 

Aber ich bitte, Durchlaucht, das nie einem österrei- 
chischen Diplomaten zu erzählen. Welchem immer Sie 
es sagen, haben Sie Chance, daß er sich getroffen fühlt." 

* * * 22. VI. 
Aber vnrd Bismarck mich verstehen? Napoleon hat 

das Dampfschiff nicht verstanden und war jünger, also 
Neuem zugänglicher. 

* * « 

22. VI. 

Ich habe übrigens heute das glückliche Gleichgewicht 
meiner Seele wiedererlangt, das ich nach dem Schiffsstoß 
verloren hatte. — 

Eigentlich bin ich darin, wie der Galopin, der den 
Haupttreffer gemacht bat, eine Stunde darauf gleich- 
mütig sagt: „Tusch! Was sind looooo Gulden." 



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Ein Erfinder muß nicht notwendig verrückt werden. 
Man wird es nur beim Suchen oder in der gewaltig er- 
schOtternden OtwrraschuDg, wenn man 's gefunden bat: 
wenn das Alchimistengold zum erstenmal aufblitzt, die 
Dampfmaschine eu gehen anfängt, das Luftschiff sieb 
plötzlich lenkbar zeigt. 

T'rouvaiUe-Erfindungen, weil sie so sprunghaft sind — 
besonders der eine letzte, entscheidende Sprung — dis- 
ponieren mehr zum Verrücktwerden, ab systematische. 
Paeteur wird nicht verrückt. Und seine Nachfolger, die 
ganz Selbstfittdiges erfinden, können geradezu Esel sein. 

Jetzt glaube ich sogar, daß mich die Ausführung ruhig 
finden wird. Ich hatte früher Angst davor. 

Nimlich: wenn ich Bismarck überzeuge. Überzeuge ich 
ihn nicht, oder läßt er mich gar nicht vor — so war's 
eben ein Roman. Oh, ein unsterblicher ! 

Auch etwas. 

« ♦ ♦ 

13. VI. 

Dem Familienrat:*) 

Ich möchte Sie vor allem über den eigentümlichen Cha- 
rakter unseres Gespräches aufklären. Es schafft zwischen 
Ihnen und mir einen dauernden Zustand. Ich muß nach- 
her für immer Ihr Freund oder für immer Ihr Feind 
sein. Die Macht einer Idee besteht darin, daß es vor ihr 
kein Entkommen gibt. 

Sie werden sich denken ; da haben wir uns einen bösen 
Gast eingeladen. 

Aber es hätte nichts an der Sache geändert, wenn Sie 
mich nicht hätten rufen lassen. Ich hätte in diesem Falle 

•) Die hier folgenden Notisen, bis lum Schluß de« 1. Buches, 
tragen in der von Herzls Vater angefertigten Alwchrift den Titel: 
Rede an <Ue Rothschilds. 

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nur die persönlichen igards nicht gehabt, zu denen ich 
mich jeUt verpflichtet fühle. 

Ich glaubte nur allerdings eu Anfang, daß ich die Sache 
nur gegen Sie machen könne. Darum ging ich zuerst 
zu Baron Hirsch. Oh! ich habe ihm nicht gesagt, ich 
sei ein Gegner Rothschilds. Es ist nicht uoraöglich, daß 
ihn das st&rker verführt hätte als alles andere. Aber 
ich führe die Sache unpersönlich. Ich habe ihm nur ge- 
sagt: tout les juifs ont plus. Denn ich wollte (folgt Er- 
zählung). Hirsch hat mich nicht zu Ende kommen lassen. 

Er kennt eigentlich meinen Plan nicht. Er sagte nur 
schließlich: wir werden weitergprechen. Ich bin bereit, 
antwortete ich — aber warten werde ich auf Sie nicht. 
Er wird vielleicht noch kommen, wie viele andere, wenn 
mein Plan schon leben wird. Denn man hat viele Freunde, 
wenn man sie nicht braucht. 

Ich gehe also weiter. Es ist mir eingefallen: Haiti wo- 
her weiß ich denn, daß ich 's nicht mit den Rothschilds 
machen kann? und darum bin ich hier. Es ist vorläufig 
de bonne politique und wird vielleicht de bonne guerre sein. 

Jetzt muß ich um die Erlaubnis bitten, von Ihrem Ver- 
mögen zu sprechen. Wenn es klein wäre, wie meines, 
hätte ich kein Recht dazu. Aber es ist durch seine Größe 
öffentlich geworden. 

Ich weiß nicht, ob es unterschätzt oder überschätzt 
wird. Bei diesem Umfang eines Vermögens kommt es 
überhaupt nicht mehr auf das an, was tatsächlich in Gold, 
Silber, Wertpapieren, Häusern, Gütern, Fabriken, Unier- 
nehmungen aller Art sichtbar und greifbar ist. Auf die 
materielle Fundierung kommt es nicht mehr an, bei Ihnen 
noch viel weniger als bei einer Staatsbank. Denn wenn 
die Bank mit zwei Dritteilen, der Hälfte, ja mit einem 
Drittel decken kann, so genügt bei Ihnen vielleicht ein 

■o Herais Tacebikiber I. I&S 



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Zehntel oder aoch weniger. Ihr Kredit ist enorm, mon- 
strös. Ihr Kredit betrfigt viele Milliarden. Ich sage nicht 
xebn, Ewanzig oder fünfzig Milliarden. Eis handelt sich 
da schon um Unübersehbares, was man in Ziffern nicht 
ausdrückt. 

Und darin ist die Gefahrl 

Gefahr für Sie, wie für die LSnder, in denen Sie etab- 
liert sind, ja für die ganze Welt. 

Ihr Vermögen — und ich begreife darunter Fundie- 
rung mit Kredit zusammen — gleicht einem Turm. Die- 
ser Turm wächst weiter; Sie bauen weiter, Sie müssen 
weiter bauen — und das ist das Unheimliche daran; und 
weil Sie die Naturgesetze nicht indem können, weil 
Sie den Naturgesetzen unterworfen bleiben, muß der 
Turm eines Tages zusammenbrechen, entweder in sich 
selbst, wobei alles Umgebende zerstört wird, oder er wird 
gewaltsam demoliert. Jedenfalls eine ungeheure Er- 
schütterung, eine Weltkrise. 

Ich bringe Ihnen die Rettung. Nicht etwa, indem ich 
den Turm abtrage, sondern indem ich ihm breitere, für 
die Dauer berechnete Grundlagen gebe, und indem ich 
ihn harmonisch abschließe. Denn ein Turm muß ein 
Ende haben. Ich will aber auf die Spitze ein Licht setzen, 
das weithin gISnzt. Ich mache daraus den höchsten und 
sichersten Turm, einen Eiffelturm mit einer herrlichen 
elektrischen Laterne. 

Selbstverständlich war ich nicht darauf aus, mich um 
Ihre Interessen zu kümmern. Ihre Privatsachen gehen 
mich nichts an. Ich will mit Ihnen kein Geschäft machen, 
ich stehe nicht in Ihrem Dienst und werde nie in Ihrem 
Dienste stehen. 

Aber ich will mich in den Dienst aller Juden stellen. 

Jedermann, besonders jeder Jude, ist ja berechtigt, sich 

i46 



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der bedrohteD Sache der Judeo antunehmeD; vorausge- 
setzt, daß er es ab redlicher Mann nach bestem Willen und 
Gewissen tut. Die Zukunft wird ihm dann entweder die 
Gutheißung seiner Handlungen, oder die Verurteilung 
wegen angerichteten Schadens bringen. 

Eine Besserung ist aus den angegebenen zwingenden 
Gründen ausgeschlossen. Wenn mich jemand fragt, wo- 
her ich das weiß, so werde ich ihm sagen, daß ich auch 
weiß, wo ein Stein endlich ankommt, der ober eine schiefe 
E^ne rollt; nämlich ganz unten. Nur Unwissende oder 
Irrsinnige rechnen nicht mit den Naturgesetzen. 

Wir müssen also schließlich unten ankommen, ganz 
unten. Wie das aussehen wird, welche Formen man ihm 
geben wird, das kann ich nicht ahnen. Wird es eine re- 
volutionSre Expropriation von unten, wird es eine reak- 
tionäre Konfiskation von oben sein? Wird man uns ver~ 
jagen? Wird man uns erschlagen? 

Ich vermute ungefähr, daß es alle diese und noch an- 
dere Formen haben wird. In dem einen Land, wahr- 
scheinlich in Frankreich, wird die soziale Revolution 
konuien, deren erste Opfer die Hochbank und die Juden 
sein müssen. 

Wer als unbefangener und einsamer Beobachter, wie 
ich, ein paar Jahre in diesem Lande gelebt hat, für den 
ist kein Zweifel mehr möglich. 

In Rußland wird man einfach von oben herab konfis- 
zieren. In Deutschland wird man Ausnahmegesetze ma- 
chen, sobald der Kaiser mit dem Reichstag nicht mehr 
wirtschaften kann. In Osterreich wird man sich vom 
Wiener Pöbel einschüchtern lassen und die Juden aus- 
liefern. In Osterreich kann nämlich die Gasse alles durch- 
setzen, wenn sie aufbegehrt. Nur weiß es die Gasse noch 
nicht. Die Führer werden es ihr schon beibringen. 



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So wird man uns aus diesen L&adern verjagen und in 
deu anderen, in die wir uns flOchten, ersdilagen. 

Gibt es denn keine Rettung? 

Doch, meine Herren, es gibt eiue, die schon einmal da 
war. Es gilt, eine sehr alte, sehr berühmte, sehr bewShrte 
Sache zu wiederholen. Aber in anderen, modernen, fei- 
neren Formen. Alle Mittel der Gegenwart sind für diesen 
einfachen, leicht verstSndlichea Zweck zu verwenden. 

Diese einfache alte Sache ist der Auszug aus Mizraim. 

Ich habe absichtlich den kurzen kritischen Teil voraus- 
geschickt, obwohl Ihnen alles davon bekannt war, und 
auf die Gefahr, Sie tu ermüden. Ich wollte Ihnen näm- 
lich vor allem die Meinung beibringen, daß ich nach den- 
selben Regeln der Vernunft raisonniere, nach denen auch 
Sie raisonnieren. Daß ich die Dinge mit ebenso ruhigem 
Auge ansehe, wie Sie selbst. Ich habe vielleicht einige 
Gefahren und Verwicklungen sehr scharf angedeutet, mit 
denen Sie sich nicht oft oder aicht gern beschäftigen. 
Aber jedenfalls war alles wahr, einfach und vernünftig. 

Halten Sie mich also für keinen Phantasten. Ich werde 
übrigens zunächst das Geschäftliche entwickeln, wobei 
Sie ja genau beobachten können, ob ich irre rede oder 
nicht. 

Für die einzig mögliche endgültig und glückliche Lö- 
sung der Judenfrage ist eine Milliarde Francs erforder- 
lich. Diese Milliarde wird in zwanzig Jahren drei Mil- 
liarden wert sein; ganz genau drei Milliarden, wie Sie 
später sehen werden. 

Aber bevcv ich Ihnen den Plan auseinandersetze, will 
ich Ihnen in zwei Sätzen das Grundprinzip sagen, auf dem 
er steht. So werden Sie alles leichter hegreifen. — 

I . Wir lösen die Judenfrage, indem wir das Vermögen 
der reichen Juden bergen, reap. liquidieren. 

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3. Wenn wir das nicht mit den reichen Judea machen 
können, so machen wir es gegen sie. 

Das ist keine Drohung. Wir bitten ebensowenig, «rie wir 
drohen. Sie werden das im weiteren Verlauf verstehen. 

Folgendes ist der Plan: 

Sobald die Society of Jews konstituiert ist, berufen 
wir eine Anzahl jüdischer Geographen zur Konferenz 
ein und stellen mit Hilfe dieser Gelehrten, die uns als 
Juden treu ergeben sind, fest, wohin wir auswandern. 
Denn ich will Ihnen jetzt vom „Gelobten Lande" alles 
sagen; nur nicht, wo es liegt. Das bt eine rein wissen- 
schaftliche Frage. Es muß auf geologische, klimatische, 
kurz auf natürliche Verhältnisse aller Art mit voller Um- 
sicht, unter Berücksichtigung der neuesten Forschungen, 
geachtet werden. 

Sind wir darüber einig, welcher Weltteil und welches 
Land in Betracht kommt, so beginnen mit Sußerster Be- 
hutsamkeit die diplomatischen Schritte. Um nicht mit 
ganz unbestimmten Begriffen zu operieren, nehme ich 
Argentinien als Beispiel. Ich dachte eine Zeitlang an Pa- 
lästina. Dieses würde sich empfehlen, weil es der unver- 
gessene Stammsitz unseres Volkes war, weil der Name 
allein schon ein Programm wäre und weil es die unteren 
Massen stark anziehen könnte. Aber die meisten Juden 
sind keine Orientalen mehr, haben sich an ganz andere 
Himmelsstriche gewöhnt, und mein späterhin folgendes 
System der Verpflanzung wäre dort schwer durchzufüh- 
ren. Auch ist Europa noch zu nahe, und im ersten Vier- 
teljahrhundert unseres Bestandes müssen wir für unser 
Gedeihen von Europa und von dessen Kriegs- und so- 
zialen Verwicklungen Ruhe haben. 

Ich bin aber im Prinzipe weder gegen Palästina, noch 
für Argentinien. Wir müssen nur ein echeloniertes 

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Klima für die an kfiltere oder wfirmere Striche gewöhnten 
Juden haben. Wir müssen wegen unseres künftigen 
Welthandels am Meere liegen, und müssen für unsere ma- 
schinenmäßige Landwirtschaft im großen weite Flächen 
zur Verfügung haben. Die Gelehrten haben das Wort 
zu unserer Beratung. Den Beschluß wird der Verwal- 
tungsrat fassen. 

Schon hier kann gesagt werden, daß wir vermöge der 
technischen Fortschritte viel glQckUcher ein Land neh- 
men, Städte anlegen und Kulturen stiften können, als 
dies im Altertum, ja noch vor hundert Jahren möglich 
war. Durch die Bahnen sind wir vom Lauf der Ströme 
unabhängig, dank der Elektrizität können wir uns im 
Gebirge festsetzen. Die Fabriksorte werden wir von vorn- 
herein ins Gebirge legen, wo billige Wasserkraft vorhan- 
den ist, die Ansammlung von Arbeitermassen unmöglich 
wird, und die arbeitende Bevölkerung in besserer Luft 
glücklicher leben und gedeihen kann. Auch bereiten wir 
uns so auf die offenbar kommende Entwicklung vor, 
welche die Naturkräfte für das Kleingewerbe zerteilen 
und dem Einzelnen zuleiten wird. 

Sobald das zu nehmende Land bestimmt ist, schicken 
wir vertraute und geschickte Unterhändler aus, um mit 
der jetzigen Landeshoheit und den Nachbarstaaten über 
Aufnahme, Durchzug, Garantien für innere und äußere 
Ruhe, Verträge abzuschließen. 

Ich nehme an, daß wir nach Argentinien gehen. So 
werden wir mit den südamerikanischen Republiken ver- 
handeln. 

Ich will Ihnen nun die Grundzüge unserer Politik sa- 
gen. Es muß das Ziel sein, daß wir das besetzte Land 
sofort nach unserer Staatserklirung als ein unabhängiges 
erwerben. Darum werden wir wohl dem Aufnahmestaat 

i5o 



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Geldvorteile gewähreo, die jedoch nicht die Form eines 
Tributs haben dürfen. Der Tribut w&re mit unserer spä- 
teren Würde unvereinbar. Die nachherige Einstellung 
kdnnte uns in einen unnötigen Krieg verwickeln. Jeden- 
falls würde es unserem guten Ruf in der Welt schaden. 
Wir wollen aber rechtlich vorgehen und mit allen gute 
Nachbarschaft halten, wenn man uns in Ruhe läßt. 

Die Geldvorteile, die wir den Südamerikanern zuwen- 
den, brauchen selbstverstfindlich nicht in barer Zahlung 
zu besteben. Schon für die Vermittlung von Anleihen 
XU günstigen Bedingungen wären sie dankbar und zu gro- 
ßen Zugeständnissen geneigt. Auch wäre die Anlage eben 
dadurch eine gute, weil wir Ströme von Reichtum nach 
Südamerika fainüberleiten. Denn die Nachbarstaaten wer- 
den, von den unmittelbaren Vorteilen abgesehen, auch 
ungeheure indirekte haben. Eine beispiellose Verkehrs- 
Fruchtbarkeit kommt durch uns und mit uns nach Süd- 
amerika. Die Länder, die um das unserige herumliegen, 
müssen notwendig reich werden. Selbstverständlich wird 
ihnen das bei den Unterhandlungen gehörig erklärt. 

Während wir nun drüben diese diplomatischen Bezie* 
hungen anspinnen, haben wir in Europa andere Aufgaben. 
Vieles, was ich hier nacheinander anführe, wird ja gleich- 
zeitig geschehen. 

Die Society of Jews beginnt damit, daß sie mit den 
Regierungen Entlassungsverträge schließt. Ausdrückli- 
cher Entlassungsvertrag wird es ja nur mit Rußland sein. 
In den anderen Ländern, die in Betracht kommen, besteht 
gesetzlich die Freizügigkeit. Aber wir wollen überall 
Hand in Hand mit den Regierungen gehen. Wir wollen 
und werden ab gute Freunde scheiden. Große Dinge 
macht man nicht mit Haß und Rachsucht, sondern nur 
mit überlegener Freundlichkeit. 

i5i 



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Rußland wird unsere Leute zweifeltos fortziehen lassen. 
Man gestattet dem Baron Hirsch, selbst MilitSrpfUchtige 
anzuwerben; allerdings werden sie, wenn sie zurückkom- 
men, als Deserteure behandelt. Das kann uns nur recht 
sein. Man wird uns doch mindestens dieselben Zugeständ- 
nisse machen. Wir nehmen ja nicht nur junge, kräftige 
Leute, sondern auch alte. Kranke, Frauen und Kinder 
(was ich mit diesen Kategorien anfange, folgt später). 

Nun kann und wird auch vielleicht der Augenblick 
kommen, wo die russische Regierung den Abfluß so vieler 
Menschen mit Unbehagen anzusehen beginnt. Da wird 
wieder Ihre Kreditpolitik helfen müssen. Wie oft in der 
letzten Zeit haben Sie Rußland Ihre Geidkraft zur Ver- 
fügung gestellt I Und ich bitte Sie: wofür? Bedenken 
Sie doch, welche ungenützte politische Kräfte in Ihrer 
Kreditgewährung schlummern. Kurz, bei zielbewußtem 
Vorgehen wird es ein leichtes sein, die russische Regie- 
rung bei guter Laune zu erhalten, bis unser letzter Mann 
draußen ist. 

Die EntlassungsvertrSge nehmen in anderen Ländern 
eine andere Gestalt an. Mit der Freizügigkeit der Per- 
sonen allein ist ja nicht gedient. Wir werden freilich 
auch hier bemüht sein müssen, uns den Abzug der mili- 
tärpflichtigen Männer gewähren zu lassen und zwar 
unter denselben harten Bedingungen wie in Rußland. In 
Deutschland hat man die Juden ohnehin nicht gern im 
Heer; und die Leute, welche die Juden aus der Armee 
entfernen wollen, haben von ihrem Standpunkt aus si- 
cherlich recht. 

Wie steht es nun aber mit der Freizügigkeit der Sa- 
chen? Das bewegliche Vermögen ist in seinen heutigen 
Formen leichter als je wegzuschaffen. Aber das unbe- 
wegliche? 

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Anfangs, bevor unsere Bewegung allgemein wird, ha- 
l>en es ja die ersten Juden, die mit uns gehen, leicht, 
ihre InmiobilieQ zu verSußern. Nur werden allmählich 
verschiedene Unzukömmlichkeiten eintreten. ZunSchst 
werden diese Abzügler einander die Preise drücken. Ohne 
unsere Hilfe würden in den vom Abzug der Juden be- 
troffenen Lindern allerlei Geschfiftskrisen eintreten, de- 
ren Form und Umfang sich gar nicht berechnen ließe. 
Endlich würde die Bevölkerung stutzig und erbost wer- 
den, die noch übriggebliebenen Juden verantwortlich ma- 
chen. Man würde vielleicht zu gesetzlichen, jedenfalls zu 
administrativen Schikanen greifen. 

Es kann den Juden, die nicht mit uns gehen, übel be- 
kommen. Wir könnten sie ja ihrem Schicksal überlassen, 
da sie zu feig oder zu schlecht waren, sich uns anzuschlie- 
ßen. 

Aber was wir vorhaben, ist ein Werk der Gerechtigkeit 
und Nächstenliebe. Wir wollen Erbarmen haben selbst 
mit den Erbärmlichen. Wir bringen ja die Lösung! Und 
eine Lösung ist nur, was alle befriedigt. 

Jetzt, meine Herren, kommen wir zu einun geschäft- 
lichen Knotenpunkte des Planes. 

Daß die Society uns zu unserem Staate hinfiberleiten 
wird, ahnen Sie bereits. Aber davon sind wir noch weit 
entfernt. 

(Das ist der Platz, eine Einschaltung zu machen; denn 
wie gesagt, viele Tätigkeiten, die ich da hintereinander 
schildere, werden in Wirklichkeit gleichzeitig vorgenom- 
men werden.) 

Wir ließen unsere diplomatischen Unterhändler in 
Südamerika, wo sie mit den Staaten Landnahme- Verträge 
schlössen. Die Verträge sind nun fertig. Das zu neh- 
mende Land ist uns gesichert. 

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Daß diese Operation rechtlich ist, kann nicht bezwei- 
felt werden. Aber sie ist nicht delikat. Wir wissen von 
der Wertsteigerung, die der Verkäufer nicht ahnt. Darum 
werden wir ihm nach perfektem Kauf die Option geben, 
zwischen Barzahlung und Entschfidigung in Aktien zum 
Nominalwert. Hält er das Ganze für eine Schwindelei — 
tont pü pour lui. Jedenfalls haben wir uns nichts mehr 
vorzuwerfen. 

Für Baumaterial haben unsere Geologen gesorgt, als 
sie uns die Plätze für unsere Städte suchten. 

Das Bauprinzip wird nun sein, daß wir die Arbeiter- 
wohnungen (und ich begreife darunter die Wohnungen 
aller Handarbeiter) in eigener Regie herstellen. Ich denke 
keineswegs an die traurigen Arbeiterkasernen der euro- 
päischen Städte und auch nicht an die kümmerlichen 
Hütten, die um Fabriken herum in Reih und Glied stehen. 
Unsere Arbeiterhäuser müssen zwar auch einförmig aus- 
sehen — weil wir nur billig bauen können, wenn wir die 
Bauhestandteile in großen Massen gleichmäßig herstel- 
len — aber diese einzelnen Häuser mit ihren Gärtchen 
sollen an jedem Ort zu schönen Gesamtkörpern vereinigt 
werden. 

Der Normal-Arbeitstag ist der Siebenstundentag; das 
heißt nicht, daß täglich nur sieben Stunden lang Bäume 
gefällt, Erde gegraben, Steine geführt, kurz die hundert 
Arbeiten getan werden sollen. Nein, man wird vierzehn 
Stunden arbeiten. Aber die Arbeitergruppen werden 
einander nach je dreieinhalb Stunden ablösen. Die Or- 
ganisation wird ganz militärisch sein, mit Chargen, Avan- 
cement und Pensionierung. Wo ich die Pensionen her- 
nehme, werden Sie später hören. 

Dreieinhalb Stunden hindurch kann ein gesunder Mann 
sehr viel konzentrierte Arbeit beigeben. Nach dreieinhalb 

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Stunden Pause — die er seiner Rübe, seiner Familie, sei- 
ner geleiteten Fortbildung widmet — ist er wieder ganz 
frisch. Solche Arbeitskräfte können Wunder wirken. 

Den Siebenstundentag! Ich wfihle die Siebenzahl, weil 
sie mit alten Vorstellungen des Judenvolkes zusammen- 
hingt und weil sie vierzehn allgemeine Arbeitsstunden — 
mehr geht in den Tag nicht hinein — ermöglicht. Ich 
habe zudem die Oberzeugung, daß der Siebenstundentag 
vollkommen durchführbar ist (Jules Guesde spricht von 
fünf Stunden). Die Society wird Ja darin reiche neue 
Erfahrungen sammeln — die den übrigen Völkern der 
Erde auch zugute kommen werden. 

(Auch für Witwen ist durch mein etwas kompliziertes 
Wohltfitigkeitssystem gesorgt.) 

Die Kinder erziehen wir gleich von Anfang an, wie wir 
sie brauchen. Darauf gehe ich jetzt nicht ein. 

Die Assislance par le Waoail: 

Diese Assistance besteht darin, daß man jedem Be- 
dürftigen unskiUed labour gibt, eine leichte ungelernte 
Arbeit, wie z. B. Holzverkleinern, die Erzeugung der 
„margotins", mit denen in Pariser Haushaltungen das 
Herdfeuer angemacht wird. Es ist eine Art Gefangen- 
bausarbeit vor dem Verbrechen, d. h. ohne Ehrlosigkeit. 

Niemand braucht mehr aus Not zum Verbrechen zu 
schreiten, wenn er arbeiten will. Aus Hunger dürfen 
keine Selbstmorde mehr begangen werden. Diese sind 
ja ohnehin eine der ärgsten Schandmale einer Kultur, 
wo vom Tisch der Reichen Leckerbissen den Hunden hin- 
geworfen werden. 

Die Arbeitshilfe gibt also jedem Arbeit. Hat sie denn 
für die Produkte Absatz? Nein, wenigstens nicht ge- . 
nügenden. Hier ist der Mangel der bestehenden Kon- 
struktion. 

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Diese Assistance arbeitet immer mit Verlust. Allerdings 
ist sie auf den Verlust gefaßt. Es ist ja eine WohlUtig- 
Iceitsanstalt. Die Spende stellt sich hier dar als die Dif- 
ferenz zwischen Gestehungskosten und erlöstem Preis. 
Statt dem Bettler zwei Sous zu geben, gibt sie ihm eine 
Arbeit, an der sie zwei Sous verliert. 

Der Bettler aber, der zum edlen Arbeiter geworden ist, 
verdient i Franc 9o Centimes. Für lo Centimes i5oI 
Verstehen Sie, was das beißt? Das beißt, aus einer Mil- 
liarde fünfzehn Milliarden machen 1 Die Assistance ver- 
liert freilich die zehn Centimes. Sie werden die Milliarde 
nicht verlieren, sondern verdreifachen. 

Das wird alles nach einem großen, von Anfang an fest- 
stehenden Plane geschehen. 

Ich habe die Hauptkette dieser Auseinandersetzung 
beim Bau in eigener Regie der Arbeiterwohnungen ver- 
lassen. 

Nun kehre ich zurück zu anderen Kategorien von Heim- 
stätten. Wir werden auch den Kleinbürgern Hfiuser durch 
die Architekten der Society bauen lassen, entweder als 
Tauschobjekte oder für Geld. Wir werden etwa hundert 
Häusertypen von unseren Architekten anfertigen lassen 
und vervielfältigen. Diese hübschen Muster werden zu- 
gleich einen Teil unserer Propaganda bilden. Jedes Haus 
hat seinen festen Preis; die Güte der Ausführung ist von 
der Society garantiert, die am Häuserbau nichts verdie- 
nen will. Ja, wo werden die Häuser stehen? Das werde 
ich hei den Ortsgruppen und beim Landnahmeschiff zei- 
gen. 

Da wir nun an den Bauarbeiten nichts verdienen wol- 
len und nur am Grund und Boden, so wird es uns nur 
erwünscht sein, wenn recht viele freie Architekten im 
Privatauftrag hauen. Dadurch wird unser übriger Land- 

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besitz mehr wert, dadurch kommt Luxus ins Land, und 
den Luxus brauchen wir für verschiedene Zwecke, na- 
mentlich für die Kunst, für Industrien, und endlich für 
den Verfall der großen Vermögen. 

Ja, die reichen Juden, die jetzt ihre Schätze ängstlich 
verbergen müssen und bei herabgetassenea Vorhängen 
ihre unbehaglichen Feste geben, werden drüben frei ge- 
nießen dürfen. 

Wenn unsere Auswanderung mit Ihrer Mitwirkung 
lustande kommt, wird das Kapital bei uns drüben reha- 
bilitiert sein, es wird in einem beispiellosen Werke seine 
Nützlichkeit gezeigt haben. 

Auch in dieser Gegend meines Planes könnten Sie uns 
mit Ihrem ICredit große Dienste leisten. Hier ist es der 
Salonkredit. Wenn Sie anfangen, Ihre Schlösser, die man 
in Europa schon mit scheelen Augen ansieht, drüben zu 
bauen, und wenn Sie die Syndikatsmitglieder anregen, das 
gleiche zu tun, so wird es bald Mode der reichen Juden 
werden, sich drübea in prächtigen Häusern anzusiedein. 
II y a lä un mouvement d crier. Und das ist so leicht. 
Man sagt guten Freunden, die es weitergeben : „Wollen 
Sie einen guten Rat? Bauen Sie drüben." Der Rat ist 
nämlich in Wahrheit gut. 

So wandern dann allmählich die Kunstschätze der Ju- 
den hinüber. Sie wissen am besten, wie groß diese Kunst- 
schätze schon sind. Vielleicht wird das der Punkt sein, wo 
die Regierungen zuerst eingreifen, wenn wir die Sache 
nicht mit Ihnen, das heißt in der diplomatischen Form 
machen können und durch öffentliche Propaganda mit 
dem Judenvolk uns in Verbindung setzen müssen. Die 
Art, wie die Regierungen vorgehen müßten, ist schon in 
Italien gefunden. Sie kennen ja das Ausfuhrverbot der 
Kunstwerke. 

■57 



db,Google 



Es wSre aber der Bewegung sehr schftdtich, wenn die 
Regierungen dann auf den Gedanken kfimen, dieses sinn- 
reiche Verbot auch auf andere Gegeostfinde des greif- 
baren Vermögens auszudehnen. Die kleinen Juden wür- 
den davon — et pour cause — am wenigsten betroffen. 
Immer schwerer clie größeren; und Sie endlich, meine 
Herren, würde es am spStesten und am schwersten tref- 
fen. Übersehen Sie nicht, was das juristische Wesen des 
Ausfuhrverbots ist. Es ist die teilweise Entziehung der 
Verfügung über eine Sache, es wird eine Eigenschaft der 
Sache — ihre ExportfShigkeit — konfisziert. 

Nun scheint mir aber auch das schon von Übel. Und 
wenn man zu konfiszieren anfängt, wo hört man auf? 

Wir wollen das nicht provozieren: aber können wir 's 
hindern, wenn es im Verlauf unserer Bewegung eintritt? 
Daß wir darauf nicht aus sind, Sie zu schädigen — im 
Gegenteil! — das sehen Sie schon aus unserem ganzen 
Antrag. 

Wir zeigen Ihnen ja den W^, wir machen Ihnen ja 
die Vorschläge, wie man diese riesige Bewegung sachte, 
ohne Erschütterung, leiten kann. Entstehen wird sie — 
das ahnen Sie wohl schon, meine Herren; und es wird 
für Sie gut sein, mit uns zu gehen. Wäre dies nicht der 
Fall, so könnten wir uns um die Liquidierung Ihres euro- 
päischen Geschäftes nicht kümmern. Wir liquidieren nur 
die Immobilien und Geschäfte der Leute, die bis zu einer 
gewissen Zeit mit uns gegangen sind — nehmen wir an, 
im ersten Jahrzehnt. Denn wir müssen uns ja aus Europa 
zurückziehen. Hier ist nicht unseres Bleibens. Und man 
wird uns nur dann ohne Behelligung abziehen lassen, 
wenn wir nicht lange herumfackeln. 

Wir können und werden alle, die es wünschen, so rasch 
als möglich liquidieren. Nur Sie nicht, weil es vollkom- 

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men unmOgUch ist. Denn nach der Auswanderung der 
Juden vertrüge Europa nicht mehr die Erschütterung 
durch Ihre Liquidation, 

Familienrede: i^- VI. 

Die Bewegung ist in dem Augenblick geboren, wo ich 
der Welt meinen Gedanken mitteile. Sie sind reich ge- 
nug, meine Herren, diesen Plan zu fördern; Sie sind nicht 
reich genug, ihn zu verhindern. Aus einem merkwürdig 
einfachen Grunde: ich bin nicht kfiuflich. 

Ja, ich würde es ehrlich bedauern, wenn Sie nicht mit 
mir gingen und dadurch Schaden litten. Denn Sie wür- 
den sich nicht aus Schlechtigkeit oder Engherzigkeit wei- 
gern — es ist bekannt, daß Sie treu am verachteten Ju- 
dentum hSngen — ; Sie würden sich weigern, weil Sie die 
Richtigkeit meiner Behauptungen nicht einsehen, oder 
weil ich den Plan schlecht erkläre. Dann werde ich mit 
der Werbung in die Tiefe gehen. Wenn die Society of 
Jews nicht durch Geldaristokraten gebildet wird, so wird 
sie durch Gelddemokraten gebildet. Bei diesen — er- 
zShIte ich Ihnen in der Einleitung — ist die Beklommen- 
heit schwerer, folglich wird die Sehnsucht aufzuatmen 
größer sein. Gehen dann bei der Bewegung einige Juden 
und ihre Habseligkeiten zugrunde, so trifft mich weiter 
keine Verantwortung. Ich habe deutlich genug gewarnt; 
Der Zug kommt I 

Steht das aber nicht im Widerspruch mit meiner frü- 
heren Angabe, daß der ruhige Abzug aller Juden gesichert 
werden solle? Nein, denn wir können nur diejenigen 
Juden schützen, die mit uns gehen, die sich uns anver- 
trauen. Die im Zug sind, werden nicht getreten. Bei 
denen können wir die Garantie gegenüber den Regierun- 
gen und Völkern übernehmen und erhalten dafür ihre 
Beschützung durch Staat und öffentliche Meinung. 



dbyGoogle 



Sie, meine Herren, sind lu groß, als daS wir Sie spSter 
in unsere Obhut nehmen könnten. Nicht aus raneune, 
nicht weil wir inzwischen in einen schweren, auf vielen 
Punkten auszufechtenden Gegensatz geraten sein werden; 
im Gegenteil, wir werden Sie drüben brüderlich aufneh* 
men, wenn Sie eines Tages Schutz und Frieden suchen 
kommen. — Allerdings werden wir einige Sicherfaeits- 
Vorkebrui^en gegen Ihr gefSbrliches Vermögen treffen 



Wenn Sie mich nicht unterstützen, fügen Sie meinem 
Plan großen Schaden zu. Denn das Feinste, Geheimste 
und Diplomatische wird unmöglich, wenn icb es Öffent- 
lich führe. 

Icb kann dann die südamerikanischen Republiken nicht 
so behandeln, kann nicht so billig expropriieren, habe 
die tausend Schwierigkeiten der Publizit&t. 

Mit Ihnen ein glänzendes Geschäft (oh, nicht für mich) . 
Mit den ZwergmillionSren ein zweifelhaftes. Mit den 
kleinen Juden ein schlechtes, vielleicht nicht zu Ende 
führbares, in einem Krach (wie Panama) endigendes. 

„Ich mache Sie dafür verantwortlich", wäre eine Re- 
densart, über die Sie lächeln würden. 

Nein, ich sage: Sie werden es büßen, wenn die Sache 
als populäre mißlingt. Und wenn sie gelingt, werden wir 
alle Juden aufnehmen, nur die R's nicht. 

Und das ist für Sie nicht so gleichgültig, wie es heute 
ausseben mag. Denn Ihr Vermögen wird auch nach un- 
serem Abgang beängstigend weiterwachsen, und aller Haß, 
der sich bisher auf so unzählige Judenköpfe zerstreute, 
wird sich auf einigen wenigen — den Ihrigen — sam- 
meln. 

Diese paar Köpfe werden, besonders in Frankrach, 
nicht fest sitzen. 

i6o 



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Ja, in welcher Form wird aber die Society of Jews (ob 
sie aristokratisch oder demokratisch zustande komme) die 
Garantien leisten, daß in den verlassenen Ländern keine 
Verarmung und keine wirtschaftlichen Krisen eintreten? 

Ich sagte Ihnen schon, daß wir anständige Antisemiten, 
unter Achtung ihrer uns wertvollen Unabhingigkeit, 
gleichsam als volkstümliche Kontrollhehörden an unser 
Werk heranziehen wollen. Aber auch der Staat hat fi^a- 
lische Interessen, die geschädigt werden können. Er ver- 
liert eine, zwar bürgerlich gering, aber finanziell hochge- 
schätzte Klasse von Steuerträgern. Wir müssen ihm da- 
für eine Entschädigung bieten. Wir bieten sie ihm ja 
indirekt, indem wir die mit unserem jüdischen Scharf- 
sinn, unserem jüdischen Fleiß eingerichteten Geschäfte 
im Lande lassen. Indem wir in unsere aufgegebenen Po- 
sitionen die christlichen Mitbürger einrücken lassen und 
so ein in diesem Umfang, in dieser Friedlichkeit bei- 
spielloses Aufsteigen von Massen zum Wohbtand ermög- 
lichen. Die Französische Revolution zeigte in kleinerem 
Maßstab etwas Ahnliches, aber dazu mußte das Blut unter 
der Guillotine, in allen Provinzen des Landes und auf 
den Schlachtfeldern Europas in Strömen fließen und 
dazu ererbte und erworbene Rechte zerbrochen werden. 
Und dabei bereicherten sich nur die listigen Käufer der 
Nationalgüter. 

Die Staaten haben ferner den indirekten Vorteil, daß 
ihr Exporthandel gewaltig wächst. Denn da wir drüben 
noch lange auf die europäischen Erzeugnisse angewiesen 
sein werden, müssen wir sie notwendig bezieben. Und 
auch hierin wird mein Ortsgnippensystem — wozu wir 
bald kommen — einen gerechten Ausgleich schaffen. 
Die gewohnten Bedürfnisse werden sich noch lange an 
den gewohnten Orten decken. Der größte indirekte Vor- 

ti Herils Tacebltolier I. l6l 



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teil endlich, den man vielleicht nicht gleich in seinem 
ganzen Umfange schfitzen wird, ist die soziale Erleichte^ 
rung. Die soziale Unzufriedenheit wird auf eine Zeit 
hinaus beschwichtigt, die vielleicht zwanzig Jahre, viel- 
leicht länger dauern wird. Die soziale Frage aber, meine 
Herren, halte ich für eine b)oß technologische Frage. Der 
Dampf hat die Menschen um die Maschine herum in den 
Fabriken versammelt, wo sie aneinander gedrückt sind 
und durch einander unglücklich werden. Die Produktion 
ist eine ungeheure, wahllose, planlose, führt jeden Augen- 
blick zu schweren Krisen, durch die mit den Unterneh- 
mern auch die Arbeiter zugrunde gehen. Der Dampf hat 
also die Menschen aneinander gepreßt; ich glaube, die 
Anwendung der Elektrizität wird sie wieder in glückli- 
chere Arbeitsorte auseinanderstreuen. Das kann ich nicht 
vorhersagen. Jedenfalls werden die technischen Erfinder, 
die wahren Wohltäter der Menschheit, in diesen zwanzig 
Jahren weiter arbeiten und hoffentlich so wunderbare 
Dinge finden wie bisher, nein, immer wunderbarere. 

Wir selbst werden drüben alle neuen Versuche be- 
nützen, fortbilden; und wie wir im Siebenstundentag ein 
Experiment zum Wohle der ganzen Menschheit machen, 
80 werden wir in allem Menschenfreundlichen vorangeben 
und als neues Land ein Versuchsland, ein Musterland vor- 
stellen. 

Aber mit den indirekten Vorteilen werden sich die Staa- 
ten schwerlich begnügen. Sie werden direkte Abgaben 
wünschen. Nun müssen wir den Regierungen und Par- 
lamenten dabei an die Hand gehen. Es ist vielleicht einer 
der großmütigsten Ziele dieses Planes, daß den moder- 
nen Kulturvölkern die Beschämung von Ausnahmege- 
setzen gegen ein ohnehin unglückliches Volk erspart wer- 
den soll. Um den Regierungen eine Abzugsbesteuerung 



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d«r Juden lu ersparen, wird die Society einstehen. Un- 
sere Zentrale hat ihren Sitz in London, weil wir im Pri- 
vatrechtlichen unter dem Schutt eioer großen, derzeit nicht 
antisemitischen Nation stehen müssen. Aber wir werden, 
wenn man uns offiziell und offiziös unterstützt. Überall 
eine breite Steuerflfiche — twface sagt man in Frank- 
reich — liefern. Wir werden überall besteuerbare Toch- 
ter- und Zweiganstalten gründen. Wir werden femer den 
Vorteil doppelter Immobilien-Umschreibung, also dop- 
pelter Gebühren liefern. Die Society wird selbst dort, 
wo sie nur als Immobilienagentur auftritt, sich den vor- 
übergehenden Anschein des Kfiufers gehen. Wir werden 
also, auch wenn wir nicht besitzen wollen, im Grundbuch 
einen Augenblick als Kftufer stehen. 

Das ist nun freilich eine rein rechnungsm&ßige Sache. 
Es wird von Ort zu Ort erhoben und entschieden wer- 
den müssen, wie weit wir darin gehen können, ohne die 
Existenz unseres Unternehmens zu gefShrden. Wir wer- 
den darüber freimütig mit den Finanzministern verhan- 
deln. Sie werden unseren guten Willen deutlich sehen. 
Sie werden uns überall die Erleichterungen gew&hren, die 
wir zur erfolgreichen Durchführung des historischen Un- 
ternehmens nachweisbar brauchen. 

Eine weitere direkte Zuwendung, die wir machen, ist 
die im Güter- und Personentransport. Wo die Bahnen 
staatlich sind, ist das sofort klar. Bei den Privafbahnen 
erhalten wir — wie jeder große Spediteur — Begünsti- 
gungen. Wir müssen natürlich unsere Leute so billig als 
möglich reisen lassen und verfrachten, da jeder auf 
eigene Kosten hinübergeht. Wir werden also für den 
Mittelstand das System Cook und für die armen Klassen 
das Personenporto haben. Für die Frachten haben wir 
unsere geübten Tarifeure. Wir könnten an Personen- 

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und Frachtrefaktien viel verdienen. Aber unser Grund- 
satz muß auch in diesem Zweige sein, nur die Selbsterhal- 
tungskosten hereinzubringen. In Europa dürfen wir nichts 
mehr verdienen. Wir werden daher die Refaktie zwischen 
unseren Auswanderern (Fahrpreisermäßigung) und dem 
Staat teilen (Surfacegabe durch Etablierung von Spedi- 
tionsgeschäften und Frachtversicherungsanstalten). 

Es wird nicht notwendig sein, überall neue Speditions- 
geschäfte zu etablieren. Die Spedition ist an vielen Orten 
in den Händen der Juden. Die Speditionsgeschäfte wer- 
den die ersten sein, die wir brauchen, und die ersten, die 
wir liquidieren. Die bisherigen Inhaber dieser Geschäfte 
treten entweder in unseren Dienst oder sie etablieren sich 
frei drüben. Die Ankunftstelle braucht ja empfangende 
Spediteure; und da dies ein glänzendes Geschäft ist, da 
man drüben sofort verdienen darf und soll, wird es daf jlr 
nicht an Uoternebmungslustigea fehlen. Das leuchtet ein. 

Die Schiffe aber werden wir in eigene Regie nehmen 
und zugleich jüdische Reeder encouragieren. Die Schiffe 
werden wir zuerst kaufen — wobei wir durch heimliches 
und gleichzeitiges Einkaufen, ähnlich dem früher ent- 
wickelten Zentralsystem des Landkaufes, Preissteigerun- 
gen vorbeugen — und später, ja möglichst bald, selbst 
drüben bauen. Wir werden den Schiffsbau freier Unter- 
nehmer- durch verschiedene Vorteile (billiges Material 
aus unseren Wäldern und Hochöfen) begünstigen. Die 
Zuleitung von Arbeitskräften wird durch unsere Dienst- 
vermittlungs-Zentrale besorgt. 

Anfangs werden wir keine oder wenig lohnende Rück- 
fracht für unsere Schiffe haben (höchstens von Chile, 
Argentinien und Brasilien). Unsere wissenschaftlichen 
Gehilfen, die auf dem Landnahmeschiff zuerst hinüber- 
gehen, werden auch diesem Punkt sofort ihre Aufmerk- 

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samkeit xuweadea müssen. Wir werden Rohprodukte su- 
chen und nach Europa bringen, es wird der Anfang un- 
seres Außenhandels sein. AlhnShlich werden wir Indu- 
striesachen erseugen, zunSchst für unsere eigenen armen 
Auswanderer. Kleider, Wische, Schuhe usw. fabriks- 
mäßig. Denn in unseren europäischen Abfahrtshäfen 
werden unsere armen Leute neu gekleidet. E^ wird ihnen 
damit kein Geschenk gemacht, weil wir nicht gedenken, 
sie SU demütigen. Es werden ihnen nur ihre alten Sachen 
gegen neue eingetauscht. Es liegt uns nichts daran, wenn 
wir dabei etwas verlieren; wir buchen es als Geschäfts- 
verlust. Die völlig Besitzlosen werden für die Bekleidung 
unsere Schuldner und zahlen drüben in Arbeits-Über- 
stunden, die wir ihnen für gute Aufführung erlassen 
werden. 

Eis soll schon in diesen Kleidern etwas Symbolisches 
enthalten sein : Ihr beginnt jetzt ein neues Leben I Und 
wir werden dafür sorgen, daß schon auf den Schiffen 
durch Gebete, populäre Vorträge, Belehrungen über den 
Zweck des Unternehmens, hygienische Vorschriften für 
die neuen Wohnorte, Anleitungen zur künftigen Arbeit, 
eine ernste und festliche Stimmung erhatten werde. Denn 
das Gelobte Land ist das Land der Arbeit. Drüben aber 
wird jedes Schiff von den Spitzen unserer Behörden 
feierlich empfangen werden. Ohne törichten Jubel, denn 
das Gelobte Land muß erst noch erobert werden. Aber 
schon sollen diese armen Menschen sehen, daß sie hier 
zu Hause sind. 

Unsere Bekleidungsindustrie für Auswanderer wird, 
wie Sie sich denken können, nicht planlos produzieren. 
Wir werden durch das zentralisierte Netz unserer Agen- 
turen — die unsere politische Administration vorstellen, 
gegenüber den autonomen Ortsgruppen — immer recht- 

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zeitig die Zahl, den AakuofUtag und die Bedürfnisse der 
Auswanderer kennen und für sie Vorsorgen. In dieser 
planvollen Leitung einer Industrie ist der schwache An- 
fang des Versuches enthalten, die Produktionskrisen zu 
vermeiden. Wir werden auf allen Gebieten, wo die So- 
ciety als Industrieller auftritt, so vorgehen. Keineswegs 
wollen wir aber die freien Unternehmungen mit unserer 
Übermacht erdrücken. Wir sind nur dort Kollektivisten, 
wo es die ungeheuren Schwierigkeiten der Aufgabe er- 
fordern. Im übrigen tvollen wir das Individuum mit sei- 
nen Rechten hegen und pflegen. Das Privateigentum als 
die wirtschaftliche Grundlage der Unabhängigkeit soll 
sich bei uns frei und geachtet entwickeln. Wir lassen ja 
gleich unsere ersten Unskilleds ins Privateigentum auf- 
steigen. Sie haben ferner schon an einigen Punkten ge- 
sehen, beim freien Bauunternehmer, beim freien Reeder, 
beim freien Spediteur, wie wir den Unternehmungsgeist 
fördern wollen. In der Industrie wollen wir den Unter- 
nehmer auf verschiedene Art begünstigen. Schutzzoll 
oder Freihandel sind keine Prinzipien, sondern Nützlich- 
keitsfragen. Anfangs werden wir jedenfalls Freihändler 
sein. Späterhin werden die Bedürfnisse unserer Politik 
darüber entscheiden. 

Aber wir können der Industrie auch auf andere Weise 
helfen, und wir werden es. Wir haben die Zuwendung 
billigen Rohmaterials in der Hand und können den Zu- 
fluß wie den von Wasser durch Schleusen regeln. Das 
wird später zur Vermeidung von Krisen wichtig werden. 
Dann aber gründen wir eine Einrichtung von dauerndem 
und wachsendem Wert : nämlich ein Amt für Industrie- 
statistik, mit öffentlichen Verlautbarungen. 

So wird der Unternehmungsgeist auf gesunde Weise 
angeregt. Die spekulative Planlosigkeit wird vermieden. 

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Die Etabliemng neuer Indostrieo wird rechtzeitig be- 
kaDQl gemacht, so dafi die Unternehmer, die ein halbes 
Jahr sp&ter auf den Einfall kämen, sich einer Industrie 
luzuweaden, nicht in die Krise, ins Elend hineinbauen. 
Da der Zweck einer neuen Anlage unserer Industrie-Poli- 
lei angemeldet werden muß, werden die Uaternehmungs- 
verbftltnisse jederzeit jedermann bekannt sein können, 
wie die Eigentamsverhiltnisse durch die Grundbücher. 

Endlich gewähren wir den Unternehmern die zentra- 
lisierte Arbeitskraft. Der Unternehmer wendet sieb an die 
Dienstvermittlungs-Zentrate, die dafür nur von ihm eine 
zur Selbsterhaltung (Kosten der Amtslokale, Beamten- 
besoldung, Brief- und Telegrammspesen) erforderliche 
Gebühr einhebt. Der Unternehmer telegraphiert: ich 
brauche morgen für drei Tage, drei Wochen oder drei 
Monate fünfhundert Uiiskilleds. Morgen treffen bei sei* 
ner landwirtschaftlichen oder industriellen Unternehmung 
die gewünschten Fünfhundert ein, die unsere Arbeits- 
zentrale von da und dort, wo sie eben verfügbar werden, 
zusammenzieht. Die SachsengSngerei wird da aus dem 
Plumpen in eine sinnvolle Instutition heeresmftßig ver- 
feinert. Selbstverständlich liefern wir keine Arbeitsskla- 
ven, sondern nur Siebenstundentägler, die ihre, d. h. un- 
sere, Organisation behalten, denen auch beim Ortswechsel 
die Dienstzeit mit Chargen, Avancieren und Pensionie- 
rung fortläuft. Der freie Unternehmer kann sich auch 
anderswo seine Arbeitskräfte verschaffen, wenn er will; 
aber ich glaube nicht, daß er es kann. 

Die Heranziehung nicht jüdischer Arbeitssklaven ins 
Land werden wir zu vereiteln wissen durch eine gewisse 
Boykottienmg vriderspenstiger Industrieller, durch Ver- 
kehrserschwerungen, Entziehung des Hohmaterials und 
dgl. Mau wird also unsere Siebenstundentägler nehmen 

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müssea. Sie sehen, meine Herren, wie wir uns beinahe 
zwanglos dem Normaltag von sieben Stunden nähern. 

Es ist IlIbt, daß, was f dr die Unskilleds gilt, bei den hö- 
heren Facharbeiten noch leichter ist. Die Teilarbeiter der 
Fabriken können unter dieselben Regeln gebracht werden. 
Es ist nicht nötig, das weitlSufig auseinanderzusetzen. 

Was nun die eelbstSndigen Handwerker, die kleinen 
Meister, betrifft, die wir im Hinblick auf die künftigen 
Fortschritte der Technik sehr pflegen wollen, denen wir 
technologische Kenntnisse luführen wollen, selbst wenn 
sie keine jungen Leute mehr sind, und denen wir die 
Pferdekrfifte der Biche sowie das Licht in elektrischen 
Drähten zuleiten wollen — diese selbständigen Arbeiter 
sollen auch durch unsere Zentrale gesucht und gefunden 
werden. Hier wendet sich die Ortsgruppe aa die Zentrale : 
wir brauchen so und so viele Tischler, Schlosser, Glaser 
usw. Die Zentrale verlautbart es. Die Leute melden sich. 
Sie ziehen mit ihrer Familie nach dem Orte, wo man aie 
braucht, und bleiben da wohnen, nicht erdrückt von einer 
verw<vrenen Konkurrenz ; die dauernde, die gute Heimat 
ist für sie entstanden. 

Jetzt bin ich bei den Ortsgruppen. Bisher habe ich nur 
gezeigt, wie die Auswanderung ohne wirtschaftliche Er- 
schütterung durchzuführen ist. Aber bei einer solchen 
Volkswanderung gibt es auch viele starke Gemütsbewe- 
gungen. Es gibt alte Gewohnheiten, Erinnerungen, mit 
denen wir Menschen an den Orten haften. Wir haben 
Wiegen, wir haben Gräber; und Sie wissen, was den jü- 
dischen Herzen die Gräber sind. Die Wiegen nehmen wir 
mit — in ihnen schlummert rosig und lächelnd unsere 
Zukunft. Unsere teuren Gräber müssen wir zuröcklsssen 
— ich glaube, von denen werden wir habsüchtiges Volk 
uns am schwersten trennen. Aber es muß sein. 



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Schon entferot uns die wirtschaftliche Not, der poli- 
tische Druck, der ffesellschaftliche HaS so hSufig aus 
unseren Wohnorten und von unseren Grftbern. Die Juden 
ziehen schon jetzt jeden Augenblick aus einem Land ins 
andere. Eine starke Bewegung geht sogar übers Meer, 
nach den Vereinigten Staaten — wo man uns auch nicht 
mag. Wo wird man uns denn mögen, solange wir keine 
eigene Heimat haben? Wir wollen aber den Juden eine 
Heimat geben. Nicht, indem wir sie gewaltsam aus ihrem 
Erdreich herausreißen. Nein, indem wir sie mit ihrem 
ganten Wurzelwerk vorsichtig ausgraben and in einen 
besseren Boden übersetien. So wie wir im Wirtschaft- 
lichen und Politischen neue Verhältnisse schaffen wol- 
len, so gedenken wir im Gemütlichen alles Alte heilig zu 
halten. 

Darüber nur wenig Andeutungen. Hier ist die Gefahr 
am größten, daß Sie den Plan für eine SchwSrmerei hal- 
ten. Und doch ist mir auch das so klar in der Vernunft 
' wie alles andere. 

Unsere Leute sollen in Gruppen miteinander auswan- 
dern. In Gruppen von Familien und Freunden. Niemand 
wird gezwungen, sich den Gruppen seines bisherigen 
Wohnortes anzuschließen. Jeder kann fahren, wie er 
will. Jeder tut es ja auf eigene Kosten, in der Bahn- und 
Schiffsklasse, die ihm zusagt. Nur möchte ich immer 
Bahnzüge und Schiffe, die nur eine Klasse haben, führen. 
Der Unterschied des Besitzes belästigt auf so langen Rei- 
sen die Ärmeren. Und wenn wir auch unsere Leute nicht 
XU einer Unterhaltung hinüberführen, wollen wir ihnen 
doch nicht unterwegs die Laune verderben. Im Elend 
wird keiner reisen. Dem eleganten Behagen hingegen soll 
alles möglich sein. Man wird sich schon lange vorher 
verabreden — es wird ja noch Jahre dauern, bis die Be- 

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w«gung in einzelnen Besitzklassen in Fluß kommt; die 
Wohlhabenden werden zu Reisegesellschaften zusammen- 
treten. Man nimmt die persönlichen Beziehungen sämt- 
lich mit. Sie wissen ja, daß, von den Reichsten abgesehen, 
die Juden fast gar keinen Gesellschaftsverkehr mit Chri- 
sten haben. Wer sich nicht ein paar Tafelschmarotzer, 
BorgbrQder und „Judenknechte" ausbfilt, der kennt über- 
haupt keinen Christen. 

Man wird sich also in den Mittelstfinden lange und 
sorgffiltig zur Abreise vorbereiten. Jeder Ort bildet eine 
Gruppe. In den größeren Städten bilden sich nach Be- 
zirken mehrere, die miteinander durch gewShlte Vertreter 
verkehren. Diese Bezirkseinteilung hat nichts Obligato- 
risches; sie ist eigentlich nur als Erleichterung für die 
Minderbemittelten gedacht, und um wfihrend der Fahrt 
kein Unbehagen, kein Heimweh aufkommen zu lassen. 
Jeder ist frei, allein zu fahren oder sich welcher Orts- 
gruppe immer anzuschließen. Die Bedingungen — nach 
Klassen eingeteilt — sind für alle gleich. Wenn eine 
Reisegesellschaft sich zahlreich genug organisiert, be- 
kommt sie von der Society einen ganzen Bahnzug, dann 
ein ganzes Schiff. Unterwegs und drüben wird das eben- 
falls zentralisierte Quartieramt, an dessen Spitze der Ober- 
Quartiermeister steht, für passende Unterkunft gesorgt 
haben (System Cook). Auf den Schiffen wird — dies- 
mal nicht nach Besitz-, sondern nach Bildungsklassen 
' — für Unterhaltung und Belehrung gesorgt. Die jüdi- 
schen Schauspieler, Singer, Musiker gehen ja auch mit, 
ebenso wie die jüdischen Professoren und Lehrer. Allen 
wird ihre Aufgabe zugewiesen, die sie ja ohnehin schnell 
erraten haben werden. Wir werden vornehmlich an die 
Mitwirkung unserer Seelsorger appellieren. Jede Gruppe 
hat ihren Rabbiner, der mit seiner Gemeinde geht; Sie 

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sehen, wie swanglos sich das alles gruppiert. Die Orts- 
gruppe bildet sich um den Rabbiner herum. So viele 
Rabbiner, so viele Ortsgruppen. Die Rabbiner werden 
uns auch zuerst verstehen, sich zuerst für die Sache be- 
geistern und von der Kanzel herab die anderen begeistern. 
Denken Sie sich, mit welcher Inbrunst unser altes Wort : 
„Obers Jahr im Gelobten Landet" fürderbin gesagt wer- 
den wird. Es brauchen keine besonderen Versammlungen 
mit Geschwätz einberufen zu werden. Im Gottesdienst 
wird das eingeschaltet. Und so soll es sein. Wir erkennen 
unsere historische Zusammengehörigkeit nur am Glau- 
ben unserer Väter, weil wir ja längst die Sprache ver- 
schiedener Nationalitaten uaverlöschbar in uns aufge- 
nommen haben. Ich komme darauf später noch bei der 
Staatsverfassung zurück. 

Die Rabbiner werden nun regelmäßig die Mitteilungen 
der Society erhalten und sie ihrer Gemeinde verkünden 
und erklären. Israel wird für uns, für sich beten. 

Die Ortsgruppen werden kleine Vertrauensmänner- 
Kommissionen unter dem Vorsitz des Rabbiners einsetzen. 
Hier wird alles Praktische nach den Ortsbedürfnissen be- 
raten und festgesetzt werden. Was mit den Wohltätig- 
keits-Anstalten zu geschehen hat, folgt später. 

Die Ortsgruppen werden auch die Delegierten wählen, 
die mit dem Landnahmeschiff zur Ortswahl hinüberfah- 
ren sollen. In allem ist die schonende Verpflanzung, die 
Erhaltung alles Rerechtigten, beabsichtigt. 

In den Ortsgruppen werden nachher die Stadtpläne 
aufliegen. Unsere Leute werden im vorhinein wissen, wo- 
hin sie gehen, in welchen Städten, in welchen Häusern sie 
wohnen werden. Ich sprach schon von den Bauplänen 
und verstindlichen Abbildungen, die wir an die Orts- 
gruppen verteilen wollen. 

171 



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Wie in der Verwaltung eine straffe Zentralisierung, 
ist in den Ortsgruppen die vollste Autonomie das Prinzip. 
Nur so kann die Verpflanzung schmerzlos vor sich gehen. 

Ich stelle mir das nicht leichter vor, als es ist; Sie 
dürfen es sich auch nicht schwerer vorstellen. 

Der Mittektand wird unwillkürlich von der Bewegung 
mit hinübergezogen. Die einen haben ihre Söhne als 
Beiunte der Society, als Hichter, Anwälte, Arzte, Archi- 
tekten, Bahn- und Brückeningenieure usw. drüben. Die 
anderen haben ihre Töchter an unsere Angestellten ver- 
heiratet. Das sind lauter gute Partien; denn die mit uns 
gehen, werden alle hoch steigen, besonders die ersten zum 
Lohn für ihre Hingebung; und weil es in den Ämtern, die 
keine actions d'iclat ermöglichen, strenge nach der An- 
ciennit&t zugehen wird, und nicht nach Protektion. 

Dann Ifißt sich von unseren ledigen Leuten der eine 
seine Braut, der andere seine Eltern und Geschwister 
nachkommen. In neuen Kulturen heiratet man früh. 
Das kann der allgemeinen Sittlichkeit nur zustatten kom- 
men. Und wir bekommen kräftigen Nachwuchs, nicht 
diese schwachen Kinder spSt verheirateter Väter, die zu- 
erst ihre Energie im Lebenskampf abgenützt haben. Es 
ist klar, daß vor allem die Ärmsten mit uns gehen wer- 
den. Die schon bestehenden Auswanderer-Komitees in 
verschiedenen Städten werden sich uns unterordnen. Da 
sie von wohlmeinenden Männern gebildet wurden, die 
Herz für ihre annen Brüder haben, so ist kein Zweifel, 
daß sie sich unserem höheren Zweck, unseren größeren 
Einrichtungen willig fügen werden. Wollen sie nicht, 
lassen wir die Eifersüchtigen beiseite. Aber ich glaube 
nicht, daß es solche geben wird. Es wäre kläglich; und 
die Schande fiele auf sie, so wie wir sie gerne ehren 
wollen, wenn sie sich anschließen. 

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15. VI. 

Familienrede. 

Jedem EinsicbtigeD muß die Entwicklung schon jetzt 
klar sein. Nun wird aber gar kein mühsames Anfachen 
der Bewegung nötig sein. Die Antisemiten besorgen das 
schon für uns. Sobald unsere Einrichtung bekannt wird, 
werden die Antisemiten in Regierung, Parlament, Ver- 
sammlungen und Presse für die Society agitieren. Wohl 
den Juden, die mit uns gehen I Wehe denen, die sich 
erst durch brutale Argumente werden hinausdrfingen 
lassen. 

Unser Auszug soll und wird jedoch ein freiwilliger sein. 
Wer das Phfinomen des Erwerbes und das der Unterhal- 
tung — panem et circenses — versteht, der muß auch 
einsehen, wie recht ich habe. 

Lassen Sie mich Ihnen diese Erscheinungen, die ich 
auch erst in Paris begriff, erklären. 

Wie kann ich eine Menge ohne Befehl nach einem 
Punkte hin dirigieren? Baron Hirsch, ein um das Juden- 
tum bekümmerter Mann, dessen Versuche ich als ver- 
fehlt erachte, sagt: „Ich lahle den Leuten, daß sie hin- 
gehen." Das ist grundfalsch und mit allem Gelde der 
Erde nicht zu erschwingen. 

Ich sage im Gegenteil : Ich zahle ihnen nicht, ich lasse 
sie zahlen. Nur setze ich ihnen etwas vor. 

Nehmen wir an, Hirsch und ich wollen eine Menschen- 
menge an einem heißen Sonntagnachmittag auf der Ebene 
von Longchamp haben. Hirsch wird, wenn er jedem Ein- 
zelnen zehn Francs verspricht, für zweihunderttausend 
Francs zwanzigtausend schwitzende unglückliche Leute 
hinausbringen, die ihm fluchen werden, weil er ihnen 
diese Plage auferlegte. 

Ich hing^en werde die zweibunderttausend Francs als 

1,3 



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Reanpreise aussetzen für das schnellste Pferd; und dann 
lasse ich die Leute durch Schranken von der Longchamp- 
Ebene abhalten. Wer hinein will, muß zahlen. Einen 
Franc, fänf Francs, zwanzig Francs. 

Die Folge ist, daß ich eine halbe Million Menschen hin- 
ausbekomme, der Präsident der Republik fährt li la Dau- 
mont vor, die Menge erfreut und belustigt sich an sich 
selbst. Es ist trotz Sonnenbrand und Staub für die mei- 
sten eine glückliche Bewegung im Freien. Und ich habe 
für die zweihunderttausend Francs eine Million an Ein- 
trittsgeldern und Spielsteuer eingenommen. 

Ich werde dieselben Leute, wann ich will, wieder dcnl 
haben. Hirsch nicht, Hirsch um keinen Preis. 

Ich will dasselbe Phänomen übrigens gleich beim Brot- 
erwerb zeigen. Versuchen Sie es einmal, in den Straßen 
einer Stadt ausrufen zu lassen: Wer in einer von allen 
Seiten freistehenden eisernen Halle, im Winter bei 
schrecklicher Kälte, im Sommer hei quälender Hitze den 
ganzen Tag auf seinen Beinen stehen, jeden Vorüberge- 
henden anreden und den Trödelkram oder Fische oder 
Obst anbieten wird, bekommt zwei Gulden oder vier 
Francs — oder was Sie wollen. 

Wie viele Leute kriegen Sie wohl da hin? Wenn sie 
der Hunger hintreibt, wie viele Tage halten sie aus? 
Wenn sie aushalten, mit welchem Eifer werden sie wohl 
die Vorübergehenden zum Kauf von Obst, Fischen oder 
Trödelkram zu bestimmen versuchen? 

Ich mache es anders. An den Punkten, wo ein großer 
Verkehr besteht — und diese Punkte kann ich umso 
leichter finden, als ich ja selbst den Verkehr leite, wohin 
ich will — an diesen Punkten errichte ich große Hallen 
und nenne sie Märkte. Ich könnte die Hallen schlechter, 
gesundheitswidriger hauen als jene, und doch würden 

.74 



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mir die Leute hiastrdmen. Aber ich werde sie schöner 
und besser, mit meinem ganzen Wohlwollen bauen. Und 
diese Leute, denen ich nichts versprochen habe, weil ich 
ihnen, ohne ein Beträger su sein, nichts versprechen kann; 
diese braven, geschäf tslustigen Leute werden unter Scher- 
sen einen lebhaften Marktverkehr hervorbringen. Sie 
werden unermüdlich die KSufer baranguieren. Sie wer- 
den auf ihren Beinen stehen und die Müdigkeit kaum 
merken. Sie werden nicht nur Tag um Tag herbeieilen, 
um die ersten zu sein, sie werden sogar Verbände, Kar- 
telle, alles mögliche schließen, um nur dieses Erwerbs- 
leben ungestört führen zu können. Und wenn sich auch 
am Feierabend herausstellt, daß sie mit all der braven 
Arbeit nur i .5o Gulden oder 3 Francs oder was Sie wollen 
verdient haben, werden sie doch mit Hoffnung in den 
nSchsten Tag blicken, der vielleicht besser sein wird. Ich 
habe ihnen die Hoffnung geschenkt. 

Sie wollen wissen, wo ich die Bedürfnisse hernehme, 
die ich für die Märkte brauche? Muß ich das wirklich 
noch sagen? Ich wies doch nach, daß durch die assiatance 
par le irauail der fünfzehnfache Verdienst erzeugt wird. 
Für eine Million fünfzehn Millionen, für eine Milliarde 
fünfzehn Milliarden. 

Ja, ob das im Großen auch ebenso richtig ist wie im 
Kleinen? Der Ertrag des Kapitals hat doch in der Höhe 
eine abnehmende Progression. Ja, des schlafenden, feige 
verkrochenen Kapitals; nicht der des arbeitenden. Das 
arbeitende Kapital hat sogar in der Höhe eine furchtbar 
zunehmende Ertragskraft. Da steckt ja die soziale Frage. 
Ob es richtig ist, was ich sage? Ich rufe Sie selbst als 
Zeugen auf, meine Herren. Warum betreiben Sie so 
viele verschiedene Industrien? Warum schicken Sie Leute 
unter die Erde, um für magere Löhne unter entsetzlichen 

1,5 



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Gefahren Kohle heraufiuschaffen? Ich denke mir das 
nicht angenehm, auch nicht für die Grubenbesitzer. Ich 
glaube ja nicht an die Herzlosigkeit der Kapitalisten und 
stelle mich nicht, als ob ich es glaubte. Ich bin kein 
Hetzer, sondern ein Versöhner. 

Brauche ich das PhSnomen der Menge, und wie man 
sie nach beliebigen Punkten zieht, auch noch an den 
frommen Wanderungen zu erklären? 

Diese Rede wird vielleicht veröffentlicht werden mQssen, 
und ich möchte niemands heilige Empfindungen durch 
Worte verletzen, die falsch ausgelegt werden könnten. 

Nur kurz deute ich an, was in der mohammedanischen 
Welt der Zug der Pilger nach Mekka ist, in der katho* 
tischen Welt Lourdes und der heilige Rock zu Trier, und 
so zahllose andere Punkte, von wo Menschen durch ihren 
Glauben getröstet heimkehren. 

So werden auch wir dem Wunderrabbi drüben ein 
schöneres Sadagora aufbauen. Unsere Geistlichen werden 
uns ja zuerst verstehen und mit uns gehen. 

Wir wollen ja drüben jeden nach seiner Fagon selig 
werden lassen. Auch, und vor allem, unsere teuren Frei- 
denker, unser unsterbliches Heer, das für die Menschheit 
inmier neue Gebiete erobert. 

Auf niemanden soll ein anderer Zwang ausgeübt wer- 
den, als der zur Erhaltung des Staates und der Ordnung 
nötige. Und dieses Nötige wird nicht von der Willkür 
einer oder mehrerer Personen wechselnd bestimmt wer- 
den, sondern in ehernen Gesetzen ruhen. 

Ich sprach vom Verkehr und von den MSrkten. Wer- 
den wir nicht zu viel Handeltreibende haben? Nein. Der- 
zeit fließen wohl dem großen und kleinen Handel die 
meisten unserer erwerbslustigen Leute zu. Aber glauben 
Sie, daß ein Hausierer, der mit dem schweren Pack auf 

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dem Rücken über Land geht, gläcklich ist? Ich glaube, 
daß wir alle diese Leute zu Arbeitera machen können 
mit dem Siebenstundentag; es sind so brave, verkannte, 
unglückliche Leute und leiden jetzt vielleicht am schwer- 
sten. Übrigens werden wir von Anfang an uns mit ihrer 
Erziehung zu Arbeitern besch&ftigen. Dabei wird uns das 
Avancement der Unskilleds und ihre endliche Pensionie- 
rung zu Hilfe kommen. Denn die Pension wird in etwas 
bestehen, was den jetzigen Hausierern bei ihren gedrück- 
ten Wanderungen durch die Dörfer als Paradies vorkom- 
men mag: eine Tabaktrafik, ein Branntwein- Verschleiß. 
Ich komme gleich darauf iivück. 

Der kleine Handel wird, denke ich, nur von den Frauen 
betrieben werden. Sie sehen, wie wir da Luft bekommen 
für die Frauenfrage. Die Frauen können diese GeschSfte 
leicht neben ihren Haushaltungen versehen, können dabei 
schwanger sein, ihre Midchen und die kleinen Buben be- 
aufsichtigen. Die größeren nehmen wir. Wir brauchen 
alle Buben. 

Wie steht es aber mit dem Geldhandel? Das scheint ja 
eine der Hauptfragen zu sein. Wir sind jetzt leider ein 
Volk von Börsianern. Unsere Leute werden wohl alle zur 
Börse hinstürzen? Ah, oder werden wir am Ende die 
nützliche, die unentbehrliche Einrichtung der Börsen gar 
nicht haben? Und Sie fangen an, mich auszulachen. 
Geduld, meine Herren I 

Zunächst glaube ich nicht an die Börsenlust unserer 
Leute. Ich habe oft und tief und mitleidig in die Ver- 
hSltnisse der kleinen Börsianer hineingeblickt. Ich meine, 
sie tSten altes lieber, als daß sie an die Börse gingen. 
Der Jude, besonders der ärmere, ist ein ausgezeichneter 
Familienvater, und er geht mit Bangen jeden Tag hinaus, 
„Achtel schnappen", weil er geschäftlich entehrt, d. h. 

I> Henls Ttsebaober I. jnn 



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erwerbsunfShig sein kann im Handumdrehen, durch ir- 
gendein Manöver der Großen oder eine brüsk hereinplat- 
sende politische Nachricht. Dann verbringt er Jahre oder 
gar den Rest seines Lebens vor der Börse, was eher trau- 
rig als komisch ist. Und doch gibt es für ihn keinen an- 
deren Weg, keinen anderen Erwerb. Man läßt selbst un- 
sere Gebildeten nirgends hinein; vrie könnten diese Armen 
verwendet werden? Wir aber werden sie nach ihrer Tüch- 
tigkeit beschSftigen, ohne Vorurteil — sind ja unsere 
Leute — , wir werden aus ihnen neue Menschen machen. 
Ja, für alle beginnt ein neues Leben, mit den Erfahrungen 
des alten, ohne Anrechnung der alten Sünden. Aus den 
jetzigen Abfällen der menschlichen Gesellschaft werden 
wir rechtschaffene glückliche Männer machen, so wie 
man aus einst ungenützten Abfällen der Fabriken jetzt 
schöne Anilinfarben macht. 

Glauben Sie mir, diese kleinen Börsianer werden uns 
dankbar und treu dienen, wohin wir sie stellen; wenn sie 
es nicht vorziehen, freie Unternehmer von Arbeiten und 
Geschäften aller Art zu werden. Wollen sie Kleinindu- 
strielle der Landwirtschaft werden, so haben sie Kredit 
in Form von Maschinen, können als Pächter unser Land 
urbar machen. 

Größer wiederholt sich dasselbe bei den mittleren Bör- 
sianern. Diese werden Fabrikanten, Bauunternehmer 
usw., weil sie Kapital oder Kredit haben. Wir Vorurteils- 
losen wissen ja, daß eine wirkliche Börsenoperation kein 
Spiel ist : daß dazu die Berechnung vieler Umstände, Be- 
trachtung, schlagfertiges Urteil, kurz, vieles gehört, was 
viel nützlicher verwendet werden kann und soll. Nur 
kann der Jude nicht aus der Börse hinaus. Im G^enteil, 
die jetzigen öffentlichen Zustände drängen immer mehr 
Juden zur Börse : alle unsere beschäftigungslose mittlere 

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Intelligenz maß hungern oder zur Börse gehen. Anderer- 
seits werden Juden, die Geld haben, durch die sosiali- 
stiscbe Kapitalsverfolgung in die reine Geldspekulation 
geworfen. Sie verwalten ihr Vermögen an der Börse. 
Und dasselbe sind die Großen — und Sie, die Größten, 
auch — zu tun gezwungen. Dabei wachsen diese großen 
Vermin unheimlich. Man glaubt es wenigstens allge- 
mein. Es wird wohl so sein. 

Nun, alle diese Kräfte werden durch uns frei. Wir 
leiten sie zu uns hinOber. Wir werden Goldminen im 
Lande haben. Ich spreche nicht von denen, die man drü- 
ben in der neuen Erde finden könnte; das wäre eine tö- 
richte Vorspiegelung. Ich spreche von densicheren.ihrem 
ganzen Umfange nach bekannten Goldminen, die wir 
selbst hinOberbringen in der Arbeit, im Kapital, in der 
glücklichen Verbindung beider. 

Sie sehen jetzt schon, was ich meine : das Gelobte Land 
ist in unsl Man hat es da nie gesucht. 

Meine Herren 1 Ich gebe mir ja gewiß alle Mühe, die 
Sache nicht zu verführerisch darzustellen. Wenn die 
Worte schön klingen, ist nur die Sache daran schuld. 
tJbrigens sind Sie ja keine Bauern und werden darin noch 
keinen Grund zum Mißtrauen sehen. 

Aber die psychologischen Erklärungen und Prophezei- 
ungen, daß unsere Leute drüben keine Börsianer sein 
werden, mögen Ihnen oder meinen späteren Hörern in 
der Welt nicht genügen. 

Ich habe auch nur das Schöne, Freie zuerst zeigen wol- 
len. Das sind die Mauern dor Fassade. Aber das Gebäude 
hat innen eisierne Träger, seien Sie ganz ruhig. 

Wir sperren nämlich die Börsen, gleich nachdem sie 
fertig geworden sindl Mit anderen Worten, wir führen 
das Börsenmonopol ein. Ja, der ganze Geldhandel wird 

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verstaatlicht. Ich dachte zuerst daran nur wegen der 
neuen Ertiehung unseres Vollces. Aber je mehr dieser 
Plan in mir wuchs und reifte, von umso mehr Seiten 
fand ich das Börsenmonopol richtig. Wir bekommen da- 
durch auch die SpielsucM in unsere Gewalt, ohne die 
gesunde Spekulation auszurotten. Wir dirigieren vor 
allem unseren Staatskredit uaabhängig von Privaten. Wir 
bekommen ferner eine Ressource für die Pensionierung 
unserer höheren Beamten, Versorgung ihrer Witwen und 
Waisen. Wie sich diese Pensionsseite darstellt? Sehr ein- 
fach. Es sind große, teilbare Tabaktrafiken („un <]aart 
d'agent de change"). Diese Maklerschaften werden von 
eingeschworenen, in einem Disziplinarverbande stehenden 
Pächtern unvererblich geführt. Diese Agenturspichter 
stehen uns dafür ein, daß ihre Klienten keine Berufs- 
spieler sind. Das wird schwer zu ftxieren sein; es handelt 
sich auch mehr um ein Moralisches, und wir müssen mit 
unbestimmten MaSstiben manipulieren, wie im 6ster- 
reichischea Wuchergesetz der „wirtschaftliche Ruin" 
einer ist. 

Wir hatten so bei den Unskilledg die Trunksucht durch 
das Trucksystem in unserer Gewalt. Hier will ich gleich 
erwähnen, daß wir auch das Branntweinmonopol ein* 
führen. Dieses gibt uns außer den Fabrikalionsgewinnen 
auch eine Menge kleiner Verschleißstellen für Pensionie- 
rung und Witwen. Klein, sage ich, denn unsere Leute 
sind in der R^el keine Trinker. Jetzt noch nicht, aber 
durch die körperliche Arbeit könnten sie es werden: ein 
Staat muß vorbeugen. Und dies ist der Platz, auch von 
der vorläufig letzten indirekten Besteuerung, dem Tabak- 
monopol, zu sprechen. Werden wir später mehr und grö- 
ßere Einnahmsquellen brauchen, so werden sie durch un- 
sere Bedürfnisse, d. h. durch unsere Existenz, hervorge- 

i8o 



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rufen sein. In der Existenz aber flndet man alle nötigen 
KrSfte. 

Das Tabakmonopol empfiehlt sich, weil es den meisten 
Juden aus ihren bisherigen Wohnorten bekannt ist ; weil 
es ermöglicht, den höheren Genuß zu st&rkerem Betrag 
heranzuziehen, und weil es uns eine Unzahl kleiner Pen- 
sionen, die Trafiken, liefert. Letztere sind zugleich aus- 
schließliche Verschleißstellen der Zeitungen, welche dort 
vom Publikum gefunden werden — und im Notfall auch 
von der Hegieniag. 

Ich schließe jetzt die Betrachtungen über das Börsen- 
monopol. Von allen schönen Einrichtungen, die wir drü- 
ben schaffen werden, dürfte uns diese zuerst von Europa 
nachgeahmt werden. 

Jetzt wäre es freilich noch eine unerhörte Hirte, wenn 
man uns die Börsen sperren wollte. Wohin sollten sich 
die unglücklichen Börsenjuden jetzt wenden? Aber wenn 
wir anfangen zu wandern, wird es plötzlich eine unge- 
heure Wohltat für die Juden, wobei sich die Staaten zu- 
gleich große Ressourcen schaffen und — wie wir drü- 
ben 1 — das Spiel mit dem Staatskredit in ihre Gewalt 
bek<«nmen. Wir drüben bieten ja den arbeitslustigen 
Börsianern und den unternehmungslustigen Kapitalisten 
reiche Felder. Die Spieler, die liederlichen Burschen 
sollen in Monte Carlo bleiben. Kommen Sie uns un- 
willig nach, so werden wir sie bSndigen, wie wir die Meu- 
terer bei den Unskilleds mit unserer Schutztruppe bän- 
digten. 

Man wird sagen, daß wir die Leute durch unser Vor- 
gehen unglücklich machen. Das bestreite ich auf des 
entschiedenste. Eine so alte Wunde heilt man nicht mit 
Wehleidigkeit. Man muß sie brennen. Und wer wird es 
wagen, die sittliche Kraft der Arbeit zu leugnen? Wor- 

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uater ich gewiß nicht allein die Handarbeit verstehe, son- 
dern auch die Kopfarbeit. Dazu gehGrt zweifellos die 
Spekulation, wenn die kein Spiel ist. 

Das sittliche Moment der Arbeit ist iSngat in den Slraf- 
gesetzgebungen anerkannt. Wir haben es in einer un- 
gleich edleren Weise, vor dem Verbrechen, in der assi- 
atance par le travail wirken gesehen. 

Lassen Sie mich Ihnen da kurz die rührende Geschichte 
erzählen, die ich in einem Bericht über die Goldminen 
von Witwatersrand gefunden habe. Ein Mann kam eines 
Tages nach dem Rand, ließ sich nieder, versuchte einiges, 
nur nicht das Goldgraben, gründete endlich eine Eis- 
fabrik, die prosperierte, und erwarb sich bald durch seine 
Anständigkeit die allgemeine Achtung. Da wurde er nach 
Jahren plötzlich verhaftet. Er hatte in Frankfurt ab Ban- 
kier Betrügereien verübt, war entflohen und hatte hier 
unter falschem Namen ein neues Leben begonnen. Als 
man ihn aber gefangen fortführte, da erschienen die an- 
gesehensten Leute von Johannesburg auf dem Bahnhof, 
sagten ihm herzlich Lebewohl und — auf Wiedersehen 1 
Denn er wird wiederkommen. 

Was sagt diese Geschichte alles I Zunächst, daß ich 
recht habe. Und unsere unglücklichen Börsianer sind 
doch keine Verbrecher I Es sind besorgte, kämpfende, an- 
ständige Familienväter. Es gibt Lumpenkerle unter ihnen. 
Wo nicht? In welchem vornehmen Amt oder Beruf nicht? 
Wie viele Spieler sitzen in den Klubs I 

Aber wenn sie die Verbrecher wären, die sie nicht sind, 
würden wir sie auch mitnehmen. Wir nehmen auch die 
wirklichen Verbrecher mit — versteht sich: nach abge- 
büßter Strafe. Denn in Europa muß alles ehrlich liqui- 
diert werden. Dann, ein neues Leben I 

Wir nehmen — braucht das gesagt zu werden? — 

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auch unsere Kranken und Alten mit. Die wohltfttigen 
Anstalten der Juden werden durch die Ortsgruppen frei 
verpflanzt. Die Stiftungen werden auch drüben in der 
ehemaligen Ortsgruppe verbleiben. Die Gebäude sollten 
nach meiner Ansicht nicht verkauft, sondern den christ- 
lichen Hilfsbedürftigen der verlassenen StSdte gewidmet 
werden. Drüben werden wir das den Ortsgruppen an- 
rechnen, indem wir ihnen bei der Landesverteilung Bau- 
plitzc schenken und jede Bauerleichterung gewähren, 
auch soll es bei der Gemeindeversteigerung gelten. 

Landesverteiluug, Versteigerung kommt bald. Ich will 
alles abkürzen, soweit es möglich. 

Drüben werden wir von vornherein die Wohlt&tigkeits- 
anstalten in ein zentralisiertes System bringen, das ich 
auch zu Ende gedacht habe. Wenn Sie mir aufs Wort 
glauben, schenke ich Ihnen diese ErklSrung jetzt. 

Die Privatwohltfttigkeit muQ als planlose aufhören. — 
Die ArbeitsunfShigen werden sämtlich durch Staat und 
freie Wohltätigkeits-Zentrale versorgt. Bettler werden 
nicht geduldet. Wer als Freier nichts tun will, kommt 
ins Arbeitshaus. 

Sie sehen, wie wir die einen nachziehen, die anderen 
uns nachfließen lassen, wie die dritten mitgerissen und 
die vierten uns nachgedrängt werden. 

Das Börsenmonopol, wenn es hinter uns eingeführt 
wird, jagt uns alle Zögernden nach, hinüber, wo sie viel- 
leicht nicht mehr die besten Plätze finden werden. 

Sie sehen, meine Herren, wie da Zahn in Zahn greift; 
wie ich aus lauter bekannten Bestandteilen, die Sie mit 
Händen greifen können, langsam eine große eiserne Ma- 
schine aufbaue. Ich werde Ihnen noch die Kohle zeigen, 
mit der ich Feuer, und das Wasser, aus dem ich Dampf 
mache. 

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Dann kommt ein Signalpfiff, der wird bedeuten : Ein- 
ateigenl oder aus dem Wegl 

Ich sprach von einigen Einkünften des Judenstaates. 
Er hat noch andere. Alles Unternehmen, das vollkommen 
erforscht daliegt, wie Bahnen und Versicherung jeder bis- 
her bekannten Art, wird staatlich. Alle Juden, die bisher 
in Europa als Beamte solcher Anstalten dienten, treten 
zwanglos in unseren Staatsdienst aber, bekommen min- 
destens so gute Stellungen und zudem Aussichten auf 
Avancement usw., die ein Jude jetzt doch nicht einmal 
bei einem Privatinstitut mehr hat. Gewisse Industrien 
betreiben wir selbst, auch auf die Gefahr, teurer zu wirt- 
schaften als der Private. Das Bergwerk namentlich wird 
nur vom Staate betrieben, weil selbst am Siebenstunden- 
tag solche Arbeiter nicht dem Sparsinn des Unternehmers 
ausgeliefert sein sollen. Der Staat wird mit Sicherheitsr 
Vorkehrungen nicht sparen. Ihm gegenüber gibt es aber 
auch keinen Streik. Er vertritt kein Privatinteresse. Wohl 
aber wird durch eine Stufenleiter der Pensionierung die 
verschiedene Schwere einzelner Arbeiten ausgeglichen. 
Wer schwerer gearbeitet hat, bekommt früher seine 
Trafik. 

Einzelne Steuern wird der Staat nicht für sich einheben^ 
sondern zur zwanglosen Ausgleichung von Armut und 
Reichtimi. Wir kennen die wirtschaftlichen Unterschiede 
nicht aufheben. WSren wir die Schwfirmer, es zu wollen: 
sie würden morgen neu entstehen. Aber einen sittlichen 
Zusammenbang können wir zwischen den Freuden der 
einen und den Leiden der anderen herstellen. Die Ver- 
gnügungssteuer (besteht so in Frankreich) wird den Spi- 
tälern zugeführt. Die Mitgiftsteuer dient zur Versorgung 
armer. Mfidchen, die man vergessen hat zu heiraten, weil 
sie kein Geld haben. Schon tun ja viele reiche Juden 

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dei^leichen, aber planlos wie alles. Auch soll das nicht 
lufftUigem Bettel ausgeliefert sein. Wir haben keine 
Bettler. Wie ich den Steuerbetrug bei der Mitgift ver- 
eitle, weiß ich auch ganz genau. 

Schon ist gesagt worden, daß wir das ganze Geldge- 
BchSft verstaatlichen, oüt Ausnahme der Notoabadk. Ich 
glaube, die Bank von Frankreicli ist ein gutes Muster. 
Die SoliditSt des Umlaufsmittels wird von der Privat- 
notenbaok besser garantiert. Aber ihre Beamten gleichen 
ja den Staatsbeamten. 

Wie nun die Privatnotenbank mit der Staatebank in 
Harmonie cu bringen ist, alle Vorsichten nnd alle Politik, 
das werden unsere FinauEgenies — an denen es nicht 
fehlt — besser verstehen, als ich. 

Ich kümmere mich nur um das Prinzipielle. Die Ver- 
staatlichung des Geldgesch&ftes hat bei uns einen in der 
ersten Zeit nötigen Zweck der Volkserziehung. Es gibt 
weder kleine noch große Bankiers mehr. Die Kapital 
haben, sollen und werden es scharfsinnig in andere Un- 
ternehmungen stecken. Die Kleinen, die verkappten Wu- 
cherer und Spielvermittler, sollen in den Staatsdienst tre- 
ten. Da haben sie eine gesunde Disziplinarordnung und 
sitzen nicht gerade in einem Ministerium, sondern auch 
in den Exposituren, wie Postsparkassenleiter usw. 

Daß die staatliche Zentralisierung des GeldgeschSfts 
kein Unsinn ist, wissen Sie, meine Herren. Wo und wie 
die Staaten schon jetzt offene Geldgeschäfte mit sich 
selbst machen (Sparkassen) oder verkappte, indem sie 
als stille Gesellschafter bei der Notenbank eintreten, das 
ist doch auch bekannt. 

Aber wenn das nicht wSre, was ist denn Ihr Welthaus? 
Ich glaube nicht, daß unser Staat oder irgendein ande- 
rer jemals ein größeres Geldgesch&ft haben wird. Sie 

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wisseu also, daß der große Geldverkehr die Zentralisie- 
rung nicht nur vertrSgt, sondern geradezu fördert. In- 
dem ich von einem Ihrer Schalter zum anderen gehe, 
kassiere ich in London eine Forderung ein, und zahle 
in Neapel eine Schuld. Ich kann sogar diesen kleinen 
Gang ersparen, Sie besorgen ihn für mich. — Und wo 
die Zentralisierung nicht von vornherein besteht, wird 
sie frei gesucht. Die Banken stehen für größere Ge- 
schäfte in Gruppen zusammen, zu diesen bösen Geld- 
kartellen, die man in ihrer ganzen Schfidlichkeit noch 
gar nicht erkannt hat. Und Sie sind überall mitten drin. 
On votu voit trop, meisieursl Ich weiß wohl, daß Sie 
nicht ungerufen kommen, daß man Sie sucht, daß Sie 
sich bitten lassen. 

Und das ist Ihr Fluch! Man kann Sie nicht mehr ent- 
behren! Man zwingt Sie, immer reicher zu werden, ob 
Sie es wollen oder nicht. Sie haben die Herrschaft über 
Ihr Vermögen verloren, Sie treiben auf diesem Goldstrom 
und wissen nicht mehr, wohin! 

Ich weiß nicht, ob sich alle Regierungen schon darüber 
klar sind, was Ihr Wettbaus für eine Weltgefahr ist. Man 
kann ohne Sie keine Kriege führen, und wenn man Frie- 
den schließen will, ist man erst recht auf Sie angewiesen. 
Für das Jahr 1895 sind die Heeresausgaben der fünf 
GroßmScbte mit vier Milliarden Francs und der Friedens- 
Effektivstand mit zwei Millionen 800000 Mann berech- 
net worden. Und diesen in der Geschichte beispiellosen 
Armeestand k<Hnmandieren Sie finanziell, über die einan- 
der widersprechenden Wünsche der Nationen hinweg 1 
Mit welchem Recht? Im Dienste welcher allgemeinen 
menschlichen Idee? Und wer sind Sie? Ein kleines HSuf- 
lein Bankiers, Schutzjuden mehr als je, die man wohl 
gelegentlich mit zu Hofe kommen läßt; Sie können sich 



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denkeo, wenn man es Ihnen nicht zeigt — mit welchem 
Widerwillen. Denn Sie werden nirgends als voll, ja nicht 
einmal als Staatsangehörige angesehen. Und Sie, die bei- 
nahe drei Millionen Soldaten den Riemen enger schnü- 
ren können, Sie und Ihre Kassen muß man überall mit 
Angst vor dem Volke bewachen, das freilich noch nicht 
alles weiß. 

Und Ihr unglückseliges Vermögen wfichst, es wachst 
noch. Es vermehrt sich überall rascher als der Volks- 
wohlstand der LSnder, in denen Sie wohnen. Die Ver- 
mehrung geschieht daher nur auf Kosten des Volkswohl- 
standes, wenn Sie alle auch persönlich die anstSndigsten 
Leute sind. 

So werden wir auch im Judenstaat Ihr beängstigendes 
Vermögen, das unsere wirtschaftliche und politische Frei- 
heit ersticken würde, von vornherein nicht dulden. Auch 
wenn Sie mit uns gehen, nicht I Verstehen Sie, meine Her- 
ren? Und wie wir verhindern wollen, daß Sie drüben rei- 
cher werden, da wir doch alle reicher machen möchten? 
Denken wir am Ende gar an ein Ausnahmegesetz gegen 
Sie? Welche Undankbarkeit, wenn Sie uns helfen, oder 
welcher Unsinn I Meine Herren, wenn Sie nicht mit uns 
gehen, werden wir Sie wahrscheinlich proskribieren müs« 
sen. Wir werden Sie nicht in unser Land lassen, so wie 
man in Frankreich die Prätendenten, die doch sämtlich 
aus berühmten französischen Familien stammen, aus- 
schließt. 

Wenn Sie aber mit uns gehen, werden wir Sie noch 
einmal, ein letztes Mal bereichern. Und wir machen Sie 
so groß, wie es der bescheidene Gründer Ihres Hauses, ja 
nicht einmal seine stolzesten Enkel sich trSumen ließen. 

Wir machen Sie reicher, indem wir Ihren Hilfsbeitrag, 
die Milliarde, von der wir ausgingen — verdreifachen. 

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Der Judenstaat bekommt das Recht, die Aktien der So- 
ciety innerhalb zwanzig Jahren zum dreifachen Nominal- 
wert einzulösen. Das sind die drei Milliarden genau, von 
denen ich früher sprach. 

Wir machen Sie groß, denn wir nehmen unseren ersten 
Wahlfürsten aus Ihrem Hause. Das ist die glänzende La- 
terne, die wir auf den beendigten Eiffelturm Ihres Ver- 
mögens setzen. Der ganze Turm wird in der Geschichte 
aussehen, als wäre er darauf angelegt gewesen. 

Nur wenige Worte über die Verfassung. Ein Wahl- 
fürstentum. Wir werden einen ruhigen, bescheidenen, 
vernünftigen Mann wählen, der nicht glauben wird, daß 
er nnser Herr ist. Wir werden ihn Übrigens in der Ver- 
fassung genügend binden. Denn wir werden freie Män- 
ner sein und niemanden über uns haben, als den allmäch- 
tigen Gott. 

Ach, viele unserer Brüder können sich gar nicht einmal 
im Traum vorstellen, was das heißt : ein freier Mann zu 
seini 

Ein erbliches Fürstentum wird nicht gegründet. Wir 
können uns vor der Welt nicht lächerlich machen. Es 
sähe aus, als wäre es gekauft, wie irgendein verdäch- 
tiges Marquisat. Um den leisen Druck der Machtbesitzer 
für immerwährende Zeiten auszuschließen, wird der 
zweite Fürst kein Rothschild sein, und nie der Sohn auf 
den Vater folgen dürfen. Jeder Jude kann unser Fürst 
werden; nur der nicht, der diesen Plan gefunden hat. 
Die Juden würden sonst sagen, er habe alles für sich ge- 
macht. Und wenn man es recht betrachtet, wird auch 
der erste Fürst Rothschild nicht für sein Geld so hoch 
gehoben worden sein. 

Wie Sie bald sehen werden, sind wir auf ihr Geld nicht 
angewiesen. Aber mit der Leistung Ihres Beitrages voll- 



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liehen Sie eine sittliche Tat. Sie unterwerfen sich der 
Volksidee, Sie helfen uns, das ungeheure Werk kampf- 
los zu vollziehen, Sie ersparen der ganzen Kulturwelt die 
schwersten Erschütterungen. Dafür sollen Sie belohnt 
werden, und die Welt wird darüber nicht lachen. 

Für das Verständnis des Volkes müssen solche Ideen 
in der einfachen und ergreifenden Fonn von Symbolen 
dargestellt werden. Und darum werden wir, wenn wir 
nach dem Tempel ziehen, um den Fürsten zu krönen, alle 
in glänzenden und festlichen Kleidern stecken. Nur wird 
in unserer Mitte ein Mann in der dürftigen und schänd- 
lichen Tracht eines mittelalterlichen Juden gehen: mit 
dem spitzen Judenhut und dem gelben Fleck. Und ge- 
rade der wird unser Fürst sein. Erst im Tempel legen 
wir ihm einen Fürstenmanlel um die Schultern und setzen 
ihm eine Krone auf den Kopf. 

Das wird bedeuten: Für uns bist du nur ein armer 
Jude, sollst nie vergessen, was wir ausgestanden haben, 
und sollst dich hüten, uns in neue Gefahren zu bringen. 
Aber vor der Welt bist du unser Fürst, du sollst glänzen 
und repräsentieren. 

Ah, jetzt glauben Sie schon wieder, daß ich einen Ro- 
man erzähle I Sie sind gerührt und erschüttert und möch- 
ten doch spotten. Wo sage ich denn etwas Unmögliches? 
Was ist daran unwirklich? Der Tempel? Den baue ich, 
wohin ich will. Unsere Festkleider? Wir werden reich 
nnd frfei genug sein, sie zu tragen. Die Menge? Die ziehe 
ich, wohin ich will. Die wunderbare Tracht des Fürsten? 
Sie waren bewegt, als ich sie schilderte, und waren Sie 
es nicht — tont pis poar vousl Andere Völker sehen bei 
solchen Festaufzügen auch alte Kostüme, halten sie aber 
nicht für Maskeraden, sondern für tiefsinnige Erinne- 
rungen an die Vergangenheit. 

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Und warum halte ich mich, da ich mit Geschäftsleuten 
rede und mit ihnen rechne, so lange bei dieser Schilde- 
rung auf? 

Weil dieses ungreifbare Element der Volksbegeiste- 
rung, wallend wie aus erhitztem Wasser entstandener 
Dampf, die Kraft ist,, mit der ich die große Maschine 
treibe I 

Ja, nun bleibt noch die ungelöste Frage, was mit Ihrem 
Vermögen geschehen soll, wenn Sie mit uns gehen? 

Das ist äußerst einfach. Ihr Vermögen besteht aus 
zwei Teilen : aus tatsächlicher Fundierung, die wir noch 
um zwei Milliarden vermehren. 

Die Fundierung behalten Sie. Dieses Vermögen, so 
groß es ist, fürchten wir dann nicht mehr. Es wird zum 
großen Teil in Europa bleiben, aber nicht mehr erwerben. 
Ihre Schlösser, Paläste, alle Luxusanlagen mögen bleiben ; 
sie werden Ihnen für künftige Besuche in Europa dienen, 
wenn Mitglieder Ihrer Familie zum Vergnügen zurück- 
kehren oder uns als Diplomaten vertreten. Es wird der 
natürliche Zerfall großer Vermögen eintreten: durch 
Heiraten, Verzweigung der Linien und Verschwender. 
Auch werden Sie drüben mit gutem Beispiel den Reichen 
vorangehen im Anlegen schöner Kunstsammlungen, Bau- 
ten, prachtvoller Gärten. Wir wollen die geistig Zurück- 
gebliebenen unmerklich zur Kultur verführen. Den Haupt- 
teil Ihres Vermögens aber, die gefährliche Weltmacht 
Ihres Kredits, übernehmen wir für unsere Society ofJews. 

Wir liquidieren die Rothschilds, wie wir den kleinsten 
Spediteur oder Krämer liquidieren. Das heißt: die So- 
ciety verschlingt das Haus Rothschild. 

Auch das wird in der natürlichsten Weise von der 
Welt geschehen. Alle Ihre Beamten bleiben vorläufig, wo 
sie sind ; und Sie selbst bleiben überall an der Spitze. Bis 

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zu dem Tage, wo Sie, die jetzt lebenden Rothschilds, in 
unserem Staate verwendet werden, als Leiter unseres Fi- 
nanzwesens und andere Mitglieder der Regierung, als 
Gouverneure der Provinzen und unsere Vertreter bei 
fremden Mächten. Durch Ihre Verbindungen mit dem 
europfiischen Hochadel werden Sie sich gut für diploma- 
tische Dienste eignen. Auch Sie werden sich von Ihren 
gewohnten Umgebungen nicht loszureißen brauchen. 

Wir werden Ihnen keine Titel geben, die anfangs 
Ucherlich klingen. Sie sind einfach Vertreter der Juden, 
da und dort. Sie geben sich ja schon jetzt gelegentlich 
als Vertreter der Juden zu erkennen, wenn Sie beim Ab- 
schluß einer Anleihe um ein bißchen Schutz für die dor- 
tigen Juden flehen. 

Kommt die Zeil, wo die anderen Völker es für nützlich 
und uns für wert genug halten, uns Gesandte zu schicken, 
so werden wir diese Höflichkeit erfreut erwidern. 

Die anderen, mittebreichen Juden, die jetzt Generalkon' 
suln und dergleichen sind, werden wir, wenn sie sich uns 
anschließen, in ihren jetzigen Wohnorten ähnlich zu 
unseren Vertretern machen, bis wir sie nachziehen. 

Wir werden den jetzigen Adel der Juden nostrifizieren, 
wenn er bis zu einer gewissen Zeit auf unserem freien 
Adelsamt nachgewiesen wird. Dieses Amt wird dafür sor- 
gen, daß kein allzu grotesker Adel eingeschmuggelt wird. 
Denn wir brauchen für gewisse hohe Zwecke unserer 
Politik einen staatlichen Adel, wie wir auch einen ein- 
zigen Orden (nach Art der l^ion d'honneur) haben wer- 
den. Dieser Orden heißt die „Judenehre" t Er bat ein 
gelbes Band, und so machen wir aus unserer alten Schande 
unsere neue Ehre. Unsere besten MSnner, und nur unsere 
besten MSnner, dürfen ihn tragen, so daß er sich dadurch 
in aller Welt die Achtung erwirbt. Für Geld wird er nicht 

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erhältlich sein. Sonst ist das kein Lohn mehr für unsere 
Leute, deren Leben wir manchmal verlangen, oder die 
es uns freiwillig anbieten werden. 

Unsere Söhne I Wie ich beim Verfassen dieses Planes 
oft und zärtlich an mein Bübchen denke, das jetzt erst 
vier Jahre alt ist, so denken auch Sie an Ihre Söhne. Ich 
wünsche Ihnen viele und tüchtige; wir werden alle unsere 
Buben brauchen. Jetzt ist die Zukunft Ihrer Söhne eine 
Ihrer großen Sorgen, gestehen Sie es? Sollen Sie wieder 
Bankiers aus ihnen machen? oder Nichtstuer, einfältige 
Sportsmen? Im Staat oder im Heer wird man sie nir- 
gends befehlen lassen, das sehen Sie doch eint Zum fi- 
nanziellen auch noch das wirkliche Kommando wird 
Ihnen niemand ausliefern. 

Aber bei unsl Wenn sie fähig sind, können sie alles 
werden, wie jeder andere Jude auch. Doch nur, wenn sie 
fähig sind. Adel und Privateigentum sind bei uns ver- 
erblich. Die Amter nicht I Wir gingen sonst zugrunde. 

Dem soll mit aller Macht vorgebeugt werden. Wie un- 
sere Verfassung sein wird? Weder eine monarchische, 
noch eine demokratische. Ich bin ein großer Freund mo- 
narchischer Einrichtungen, weil sie eine beständige Po- 
litik und das mit der Staatserhaltung verknöpfte Interesse 
einer geschichtlich berühmten, zum Herrschen geborenen 
und erzogenen Familie vorstellen. Unsere Geschichte ist 
jedoch so lange unterbrochen gewesen, daß wir an die 
Einrichtung nicht mehr anknüpfen können. 

Gegen die Demokratien bin ich, weil sie maßlos in der 
Anerkennung und in der Verurteilung sind, zu Parla- 
mentsgeschwätz und zur häßlichen Kategorie der Berufs- 
politiker führen. Auch sind die jetzigen Völker nicht 
geeignet für die demokratische Staatsform; und ich 
glaube, sie werden zukünftig immer weniger dazu geeig- 

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uet sein. Die Demokratie setit nämlich sehr einfache Sit- 
ten voraus, und unsere Sitten werden mit dem Verkehr 
und mit der Kultur immer komplizierter. ,,Le ressort 
d'une dimocratie est la vertu", sagt der weise Montes- 
quieu. Und wo finden Sie diese Tugend, die politische 
meine ich. Ich glaube nicht an unsere politische Tugend, 
weil wir nicht anders sind, als die anderen modernen Men- 
schen, und weil uns in der Freiheit xunXchst der Kamm 
schwellen wird. Das Referendum halte ich für unver- 
ständig, denn in der Politik gibt es keine einfachen Fra- 
gen, die man bloß mit Ja und Nein beantworten kann. 
Auch sind die Massen noch irger ab die Parlamente je- 
dem Irrglauben unterworfen, jedem kräftigen Schreier 
zugeneigt. Sie sehen, das durch seine Freiheitsliebe be- 
rühmte und jetzt vom Fremdenverkehr lebende Volk der 
Schweiier hat die ersten modernen Ausnahmegesetze gegen 
die Juden gemacht. Vor versammeltem Volke kann man 
weder äußere noch innere Politik machen. Ich könnte 
dem Volke nicht einmal Schutzzoll oder Freihandel er- 
klären, geschweige eine Währungsfrage oder einen inter- 
nationalen Vertrag, und am allerwenigsten die sinnvollen 
Maßregeln der Volkserziebung, der vor allem unsere Sorge 
gewidmet sein muß. 

Politik muß von oben herab gemacht werden. Wir 
knechten dabei niemanden, denn wir lassen jeden tüch- 
tigen Juden aufsteigen. Jeder wird aufsteigen wollen. 
Ahnen Sie schon, welch ein gewaltiger Zug nach oben 
in unser Volk kommen muß? Wie jeder Einzelne nur 
sich zu heben glaubt, und wie doch die Gesamtheit ge- 
hoben wird. Wir werden ja das Aufsteigen in sittliche, 
dem Staate nützliche, der Volksidee dienende Formen 
binden. 

Darum denke ich an eine „Aristokratie", wie Montes- 



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quieu sagte. Das entspricht auch dem ehrgeizigen Sinn 
unseres Volkes, der jetzt zu alberner Eitelkeit entartet ist. 
Manche Einrichtung Venedigs schwebt mir vor, aber wir 
werden alles vermeiden, woran Venedig zugrunde ging. 
Wir werden aus den geschäftlichen Fehlern anderer ler- 
nen, wie aus unseren eigenen. Denn wir sind ein moder- 
nes Volk, wir wollen das modernste werden. Unser Volk, 
dem wir das neue Land bringen, wird auch die Verfas- 
sung, die wir ihm geben, dankbar annehmen. Wo sich 
aber Widerstände zeigen, werden wir sie brechen. Wir 
versuchen es überall mit freundlicher Gflte und setzen 
es dann im Notfall durch mit harter Gewalt. 

Das Detail der öffentlichen Einrichtungen führe ich 
jetzt nicht aus. Glauben Sie mir, daß ich den Staat ver- 
stehe. Wir werden auch unseren großen Rat von Staats- 
juristen haben. Der öffentlichen Meinung werden wir, 
besonders in den Anfängen, weitgezogene aber feste Gren- 
zen setzen. Sie können sich schon denken, daß ich als 
Journalist um die Freiheit und Ehre meines Standes be- 
sorgt bin. Im Werke können wir uns freilich nicht durch 
beschränkte oder böswillige Individuen stören lassen. 

(Hier will ich incidemment etwas einschalten, das zeigt, 
wie leicht wir viele unserer Gewohnheiten verpflanzen 
können. Die Blätter, die jetzt als Judenblätter ausge- 
rufen sind — und mir scheint mit Recht — werden 
drüben Ausgaben veranstalten wie der New York Herald 
in Paris. Von hüben und drüben wird man einander die 
Nachrichten zukabeln. Wir bleiben ja mit der alten Hei- 
mat verbunden. Allmählich wächst das Zeitungsbedürf- 
nis, die Kolonialausgabe wird größer, es ziehen die jü- 
dischen Redakteure hinüber, die christlichen bleiben al- 
lein. Die Judenblätter verwandeln sich allmählich und 
unmerklich in Christenblätter, bis die Ausgabe drüben 

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ebenso selbstSndig ist, wie die hüben. Es ist im Ernst 
dieses Planes ein heiterer Gedanke, daß manche Re- 
gierung schon um deswillen geneigt sein wird, uns zu 
helfen.) 

Ich will nur noch einige Bemerkungen über andere 
Öffentliche Einrichtungen machen. Vielleicht denkt je- 
mand, es werde eine Schwierigkeit sein, daß wir keine 
gemeinsame Sprache mehr haben. Wir können doch 
nicht hebrSisch miteinander reden. Wer von uns weiß 
Hebr&isch genug, um in dieser Sprache ein Bahnbillet zu 
verlangen? Das gibt es nicht. Dje Sache ist aber sehr 
einfach. Jeder behält seine Sprache. Ich bin ein deut- 
scher Jude aus Ungarn, und kann nichts anderes mehr 
sein als ein Deutscher. Jetzt erkennt man mich nicht als 
Deutschen an. Das wird schon kommen, bis wir erst drü- 
ben sind. Und so soll jeder seine erworbene Nationalität 
behalten, die Sprache reden, welche die liebe Heimat sei- 
ner Gedanken geworden ist. Wir sehen ja in der Schweiz, 
daß ein Föderativstaat verschiedener Nationen existie- 
ren kann. 

Übrigens glaube ich, daß die Hauptsprache die deutsche 
sein wird. Ich folgere das aus unserem verbreitetsten 
Jargon, dem „Jidendeutsch". Nur werden wir uns auch 
diese Ghettosprache drüben abgewöhnen. Es war die ver- 
stohlene Sprache von Gefangenen. Unsere Volkslehrer 
werden darauf achten. 

Wir erkenaen uns eigentlich nur noch am väterlichen 
Glauben als zusammengehörig. Werden wir also am 
Ende eine Theokratie haben? Nein! Der Glaube hält 
uns zusammen — die Wissenschaft macht uns frei. 
Wir werden daher tbeokratische Velleitäten unserer 
Geistlichen gar nicht aufkommen lassen. Wir werden 
sie in ihren Tempeln festzuhalten wissen, wie wir unser 

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Berufsheer in den Kasernen festhalten werden. Heer 
und Klerus sollen so hoch geehrt werden, wie ea ihre 
schönen Funktionen erfordern und verdienen. In den 
Staat, der sie auszeichnet und hesoldet, haben sie nichts 
dreinzureden, denn sie würden uns Süßere und innere 
Schwierigkeiten bereiten. Jeder ist in seinem Bekennt- 
nis oder seinem Unglauben so frei und unbeschrfinkt 
wie in seiner Nationalität. Und fOgt es sich, daß später 
auch Andersgläubige, Andersnationale unter uns wohnen, 
werden wir ihnen einen ehrenvollen Schutz gewähren. 
Wir haben die Toleranz in Europa gelernt. Ich sage das 
nicht einmal spöttisch. Den jetzigen Antisemitismus kann 
man nur an vereinzelten Orten für die alte religiöse 
Intoleranz halten. Zumeist ist er bei den Kulturvölkern 
eine Bewegung, mit der sie ein Gespenst ihrer eigenen 
Vergangenheit abwehren möchten. 

Idi glaube, es muß jetzt schon von allen Seiten klar 
sein : Der Judenstaat ist ein Weltbedörf nis I 

Und darum wird er entstehen — mit Ihnen, meine Her- 
ren, oder gegen Sie I Er würde sogar früher oder später, 
par la force des cboses, auch ohne diese Anregung ent- 
stehen. Ins Wasser werfen kann man uns nicht — wenig- 
stens nicht alle — bei lebendigem Leib verbrennen auch 
nicht. Es gibt überall Tierschutzvereine. Also was? Man 
müßte ims schließlich ein Stück Land auf dem Erdball 
suchen, wenn Sie wollen — ein Weltghetto. 

Dieser Plan erfindet also kein Bedürfnis, er zeigt es 
nur und zeigt zugleich, wie das ohne Erschütterung, ohne 
Kämpfe und Qualen zu jedermanns Zufriedenheit ge- 
macht werden kann. Darum ist dieser Plan die Lösung. 

Wir werden den neuen Judenstaat anständig gründen. 
Wir denken ja an unsere künftige Ehre in der Welt. 

Darum müssen alle Verpflii^tungen in den bisherigen 



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Wohnorten rechtschaffen erfüllt werden. Billige Fahrt 
und Refaktien werden wir nur denen gewähren, die uns 
ein Amtsseugnig beibringen : „In guter Ordnung fortge- 
sogen". Alle privatrechtlichen Forderungen, die noch 
aus den verlassenen L&ndern stammen, sind bei uns leich- 
ter klagbar als irgendwo. Wir werden gar nicht auf Re- 
ziprozität warten. Wir tun das nur unserer eigenen Ehre 
willen. So werden späterbin auch unsere Forderungen 
willigere Gerichte finden, als dies jetzt da und dort der 
Fall sein mag. 

Von selbst versteht sich nach allem Bisherigen, daß wir 
auch die jüdischen Verbrecher leichter ausliefern werden 
als jeder andere Staat — bis zu dem Augenblick, wo wir 
die Straf hoheit nach denselben Grundsätzen ausüben wer- 
den, wie alle übrigen zivilisierten Völker. Vorläufig neh- 
men wir unsere Verbrecher erst auf, nachdem sie ihre 
Strafe abgebüßt haben — dann aber ohne jede Restrik- 
tion. Es soll auch für die Verbrecher unter uns ein neues 
Leben beginnen. Nur bei den Deserteuren ist ein Unter- 
schied zu machen. Die Kriegsdeserteure nehmen wirnicht 
auf. Wenn sie sich zu uns flüchten, packen wir sie so- 
fort und liefern sie aus. Wer bis zum Kriege in seiner 
Heimat blieb, hat dazubleiben, bis der Krieg vorüber ist, 
und bat natürlich mitzukämpfen, wie jeder Mann, der 
ein Gewehr tragen kann. Aber nach dem Krieg nehmen 
wir sie gern und mit großen Ehren auf. Sie haben sich 
für die Judenehre geschlagen. 

Die Friedensdeserteure hingegen muß man uns mit- 
geben und lassen. Wir können sonst nicht anfangen. 

Wir brauchen alle arbeitsfähigen Arme. Wir müssen 
ohnehin auf den Verlust einer halben Generation für die 
körperliche Arbeit rechnen. Erst in fünfzehn Jahren, 
denke ich mir, werden unsere inzwischen herangewach- 

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geaen Buben für alle nötige körperliche Arbeit genügen. 
Bis dahin werden wir viele Produkte importieren müssen. 
Mit den atropbierten Armen der jetzt schon hinwelkenden 
Generation ist oichta mehr zu machen. Wir werden sie 
beschäftigen, das ist gewiß, aber mit Arbeiten, die für 
sie keine Marter sind. Wir werden sie su Aufsehern, Post- 
boten, Verschleißern usw. machen. In Siechenhäuser wer- 
den wir sie nicht stecken. Das Sieebenbaus ist eine der 
grausamsten Wohltaten, die unsere alberne Gutmütigkeit 
erfunden hat. Im Siechenhaus schämt und kränkt sich der 
alte Mensch zu Tode. Er ist eigentlich schon begraben. 
Wir aber wollen selbst denen, die auf den untersten Stufen 
der Intelligenz stehen, bis ans Ende die tröstende Illusion 
ihrer Nützlichkeit lassen. 

So werden wir für alle Lebensalter, für alle Lebens- 
stufen das körperliche Glück und die sittliche Beseligung 
der Arbeit suchen. So wird unser Volk seine Tüchtigkeit 
wiederfinden im Siebenstundenlande. 

Meine Herren I Ich kann diesen Plan nicht mit kon- 
zentrischen Kreisen und geraden Linien zeichnen. Ich 
muß ihn zeichnen wie eine Landkarte, im Zickzack von 
Bergen und Gewässern. So komme ich erst jetzt zu einer 
der zeitlich frühesten Veranstaltungen: zur eigentlichen 
Landnahme. 

Als die Völker in den bistoriscben Zeiten wanderten, 
ließen sie sieb vom Weltzufall tragen, ziehen, schleudern. 
Wie HeuscbreckenscbwSrme gingen sie in ihrem bewußt- 
losen Zuge irgendwo nieder. In den geschichtlichen Zei- 
ten kannte man ja die Erde nicht. 

Die neue Judenwanderung muß nach wissenacbaftUchen 
Grundzügen erfolgen. 

Noch vor einigen vierzig Jahren wurde die GoIdgrSberei 
auf eine wunderlich naive Weise betrieben. Wie aben- 

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teuerlich ist es in Kalifornien zugegangen. Da liefen auf 
ein Gerücht bin die Desporados aus alter Welt zusammen, 
stahlen der Erde, raubten einander das Gold ab — und 
verspielten es dann ebenso räubermfißig. Heute! Sehen 
Sie sich heute die Goldgrfiberei in Transvaal an. Keine 
romantischen Strolche mehr, sondern nüchterne Geolo- 
gen und Ingenieure leiten die Goldindustrie. Sinnreiche 
Maschinen lösen das Gold aus dem erkannten Gestein. 
Dem Zufall ist wenig überlassen. 

So muß das neue Judenland mit allen modernen Hilfs- 
mitteln erforscht und in Besitz genommen werden. 

Sobald unsere Geographen das Land gefunden haben, 
sobald die yölkerrechtlichen und privaten KaufvertrSge 
abgeschlossen sind, fährt das Landnahmeachiff hinüber. 

Auf dem Schiffe befinden sich die Verwaltungsbeam- 
l«n, die Techniker aller Art und die Delegierten der Orts- 
gruppen. 

Diese Landnehmer haben drei Aufgaben. Erstens die 
genaue wissenschaftliche Erforschung aller natürlichen 
Eigenschaften des Landes. Zweitens die Einrichtung einer 
straff zentralisierten Verwaltung. Drittens die Land- 
verteilung. Diese drei Aufgaben greifen ineinander und 
sind aus dem schon genügend bekannten Zweck heraus 
vernünftig zu entwickeln. 

Nur eins üt noch nicht klar gemacht: nfimlich wie die 
Landergreifung nach Ortsgruppen vor sich gehen soll. 

Wir setzen als unerlSßlich ein echeloniertes Klima vor- 
aus. Wir müssen unseren Leuten ungefähr dasselbe Klima 
wiedergeben, an das sie in ihren bisherigen WohnCMlen 
gewöhnt sind. Nach dieser allgemeinen Einteilung folgt 
die spezielle. 

In Amerika okkupiert man bei Erschließung eines 
neuen Territoriums auch noch auf eine recht naive Art. 



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Die LaDdDehmer verBammeln sich an der Grenze und 
stürzea zur bestimmtea Stunde gleichzeitig und gewalt- 
sam darauf los. 

So werden wir es nicht machen. Die PlStze unserer 
Provinzen werden versteigert. Nicht etwa für Geld, son- 
dern für Leistungen. Es ist nach dem allgemeinen Land- 
plan festgestellt worden, welche Straßen, Wasserregulie- 
rungen, Brücken usw. nötig sind für den Verkehr. Das 
wird nach Provinzen zusammengelegt. Innerhalb der Pro- 
vinzen werden in ähnlicher Weise die StadtplStze verstei- 
gert. Die Ortsgruppen ühernehmen die Verpflichtung, 
das ordentlich auszufahren, bestreiten die Kosten aus 
■utontMoen Umlagen. Wir werden ja in der Lage sein, im 
voraus zu wissen, ob sie sich keiner zu großen Opfer ver- 
messen. Die größeren Gemeinden erhalten größere Schau- 
plStze für ihre Tätigkeit. Größere Opfer belohnen wir 
durch gewisse Zuwendungen; Universitäten, verschiedene 
technologische Versuchsanstalten und jene Institute, die 
nicht in der Hauptstadt sein müssen, werden planvoll über 
das Land zerstreut. Wir wollen keine hypertrophische 
Hauptstadt haben. 

Für die richtige Ausführung des Übernommenen haftet 
uns das eigene Interesse der Ersteher, und im Notfalle die 
Ortsumlage, die wir dann vielleicht als Oktroi einhehen. 
Denn so wie wir den Unterschied einzelner Individuen 
nicht aufheben können und wollen, so bleiben auch die 
Unterschiede swischen den Ortsgruppen bestehen. Alles 
gliedert sich auf natürliche Weise, alle erworbenen Rechte 
werden geschützt, alle neue Entwicklung erhält genügen- 
den Spielraum. 

Diese Dinge werden sämtlich unseren Leuten deutlich 
bekannt sein. So wie wir die anderen nicht überrumpeln 
oder betrügen, so täuschen wir uns auch selbst nicht. 



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Von vornhereia wird alles auf eiae planvolle Art fest- 
gestellt sein. Schon auf dem Laodnahmeschiff wird sich 
jeder über seine Aufgaben vollkommen klar sein: die 
Gelehrten, die Techniker, die Offiziere und Beamten, 
endlich und hauptsfichlich die bevollmichtiglen Vertreter 
der Ortsgruppen. 

Wenn aber das neue Land zum ersten Male in Sicht 
kommt, steigt am Mast unsere neue Fahne auf. Wir 
haben jetzt keine. Ich denke mir eine weiße Fahne mit 
sieben goldenen Sternen. Das weiße Feld bedeutet unser 
neues reines Leben und die sieben Sterne: daß wir im 
Zeichen der Arbeit unsere Existenz begründen wollen. 

So kann, so wird es sein, wenn Sie mit uns gehen, meine 
Herren. 

Und wenn Sie nun keine Lust haben, wenn Sie sich wohl 
genug fühlen in ihren jetzigen Zuständen — ist damit 
die ganze Sache durch Ihr ablehnendes Lächeln erledigt? 
Neiol 

Wir wären wirklich arme Leute, wenn wir zu Ihnen 
um eine Milliarde betteln kämen. 

Wenn Sie nicht wollen, geht die Sache auf die zweite 
Stufe, an die mittelreichen Juden. Wir werden den Plan 
in einigen Exemplaren an die Hauptorte des jüdischen 
Reichtums schicken und den mittleren Millionären zur 
Kenntnis bringen lassen. Die Geldbeschaffung nimmt 
dann eine andere Form an. Die ganze jüdische Mittelbank 
muß im Namen der Volksidee gegen die Uochbank zu- 
sammengerafft werden zu einer zweiten f ormidablen Geld- 
macht. Die Aufgabe ist, Sie mitzureißen oder niederzu- 
reißen — und dann hinüber I 

In diesem Falle will ich allerdings mit der Ausführung 
nichts weiter zu schaffen haben. An GeldgeschSften be- 
teilige ich mich nicht. 



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Und zunächst wird doch nur ein Geldgeschäft daraus 
werden. Denn die Milliarde müßte voll eingezahlt werden 
— sonst darf man nicht anfangen — und da dies Geld 
erst langsam in Verwendung träte, so wärde man in den 
ersten Jahren allerlei Bank- und Anleihegeschäfte ma- 
chen. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß so allmäh- 
lich der ursprüngliche Zweck in Vergessenheit geriete. 
Die mittelreichen Juden hätten ein neues großes Geschäft 
gefunden, und die Judenwaaderung würde versumpfen. 

Phantastisch ist die Idee dieser Geldbeschaffung durch- 
aus nicht, das wissen Sie. Verschiedene Male hat man 
versucht, das katholische Geld gegen Sie zusammenzu- 
raffen. Daß man Sie auch mit jüdischem bekämpfen 
könne, hat man bisher nicht bedacht. Und da würden Sie 
vielleicht unterliegen. 

Aber welche Verkehrskrisen hätte dies alles zur Folge, 
wie würden die Länder, wo diese Geldkämpfe spielen, 
geschädigt werden; wie müßte der Antisemitismus dabei 
überhandnehmen . 

Mir ist das also nicht sympathisch : ich erwähne es nur, 
weil es in der logischen Entwicklung meines Gedankens 
ist; weil diese Gefahr Sie vielleicht bewegen wird mitzu- 
gehen, und weil schließlich auch die mittelreichen Juden 
Anspruch darauf haben, daß man sie rechtzeitig verstän- 
dige. 

Ob die Mittelbankiers die Sache aufgreifen werden, 
weiß ich nicht. Vielleicht I 

Jedenfalls ist die Sache auch mit der Ablehnung der 
Mittelreichen nicht erledigt. NeinI Dann beginnt sie erst 
recht. Denn ich bringe sie dann vor das jüdische Volk 
und vor die ganze Welt. Ich veröffentliche diese Rede 
mit allen Schritten, die ich in der Sache getan, und mit 
allen Antworten, die ich bekommen habe. Ich weiß ganz 



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gut, welchen Dingen ich mich dabei aussetze. Man wird 
mich Iftchertich machen und sagen, daß ich König der 
Juden werden wolle. Man wird mich verächtlich zu ma- 
chen suchen und sagen, daß es mir nur um ein Geschäft 
XU tun sei. Nun habe ich zwar nie ein Geschäft gemacht, 
am allerwenigsten mit meiner Feder — aber das beweist 
doch nichts für die Zukunft. 

Da werden meine Pairs, die Philosophen und Künstler 
mich in ihren Schutz nehmen, in aller Welt. Denn sie 
wissen, daß manche Worte nur der findet, der sie ehrlich 
meint. 

Und das Volk wird mir glauben. Nicht nur unter den 
armen Juden, unter allen Völkern wird eine Bewegung 
der Wut gegen Sie entstehen, die Sie der Welt diese Er- 
leichterung bringen können und sich weigern, es zu tun. 

Ich glaube, mein Buch wird Leser finden. Das Volk 
wird meinen Worten glauben — und die Regierungen 
nicht minder. In den Tempeln wird man für das Gelingen 
dieses Planes beten — aber in den Kirchen auchl Volk 
und Bürger und Adel und Klerus und Könige und Kaiser 
werden sich für die Sache erwärmen. Es ist die Lösung 
eines alten Drucks, unter dem alle litten. 

Nein, meine Herren von Rothschilds, man braucht Sie 
dazu nicht I Wissen Sie, wer das Aktienkapital der So- 
ciety of Jews aufbringen wird? Die Christen I 

Vielleicht auch schon die armen ganz kleinen Juden. 
Man wird für sie die Milliarde in ganz kleine Teile zer- 
legen. Nur könnte ich mich freilich auch in diesem 
Falle nicht an der Ausführung beteiligen. Nicht nur, 
weil es wieder das Geldgeschäft wäre — sondern, und 
hauptsächlich, weil dieses Geld ja doch nicht genügen 
würde für die vielen Zwecke, zu denen wir Ihren Welt- 
kredit hätten benützen können. 

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Ich will die armen Leute nicbt ins Elend hinausführen. 
Die Judenwanderung könnte in diesem Falle nur mit aus- 
drücklicher entschiedener Hilfe der beteiligten Regierun- 
gen gemacht werden. 

Man müßte uns in allem an die Hand gehen, uns das 
erforderliche und genügende Land verschaffen, uns alle 
Transporterleichterungen gewähren, kurz, alles was zur 
gesunden Durchführung unentbehrlich ist. 

Die Regierungen — schon spreche ich nicht mehr zu 
Ihnen, meine Herren, sondern zum Fenster hinaus — die 
Regierungen werden bald im vollen Umfange erkennen, 
was ihnen die Lösung der Judenfrage alles bringt. 

Ich sprach früher von direkten und indirekten Vor- 
teilen unseres Auszuges. Es waren noch die mindesten. 
Ja, wir führen bedeutende fiskalische Einkünfte herbei, 
indem wir abziehen. Ja, wir geben den Bahnen zu tun, 
den KSrrnern zu schaffen, zahlen doppelte Gebühren, til- 
gen alle unsere Schulden, lassen in unsere aufgegebenen 
einträglichen Positionen die entsprechenden Massen von 
Menschen einrücken, und wo der Staat unsere Industrien 
und Anstalten übernehmen will, geben wir ihm das Vor- 
kaufsrecht. 

Diese einzelnen gütlichen Expropriationen und Ver- 
staatlichungen können und müssen ja recht bedeutend 
werden. Sie sind nicht der wichtigste Vorteil, den die Staa- 
ten und ihre Angehörigen von der Judenwanderung haben 
werden. Der wichtigste Vorteil ist ein anderer. Welcher? 

Dachten Sie nicht schon die ganze Zeit: man kann uns 
doch nicht mit unserem ganzen Gelde abziehen lassen. 
Jetit bat man uns doch noch ein bißchen in der Gewalt 
und kann uns die Halsbinde zuweilen enger schnüren. 
Da wäre also der wunde Punkt meines Systems? 

Ich glaube gerade: da ist der stärkste. 



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Erstens kann bewegliches Gut in seiner heute wichtig- 
sten Form von Inhaberpapieren nie als im Lande befind- 
lich angesehen werden. Dem Inhaberpapier ist nicht 
mehr beizukommen. Die Pariser Kommune hat es von 
unten herauf versucht — wir wissen mit welchem Er- 
folg. Von oben herab denkt ja niemand daran. Zweitens, 
und das ist die ungeheure Hauptsache, die jeder sehen 
muß, erlösen wir das Weltkreditwesen von uns. Denn 
im Augenblick unseres Abzuges nationalisieren die Staa- 
ten ihren Kredit. Durch das Böfsenmonopol, das sie sich 
beeilen werden, uns nachzumachen, bekommen sie das 
bösartige Spiel mit dem Staatskredit in die Hand. Viel- 
leicht werden sie das Geldgeschäft auch ganz verstaat- 
lichen — man müßte ja sonst befürchten, daß die Kul- 
turvölker sich gerade in unserer Abwesenheit verjuden. 

Wie diese Verstaatlichung durchzuführen ist, werden 
wir ja zeigen können. Übergangsformen sind leicht zu 
finden. Die Staaten können Bankorganisationen grün- 
den, welche von der Society of Jews die bei dieser ver- 
sammelten einzelnen verlassenen Bankgeschäfte überneh- 
men. Die Society selbst kann fliese Organisation für die 
Staaten besorgen und das Fertige abliefern. Ja, es kann 
schließlich die ganse Society in zwei Teile gespalten wer- 
den, in den neujüdischen, der unserem Staate anheim- 
fSllt, imd in den altjüdischen, das beißt europfiiscben, wel- 
cher den Staaten zukommt. Form und Umfang der Ab- 
findung wfire Gegenstand von Verhandlungen mit den 
einzelnen Regierungen. 

Wir ziehen also den Weltkreditmarkt durchaus nicht 
mit uns — ach, wie froh und stark wird unser Volksgeist 
werden, wenn wir das erst los sind I — wir organisieren 
vielmehr bei unserem Abschied den nationalen Kredit der 
Staaten. Das ist unser höchstes Geschenk — als eine 

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Abzug&steuer kann ea nicht angesehen werden, weil wir es 
freiwillig tun. Alles tun wir ja in diesem Plane freiwillig 
und somit zu unserer Ehre ! 

Ja, was wird mit den weniger sparkrSftigen Nationen 
geschehen? Die wenigstens werden doch der fernen jü- 
dischen Geldmacht ausgeliefert sein? 

Die so wenig wie die anderen. Unser Kredit wird ihnen 
auch weiter wie bisher zur Verfügung stehen, wenn sie 
ihn suchen — aber sie werden auf uns nicht mehr aus- 
schließlich angewiesen sein. Die Regierungen werden ihre 
auswärtige Finanzpolitik selbst machen. Sie werden sich 
zu Bündnissen zusammenfinden. Es wird eine Konkor- 
danz aller politischen Hilfsmitlel vorhanden sein. 

Der Staat erhält nach innen und nach außen die eigene 
Verfügung über seine Finanzen und ist nicht mehr auf 
internationale Gruppen und Börsenkartelle angewiesen. 
Ich sehe alles vom Staate aus an, für uns wie für die an- 
deren I 

Der Staat muß sein I 

Wird es Juden geben, die mich für einen Verräter an 
der Judensache halten, weil ich das alles sage? 

Ich will sie gleich aufklären und beruhigen. Die 
schlechte Judensache vertrete und verteidige ich nicht, 
der guten Judensache glaube ich mit der Veröffentlichung 
dieser Gedanken einen Dienst zu leisten. 

Aber nicht einmal den eigensüchtigen und beutegieri- 
gen Schwindlern unter den Juden schadet die Veröffent- 
lichung. 

Denn das alles kann nur ausgeführt werden mit freier 
Zustimmung der Judenmehrheil. Es kann gegen Einzelne, 
selbst gegen die Gruppen der jetzt Mächtigsten, gemacht 
werden — aber keineswegs vom Staat aus gegen alle 
Juden. 

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Die Emanzipation, die ich aus politischen Gründen für 
ebenso verfehlt erachte, wie ich ihr aus menschlichen be- 
geistert und dankbar zustimme — die Emanzipation kam 
zu spSt. Wir waren gesetzlich und in unseren bisherigen 
Wohnorten nicht mehr emanzipierbar. 

Dennoch kann man die gesetzliche Gleichberechtigung 
der Juden, wo sie besteht, nicht mehr aufheben. Nicht 
nur, weil es gegen das moderne Bewußtsein w5re — mein 
Gott, Not bricht Eisen — sondern auch, weil das sofort 
alle Juden, arm und reich, den Umsturzparteien zujagen 
würde. 

Man kann also eigentlich nichts Wirksames gegen uns 
tun. Und doch wSchst der Antisemitismus in den Bevöl- 
kerungen täglich, stündlich und muß weiterwachsen, weil 
die Ursachen nicht behoben, nicht zu beheben sind. 

Die causa remota ist der im Mittelalter eingetretene 
Verlust unserer Assimilierbarkeit. 

Die caata proxima ist unsere Überproduktion von mitt- 
leren Intelligenzen, die keinen Abfluß nach unten haben 
und keinen Aufstieg nach oben — nfimlich keinen ge- 
sunden Abfluß und keinen gesunden Aufstieg. Wir wer- 
den nach unten hin zu Umstürzlern prolelarisiert, bilden 
die Unteroffiziere aller Revolutionsparteien. Und gleich- 
zeitig wächst nach oben unsere furchtbare Geldmacht. 

So ist es. So ist es wirklich 1 Ich übertreibe nicht und 
leugne nicht. Was ich sage, ist einfach und wahr. 

Und darum enthalt mein Entwurf die Lösungl Wird 
jemand sagen: Ja, wenn so etwas möglich wäre, hätte 
man es schon früher gemacht? 

Früher war es nicht möglich. Jetzt ist es möglich. Noch 
vor hundert, vor fünfzig Jahren wäre es eine Schwärme- 
rei gewesen. Heute ist das alles wirklich. 

Sie, meine Herren, wissen am besten, was mit Geld 

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alles gemacht werden kann. Wie sctmell und gefahrlos 
wir jetzt in riesigen Dampfern Ober die früher unbekann- 
ten Meere jagen. Sichere Eisenbahnen führen wir hinauf 
in eine Bergwelt, die man ehemals mit Angst zu Fuß be- 
stieg. Hunderttausend Köpfe denken fortwährend nach, 
wie man der Natur alle ihre Geheimnisse abnehmen 
kannte. Und was einer findet, gehört in der nächsten 
Stunde der ganzen Welt. Es ist möglich I 

Und es wird wunderbar zugehen : gerade die Einfachen, 
die all diese Wahrheiten nicht so wissen wie Sie, meine 
Herren, gerade die Einfältigen werden mir am stärksten 
glauben. Sie haben die alte Hoffnung aufs Gelohte Land 
in sichl 

Und da ist es wirklich : kein Märchen, kein Betrug I Jeder 
kann sich davon überzeugen, denn jeder trägt ein Stück 
vom Gelobten Land hinüber: der in seinem Kopf und 
der in seinen Armen und jener in seinem erworbenen Gut. 

KeinZweifel: es ist dasGelobteLand — wowir krumme 
Nasen, rote oder schwarze BSrte und gebogene Beine 
haben dürfen, ohne darum schon verächtlich lu sein. 

Wo wir. endlich als freie Männer auf unserer eigenen 
Scholle leben und in unserer eigenen Heimat ruhig ster- 
ben können. Wo auch wir zur Belohnung großer Taten 
die Ehre bekommen. Wo wir in Frieden mit aller Welt 
leben, die wir durch unsere Freiheit befreit, durch un- 
seren Reichtum bereichert und durch unsere Größe ver- 
größert haben. 

So daß der Spottruf „Jude" zu einem Ehrenwort wird, 
wie Deutscher, Engländer, Franzose, kurz, wie die Namen 
aller Kulturvölker. 

So daß wir durch unseren Staat unser Volk erziehen 
können für Aufgaben, die jetzt noch hinter unserem Ge- 
sichtskreise li^n. 



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17. VI. 

Nun kennte es scheinen, als wäre das eine langwierige 
Sache. Ich spreche da immer von Monaten, Jahren, Jahr- 
zehnten. Inzwischen werden die Juden auf tausend Punk- 
ten gefaSnselt, gekränkt, gescholten, geprügelt, geplündert 
und erschlagen. 

Nein, meine Herren, es ist die sofortige Lösung. Ich 
bringe den Antisemitismus augenblicklich in der ganzen 
Welt zum Stillstand. Es ist der Friedensschluß. 

Denn nachdem wir alle einleitenden Schritte mit größ- 
ter Raschheit und Heimlichkeit betrieben haben ; nachdem 
wir durch öffentlich-rechtliche Verträge uns die staat- 
liche Unabhängigkeit, durch privatrechtliche Käufe das 
Land gesichert haben; nachdem wir Kabel, Schiffe er- 
worben, mit Bahnen P£age< und RefaktienvertrSge ge- 
schlossen, kurz, alles getan haben, was zur billigen Durch- 
führung nötig ist: publizieren wir unser ganzes Pro- 
gramm. 

Es wird in der Neuen Freien Presse geschehen. Denn 
gegen diese Zeitung habe ich eine Pflicht der Dankbarkeit 
zu erfüllen. Diese Zeitung hat mich nach Paris geschickt, 
hat mir die Mittel und die Gelegenheit geboten, so manche 
Kenntnisse zu erwerben, die jetzt der Sache dienen. Die- 
ser Zeitung soll also das gehören, was literarisch an mei- 
ner Mitteilung ist. 

Am nächsten Morgen fliegt die Botschaft in die ganze 
Welt hinaus: Frieden 1 

Frieden den Juden, Sieg den Christen. 

Wir müssen den Frieden schließen, weil wir nicht län- 
ger kämpfen können, weil wir uns später unter ungün- 
stigeren Bedingungen ergeben müßten. 

Die Antisemiten haben recht behalten. Gönnen wir es 
ihnen, denn auch wir werden glücklich. 

aog 



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Sie habea recht behalten, weil sie recht haben. Sie 
konnten sich von uns nicht im Heer, in der Verwaltung, 
in allem Verkehr unterjochen lassen, zum Dank dafür, 
daß man uns aus dem Ghetto großmütig herausgelassen 
hat. Vergessen wir nie diese großmütige Tat der Kultur- 
völker I 

Indem wir sie von uns befreien, lösen wir sie auch vom 
unheimlichen Druck des Mittelalters, der unerkannt in 
der Judenfrage noch auf ihnen lastete. Sie sind unschul- 
dig an den Sünden ihrer V&ter. 

Verseihung, Frieden, Versöhnung der ganzen Welt. 
Und sofort beginnt die Erleichterung. Aus den Mittel- 
ständen fließen augenblicklich unsere überproduzierten 
mittleren Intelligenzen, fließen ab in unsere ersten Or- 
ganisationen, bilden unsere ersten Offiziere, Beamten, 
Juristen, Ärzte, Techniker aller Art. 

Und so geht die Sache dann weiter, eilig und doch ohne 
Erschütterung. Man wird in den Tempeln beten für das 
Gelingen unseres herrlichen Werkes. Aber in den Kii^ 
eben aucfal 

Die Regierungen werden uns freundschaftlich unter- 
stützen, weil wir ihnen die Gefahr einer Revolution ab- 
nehmen, die bei den Juden begönne — und aufhören 
würde, man weiß nicht wol 

Die Völker werden froh aufatmen. Aber wir auch, wir 
besonders l Wir scheiden ab geachtete Freunde. 

Und so ziehen wir hinaus ins Gelobte Land, ins Land 
der sieben Stunden, das uns Gott in seiner unerforsch- 
lichen Güte verheißen hat, unter der lichten Fahne, die 
wir uns selber geben. 



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Zweites Buch 



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D,3,l,zedb,G00gle 



S3. Juni 
Mit dem Briefe an Bismarck ist diese in mir fortschrei- 
teode Entwicklung des Gedankens logisch in ein neues 
Stadium getreten. Ich beginne ein neues Buch. Ich weiß 
auch nicht, wieviel Platz die bisherigen Notixen einneh- 
men werden, zu deren Reinschrift ich jetit nicht aufgelegt 
bin. 

34. Juni 
Heute hat Bismarck meinen Brief. Ob er mich fOr 

einen leichten oder schweren Narren halten wird? Ob 
er antwortet? 

35. Juni. 
Mit Fürth diniert. Ich habe ihm erzählt, daß ich mit 

Hirsch zusammenkam. Ich dachte mir, er würde es ohne- 
hin erfahren; so wollte ich zu meinen Briefen einen 
authentischen Kommentar zur Weiterverbreitung liefern. 
Besonders der dritte Brief an Hirsch reut mich. Wann 
werde ich mir das unvorsichtige Briefschreiben abge- 
wöhnen? 

übrigens sagte mir Fürth, daß ich Hirsch richtig be- 
urteilt und behandelt habe. 

Er bestätigte auch meine Vermutung, daß Hirsch die 
beiden Sekretäre bestellt habe, um Zeugen für die Tat- 
sache meines Besuches zu haben. 

Wir gingen dann in den Zirkus. 

Ich sagte: ein Mann würde meinen Plan (den ich Fürth 
nicht mitteilte, den er aber beiläufig zu erraten schien) 
verstehen. Das ist der deutsche Kaiser. 

Fürth : Verfassen Sie eine Denkschrift für ihn. Suchen 
Sie dann einen sicheren Mann, der sie fibergibt. Vielleicht 
mein Vetter, der Direktor des Kolonialamts, v. K . . . 

Ich: Der ist Ihr Vetter? Getauft? 

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Fürth: Ja. Er hat Herbert Bismarck zum Assessor- 
Examen eingepaukt, wurde so mit dem Alten bekannt, 
der ihn verwenden wollte, wenn er sich taufen liel^. K . . . 
tat es, vielleicht auch weil er eine Katholikin, seine jet- 
zige Frau, heiraten wollte. Er wurde zuerst Staatsanwalt 
in Straßburg, avancierte dann, wurde schließlich Direk- 
tor des Kolonialamts. Ab Bismarck sich mit dem Kaiser 
überwarf, ging v, K . . . zum Kaiser über. Er hat inuner 
Zutritt. 

Ich : Das wire also wohl der richtige Mann. Aber wird 
er Lust haben, als Konvertit sich mit der Judensache ab- 
zugeben? 

Fürth zuckt die Achseln: Vielleicht. (F. ist ja auch 
getauft.) 

26. Juni. 
Heute ist Bismarcks Antwort fSlIig. Sie kommt nicht. 
Ob er den Brief überhaupt bekommen hat? Wenn hü- 
ben oder drüben schwarze Kabinette existieren, ist der 

- Brief jedenfalls einmal — vielleicht zweimal — geöffnet 
worden. Die Geheimpost hatte eigentlich eine Freiprämie 
in meiner Eventualbemerkuog, daß ich darauf gefaßt bin, 
überhaupt keine Antwort zu bekommen. Man konnte 
meinen Brief einfach wegwerfen. 

Ein schnurriger Gedanke ist : daß man, wenn man eine 
Mitteilung sicher an die Regierung befördern will, sie 
nur in einen solchen Brief mit auffallender Adresse zu 
stecken braucht. 

27. Juni. 
Keine Antwort von Bismarck. Ich bin schon über- 
zeugt, daß ich keine bekommen werde. Ich dachte daran, 
durch F . . . bei den Hamburger Nachrichten anfragen zu 
lassen, ob B. meinen Brief bekommen habe. 

Aber F . . . würde das spiter einmal als Anekdote von 

si4 



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mir erzählen. Liegt mir auch nichts mehr daran, ob Bis- 
marck den Brief beknnmen hat oder nicht. Hat er ihn 
— tont pis. 

Ich denke jetzt an Schoen. Der könnte meine Denk- 
schrift dem Kaiser zustellen. Aber wie ist mir: ist Schoen 
nicht auf Urlaub? 

27. Juni. 

In der Kammer, wie zuf&llig, Wolff gefragt, ob Schoen 
hier ist. Nein. In Bayern, auf Urlaub bis i5. August. 

Ich dachte daran, durch Wolff anfragen zu lassen, ob 
Schoen meinen Besuch zwischen zwei Eilzügen annehmen 
wolle. 

Mich dann entschlossen, Schoen direkt zu schreiben. Je 
weniger davon wissen, desto besser. 

Schoen wird mich übrigens kennen und geneigt sein. 

Eventuell einen anderen deutschen Diplomaten dazu 
suchen. Wird nicht schwer sein. 

27. Juni. 
Zum Plan. 

Unterwegs werden Gestorbene nicht ins Wasser ge- 
worfen. Das würde die Auswanderer abschrecken, wäre 
dem Volk eine unheimliche Vorstellung. Leichen werden 
in sicherer Weise desinfiziert und drüben beerdigt. 

28. Juni. 
Bevor ich an Schoen herangehe, wird es doch nützlich 

sein. Albert Rothschild zu verständigen. Ich glaube, so 
komme ich in besserer Form auf den ursprünglichen Ge- 
danken zurück. Und ich bin gegen den Vorwurf gedeckt, 
ohne, d. h. gegen, die Juden gehandelt zu haben. 



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Brief an Albert Rothschild. 

Hochgeehrter Herr! 

Ohne Einleitung zur Sache. 

Ich habe eine Denkschrift über die Judeofrage für den 
Deutschen Kaiser verfaßt. Ein sicherer Mann (Diplomat) 
wird die Schrift dem Kaiser zustellen. Es ist keine tö- 
richte und wehleidige Beschwerde. Der Kaiser könnte, 
seihst wenn er wollte, nichts gegen den Antisemitismus — 
wie ich diese Bewegung verstehe — tun. Meine Denk- 
schrift enthält vielmehr den umfassenden Plan zu einer 
von den Jpden aller Länder ausgehenden Selbsthilfe. Mit 
dem Deutschen Kaiser kann ich in der Sache, wenn er 
jnich nach dem Lesen meiner Denkschrift rufen läßt, 
als unabhängiger Mann verkehren, weil ich seinen Staa- 
ten nicht angehöre. Es ist ja von vornherein kein Zwei- 
fel darüber möglich, daß ich weder von ihm noch von 
irgend einem anderen eine Gunst oder einen Vorteil haben 
will. Und so hoffe ich, daß dieser frische und tatkräf- 
tige Fürst mich verstehen wird. Meine Denkschrift unter- 
fertige ich allein, und ich habe die ausschließliche Ver- 
antwortung dafür. Aber da ich mich der Judeasache an- 
oebme, bin ich den Juden den Nachweis meiner guten 
Absicht schuldig und zu diesem Zweck brauche ich einige 
achtbare und unabhängige Zeugen. Woblgemerkt: Zeu- 
gen und nicht Bürgen oder Auftraggeber. Tatsächlich 
wären ja einzelne Personen gar nicht berufen, mir einen 
Auftrag zu geben, den ich übrigens nicht brauche. 

Wollen Sie einer der Zeugen sein? Ich habe einige 
Mühe, brauchbare Männer zu finden.' Seit ich mich um 
die Sache bekümmere, hübe ich schon recht üble Erfah- 
rungen gemacht. Manchmal ist mir der Ekel bis dahin- 
aufgestiegen. Wir haben so verkrümmte, zerdrückte und 

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geldesfürchtige Leute, die darum noch mehr Fußtritte 
bekommen, als sie obnehin schon verdienen. Aber auch 
diese Jammereigeoscbaften flößen mir schließlich Mitleid 
ein; sie sind durch den langen Druck entstanden. 

Ich will auch sofort ein Bedenken beseitigen, das Ihnen 
aufsteigen könnte. Meine Denkschrift enthält auch nicht 
die leiseste Spur einer Pflicht- oder Ehrfurchtsverletzung 
gegen unseren Landesherrn. Ich versuche nur, dem An- 
tisemitismus dort beizukommen, wo er entstanden ist und 
wo er noch seinen Hauptsitz hat: in Deutschland. Ich 
halte die Judenfrage für äußerst ernst. Wer da glaubt, 
daß die Judenhetze eine vorübergehende Mode sei, irrt 
schwer. Es muß aus tiefen Gründen immer ärger wer- 
den, bis zur unvermeidlichen Revolution. 

Manche Juden glauben freilich, daß die Gefahr nicht 
mehr da ist, wenn sie die Augen zudrücken. 

Ich resümiere. Meine Denkschrift wird dem Kaiser 
Ende Juli oder Anfang August zugestellt. Ich komme 
in der zweiten Hälfte Juli nach Osterreich. Wenn Sie die 
Schrift kennenlernen wollen, werde ich Sie Ihnen vor- 
lesen. Wir werden zu diesem Zweck eine Zusammenkunft 
verabreden. Ich bin bereit, auf einen halben Tag zu Ihnen 
zu kommen. Sie werden schon für Ungestörlhcit Vor- 
sorgen. Sollten Sie um diese Zeit aber reisen, so wäre es 
mir noch lieher, mit Ihnen irgendwo unterwegs zusam^ 
menzntreffen. Mir ganz egal wo. 

Empfinden Sie nun kein Bedürfnis, meine Denkschrift 
kennenzulernen, so genügt es vollkommen, daß Sie mir 
diesen Brief zurückschicken. Ich werde es nicht als Ver- 
letzung ansehen, da ich ausdrücklich darum bitte. 

In jedem Falle weiß ich, daß ich es mit einem Gent- 
leman zu tun habe. Und wenn ich Sie jetzt ersuche, mei- 
nen Brief als vollkommen vertraulich zu behandeln und 

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die Sache keiner Seele mitzuteitea, so ist es, als ob ich 
Ihnen bei mündlicher Mitteilung zuvörderst das Still- 
schweigen ehrenwörtlicb abgenommen hätte. 

Es ist vielleicht nicht Oberflüssig zu bemerken, daß 
kein Mitglied meiner Zeitung von der Sache Kenntnis bat. 
Ich mache das allein und selbständig. 

Hochachtungsvoll Ihr ergebener 

Dr. Theodor Herzl, 
36 rue Cambon. 
* ♦ * 

28. Juni. 

In der Kammer mit dem Communard Leo Franckel ge- 
sprochen. Feines Gesicht, mittelmäßiger Geist, Sektierer- 
stolz. Er rühmte sich der Gefängnisse, in denen er „ge- 
schmachtet" bat. 

Ich erklärte ihm, warum ich gegen die Demokratien 
bin. 

„Sie sind also ein Nietzsche-Anbänger?" sagte er. 

Ich : „Gar nicht. Nietzsche ist ein Irrsinniger. Aber re- 
giert kann nur aristokratisch werden. In der Gemeinde 
bin ich für weiteste Autonomie. Die Kirchturmsinter- 
essen versteht man um den Kirchturm herum genügend, 
ja sogar am besten. Den Staat und seine Bedürfnisse 
hingegen kann das Volk nicht begreifen." 

Franckel: „Wie wollen Sie die Aristokratie etablie- 
ren?" 

Ich : „Eis gibt die verschiedensten Arten. Nur ein Bei- 
spiel, das Sie nicht zu verallgemeinern braueben. Die 
französische Akademie bildet eine Wahlaristokratie." 

Wir sprachen dann von sozialen Theorien. Ich sagte, 
daß ich für Verstaatlichung von Bank, Versicherung, Bah- 
nen und allem bin, was schon erforscht ist, wo keine Ge- 
fahr mehr den Unternehmergewinn rechtfertigt. 

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Franckel: „So kann alles kollektivistisch eingerichtet 
werden." 

Ich: „Absolut nicht. Das Individuum darf nicht um- 
gebracht werden." 

Hier ist offenbar der Denkfehler der Sozialisten: sie 
sagen „alles". 

Ich sage; das hinlSnglich Entwickelte! 

In den Champg Elys^es. 

Moriz Wahrmanns Sobu fuhr vorüber. Sieht energisch 

und gelangweilt aus. Solche Burschen mit ihrer unver- 

wendetea Lebenskraft wären für uns prachtvolles Ma- 

terifd. Wären leicht für die Sache zu begeistern. Und 

wie schön ist mein Plan, in dem solche Leo Franckels 

und solche junge Wahrmanns Platz für ihre Entwicklung 

fänden [ 

_. _., , 28. Juni. 

Champs Elysees. 

Armut: wenn man immer den Rock einer anderen Jah- 
reszeit trägt. 

i.JaU. 

Albert R's heute fällige Antwort ist nicht da. Zum 
Glück habe ich mir im Briefe nichts durch zu große 
Höflichkeit vergeben. 

Die Denkschrift an den Kaiser wird in die letzte Form 
gebracht. Auch da werde ich mich hüten, meiner Würde 
etwas zu vergeben. 

4. Juli. 

Nun denke ich wieder stark an den Romau, weil ja 
wahrscheinlich allen mein Plan als Phantasie vorkommen 
wird. 

Ich werde von Aussee aus um zwei Monate Urlaub mit 
Karenz der Gebühren bitten und den Roman dort im 
September und Oktober schreiben. 

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lt. Juli. 

Im Roman werde ich alles bringen, was ich bereue 
Hirsch geschrieben lu haben und was er vielleicht lachend 
heruingeieigt hat. Meine Revanche wird großmütig sein : 
ich mache aus ihm eine sympathische Figur. (Mir ist er 
ja wirklich sympathisch.) Ich adle seine Börsencoups. 
Er hat sie ahnungslos gemacht für den ihm noch unbe- 
kannten Zweck. So kommt eine vage Größe in seine Ge- 
stalt. Dann gibt es eine gute Peripetie. Der Baron hat 
das „Oberhaupt" mißverstanden. Er glaubte, daß er nicht 
nur Präsident der Gesellschaft, sondern auch Chef des 
Staates werden solle. Das geht nun nicht. Er kann, wie 
hoch auch seine Verdienste um die Sache seien, nicht 
Staatschef werden. Da gerät der Held auf einen sinn- 
reichen Ausweg. Ej- sagt dem Baron, als sie vor der 
völkerrechtlichen Anerkennung stehen : „So, jetzt ziehen 
wir uns beide zurück. Wenn wir in die Geschichte kom- 
men wollen, müssen wir das alles selbstlos getan haben. 
Fortab schauen wir nur zu. Ich werde es so einrichten, 
daß man Ihnen das Fürstentum anbietet — aber Sie ha- 
ben es sofort auszuschlagen." Der Baron sieht die Not- 
wendigkeit nicht ein — da gibt ihm der Held hart und 
deutlich zu verstehen, daß es so sein müsse. Und wenn 
er nicht im vorhinein schriftlich gelobe, abzulehnen, 
werde ihm die Würde gar nicht angeboten werden; ja, 
der Held will ihn vollkommen demolieren, wenn er sich 
nicht fügt. 

Erst braust der Baron wild auf — dann sieht er ein, daß 
der recht hat, fällt ihm um den Hals und küßt ihn weinend. 
. Dann geben sie beide bei der Krönung das symbolische 
Schauspiel der Selbstlosigkeit — und der eine, der nicht 
wirklich selbstlos war, fibertrumpft noch den anderen in 
Bescheidenheit. 



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5. Juli 
Merkwürdig: Wihrend ich das Vorige schrieb, reiste 
Hirschs Brief, den ich nicht mehr erwartete. Der Brief 
traf gestern abend ein : 

8a Piccadilly W. 
3 juiltet 1895. 
Monsieur le Dr. Herzl, Paris. 
J'ai re^ votre lettre, i laquelle j'ai un peu tardi k re- 
poodre; cette r^ponse n'avait du reste rien d'urgent. 
Quand je serai de retour k Paris — ce qui, entre paren- 
thises, ne sera pas le cas avant plusieurs mois — je serai 
enchant6 de vous voir, sans pour ceia rieo changer aux 
id^ que j'ai exprim^. 

Recevez, Monsieur, l'expreaaioa de mes sentiments di- 
stingu^. ~ 

"" ^ M. de Hirsch. 

5. Juli. 
Meine Antwort an Hirsch. 

Paris, 5. Juli 95. 
Hochgeehrter Herrl 
Es hat mich schwer gefirgert, daß Sie den Brief nicht 
gleich beantw(H^eten, den ich Ihnen nach unserer Unter- 
redung schrieb. Darum teilte ich Ihnen vierzehn Tage 
später mit, daß ich die Sache aufgegeben habe. Nach 
Ihrem gestern eingetroffenen Briefe will ich Ihnen aber 
sagen, wie das zu verstehen ist. Für die Juden will ich 
noch etwas zu tun versuchen — mit den Juden nicht. 
Wenn ich glauben durfte, daß einer meinen entschlosse- 
nen Gedanken verstehen würde, waren Sie es. Von den 
anderen Juden kann ich noch weniger erwarten. In der 
politischen Energielosigkeit zeigt sich der Verfall unserer 
ehemals starken Rasse am deutlichsten. Man würde über 



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mich spötteln oder mich verdächtigen, daß ich mit der 
Sache ich weiß nicht welches Geschäft machen wolle. 
Ich müßte durch einen Sumpf von Ekel hindurchgehen 
— und dieses Opfer den Juden zu hringen, bin ich nicht 
bereit. Juden sind nicht fähig, zu verstehen, daß einer 
etwas nicht für Geld tut und auch dem Gelde nicht unter- 
tänig ist, ohne ein Revolutionär zu sein. 

Folglich ist das letzte, allerdings vielleicht auch das 
wirksamste, was ich vornehme : daß ich die Sache vor den 
hohen Herrn bringe, von dem ich Ihnen sprach. Er gilt 
für einen Antisemiten, das geniert mich nicht. Ich habe 
einen Weg zu ihm gefunden. Jemand wird ihm meine 
Denkschrift überreichen. Läßt er mich daraufhin rufen, 
so kann die Unterredung interessant werden. Wenn er 
nicht ausdrücklich die Geheimhaltung fordert, und wenn 
überhaupt etwas von dieser Unterredung weitergesagt wer- 
den kann, werde ich es Ihnen erzählen, sobald uns der Zu- 
fall wieder einmal zusammenführt. In Paris wird das 
kaum sein, denn ich habe Paris satt und habe es bei meiner 
Redaktion durchgesetzt, daß man mich nach Wien zieht. 
Außer dem Vergnügen des Gedankenaustausches hätte ja 
unsere Konversation ohnehin keinen Wert. Sie bleiben 
bei Ihrer Ansicht, und ich ebenso hartnäckig bei der mei- 
nigen. Sie glauben, daß Sie arme Juden, so wie Sie es 
tun, exportieren können. Ich sage, daß Sie nur dem An- 
tisemitismus neue Absatzgebiete schaffen. Nous ne nout 
comprendrons jamais. Im übrigen bereue ich nicht, mit 
Ihnen in Verkehr getreten zu sein. Es war mir sehr in- 
teressant, Sie kennengelernt zu haben. 

Nur eins — und da will ich etwas erklären, was Ihnen 
vielleicht aufgefallen ist. Ich betonte in jedem Briefe, 
daß diese Sache für mich kein Geschäft ist. C'est qu'U 
est horriblement compromettant d'icrire aax geni richea. 



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Ich weiß wohl, daß ein Gentleman die Briefe, die man 
ihm im Vertrauen schreibt, sorgfältig behütet oder ver- 
nichtet. Aber der böse Zufall kann es fügen, daß so ein 
Stück Papier in andere Hände gerät ; und wenn mich etwas 
ängstigt, so ist es der Gedanke, daß ich bei meiner Be- 
mühung einen Fetzen von meiner Reputierlichkeit lassen 
kömite. 
Behalten Sie mich also in reinlichem Andenken. 
Hochachtungsvoll Ihr ergebener 

Dr. Herzl. 

5. Juli. 
Gestern mit dem kleinen Wolff . diniert. Er ist zur 

Waffenfibung einberufen. Ich ließ mir wieder einmal von 
Gardedragonern erzählen. Er findet den Antisemitismus 
nicht so arg. Der vornehme Preuße sei überhaupt kein 
Antisemit, der fühle sieb bürgerlichen Christen wie Ju- 
den gleich überlegen. Wolff merkt also nicht, daß die 
Vornehmen, die er bewundert, nur die eine Verachtung 
durch die andere ersetzen. Ihm ist es schon genug, mit 
bürgerlichen Christen in einen Sack geworfen, verachtet 
zu werden. Er findet es selbstverständlich, daß er nicht 
Offizier wird, obwohl er das beste Offiziersexamen 
machte. 

Übrigens, wenn ich etwas sein möchte, war 's ein preu- 
ßischer Altadeliger. 

6. JuU. 
Gestern mit Nordau beim Bier. Natürlich auch über 

Judenfrage gesprochen. Nie habe ich mit Nordau so har- 
moniert wie da. Wir sprachen uns einer dem anderen das 
Wort aus dem Mund. Nie merkte ich so stark, daß wir 
zusammengehören. Mit dem Glauben hat das nichts zu 
tun. Er sagt s<^ar: es gibt gar kein jüdisches Dogma. 

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Aber wir «od von einer Rasse. F . . . war auch dabei, und 
ich bemerkte eine gine an ihm. Ich glaube, er schämte 
sich, daß er sich habe taufen lassen, als er sah und hörte, 
wie stark wir uns zum Judentum bekannten. Auch darin 
waren Nordau und ich einig, daß uns nur der Antisemitis- 
mus zu Juden gemacht habe. 

Nordau sagte: „Was ist die Tragik des Judentums? 
Daß dieses konservativste Volk, das an einer Scholle 
kleben möchte, seit zweitausend Jahren keine Heimat 
hat." 

In allem stimmten wir übereia, so daß ich schon 
glaubte, er habe mit denselben Gedanken auch denselben 
Plan. Aber er konkludiert anders: „Die Juden werden 
durch den Antisemitismus gezwungen sein, überall die 
Vaterlandsidee zu zerstören", meint er, oder sich selbst 
ein Vaterland zu machen, dachte ich mir im stillen. 

F... sagte: „Es ist nicht gut, daß die Juden diesesstarke 
NationalgefOhl in sich entwickeln. Das wird die Ver- 
folgungen nur verstärken." 

7. Jali. 

Warum hat Hirsch mir plötzlich wieder geschrieben? 
Ich habe dafür zwei Erklärungen. 

Entweder hat ihm Fürth in einem Briefe beiläufig er- 
«r&hnt, daß ich eine Denkschrift für den Kaiser verfasse. 

Oder — und das ist mir wahrscheinlicher — mein 
letzter Brief, worin ich schrieb: „Rothschild mitreißen 
oder niederreißen — und dann hinüberl" hat ihn stark 
frappiert. 

Er gab seinem Sekretär Auftrag, mir genau nach vier- 
lehn Tagen zu schreiben — damit die Sache nicht pres- 
sant aussehe. Tatsächlich beschäftige ich Um sehr. 

Und wenn er ein bißchen Witterung hat, muß er ja er- 
raten, was ich ihm bringe. 

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Wir zwei sind ja Naturen, die am Beginn neuer Zeiten 
auftauchen — er der Geldkondottiere, ich der Gteistes- 
kondottiere. 

Wenn der Mann mit mir geht, können wir wirklich 
einen Umschwung der Zeiten herbeiführen. 

8. Juli. 

Gestern mit S . . . in Vitle d'Avray d^jeuniert. Wir waren 
in Gambettas Haus. Am merkwürdigsten die Totenmaske. 
Ich mag Gambetta eigentlich nicht, und er kommt mir 
wie ein Verwandter vor. 

Wir gingen dann nach dem Weiher, „Au bord de 
l'Etang". Neun Tische waren besetzt, an dreien erkannte 
ich Wiener Juden. Das beweist. 

S . . . erzählte, sein Schwager sei beim Verlassen der Bahn 
in Kitzbühel von einem Antisemiten beschimpft worden, 
und seine Schwiegermutter schrieb, er sei dadurch ver- 
stimmt und gekränkt. 

Und das wiederholt sich auf tausend Punkten jeden 
Tag — und man zieht daraus keinen Schluß. 

Ich wollte mich mit S . . . auf die Sache nicht mehr ein- 
lassen, da er mich ja nicht versteht. 

8. Jali. 
Weder von Hirsch noch von Rothschild Antwort. 

Hirsch temporisiert vielleicht wieder. Aber von dem an- 
deren ist's trockene, schnöde Arroganz. Muß in gleicher 
Weise bei der ersten Gelegenheit heimgezahlt werden. 

9. Juli. 
„Si j '6tois prince ou l^slateur, je ne perdrois pas mon 

temps k dire oe qu'il faut faire; je le ferois, ou je me 
tairois." 

Rousseau, Contrat social, livre I. 

15 HorilB TBCSbOoher I. 33$ 



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9. Juli. 

Von Ludwig Storch gibt es eiaeo Roman „Der Jakobs- 
storo", der Sabbatai Z'wi behandelt. 

iO. Juli. 

Für die Führung politischer GeschSfte eignen sich 
Kaufleute am besten. Aber selten wird einer reich — 
und Reichtum ist die Freiheit der Kauf leute — ohne sich 
beschmutzt zu haben. 

Um sie dennoch zur Politik heranziehen zu können, 
wSre irgendwie eine freiwillig verlangte Untersuchung 
ihres Vermögenserwerbs einzurichten. Nicht vor eifer- 
süchtigen Pairs, sondern vor einem politischen Ehren- 
gericht, dem unabhängige MSnner aller bürgerlichen Ka- 
tegorien angehören. Oft tritt für einen Öffentlichen Mann 
die Notwendigkeit ein, hinterher sozusagen Einsiebt in 
seine Bücher zu gewähren. 

Wenn er dies vor Beginn seines politischen Wirkens 
tut, so haben wir zu seiner gescbfiftiichen Klugheit auch 
noch die Sicherheit oder Wahrscheinlichkeit seines an- 
ständigen Charakters. Zugleich ist festgestellt, was er vor 
der öffentlichen Wirksamkeit im Vermögen hatte. Wird 
er nachher von Demagogen oder Intriganten verdächtigt, 
so kann er stolz seinen Vermögensstand aufweisen. 

Ich denke mir das freilich nicht von vornherein als 
Gesetz, sondern als allmähliche Sitteneinrichtung. Der 
Gedanke wird zunächst von einigen achtbaren Kaufleuten 
ausgeführt, erstarkt nach und nach zum Gebrauch und 
wird schließlich in ein Gesetz gelegt, wenn Zeit genug 
verstrichen, daß sich die jungen Kaufleute das als Ziel 
setzen konnten. 

Nach etwa zwanzig Jahren kann das Gesetz werden. 
10. Juli. 

leb halte das Geld für ein ausgezeichnetes politisches 

936 



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Zensusmittel, wenn die Moralität des Erwerbes festgestellt 
werden kann. Allerdings auch nur dann. Denn sonst ist 
der Geldzensus etwas Widersinniges und Widerwärtiges. 

Wer anständig viel Geld erworben hat, muß ein sehr 
tüchtiger Mann sein, ein sinnreicher Spekulant, prakti- 
scher Erfinder, fleißiger sparsamer Mensch — lauter 
Eigenschaften, die zur Staatsleitung vorzüglich dienen. 

Gewohnheitsmäßiges Börsenspiel wäre ein Unwürdig- 
keitsgrund. Dagegen sind vereinzelte Börsengeschäfte 
nicht entehrend. Die Grenze freilich schwer zu ziehen — 
darum individualisierendes Ehrengericht. Der Unter- 
suchte muß jedenfalls einen Manifestatiooseid (mit Mein- 
eidsfolgen) schwören. Es wird ja niemand gezwungen, 
ein Politiker zu werden. So halten wir uns die unsauberen 
poliücians vom Halse, und die Politik wird das Ziel der 
reinsten und tüchtigsten Männer. 

10. Juli. 

Typen für meinen Roman, der ja wirkliche Menschen 
enthalten soll: 

Der Neidhammel (klesmerisch, Kunstheuchler). 

Der Gamel Moische (tief sympathisch). 

Das vergessene Mädchen. (Nur eine bringen, aber von 
dieser aus alle verstehen lehren, und Mitgiftsteuer viel- 
leicht bei der Heimkehr von ihrem Leichenbegängnis er- 
sinnen lassen. Denn die Feine hat ihren „natürlichen Be- 
ruf" verfehlt und ist daran gestorben. Aber was wäre sie 
für eine edle Mutter geworden. Ich nenne sie Pauline I) 

Und ihrem Andenken wird der Roman gewidmet. 
i2. Juli. 

Heinrichs junger schwärmerischer Bruder, der Musi- 
ker, wird im Roman zum Fürsten „erzenen". Held nimmt 
sich 's von langer Hand vor, Heinrichs Eltern dadurch zu 
entschädigen. Er schmunzelt in sich hinein, indem er 

•5* 227 



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diese schöae nutzlose Pflanze, den Schwärmer und erd- 
entrückten Sinnierer, pflegt. 

i2. Jali. 

Gestalt für den Roman. 

Ein sinnreicher Betrüger . . ., der zum redlichen Pfad- 
finder wird, nachdem er aus europäischem Gefängnis 
zurückkehrt. 

Er war nach dem Sieben Stunden-Land geflohen, man 
verlangte seine Auslieferung. Er wurde ausgeliefert. Vor 
seiner Abreise per Schub besucht ihn Held im Hafea- 
gefängnis, klärt ihn auf. „Sie müssen Ihre Strafe un- 
seretwegen absitzen. Aber denken Sie im Kerker darüber 
nach, wie Sie hier später redlich erfinden." 

Und der harte Betrüger wird erschüttert. Vor der Ab- 
fahrt kommt Held an den in Handfesseln steckenden 
Mann heran, gibt ihm vor allen die Hand. Bewegung. 
Und der Betrüger bückt sich schnell und küßt ihm die 
Band. 

Im Kerker drüben führt er sich vorzüglich auf, so daß 
er einen Teil nachgesehen erhält. Dann kommt er wieder 
und wird ein tüchtiger, ehrlicher, sinnreicher Kaufmann. 

_, , „ 12. Juli. 

Für den Roman. 

Beschäftigung am Feierabend der Arbeiter. Sie üben 
Musik (Arbeiterkapellea). 

Hauptsache aber: jüd^he National-Passionaspiele aus 
Altertum (Makkabäer) und Mittelalter. — Furcht, Mit- 
leid, Stolz und Volkserziehung in Form einer Zerstreu- 
ung. 

Die Popularisierung des Liebhabertheaters der Vor- 
nehmen. 

Gibt hübsche Romankapitel, burleske Szenen der un- 
schuldigen kleinen cabotinage in jedem Ort. 

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Circejises für sich selbst. 

Lehrer-Regisseure sahen Muster in der Hauptstadt. 

13. Juli. 
Formen der Konsequenz : 
(Beim Stelldichein) 

— Ich habe meinen Entschluß geändert und bin da. 

— Aber Sie wollten ja kommen. 

— Ja, das hatte ich mir zuerst überlegt. 

* * * 

Brief an Güdemann : ' c i >' 

i5. Juli. 

Hochgeehrter Herr Doktor I 

Mein letzter Brief scheint Sie gegen mich ein wenig ver- 
stimmt zu haben, da Sie ihn nicht beantworteten. 

Aber wir werden ja hoffentlich Gelegenheit haben, un- 
sere Gedanken über die uns so nahe gehende Sache münd- 
lich auszutauschen; und da werde ich Ihnen schon alles 
zureichend erklären. 

Heute schreibe ich Ihnen nur aus Anlaß der letzten 
judenfeindlichen Exzesse in Wien. Ich verfolge die Be- 
wegung in Osterreich wie anderwärts mit gro&er Auf- 
merksamkeit. Das sind erst Kleinigkeiten. Es wird ärger 
und wilder kommen. 

Leider kann im Augenblick nichts Entscheidendes ge- 
tan werden, obwohl der sorgfältig kombinierte, milde 
und kluge, nichts weniger als gewaltsame Plan schon aus- 
gearbeitet vorliegt. Ihn jetzt ausführen wollen, mit den 
Juden nSmlich, hieße den Plan gefährden. Dieser Plan 
aber ist eine Reserve für bösere Tage — glauben Sie mir 
das, wenn ich mich auch so unbestimmt ausdrücke. Sie 
werden schon sehen und hören, wenn wir am Ende des 
Sommers in Wien zusammenkommen. 

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Vorläufig möchte ich nur nicht die Verstimmung bei 
einem mir werten Mann sich festsetzen lassen, uod Ihnen 
inmitten der österreichischen Judentrübsal die Hoffnung 
auf eine Erleichterung geben, die wir jüngeren und ent- 
schlossenen Minner unseren unglücklichen Brüdern vor- 
bereiten. Die schlechten, feigen oder im Reichtum dün- 
kelhaft gewordenen Kerle wären zwar geeignet, einem das 
schöne Werk zu verekeln; wir müssen jedoch an die ar> 
roen und guten Juden denken. Die sind die Mehrzahl. 
Wir sind kein auserwählles, aber auch kein oiedertrSch- 
tiges Volk. Darum halte ich fest. 

Ihr aufrichtig ergebener 

HerxI. 

15. Juli. 

S. . . war da. Ich habe ihn gefragt, was er lu den Juden- 
exzessen vor dem Lannersaal in Wien sagt. 

„Die Juden müssen Sozialisten werden I" meint er hals- 
starrig. 

Vergeblich erkläre ich ihm, daß das in Osterreich noch 
weniger nützt als in Deutschland. Er glaubt, das juden- 
liberale Ungarn werde die Judenreaktion in Osterreich 
verhindern. Wie falsch das ist! In Ungarn begehen die 
Juden den größten Fehler, den Grundbesitz zu akkapa- 
rieren. Die von der Scholle gedrängte Gentry wird sich 
über Nacht zu Führern des Volkes machen und über die 
Juden herfallen. Die liberale Regierung ist rein künstlich 
mit Judenwahlgeld erhalten. Die konservative National- 
partei, mit Wien und der Armee im Rücken gedeckt, kann 
von einem Tag auf den anderen altes umstülpen. 

i6. Jali. 

Gestern mit der Nordau-Gesellschaft diniert. 

Für mich ist's ein Glück, daß ich hier keinen Verkehr 

aSo 



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hatte. Ich hätte mich im Geistsprüben bei Diners aus- 
gegeben. 

Einen Augenblick kam das GesprSch auf Baron Hirsch. 
Nordau sagte: „Mit seinem Geld würde ich mich suro 
Kaiser von Südamerika machen." 

Wie merkwürdig I Und S... sagte damals, ich solle 
Nordau meinen „verrückten" Plan vorlegen. 

i6. Jali. 

Roman. 

Held hat den blonden Typus, blaue Augen, harten Blick. 

Seine Liebe ist eine spanische Jüdin, schlank, schwarz- 
haarig, feine Rasse. Sie sieht ihn zum erstenmal als den 
Befehlshaber des Landnahmeschiffes. Er trfiumt von ihr 
unter seinem Zelt. 

21. Juli. 

Heute von Güdemann einen guten Brief bekommen. 
Ich schreibe ihm sofort folgendes : 

Hochverehrter Freund 1 

Erlauben Sie mir, Sie nach Ihrem Briefe so zu nennen. 
Ihr Brief ist mir eine Freude I 

Ich sehe jetzt, daß mich mein Auge nicht täuschte, als 
ich in Ihnen einen der richtigen Männer sah, die ich 
brauche. Jetzt will ich Ihnen auch eine nähere Andeu- 
ttmg machen über die Rückberufung meines Briefes. Das 
geschah in einem furchtbaren Anfall von Demoralisie- 
rung, hervorgerufen durch einen hiesigen Freund, den 
ersten und einzigen, dem ich bisher meinen Plan mitge- 
teilt habe. Als ich ihm den Brief zeigte, den ich Ihnen 
am Tage vorher geschickt hatte, sagte er mir: „Güdemann 
wird Sie für verrückt halten, wird sofort Ihren Vater auf- 
suchen, und Ihre Eltern werden unglücklich sein. Sie 
machen sich durch die Sache lächerlich oder tragisch..." 

a3i 



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Erst, wenn Sie alles, was ich vorhabe, wissen werden — 
und Sie werden es erfahren, denn ich fahle jetzt Ihr jü- 
disches und mSimliches Herz neben dem meinigen schla- 
gen — werden Sie begreifen, welche harte Krise ich nach 
den gewaltigen Zuckungen, in denen dieser Plan geboren 
wurde, durchmachte, als mein treuer und ergebener 
Freund mir das sagte. Ich bin fähig und bereit, mein 
Leben an die Judensache zu setzen, aber ich muß das 
Opfer auf meine Person beschränken. Das wäre nicht 
der Fall, wenn man mich für „meschugge" hielte. Es 
würde meinen guten Eltern den Lebensabend zerstören 
und die Zukunft meiner Kinder verderben. 

Natürlich hielt ich mich nicht für verrückt, weil mein 
braver, aber in engen Verhältnissen lebender und geistig 
nicht hervorragender Freund mich nicht verstand. Ich 
mußte mir aber sagen: Der vertritt den Durchschnitt der 
gebildeten Juden. Er kennt mich, hat Vertrauen zu mir, 
achtet und lieht mich — wenn der so denkt, was müssen 
die anderen sagen I Er zeigt mir, wie dick die Mauer ist, 
gegen die ich mit meinem Kopf rennen will ... So wie 
ich wollte, geht es also nicht. Und da rief ich den Brief 
zurück. 

Aber die Sache gab ich nicht auf. Ich sann auf andere 
Formen der Ausführung. 

Es sind zwei. Die erste ist eine Denkschrift an den 
Deutschen Kaiser. Ich habe durch einen Bekannten die 
Möglichkeit, ihm die Denkschrift zustellen zu lassen. 

Aber dieser Bekannte würde das erst gegen Mitte August 
können. Ende dieses Monats reise ich nach Aussee, wo 
ich meinen Urlaub verbringe. Dort wird sich mir viel- 
leicht ein besserer Weg zum Deutschen Kaiser eröffnen. 
Ich bin mit dem Präsidenten des österreichischen Abge< 
ordnetenhauses, Baron Chlumecky, früher in Briefwech- 

33a 



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sei gestanden, über eine sozialpolitische Frage. Chlu- 
mecky ist in Aussee. Wenn ich ihm meinen Plan erkU- 
ren kann, stellt er mich vielleicht dem Reichskanzler Ho- 
henlohe vor, der mich daon zum Kaiser bringen kann. 

Gelange ich nicht zum Kaiser, so bleibt mir die letzte 
Form der AuBführung: die phantastische. 

Ich erzähle den Juden Märchen mit Lehren, die sie 
allmählich, in fünf, zehn oder zwanzig Jahren, verstehen 
werden. Ich senke die Samenkörner in die Erde. Das ist 
wunderschön, sinnig und eines Dichters würdig. Nur 
fürchte ich, bis die Kömer aufgehen, sind alle verhun- 
gert. 

Jawohl, ich täte es mit Schmerz, denn mein Plan ist 
keine Phantasie. 

Jetzt bekomme ich Ihren Brief. Wenn Sie alles wissen 
werden, erst dann werden Sie sehen, wie Sie mir und wie 
ich Ihnen aus der Seele geschrieben habe. Und nein! Wir 
sind keine Vereinzelten. Alle Juden denken wie wir I Icli 
glaube an die Juden, ich der früher Laue, auch jetzt nicht 
Fromme 1 Les coups que noas recevons nous fönt ane 
eoRviction. 

Genug gesprochen. Wenn Sie mir schon früher so ge- 
schrieben hätten, hielten wir um einen Monat weiter. 

Was Sie mir von Dr. Heinrich Meyer-Cohn schreiben, 
flößt mir den dringendsten Wunsch ein, diesen Mann 
sofort kennenzulernen. Sofort I Es ist vielleicht im höch- 
sten Interesse unserer Sache, daß ich mit Ihnen und 
Meyer-Cohn zusammentreffe, bevor ich zu den reschoim 
gehe. Könnten Sie seinen jetzigen Aufenthaltsort tele- 
graphisch erfragen, und könnten wir drei Ende dieser 
Woche irgendwo zusammenkommen? Nach Ihrem Brief 
und nach der Schilderung, die Sie von M.-C. entwerfen, 
wünsche ich auf das dringendste, mit Ihnen beiden zu 



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sprecbea. Ich schlage irgendeiaen Ort in der Schweiz 
vor, etwa Zürich. In Osterreich sind Sie und ich zu be- 
kannt. Wir würden überall Bekannte treffen. Im Augen> 
blick wünsche ich das nicht. 

Zürich ist ein gut gelegener Mittelpunkt. Nach Ihrem 
Brief zweifle ich nicht mehr, daß Sie das kleine Geld- 
und Zeitopfer dieser Reise bringen werden. Dem Vor- 
stand der Gemeinde können Sie sagen, wenn Sie über- 
haupt Gründe für die kurze Absentierung anführen müs- 
sen, daß Sie mit Meyer-Cohn in Zürich zum Zweck einer 
wichtigen Eröffnung zusammentreffen müssen. 

Es hat mich schon einmal an Ihnen erschüttert, daß Sie 
nicht gleich nach Caux kommen wollten, als ich Sie in 
der Judensache ( 1) rief. Sie mußten allerdings im ersten 
Augenblick überrascht sein, als der Lustspielmacher, der 
Feuiiletonist, von ernsten Sachen reden wollte. Glauben 
Sie jetzt schon? Fühlen Sie jetzt schon aus jedem meiner 
Worte, daß ich Wichtiges, Entscheidendes zu sagen habe? 

Ich brauche die reichen Juden nicht — aber MSnner 
brauche ich! Donnerwetter, die sind schwer zu finden I 
Und das war meine Krise, in die mich mein braver Freund 
versetzt hatte. Ich verzweifelte einen Augenblick an der 
Möglichkeit, Männer unter den Juden zu finden. Die 
Krise ist verwunden, war schon vor Ihrem Brief in mir 
verwunden, denn ich beobachte die Leiden unserer Brü- 
derin allen Ländern aufmerksam und täglich. Ich glaube, 
daß solcher Druck auch aus den entartetsten Lumpen- 
kerlen Männer machen muß. Es fehlte bisher der Plan. 
Der Plan ist gefunden! 

Ich sage es in aller Demut, glauben Sie mir. Wer in 
einer solchen Sache an sich denkt, ist nicht wert, sich mit 
ihr zu beschäftigen. 

Schaffen Sie Meyer-Cohn nach Zürich, und kommen 

334 



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Sie hini Ich reise Donnerstag oder Samstag abend von 
hier ab, bin am nächsten Morgen dort. Ich ermächtige 
Sie, diesen Brief Meyer-Gohn zu schicken, wenn er zö- 
gert. Aber wenn er zögert, ist er ja nicht der, als den Sie 
ihn schildern. 

DieSacbeB...s übernehme ich, und Sie können es ihm 
sagen. Diesen Brief soll freilich außer Ihnen und Meyer- 
Cohn niemand kennenlernen. 

Das Geld fürB... zu beschaffen, wird ein leichtes sein. 
Ich bin mit Hirsch bekannt, und wenn ich ihm ein Wort 
schreibe, bin ich überzeugt, daß er das Nötige sofort her- 
gibt. Im Augenblick bin ich mit Hirsch zwar ein bißchen 
gespannt, weil ich ihm zuletzt in einem Brief einige kate- 
gorischere Worte gesagt habe, als dieser an Bettler, 
Schmarotzer und hochadelige Pumpbrüder gewöhnte 
Mann verträgt. Dennoch ist kein Zweifel daran, daß er 
das erforderliche Geld ohne Besinnen geben wird, wenn 
ich es für B . . . verlange, weil er schon heraus hat, daß ich 
nicht fShig wfire, für mich etwas zu verlangen. Aber 
selbst ohne Hirsch wird für B . . . gesorgt werden, verlassen 
Sie sich darauf. Ich kenne zwar B . . . nur von der unan> 
goaehmen Seite seiner Geschmacklosigkeiten, aber daß 
Sie ihn für nötig halten, genügt mir. 

Ich grüße Sie herzlich, erwarte Ihre telegraphische Zu- 
sage und bleibe 

Ihr aufrichtig ergebener 

Th. Herzl. 

Zi. Jali. 

Telegramm an Güdemana: 

Danke für guten Brief. Erfragen Sie sofort Meyer- 
Cohns jetzigen Aufenthalt telegrapbisch. Wir drei müs- 
sen unbedingt Ende dieser Woche zusammentreffen, viel- 

335 



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leicht in Zürich. Bitte sich auf Abreise vorzubereiten. 
Näheres brieflich. Gruß 

Theodor. 

22. Juli. 

Im österreichischeo Bierhaus kam Herrschkowits (Her- 
covici) an meinen Tisch heran. 

Ich ließ mir von ihm die Zustände rumänischer Juden 
schildern. Schauerlich. Aooooo leben im Lande, die mei- 
sten Familien seil Jahrhunderten, und haben noch kein 
Bürgerrecht. Jeder muß erst bei der Kammer um das 
BOrgerrecht ansuchen, nachdem er den Militärdienst ge- 
leistet hat, und man kann es in geheimer Abstimmung 
verweigern. 

Seit 1867 sind nur noch zwei große Judenhetzen vor- 
gekommen. Die in Galatz hat H. gesehen. Da wurden 
Hunderte Juden von den Soldaten in die Donau getrie- 
ben, unter dem Vorwand: sie sollten auf die östereichi- 
schen Schiffe. Auf den Schiffen nahm man sie nicht auf, 
und so ertranken sie. Die genaue Zahl weiß man nicht 
einmal. 

Von Zeit zu Zeit plündern die Bauern. 

Dabei geht es den Juden auch im Erwerb schlecht. 
Drei Perzent sind Handwerker, die anderen alle Händler, 
und die Gebildeten fast durchgehends Arzte. 

Die Kaufleute leiden unter schlechten Geschäften. Alte 
Häuser fallen um. Konkurslisten von ihnen voll. Dazu 
kommt, daß man ihre Konkurse für betrügerische hält — 
in allen Fällen 1 — und die Ruinierten einsperrt. Wenn 
sie herauskommen, sind die Gebrochenen Etettler. 

Es wandern auch viele aus, nach Argentinien usw.I 
Sie kcnnmen aber oft wieder zurück. 

{Parbleul Sie haben dort noch nicht meine Heimat.) 

336 



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Der Menschenschlag der Juden in RumSnien ist ein 
kräftiger, sagt H. Gut, gut. 

22. Juli. 
Pangloss: ,,le meilleur des moades possihlesi" 
„Travaillons sans raisonner, dit Martin, c'est le seul 
moyen de rendre la vie supportable". 

(Chapitre XXX, Conclusion.) 
„Fort hien, dit Candide, mais surtout cultivons notre 
jardin". 

(Ibidem, Voltaire Candide.) 

22. Juli. 
Zur Volkspsychologie. 

In der Taverne Royale sind eine Anzahl Geschäfts- 
führer, die eigentlich Überkellner sind. Sinnvolle Ein- 
richtung! Wenn so ein Überkellner, der keine Kellner- 
jacke trägt, dem Gast einen Teller reicht, fühlt sich der 
Gast geschmeichelt, ausgezeichnet. Ich habe es an mir 
bemerkt. So sollen auch die Auswanderer „aufmerksam 
bedient" werden. Juden sind kowedhungrig — als Ver- 
achtete! — daran sind sie zu leiten. 

23. Juli. 
Prophylaktisches Chinin! 

Amtliche Verteilung und Einnahme in der Queue. Vor 
den Gesundheitsinspektoren muß das Chinin täglich ge- 
nommen werden. 

Äußerste Sorgfalt für Gesundheit unterwegs und drü- 
ben. 

Durch Fiebergegenden eiligst ziehen. Dort nötige 
Bahn-, Weg~ und spätere Ausdörrungsarbeiten (Marem- 
men) durch ans Klima gewöhnte Einheimische machen 
lassen. Sonst werden Tote aufgebauscht und demorali- 
sieren die Leute, die sich ohnehin schon vor dem halken- 

287 



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loseD Wasser und dem Unbekannten fürchten. Alte Ge- 
fangene gehen nicht gern aus dem Gefängnis. Man muß 
sie locken und stoßen und jeden Widerstand vor ihnen 
wie in ihnen hinwegräumen. 

25. JulL 
Dummköpfen darf man nichts erklären 1 
Mein Großvater Haschel Diamant war ein weiser Mann. 
Er sagte: Einer mießen Maad soll man keinen Kusch 
gehen! 

Die Warnung scheint überflüssig, denn das verspricht 
ja kein Vergnügen. Aber der Sinn ist: nicht aus Mitleid, 
oder weil man auf Treue hofft, eine Häßliche küssen — 
denn sie überhebt sich, und man wird sie nicht mehr los. 

23. Juli. 

Ich dachte daran, den Hausierhandel durch gesetiliche 
Beschrfinkungen und polizeiliche Schikanen zu verhin- 
dern (aktive Wahlrechtslosigkeit usw.). Was ja nur in 
den europäischen Staaten eine Grausamkeit, ein Ins- 
wasserdrängen gleich Galatzer Exzeß ist. Wir aber 
drängen die Hausierer damit nicht ins Wasser, sondern 
aufs feste Land 1 

Wie ist das zu erreichen? Durch Begünstigung der 
großen Kaufhäuser (ä la Louvre, Bon-March£). 

Prinsip; Schädliches immer durch Begünstigung der 
Konkurrenz vernichten! 

Die Begünstigung der Louvres wird natürlich keine be- 
dingungslose sein. Der Unternehmer muß von vornherein 
die Gewinnbeteiligung und Altersversorgung, gleichwie 
die Erziehung der Kinder seiner Angestellten (soweit wir 
hiefür nicht staatliche Vorkehrungen haben) garantieren. 

Massenindustrie wie Massenhandel mtiß patriarchalisch 
sein. 

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Der Unteraebmer ist der Patriarch. 

Zu erwägen, ob solche Bestimmung als direkte gesetz- 
lich zu machen. 

Oder ob auch darin eine indirekte Politik zu verfolgen, 
durch Ehrung des Patriarcheu in verschiedenen Formen. 

Gesetze sind leichter zu umgehen als Gebräuche. 

Vielleicht eine Verbindung beider : eine gesetzliche Mi- 
nimalgrenze der Fürsorge (wegen der Wucherer und Ehr- 
sinnlosen) und eine indirekte Politik, paar eneowager lea 
efforls. 

23. Jali. 

Den Streitsüchtigen, Hassern und Nörglern: 

Wir haben in den nächsten zwanzig Jahren keine Zeit, 
uns untereinander herumzuschlagen. Das wird später 
kommen. Vorläufig soll, wer streiten will und Mut bat, 
sich gegen unsere Feinde schlagen. 

Die Haderer sind als Reichsfeinde zu erklären. Wir 
liefern sie dem Haß unseres Volkes aus. 

25. Juli. 

Die Hauptstadt, unser Schatzkästlein, wird liegen in 
berggeschülzter Lage (Festungen auf den Gipfeln), an 
einem schönen Fluß, nächst Wäldern. 

Darauf zu achten, daß der Ort windgeschützt, aber kein 
Sonnenbecken ist, von Bergen bewacht, aber nicht zu klein. 

Die hypertrophische Entwicklung der Stadt durch 
Waldkranz zu verhindern, der nicht abgeforstet werden 
darf. Zudem Dezentralisierung von Lehranstalten usw. 

23. Juli. 

Bei Verpflanzung alle Ortsgewohnheiten liebevoll be- 
rücksichtigen. 

Salzatangel, Kaffee, Bier, gewohntes Fleisch usw. sind 
nicht gleichgültig. 

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Moses vergaß die Fleischtdpfe Ägyptens mitzunehmen. 
Wir werden daran denken. 

25. Juli. 
Die Verpflanzung der großen Kaufhäuser liefert so- 
fort alle nötigen und unnötigen Waren, wodurch die 
Städte in kürzester Zeit bewohnbar werden. 



25. Juli. 

Volle Autonomie der Gemeinden in allen Kirchturms- 
sachen. Da sollen die Schwitzer Parlament spielen, soviel 
sie wollen. 

Aber nur eine einzige Kammer, welche die Regierung 
auch nicht stürzen, ihr bloß die einzelnen Mittel verwei- 
gern kann. Das genügt für öffentliche Kontrolle. 

Diese Kammer wird zu einem Drittel vom Fürsten aui 
Vorschlag der Regierung ernannt (auf Lebenszeit, denn 
erblich ist nur Adel und Eigentum). 

Ein Drittel wird von den gelehrten Akademien, den 
Universitäten, Kunst- und technischen Hochschuten, Han- 
dels- und Gewerbekammern gewählt. 

Ein Drittel wählen die Gemeinderäte (Mandatsprüfung 
durch Wahlgerichtshof), oder vielleicht die Provinzen 
nach Listenskrutinium. 

Der Fürst ernennt die Regierung. Zu erwägen aber, 
wie der Willkür des Fürsten Schranken gesetzt werden 
können. Denn da Kanuner die Regierung nicht stürzen 
soll, könnte sich ein Fürst mit Strohmännern umgeben. 
Vielleicht genügt diese Drittelung der Kammer, um die 
Mißbräuche des Palais Rourbon tuntanzuhalten, und man 
könnte der Kammer das Sturzrecht geben. 

Gründlich zu erwägen und mit Staatsjuristen zu be- 
raten. 



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23. Juli. 
Ob sich die Judeo der vorbestimmten Verfassung un- 
terwerfen werden? 

Garn einfach : wer eingebürgert werden will, muß diese 
Verfassung beschwören und sich den Gesetzen unterwer- 
fen. Genötigt zum EinbOrgem wird nicht. 

24. Juli 
Von Güdemann ein komischer Brief gekommen: er 

könne nicht reisen, wegen einer „Magenverstimmung". 

Sollte ich seinen guten Brief wieder falsch verstanden 
haben? Seine Verstimmung, die mich befriedigte, kam. 
von einer zu schweren Pfefferkugel? 

Cbrigeas ist für morgen ein Brief von ihm telegra- 
phisch angesagt. Den will ich abwarten. 

24. Juli. 

Beer war da. 

Mit ihm lange über ,,Beerit" gesprochen. Es ermög- 
licht schnelle Bauten, ersetzt den Mörtel zwischen Zie- 
geln, kann selbst zur Verbindung von Glasziegeln, wie 
man sie jetzt in Amerika gebraucht, verwendet werden. 
Solche Hiuser — Eisenkonstruktion, Glasziegel — müß- 
ten in zwei Monaten fertig und bewohnbar sein. Das 
Beerit trocknet in zwei Tagen. Dabei sehen die Häuser 
stattlich aus mit den Beeritplatlen der Fassade. Aus Beerit 
sollen auch die Statuen der öffentlichen GSrten gemacht 
werden, und zwar bald. 

Das Echte, Monumentale kommt spSter. 

Beer hat auch Ideen für StraBenpflastening. 

24. Juli. 
Ich möchte in den StSdten Holzstöckelpflaster. Die 
Straßen werden wir ja anders anlegen, als die alten Städte 
tun. Wir bauen sie von vornherein hohl, legen in die 

i6 Benl« TagebtMm I. 3^% 



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Höhlung die nötigen Röhren, Drihte usw. So ersparen 
wir sie nachher aufzureißen. 

2^. Juli. 

Beer geht mit auf dem Landnahmeschiff. 

Auf dem Schiff sum Diner Smoking, wie drüben mög- 
lichst bald Elegani. 

Sinn davon : die Juden sollen nicht den Eindruck haben, 
daß sie in die WOste ziehen. 

Nein, diese Wanderung vollzieht sich mitten in der 
Kultur. Wir bleiben in der Kultur, indem wir wandern. 

Wir wollen ja keinen Buren-Staat, sondern ein Ve- 
nedig. 

24. Juli. 

Bei der Verfassung, die nur die geringe Elastizitit eines 
armdicken Gummistranges haben soll, muß darauf ge- 
achtet werden, daß die Aristokratie nicht in Tyrannei und 
Übermut ausarten könne. Der erbliehe Adel ist nicht 
unsere Aristokratie. Bei uns kann jeder große Mensch 
Aristokrat werden. (Geld guter 2^nsus, wenn ehrliche 
Erwerbung feststeht.) 

Zu verhindern auch spfitere Eroberungspolitik. Neu- 
Judia soll nur durch den Geist herrschen. 

25. Juli abends. 
Von Güdemann wieder einen flauen Brief erhalten. Ich 
antworte ihm: 

Hochverehrter Freund 1 

Bei dieser Anrede bleiben wir, mit Verlaub. Außer 
dem Vergnügen und der Ehre gewährt sie den Vorteil, 
daß ich Ihnen in aller Ehrfurcht deutlicher meine Mei- 
nung sagen kann. Ich will mich bei den Widersprüchen 
«wischen Ihrem Brief vom 17. und vom aS. d. M. nicht 

343 



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aufhalten. Einmal „unbesonnen wie der Teil", das an- 
dere Mal von übertriebener Ängstlichkeit. Das geht 
nicht. 

Sie wollen doch nicht mit mir „flirten", wie eine Frau, 
die reizt und sich dann zurückzieht. 

Ich verstehe in der Judensache keinen Spaß. 

Sie können freilich nicht wissen, was ich will. 

Ja, warum sage ich es Ihnen nicht? Wenn mein Ge- 
danke vernünftig, das heißt einfach und faßbar ist, so 
muß ich ihn doch in ein paar Sätzen sagen können. Das 
kann ich auch, lieber Herr Doktor; ich will nur nicht. 
Denn nicht nur auf den Gedanken allein, das heißt auf 
das letzte logische Resultat kommt es an, das ein Aller- 
weltsgedanke ist und sein mu&, wenn es nicht der iso* 
lierte Gedanke eines Irrsinnigen oder der um Jahrhun- 
derte verfrühte eines Genies sein soll. Ich bin wahr- 
scheinlich kein Irrsinniger und leider sicher kein Genie. 
Ich bin ein ruhig und fest mitten im Leben stehender 
Mensch meiner Zeit; darum habe ich Sie — wenn Sie 
sich noch erinnern — gebeten, mir nach Gaux einen Ge- 
schiftsmann mitzubringen. Auf den Endgedanken allein 
k(Mnmt es also nicht an, sondern auf die ganze lange 
Kette der Begründung. Nun habe ich aber zum Nieder- 
schreiben dieser vdlkerpsychologischen, nationalökono- 
mischen, juristischen und historischen Begründung viele 
Wochen schwerster Arbeit gebraucht. Das kann ich, ohne 
es zu verstümmeln, nicht in einen Brief zwängen. Ich 
will mich ja verständlich und nicht unverständlich machen. 

Mein hiesiger Freund hat mich nicht verstanden. Lag 
es an mir? Wer weiß? Als ich ihn nach seiner Kritik 
fragte : „Wie stellen also Sie sich die Abhilfe vor?" — sagte 
er : , J)ie Juden müssen zum Sozialismus übergehen I" Das 
wäre nach meiner Ansicht ein ebensolcher Unsinn wie der 

»*• 343 



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Sozialismus seibat. Er meinte auch, man müßte die An- 
tisemiten totschlagen, was ich ebenso ungerecht wie un- 
durchführbar fände. 

Glauben Sie noch immer blindlings, daß mein Freund 
mir gegenüber recht habe? 

Mein Freund bleibt er doch, wie auch Sie hoffentlich 
mein Freund bleiben werden, selbst wenn Sie mich nicht 
verstehen ; wie alle guten Juden meine Freunde sind. 

Nur von den Waschlappen, Scheiß- und Lumpenkerlen 
mit oder ohne Geld will ich nichts wissen. 

Seien Sie versichert, daß ich Ihre wahrhaft freund- 
schaftliche Sorge um die Frage meiner Existenz dankbar 
schätze. Ich kann Sie beruhigen. Meine Existenz und 
die Ernährung meiner Familie läuft keine Gefahr. Ich 
glaube, Sie beurteilen mein Verhältnis zur N. Fr. Pr. nicht 
richtig. Wann ich will, kann ich weggehen, ohne mir 
zu schaden. Ja, wenn ich dann eine annähernd so gute 
Stellung bei einem anderen Blatte suchte, wäre ich übel 
dran. Aber wenn ich wegginge, würde ich Chef eines 
Blattes, nämlich meines eigenen werden. So liegt die 
Sache. 

Übrigens denke ich jetzt nicht daran. Ich bin den Her- 
ausgebern in ebensolcher Freundschaft zugetan wie üe 
— glaidw ich — mir. Speziell für Bacher empfinde idi 
eine tiefe Zuneigung, obwohl ich mit ihm wenig ver- 
kehrte. Er ist ein Mannt 

Durch meinen Plan setze ich mich so wenig in einen 
Gegensatz zur N. Fr.Pr., daß die Mfirchenform, von der 
ich Ihnen im letzten Brief sprach, in der N. Fr. Pr. er- 
scheinen soll, wenn die Sache nicht praktisch wird. 

Sind Sie beruhigt? 

Aber noch ist es kein Märchen, und Sie so wenig wie 
M.-C können es dazu machen. Wohl aber will ich mich 

344 



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gern mit Ihnen beraten, Ihre Einwendungen hören und 
danach sehen, was ich zu tun habe. 

Sie werden meine Gedanken beurteilen und ich die 
Ihrigen — das ist der Sinn unserer Zusammenkunft. Die 
kann stattfinden, wo Sie wollen, nur nicht in Wien oder 
Umgehung. Das wünsche ich ausdrücklich nicht. 

Meinetwegen in Linz. Aber dort sind noch nie drei 
Fremde zugleich eingetroffen. Wir würden in diesem 
Antisemitenhauptort zu viel Aufmerksamkeit erregen. 
Wollen Sie nicht lieher in der Fremdenstadt Salzburg das - 
Rendezvous bestimmen? Der Unterschied an Zeit und 
Geld ist doch wahrhaftig eine Bagatelle. Auch kommen 
wir Me^er-Cohn damit ein bißchen entgegen. 

Darum dachte ich auch zuerst an Zürich. 

Freilich hatte ich auch noch einen anderen Grund, 
schon übermorgen mit Ihnen beiden zusammenkommen 
gu wollen. In Berlin machen die Juden nSmIich jetzt 
etwas, das mir nicht recht ist. Ich hoffte, wenn ich Sie 
überzeugt hStte, durch Meyer-Cohn sofort etwas veran- 
lassen zu können. Es ist ja quälend, nichts gegen einen 
Fehler machen zu können, den man als solchen erkennt. 
Aber auf einen Fehler, eine Dummheit, eine Versäumnis 
mehr kommt es in der Leidensgeschichte unseres Volkes 
nicht an. 

Ad Meyer-Cohn müssen Sie die Einladung nach (Linz 
oder) Salzburg ergehen lassen. Ich kann es nicht. Ich 
kenne ihn nicht, und er hat meinen Namen vielleicht nie 
gehört. Sie sind durchaus qualifiziert, es zu tun, und 
ich rechne darauf, daß Sie es ehestens tun werden. Lassen 
Sie sich von Bloch die Adresse geben, unter welchem Vor- 
wand immer, Bloch darf ebensowenig von unserer Zu- 
sammenkunft wissen wie irgendein anderer. Um diese 
Beratung herum soll Ruhe sein. 

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Ich reise SamsUg abead von hier ab, bin Montag in 
Aussee (Steiermark), Villa Fuchs. 

Zögern Sie nicht, lieber Herr Doktor 1 Sie müssen doch 
mindestens schon neugierig sein, was ich wohl zu sagen 
habe. 

Schreiben Sie Meyer-Cohn gleich. Wenn ich sage, daß 
ich ihn nicht kenne, ist das so zu verstehen: ich weiß 
nichts von ihm, weiß nicht, wie er aussieht usw. Finden 
Sie daa nur nicht komisch, es enthält die Anleitung zum 
richtigen Briefstil. Ein Brief ist die Aufrufung eines 
Willens; und dazu muß ich vchu Träger dieses Willens 
eine ungefähre Vorstellung haben, sonst tappe ich herum 
und sclu^ibe einen konfusen, d. h. seinen Willen aufsu- 
rufen nicht geeigneten Brief. 

Als ich mir die Denkschrift an den Deutschen Kaiser 
zurechtlegte, betrachtete ich mit größter Aufmerksamkeit 
verschiedene Photographien von ihm, las kritisch seine 
Reden, durchforschte seine Handlungen. Seien Sie ganz 
ruhig: wenn ich an ihn die Denkschrift richte, werde 
ich ihn vom ersten Augenblick an so packen, daß er sie 
nicht in den Papierkorb wirft. 

Denn ich bin kein Schwätzer und verachte die Fasel- 
hänse. Die Dichtung ist für mich nur eine Form, eine 
Bilderschrift mit großen Zügen, dienend wie diese ge- 
ringe und gewöhnliche der Zeichen da unter meiner 
Feder, dienend zum Ausdruck meiner Gedanken.. Als ich 
die Große Schrift erlernte, wußte ich ebensowenig wie 
in meiner Kinderzeit beim Erlernen der kleinen Schrift, 
wozu mir das dienen ^ürde. Jetzt weiß ich es. 

Überlassen Sie es also den Unwissenden und Dumm- 
köpfen, Mißtrauen gegen einen Dichter zu haben. Im 
Dichten liegt noch keine Verrücktheit, auf den Gedanken 
kommt es an, den die Große Schrift hinmalt; wenn der 

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gesund und klar ist, dann macht sich nur der Zweifel 
IScherlich. Und st^ar tragisch kann er sich durch seinen 
Zweifel machen, weil er mit der Erleichterung seiner Brü- 
der auch seine eigene hinausschiebt oder vereitelt. 

Nichts tun, zuschauen, wenn das Haus brennt, ist doch 
wahnsinniger, als mit einer modernen Dampfspritze her- 
beieilen. Und das will ich. 

Schreiben Sie also sofort an Meyer-Cohn einen schönen 
Brief, wie der vom 17., nicht der vom 33., war. Ich 
hoffe, daß Ihr Unwohlsein schon glücklich behoben ist. 
Macht es Ihnen im Augenblick Schwierigkeiten, M.-C. 
den Brief zu schreiben, der die Notwendigkeit der Reise 
nach SaUburg (lieber als Linz, wie gesagt) dartut, so 
schicken Sie ihm meine Briefe. Außer Meyer-Cohn darf . 
nach wie vor niemand die Briefe lesen, und er nur, weil 
ich ihm ja alles wie Ihnen selbst mitteilen vrill. 

Ob ich wieder Kindbettfieber habe? fragen Sie. Wie 
unirztlicb gesprochen. Das hat man nur einmal, und 
zwar gleich nach dem Gebären. Ich hatte es, weil ich so 
schwer überarbeitet war, Wochen hindurch neben meiner 
Tagesarbeit vom frühen Morgen bis in die späte Nacht 
die Details aufgeschrieben und dann schon in der Er- 
schöpfung alle Details in einen geordneten Gedankengang 
Dut eisernen logischen Schlüssen gebracht hatte. 

Da kam der Freund, der mich absolut nicht verstand. 

Jetzt ist das alles fertig, die Blutung ist gestillt, die 
Gebärmutter hat wieder ihren normalen Platz und ge- 
wöhnlichen Umfang. Also keine Gefahr. 

Und wissen Sie, wie ich den Zweifelanfall überstand? 
Wieder mit Arbeit; den ganzen Tag habe ich wieder scharf 
gearbeitet, für die Zeitung und anderes für mich. 

Leben Sie wohll Ich erwarte in Aussee die baldige Ein- 
ladung nach Salzburg (schlimmstenfalls Linz) für den 

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5., 6. oder 7. August. Fabiua Beerte gegen die Feinde, 
gegen Freunde macht man nicht den Kunktator. 
Ich grüße Sie herzlich und ergeben 

Ihr Th. Herd. 

26. Juli nachmittags. 

Soeben auf der Gasse an Hirsch vorübergefahren. Ich 
schreibe ihm, wenn auch mit Widerwillen. Es kann aber 
nützlich sein. 

Hochgeehrter HerrI 

Soeben sind wir aneinander vorübergefahren. Ich 
schließe daraus scharfsinnig, daß Sie hier sind. Ich selbst 
fahre morgen abend nach Osterreich. Wir werden viel- 
leicht nicht sobald wieder an einem Ort sein. Wollen Sie 
meinen ausgearbeiteten Plan keanenlerneo? Versteht 
sich : ohne mich wieder zu unterbrechen. 

Am 6. August habe ich mit zwei wackeren Juden, einem 
Wiener und einem Berliner, Rendezvous in Salzburg. 
Ich will ihnen meine Denkschrift an den rösche vor- 
legen, bevor sie abgeht. Mir von diesen älteren Leuten 
raten lassen, ob nicht einzelnes auszumerzen, was den 
Juden schaden könnte. 

Wenn Sie mitwissen wollen, schreiben Sie mir ein 
Wort, so komme ich vor meiner Abfahrt auf ein Stünd- 
chen zu Ihnen. 

Wenn nicht, nicht. 

Hochachtungsvoll Ihr ergebener 

Herzl. 

27. Juli. 
Hirsch hat nicht geantwortet. 

Ich schreibe ihm folgenden Abschiedsbrief, den ich 
vielleicht morgen in Basel aufgeben werde: 

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Hochgeehrter HerrI 

Es gehört zum Pech der Juden, daß Sie sich nicht auf- 
klXren lassen wollten. 

Ich sah in Ihnen ein taugliches Werkzeug fflr den be- 
deutenden Zweck, voilä pourquoi j'ai insisU outre me» 
babitudea. 

Die über Sie verbreitete Legende ist offenbar falsch. 
Sie betreihen die Judensache als Sport. So wie Sie Pferde 
rennen lassen, so lassen Sie Juden wandern. Und da- 
gegen protestiere ich auf das entschiedenste. Der Jude 
ist kein Spielzeug. 

Nein, nein, es ist Ihnen nicht um die Sache lu tun. 
Elie est bien bonne, et j'y ai cru an instant. 

Darum war es ganz vorzüglich, daß ich Ihnen in Paris 
noch einmal schrieb, und daß Sie mich mit keiner Ant- 
wort beehrten. Jetzt ist jeder Irrtum ausgeschlossen. Es 
muß Ihnen ii^ndein Esel gesagt haben, daß ich nur ein 
angenehmer Phantast sei, und Sie haben 's geglaubt. 

Wenn Männer über eine ernste Sache reden, gebrau- 
chen sie keine höflichen Floskeln. Dies diene zur Er- 
klSrung, wenn ich Sie durch die Heftigkeit meiner Aus- 
drucksweise chokiert habe. 

Und so empfehle ich mich Ihnen 

hochachtungsvollst und ganz ergebenst 

Dr. Herzl. 

27. JaU. 
Und heute verlasse ich Paris I 
Es endigt ein Buch meines Lebens. 
Eg beginnt ein neues. 
Welches? 

39. JuU. 
Unterwegs habe ich mir 's überlegt und den Brief an 

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Hirsch nicht abgesendet. Vielleicht wird der Mann noch 
gpSter einmal in die Kombination einsubeiiehen sein. Ich 
muß meinen Unwillen und meine Eigenliebe dem Zweck 
unterordnen, übrigens erhielt ich einen Brief von ihm 
nachgeschickt, worin er sich wegen seiner eigenen AIk 
reise entschuldigt. Er wolle im Spätherbst darfiber wei- 
terreden. Im Spätherbst! Erledigt I 

29. JaU. 

Zell am See. 

Das Geld muß entsündigt werden. 

29. Juli. 

Bodenbebauung erreichen durch Halbpacht mit Ma- 
schineokredit; nach kurzer (etwa dreij&hrQ^) Frist geht 
Halbpacht in Eigentum Ober. Die Maschinen werden 
amortisiert. Später haben wir Grundsteuer. Fürstenwabl 
(auf Lebenszeit). 

Sofort nach Tod des Fürsten (oder eingetretener Be- 
hinderung durch Wahnsinn, Unwürdigkeit) , innerhalb 34 
Stunden, wählt jede Gemeinde einen Wahlmann. Diese 
Wahlmänner haben in der Zeit, die genügt, um vom ent- 
ferntesten Punkt des Landes nach der Hauptstadt zukom- 
men, im Wahlort zusammenzutreffen. Der Wahlort ein 
Versailles, um die Wahl von der Straße unabhängig zu 
halten. 

Der Kongreß tagt unterm Vorsitz des Kanunerpräsi- 
denten, der alle militärischen usw. Vorbereitungen leitet. 

Die Wahlmänner sind nicht Deputierte, aber ihre Stim- 
men zur Fürstenwahl gleichwertig. Wahlgänge mit enge- 
rer Wahl ununterbrochen so lange fortzusetzen, bis einer 
Zweidrittelmajorität hat. 

Während des Interregnums kontrolliert Kammerprä- 
sident den Ministerpräsidenten. 

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Soldaten haben das passive Wahlrecht nur nach min- 
destens einjähriger Inaktivitfil. 

29. Juli. 

Zell am See: Eine Badekabine. Die Winde voll Anti- 
semitischer Inschriften. Viele von verstörten Juden- 
knaben beantwortet oder ausgestrichen. 

Eine lautet: 

„0 Gott, schick doch den Moses wieder. 
Auf daß er seine Stammesbrüder 
Wegführe ins gelobte Land. 
Ist dann die ganze Judensippe 
Erst drinnen in des Meeres Mitte, 
Dann, Herr, o mach die Klappe lu. 
Und alle Christen haben Ruh. 

2. August. 

Aussee. 

In den letzten Tagen häufiger Depeschenwechsel mit 
Güdemann. 

Meyer-Cohn war in Wien. Das Rendezvous sollte in 
Salzburg nächster Tage sein. Güdemann zeigt guten Eifer 
und Bereitwilligkeit. Ich glaube an ihm den richtigen 
Helfer zu haben. 

Leider konnte er Meyer-Cohn zum Rendezvous nicht 
haben, weit der nach Posen muß „wegen einer Emission". 

Wenn das nur nicht die argentinische ist I 

Ich antworte Güdemann folgendes : 

Hochverehrter Freund I 
Ich müßte mir von den Reibungswidersländen des wirk- 
lichen Lebens keine gesunde Vorstellung machen, wenn 
ich erwartete, daß alles gleich nach Wunsch gehen werde 
und könne. 

35l 



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Eatmutigen kanD mich nur Dummheit, Feigheit und 
Schlechtigkeit meiner Stammesbrüder. Helfen will ich 
fibrigens auch den geistig und moralisch Schadhaften. 

Nun finde ich aber, wenn mich meine Augen nicht 
täuschen, in Ihnen schon einen wackeren Helfer, obwohl 
Sie noch gar nicht wissen, was ich will. Haben Sie nur 
Vertrauen zu mir, mein lieber und verehrter Freund! Sie 
werden schon sehen, lu welcher edlen und hohen Sache 
ich Sie aufrufe. 

Als ich gestern Ihre Depesche erhielt, daß Meyer-Cohn 
nicht kommt und Sie deshalb auch nicht kommen wollen, 
war ich allerdings ein bißchen, nicht übermäßig, ver- 
drießlich. Der Verdruß galt der bedauerlichen Tatsache, 
daß ein Helfer, auf den ich schon gerechnet hatte, weg- 
fäUt. 

Ich ging dann aus. Unterwegs hfirte ich Leute im Vor- 
übergehen von einem kleinen alltfigtichen Zwischenfall 
reden: soeben hatte es auf der Promenade einen Auftritt 
gegeben, wobei „Saujud" gerufen worden war. 

Dieser Auftritt wiederholt sich offenbar täglich auf 
tausend Punkten der Welt. Sie wissen das so gut wie 
ich. 

Und Sie können sich denken, mit welcher höhnischen 
Bitterkeil ich solches zur Kenntnis nehme, da doch mein 
fest verschlossener Gedanke die Abhilfe enthält. Aus 
mir heraus wird dieser Gedanke dennoch nicht früher 
kommen, als bis der richtige Augenblick da ist, den ich 
mit aller nötigen Kälte und Härte erwarte. 

Ihr heute eingetroffener Brief eröffnet mir aber wieder 
die Aussicht, daß wir auf M.-C. nicht zu verzichten brau- 
chen. Ich mache Ihnen nun einen neuen Vorschlag, den 
ich Sie an M.-G. weiterzugeben bitte. Ich bin es meiner 
Selbstachtung schuldig, ihm nicht früher zu schreiben, als 

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er mir geschrieben hat. Deon meine letzten Briefe an Sie 
waren ja auch indirekt an ihn gerichtet. 

Sie sowohl wie M.-C. vermuten auf ganz falscher 
FShrte, wenn Sie glauben, daß ich an den Deutschen Kaiser 
ein Schutzgesuefa richten wolle. Alle dergleichen Irrtü- 
mer folgen daraus, daß Sie erraten möchten, was ich nur 
mündlich und mit umfassender Begründung mitzuteilen 
gesonnen bin. 

Geduld I Gedulden, aber nicht sSumen, verehrter Freund I 

Da M.-C. bereit ist, mitzuberaten, aber bei ihm Ver- 
hinderungen vorliegen, müssen wir ihm entgegenkom- 
men. Mein Vorschlag ist nun, daß wir mit ihm ein neues 
Rendezvous verabreden. Es kann, muß aber nicht, in 
Zürich sein. Meinetwegen in München, Frankfurt, wo 
immer und wann immer — aber unbedingt in den nfich- 
sten vierzehn Tagen. Sie wissen schon, was ich hier in 
Aussee einleiten will, wenn ich keine jüdischen Helfer be- 
kommen kann. Es wird nicht meine Schuld sein, wenn 
man mich allein gehen und einzelne Fehler machen iSßt, 
denen durch Beratung vielleicht vorzubeugen gewesen 
wlre. Das Ganze meines Planes ist richtig, davon bin ich 
im tiefsten überzeugt. 

An Salo denke ich längst nicht mehr. 

Schicken Sie mir, bitte, den Artikel M.-C.'s in der Wo- 
chenschrift. Es ist nützlich, daß ich die Struktur seines 
Geistes daraus zu erkennen versuche. 

Ich erwarte bald Nachricht und grüße Sie in herzlicher 
Vanhnmg. Ihr Th. H. 

ü. August. 
Mit einem Wiener Advokaten gesprochen. 
Der sagte: Wenn man nicht in die Wählerversamm- 
lungen geht, spürt man nichts. 

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Die Bevölkerung sei hauptsächlich gegen die Liberalen 
aufgehracht. Man ruft Hoch Lueger und Hoch Friebeis 
(das ist der Statthaltereirat, der jetzt den suspendierten 
Gemeinderat vertritt). 

Ich erklärte dem Advokaten, daß diese zeitweilige Ver- 
fassungs-Suspension, wenn sie noch ein-, zweimal kampf- 
los wiederholt werden kann, zur gänzlichen Sistierung der 
Verfassung führen wird, mit nachfolgender Änderung 
resp. Neubildung einer Verfassung, aus der man die Ju- 
den auslassen wird. 

Dann mit zwei Pester Doktoren gesprochen, die es 
wunderbar fanden, wie Ungarn die Juden halte. 

Ich erklärte ihnen den ungeheuren Fehler, den die Ju- 
den in Ungarn durch Erwerbung des Grundes und Bodens 
begehen. Schon haben sie mehr als die Hälfte des unbe- 
weglichen Eigentums. Eine solche Eroberung durch den 
makk-hetes zsidö kann sich das Volk unmöglich auf die 
Dauer bieten lassen. Nur mit terrorisierender Waffen- 
gewalt kann eine unterscheidbare Minorität, die dem 
Volk fremd ist und nicht wie die alte Aristokratie ge- 
schichtlich berühmt ist, sich in solchem Besitz aller Vor~ 
teile erhalten. 

Nun sind die Juden bekanntlich das Gegenteil einer 
geehrten Aristokratie gewesen, noch vor kurzem. 

Die liberale Regierung, die offenbar auf Wahlfiktionen 
und Kombinationen beruht, kann durch einen Handstreich 
hinweggeräumt werden, und dann bat Ungarn von einem 
Tag auf den anderen die schärfsten Formen des Anti- 
semitismus. 

U. August. 
Der Drechsler K ... in Aussee I 
Im vorigen Jahre freute ich mich, als ich im Haus 

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gegeDüber den jüdischen Holzschnitzer sah. Ich hielt das 
fär die „Lösung". 

Heuer komme ich wieder. K . . . hat sein Haus ver- 
größert, eine Holzveranda vorgebaut, hat Sommerpar- 
teien, arbeitet nicht mehr selbst. In fünf Jahren wird er 
der reichste Mann im Ort sein, und man wird ihn wegen 
seines Reichtums hassen. 

So entsteht der Haß durch unsere Intelligenz. 

5. August. 

Von Güdemann einen leicht ironisch angehauchten 
Brief erhalten. Ich antworte: 

Hochverehrter Freund 1 

Es steht Ihnen natürlich frei, mich für einen Operetten- 
gcneral zu halten. Mir beweist diese Bemerkung nur, daß 
ich von vornherein recht hatte, das schriftliche Verfah- 
ren ab ein zweckwidriges anzusehen. Ihrem Rate folge 
ich übrigens heute und schreibe M.-G. direkt, frage ihn, 
ob er mit mir in München oder sonstwo zusammenkom- 
men will. Haben wir beide das Rendezvous festgestellt, 
werde ich Sie telegraphisch fragen, ob Sie daran teilneh- 
meu wollen. Schließen Sie sich dann aus, so werde ich 
es bedauern, und Sie vielleicht späterhin auch. 

M.-C.'s Artikel ist gut. Aber was soll die Philosophie- 
rerei? In dieser Frage heißt es — primam viverel deinde, 
meinetwegen, wenn's durchaus sein muß, auch philoso- 
pkari. 

Mit den besten Grüßen Ihr aufrichtig ergebener 

Tb. H. 

Brief an Dr. Heinrich Meyer-Cohn vom 5. August: 
Hochgeehrter Herrl 

Dr. Güdemann hat mir von Ihnen geschrieben und 
Ihnen von mir erzählt. Ich glaube, Sie kennen auch die 

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Briefe, die ich ihm geschrieben habe. So kann ich mich 
kurz fassen. Wollen Sie mit mir in den nSchsten vierzehn 
Tagen irgendwo zusammenkommen? Die Bestimmung 
des Ortes Oberlasse ich Ibnea. Es lige mir viel daran, 
daß Dr. Güdemann an unserer Unterredung teilnähme. 
Er ist nun, wie ich aus seinen Briefen herausfühle, schwer 
zu einer größeren Reise zu haben. Nach München könnte 
man ihn vielleicht bekommen. Ich muß Sie vorläufig 
um das Vertrauen bitten, daß ich wirklich Ernstes zu 
sagen habe. So werde ich auch aus Ihrer Bereitwilligkeit, 
der Judensache das Opfer einer kleinen Reise zu bringen, 
erkennen, daß Sie der rechte Mann sind, dem ich meine 
Gedanken und Pläne avant la lettre mitteilen darf. 

Was ich will, werde ich Ihnen nur mündlich oder gar 
nicht sagen. Briefgeschwätz ist ebensowenig meine Sache 
wie gesprochenes. Es wäre unnütz, mich aufzufordern, 
daß ich Ihnen vorher eine Andeutung machen solle. Nur 
Ihren Irrtum, den mir Güdemann anzeigte, will ich 
gleich hinwegräumen: ich denke an kein Schutzgesuch. 
In uns selbst suche und finde ich die Lösung. Ich brauche 
dazu taugliche Juden. Sind Sie einer, guti Nicht — 
nicht I 

Ihren Aufsatz in der Wochenschrift habe ich mir schik- 
ken lassen. Darf ich mir in der direkten Anrede ein Ur- 
teil erlauben? Der Artikel ist ganz vorzüglich und ver- 
nünftig — aber mit Philosophieren werden Sie keinen 
Hund hinterm Ofen hervorlocken. 

Bestimmen Sie also Zeit und Ort; nehmen Sie Rück- 
sicht darauf, daß Güdemann nötig ist. Sobald ich Ihre 
Nachriebt habe, verständige ich mich telegraphisch mit 
Güdemann und bemühe mich, ihn hinzukriegen. 

Mit hochacbtungsvoUem Gruß Ihr ergebener 

Dr.Tb.H. 

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6. August. 

Blochs Wochenschrift lese ich jetzt. Er beißt sich mit 
de» Antisemiten mittelalterlich theologiach herum, wie 
der Rabbiner mit dem Kapuziner. 

„Daß sie alle beide stinken!" 

Es wSre ja ein ausgesprochenes Judenblatt nötig, aber 
modern müßte es Bein. 

Bloch wfire immerhin für Galizien zu verwenden. Den 
Ton dort kennt er und wüßte zu den Leuten zu sprechen. 

Die Miszellaneen, die er bringt, sind schauerlich : solche 
Verfolgungen gibt es jede Woche, jeden Tagl 

6. August. 
Mit dem alten Simon, Präsidenten der Wiener Juden- 
gemeinde gesprochen. Meine Worte haben ihn sichtlich 
begeistert. Ich sagte ihm natürlich nur das Negative, und 
daß die reichen Juden demoliert werden müssen, wenn 
sie nur ihrer Habgier, Genußsucht und Eitelkeit leben, 
indeß die Armen verfolgt werden. 

7. Augiut, 
Von Meyer-Cohn Brief erhalten. Der Brief ist gut. 

Ich telegraphiere ihm: 

Dank für Brief. Ich schrieb Ihnen vorgestern. Bitte 
möglichstes für baldige Zusammenkunft, wo immer, zu 
tun. 

Verständigen wir uns darüber telegraphisch. Gruß 

Herzl. 
10. August. 

Von Güdemann gestern Brief erbalten, worin er den 
ironischen Ton seines vorletzten Briefes entschuldigt. 

Von Meyer-Cohn keine Nachricht. 

Ich schreibe ihm: 

17 Harals TB«ebltoher L sS? 



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Hochgeehrter Herrl Über Ihren Brief, der am 7. d.M. 
eintraf, freute ich mich sehr. Leider erhielt ich aber die 
telegrapbisch erbetene VerstSndigung nicht. Gestatten Sie 
also, daß ich noch ein letztes Mal sage, um was es sich 
bandelt. 

Insoweit ich schriftliche Mitteilungen machen kann, 
habe ich sie Ihnen schon direkt und indirekt durch Dr. Gü- 
demann gemacht. Ich möchte gern meinen Plan zwei 
rechtsch^fenen Juden vorlegen; und das heißt, daß ich 
bereit bin, einen vernünftigen Rat zur Ausgestaltung oder 
Restringierung meiner Absichten anzuhören. Zwei Män- 
ner wie Sie und Güdemann finde ich wohl nicht so leicht. 
Ich kann auch nicht lange herumsuchen. Es müssen ge- 
wisse Charakter- und Geisteseigenschaften da sein, die 
ich bei Ihnen beiden voraussetzen darf. Nun genügt es 
aber nicht, daß Sie mit mir zusammenkommen wollen; 
es muß auch bald sein. Nichts in der seit so vielen Jahr- 
hunderten verschleppten Judensache schiene ja meine 
Eile zu rechtfertigen, und das macht Sie am Ende gar 
stutzig. Aber ich habe praktische Gründe zum Drängen. 
Hat Ihnen Dr. Güdemann nicht gesagt, daß ich hier in 
Aussee versuchen will, durch den östereichischen Abge- 
ordnetenhaus-Präsidenten Chlumecky mit dem Reichs- 
kanzler Hohenlohe bekannt zu werden und so zum Kaiser 
zu gelangen? Und wenn mir letzteres unmöglich wird, 
will ich sofort an die literarische Ausarbeitung meines 
Planes gehen. 

Auf Güdemanns vorläufigen Rat wollte und will ich 
mich noch Ihnen beiden in aller Bescheidenheit vorher 
mitteilen. Sie sind doch an der Sache so beteiligt wie ich 
selbst ; sind meine natürlichen Freunde und Ratgeber. Sie 
müssen sich doch auch denken, daß ich es nicht wagen 
würde, Sie mutwillig auf eine Reise zu bemühen. Ich 

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habe also Ernstes und Wichtiges zu sagen. Lassea Sie 
mich nicht allein gehen. Ich tSte es ungern, aber ich täte 
es endlich. Bedenken Sie, daß ich einige Zeit brauche, 
um die Sache mit und durch Chlumecky in Gang zu 
bringen, und daß ich die noch übrigen zwanzig Tage mei- 
nes AuBSeer Aufenthaltes zu Rate halten muß. 

Erfreuen Sie mich bald durch eine telegrapbische Ant- 
wort. Bestimmen Sie Zeit und Ort der Zusammenkunft, 
unter Rücksichtnahme auf den schwerer beweglichen Dr. 
Güdemann. Es wäre mir geradezu schmerzlich, wenn ich 
in der Erwartung, mit Ihnen beiden Hand in Hand gehen 
zu können, enttSuscht würde. 

Mit hochachtungavollem Gruß Ihr ganz ergebener 
Dr. Th. H. 
iO. Aaguxt. 

Mit Dr. F. aus Berlin gesprochen. Der ist fürs Taufen. . 
Er „will seinem Sohn das Opfer bringen". Na, na. Ich 
habe ihm erklSrt, daß man noch durch andere Bassessen 
sein Vorwärtskommen erleichtern kann. 

Er wird sich offenbar taufen, sobald sein reicher 
Schwiegervater tot ist. Vergißt nur, daß, wenn 5ooo 
solche wie er sich taufen, das Schlagwort einfach geän- 
dert wird: Saugetaufte I 

i3. August. 

Im Kurpark wieder mit dem alten Simon und noch 
zwei anderen alten Juden gesprochen. Habe ihnen alle 
Prämissen scheinbar absichtslos voi^führt, meine Kon- 
klusion natürlich nicht. Wieder konnte ich bemerken, 
daß ich imstande bin, Leute zu begeistern. Das sind nur 
Alte, Träge, durch ihre Wohlhabenheit Indifferente. Und 
doch spüre ich, daß ihre Seele Funken gibt, wenn ich 
darauf schlage. 

17* 35g 



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Die Jungen, denen ich eine ganze Zukunft schenken 
will, werde ich natürlich im Sturm mit mir reißen. 

Nachmittags kommt der Brief von Meyer-Cohn. 

Er will am 17. d.M. in München sein. Ich telegra- 
phiere an Güdemann. Die Schwierigkeit: der 17. ist ein 
Samstag. Der Rabbiner wird nicht können oder seine 
Amtsgeschäfte vorschützen, wenn er nicht Lust hat. Ich 
werde ihn aber, wenn er nein sagt, mit härtester Energie 
aufrufen — oder definitiv über ihn hinw^gehen. 

iü. Aaguat. 

Meine gute Mama erzählt, wie Albert Spitzer starb. 
Seine Wirtschafterin fragte ihn nach Tisch : „Was kochen 
wir morgen?" 

Er antwortete kräftig; „Rumpsteak"! 

Das war sein letztes Wort. Er sank um und war tot. 

Meine Mama zieht auch daraus in ihrer überlegenen 
Weise den Sinn dieses Lebens, das mit dem Rufe „Rump- 
steak!" endet. 

Ich werde diese Anekdote in München verwenden. 

iU. August. 

Ich sehe im ganzen nur eine Schwierigkeit: die Land- 
ratten aufs Meer zu bringen. 

ii. August. 

Programm für München. Erst werde ich ihnen die 
Geschichte des Gedankens erzählen, dann sie aufrufen, 
das ihnen an der umständlichen Form nicht Zusagende 
wohl vom Gedanken selbst zu unterscheiden. Ich werde 
sie im Vorhinein vor meiner Konklusion warnen, ihnen 
den Fehler, den ich bei Hirsch beging, erklären. Ihm 
trug ich die Sache vom Staat aus vor, d. -fa. ich begann 
nur und gab es rechtzeitig auf, weil ich bemerkte, daß 

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er mich nicht verstand. Ihnen erkläre ich es jetzt als 
Geschäft — sie sollen mich nicht auch mißverstehen, im 
Umgekehrten, und mich nicht für einen „Unternehmer" 
halten. 

Ihnen auch sagen, wie ich den immer gleichen Plan 
von einer anderen Seite für den Deutschen Kaiser dar- 
stellen will, mit der „Beritte nmachung der Selbst[ wehr?]". 

i^. Augast. 

Gädemann hat telegraphisch angenommen. Er reist 
Freitag früh nach München. Er möchte, daß ich gleich- 
zeitig, d. h. Freitag abend, dort eintreffe. Das will ich 
aber nicht. Meyer-Cohn kommt erst Samstag, wird erst 
Samstag nachmittag zur Unterredung zu haben sein. Ich 
will es vermeiden, vorher mit Güdemann zu reden, und 
werde erst Samstag vormittag in München eintreffen. Sie 
sollen vorerst miteinander sein, mich erwarten; und na- 
mentlich Güdemann soll nicht mehr von der Reise müde 
sein, sondern erfrischt und munter. 

Die Schwierigkeit meines Vortrags wird sein, sie aus 
ihren gewöhnlichen Vorstellungen allmShlich hinüberzu- 
f Uhren in die meinigen, ohne daß sie das Gefühl erhalten, 
die Realität zu verlieren. 

18. Augatt, München. 

Eigentlich könnte ich dieses Aktionstagebuch schon 
aufgehen, denn es kommt zu keiner Aktion. 

Ich kam gestern morgen hier an. Im Vestibül des 
Hotels traf ich schon Güdemann, der frisch und freund- 
lich mit seinem grauen Bart und roten BSckchen aussah. 

Wir gingen zu Meyer- Cohn, der sich eben wusch. 
Gleich im ersten Augeid>lick wußte ich, daß das nicht der 
richtige Mann. ist. Ein kleiner Berliner Jude dem Äuße- 
ren nach; und im Inneren ebenfalls klein. Breit erzählte 

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er uns, während er seine Toilette beendete, über „parla- 
mentarische" Vorgänge in der Berliner Judengemeinde. 
Nichtigkeiten; womit man übrigens versöhnt wird durch 
die anspruchslose Art des Vortrags. 

Und so wie ich ihn in dieser ersten Viertebtunde er- 
kannte, und wie ich es gleich beim Hinausgehen aus dem 
Zimmer zu Güdemann sagte, so hat M.-C. eich den gan- 
zen Tag über bewährt. Er hat geringe Ansichten, an denen 
er zäh hängt, die er aber mit versöhnender Bescheiden- 
heit gibt. Er ist ein Mediokrat, glaubt nicht, daß jemand 
etwas besser verstehen könne als er selbst, aber er traut 
auch jedem, also auch mir, ebensoviel zu wie sich selbst. 

Ich ging dann zum Tempel, wo ich mit Güdemann 
Rendezvous hatte. Der Gottesdienst war vorüber, als ich 
hinkam. Güdemann zeigte mir das Innere des schönen 
Tempels. Der Schames oder Schabbesgoi, ein alter 
Mensch im blauen Uniformrock, groß und von schwin- 
dender Korpulenz, sah Bismarck sehr ähnlich. Es war 
eine kuriose Stimmung darin, daß eine Bismarckftgur 
mit den Schlüsseln hinter uns herging, während mir der 
Rabbiner den Tempel zeigte. Der Goi wußte nicht, daß 
er Bismarck ähnlich sieht; der Rabbiner wußte nicht. 
daß er etwas Symbolisches tat, als er mir die Schönheit 
eines Tempels wies. Nur ich wußte dies und anderes. 

Von der Sache selbst sprach ich am Vormittag noch 
nichts. Ich ließ zumeist Güdemann reden, der noch nicht 
ahnte, daß er mich im weiteren Verlauf des Tages Moses 
nennen würde, 

Wir kamen zu Tisch im jüdischen Gasthaus Jochsber- 
ger zusammen, das mich sehr anheimelte. Der Wirt 
kannte Güdemann und brachte uns in einem abgeson- 
derten Zimmer unter. Später fand er mit Judenscharf- 
sinn heraus, daß wir über die Judensache berieten, und 

a6a 



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sorgte dafür, daß wir ungestört blieben. Solches Material 
haben wir in unseren Leuten I Sie erraten, was man an- 
deren einblSuen müßte. Sie führen es mit Intelligenz 
und Hingebung aus. 

Bei Tisch begann zwanglos die Einleitung. Güdemann 
war mir schon vormittags nahe ans Herz gekommen. 
Mehr und mehr entdeckte ich in ihm einen schönen, freien 
Prachtmenschen. Das Gesprfich war natürlich theolo- 
gisch und philosophisch gefSrbt. Ich sagte ineidemment 
meine Gottesanschauung. Ich will meine Kinder mit dem 
sozusagen historischen Gott erziehen. Gott ist mir ein 
schönes, liebes altes Wort, das ich behalten will. Es ist 
eine wunderbare Abbreviatur für Vorstellungen.dieeinem 
kindlichen oder beschränkten Gehirn unfaßbar wären. 
Ich verstehe unter Gott: den Willen zimi Guten I Den 
allgegenwärtigen, unendlichen, allmächtigen, ewigen Wil- 
len zum Guten, der nicht überall gleich siegt, aber end- 
lich immer siegt. Für den das Schlechte auch nur ein 
Mittel ist. Wie und warum läßt der Wille zum Guten 
z. B. Epidemien zu? Weil durch Epidemien die dumpfen 
alten Städte niedergerissen werden, und neue, helle ge* 
sunde Städte mit freier atmenden Menschen entstehen. 

So enthält wohl auch der Antisemitismus den göttlichen 
Willen zum Guten, weil er uns zusammendrängt, im 
Druck einig, und durch die Einigkeit frei machen wird. 

Meine Gottesvorstellung ist ja spinozistisch und äbnelt 
auch der monistischen Naturphilosophie. Aber Spinozas 
Substanz ist mir etwas gleichsam Träges, und der unbe- 
greifliche Weltäther der Monisten etwas zu Wallendes, 
Flimmerndes. Aber einen allgegenwärtigen Willen kann 
ich mir denken, denn ich sehe ihn wirken in Erscheinun- 
gen. Ich sehe ihn, wie ich die Funktion eines Muskels 
sehe. Die Welt ist der Körper, und Gott ist die Funktion. 

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Den Endzweck keone ich nicht und brauche Um nicht 
zu kennen ; mir genügt, daß er etwas Höheres ist als unser 
jetziger Zustand. Ich kann das wieder mit alten Worten 
ausdrücken, und ich tue es gern. Eritü iicat dei, acientet 
bonum et malum. 

Im Verlauf des Tischgesprächs ergab sich aber das Un- 
erwartete, daß Meyer-Cohn sich als einen Anhänger der 
Zionsidee bekannte. Das war mir sehr erwünscht. 

Nach Tisch holte ich das Manuskript meiner Rede an 
die Rothschilds aus dem Hotel und las es in dem leeren 
Saal hei Jochsberger vor. Leider hatte Meyer-Cohn sich 
mit einem Geschäftsfreunde für vier Uhr verabredet, so 
daß ich gleich wußte, ich würde nicht zu Ende kommen. 
Es sollte erst am Abend wieder fortgesetzt werden. Auch 
sonst las ich unter ungünstigen Umständen. 

Meyer-Cohn nörgelte „parlamentarisch" an jedem klei- 
nen Detail, das ihm unangenehm aufstieß. Ich wurde des- 
halb einen Augenblick hei der Abweisung dieser „Zwi- 
schenrufe" heftig. 

Dennoch war die Wirkung groß. Ich sah es an GOde- 
manns glänzenden Augen. 

Auf Seite i3 mußte ich wegen der Stunde M.-C.'s auf- 
hören. Aber Güdemann, der „Anti-Zionist", war schon 
gewonnen. 

Er sagte : „Wenn Sie recht haben, bricht meine ganze 
bisherige Anschauung zusammen. 

Aber dennoch wünschte ich, daß Sie recht hätten. Ich 
glaubte bisher, vnr seien kein Volk, das heißt : mehr als 
ein Volk. Ich glaubte, vrii hätten die historische Sendung, 
Träger des Menschheitsgedankens unter den Völkern zu 
sein, und daß wir darum mehr als ein territoriales Volk 
seien." 

Ich antwortete: „Nichts hindert uns, die Träger des 

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Menschheitsgedankens auch auf unserem eigenen Grund 
und Boden zu sein und zu bleiben. Wir müssen zu die- 
sem Zweck nicht tatsächlich unter den Völkern, die uns 
hassen und verachten, wohnen bleiben. Wollten wir io 
unseren jetzigen Zuständen den Universalgedanken der 
grenzenlosen Menschheit verwirklichen, so müßten wir 
mit der Vaterlandsidee kämpfen. Die ist aber ^och für 
unabsehbare Zeiten stärker als wir." 

Um sechs Uhr kamen wir wiederum zusammen, im 
Hotel, auf meinem kleinen Zimmer. Da es nur zwei 
Stflhle gab, saß ich auf dem Bett und las weiter vor. 
M.-C. nörgelte wieder an den utopistischen Details. Güde- 
mann war wieder hingerissen. Ich kam noch nicht zu 
Ende. Aber der Kern des Gedankens war imi halb neun 
entwickelt. Wir wollten zum Nachtmahl gehen. Güde- 
mann sagte: „Sie kommen mir vor wie Moses." 

Ich lehnte das lachend ab, und so kam es mir aufrichtig 
vom Herzen. Ich halte das nach wie vor für einen ein- 
fachen Gedanken, für eine geschickte und vernünftige 
Kombination, die allerdings mit großen Massen operiert. 
Im reinen Denken ist der Plan nichts Großes. „Zweimal 
zwei ist vier" ist im reinen Denken ebenso groß wie 
„zweimal zwei Trillionen ist vier Trillionen". 

Güdemann sagte noch: „Ich bin ganz betäubt. Ich 
komme mir vor wie jemand, den man bestellt hat, um 
ilim etwas zu sagen, und wie er da ist, führt man ihm 
statt der Mitteilung zwei schöne große Pferde vor." 

Dieser Vergleich freute mich sehr, denn ich erkannte 
das Plastische meiner Idee. 

Bei Jochsberger wieder las ich den Schluß. Die Ver- 
pflanzung des Adeb mißfiel beiden. Dagegen fanden sie 
das gelbe Band der Judenehre poetisch schön. Ich werde 
also den Adel fallen lassen. 

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Auch gegen die Scblußapostrophe wandte sich Gfide- 
mann, wie Meyer-CohD* natürlich auch. 

Wir kamen zu dem Resultat, daß die Rede nicht an die 
Rothschilds kommen dürfe, die niedere, schnöde, eigen- 
süchtige Menschen seien. Es müsse die Bewegung gleich 
ins Volk hinausgetragen werden, und zwar in Form eines 
Romans. 

Vielleicht werde die Anregung verstanden werden und 
eine große Bewegung hervorrufen. 

Ich bin zwar der Ansicht, daß ich den Plan verderbe, 
indem ich ihn veröffentliche. Aber ich muß mich fügen. 
Allein kann ich den Plan nicht ausführen. Ich muß Güde- 
mann und M.-Cohn glauben, wenn sie mir sagen, daß die 
„Großen" nicht dafür zu haben sind. 

Ich begleitete Güdemann auf die Bahn. Beim Abschied 
sagte er mir in ernster Begeisterung: „Bleiben Sie, wie 
Sie sindl Vielleicht sind Sie der von Gott Berufene." 

Wir küßten uns zum Abschied. Er hatte in seinen 
schönen Augen einen merkwürdigen Glanz, als er mir 
noch einmal zum Coupifenster hinaus die Haod gab und 
fest drückte. 

i 9. August, München. 

Roman, I. Kapitel. 

Moritz Frühlingsfeld, der Held, erhSlt am zweiten 
Weihnachtst^ des Jahres 189g einen Brief von Heinrich 
aus Berlin. 

Behaglich setzt er sich hin um zu lesen. 

Es ist der Selbstmordbrief. 

Erschütterung im tiefsten. 

II. Kapitel. Das vergessene Mädchen. Die ruinierte 
Börsianerfamilie mit dem Vater, der nicht „gesorgt" hat 
und sich durch tausend Zfirtlichkeiten dafür bei der 
Tochter entschuldigt. 

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Dorthiu geht Moritz, um den ersten Schock zu Oberwin- 
deu. Da errät er, daß das vergessene Mädchen Heinrieb 
geliebt bat. Sie wird spSter wohlerzogen und stumm 
sterben. 

III. Kapitel. 

Aufbruch zur Vergessensreise, Moritz muß auf Rat 
seiner Freunde (oder Eltern) reisen, um den Toten „los- 
zuwerden". 

Er hatte schon früher Reisen gemacht. Nie eine solche. 
Früher hatte er Augen für schOne Weiber, Abenteuer und 
Landschaften. Jetzt sieht er alles neu, gleichsam divch 
das Gespenst Heinrichs hindurch. 

Zum Sterben haben wir noch ZeitI 

So entsteht der Gedankel 

2i. August. 

Brief an Meyer-Cohn. 

Hochgeehrter Herr! 

Sehr bedauerte ich, Sie vor Ihrer Abreise nicht mehr 
gesehen zu haben. So ziehe ich brieflich die Konklusion 
aus luserer vielleicht nicht überflüssigen Zusammen- 
kunft. Wir sind offenbar Gegensätze. Aber ich glaube, 
wir können einander nicht höher ehren, als indem wir 
uns das freimütig eingestehen und dennoch Freunde wer- 
den. Mein Gedanke war auch der Ihrige. Ich hoffe, daß 
Sie ihn nicht aufgeben, weil ich meinen Weg zu seiner 
Verwirklichung gezeigt habe. Das wäre ein wunderliches 
Ergebnis. 

Ich glaube, wir müssen vor allem Juden sein, erst spä- 
ter, erst „drüben" dürfen wir uns in Aristokraten und 
Demokraten spalten. In den ersten zwanzig Jahren nach 
Beginn der Bewegung müssen solche Gegensätze schwei- 
gen. Später dürften sie nützlich sein und das freie Spiel 

367 



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der Kräfte voratelleo. Es wird darin auch der Wille zum 
Guten erscheinea, worunter ich, wie Sie wissen, „Gott" 
verstehe. Der Übermut der Aristokraten und die Mut- 
losigkeit der Demokraten können sich ge^nseitig, wenn 
auch unter Kämpfen, aufheben. Aber vor allem müssen 
wir zusammenhahen. 

Ich gebe gleich das gute Beispiel, indem ich meinen 
Gedanken bescheiden Ihrem Rat und dem unseres hoch- 
verehrten Freundes Güdemann unterordne. 

Wenn Sie das Bedürfnis empfinden, diese vielleicht 
auch „utopistischen" Zeilen zu beantworten, so bitte ich, 
es nicht vor dem 33. ds. Mts. zu tun. Am as. bin ich 
wieder in Aussee, Villa Fuchs. 

Ich grüße Sie in Freundschaft 

Ihr sehr ergebener 

Dr. Herzl. 

22. Augast. 
Brief an Güdemann. 

Hochverehrter Freuod I 

Unsere große Sache, die wir in München besprachen, 
arbeitet natürlich in mir fort, wie wahrscheinlich auch 
in Ihnen und vielleicht selbst in unserem Dritten M.-C. 
Auf manche Einwendung habe ich jetzt die nicht gleich 
gefundene Antwort, 

Vor allem: warum es keine Utopie ist! 

M.-C. hat die Utopie ganz unrichtig definiert. Nicht 
das als wirklich dargestellte zukünftige Detail ist das 
Merkmal der Utopie. Jeder Finanzminister rechnet in 
seinem Staatsvoranschlage mit zukünftigen Ziffern, und 
nicht nur mit solchen, die er aus dem Durchschnitt frü- 
herer Jahre oder aus anderen vergangenen und in ande- 

368 



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ren Staaten vorkommenden Erträgen konstruiert, sondern 
auch mit prSzedeozlosen Ziffern, beispielsweise bei Ein- 
fflbrung einer neuen Steuer. Man muß nie ein Budget an- 
gesehen haben, um das nitJbt zu wissen. Wird man darum 
einen Finanzgesetzentwurf für eine Utopie erklären, 
selbst wenn man weiß, daß der Voranschlag nie ganz 
genau eingehalten werden kann? 

Richtig wäre also an M.-C.'s Einwendung höchstens, 
daß ich zu viel malerisches Detail gab. Und doch 
hatte ich unzählige Züge, die in meinen Entwürfen zu der 
Ihnen vorgelesenen Rede enthalten sind, aus dieser Re- 
daktion weggelassen. leb erkläre dies in der Rede selbst 
wiederholt mit den Worten : „Sie würden den Plan sonst 
für eine Utopie halten". 

Wodurch unterscheidet sich nun ein Plan von einer 
Utopie? Ich will es Ihnen jetzt mit definitiven Worten 
sagen: durch die Lebenskraft, die dem Plan und nicht 
der Utopie innewohnt; durch die Lebenskraft, die nicht 
von allen erkannt zu werden braucht, und dennoch vor- 
handen sein kann. 

Utopien hat es vor und nach Thomas Morus genug ge- 
geben. Nie hat ein vernünftiger Mensch daran gedacht, 
sie zu verwirklichen. Sie amüsieren, aber sie ergreifen 
nicht. 

Sehen Sie sich dagegen den Plan an, der die „Einigung 
Deutschlands" heißt. Der schien noch in der Paulskircbe 
ein Traimi. Und doch antwortete diesem Gedanken aus 
den rätselvollen Tiefen der Volksseele heraus eine Re- 
g^'^i geheimnisvoll und unleugbar wie das Leben 
selbst. 

Und woraus wurde die Einheit gemacht? Aus Bin- 
dern, Fahnen, Liedern, Reden und schließlich aus son- 
derbaren Kämpfen. Unterschätzen Sie mir den Bismarck 



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nicht! Er sah, daß Volk und Fürsten nicht einmal zu 
kleinen Opfern für den Gegenstand all der Lieder und 
Reden zu haben seien. Da mutete er ihnen große Opfer 
zu, zwang sie zu Kriegen. Und diese Fürsten, die es un- 
möglich gewesen wfire, in welcher deutschen Stadt immer 
zur Kaiserwahl zu versammeln, die führte er nach einer 
kleinen französischen Provinzstadt, wo ein halbverges- 
senea Königsschloß stand. Und dort waren sie ihm zu 
Willen. Das im Frieden verschlafene Volk jauchzte im 
Kriege der Einigung zu. 

Es ist nicht nötig, das vernünftig erklären zu wollen. 
Es istl So kann ich auch das Leben und seine Kraft nicht 
erklfiren, nur feststellen. 

Sie denken, wie ich in München bemerkte, in Bildern. 
Das bringt Sie, wie noch anderes, meinem Herzen nur 
oSher. Sie gebrauchten ein Wort, das mich dort rührte 
und erfreute. Sie sagten: „Mir ist wie jemandem, den 
man gerufen hat, um ihm etwas zu sagen; und wie er 
kommt, führt man ihm eia Paar schöne Pferde vor." 

Warum sagten Sie nicht: „Zeigt man ihm eine Ma- 
schinerie"? 

Weil Sie den Eindruck des Lebendigen hatten I 

Und so ist es. In meinem Plan ist Leben. Ich will es 
Ihnen an Hertzkas „Freiland" beweisen. Ich kannte die- 
ses Buch nur vom Hörensagen als eine Utopie. Nach 
Ihrer Abreise suchte ich es sofort in einer Buchhandlung. 
Ich hatte vergessen, Sie zu fragen, ob es denn auch von 
Juden handle. Und ich war darum ängstlich. Nicht mei- 
netwegen, nicht als Literat, der fürchtet, zu spät gekom- 
men zu sein. (Peream egot) Nein, sondern weil ich dann 
besorgen müßte, auch nichts ausrichten zu können, wenn 
der Plan schon erfolglos durch die Welt lief. Das Buch 
„Freiland" war in München nicht zu bekommen, dafür 

370 



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aber eiae neuere PublikatioD Hertzkas „Eine Reise nach 
Freiland" (Reclam Univ.-Bibl,). 

Ich wurde dadurch auch schon genügend aufgeklSrt. 
Es ist eine recht sinnreiche Phantasie, so lebensfern wie 
der Aquatorberg, auf dem „Freiland" liegt. 

Sie werden folgenden Vergleich verstehen: 

„Freiland" ist eine komplizierte Maschinerie mit vielen 
Zfihneo und Rädern; aber nichts beweist mir, daß sie in 
Betrieb gesetzt werden könne. 

Hingegen ist mein Plan die Verwendung einer ia der 
Natur vorkommenden Treibkraft. 

Was ist diese Kraft? Die Judennot I 

Wer wagt zu leugnen, daß diese Kraft vorhanden sei? 

Man kannte auch die Dampfkraft, die im Teekessel 
durch Erhitzung entstand und den Deckel hob. Diese 
Teekesselerscheinung sind die Zionsversuche und hundert 
andere Formen der Vereinigung „zur Abwehr des Anti- 
semitismus". 

Nun sage ich, daß diese Kraft groß genug ist, eine 
große Maschine zu treiben und Menschen zu befördern. 
Die Maschine mag ausseben, wie man will. 

Ich habe recht — vielleicht werde ich es nicht be- 
halten. 

Aber unsere Kraft wächst mit dem Druck, der auf uns 
ausgeübt vtird. Ich glaube, es gibt schon vernünftige 
Menschen genug, meine einfache Wahrheit zu verstehen. 

In München verbrachte ich den Tag nach Ihrer Ab- 
reise mit dem Prokuristen Spitzer des Pariser Rothschilds. 
Seit Jahren frage ich ihn: „Wann werden die Rothschilds 
liquidieren?" 

Er hatte dazu früher immer gelacht. Diesmal fragte 
er mich : „Woher wissen Sie, daß diese Absicht bestehe? 
Denn sie besteht I Nur der Zeitpunkt ist noch ungewiß." 

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(Sie werden schon unseretwe^a keinen Ton von dieser 
Mitteilung verraten.) 

leb antwortete Spitier: „Ich weiß alles, was eine lo- 
gische Schlußfolgerung aus bekannten Prämissen ist." 
Mehr sagte ich ihm natürlich nicht. 

NuD erkenneo Sie wohl, was damit für meinen Plan 
gegeben isti 

Die blc^ Liquidation wSre ein blödsinniger Selbst- 
mord. Ich will die Selbstvernichtung dieser ungeheuren 
Kreditperson für unseren historischen Zweck verwenden. 
Ich will ihr in den Arm fallen: „Haiti Verwenden Sie 
Ihren Selbstmord für eine welthistorische Aufgabel Und 
bereichern Sie sich dabei noch einmal, wie nie vorher 1" 

Das ist in der Ausführung umfangreich, aber im Ge- 
danken ganz einfach. 

Sie sagten : „EU war eine Narreschkat, an Albert Roth- 
schild diesen unbestimmten Brief zu richten." 

Ja, daß der ein solcher Parach ist, konnte ich nicht 
wissen. 

Größere Herren als dieser Protz haben sich in Paris 
mit mir eingelassen. Wenn ich den MinisterprSsidenten 
oder Minister des Auswärtigen besuchte, gab er dann seine 
Karte bei mir ab, u. dgl. m. Als ich dem Expräsi- 
denten der Republik, Casimir Parier, schrieb, antwortete 
er mir sofort und verbindUch. 

Daß also dieser Judenjunge von schnOder Arroganz ist, 
beweist meine Narretei nicht. 

Bei unserer Verabredung bleibt es übrigens. Ich werde 
nichts mehr tun, ohne mich vorher mit Ihnen beraten 
zu haben. Zunächst werde ich mit Ihnen die Art und 
Weise besprechen, wie ich Bacher die Sache vorlegen soll. 

Nach reiflichem Nachdenken finde ich, daß Bacher 
jetzt der nötige Mann ist. 

273 ^ 



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Ich werde iho bitten, mir einen ganzen Sonntag für 
eine hochwichtige Sache zu widmen, ihm alles erklären; 
und er soll entscheiden, ob er das für Tat oder Schrift 

halt. 

Gewinne ich ihn für die Tat, so stellt er uns eine Schar 
Männer zusammen (er ja auch dabei), die AuloritSt und 
Macht genug zur Verwirklichung haben. 

Hält er 's für einen Roman, so wird es ein Roman. 

Freilich für ihn, wie für jeden, an den ich die Frage 
stelle, eine recht ungemütlich große Verantwortung. 

Aber an dieser historischen Sache mitzuwirken, w&re 
ja für jeden eine gewaltige Ehre. Und ohne Gefahr gibt 
es keine Ehre. 

Die Macht meiner Idee sehen Sie schon daran, daß man 
sich ihr nicht entziehen kann, wenn ich sie ausspreche. 
Durch Ja wie durch Nein engagiert man sich aufs 
schwerste. 

Brauche ich Ihnen zu sagen, wie wert Sie mir in Mün- 
chen geworden sind? 

Sie haben es bemerkt, gefühlt. 

Ich grüße Sie in herzlicher Verehrung 
Ihr aufrichtig ergebener 

Herzl. 



20. September, Wien. 
Es ist seit der letzten Eintragung eine große Anzahl 
kleiner Dinge dagewesen, die ich in einer eigentümlichen 
Schreibtorpeur vorübergehen ließ, ohne sie zu verzeich- 
nen. Ich will das jetzt pragmatisch nachtragen, freilich 
ohne die Frische des Augenblicks, die ich mir ja für eine 
spätere Erinnerung beim Eröffnen dieses Buches kon- 
servieren wollte. 

>8 Henli TksebOchar I. 3^3 



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VoD Aussee ging ich anfangs September nach Wien. 
Gleich im Verlauf meiner ersten Unterredung mit Bacher, 
die ich am ersten Tag hatte, erkanote ich, daß er für 
meine Ideen absolut unempfänglich sein werde, ja sie 
vielleicht aufs entschiedenste bekimpfen würde. Darauf- 
hin gab ich sofort dem GesprSch eine Wendung und 
führte es theoretisch. 

Bacher hält die antisemitische Bewegung für eine vor- 
übergehende, allerdings „unangenehme". 

Als ich ihn auf die Proletarisierung unseres ganzen ge- 
bildeten Nachwuchses aufmerksam machte, gab er zu, 
daß es eine „Kalamität" sei — aber dieses Proletariat 
werde sich durchringen oder untergehen, wie andere Pro- 
letariate. 

Ich ging dann einigermaßen verstimmt mit den zwei 
Kollegen Oppenheim und Dr. Ehrlich zu Tisch. Natürlich 
war wieder die Judenfrage unser Gegenstand. Sie be- 
griffen meine allgemeine Auffassung besser als Bacher, 
der, wie sie sagten, zumeist christlichen Umgang habe, 
durch Frau und Verwandtschaft. Sie teilten auch meine 
Besorgnisse für die oäcbste Zeit. 

Ich fuhr dann nach Baden, wo ich Öfters mit Güde- 
mann zusammenkam. 

Er war seit München ein bißchen lau geworden, 
aber ich brachte seinen Enthusiasmus wieder auf die 
Beine. 

Bei Güdemann disputierte ich einmal einen alten Rab- 
biner, namens Fleißig, an die Wand. Dieser alte Herr 
trägt Stiefelhosen und langen Leibrock, der ein verschäm- 
ter Kaftan ist; und so antiquiert ist auch sein scharf- 
sinnig beschränktes Denken. Diese Art Juden vollbringt 
im Käfig ihrer Weltauffassung die Tausendmeilen- Wan- 
derungen von Eichhörnchen auf der Spule. 

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Seine SOhne sind bekannte Schachspieler. Und so ha- 
hen wir uniShlige Köpfe voll von borniertem und nutzlos 
verfließendem Scharfsinn. 

Mit Gfidemann kam ich überein, die Sache Dr. Ehrlich 
als einem Finanzfachjournalisten vorzulegen. 

Ich fuhr einen Sonntag zu Ehrlich hinüber nach Vöslau, 
und nachdem ich ihm auf sein Stillschweigen das Ehren- 
wort abgenommen hatte, nahm ich ihn her. 

Zwei Stunden vor und zwei Stunden nach dem Essen 
saßen wir io einem Gartenhfiuschen, auf das die Soone 
heiß brannte; und ich las ihm die „Rede an den Fami- 
lienrat" vor. 

Resultat: er war ergriffen, erschüttert, hielt mich 
durchaus nicht für verrückt, und hatte eigentlich keine 
finanztechnische oder nationalökonomische Einwendung. 
Was er doch einwarf, zeigt mir nur, daß er meinen Ent- 
wurf vollkommen ernst nahm; Beispiel: er sei Gegner 
des Börsenmonopota. 

Er gab mir endlich die positive Antwort, die ich ge- 
wünscht und auch so, wie sie kam, kommen gesehen hatte. 

Ob Bacher und Benedikt oder einer von beiden wohl 
für die Sache zu gewinnen wSren? Ja oder Nein. 

Ehrlich meinte: Nein. 

Wer in Wien wohl sonst dafür zu haben wfire? Ehrlich 
weiß keinen hervorragenden und bekannten Juden dafür. 

Er glaubt, daß die Sache große Gefahren für die Juden 
heraufbeschwören könnte: nämlich bei der Auswande- 
rung könnte es zu Verfolgungen kommen. 

Nun zeigt mir gerade diese Besorgnis Ehrlicha, wie 
recht ich auf den wichtigsten Punkten habe. Denn wenn 
es mir gelingen kann, die Frage akut zu machen, so ist 
dies das einzige wirksame Machtmittel, und zwar ein 
fürchterliches, über das ich verfüge. Darum darf ich es 

>8» 375 



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auch vorläufig uicht als Schrift, sondern muß es als 
Aktion machen. 

Schließlich bat mich Ehrlich, aufzuhören, denn die 
Auseinandersetzung habe ihn zu schwer angestrengt. 

Er selbst sei mir gewonnen. Er ginge gleich mit Kind 
und Kegel mit. 



Das erzfihlte ich so anderen Tages GOdemann. Mir war 
Ehrlichs Gutachten erfreulich und wichtig, wenn er mir . 
auch die unmittelbare Verwirklichung durch Bacher und 
Benedikt als ganz unwahrscheinlich erklSrt hatte. 

Inzwischen hatte Güdemann den Besuch eines Pariser 
Mitgliedes der Alliance Isra^lite erhalten. Von diesem 
Herrn Leven erzählte Güdemann Wunder, was er für ein 
bekümmerter und dabei begeisterter Jude sei. Das wäre 
so der Mann, dem man die Sache vortragen müßte; der 
kjlnnte dann in Paris dafür wirken. 

Leider war Leven, nachdem er an einer Sitzung der 
Wiener Alliance Isra^lite (die mit der Pariser nichts zu 
tun hat) teilgenommen, abgereist. 

Ich telegraphierte ihm in Güdemanns Namen nach: 
„Einer meiner Freunde wünscht Sie in dringender Sache 
zu sprechen und ist bereit, Ihnen nach Salzburg nachzu- 
reisen." 

Am anderen Tag kam die Amtsdepesche, Adressat sei 
unfindbar in Salzburg, 

Wir hatten den Zwischenfall Leven schon wieder ver- 
gessen, da bekam Güdemann heute vor acht Tagen Le- 
vens Antwort; er erwarte den Freund Güdemanns in 
Salzburg oder München. 

Güdemann kam zu mir in den Herzogshof, war ganz auf- 
geregt, und seine Frau, die von der Sache wisse und be- 



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geistert sei, wfire auch ganz aufgeregt. Sie sehe eine 
günstige Vorbedeutung darin, daß gerade heute, vier 
Wochen nach Güdemanns Abreise, ich wieder nach Hün- 
chen fahre und zwar wieder nach den „Vier Jahreszeiten". 

Nun fuhr ich freilich nur nach Salzburg. 

Gleich sah ich Levens richtigen Typus: eine schwer 
bewegbare aber wohlwollende Natur, misoneistisch und 
des Umdenkens und Umlernens schwerlich fähig. Hier 
wiederholt sich die Erfahrung mit Hirsch. Die schon 
Versuche mit den Juden, Zion u. dgl. gemacht haben, 
sind schwer herumzudrehen. 

Das NationalOkonomische darin versteht Leven über- 
haupt nicht. Er hat noch ganz kümmerliche volkswirt- 
schaftliche Vorstellungen. 

Er weiß nicht, wovon die ausgewanderten Juden leben 
werden. Er meint, daß sie jetzt auf Kosten der „Wirts- 
völker" leben, was eine bedeutende Elselei ist. Leicht od 
abturdam zu führen. Im Güterlebea gibt's ja nicht immer 
dieselben Sachen, die rundlaufen ; sondern es werden neue 
Güter erzeugt. Ich behaupte, daß wir mehr erzeugen als 
die „Wirte" und unendlich viel mehr erzeugen würden, 
wenn es uns gestattet wSre, reich zu werden. 

Dennoch war auch die Unterredung mit Leven nicht 
nutzlos. Er gab mir den Großrabbiner Zadok Kahn in 
Paris als den nächsten Mann an, an den ich mich wenden 
müsse. 

Zadok sei begeisterter Zionist, teile manche meiner 
Ideen, die durchaus keine isolierten seien. 

Das war mir das Liebste an Levens Worten, und ich sagte : 

„Ich will ja gar kein Erfinder sein. Je mehr Leute mei- 
nen Allerweltsgedanken haben, desto lieber ist es mir." 

Leven meinte, daß ich besonders in Rußland viele An- 
hSnger finden würde. Dort habe auch in Odessa ein 

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Mann namens Pinsker gelebt und für dieselbe Sache, 
nSmlich die Wiedererlangung einer eigenen Judenheimat, 
gestritten. Pinsker ist leider schon tot. Seine Schriften 
sollen merkwürdig sein. Werde sie lesen, sowie ich Zeit 
hahe. 

Ein anderer Jude in England, der Oberst Goldsmid, 
sei auch ein begeisterter Zionist, habe Schiffe chartern 
wollen, um Palästina wieder zu erobern. 

Den Oberst will ich mir merken. D^ sind alles Be- 
stfitigungen für mich. Wir haben das wunderbarste Men- 
schenmaterial, das sich nur denken läßt. 

Leven hatte sich die „Rede an den Familienrat" nicht 
bis EU Ende vorlesen lassen. Als er Zeichen der Ungeduld 
gab, hörte ich auf zu lesen und trug ihm die Sache kon- 
tradiktorisch mit seinen Einwendungen vor. 

So ging wohl manches Detail verloren; aber ich glaube 
ihn doch mit den Hauptzügen vertraut gemacht zu haben. 
Das Ökonomische versteht er freilich absolut nicht, und 
da ist der Leuchtkern des Ganzen. 

Dennoch glaube ich auch Leven gewonnen zu haben, 
soweit eine solche schwerflüssige Natur für eine Sache 
der Begeisterung gewonnen werden kann. 

Ich reiste dann zurück. 



In Wien waren am Tag vor Erew Rausch haschonob die 
Gemeinderatswahlen. Alle Mandate fielen den Antise- 
miten zu. Die Stimmung ist eine verzweifelte unter den 
Juden. Die Christen sind schwer verhetzt. 

Laut ist die Bewegung eigentlich nicht. Für mich an 
den Llrm von Pariser Bewegungen Gewöhnten ist sie 
sogar viel zu still. Ich finde diese Ruhe unheimlicher. 
Dabei sieht man überall Blicke des Hasses, auch wenn 



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man sie nicht mit der lauernden Angst eines Verfolgungs- 
wahnsinnigen in den Augen der Leute sucht. 

Ich war am Wahltag in der Leopoldstadt vor dem Wahl- 
lokal, sah mir ein bißchen den Haß und Zorn in der 
Nähe an. 

Gegen Abend ging ich auf die Landstraße. Vor dem 
Wahlbaus eine stumme, aufgeregte Menge. Plötzlich 
kam Dr. Lueger heraus auf den Platz. Begeisterte Hoch- 
rufe; aus den Fenstern schwenkten Frauen weiße Tücher. 
Die Polizei hielt die Leute zurück. Neben mir sagte einer 
mit zSrtlicher W&rme, aber in stillem Ton: „Das ist unser 
Führer I" 

Mehr eigentlich als alle Deklamationen und Schimpfe- 
reien hat mir dieses Wort gezeigt, wie tief der Antisemi- 
tismus in den Herzen dieser Bevölkerung wurzelt. 

W. September, Wien. 
Soeben war der Cbefadministrator der Presse.Dr.Glogau, 
bei mir und trug mirdieChefredaktion eines neuenBlattesan. 
„Ich bin unter Umständen dafür zu haben", sagte ich. 

15. Okiober, Wien. 

Verschiedene Schritte und Rückschritte. 

Mit Güdemann ein paarmal gesprochen. Ich finde ihn 
inuner wieder erlaut und heize ihm jedesmal ein. Zu 
irgendeiner Bemühung ist er nicht zu haben. Er ist einer 
der vielen, die mitgehen werden, wenn alle gehen. Zum 
Vorau^iehen kein Mut. 

Die Verhandlungen wegen der Zeitung dauern. Ich 
kann die Chefredaktion nur annehmen, wenn meine Un- 
abhängigkeit gesichert ist. 

Mit Professor Singer gesprochen, der auf mich schon 
bei seinem ersten Besuch in Baden den Eindruck gemacht 
hatte, daß er ein Tageshiatt machen will. 



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Ein Blatt brauche ich unbedingt für die Sache. 

Singer ist im Prinzip bereit, mit mir ein Blatt zu ma- 
chen. Ich setzte ihm die Fuodierung durch Inserate — 
gleichsam den Keller — und die Judenidee — den Turm 
— auseinander. 

In der Judensacbe geht er bis zu einer gewissen Grenze 
mit. Die völlige Evakuierung der jetzigen Wohnorte hfilt 
er nicht für wünschenswert, noch für möglich. 

Das wSre kein Hindernis unserer Verständigung. 

Aber er will ein scharf oppositionelles Blatt. Das wSre 
gegen meinen Zweck. Ich will unabhängig, aber gemä- 
ßigt sein, sonst macht mir die Regierung Schwierigkeiten, 
welche die ganze Judensacbe gefährden. 

Ich werde also auch mit Singer nichts machen dürfen. 
Ihm ist es übrigens, wenn ich ihn recht verstehe, nur um 
ein niederösterreichisches Abgeordnetenmandat zu tun. 



18. Oktober. 

Gestern abend mit dem Bankdireklor Dessauer drei 
Stunden gesprochen — und habe ihn gewonnen. 

Er hSlt die Finanzierung der Judenwanderung durch 
die Mittelbank für möglich. Auf die Rothschilds sei 
nicht zu rechnen. 

Er möchte die Society mit nur vier MUIioDen Pfund an- 
fangen und spätere Emissionen vorbehalten. Auch solle 
nicht das ganze Terrain gleich erworben werden. Er 
möchte klein anfangen. 

Ich sagte ihm: Dann lieber gar nicht. Eine allmäh- 
liche Infiltration von Juden — wo immer — ruft bald 
den Antisemitismus hervor. Es muß dann der Augenblick 
kommen, wo man weitere Zuzüge verhindert und damit 
unser ganzes Werk zerstört. 

3äO 



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Anders ist es, wenn wir von vorDherein unsere Selb- 
stSadigkeit erklären. Dann wird das Nachströmea von 
Juden den Nachbarstaaten, deren Verkehr wir bereichem, 
im höchsten Grade erwünscht. 

Dessauer findet, daß es „eine schöne Sache" und ein 
„gutes Geschäft" wäre. Ich glaube, das werden alle Ju- 
den rasch erkennen — und damit ist der Staat gegründet. 
D. meint auch, man müsse es den Rothschilds nur als 
Geschäft, nicht als nationale Idee beibringea. 

Bemerkenswert: wie jeder bisher, sagte auch Dessauer: 
„Mich können Sie dazu haben, aber ich zweifle, daß Sie 
noch andere in Wien finden." Und doch leuchtet's 
jedem ein, wenn ich's sage. 

Auch das Aufglänzen der Augen bei Dessauer gesehen. 
Ich begeistere jeden, mit dem ich über die Judensache 
spreche I 

19. Oktober. 
Noch einmal mit Dessauer gesprochen. Er war in- 
zwischen „flau" geworden. 

Erledigt. 

20. Oktober. 
Heute war Benedikts „Börsenwoche" ausgezeichnet, 

gegen die großen Juden, die unternehmungsfaul und eng- 
herzig sind. Ganz in meinem Sinn. 

Da war plötzlich mein Entschluß fertig : Benedikt für 
die Sache zu gewinnen I 

Sofort fuhr ich zu ihm, warf mich sofort medias in res. 

Er verstand mich gleich so gut, daß er ein unbehag- 
liches Gesicht machte. 

Wir gingen sprechend bis nach Mauer — dreistündiger 
Fußmarsch Ober herbstliche Felder. 

Ich sagte, daß ich es am liebsten in und mit der Neuen 
Freien Presse machen möchte. 



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Er: „Sie stellen uns vor eine ungeheuer große Frage. 
Das ganze Blatt bekäme ein anderes Ausseben. Wir gal- 
ten bisber als Judenblatt, haben das aber nie zugestanden. 
Jetzt sollen wir plötzlich alle Deckungen, hinter denen 
wir standen, aufgeben." 

Ich : „Sie brauchen keine Deckung mehr. In dem Augen- 
blick, wo meine Idee publiziert wird, ist die ganze Juden- 
frage ehrlich gelöst. Wo man sich unsere gute Staats- 
bürgerschaft und Anh&ngUchkeit an das Vaterland ge- 
fallen lassen will, können wir ja bleiben. Wo man uns 
nicht mag, ziehen wir ab. Wir sagen ja, daß wir Oster- 
reicher sein wollen. Die Mehrheit, nein, alle Staatsbürger, 
die nicht Juden sind, erklären bei der Wahl, daß sie uns 
nicht als Deutsch-Österreicher (Russen, Preußen, Fran- 
zosen, Rumänen usw.) anerkennen. Gut, wir ziehen ab; 
wir werden aber drüben auch nur Österreicher (Russen 
usw.) sein. Wir geben unsere erworbenen Nationalitäten 
so wenig auf, wie unser erworbenes Vermögen." 

Er machte verschiedene mir schon bekannte Einwen- 
dungen, freilich in einer höheren Form als die Juden, 
mit denen ich bisher gesprochen. Ich hatte auf alles eine 
Antwort. 

Er behandelte die Sache durchaus als eine ernste, hielt 
mich gar nicht für verrückt, wie mein erster Zuhörer, 
mein armer S . . ., in Paris. Er anerkannte, was in meiner 
Idee alt, d. h. Allerweltsgedanke, und neu, d. h. sieg- 
verheißend ist. Er meint nur, die Regierungen würden 
sofort mit einem Ausfuhrverbot und Auswanderungs-Er- 
schwerungen antworten. Darum gründe ich ja eben die 
Society, die in der Lage sein wird, mit den Regierungen 
zu verhandeln, Entschädigungen zu bieten usw. 

Ich solle den Herausgebern einen Vorschlag machen, 
wie ich mir die Ausfüharung denke, sagte er. 

382 



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Ich : „Es gibt zwei Formen. Entweder Sie gründen mir 
neben der Neuen Freien Presse ein kleineres Blatt, wo 
ich den Gedanken ausffibre. Oder Sie geben mir eine 
Sonntagsnummer, wo auf der ersten Seite ,Die Lösung 
der Judenfrage, voa Dr. Theodor Herzl' erscheint. Ich 
mache aus dem Entwurf einen Extrakt, der sechs oder 
neun SpalteD füllt. Dann erscheinen die Details, Fragen 
und Antworten — denn das ganze Judentum fordere ich 
zur Mitarbeit auf, und es wird mitarbeiten — in einer 
neuen Rubrik ,Die Judenfrage', die ich redigiere. 

Nie hat eine Zeitung etwas Interessanteres enthalten. 
Ich allein trage die Verantwortuüg. Sie können vor mei- 
nen Entwurf eine Reservation der Zeitung hinstellen." 

Er: „Nein, das wftre eine Feigheit. Wenn wir es brin- 
gen, sind wir mit Ihnen solidarisch. Ihr Gedanke ist 
eine fürchterliche Mitrailleuse, die aber auch nach hin- 
ten losgehen kann." 

Ich: „Furchtsam darf man nicht sein. Jeder wird sich 
übrigens seinen Platz wShlea können: ob vor oder hinter 
der Mitrailleuse." — 

Wir redeten und gingen uns müde. Benedikt wird Ba- 
cher in die Sache einweihen. Dann werde ich beiden in 
der nScbsten Woche meine Rede an die Rothschilds vor- 
lesen. 

Benedikt möchte, daß die Sache irgendwie von außen 
in die Neue Freie Presse gebracht werde — etwa durch 
fiktive Gründung eines Vereins, in dem ich diese Rede 
halten könne. Ich bin dagegen. Ich brauche dazu von 
vornherein eine Zeitung — nimlich, wenn ich die Sache 
nicht durch ein Rothscbildsches Syndikat „aristokratisch" 
machen kann. 

In Vereins-Salbadcreien lasse ich mich nicht ein. 



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Dieser Spaziergang nach Mauer — ich sagte es Bene- 
dikt, als wir zurückfuhren — war ein historischer. 

Ich kann mir nicht verhehlen, daß auch für mich 
selbst eine entscheidende Wendung damit eingetreten ist. 
Ich habe mich selbst in Bewegung gesetzt. Alles Bisherige 
war Träiunerei und Gerede. Die Tat hat begonnen, weil 
tob entweder die Neue Freie Presse mit mir oder gegen 
mich habe. 



Ich werde der Parnell der Juden sein. 

27. Oktober. 

Heute war Dr. Glogau hei mir und brachte eine Stunde 
spftter Herrn v. Kozmian, den Vertrauensmann des Gra- 
fen Badeni zu mir. Sie machten mir den formellen An- 
trag, die Chefredaktion des neuen großen Regierungs- 
blattes zu übernebmen. 

Im Hinblick auf meine Judensache kann ich nicht, wie 
ich es froher — vor der Idee I — sicher getan hätte, diesen 
Antrag einfach zurückweisen. Eine unerhofft, unerhört 
günstige Chance für die Ausführung meiner Idee eröff- 
net sich. Einmal in der Nähe des Grafen Badeni, kann 
ich ihm meine Idee vertraulich entwickeln. Sie ist ja 
ebenso Christen- als judenfreundlicb, für den konservier- 
ten und konservativen Staat ebenso fruchtbringend wie 
für den neuzugründeoden. Ich kann dem Grafen Badeni 
die „idM mattrease" seiner Regierungszeit bringenl 

Schon scheint Badeni eine gute Meinung von mir zu 
haben, wie ich aus den Andeutungen Kozmians, der ein 
feiner alter Mann ist, herausfühle. 

Badeni, sagt mir Kozmian, will durchaus nicht gegen 
die Liberalen regieren, wenn er nicht gezwungen ist, (ich 

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verstehe: wenn sie sich ihm fügen), aber man kann nicht 
wissen. „II ne s'en ira pasi" sagte Kozmian schließlich. 

Ich antwortete : „Ich könnte ja mit dem Grafen gehen, 
solange es mit meinen Überzeugungen verträglich ist — 
et paia je m'en irais." 

Wir kamen üherein, daß ich den Antrag den Heraus- 
gebern Bacher und Benedikt noch heute — tecto et ficto 
nomine — bekanntgebe. Denn ich will schicklicherweise 
nicht mit dem fait accompli vor sie hintreten. Doch er- 
klärte ich meinen beiden Antragstellern, daß ich diese 
Verständigung nicht vornehme, um für mich kompen- 
satorische Geldvorteile herauszuschlagen. 

Glogau verstand nicht recht, was ich ihnen dann 
eigentlich daran mitteile. Meine Anzeige habe doch nur 
einen Sinn, wenn ich Abstandsvorteile erzielen wolle. 
Kozmian aber begriff oder sagte, er begreife : daß ich mo> 
raliscbe Rücksichten nehme. 

Tatsächlich ist dies ja mein einer Grund, hinter dem 
freilich noch eine grOßere moralische Rücksicht : die auf 
meine Idee verborgen ist. 

Und so liegt diese delikate Gewissensfrage für mich: 

Ich beweise den Herausgebern der Neuen Freien Presse 
meine Dankbarkeit dadurch, daß ich nicht ohne weiteres 
mit dem (mir äußerst sympathischen) Grafen Badeni 
gehe, um mit seiner Hilfe die Judenidee zu verwirklichen. 
Ich biete sie zuerst ihnen an, wodurch ich ihnen Ruhm 
und Reichtum bringe — nach meiner Ansicht — und 
selbst auf die große Gefahr hin, daß ich meine Idee lang- 
samer oder gar nicht realisiere. Verstehen sie mich nicht, 
dann bin ich frei, ja verpflichtet, mich von ihnen zu 
befreien. 

Ich kam mit Kozmian und Glogau überein, daß ich 
innerhalb 3& Stunden meine Entscheidung bekanntgebe. 

385 



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Sofort fuhr ich zu Beoedikt, der nicht lu Hause war, 
und erbat mir von Bacher brieflich eine Unterredung für 
den Abend. 

Nachmittags ging ich zu Benedikt und setzte ihm die 
Sache, deren Vorbedingung — die Judensacbe — er ja 
schon kennt, auseinander. 

Er fand die Situation schwer, kompliziert, die Ent- 
scheidung auch für die Neue Freie Presse ungeheuer 
ernst. 

Ich hatte vorausgeschickt und betonte wiederholt auf 
das nachdrücklichste, dafi ich für mich keinerlei persön- 
lichen Vorteile wolle; daß ich, selbst wenn man sie mir 
jetzt anböte, eine Geldkompensation — Gehaltsaufbesse- 
rung oder dgl. — entschieden ablehnte. 

Ich führe die Judensache vollkommen unpersönlich. 
Die Neue Freie Presse hat sich zu entscheiden, ob sie mir 
zur Realisierung helfen wolle oder nicht. Ich brauche 
eine Autorität gegenüber der Welt, die ich mit meiner 
Idee hinreißen will. Ich würde aus Dankbarkeit für die 
Neue Freie Presse, die meine Karriere wenn schon nicht 
machte, so doch ermöglichte, am liebsten mit meinen jet- 
zigen Freunden gehen. Aber ich mache die Politik der 
Juden und kann mich von persönlichen Rücksichten nicht 
zum Aufgeben meiner Idee bestimmen lassen. 

Benedikts Verstand leuchtete wieder. Er besprach — 
„laut denkend", und ohne daß ich ihm antworten solle 
— die Blattform, um die es sich handeln könne. Sofort 
erwähnte er die alte „Presse", die, wie er gehört habe, um- 
gestaltet werden solle. Dann die Eventualität eines „Ju- 
denblattes", dann eines Konkurrenzblattes für die Neue 
Freie Presse mit großem Gründungskapital. So beriet 
er mich, ohne mich zu fragen. 

Schließlich, meinte er, sei es eine persönliche Frage. 

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Ob ich meinen geebneten Weg als angesehener Schrift- 
stellw in der Neuen Freien Presse weitergeben wolle, 
bequem, behaglich, um sieben Uhr aus dem Bureau und 
weiter keine Sorgen. Oder ob ich mir mein Leben so zer- 
stören wolle, wie er und Bacher es getan — keinen Tag, 
keine Nacht mehr haben? 

Ich sagte: „Ich bin kein bequemer Mensch. Jetzt kann 
ich noch zwanzig Jahre die Welt zusammenreißen. Um 
Geld zu gewinnen, tfite ich es nicht. Aber ich habe meine 
Ideel" 

Benedikt sagte endlich: „Ich persönlich bin mit Ihrer 
Idee im großen und ganzen einverstanden. Ob es das 
Blatt sein darf, kann ich nicht entscheiden. Ich wage 
es nicht. Ihre Idee ist für uns eine Bombenidee. Ich 
meine, Sie sollten es zuerst mit der Gründung einer lo- 
ciiU d'itude» in Paris oder London versuchen. Wir wer- 
den Ihnen dazu einen Urlaub geben und Sie persönlich 
mit unserem Einfluß unterstützen. Ob wir in absehbarer 
Zeit oder überhaupt jemals die publizistische Vertretung 
übernehmen, weiß ich nicht, und ich glaube, wir können 
es Ihnen nicht versprechen. Es wird vielleicht einmal zu 
schweren antisemitischen Ausschreitungen kommeo.Mord, 
Todschlag, Plünderung — dann werden wir vielleicht 
ohnehin gezwungen sein, Ihre Idee zu benützen. £^ ist 
damit immerbin der Punkt gegeben, hinter den wir sprin- 
gen und uns retten können. Aber sollen wir Ihnen sagen, 
wir werden es tun, und Sie damit vielleicht in eine TSu- 
schung führen, die Sie uns später vorwerfen würden?" 

Ich ging dann zu Bacher, der aber zur Parteikonferenz 
der Vereinigten- Linken mußte. Ich konnte ihm in der 
Eile nur sagen, daß ich einen Antrag habe. Alles nfihere 
wisse Benedikt schon. Er war oder zeigte sich betroffe- 
ner als Benedikt. Wir nahmen für morgen Rendezvous. 



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Dann schrieb ich Glogau einige Worte und bat um 
34 Stunden Aufschuh. Sie werden vermuten, daß ich 
doch kompensattnische Verhandlungen führe. So pein- 
lich mir dieser Geldverdacht ist, kann ich mir doch nicht 
helfen. 

28. Qfttofrcr. 

Gut ausgeschlafen, gut überschlafen. 

Heute ist ein noch größerer Tag als gestern. Ich stehe 
vor einer ungeheuren Entscheidung — und mit mir die 
Judensache. Und die Neue Freie Presse auch. 

Sie werden mich verstehen. Sapero» movebol 

Tatsächlich hat die Judenschlacht zwischen mir und 
den mSchtigen Juden schon begonnen. 

Ich dachte mir zuerst, daß ich die Rothschilds vor das 
Dilemma stellen müsse. Aber die erste Schlacht muß ich 
der Neuen Freien Presse liefern. 

Abends. 

Die Schlacht ist geliefert und verloren — für wen? 

Von 5 — 8 Uhr abends las ich Bacher in seiner Woh- 
nung die Rede an die Rothschilds vor. 

Wenigstens das war erreicht, daß er, der mich vor 
einigen Wochen a limine abgewiesen, mich jetzt anhörte 
— und wiel 

Er, der Ablehner, war auch ganz anders geworden. Er 
fand die Idee groß und erschütternd. Aber er könne sich 
doch nicht von einem Augenblick auf den anderen über 
eine so ungeheure Lebensfrage des Blattes entscheiden. 

Er stellte mir vor, was ich verliere, wenn ich von der 
Neuen Freien Presse weggehe. 

Sie brauchen mich eigentlich nicht, haben aber doch 
den Posten des Feuilletonredakteurs geschaffen, als ich 
nicht in Paris bleiben wollte. 



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Meine Judenidee fand er generös — aber schwerlich 
ausführbar. Die Neue Freie Presse riskiere zu viel. Die 
Juden werden vielleicht darauf nicht eingehen — und 
was dann? 

Ich stellte ihm vor, daß die Neue Freie Presse dieser 
Frage nicht werde ausweichen können. Sie werden früher 
oder spSter Farbe bekennen müssen. 

„Ja", meinte er, ,,vnr haben auch zwanzig Jahre lang 
nichts von der Sozialdemokratie gesprochen." 

Das war eigentlich »ein merkwürdigstes Wort. 

Von da ab war es und ist es klar, daß ich für die Sache 
nichts von der Neuen Freien Presse tu erwarten habe. 

Was man der Neuen Freien Presse als Kurzsichtigkeit 
zum Vorwurf gemacht hatte: daß siedenAntisemitismus*) 
so lange totschwieg — war ihre Politik I Ich sagte : „Diese 
Sache werden Sie schließlich ebensowenig verschweigen 
können, wie den Antisemitismus*)." 

Wir waren schon auf der Gasse und gingen der Re- 
daktion zu, als ich das sagte. Er murmelte wie im 
Selbatgesprfich vor sich hin : „Es ist eine verfluchte Ge- 
schichte 1" 

Ich antwortete: „Ja, es ist eine verfluchte Ideel Man 
kann ihr heute nicht entrinnen. Mit Ja wie mit Nein en- 
gagiert man sich furchtbar." 

Er darauf: „Es ist etwas Großes, und ich begreife, daß 
ein anstSndiger Mensch sein Leben daran setzen vnll. Ob 
Sie noch viele solche Herzls finden werden, möchte ich 
bezweifeln." 

Resultat: sie können sich nicht zu dem herzhaften 
Schritt entschließen. Ich wieder kann mich und meine 
Idee im Vormarsch nicht aufhalten lassen. Eis wird also 
nichts übrigbleiben, als zu scheiden. — 

•) Wohl für „Soiialümus" verschrieben. 
19 Hsnli TMWbflobei I. aSo 



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Bacher hatte gefunden, die Rede an die R's sei inter- 
essant, nicht gründlich. Ea sei eine Lassallesche Agitation. 
Er wisse wohl, daß die Sache etwas Ungeheures sei. Er 
schlage vielleicht einen großen Erfolg und den Ruhm 
aus. 

* * * 

S9. OkU^>er. 

Kozmian und Gh^au erschienen gleich in der Frühe 
bei mir. Sie gratulierten mir zu meinem — bevorstehen- 
den — Entschluß. 

Ich sagte, daß ich zuerst noch mit dem Grafen Baden! 
sprechen müsse, bevor ich mich entschließe, ob ich die 
Chefredaktion annehme. 

* « * 
Abends. 

Wieder alles in Frage. Ich hatte die Bedingung gestellt, 
daß mir das Blatt nach Jahresfrist übei^eben werden 
müsse, wenn es die Zeitimgsgesellschaft nicht weiter füh- 
ren wolle. 

Mein Gedanke dabei : daß ich das Blatt dann für meine 
Judensache habe, wenn ich nicht vorher schon den Gra- 
fen Badeni für meine Idee gewinnen konnte — oder bei 
den großen Juden die nötige Autorität erlangt hätte. 

Aber darauf will der Preßleiter Hofrat Freiberg nicht 
eingehen. Er reklamiert das Blatt, wenn 's schlecht geht, 
für die Regierung. 

Das hätte auch den Übelstand, daß ich vom Preßbureau 
abhängig werde. Ich will aber nur einsig und allein mit 
Badeni, nicht mit seinen Hofräten, gehen. Die persönliche 
Beziehung zu Badeni — d. h. ihr Wert für die Juden- 
sache — ist's ja, warum ich überhaupt das Regierungs^ 
blatt führen will. 

»90 



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Das habe ich auch Kornuan geantwortet. Wenn ich 
nicht im Fall des Gelingens immer direkt mit Badeni 
verkehren — und im Fall des Mifilingens das Blatt für 
mich bebalten kann, so tue ich gar nicht mit. 

30. Oktober. 

Morgens kam Koimian, um mich zur Audienx bei Ba- 
deni abzuholen. 

Er fragte: „Gehen wir lu Badeni?" 

Ich sagte: „Nein — wenn meine Bedingung nicht er- 
fölll wird." 

Da lenkte er ein: „Kommen Sie dennoch mit, ich werde 
Sie dem Ministerprftsidenten nicht als Chefredakteur vor- 
stellen, nur als den früheren Pariser Korrespondenten 
der Neuen Freien Presse." 

Wir fuhren also ins Ministerium. Ich war zum ersten- 
mal in einem österreichischen Ministerpalast. RSume von 
großem Stil, aber kahl und kühl. Auf der Treppe ver- 
glichen wir das mit den französischen Regierungspalfisten. 
^a manque de tapis", sagte ich zu Kozmian ; ich suchte 
Oberhaupt durch Scherze meine Contenance zu erhalten 
für die entscheidend wichtige erste Begegnung mit dem 
Mann, durch den ich den Juden helfen will. 

Gleich nach den Exiellenzen kamen wir vor. Die übri- 
gen Wartenden im Vorzimmer schauten auf, als sie un- 
seren Vorrang bemerkten. 

Hofluft I 

Badeni eilte uns entgegen, begrüßte mich sehr frisch 
nnd munter. Offenbar ein gescheiter, energischer Mensch. 

Er machte mir viele Komplimente. Von der aufge- 
tauchten Schwierigkeit hatte er schon gehört; und da er 
Tcnn neuen Blatte sprach, tat ich es auch. 

Ich sagte: „Ce ne sont pas des considirations p£cu- 

•9* 391 



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niaires qiii peuvent me d^ider ä accepter la directioa du 
Journal." 

Wir sprachen nur Französisch. 

Badeni fand es begreiflich, daß ich nicht von den Hof- 
rSten abhängen wolle. Er bat mich, Freiberg nicht zu 
mißtrauen, mich gegen ihn nicht verhetzen zu lassen. Ich 
würde selbstverständlich nicht ins Preßbureau gehen müs- 
sen, sondern meine Leute aax informationt schicken. 
Wenn er (Badeni) aber Freiberg oder Schill zu mir 
schicke, möge ich sie nicht kühl empfangen. 

Das sagte ich zu. Ich wünschte aber nur den direkten 
Verkehr mit ihm. 

„Ihre jetzige Politik, Exzellenz, glaube ich vertreten 
zu können, und wenn ich mit Ihnen gehe, je vous serai 
im partisan risolu et sincire. Es ist möglich, daß ich 
an einem gewissen Punkt nicht weiter mit kann — so 
werde ich es Ihnen freimütig sagen und meiner Wege 
gehen. Wenn ich aber bis zum Ende Ihrer Regierungsieit 
— des hoffentlich recht ferne ist — mit Ihnen bin, nach- 
her werde ich Sie nicht verlassen." 

Ich sprach überhaupt einigemal vom Ende seiner Re- 
gierung, was ihn sichtlich betroffen machte, aber, da er 
wohl solche Worte noch von keinem Journalisten, ja 
vielleicht von niemandem gehört hatte, vor mir doch 
einigen Respekt einflößen mußte. 

Von vornherein wollte ich ihm die richtige Meinung 
von mir beibringen : daß ich, wie ich es schon Bourgoing 
bei der ersten Unterredung gesagt hatte, partisan und 
nicht laquai seil 

Ich mache — heute noch unerkannt — die Politik der 
Juden. Was ich beute abschließe, ist kein offiziöser Miet- 
vertrag, für den es leider viele halten werden, sondern 
eine Allianz. 



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Badeni sagte, er denke sich unser Verhältnis als ein 
dauerndes; er nehme es auf sich, daß die Zeitungsgesell- 
schaft mir eine gesicherte Situation biete. 

Auf meinen Wunsch, daß ich jederzeit bei ihm vor- 
sprechen dürfe, comme un ambassadeur, sagte er: „Non 
seulement je le permetg, mais j'y liens". 

Wir sprachen auch von meinem Abschiedsverh&ltnis 
zur Neuen Freien Presse. Ich erkifirte im vorhinein, daß 
ich immer meiner alten Freunde eingedenk bleiben wolle 
und keine verletzende Polemik gegen sie führen werde — 
es wSre denn, daß man mich angriffe. 

Badeni sagte : er hoffe selbst, daß wir in keinen Gegen- 
satz zur Neuen Freien Presse konmien würden. 

Eigentlich war das eine hochwichtige Mitteilung. Da? 
heißt: daß er mit den Deutschliberalea regieren will. 

Freilich sagte er auch ein paarmal : „Je ne ficfaerai pas 
le camp". 

So trug das ganze Gespräch einen vertraulichen Cha- 
rakter. Während des Redens ging meine Zigarre ein 
paarmal aus. Badeni zündete mir immer ein neues Zünd- 
hölzchen an. Detail, bei dem ich mir innerlich lächelnd 
denken mußte: was wohl die kleinen und selbst die größ- 
ten Juden meiner Bekanntschaft dazu sagen würden. 

Badeni betrachtet die Sache als abgeschlossen. 



Eine Stunde später war ich in der Redaktion. 

Bacher ließ mich rufen : „Nun, wie steht Ihre Sache?" 

„Ich könnte noch absagen", antwortete ich. Aber er 
sagte weiter nichts. 

Und noch jetzt wäre es mir lieher, wenn die Neue Freie 
Presse meine Judenidee annähme, ja jetzt erst recht. Ich 
habe nun die Beziehung zu Badeni, an den Süßeren Vor- 



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teilen liegt mir ja nichts, und wenn ich nun die Autoritfit 
der Neuen Freien Presse für meine Sache bekSme, wSre 
sie wohl gewonnen I 

Ich werde abends noch einmal mit Bacher reden, das 
Dilemma mit Sch&rfe stellen : Ich bin bereit, auf alle ge- 
botenen Vorteile su verzichten, wenn Sie mir versprechen, 
innerhalb sechs Monaten meine Lösung der Judenfrage 
zu publizieren. Ich verlange nichts, keine Entschädigung, 
keinen persönlichen Vorteil von Ihnen t 

(Wobei zu bemerken, daß sie mir bei meiner Ober- 
siedlung nach Wien mein Gehalt reduzierten und auch 
den erwarteten Übersiedlungsbeilrag verweigerten.) 

Benedikt scheint mir zu zürnen, wie ich im Vorüber- 
geben bemerkte. Der versteht die Sache ganzl Von Koz- 
mian hörte ich übrigens auch, dafi Benedikt wütend sei. 
Kozmian hat es von einem Dritten. 



Nachmittags, als ich in der Redaktion war, hatte Bene- 
dikt wieder eine Unterredung mit diesem Dritten. Ich 
hörte dann abends von Kozmian, als wir bei Baron Bour- 
going zusammenkamen, daß die Herausgeber jetzt Angst 
vor meiner Konkurrenz haben. Sie ahnen offenbar, daß 
ich mich in der inneren österreichischen Politik nicht zu 
weit von ihrem Standpunkt entfernen werde. 

Ich stellte in der Konferenz bei Bourgoing den ganzen 
Plan des Blattes fest. Alle alten Mitarbeiter der Presse 
behielt ich. Zwei sind darunter, die mich in früherer Zeit 
niedrig angegriffen hatten. Ich sagte: ,,Je ne peux pas 
les renvoyer — ce sont mes ennemis personnels". Man 
lachte. 

Im Grunde hatte ich aber doch den ganzen Abend über 
Sehnsucht, bei der Neuen Freien Presse zu bleiben. Es 



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mischt sich darein offenbar meine Feigheit vor dem qu'en 
dirort-on, vor dem Nasenrümpfen solcher, die wahr- 
■chnolich gern mit mir tauschen würden und ihrem Neid 
die Form der GeriogschStzung geben werden. 

Dennoch gab ich in der Konferenz die besten Ratschläge 
für die Herstellung eines frischen guten Blattes. Sollte 
wider Erwarten doch noch meine Rückkehr lur Neuen 
Freien Presse erfolgen, so habe ich mit diesen Ratschli- 
gen die Chance bezahlt, die dieser Antrag war. 

3i. Oktober. 

Kozmian sollte mir heute ein Wort schicken, was Bene- 
dikt gestern dem ZwischentrSger über mich gesagt habe. 

Bis elf Uhr habe ich noch nichts erhalten. Es ist mög- 
lich, daß dieses Ausbleiben der Nachricht auf eine In- 
trige turückzuführen ist. Ich werde dahinter kommen. 
Sollte man in der Neuen Freien Presse etwas anzetteln, 
mein Engagement zu verhindern, so wird das für mich 
der casus belli sein. 

Ich schreibe jetzt an Dr. Bacher : 

Hochverehrter Herr Doktor I 

Mit Ihrer Erlaubnis will ich heute, und solange die 
Entscheidung noch schwebt, nicht in die Redaktion kom- 
men. Es ist für mich eine zu peinliche Situation. Für 
morgen haben Sie ohnehin — wenn heute nichts Aktuel- 
leres eingetroffen ist — das Heine-Feuilleton. Samstag 
erscheint kein Feuilleton, und für Sonntag ist wohl ein 
Wittmann da. Der bisherige Einlauf ist in Ordnung. 

Wenn Sie aber mit mir reden wollen, stehe ich heute 
nachmittags gern zu Ihrer Verfügung, und zwar von drei 
bis fünf oder von sechs bis zehn am Abend. Noch einmal 
wiederhole ich Ihnen, daß ich bei Ihnen bleibe, wenn Sie 

395 



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es wollen, und zwar mit meinem jetzigen Gehalt, in mei- 
ner jetzigen Stellung. Alle mir angebotenen äußeren Vor- 
teile bin ich noch immer bereit, zurücksuweisen, aus der 
moralischen Rücksicht, die Sie kennen. 
Heute kann ich noch absagen. 
Mit den herzlichsten Grüßen 

Ihr aufrichtig ergebener 

Herzl. 

1. November. 

Bis zum Abend kam gestern keine Antwort von Bacher. 
Der Gedanke, mich mit diesem Mann, den ich trotz seiner 
Starrköpfigkeit verehre, zu verfeinden, war mir sehr un- 
behaglich und wurde mir von Stunde zu Stunde uner- 
träglicher. Dazu die Möglichkeit, daß ich mit meiner 
OffiziositSt der Judensache vielleicht nicht einmal nützen 
würde. 

Verstimmt wohnte ich einer Konferenz bei Baron Bour- 
going hei, wo Schrift-, Titel- und Papierfragen des neuen 
Blattes mit dem Druekereidirektor beraten wurden. Ich 
gab. die besten Ratschläge, aber es wurde mir immer 
klarer im Gefühle, daß das nicht meine Leute seien, und 
daß ich nicht mit ihnen gehen könne. 

Als ich von der Konferenz wegging, war ich in meinem 
Inneren ganz beunruhigt. Es fiel mir ein, mich mit Güde- 
mann zu beraten, obwohl ich über ihn seit einigen Tagen 
erzürnt war. Er hatte nSmIich dem Grafen Badeni seine 
„Aufwartung" gemacht, wie ich zuf&llig erfuhr. Er war 
zu Badeni gegangen, ohne mich zu verständigen, womit 
er eigentlich zeigte, daß er mich und meine Führung 
nicht ernst nehme. Bei Badeni hatte er um Schulz ge- 
fleht, geweint; und schließlich war er so von Rührung 
übermannt, daß er den Grafen bat, ihn segnen zu dürfen. 

396 



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Dennoch wollte ich seine Ansicht hören. Ich fand Gü- 
demann nicht zu Hause. Da fuhr ich schnurstracks zu 
Bacher, der auch ausgegangen war. Aber eine halbe 
Stunde darauf traf ich ihn zufällig in der Leopoldstadt 
auf der Gasse. Wir gingen nun zusammen und sprachen 
uns aus. 

Ich sagte ihm, daß es mir unerträglich wäre, mich von 
seiner Freundschaft zu trennen. 

Er war erfreut, riet mir freundschaftlich von dem Zei- 
tuDgsexperiment ab. Bei der Neuen Freien Presse stehe 
mir eine große Zukunft bevor. Vor allem aber hätte ich 
bei ihnen viel mehr Aussicht, meine Idee zu verwirk- 
lichen, als durch Badeni. 

Wir einigten uns schließlich darauf, daß ich, wenn die 
Bildung der Society unmöglich würde, eine Broschüre 
veröffentlichen solle, welche in der Neuen Freien Presse 
besprochen werden wird. 

Außerdem will er mir die Genugtuung geben, mir einen 
Brief zu schreiben, den ich Badeni zeigen könne, und 
worin er unter seinem Ehrenwort erklärt, daß ich für 
mein Verbleiben in der Redaktion keine wie immer ge- 
artete materielle Kompensation verlangt oder erhalten 
habe. 

Zum Abschied sagte er mir: „Es hätte mich tief ge- 
kränkt, wenn Sie uns verlassen hätten." 

3. November. 
Mittags bei Badeni gewesen. Diesmal mußte ich etwas 
länger im Vorsaal warten. Goldbetreßte Herren, ängst- 
liche scfawarzbefrackte Deputationen, ein alter Oberst mit 
einer Bittschrift. Alles räuspert sich leise, holt tief Atem, 
um klar bei Stimme zu sein, wenn es zum Gewaltigen 
geht. 

»97 



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Ich hatte dabei deutlich das GefOhl, daß ich nicht für 
die Antikamera uod für keinen goldenen Hofratskragen 
tauge. 

Ich war der einiige wartende Zivilist ohne Frack. Alle 
sahen dann erstaunt auf, als ich doch vor dem Oberst und 
den Hofräten, die schon vor mir dagewesen, 1 



Der Graf kam mir wieder sehr liebenswürdig entgegen: 
„Noh, Herr Doktor, was bringen Sie?" 

Ich sprach ein paar Worte des Bedauerns (eigentlich 
dankte ich nicht verbindlich genug für die mir sugedacht 
gewesene Ehre, fillt mir jetst ein) und gab ihm Bachers 
Brief. 

Dann sprachen wir über Politik : die Tagesfrage, Lue- 
gers Bestitigung. 

Badeni war durch meine Absage fein, kaum merklich 
verstimmt und behandelte mich sofort vorsichtig als Geg- 
ner. Er persönlich, sagte er, wire geneigt, Lueger nicht 
XU bestStigen. „Ich mag ihn nicht, vor allem, weil er ein 
Deroagc^ ist. Leider bt die Luegerf rage xu einer Schwie- 
rigkeit für mich aufgebauscht worden. Ich hStte sie gern 
sdion gelöst vorgefunden. Es wSre nütslich, wenn mein 
Nimbus von Autorität, der mir vOTangebt, nicht durcb 
solche Dinge geschwächt würde. Es sind in der Sache 
von allen Seiten schon solche Taktlosigkeiten begangen 
worden, daß ich in jedem Fall aussehen werde, ab ob 
ich einer Pression nachgebe. Das ist meinem Nimbus 
abtriglich. Die Entscheidung in der Sache kann ich 
übrigens nicht allein treffen. Ich mufi mit meinen Kot- 
igen beraten, es sind vielerlei Rücksichten zu beobach- 
ten, vor allem das Staatsinteresse und der Wille des Mon- 
archen." 

Ich antwortete keck : „Ich glaube, Lueger muß als Bür- 



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germeisfer bestätigt werden. Weui Sie ihn das erstemal 
nicht bestätigen, dürfen Sie ihn nie m^ir bestätigen, und 
wenn Sie ihn das drittemal nicht bestätigen, werdan die 
Dragoner reiten." 

Der Graf lächelte : „Noh I" mit einem goguenardea Aus- 
druck. 

Ich begründete meine Ansicht noch und empfahl mich. 
Er sagte: „Wenn Sie mich besuchen wollen, werde ich 
immer sehr dankbar sein." 

Ich glaube aber, wenn ich das nichstemal vorspreche, 
wird er nicht Zeit für mich haben. 



Abends erzählte ich alles Güdemann, der lebhaft be- 
dauerte, daß ich den Antrag ausgeschlagen habe. Er 
meint, es wäre gut gewesen, wenn ich ,,da8 Ohr des Mi- 
nisterpräsidenten" gehabt hätte. 

Ich wurde ärgerlich über den Angstmeier und sagte 
ihm: „Sie sind ein Schutzjude — ich bin ein schützender 
Jude. Sie können mich offenbar nicht verstehen." 

Ich erklärte ihm, was damit erreicht sei, daß die Neue 
Freie Presse sich der Sache in wenn auch vorsichtiger 
Form annehme, und daß mir das wichtig genug war, um 
meinen eigenen persönlichen Vorteil, der bei Badeni ge- 
wesen wäre, hintanzusetzen. 

Es schien ihm doch wieder ein bißchen einzuleuchten — 
für wie lange, weiß ich nicht. Ich habe bisher zu viel Zeit 
an ihn vergeudet. Das war auch meine letzte längere 
Unterredung mit ihm. Er hat vom Mann nur den Bart 
und die Stimme. Immer wieder fleht er mich an, ich solle 
von den Rabbinern ganz absehen, sie hätten kein An- 
sehen. 

Was mich aber am schwersten gegen ihn aufbrachte. 



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war, daß er sich auf an^ weigerte, mir ein Empfehlungs- 
schreiben an Zadok Kahn mitzugeben, wenn ich n&chste 
Woche nach Paris fahren sollte. 

Erst als ich ihm sagte, daß ich die Einführung nicht 
brauche und mir auch so zu helfen wissen werde, sagte 
er SU. 

Diese Unterredung hat mich sehr deprimiert. 

Zum Schluß sagte ich ihm: „Es ist trostlos: Sie, mit 
dem ich am iXngsten und häufigsten ron der Sache ge- 
sprochen, Sie fallen immer wieder von mir ab. Sie ver- 
stehen lüder die Sache noch immer nicht. Wir stehen 
jetzt in Donaueschingen am dünnen Anfang des Flusses. 
Aber ich sage Ihnen, es wird die Donau werdenl" 

5. November. 

Gestern abends schwere Difaillancen. Ich kam wieder 
in die Redaktion. Niemand sab darin — also in meinem 
Verzicht — etwas Merkwürdiges. Ich hatte eher das Ge- 
fühl, als wäre ich mißliebig geworden bei den Kollegen. 

Nun habe ich ja den Regierungsantrag allerdings we- 
gen der Judensache abgelehnt, wie ich ihn ihretwegen an- 
genommen hStte. 

Aber wie steht's mit der Aussicht, daß mir die Neue 
Freie Presse bei der Verwirklichung behilflich sein wird? 
Es wäre furchtbar, wenn ich mich da getauscht bitte und 
gerade bei Badeni eher die Autorität gegenüber den Juden 
bitte erlangen können. 

Bacher und Benedikt empfingen mich mit demonstra- 
tiver Liebenswürdigkeit, ab ich im Bureau erschien; aber 
Benedikt entschuldigte sich gleich, daß er nicht Zeit habe, 
mit mir die $ocUU d'iiade» zu besprechen, und Bacher 
fragte nur, wann ich wieder ein Feuilleton bringen würde. 

Güdemann hat mir einen Floh ins Ohr gesetzt: „die 

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Sache desinit in pucem". Wenn die Neue Freie Presse 
meine Broschüre mit einer Notiz im „Inland" abfertigt, 
bin ich schwer geschädigt. Ich hoffe, sie werden ehrlich 
und voll halten, was sie mir versprochen haben. Ich 
müßte es sonst als casus belli auffassen. 



Mit Arthur Schnitzler gesprochen, ihm die Sache kuri 
erldärt. 

Als ich sagte: es ist die Renaissance als Schlußpunkt 
dieses klassischen Jahrhunderts der Erfindungen im 
Verkehrswesen — da war er begeistert. Ich versprach 
ihm, er werde Intendant des Theaters werden. 



Zum Nachtmahl wieder in der Judengesellschaft bei 
Tonello. 

Wieder dieselben Reden wie vor acht Tagen. Der 
Theaterboykott als erlösendes Mittel gepriesen. Diese 
kleinliche Agitation artet in vereinsmeierische Wichtig- 
tuerei aus. Mir ist sie als Symptom dennoch wichtig. 
Ich lerne einige verwendbare Agitatoren kennen: Ru- 
zicka, Hutmacher Billitzer (derbe Volksberedsamkeit), 
Kopstein, Weinhändler Pollak, Advokat Neumann, 
Dr. K&hxt&a usw. 

Komisch, daß sie alle einen Beschwerdegang zum Mi- 
nister als schärfere Tonart bezeichnen. 

Es sprach auch als „gefeierter Redner" der Advokat 
Ellbogen. Der ist für Gründung einer „freisinnigen 
Volkspartei", die ihn wohl ins Abgeordnetenhaus entsen- 
den soll. Er hält die Judenlage für ernst, aber nicht 
hoffnungslos — „sonst bliebe uns ja nichts anderes übrig, 
als das Nationaljudentum zu proklamieren und nach einer 

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territorialen Grundlage zu suchen". ElUx^en wird auch 
für die Agitation su verwenden sein. 

Ihm antwortete gescheit Dr. Bloch. Die „Freiainnigea" 
Ellbogens seien doch nur wieder die Juden. Mit dem 
Sozialismus zu gehen, helfe nichts gegen den Antisemi- 
tismus. Beweis Deutschland, wo trotz Marx, Lassalle und 
jetzt Singer der Antisemitismus entstanden und erstarkt 
sei. 

Ich stellte mich ihm nachher vor. Er war sehr ange- 
nehm überrascht, mich an diesem Ort zu finden. 

5. November. 

Dr. Ehrlich kam in der Redaktion heute in mein Zim- 
mer, sagte : „Ich habe gehört, daß wir Sie wiedergewon- 
nen haben." 

Ich erz&hlte ihm den Hergang. Er machte ein bedenk- 
liches Gesicht. Er meint, die Herausgeber werden ihr 
Versprechen nicht erfüllen. 

In mir kochte es auf, und ich sagte: „Wenn sie mir ihr 
Wort brechen, werden die Pfeiler dieses Hauses bersten." 

Sofort ging ich zu Benedikt. Später kam Bacher hinzu. 
Ich forderte die zugesagte „persönliche Unterstützung", 
die darin zu bestehen habe, daß am nfichsten Sonntag 
bei Bacher oder bei mir eine Versammlung namhafter Ju- 
den stattfinde. Ich würde einen Vortrag halten (meine 
Rede an die Rothschilds unter Ausmerzung der Roth- 
schilds aus dem Text), darauf hätten die Versammelten 
mir ihre Konnexionen in Paris, London, Berlin zur Ver- 
fügung zu stellen. Dort werde ich dann die „sociitä d'itu- 
des", die nicht einen Centime Kapital braucht, gründen, 
resp. mir die Gründung zusichern lassen, welche der Pu- 
blikation meiner Broschüre sofort zu folgen hat. 

Benedikt sagte flau, er wisse hier keine geeigneten Per- 

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sAolichkeiten in der kaute batique. Er wolle mich aber 
nach Berlin an den (pathetisch) „Geheimen Kommerzien- 
rat Goldbergerl" empfehlen. 

Ich antwortete : „Diesen Goldberger kenne ich seit acht 
Jahren. Dazu brauche ich Ihre Empfehlung nicht." 

Er empfahl mir weiter Moritz Leinkauf. 

Ich sagte : „Der ist der Mann meiner Kusine I" 

Kurz, er machte völlig wertlose oder überflüssige Vor- 
schlSge. Noch will ich nicht glauben, daß es aus Perfidie 
geschieht. Es wäre ungeheuerlich. 

Bacher schwieg. 

Ich sagte ihnen : „Ich brauche jetzt noch keine Agitato- 
ren. Das wird spiter kommen. Vorläufig brauche ich nur 
das Interesse der Finanzkreise. Eigentlich bin ich aber 
auf niemanden angewiesen. Ich verständige nur die Leute, 
bevor ich den Damm einreiße!" 

Ich glaube, sie haben beide die Drohung herausgefühlt. 

Dennoch akzeptierte ich Benedikts Rat und fuhr sofort 
zu Leinkauf, mit dem ich nachmittags eine Unterredung 
haben werde. 



Nachmittags mit Leinkauf gesprochen. Wir 
Beratungssaale der monumentalen FruchtbQrse. 

Leinkauf bedauerte, daß ich ihn nicht um Rat gefragt 
habe, bevor ich den Badenischen Antrag ablehnte. Er 
hätte mir entschieden zur Annahme geraten. 

Übrigens sei Badeni mit Vorsiebt zu behandeln. Lein- 
kauf erzählte mir folgende Geschichte. Als Badeni noch 
Statthalter von Galizien war, brach in diesem Lande eine 
Not der Landwirte aus. Durch Mißernte waren die Land- 
wirte in die Unmöglichkeit versetzt, ihr Vieh zu ernähren. 
Eine Landeshilfsaktion wurde eingeleitet. Es sollten Fut- 

3o3 



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tervorrSte gekauft und an die Notleidenden vwteilt wer- 
den. Badeni kam nach Wien, ließ den Getreidebändler 
Wetzler (Firma Wetzler & Abeles) rufen und forderte 
ihn auf, eine Offerte einzureichen. Wetzler tat dies. Ba- 
deni ließ ihn dann nochmals rufen und sagte: „Ich glaube 
nicht, daß Sie diese Lieferung machen können. Nach 
meiner Berechnung müßten Sie ungefähr um dreißig 
Perzent mehr verlangen, um bestehen zu können." 

Wetzler ließ es sich gesagt sein, nahm die erste Offerte 
aus der Hand des Grafen zurück und reichte eine zweite, 
um so viel höhere, ein. 

Mit dieser reiste der Graf nach Lemberg zurück, und 
dort wurde die Lieferung an ein Konsortium vergeben — 
dem B. selbst angehört haben soll — zu einem Preise, 
der viel höher als Wetzlers erste und etwas niederer als 
seine zweite Offerte war. — 

Dann erzählte ich Leinkauf zwei Stunden lang meinen 
Juden-Entwurf. 

Leinkauf war entschieden dagegen. Er hält die Sache 
für undurchführbar — und zugleich für sehr gefährlich. 
Alle schwachmatischen Argumente. Ich erklärte ihm: 
entweder meine Broschüre findet keinen Widerhall, dann 
gibt es keine Gefahr. Oder sie findet den Widerhall, den 
ich erwarte, dann ist die Sache nicht undurchführbar. 



Abends berichtete ich Bacher über diese Unterredung. 
Ich sagte : „Leinkauf kann die Sache nicht verstehen, er 
ist ein binnenländischer Geist; man muß aber am Meere 
wohnen, imi den Plan zu begreifen. Ich habe Leinkauf 
seine eigene Fruchtbörse gezeigt und erläutert: der Ge- 
treidehandel hatte seinen rudimentären Sammelpunkt in 
Wien im Caf6 Stierböck. Sie haben dem Bedürfnis ein 



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Organ gesckaffea, die FrucktbOrse am Schotteoring, und 
dann hat das Organ den Verkehr organisiert und so mftch- 
tig erweitert, daß sie jetzt den Palast in der Taborstraße 
haben. Denn so geht es im wirtschaftlichen Leben zu: 
zuerst ist das Bedürfnis, dann das Organ, dann der Ver- 
kehr. Das Bedürfnis will verstanden, das Organ will ge- 
schaffen werden — der Verkehr macht sich dann von 
selbst, wenn das Bedürfnis ein wirkliches war. Daß in 
der Judensache ein Bedürfnis — zur Not gesteigert — 
vorliegt, wird doch niemand leugnen. Das Organ wird die 
Society sein. Ernt die kleine Studien-Society — dann, 
wenn diese sich überzeugt, daß die Stinunuog vorhanden 
ist, die große." 

Bacher schien das einzuleuchten. Er versprach mir, 
heute mit David Gutmann zu sprechen und ihm meinen 
Besuch anzukündigen. Gutmann sei ein fanatischer Jude 
— freilich, am Meere wohne auch er nicht. 



Bacher scherzte : „Die Juden werden Ihnen mißmutiger 
zuhören, als die Christen. Sie werden der Ehrenantisemit 
werden 1" 

6. November. 
Ein Tag schwerer D^faillance. In die Redaktion kamen 
Gemeinderat Stern und andere. Lauter Leute, die alles 
Heil von der Regierung erwarten, zu den Ministern bitt- 
Btellern gehen. Also hfitten sie an mich g^laubt, wenn 
ich Badeais journalistischer Vertrauensmann geworden 
wSre. Und so habe ich jetzt keine Autorität bei ihnen. 

* ♦ ♦ 
Abends bei Professor Singer gewesen, ihm alles erzShlt. 

'O Henli TKobaobu I, 3o5 



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Er hat mich wieder aufgerichtet: ick hStte richtig ge- 
handelt I 

Als Offiziöser hStte ich mich und die Sache uiunJ%lich 
gemacht. 

7. November, 

Dr. Schwitzer auf der Gasse getroffen, ihn einge- 
weiht. 

Er ist aus den höchsten Gründen gegen meinen Plan. 
Er will keine Nationen, aondem Menschen. 

Ich sagte ihm: ,J*rimum vivere, deinde philosopharil 
Ich werde Ihnen drüben eine edle Studierstube bauen, 
wo Sie in Ruhe vor den Barbaren den höchsten Gedanken 
nachhängen können." 

Er meinte, es gSbe noch viele andere Not außer der der 
Juden. 

Ich sagte: „Ich kann mich vorifiufig nur um meine 
Leute kümmern. Übrigens geben wir mit dem Sieben- 
stundent^ und anderen sozialen Erleichterungen und 
Neuerungen der Welt ein großes Beispiel. 

Eis handelt sich darum, den Schluß aus den wunder- 
baren technischen Errungenschaften dieses Jahrhunderts 
zu ziehen. Das elektrische Licht wurde nicht erfunden, 
um die Salons einiger Geldprotzen zu erleuchten. Es 
wurde erfunden, damit wir bei seinem Scheine die Juden- 
frage lösen." 



Bacher sagte mir, er habe mit David Gutmann gespro- 
chen und ihn auf meinen Besuch vorbereitet. Sofort 
schrieb ich Gutmann und bat ihn um Bestimmung einer 
Stunde. 

Gutmanns Antwort hatte einen komischen Zug. Er gab 
mir für Sonntag Rendezvous und unterschrieb „mit aller 



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Achtung", was ein bißchen gnädig klingt. Wenn diese 
Fertigung nicht kaufmfianiache Unbildung vontellt, ver- 
rfit sie, daß der Mann mich nicht verstehen wird. Den- 
noch will ich nicht zu faul sein. Vielleicht wird er er- 
schrecken. Begeistern werde ich den guten Mann „mit 
aller Achtung" schwerlich. 

9. November. 

Gestern mit David Gutmann „und Sohn" gesprochen. 
Der Alte war anfangs ein bißchen gnSdig, was ich ihm 
durch Cberschlagen meiner Beine und sehr nachlässiges 
Zurücklehnen in meinen Fauteuil austrieb. Er hörte mir 
immer ernster zu. 

Der Junge wollte Witze machen Ober den „jüdischen 
Staat und die jüdischen Balmachomea" . Ich fuhr ihn 
heftig an: „Machen Sie keine dununen Witze I Solche 
SpSße werden jedem, der sie macht, übel bekommen. 
Die Witzlinge werden von dieser Bewegung zertreten und 
zerstampft werden." 

Erschrocken hörte er auf zu witzeln. Der Alte er- 
klärte schließlich, er müsse sich eine so große Sache noch 
wohl überlegen. Er meinte auch, ich solle mit den Roth- 
schilds sprechen. 

Erreicht ist jedenfalls so viel, daß die Großjuden ver- 
ständigt sind. Denn offenbar wird David Gutmann mit 
Albert Rothschild und Hirsch davon sprechen. 

Ich vergaß leider zu sagen, wie ich das Gutmannsche 
Kohlengeschäft liquidieren möchte. 

Die Bergwerke können entweder vom österreichischen 
Staat abgelöst oder von der Society erworben werden. In 
diesem Falle könnte der Kaufpreis teils in Ländereien 
drüben, teils in Society-Aktien und Bargeld bestehen. 
Eine dritte Möglichkeit wäre: Gründung einer Aktien- 

'o* 3o7 



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gesellschaft „Gutmann", deren Aktien auch bei uns drü- 
ben kotiert würden. Vierte Möglichkeit: Weiterbetrieb 
in der bisherigen Weise, nur wiren die Eigentümer fortab 
Auslinder. 

10. November. 
Gestern mit Gfldemann gesprochen. Er bat mir den 
Einführungsbrief für Zadok Kahn gegeben. Den Brief 
Bchicke ich an S . . ., dem ich die großen Ereignisse der 
letzten Monate erz&hle. S . . . soll den Brief Zadok über- 
geben. 



Bacher stimmt mich durch seine Einwendungen wieder 
herab. Um alledem tu entgehen, will ich Mittwoch nach 
Paris fahren. 



Viele Juden jubeln töricht über die Nichtbestitigung 
Luegers als Bürgermeister. Als ob der Antisemitismus 
mit Lueger gleichbedeutend wäre. Ich glaube vielmehr, 
daß die Bewegung gegen die Juden jetzt eil^ zunehmen 
wird. 

Was ich durch meine konstruktive Idee erreichen 
wollte, dazu werden gewaltsame Elreignisse drfingen. 

Statt Luegers wird schließlich ein anderer Antisemit 
Bürgermeister von Wien werden. Lueger aber wird mit 
verstSrkter Macht aufreizen. Schon ballen sich alle Anti- 
semiten zu einem Heer gegen Badeni zusammen. Der 
nicht judenfeindliche Statthalter von Nieder-Osterreich, 
Graf Kielmannsegg, dürfte in den nächsten Tagen fallen. 

Gestern war sogar dos antisemitische Gerücht verbrei- 
tet, Graf Badeni habe demissioniert. Wenn er bleibt, 
werden die Dragoner reiten, wie ich es ihm sagte. 

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Schon ruft man in den Straßen: „Nieder mit Badenil" 

Ich glaube, Luegers Nichtbestätigung war ein ver- 

hingnisvoller Fehler, der schwere Krisen zur Folge haben 

wird. Badeni hat die Macht der antisemitischen Strömung 

untersch&tzt. 

Prin2 Lichtenstein hat dem Ministerpräsidenten im of- 
fenen Parlament das Wort „Lüge" zugerufen. Die Anti- 
semitenblätter schlagen einen in Osterreich unerhörten 
Ton der Dreistigkeit gegen Badeni an. 



An den Baurat Stiassny geschrieben. Ich werde ihm 
morgen meine Kede an die Juden vorlesen. Er hat überall 
Verbindungen mit eifrigen jOdiscben Agitatoren. 



In der Türkei Gärungen. Sollte die orientalische Frage 
aufgerollt und durch Teilung der Türkei gelöst werden, 
so könnten wir auf dem europäischen Kongreß vielleicht 
ein Stück neutrales Land (wie Belgien, Schweii) für uns 
bekommen. 

* * * 

Wir hatten gestern im Feuilleton einige hinterlassene 
Briefe Lassalles. 

Ich sprach mit Bacher darüber, nachdem er versucht 
hatte, mich herabzustimmen. 

„Was, meinen Sie, wäre Lassalle heute, wenn er lebte?" 
fragte ich. 

Bacher schmunzelte: „Wahrscheinlidi preußischer G«- 
heimrat." 

Ich aber sagte: „Er wäre Führer der Juden; ich meine 
natürlich nicht den Lassalle im Alter, das er heute hätte, 
sondern den in seiner damaligen Kraft." 

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1i. Ntmember. 

Bei Güdemann gewesen. Er bat mich, zu einer Wahl- 
besprechung 2U kommen, in der für Blochs Kandidatur 
in Kolomea Agitationsgeld aufgebracht werden soll. Ich 
sagte, daß ich mich nicht öffentlich zeigen wolle, bevor 
ich meine Sache entwickelt habe. Sprechen mag ich nicht, 
wenn ich die Konklusion nicht geben kann. Aber ich 
werde einen Brief an Güdemann richten, den er in der 
Versammlung vorlesen soll. Ich werde schreiben, daß 
ich 5o Fl. hergebe, obwohl ich Blochs Auftreten in man- 
chem Punkt nicht billige. Es gibt — sehr gering gerech' 
net — 300 Juden in Wien, die den gleichen Betri^ viel 
leichter widmen kßnnen. Damit wäre der Wahlfond auf- 
gebracht. 

Rabbiner Fleißig war bei Güdemann. Dieser legte die 
Hand auf meine Schulter und sagte bewundernd: „Das 
ist ein Prachtkerl!" 

Güdemann erzählte mir, daß David Gutmann meinen 
Plan schon ausgeplaudert habe. Ich war wütend und 
schrieb sofort au Ludwig Gutmann : 

Lieber Doktor 1 

Da ich seit unserer Freitags-Unterredung kein Lebens- 
zeichen erhielt, vermute ich, daß Ihnen beiden die Sache 
nicht einleuchtet. 

Ich muß nur vorsichtsweise die Erinnerung wieder- 
holen, auf die ich vielleicht nicht genügenden Nachdruck 
gelegt hatte: daß meine Mitteilung streng vertraulicher 
Natur war. Ich kann Sie nicht ermächtigen, mit irgend 
jemandem davon zu sprechen, wenn Sie nicht in jedem 
einzelnen Fall vorher meine Zustimmung einholen. Eine 
unvorsichtige Behandlung der Sache könnte für die Juden 

3io 



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Gefabren heraufbeschwören, von denen Sie selbst auf das 
schwerste mitbetroffen werden müßten. 

Ich vertraue also vollkommen auf die Diskretion zweier 
EbrenmSnner, die meine Anhebten nicht teilen, aber ge- 
nau wissen, daß sie mir absolutes Stillschweigen schul- 
den. 
Mit den schönsten Grüßen 

Ihr ganz ergebener 

Dr. Th. Heril. 



Für nachmittag hatte ich Bloch zu Stiassny bestellt. 

Bloch hatte gehofft, daß ich wegen seiner Wahlge- 
scbichte kirne. leb bemerkte seine Enttäuschung, als ich 
nur — exctuez da peul — die Lösung der Judenfrage 
vorlas. 

Stiassny war begeistert. 

Bloch ging vor dem Ende meiner Vorlesung weg. Er 
müsse nach Hause, weil er morgen nach Kolomea reise. 
Er habe auch viele Einwendungen gegen meinen Plan. 

Beim Abschied bat er mich nur mit David Gutmann 
zu sprechen — nfimlich wegen Geldes! 

Dennoch schreibe ich für Blochs Wahl folgenden zur 
Verlesung in der Versammlung bestimmten Brief an Gü- 
demann: 

Hochverehrter Herr Doktor 1 

Da ich abreisen muß, kann ich nicht an der Bespre- 
chimg teilnehmen. Dr. Blochs Wahl scheint mir not- 
wendig zu sein. Ich mache ausdrücklich den Vorbe- 
halt meiner politischen Meinungsverschiedenheit; aber 
Dr. Bloch hat im Parlament inuner wacker die Juden- 
sache vertreten. Wir sind ihm dafür Datdt schuldig, selbst 
wenn wir in manchem, in vielem nicht mit ihm einver- 

3ii 



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standen sind. Einsein kann maa uns ^schlagen. Wodd 
wir zusammenhalten — niel 

Ich stelle für den Wahlfonds f Onf tig Gulden zur Ver- 
fügung. Wenn in Wien zweihundert Juden ebensoviel 
hergeben, ist das Nötige gesichert. Ich unterschStze die 
Geldkraft der Wiener Juden und Obersch&tze meine 
eigene, wenn ich nur von zweihundert Bessersituierten 
spreche. Auf die ganz großen Herrschaften, denen die 
Judennot offenbar noch nicht nahe genug geht, mOchte 
ich am liebsten verzichten. 

Mit bochachtungsvollem Grufi 

Ihr aufrichtig ergebener 

Dr. Th. H. 

Paria, 16. November. 

Unterredung mit dem Großrabbiner Zadok Kahn. Ich 
las ihm die Rede vor. Im Coupö auf der Fahrt nach 
Paris hatte ich die Rothschilds schon ganz aus der Rede 
fortgestrichen. 

Zadok Kahn schien der zweistündigen Vorlesung mit 
Interesse zu lauschen. 

Er gab sich dann auch als Zionist zu erkennen. Aber 
der „Patriotismus" des Franzosen wolle auch sein Recht. 

Ja, man muß wfihlen zwischen Zion und Frankreich. 

Zadok Kahn ist von der kleinen Rasse der Juden. Ea 
soll mich wundern, wenn ich von ihm eine ernstliche 
Hilfe habe. Übrigens sprachen wir nach meiner Vor- 
lesung nur wenige Worte, da er in den Tempel fortmußte. 
Wir haben für morgen wieder Rendezvous genommen, 
mein Salzburger Bekannter Leven soll auch dazu kom- 
men. Ich erwarte nicht viel von der Zusammenkunft. 

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Paris, 17. November. 

Mit Nordau gesprochen. 

Nordau ist der zweite Fall des blitzartigen Verstftnd' 
nisses. Der erste war Benedikt. Aber Nordau begriff 
als Anhftnger, wie Benedikt zunicbst als Gegner. 

Nordau geht, glaube ich, mit durch dick und dünn. 
Er war am leichtesten zu erobern und ist vielleicht die 
bisher wertvollste Eroberung. Er wSre ein guter PrSsi- 
deot für unsere Akademie oder Unterrichtsminister. 

Er empfiehlt mich nach London an den Maccabean 
Club, von dem ich durch ihn zum erstemnal hörte. Dieser 
Klub ist aber ganz einfach das ideale Organ, das ich 
brauche: KfinsÜer, Schriftsteller, Geistes Juden aller Art 
bilden ihn. Der Klubname sagt eigentlich schon genug. 
Oberst Goldsmid soll Mitglied sein, auch Mocatta, von 
dem ich auch einigemal reden hörte. 

Nordau führt mich beim MakkabSer Israel ZangwtU, 
der Schriftsteller ist, ein. 

Ich bat Nordau, mit mir nach London zu kommen. 
Er versprach mir, nachzukommen, wenn ich ihn brauche. 



Nachmittags bei Zadok Kahn. 

Mein Salzburger Leven war dort, matt, flau, schwer- 
flüssig wie in Salzburg. Aus seinen Einwendungen er- 
kannte ich, daß er meinen Plan damals, aber auch gestern 
nicht verstanden hatte. 

SpSter kamen noch einige Juden ; mir scheint, sie waren 
von Zadok bestellt: Derenbourg, Feinbei^, und ein junger 
Rabbiner, der Zadoks Schwiegersohn ist. 

Nach und nach mußte ich vneder mit allen meinen 
Beweisgründen herausrücken. Kein neues Moment in der 
Diskussion. 

3i3 



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Dio franiösischen Juden sind offenbar vorl&ufig nicht 
Für die Sache xu haben. Es geht ihnen noch eu gut. 

Gegen Levön kehrte ich mich kategorisch : 

„Ich muß mich sehr unglücklich ausdrücken. Denn 
Dinge, die ich Ihnen lum zweitenmal erkl&re, sind noch 
unverstfindlich." 

Als er seine frantösische Nationalitit betonte, sagte 
ich : „Wie? Gehören Sie und ich nicht xur selben Nation? 
Warum luckten Sie bei Luegers Wahl zusammen? War- 
um litt ich, als Kapitin Dreyfus des Landesverrats an- 
geklagt war?" 

Zum Abschied sagte ich ihm : „Sie und Ihresgleichen 
werden nie mit mir gehen 1" 

Der junge Rabbiner sagte: „Ich gehe mit Ihnenl" 

Derenbourg schwieg bestürzt. Als deutscher Jude 
(Dernburg) hält er offenbar viel auf sein Framosentum. 
Ich erklärte ihnen, daß ich durch die Gründung des Ju- 
denstaats ihnen erst recht die Möglichkeit gebe, sich in 
Frankreich zu naturalisieren. 

Dem Feinberg, der in Hirschs Diensten zu stehen 
scheint, sagte ich, daß die bisherigen Kolonisationsge- 
sellscbaften sich uns werden unterordnen müssen. 

„Wo wir Widerstände finden, werden wir sie brechen!" 
sagte ich. 

Zadok begütigte: „Noch leistet man Ihnen ja keinen 
Widerstand." 

Zadoks Benehmen befriedigte mich diesmal vollkom- 
men. Er scheint sogar meinem Plan geneigt zu sein. 

Am besten erkannte ich aber die Wirkung, die ich auf 
Zadok gemacht, als sich die Tür für eine Sekunde öffnete 
und eine filtere Dame — wahrscheinlich Zadoks Frau 
— neugierig zum Spalt hereinschaute. Dieser Augen- 
blick erklärte mir, was er von mir erz&hlt haben mußte. 

3i4 



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18. November. 

Nachmittags wieder bei Zadok Kahn. Er war umge- 
stimmt. Aus seinen Bemerkungen hörte ich heraus, daß 
er meine Idee mehreren vorgetragen habe und überall 
auf Widerspruch gestoßen sei. 

Die französischen Juden stehen der Sache feindselig 
gegenOber. Ich hab's nicht anders erwarlet. Es geht ihnen 
hier su gut, als daß sie an eine Veränderung dächten. 

,J)as alles", sagte ich Zadok, „steht in meinem Plan. 
Die Ersten werden die Letzten sein, die mitgehen. Sie 
sollen sich nur vor drei Dingen hüten : Erstens davor, daß 
die übrigen Juden in der Welt es erfahren, wie beneidens- 
wert die Lage der Juden in Frankreich sei; denn es würde 
eine böse Masseneinwanderung von Israeliten in Frank- 
reich stattfinden. Zweitens davor, daß sie zu glSnzende 
Franzosen werden, zu rasch in den Klassen aufsteigen, zu 
viel sichtbare Macht in Form von Reichtum oder angese- 
henen Stellungen erwerben. Sie sollen sich mit einem 
Wort hüten, aufzusteigen. Drittens aber sollen sie es voll- 
kommen aufgeben, sich um die Juden anderer Länder zu 
kümmern. Sie würden vor den Christen ihre Solidarität 
verraten, von den Juden aber zurückgestoßen werden. Denn 
diese freundlichen Kolonisierungsversuche haben etwas 
Leutseliges und zugleich Feindseliges : die Einwanderung 
von Juden in Frankreich soll dadurch verhindert, abgelenkt 
werden. Wer aber sich nicht bereit erklärt, mit den wan- 
dernden Juden zu gehen, der hat auch kein Recht, ihnen 
Plätze da und dort in der Welt anzuweisen. Die israeli- 
tischen Franzosen' — wenn es das gibt — sind für uns 
demnach keine Juden, und unsere Sache geht sie nichts 
an." 

SpStw kam ein Universitätsprofessor namens Becker, 
ein großer Chauvinist. 



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„II a'est questioD que d'un graad projet", wgte er 
gleich beim Eintreten. Es scheint, daß sich die Pariser 
Judeuschaft aufs eifrigste mit der Sache beschäftigt, seit 
ich hier bin. 

Dieser Becker ist die richtige Judengestalt aus dem 
Lateinischen Viertel. Eine Art Bruaeti6re ins Hebräische 
übersetzt. Er hat den Geruch von Büchern und üblichem 
Patriotismus. Mit großer Zungenfertigkeit begann er 
mich zu „widerlegen". Er brachte auch die satirische 
Anekdote vor, wie es im Judenstaat aussehen würde. Zwei 
Juden treffen sich: „Qu'est-ce que tu fais ici?" — „Je 
vends des lorgnettes. Et toi?" — „Je vends aussi des 
lorgnettes." 

Auf dieses meisterhafte Argument antwortete ich ganz 
ruhig: „Monsieur, ni vous, ni moi nous ne vendons des 
lorgnettes." 

Er entschuldigte sich dann wegen dieses Scherses und 
erkannte im weiteren Verlauf an, daß der Judenstaat eine 
grol^ Akademie sein werde. 

Kontradiktorisch lernte er den Plan kennen, und ich 
drückte ihn langsam — nur mit den Beweisgründen mei- 
ner „Rede an die Juden" — an die Wand. 

Er machte hinter seiner Brille immer größere Augen 
und schwieg endlich ganz. 

19. November. 

Nordau ist ganz für die Sache gewonnen, wie es scheint. 

Die Diskussion mit ihm bewegt sich in den höchsten 
Einwürfen. „Ob die Juden sich noch anthropologisch 
zur Bildung eines Volkes eignen?" u. dgl. 

Das werden wir ja sehen. 

Nordau glaubt, daß der Plan zur Realisierung drei- 
hundert Jahre braucht. 

3i6 



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Ich glaube : dreißig — wenn die Idee dnrchschlfigt. 

Nordau empfiehlt mir, mich in Loadon an den „Ha- 
magid" und „Jewish Chrouicle" zu wenden. Ich soll meine 
Broschüre ins Jfidischdeutsche übersetzen lassen, auch 
ins Hebrfiiscbe für die Russen. 

Der Schwerpunkt der Aktion ist nach London verlegt. 

London, 21. November. 

Besuch bei Israel Zangwill, dem Schriftsteller. . Er 
wohnt in Kilburn, NW. Fahrt im Nebel durch endtose 
Straßen. Leicht verstimmt angekommen. Das Haus ist 
ein etwas dürftiges Heim. In der mit Büchern tapezier- 
ten Studierstube sitzt Zangwitl vor einem enormen Ar- 
beitstisch, mit dem Bücken gegen den Kamin. Auch dicht 
heim Feuer sein Bruder, lesend. Machen beide den Ein- 
druck fröstelnder Südländer, die nach der ultima Thale 
verschlagen sind. Israel Zangwill hat einen langnasigen 
Negertypus, sehr wollige, tiefscbwarze, in der Mitte ge- 
echeitelte Haare, und im glattrasierten Gesicht den Aus- 
druck von hartem Hochmut eines nach schweren Kämp- 
fen durchgedrungenen ehrlichen Strebers. Die Unord- 
nung in seinem Zimmer, am Arbeitstisch, läßt mich er- 
raten, daß er ein verinnerlichter Mensch ist. Ich habe 
nichts von ihm gelesen, glaube aber, ihn zu kennen. Er 
muß alle Soi^alt, die sein Äußeres vermissen läßt, auf 
seinen Stil verwenden. 

Unsere Unterredung ist mühsam. Wir sprechen Fran- 
zösisch, das er nicht genügend beherrscht. Ich weiß gar 
nicht, ob er mich versteht. Dennoch einigen wir uns über 
Hauptpunkte. Er ist auch für unsere terntoriale Selb- 
ständigkeit. 

Er steht aber auf dem Rassenstandpunkt, den ich schon 
nicht akzeptieren kann, wenn ich ihn und mich ansehe. 

3,7 



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Ich meine nur: wir siad eine historische Einheit, eine 
Nation mit anthropoIogischeD VerschiedeoheiteD. Das 
genügt auch für den Judeostaat. Keine Nation hat die 
Einheit der Rasse. 

Bald kommen wir auf das Praktische. Er nennt mir die 
Namen einiger tauglicher Männer: 

Colonel Goldsmid, Maler Solomon, Rabbiner Singer, 
Mocatta, Abrahams, Montefiore, Lucien Wolf, Joseph 
Jacobs, N. S. Joseph, natürlich auch der Chief Rabbi 
Adler. 

Mit diesen werde ich nSchsten Sonntag auf dem Ban- 
kett der Makkabäer eusammentreffen und für Montag 
eine Zusammenkunft verabreden, wo ich dann meinen 
Plan vortrage. 

Oberst Goldsmid — mir der Wichtigste — liegt mit 
seinem Regiment in Cardiff. 

Zangwill bittet ihn telegraphisch, hierherzukommen. 
Ich müßte sonst zu ihm nach Cardiff. 

London, 22. November; 

Herumgefahren den ganzen Tag. 

Beim Chief-Rabbi Adler gewesen. Er empfing mich 
wie einen alten Bekannten. Er hatte Eile. Ich solle mor- 
gen dinieren kommen in sein anderes Haus in der City. 
In der Eile riet er .mir von den Makkahäern ab — sie 
seien junge einflußlose Leute. Ich solle lieber mit Lord 
Rothschild und anderen sprechen. Er gab mir eine Ein- 
führung an Sir Samuel Montagu, M. P. 

Ich fuhr zu Montagu in die City. Großer Gesch&ftstag. 
Montagu empfing mich zwischen zwei Maklern. Ich solle 
Sonntag zu ihm lunchen kommen. Da würden wir reden. 
Aber er mache mich gleich auf sein Alter aufmerksam. 
Er tauge zu keiner Aktion mehr. 

3i8 



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Dann zum Rabbi Singer. Er hatte auch Eile, ich ging 
mit ihm bis tum echönen Tempel in Bayswater. Ein paar 
Worte über meinen Zweck : ich wolle die Weltdiskusaion 
der Judenfrage anregen. 

Er liebelte: „You are amhitiousi" 

Ich sagte : „Das ist noch das wenigst Phantastische an 
meinem Plan." 

Er gab mir Rendezvous für Sonntag ,,zum Tee". 

Mein Lieblingsgedanke der Transformation : bin ich 
nicht wie ein hochentwickelter jüdischer ,, Gelehrter", 
der herumfährt und von Rabbinern und reichen Leuten 
lum Freitisch gebeten wird? 

Auf Singers Rat an Claude Montefiore nach Brighton 
geschrieben, er möge Sonntag hierherkommen. 

Goldsmid telegraphiert an ZangwUl, daß er nicht kom- 
men könne. 

23. November. 

Abends heim Chief Rabbi, im anderen Haus in der 
City. Er hat zwei Häuser. Das in der City bewohnt er 
immer von Freitag bis Sonntag. 

Ich fuhr also Finsbury-Square vor. Lange klopfte ich 
an die Tür. Ich hörte nur dahinter leise wispern. End- 
lich ging die Tür im halbdunklen Flur auf, und ich sah 
ein überraschendes Bild. Ein Schwärm junger Mädchen, 
die lautlos, wie erschrocken, geharrt hatten und sich jetzt 
im Halbdunkel verzogen. 

Ich meinte, es wäre eine Samstagsschule des Rabbi. Er 
sagte mir dann, daß eine Dilettantenvorstellung — Kon- 
zert, Deklamation, „Mädchenjauae" — bei seiner Toch- 
ter war. 

Es kam später meinetwegen Mr. Joseph, der Schwager 
Adlers, zum Diner. 

Alles englisch, mit durchschlagenden altjfidischen Zü- 

3i9 



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geu. Hier empfand ich stark, daß das Jüdische nicht 
lächerlich zu sein hraucht, wie bei uns, wo wir in unseren 
Gebräuchen mutlos geworden sind. 

Und so setrte ich nach Tisch meinen Claquehut auf, 
wie die anderen, und 'hörte dem Nachtischgebet des 
Rabbi zu. 

Natärlich hatte ich auch dem Chief-Rabbi, wie Zadok 
Kahn, wie Gödemann gesagt, daß ich keinem religiösen 
Antrieb in der Sache gehorche. Aber ich werde doch den 
Glauben meiner Väter mindestens so ehren wie den an- 
derer. 

Nach Tisch blieben wir Männer allein, es kam später 
noch Elkan Adler, Advokat, der Bruder des Chief-Rabbi. 

Ich erklärte die Sache. 

Der Chief-Rabbi meinte: das ist die Idee von Daniel 
Deronda. 

Ich sagte : „Ich will gar nicht, daß die Idee neu sei. Sie 
ist aooo Jahre alt. Neu ist nur das Verfahren, wie ich 
die Idee lanciere und später die Society, endlich den 
Staat, organisiere. D. h. nicht ,Ich', denn ich ziehe mich 
von der Ausführung zurück, die unpersönlich sein muß. 
Ich schaffe nur das Organ, welches die Sache tu führen 
hat." 

Mr. Joseph, ein sympathischer, ganz anglisierter, lang- 
sam denkender und umständlich sprecheoder, alter Mann, 
seines Zeichens Architekt, führt die bekannten Einwen- 
dungen aus: die Juden seien kein geeignetes Menschen- 
material; die Erfahrungen des englisch-russischen Aus- 
wanderungskomitees waren betrübend, die Leute wollen 
nicht arbeiten usw. 

Ich erklärte ihm dies mit der Verfehltheit der bishe- 
rigen Versuche. Die Versuche waren schlecht, das Ma- 
terial ist gut. 

3ao 



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Alles wurde durch die dumme Wohltätigkeit verschul- 
det. Die Wohltätigkeit muß aufhören, dann werden dio 
Schnorrer verschwinden. Die bestehenden jüdischen Hilfs- 
komitees hahen sich uns unterzuordnen — oder sie wer- 
den sich auflösen. 

Der Chief-Rahbi sagte: „Wir werden Ihren Plan dem 
anglonissischen Komitee vorlegen, und das wird ent- 
scheiden, ob es sich an Ihrer Sache beteiligt." 

Ich erwiderte: ,, Selbstverständlich wird sich dieses Ko- 
mitee mit der Sache beschäftigen, aber ich lege sie ihm 
nicht vor. Ich bin nicht majorisierbar. Wer mitgeht, 
ist eingeladen. Ich wende mich zuerst an die namhaften 
Juden, die sich durch ihre bisherigen Versuche signali- 
siert haben, aber ich brauche sie nicht. Es kann mir nur 
erwünscht sein, wenn angesehene Leute mitgeben. An- 
gewiesen bin ich auf sie nicht." 

Elkan Adler war in Palästina, und er möchte, daß wir 
nach Palästina gingen. Wir hätten dort ein enormes Hin- 
terland. 

Zu all diesen Gesprächen tranken wir einen leichten 
Rotwein aus einer Zionskolonie. 

2ii. November. 

Mittags bei Sir Samuel Montagu. M.P. — Haus von eng- 
lischer Eleganz im großen Stil. Sir Samuel ein präch- 
tiger alter Bursche, der beste Jude, den ich bisher ge- 
sehen. Präsidiert bei Tisch seiner übrigens unliebens- 
würdigen — oder nur wohlerzogenen — Familie als ein 
gutmütiger Patriarch. 

Koschere Köche von drei livrierten Dienern serviert. 

Nach Tisch im Rauchzimmer meine Sache entwickelt. . 
Ich habe ihn allmählich begeistert. Er gestand mir — im 
Vertrauen — er füble sich mehr als Israelit denn als 

*I Benla TasebdoheT I. 3a I 



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Engländer. Er würde sich mit seiner ganzen Familie in 
PalSstina niederlassen. Er denkt sich ein großes, nicht 
das alte Palästina. 

Von Argentinien will er nichts wissen. 

Er ist bereit, ins Komitee einzutreten, wenn eineGroß- 
macht die Sache ernst nimmt. 

Ich soll ihm vor der definitiven Publikation die Bro- 
schüre schicken. 

* * * 
Abends bei den „MakkabSern". 
Mageres Diner, aber guter Empfang. 
Alle bewillkommnen mich herzlich. 

Unter den Klubmitgliedern zumeist gebildete Juden. 
Ein strammer Offizier, Captain Nathan, der einmal als 
MilitSrattachi nach Wien gehen sollte, aber wegen seines 
Judentums abgelehnt wurde. 

Nach Tisch gibt mir Zangwill mit einer leicht satiri- 
schen Einführung das Wort. 

Ich spreche frei, in drei Abteilungen. Die ersten zwei 
deutsch. Reverend Singer macht sich dabei Notizen und 
resümiert nach jeder Abteilung englisch, was ich gesagt 
habe. 

Die dritte Abteilung spreche ich französisch. 

Meine Rede hat Beifall. Sie beraten leise unter sich 
und ernennen mich einhellig zum Ehrenmitglied. 

Folgen die Einwendungen, die ich widerlege. 

Die wichtigste : der englische Patriotismus. 

* * * 

25. /Vowemier, in Cardiff. 
Beim Oberst Goldsmid. 

Als ich ankam, erwartete mich auf dem Bahnhof der 
Oberst in Uniform. Mittelgroß, kleiner schwarzer 

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Schourrbart, anglisiertes Judengesicht mit guten klugen 
dunklen Augen. 

Vor dem Bahnhof wartete ein kleiner Jagdwagen. 
Der Oberst hatte sein Pferd, auf dem er vor und hinter 
dem Wagen ritt. Wir sprachen ein paar Worte, wäh- 
rend wir durch Cardiff nach seinem Haus „The Ehns" 
fuhren. 

Er sagte mit vergnügtem Gesichtsausdruck : „Wir wer- 
den arbeiten für die Befreiung von Israel." 

Dann erzählte er mir, er sei Kommandierender in Car- 
diff und Umgebung, zeigte, erklärte mir die Stadt. 

In The Elms wartete Mrs. Goldsmid, eine feine hagere 
Engländerin, und ihre beiden jungen Töchter Rahel und 
Carmel. Englisches Willkommenheißen, wobei man sich 
gleich wie ein alter Bekannter fühlt. 

Nachmittags las ich dem Colonel den Plan vor. Er 
versteht nicht gut Deutsch, die Erklärung schleppte ein 
wenig. 

Aber er sagte : „That b the idea of my life." 

Die Leitung der Sache kann er nicht übernehmen, weil 
sie eine politische ist, und er darf als Offizier keine ak- 
tive Politik machen. 

Käme aber die Bewegui^ zustande, würde er die eng- 
lischen Dienste verlassen und in jüdische treten. Nur 
möchte er statt Juden Israeliten sagen, weil Israel alle 
Stämme umfaßt. 

Er zeigte mir die Fahne von Chovevei Zion : Zeichen der 
zwölf Stämme. Dagegen rollte ich meine weiße Fahne 
mit den sieben Sternen auf. 

Dennoch verstanden, verstehen wir uns. Er ist ein wun- 
derbarer Mensch. 

Nach dem Diner, als die Damen und der andere ein- 
geladene englische Oberst im Salon waren, ging ich mit 

3a3 



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Goldsmid ins Rauchzimmer. Und da kam die merkwür- 
dige ErzihluDg. 

„Ich bin Daniel Deronda", sagte er. „Ich bin als Christ 
geboren. Vater und Mutter waren getaufte Juden. Ab 
ich das als junger Mensch in Indien erfuhr, beschloß ich, 
xum Stamm der Väter zurückzukehren. Als Lieutnant 
trat ich zum Judentum über. Meine Familie war darüber 
empört. Meine Frau war auch Christin von jüdischer Ab- 
kunft. Ich entführte sie, ließ mich zuerst in Schottland 
frei trauen; dann mußte sie zum Judentum übertreten, 
und wir vermählten uns in der Synagoge. Ich bin ein 
<^thodoxer Jude. Es hat mir in England nicht geschadet. 
Meine Kinder Rahel und Carmel sind streng religiös er- 
zogen, lernten früh Hebräisch." 

Das und die Erzählungen von Südamerika klangen wie 
ein Roman. Weil er für Hirsch in Argentinien war und 
die Verhältnisse kennt, ist sein Rat zu hören: daß nur 
Palistina in Retracht kommen könne. 

Die frommen Christen Englands würden uns helfen, 
wenn wir nach Palästina gingen. Denn sie erwarten nach 
der Heimkehr der Juden das Erscheinen des Messias. 

Ich stehe plötzlich in einer anderen Welt mit Gold- 
smid. 

Er will das heiUge Grab Stein für Stein den Christen 
zustellen. Ein Teil nach Moskau, ein anderer nach RomI 

Er denkt auch wie Montagu an ein größeres Palästina. 

Gut ist seine Idee, den Großgrundbesitz durch eine pro< 
gressive Grundsteuer zu treffen. Henry George 1 



Der Wiener Klavierspieler Rosenthal war in Cardiff. 
Ich schrieb ihm, er solle nach den ,EIms' kommen. Er kam 
nach dem Konzert. 



324 



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Rahel und Carmel lauachten in anmutigen Haltungen. 
Wirklich eine andere Welt. Schon hatte ich die jüdischen 
Aristokratinnen der kommenden Zeit vor mir. Feine 
Wesen, mil einem orientalischen Zug, sanft und träume- 
risch. Und als Nippessache lag auf dem Salontisch eine 
ThoraroIIc in silberner Hülle. 

26. November, Cardiff. 
Abschied von Oberst Goldsmid. Er ist mir schon ans 
Herz gewachsen, wie ein Bruder. 

26. November, London. 

Abends bei Rev. Singer. 

Ich hatte Asher Myers vom Jewisb Chronicle, Dr. Hirsch, 
den Sekretär von Chovevei Zion, und den Maler Solomon 
hinbestellt. 

Die Herren warteten schon, als ich kam. 

Die Besprechung artete in tbeologisierende Diskussion 
aus. 

Asher Myers fragte: „What is your relation to the 
Bible?" 

Ich sagte: ,,Ich bin Freidenker, und unser Prinzip wird 
sein, daß jeder nach seiner Fagon selig wird." 

Hirsch fragte, ob ich die Fahne von Chovevei Zion 
aimehme. 

Ich antwortete mit meiner national-sozialen Fahne: 
weißes Feld, sieben Sterne. Die Zionsfahne kann denen, 
die es wollen, als Tempelfahne dienen. 

Schließlich gelang mir 's nicht, die geplante Zentral- 
stelle zu schaffen. Singer möchte wohl mittun, aber der 
unduldsame Asher Myers sagte : „Sie dürfen nicht". 

Singer meinte, man müsse die Sache zuerst den nam- 
haften Juden : Lord Rothschild, Mocatta, Montefiore usw. 
onterbreiten. 

335 



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Ich antwortete : „Ich bin nicht majorisierbar. Es ist die 
Sache der armen Juden, nicht der reichen. Der Protest 
der letzteren iat null, nichtig und wertlos. Ich möchte 
dennoch die Sache durch ein Komitee machen lassen, 
weil sie unpersönlich geführt werden muß." 

Aaher Myers sagte: „Nein, Sie sind der Mann, sie su 
führen. Sie müssen der Mfirtyrer dieser Idee sein. Die 
orthodoxen Juden werden mitgehen, aber Sie für einen 
schlechten Juden halten. Und Kwar werden die Juden 
nicht nach Argentinien, sondern nach PalSstina wollen." 

Er verlangte ein Resumd meiner Broschüre für den 
Jewish Chronicle, was ich ihm auch versprach. 

Beim Weggehen tröstete mich Solomon. Er glaube, die 
von mir gewünschte Studiengesellschaft werde sich im 
Schoß des Maccabaean Club bilden. Sein Schwager Bent- 
wich sei begeistert. Der Klub werde einige Sonntage hio- 
tereiuander über mein „Pamphlet" beraten. 

Auch recht. 

Parts, 28. November. 

Rev. Singer begleitete mich auf den Bahnhof von Cba- 
ring Gross. Ich fuhr, um mit ihm noch länger sprechen 
2u können, erst um elf Uhr weg statt um zehn. 

An ihn werde ich Broschüre und Briefe schicken. Vor- 
läufig ist er mein Hauptvertreter in London. Er scheint 
auch der Sache sehr ergeben. 

Er war von merkwürdiger Aufmerksamkeit in den 
letzten Viertelstunden. 

Dann gute Überfahrt ; aber in Paris kam ich krank an. 
Nordau konstatiert Bronchialkatarrh. Ich muß schauen, 
daß ich nach Hause komme und die Broschüre fertig 
mache. 

„Ein Prophet muß eine gute Lunge haben", sagt Nor- 
dau. 

3a6 



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,^it so einem Winterrock ist man kein Prophet", ant- 
worte ich ergOtzt. 

Nordau ist jetzt zuräckhaltender, als vor der Abreise 
nach London. 

Er wird sich an der Sache beteiligen „innerhalb der 
Grenze des Möglichen". 

* * * 

Dagegen war Bildhauer Beer gleich Feuer und Flamme 
für die Idee bei der ersten Andeutung. Kam auch am 
Abend, als ich mich mit meinem Katarrh niederlegte, und 
entwarf Pläne: die Wüste urbar machen, Humus von 
Afrika nach Palistina importieren, Wälder anlegen usw. 

Beer wird eine ausgezeichnete Hilfskraft sein, ich wu&te 
es immer. 

Abschiedsvisite bei Zadok Kahn. 

29. November. 

Er war wieder sehr liebenswürdig. Er halte meine Lö- 
sung für die einzige. Ich solle Salomon Reinach spre- 
chen. Ich sagte, ich bin jetzt zu möd. Von den franz<>- 
siscfaen Juden erwarte ich tatsSchlich gar nichts. 

Zadok meinte noch, ich möge Edmund Rothschild die 
Broschüre schicken. 

Ich : „Fällt mir nicht ein." 

* « * 

Wien, 15. Dezember. 
Im internationalen Verkehr gibt es weder Recht noch 
Menschlichkeit. Die Abwesenheit dieser beiden — könnte 
man scherzen — macht die Judenfrage zu einer inter- 
nationalen. 

15. Dezember. 
Mimikry der Juden. 
Wir gewöhnten uns dabei hauptsSchlich unsere guten 

3j7 



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Eigenschaften ab, weil solctie Nationalminuker zumeist 
nur schlechte haben. 

24'. De^mber. 
Eben zündete ich meinen Kindern den Weihnachts- 
baum an, als GQdemann kam. Er schien durch den 
„christlichen" Brauch verstimmt. Na, drücken lasse ich 
mich nicht! Aber meinetwegen soll's der Ghanukahaum 
heißen • — oder die Sonnenwende des Winters? 



Der jüdische Verleger Cronbach in Berlin will von 
meinem Broschüre-Antrag nichts wissen. Es sei gegen 
seine Ansichten. Ich tröstete mich, als ich auf dem Brief- 
kuvert sah, daß er eine Friseurzeitung u. dgl. verlegt. 

Dann an Duncker & Humblot geschrieben, die auch 
nichts davon wissen wollen. 

Selbstverlag also? Wenn die Broschüre „geht", würde 
ich wie ein GeschSftsmann ausseben I 



18. Jänrur 1896. 

Schidrowitz telegraphiert heute aus London, daß mein . 
Vorartikel „Die Lösung der Judenfrage" im Jewish Chro- 
nicle erscbienen ist. Der erste Schritt in die Öffentlich- 
keit. 

19. Jänner. 

Mit dem Verleger Breitenstein abgeschlossen. 

Er war begeistert, als ich ihm einige Stellen aus der 
nach langer Mühe endlich fertigen Schrift vorlas. 

Den Titel habe Ich geändert. „Der Judenstaat". 

Jetzt fühle ich die Erleichterung nach getaner Arbeit. 

Einen Erfolg erwarte ich nicht. 

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Ich kehre gelassen zu meinen literarischen Arbeiten 
lorück. ZunSchst arbeite ich das „Ghetto" um. 

22. Jänner. 
Die erste Zustimmungskundgebung von einem Lon- 
doner Buchhändler P. Michaelis, der mir „seine Zunei- 
gung und Kraft" zur Verfügung stellt. 

23. Jänner. 
Die zweite vom Rabbiner A. K . . . in Prag, der mich 

zur Bildung einer jüdischen Nationalpartei in Osterreich 
auffordert. 

Ich antworte ihm, daß ich glaube, mich vorläufig von 
jeder persönlichen Agitation zurückhalten zu sollen. 

25. Jänner. 

Dr. Lieben, Sekretär der hiesigen Judengemeinde, war 
auf der Bedaktion. Ich sprach ihn in Bachers Zimmer. 
An Lieben ist aus London die Anfrage gekommen, ob ich 
der Verfasser der Utopie im Jewish Chronicle sei. Er 
hat geantwortet, er glaube nicht, „denn er kenne mich als 
vernünftigen Menschen". 

Im Gespräch brachte er nacheinander die bekannten 
ersten Einwände vor. 

Als ich sagte, ich sei ein nationaler Jude, sagte er: 
„Das reden Sie sich ein." 

Ich gab mir weiter keine Mühe mit ihm. 

27. Jänner. 
Güdemann hat die ersten Druckbogen gelesen, schreibt 
mir begeistert. Er glaubt, die Schrift werde wie eine 
Bombe einschlagen, werde Wunder vnrken. Der Chief- 
Rabbi Adler habe ihm geschrieben, er halte die Sache für 
undurchführbar und zugleich für gefährlich. Der Chief- 

3a9 



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Rabbi hat eine zu gute Position, um Gefallen an meiner 
Sache finden zu können. Das alles irritiert mich nicht. 

1. Febriuu-. 

Die Broschüre ist in den Abzügen fertig. 

In der Redalttion bat man schon Wind davon. 

Oppenheim hat den Jewish Chronicle gelesen und spöt- 
telt: „der jüdische Jules Verne". Er sieht darin „Stoff" 
für ein humoristisches Wochen-Entrefilet. 

Mit meinem Grundgedanken von der Transformation 
erkenne ich darin den Spötter auf der Gasse, der den 
Propheten oder Volksredner auslacht. 

Ich sagte ihm, in verbindlichem Ton natürlich: „Wer 
darüber Witze machen wird, über den werde auch ich 
Witze machen. Ich kann böse Witze machen." 

Er erwiderte : „Der böseste Witz ist die Publikation der 
Sache. Wenn der Chronicte-Artikel deutsch erscheint, 
gibt es ein Hailob der Antisemiten. Ja, das wäre ihnen 
gerade recht." 

Ein anderer Mitarbeiter (vom .Economisten') meint, 
er und seine Braut hätten den Chronicle gelesen und be- 
schlossen, nicht mitzugeben. Ich habe ihn mit einem Lä- 
cheln abgewiesen. 

Es ist mir übrigens schon klar, welche Widerstände und 
von welcher Seite ich sie haben werde. Der Journalistea- 
spaß ist jetzt die nächste Gefahr. II faudra leur montrer, 
que j'ai Vipaule terrible. 

Den Verlauf denke ich mir übrigens so : wird die Sache 
einschlagen, so werden sie sich mit dumpfem Neid be- 
gnügen. 

Wird die Explosion nur une explosion de rire sein, 
so bin ich ins Närrische deklariert. Das ist das Opfer — 
von den vorläufig nur geahnten, wohl noch viel schw^ 

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reren abgesehen — das ich jetit im vollen Bewußtsein der 
Judensache bringe. Ich werde ,, ernst genommen", eine 
Chefredaktion ist mir schon angeboten worden; andere 
solche Antrfige würden noch kommen, noch viel bessere. 
Schon meine Stellung ist gut genug und würde sich täg- 
lich bessern. Ich glaube, daß ich selbst meine Stellung 
gefährde — denn ich werde, ungeachtet jener damaligen 
Zusage Bachers, vermutlich in einen Konflikt mit den 
Herausgebern kommen. Es wird viel diplomatische Ge- 
schicklichkeit von meiner Seite erfordern, um diesen Kon- 
flikt möglichst weit hinauszuschieben. Ich fühle schon 
jetzt, daß ich ihnen ungeachtet meiner Leistungen unbe- 
haglich bin. Vielleicht wird sich das nach einem guten 
Erfolg der Broschüre — der Oppenheims „Hailoh" nicht 
zur Folge hat — ändern. Wenn es mir aber schlecht 
geht, glaube ich, werden sie mich im Stich lassen und 
mich vielleicht durch die Form der Polemik gegen meine 
Broschüre zwingen, die Redaktion aus Selbstachtung zu 
verlassen. 

2. Februar. 

Der Ex-Ahgeordnete Bloch ist mit einem Brief Güde- 
manns gekommen und bittet mich um einige Kapitöl der 
Broschüre für seine Österreichische Wochenschrift. Gü- 
demann iat begeistert und schreibt : „meine Kollegen soll- 
ten mir Kränze winden". 

Bloch scheint Vertrauea zur Sache zu haben. Ich 
brauche solche Berufspolitiker wie Bloch. Er glaubt nur, 
daß die Sache von der Mitwirkung der Rothschilds ab- 
hänge. Das glaubte ich anfangs auch. Ich glaube es nicht 
mehr. Bloch meint, es sei ausgeschlossen, daß man das 
Ganze für einen Scherz halten werde. Ich sei hierin zu 
ängstlich. Na, ich meine, daß vom ersten Eindruck we- 
nigstens die Geschwindigkeit der Entwicklung abhänge. 

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2. Februar. 
Nachmittags im Prater Güdemaon getroffen. Er sagte: 

„Eben habe ich an Sie gedacht. Sie wissen gar nicht, 
welch ein großes Werk Sie gemacht haben." 

Er war ganz begeistert, verspricht sich enorme Wir- 
kung. 

3. Februar. 
Dumpfe Stimmung in der Redaktion. Habe mit Bacher 

gesprochen. Er hat viele schwere große Bedenken. Haupt- 
gofahr, daß ich sage : wir können uns nicht assimilieren. 
Das werden die Antisemiten aufgreifen, wie sie überhaupt 
die für sie brauchbaren ,,WeinberIn" aus meinem Text 
herauslösen und dauernd zitieren werden. Ähnlich heißt's 
im heute eingetroffenen Brief Levysohns, der mir an- 
zeigt, daß er mich scharf bekämpfen werde: ich hfitte 
wohl recht, daß ich der Diskussion ein anderes Terrain 
gebe; aber die Verschiebung findet zu unseren Ungunsten 
statt. 

Während ich mit Bacher sprach, kam GoMbaum her- 
ein. Der gab mir sonderbarer ich erkannte gleich: 

tückischerweise eine Reklamation eines Feuilleton- 
cinsenders, der sich über das Liegenbleiben eines Manu- 
skriptes beschwerte. Es war genau so, wie wenn er meine 
von ihm für erschüttert gehaltene Position im Blatte noch 
weiter erschüttern wollte. 

Auch das Gespräch, das er führte, war voll von An- 
züglichkeiten. Er sprach vom Bulgarenfürsten Ferdinand 
und vom Grafen Gotuchowski, den man fallen lassen 
wolle, weil er durch seine Neuerungen Verlegenheiten 
bereite, weil er eine Gefahr sei. 

Als wir dann hinausgingen, gab er mir die ihm ge- 
liehenen Bürstenabzüge meiner Schrift und sagte: „Sie 
haben mich ergriffen, aber nicht überzeugt". 

333 



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Nach diesen herzlich kliogenden Worten glaubte ich 
schon, sein Benehmen in Bachers Zimmer in meiner 
Nervosität falsch verstanden zu hahen. 

Aher als ich nach Hause kam, sah ich, daß er an swei 
Stellen die Broschüre gar nicht aufgeschnitten hatte. 

Noch einmal war ich vor dem Weggehen in Bachers 
Zimmer. Benedikt kam herein, wollte beinahe zurück, 
als er mich sah. Ich fragte ihn, ob er meine Schrift ge- 
lesen habe. Er antwortete: „Ich kann mich mit kleinen 
BemSngelungen dieser oder jener Stelle nicht aufhalten. 
Man muß das Ganze nehmen — oder nicht nehmen." 

Das „Nicht nehmen" in heruntergehendem Ton gespro- 
chen. Das war alles. Und doch eine geradezu dramatische 
Wendung. Wolken hingen über diesem kurzen Gespräch. 
Wir hatten einander verstanden — und gingen, als ob 
nichts Ernstes, Großes vorläge, zu gleichgültigen Dingen 
über, sprachen von der Osternummer, für die ein Beitrag 
Lomaltres zu verlangen sei u. dgl. 

3. Februar. 

Abends. 

Ich habe Benedikt richtig beurteilt. Er kam abends in 
mein Zimmer und bat mich — er michl — um eine Un- 
terredtmg. Er wolle „nicht als Neue Freie Presse, son- 
dern als Person" mit mir Ober die Sache sprechen. Ich 
solle nichts Entscheidendes tun vor dieser Rücksprache; 
nichts, was nicht mehr ungeschehen gemacht werden 
kOnne. 

Ich sagte: „Ich werde die Broschüre nicht früher er- 
scheinen lassen, aber aufhalten kann ich den Druck nicht. 
Spätere Änderungen würden Kosten verursachen." 

Er antwortete: „Das ist ja mit Geld auszugleichen." 

Ich weiß nicht, ob ich das recht verstanden habe. Will 

333 



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er mir Geld dafür anbieten, daß ich die Publikation un- 
terlasse? 

Jedenfalls ist meine Antwort morgen oder übermorgen 
— wann dieses schwere Treffen stattfinden wird — vor- 
gezeichnet. Ich werde, ich muß ihm sagen : Meine Ehre 
ist engagiert. Selbst wenn ich wollte, könnte ich die 
Sache nicht mehr rückgängig machen. Der Gedanke ist 
im Chronicle-Artikel ausgesprochen. Er gehört nicht 
mehr mir. Schwiege ich, gäbe ich die öffentlich verspro- 
chene Schrift nicht, so sähe ich aus, wie wenn ich mich 
den reichen Juden, die dagegen sind, verkauft hätte. — 
Auf kleine Änderungen, die er wünscht, werde ich mich 
einlassen, ihn aber die Druokkosten für die verlangten 
Änderungen bezahlen lassen. Diese Zahlung hat nSmIich 
in eventum einen Beweis herzustellen, den ich vielleicht 
einmal brauchen werde. 

Wie recht hatte ich aber, als ich heute nachmittags 
meinen Eltern sagte, daß ich schon mitten im Konflikt 
stehe. 

Ja, ich glaube, daß jetzt der schwerste Kampf spielt. 
Es ist darin eine beinahe pantomimische Lautlosigkeit, 
ein dramatischer Höhepunkt mit wenig Worten, aber 
jedes Wort ist tragische Aktion. 

Die Neue Freie Presse ringt mit mir, der Chef mit dem 
Angestellten. Er hat alle Kraft einer überlegenen Posi- 
tion; ich habe das gute Recht für mich. 

Ein äußerstes Zugeständnis kann ich, wenn er mich in 
die Enge treibt, machen : daß ich auf den versprochenen 
Artikel, der meine ganze Entschädigung für die ausge- 
schlagene Chefredaktion war, verzichte. 

3. Februar. 

In der Buchdruckerei gewesen, mit den Leitern, Brüder 
HoUinek, gesprochen. Sind beide vermutlich Antise* 



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miteo. Sic begrüßten mich ernst und herzlich. Die Bro- 
BchQre hat ihnen gut gefallen. Der eine sagt : Es war not- 
wendig, daß ein Mann aufgestanden ist, der die Vermitt- 
lung flberDimmt. 

' U. Februar. 

Nachts stundenlang aufgelegen, die Situation in der 
Neuen Freien Presse überdacht. Es bt kein Zweifel, daß 
ich mitten im Kampf bin. Bacher sagte gestern: „Sie 
verbrennen die Schiffe hinter sichl" 

Ich muß, wenn ich mit Benedikt rede, ihm zu verstehen 
geben, was ihnen bevorsteht, wenn sie mir ihr Wort nicht 
halten. 

Sollte er mich aus der Redaktion hinausdrfiogen, so 
muß ich sofort ein anderes Blatt zur Verfügung haben. 
Im NotfaU mache ich noch eine Broschüre, worin alle 
Vorgänge in kühlem Ton erzählt werden. 

In diesem Feldzug war ich lange auf die erste Schlacht 
vorbereitet. Ich bin nur geradeaus marschiert. Plötzlich 
ein kleines Treffen, das nach gar nichts aussieht. Wenige 
Schüsse herüber, hinüber. 

Und doch weiß ich schon, daß die große Schlacht, 
vielleicht die Entscheidungsschlacht, begonnen hat. 

Ich muß hart und fest bleiben, auf keine Verschleppung 
eingehen, kein Versprechen mehr annehmen. Ehrlichs 
Worte sind mir im Gedächtnis: ,,sie werden Ihnen das 
Versprechen nicht halten!" 

Ich setze viel ein, meine ganze Position — aber die 
Neue Freie Presse auch 1 

4. Februar. 

Mein Verleger Breitenstein will vorerst nur 3ooo Exem- 
plare drucken lassen. Er hat noch kein Vertrauen in den 
buchhändlerischen Erfolg I 

335 



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U. Februar, 

Kampfuaterredung mit Benedikt. 

Er sagte : i . dürfe kein einzelner die ungeheure mora- 
lische Verantwortung auf sich nehmen, diese Lawine ins 
Rollen zubringen, so viele Interessen zu gefährden. 2. Wir 
werden das jetzige Vaterland nicht mehr und den Ju- 
denstaat noch nicht haben. 3. Die Broschüre ist unreif 
für die Veröffentlichung. 

Es sei eine persönliche Gefahr für mich, indem ich 
meinen erworbenen Nimbus aufs Spiel setze. Damit schä- 
dige ich zugleich die Zeitung, zu deren Besitzstand mein 
literarisches Henommee gehört. Ich befinde mich zudem 
io direktem Gegensätze zu mehreren Prinzipien derNeuen 
Freien Presse. Er wünscht, daß ich die Publikation unter- 
lasse. , 

Ich antwortete: „Meine Ehre ist engagiert. Ich habe 
den Gedanken schon im Jewish Chronicle publiziert. Er 
gehört nicht mehr mir, sondern den Juden. Wenn ich 
jetzt schwiege, würde ich meine Reputation erst recht 
gefährden." 

Er bat mich, noch zu überlegen. Ich solle die Publi- 
kation mindestens um einige Monate verschieben. Er 
selbst wolle mir bei der nötigen Umarbeitung helfen. 

Ich frage: „Wann?" 

Er antwortet: „Im Sommer — wenn ich auf Ferien 
gehe." 

Ich lachte nur in mich hinein. 

Er bedrohte mich in verständlicher Weise, wenn er 
auch mein Recht, die Broschüre zu publizieren, aus- 
drücklich anerkannte. Er warnte mich „als Freund", „als 
erfahrener Journalist" eindringlich. Er „riet mir drin- 
gend", er „wünschte dringend". Er sagte: „Sie sind ja 
gar kein Österreicher, sondern ein Ungar." 

336 



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Ich erwiderte: „Ich bin österreichischer Staatsbürger". 

Er erzShIte mir eine bei den Haaren herbeigezogene 
Geschichte mit der Poiate : es sei seine Gewohnheit, „mit 
der Faust dreinzuschlagen, wenn ihm etwas zu dumm 
wird". 

Er ließ einfließen, daß er mit der jungen Schriftsteller- 
weit gut befreundet sei. (Was die Drohung enthält, daß 
ich im Feuilleton leicht zu ersetzen wSre.) 

Er kitxelte meine Eitelkeit: „Eis ist nicht gleichgültig, 
wenn der Dr. Theodor Herz] eine solche Schrift publi- 
ziert. Sie sind einer unserer hervorragendsten Mitarbei- 
ter, ein Stück Neue Freie Presse. Mindestens sollten Sie, 
wenn Sie schon die Schrift publizieren, Ihren Namen 
nicht darauf setzen." 

Ich sagte: ,J)as wSre eine Feigheit, und zwar eine un- 
nütze Feigheit." 

Er verlangte schließlich, daß ich mir es noch a4 Stun- 
den überlegen solle. Ich soll wahrscheinlich durch innere 
Gemütskämpfe erschüttert werden. 



Abends ging ich zu Bloch imd mit ihm zu Güdemann. 
Ich erzählte ihnen alles. 

Güdemann glaubte anfangs, ich wünsche seine Zustim- 
mung zum Zurückweichen, und riet mir folglich, ich möge 
tun, was mir zwei so hervorragende Männer wie Bacher 
und Benedikt raten. 

Ich placierte aber meine Frage auf das richtige Ter- 
rain. Vom Unterlassen der Publikation könne keine Rede 
sein. Ich bin kein kleiner Jimge, der im letzten Augen- 
blick zurückweicht. Ich gehe bis ans Ende. Es handle sich 
nur um folgendes. Bloch will in seiner Wochenschrift die 
Obersetzung meines Chronicle- Artikels bringen. Ich habe 

" Henli Tacebfiohu L 337 



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ihm das Original gegebeo, er hat es setzea lassen. Nun 
kann ich Benedikt nicht vor den Kopf stoßen, darf ihm 
keinen ihm erwünschten casus belli liefern. Ich will also 
kein fait aceompli in Wien schaffen, bevor mir alle seine 
Bedenken bekannt sind. 

Damm ziehe ich mein Manuskript von Bloch zurück 
— freilich kann ich es nicht hindern, wenn er die von 
Professor Kaufmann eingeschickte Übersetzung meines 
Artikels bringt. 

Dabei blieb es dann schliefilich. Bloch gibt mir mein 
Manuskript, veröffentlicht aber auf eigene Faust Kauf- 
manns Übersetzung. 

Nun gab mir Güdemann wieder recht, daß ich nicht 
zurückweiche. Er meinte sc^ar schließlich, Benedikt be- 
nehme sich wie ein recht kleiner GeschSftsmann. Als 
sie ein durch mich zu gründendes Konkurrenzblatt furch' 
teleo, versprachen sie mir die Unterstützung der Bro- 
schüre — jetzt wollen sie mich von Publikation geradezu 
abhalten. 

5. Februar. 
Benedikt gesehen, aber nicht gesprochen — d. h. wir 

redeten nur über gleichgültige Tagespolitik. 

Bacher kam abends in mein Zimmer, war sehr Hebens^ 
würdig, sprach aber von allen anderen Dingen. 

Er wartete, daß ich zu reden anfange über die Bro- 
schüre. Ich sprach aber nur über neue französische Li> 
teratur. 

6. Februar. 
Alexander Scharf war bei mir. Er hat von Bloch ge- 
hört, daß ich eine großartige Broschüre geschrieben habe. 
Er möchte sie früher haben als die TagesbUtter, weil 
seine Montagszeitung langsam hergestellt wird. Ich 

338 



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konnte ihm die Bewilligung zum Abdruck nicht geben, 
im Hinblick auf die Vorgänge in der Redaktion. 

Aber wir kamen in Reden, und auf seine Einwürfe 
antwortete ich ihm mit den Gründen der Broschüre. Denn 
er machte niu- die vorgesehenen Einwendungen. 

Nach der ersten halben Stunde verglich er mich mit 
dem Freitand-Hertzka und erinnerte mich an die Anek- 
dote vom Verrückten im Irrenhaus, der sagt: „Seht jenen 
armen Narren; er glaubt der Kaiser von Rußland zu sein, 
indessen bin ich es." 

Nach der zweiten halben Stunde verglich er mich mit 
Christus. 

Ich sei der zweite Christus, der den Juden furchtbar 
weh tun werde. 

Ich lehnte belustigt beide Vergleiche ab und sagte: „Ich 
bin ganz einfach ein moderner und dabei natürlicher, un- 
befangener Mensch. Ich mache die ganze Sache ohne 
Narreteien, ohne alle schw&rmerischen GebSrden. Ich 
sehe sogar den Fall ganz ruhig voraus, daß meine An- 
regung ins Leere fSllt." 

Er: „Das zeigt mir nur, daß Sie ein Chochem sind. 
ZunSchst wird man Sie freilich lächerlich machen. In 
den Judenbllttern wird man Sie den Mahdi aus der Pe- 
likangasse nennen." 

Ich lachte: „Sie sollen 's nur tun." 

Er sagte endlich: „Wenn ich nicht wüßte, daß Sie 
nicht kSufliph sind, und wenn ich Rothschild wSre, würde 
ich Ihnen fünf Millionen dafür anbieten, daß Sie die 
Broschüre unterdrücken. Oder ich würde Sie ermorden. 
Denn Sie werden den Juden schrecklich schaden. 

Obrigens werde ich Ihre Broschüre aufmerksam lesen; 
und wenn Sie mich überzeugen, werde ich mich ehrlich 
Bu Ihnen bekennen.'" 



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Ich lieh ihm die Broschüre auf sein Ehrenwort, daß 
er ohne meine Ermächtigung nichts daraus publizieren 
werde. 

Dann versuchte ich ihn aufzuklären, daß meine Schrift 
keine Gefahr, sondern eine Wohltat für die Juden sei. 
Ich gehrauchte das Beispiel der kommunizierenden Röh- 
ren. Die Erleichterung für alle Juden beginnt durch den 
unteren Abfluß. In der Röhre Judenstaat steigt allmäh- 
lich das Niveau, und es senkt sich in der Röhre der jet- 
zigen Wohnorte. Es wird niemand ruiniert, sondern neuer 
Wohlstand begründet. Und durch die aufsteigende Klas- 
senbewegung der auswandernden Juden bessert sich die 
Lage der dagebliebenen. 



Abends traf ich den Bankdirektor Dessauer und ging 
mit ihm im winterlich verschneiten Stadtpark spazieren. 

Dessauer sieht keine Gefahr, nur Vorteile in meiner 
Publikation. Es komme ein neuer besserer Ton in die 
Judenfrage. Er sieht auch keine Gefahr für die Neue 
Freie Presse in meiner Schrift. Es sei komisch, daß die 
Neue Freie Presse glaube, sie werde nicht für ein Juden- 
blatt gehalten. Übrigens solle die Redaktion als solche 
gar keine Stellung nehmen, sondern meine Schrift ein- 
fach durch irgendeinen Heidelberger Professor bespre- 
chen lassen. 

Dann sprachen wir von der kommenden Entwicklung. 
Dessauer hatte einen schönen Gedanken. Er meinte, es 
wäre interessant, in hundert oder zweihundert Jahren den 
Judenstaat zu sehen. Was dann aus meiner Idee gewor- 
den wäre. Er hält es für ebenso möglich, daß wir noch 
das Entstehen des Judenstaates erleben, wie daß es erst 
Jahrzehnte nach unserem Tod eintreten werde. In fünf- 



34o 



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rig Jahren, meint er, werde der Judenstaat schon exi- 
stieren. Er glaubt, es werde ein großer Staat sein, denn 
wie Englands Beispiel beweist, komme es für die Macht 
nicht auf die Zahl der Staatsangehörigen, sondern auf 
deren Intelligenz an. 

Wir triumten ein bißchen von den künftigen Leistun- 
gen des Judentums für die Wohlfahrt der Menschen. 

7. Febriutt-, 
Blochs Wochenschrift ist erschienen, und die Nummer 

enthSlt die Kaufmannsche Übersetzung nicht. Gleich- 
zeitig trifft ein Brief Blochs ein, worin er die unterblie- 
bene PublikatioD damit entschuldigt, daß ihm die Über- 
setzung zu schlecht war ; er warte lieber noch acht Tage, 
um mein Original bringen zu können. 

Tatsächlich hat er mich im Stiche gelassen. Er fürchtet 
sich offenbar vor der Neuen Freien Presse. 

Mir ist auch das recht. Es geht daraus nur wieder, wie 
bisher immer, hervor, daß ich gar keine Unterstützung 
habe, daß ich alles allein machen muß. 

Und Scharf hat mir gestern erzfihlt, Bloch rühme sich, 
mir beim Abfassen der Broschüre geholfen zu haben. 

Wo doch jede Zeile, jedes Wort von mir allein her- 
rührt. 

8. Februar. 
Im niederösterreichischen Landtag forderte Abgeord- 
neter V. Fächer gestern, daß jedem, der nachweisbar von 
jüdischen Vorfahren abstammt, das Bürgerrecht ent- 
zogen werden könne. 



Mein guter Freund, Rev. Singer, schreibt mir aus Lon- 
don, mein Plan sei in der Öffentlichkeit fast gar nicht, 

34 1 



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umso lebhafter aber privatim erörtert worden. Er selbst 
habe von der Kanzel davon gesprochen. Im ganzen gehe 
es aber den engUschea Juden noch nicht nahe, weil der 
Antisemitismus keine Kalamität sei. 



In der Berliner Monatsschrift „Zion" eine freundliche 
Besprechung meines Chronicle-Artikels von Dr. J. Holz- 
mann. Dieser ist aber gegen den Sprachen-Föderalismus. 

Ich schreibe ihm, wir sollen jetzt unter uns keine Strei- 
tigkeiten heraufbeschwören, und uns den Hader für spä- 
ter aufheben. 

9. Februar. 

Bloch getroffen, der mir sagte, die Studenten httten 
auf meinen von ,,Zion" reproduzierten Artikel hin eine 
Deputation zu mir geschickt, wShrend ich aus war. Sie 
wollten mich auch zu Güdemanns Vortrag in der Lese- 
halle einladen. Ich ging mit Bloch hin. Unterwegs er- 
zählte er mir, Scharf sei bei Güdemann gewesen mit der 
Bitte, G. möge auf mich einwirken und auch auf meinen 
Vater, damit ich meine Schrift nicht publiziere. Scharf 
meinte auch, die Gemeinde würde es Güdemann sehr ver- 
übeln, daß er mich davon nicht abgebracht habe. 

Ich sagte: „Ich werde Güdemann einen Brief geben, 
daß er alles aufgeboten habe, um mich von meinem Vor- 
satz abzubringen." 

Es geht nur wieder daraus hervor, daß mir niemand 
hilft, ja alle mich zu hemmen versuchen — die wahr- 
scheinlich späterhin, wenn der Erfolg kommen sollte, sich 
als meine Mitarbeiter ausgeben werden. 

Übrigens werde ich den Zitterem um ihren Besitz — 
Scharf bat mehrere Häuser in Wien — einfach folgendes 

343 



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sagen : „Wenn ihr euch gegen mögliche Verluste decken 
wollt — so subskribieret einfach die Aktion der Jewish 
Company, Was ihr hier durch den Abzug der Juden, 
eurer Mietparleien, verliert, das gewinnt ihr drüben durch 
den Einmg eben derselben. Die kommunizierendeo Röh- 
ren I Um wieviel ihr hier sinkt, steigt ihr drüben. Auch 
könnt ihr ja drüben dieselben HSuser wieder haben. Die 
Company wird sie euch bauen." 



In der Jüdischen akademischen Lesehalle wurde ich 
enthusiastisch begrüßt. Als der Vorsitzende die GSste 
willkommen hieß, erhielt mein Name den längsten, stür- 
mischsten Beifall, was vielleicht einen oder den anderen 
der Ehrengäste verstimmte, wenn ich richtig sah. 

Nach Güdemanns Vortrag kamen einige der jungen 
Leute an mich heran, und ich sprach eine Stunde aus dem 
Stegreif. Es waren etwa hundert junge Leute — viele 
stramme Gestalten, lauter verständig blitzende Augen. 
Sie standen dichtgedrängt, hörten mit wachsender Begei- 
sterung zu. Großer Erfo^ — wie ich es erwartet hatte. 
Die ganze Szene hatte ich längst genau so vorhergesehen. 
Als ich wegfuhr, standen sie auf der Gasse und riefen 
mir noch durch die Nacht taut, vielstimmig Prosit 1 nach. 

9. Februar. 

Einer der Studenten, die mir gestern zugehört, Carl 
Pollak, kam zu mir, „weil er seiner Begeisterung Luft 
machen müsse". 

Es hätten gleich gestern nach meiner Rede einige bisher 
Laue erklärt, daß sie sich dem Nationalgedanken an- 
schlössen. 

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10. Februar, 

Heute die Broschüre „Autoemanzipatioa" gelesen, die 
Bloch mir gegeben hat. 

Verblüffeade Übereinstimmung im kritischen, große 
Ähnlichkeit im konstruktiven Teil. 

Schade, daß ich die Schrift nicht vor dem Imprimatur 
der meinigen gelesen habe. Und doch wieder gut, daß ich 
sie nicht kannte — ich hätte mein Werk vielleicht unter- 
lassen. 

Ich werde bei der nSchsten Gelegenheit Mfeutlich dar- 
über reden und vielleicht in „Zion" einen Artikel darüber 
schreiben. 

1U. Fehraar, 

Aufgeregte Tage voll von Hersklopfen und Atemnot. 

Heute mit Ludassy gesprochen. Die Wiener Allgemeine 
Zeitung soll zuerst losgehen. Nach einer Viertelstunde 
hatte er mich begriffen. Er fragte : „Soll ich es als Freund 
oder kritisch besprechen? Im letzteren Fall werde ich 
dir vielleicht die Haut rltsen." 

Ich darauf: „Hone ventom damaa petimuaque vicissim. 
Wer mich haut, den haue ich. Je ne me lai»serai pas 
faire. Ich werde hart kfimpfen. Die aber mit mir gehen, 
werden lauter historisch berühmte Persönlichkeiten wer- 
den." 

Er sagte: „Ich gehe mit dir." 



Abends kamen meine 5oo Exemplare. Als ich den 
Ballen in mein Zimmer schleppen ließ, hatte ich eine 
heftige Erschütterung. Dieser Ballen Broschüren stellt 
sinnfällig die Entscheidung dar. Mein Leben nimmt jetzt 
vielleicht eine Wendung. 

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Dann in die Redaktion gegangen. Der Fischer auf der 
.Seewiesen' am Altausseer See fiel mir ein, der sagte : „Das 
ist das Merkwürdigste, wenn einer nie verzagt." 

i5. Februar. 
Mein guter Papa kommt und erzfihlt, daß die Bro- 
schüre schon in Breitensteins Schaufenster ist. 
Wird es heute in der Redaktion einen Kampf geben? 



Mit Ludaasy wieder gesprochen. Er schwenkt schon 
ab. Er hat sich 's überlegt. Er „muß schreiben, wie es 
seine Leser wünschen". Es „sei etwas anderes, was ein 
Feuilletonist sagt, und was ein Leitartikler sagt". 

Ab ich erwiderte, ich glaube, die Menge werde meiner 
Ansicht sein, meinte er : „Einschwenken werde ich immer 
können." 

Auch recht. 

Dann bei Szeps gewesen. Der schien die Sache su ver- 
stehen, bat aber auch nur Bedenken. „Die Zeitung dürfe 
nicht originell sein", sagte er. „Die Zeitungen können 
keine neuen Gedanken propagieren." 

Er will es sich überlegen. 

Indessen ist die Broschüre im Buchhandel erschienen. 
Für mich sind die Würfel gefallen. 

i5. Februar. 

Jetzt ist mein guter Vater meine einzige Stütze. Alle, 
mit denen ich bisher die Sache beraten habe, halten sich 
vorsichtig zurück, lauern, warten ab. Neben mir fühle ich 
nor meinen teuren Alten. Der steht wie ein Baum. 

Oppenheim machte gestern abends SpSße in der Re- 
daktion. Er will meine Broschüre binden lassen. „Bist 

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du metchugge, laß dich bindeo", sagte er, nachdem ich 
sie ihm auf seine Bitte gegeben. 

Auf das alles muß ich gefaßt sein. Die höbereDSchu- 
sterhuben werden mir nachlaufen. Aber wer in dreißig 
Jahren recht haben soll, der muß in den ersten vierzehn 
Tagen für verrückt gebalten werden. 

Auch an der Börse soll schon gestern viel von der Bro- 
schüre gesprochen worden sein. Die Stimmung scheint 
eher feindselig g^en mich zu sein. 

16. Februar. 

Dr. S. R. Landau war bei mir. Ich glaube an ihm 
einen ergebenen und tüchtigen Anhänger zu haben. 

Er scheint ein begeisterter Schwärmer mit dem Haupt- 
fehler solcher Leute: dem unduldsamen Eifer, zu sein. 

Aber ein braver starker Mensch. Gezügelt können 
solche Kräfte Wunder wirken. 

(7. Februar. 

Noch kein hiesiges Blatt hat gesprochen. Dennoch be- 
ginnt die Broschüre, Gegenstand zu werden. Bekannte 
fragen mich: „Ist die Broschüre, von der man spricht, 
von Ihnen? Ist das Humor oder Ernst?" 

Ich antworte: „Blutigor Ernst I Natürlich muß, wer 
so etwas unternimmt, darauf gefaßt sein, daß ihm zu- 
nächst die Scbuslerbuben nachlaufen. Eis gibt auch hö- 
here Schusterbuben." 

18. Februar. 

Wenn heute in der Redaktion nichts vorkommt, 
schreibe ich folgendes an Badeni : 

Ew. Exzellenz I 
Als ich zum letztenmal die Ehre halte, von Ihnen emp- 
fangen zu werden, nahm ich mir die auffallende Freiheit, 
das Gespräch auf die schwebende Tagesfrage zu bringen. 



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Es war das — Ende Oktober — die Luegerfrage. Ich 
bemerkte Ihr Befremden, Exzellenz, als ich sagte : Wenn 
Sie ihn nicht bestStigen, endossieren Sie den ganzen Ju- 
denhaß. 

DerGrund, warum ich das sagte, war die Broschüre, die 
ich mich hiermit beehre, Ew. Exzellenz zu übergeben, und 
die damals schon fertig war. Ich wollte mich Ihrem Ge- 
dächtnis durch eine kleine Prophezeiung mit kurzer Ver- 
fallszeit einpr&gen, damit Sie am kommenden Tage meine 
Staatsschrift mit Aufmerksamkeit lesen. 

Diese Schrift wird vermutlich eine gewisse Bewegung 
hervorrufen : Gelächter, Geschrei, Wehklagen, Beschimp- 
fungen, MißverstSndnisse, Dummheiten, Schlechtigkeiten. 

Ich blicke alledem höchst gelassen entgegen. Les chiens 
aboient — la carauane passe. 

Aber ich möchte, Exzellenz, daß Sie meine Staats- 
schrift, die für Sie großes praktisches Interesse hat, lesen, 
bevor sie durch eine wüste Diskussion entstellt wird. Daß 
Sie sie lesen mit Ihren eigenen unbefangenen Augen. Sie 
werden dann bemerken, daß ich vieles nur flüchtig an- 
deutete, was von der höchsten Wichtigkeit ist — (unter- 
brochen). 

18. Febraar, abends. 

Mittags kam der UniversitStsdozent Feilbogen zu mir 
in die Redaktion, sagte, er müsse mit mir über die Bro- 
schüre sprechen — „sie sei das Bedeutendste, was die 
zionistische Literatur bisher hervorgebracht habe", usw. 
— große Elogen. 

Nachmittags kam er in meiue Wohnung und eröffnete 
das Gespräch mit der Frage, ob ich die Broschüre ernst 
gemeint habe, ob es nicht eine ironische Darstellung des 
Zionisnuis sei. 

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Ich war ganz betroffen und antwortete: „Für solche 
alkibiadische Scherze bin ich zu att." 

Dann tüftelte er stundenlang hemm, mfikelte da, hä- 
kelte dort. 

Ich war von alledem so äcoeuriert, daß ich den Brief 
an Badeni nicht weiterschreiben konnte und überhaupt 
nichts mehr tun wollte. 

Abends hörte ich aber in der Redaktion, daß die Deut- 
sehe Zeitung (antisemitisch) morgen einen Leitartikel 
darüber bringt. Vermutlich Schm&hungen. Jedenfalls 
wichtig wegen der Antwortstelluog, welche die übrigen 
BlStter dazu einnehmen werden. 

Nun habe ich wieder Lust, an Badeni zu schreiben. 



(Badenibrieffortsetzung.) 

Jeder Staat bat Rechte auf seine Juden — was soll da- 
mit geschehen? Es ist einer der vielen politisch delikaten 
Punkte, die ich in meiner Schrift kaum berührte. Eurer 
Exzellenz bin ich bereit, hierüber wie über alles andere 
sehr eingehende und vielleicht befriedigende Aufklfirun- 
gen zu geben. 

Ich glaube, der Judenstaat ist ein Weltbedürfnis, und 
darum wird er entstehen. 

Wer einen solchen Ruf ausstößt, dem laufen vor allem 
die Schusterbuben belustigt nach — es gibt auch höhere 
Schusterbubea. Die Menge aber schaut auf, lacht viel- 
leicht auch, jedenfalls versteht sie nicht gleich. Und zur 
Menge gehört auch eine gewisse Presse, hüben wie drü- 
ben, die nach don verworrenen Stimmen des Publikums 
hinaushorcht, und sich von Krethi und Plethi führen lißt, 
statt zu führen. 

Dieses Ihr Wort, Exzellenz, veranlaßte mich damals, 

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auf jenen Antrag einzugehen, den ich dana mit solchem 
Bedauern zurücklegen mußte, als der Appell an meine 
Dankbarkeit erging. Ich hStte gewünscht, daß Sie mich 
im näheren Umgang zuerst als verläßlichen Menschen 
kemieolernen, und daß ich eines Tages auf diesen Aus- 
weg aus der Judenkalamitit hinweisen könne. Der heu- 
tige Leitartikel der Deutschen Zeitung ist recht naiv und 
widerspruchsvoll ; der Schreiber hat meine Broschüre ein- 
fach nicht verstanden, weil er die Bedingungen des mo- 
dernen Lebens nicht versteht. Was ich vorschlage, ist 
tatsichlich nur die Regulierung der Judenfrage, kei- 
neswegs die Auswanderung aller Juden. Am alterwenig- 
sten kann und wird daraus die wirtschaftliche Schwfi- 
cbung der jetzt antisemitischen Länder sich ergeben. 

Durch die Türe aber, die ich für die armen Juden auf- 
zustoßen versuche, wird ein den Gedanken recht erfas- 
sender christlicher Staatsmann in die Weltgeschichte ein- 
treten. Daß damit auch augenblickliche, unmittelbare po- 
litische Vorteile verbunden sind, will ich gar nicht be- 
tonen. 

Wünscht Ew. Exzellenz alle diese in meiner Schrift ver- 
schwiegenen Gedankengänge kennen zu lernen, so bitte 
ich, mich zu einer geheimen Audienz zu befehlen — 
vielleicht irgend einmal in den Abendstunden. 

Durch mich würde niemand etwas von der Unterre- 
dung erfahren. 

Mit ausgezeichneter Hochachtung 

Ew. Exzellenz ganz ergebener 

Dr. Th. Herzl. 

(Am 19. Februar abends abgeschickt.) 



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19. Februar. 
Der alte Heit, ein Wirkwarenhäudler und Hausbesitzer 

vom Franz-Josefstjuai, war da, lud mich zu einem Vor- 
trag in der bisher antizionistischen „Union" ein. 

Er selbst faStte es eine halbe Stunde, bevor er meine 
Broschüre gelesen, fflr ganz unmöglich gehalten, daß er 
jemals auf etwas Derartiges eingehen könne. Er sei aber 
durch mich vollstfindig bekehrt und wäre bereit, seine 
Liegenschaften selbst mit Verlust zu verkaufen und hin- 
überzugehen. 

20. Februar. 
Wilhelm vom Fremdenblatt teilt mir in einem „lau- 
nigen" Brief mit, es gehe die Kunde, ich sei „meschugge" 
geworden. Ob es wahr sei? 

21. Februar. 
Gestern Kommers der Kadimah. Die Studenten berei- 
teten mir große Ovationen. Ich mußte sprechen, sprach 
aber mit Mäßigung — und mittelmäßig. Ich wollte keine 
Bierbegeisterung erregen, mahnte zum Studium, warnte 
vor ungesunder Schwärmerei. Wir würden nach Zion 
vielleicht nie kommen, so müssen wir ein inneres Zion 
erstreben. 

Der Advokat Ellbogen kam aus einer anderen Ver- 
sammlung, erzählte, daß Dr. Feilbogen dort eine glän- 
zende Rede für meine Idee gehalten habe. 

Dr. Landau schlug mir vor, eine Wochenschrift für die 
Bewegung zu gründen. Das paßt mir, ich werde darauf 
eingehen. Diese Wochenachrift wird mein Orgaü wer- 
den. Landau hatte noch eine andere gute Idee. Newlins- 
ky, der Herausgeber der ,,Gorrespondance de TEst", ist 
mit dem Sultan befreundet. Er könnte uns vielleicht — 
für Bakschlsch — die Souveränität verschaffen. 

35o 



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Ich denke auch an Kozmian. Ich werde Landau zu 
Kozmian schicken und ihn für die Sache zu interessieren 
versuchen. 

23. Februar. 

Im Concordia-KIub versuchte gestern Uegierungsrat 
Hahn vom Korrespondenz-Bureau mich zu verspotten: 
„Was wollen Sie in Ihrem Judenstaat werden? Minister- 
präsident oder Kammerpräsident?" 

Ich antwortete: „Wer so etwas unternimmt, wie ich, 
der muß sich natürlich darauf gefaßt macheu, daß ihm 
zuerst die Schusterbuben nachlaufen." 

Worauf er betrübt wegschlich. 



Im Volkstheater viele Journalisten gesprochen. Meine 
Broschüre ist Stadtgespräch. Einige lächeln oder lachen 
über mich, aber im allgemeinen scheint die ernste Cber- 
zeugung meiner Schrift Eindruck gemacht zu haben. 

Hermann Bahr sagte mir, er wolle gegen mich schrei- 
ben, weil man die Juden nicht entbehren könne. Pas malt 

23. Februar. 

Dr. Landau weu- da. Habe ihn gebeten, mit Kozmian 
zu reden, damit ich diesem die Sache persönlich aus- 
einandersetze. 

Landau meint, ich hätte den Ackerbau im Judenstaat 
vernachlässigt. Antwort einfach: wir werden landwirt- 
schaftliche Produktiv-Genossenschaften und Kleinindu- 
strielle des Ackerbaues, beide mit Maschinenkredit der 
Jewish Company, haben. 

Wir kamen dann auf die Sprache. Landau ist, wie 
viele Zionisten, für das Hebräische. Ich meine, dieHaupt- 
sprache müsse sich zwanglos durchsetzen. Machen wir 

35 1 



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einen neuhebrfiischen Staat, so wird es nur ein Neugrie- 
chenlaod. Schließen wir uns aber in kein Spracbghetto 
ab, so gebort uns die ganze Welt. 

In Wien macht man über mich Witze. 

Julius Bauer sagt : „Ich bin einverstanden, daß wir nach 
Palistina gehen. Aber ich will die Republik mit dem 
GroßherzI an der Spitze." 

2fi. Februar. 

Im Westuogarischen Grenzboten bebandelt ein Leit- 
artikel des antisemitischen Abgeordneten Simonyi mein 
Buch. Er spricht in ritterlichem Ton von mir. 

27. Februar. 

,J)aily Cbronicle" veröffentlicht Interviews mit dem 
Maler Holman Hunt und Sir Samuel Montagu über den 
„Judenstaat". 

Holman Hunt nimmt die Priorit&t des Gedankens für 
sieb in Anspruch, weil er einen Brief an einen englischen 
Juden schrieb, bevor mein Artikel im Jewish Cbronicle 
erschien. 

Montagu meint, man könne dem Sultan zwei Millionen 
Pfund für PalSstina bieten. 



Neumann vom Fremdenblatt schreibt mir, iu Wiener 
Finanzkreisen äußere man Lob und Tadel über mein 
Buch in überschwenglichster Weise. Ich wußte, daß ea 
niemanden gleichgültig lassen werde. 

* * * 

Kozmian kam in die Redaktion zu Bacher. Ich traf 
ihn im Vorzimmer. Landau war bei ihm. Aber schon 
vorher hatte er von meiner Schrift gehört — vielleicht 

353 - 



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durch Badeni. — Kozmian sagte: „II paratt que c'est 
tr^ excentrique." Ich antwortete: „C'est ua d^rivatif." 

28. Februar. 

Die gestrigea Wiener Gemeinderatswahlen geben mir 
wieder recht. Seit September sind die Stimmen der. An- 
tisemiten wieder enorm gewachsen. Überall große Majo 
ritaten, auch in den „Hochburgen" der Liberalen: in der 
Inneren Stadt und Leopoldstadt. 

Unser heutiger Leitartikel ist ganz resigniert. 



Von Nordau einen begeisterten Brief erhalten, der mich 
ganz stolz macht. Er findet, daß mein „Judenstaat" eine 
„Großtat", eine „Offenbarung" ist. 

1. MSrz. 

Ludassy greift mich in der Wiener Allgemeinen Zei- 
tung an. „Der Zionismus ist ein verzweiflungsvoller 
Wahnsinn. Hinweg mit solchen SchimSrenl" 

Einer seiner angestellten Humoristen verhöhnt in 
einem kleinen Scherz die „MakkabSer der Flucht". 



In der Zeit bekämpft Professor Gomperz den Zionis- 
mus, von meinem Buch „ausgehend" — das er erklftrt, 
nicht gelesen zu haben. 

Die Zionisten Birnbaum, Jacob Kohn und Landau be- 
suchten mich gleichzeitig und haderten miteinander. 

Kohn ist gegen Landau, Kadimah gegen Gamalah. 

Birnhaima will nur die Agitation in wissenschaftlichen 
Wochenschriften, Landau will äberall agitieren, Kohn 
nur in Wien. 

353 



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Es ist geradezu entmutigencl, wie spinnefeind sie unter- 
einander. 



2. März. 
Hermann Bahr war bei mir. Die Juden der höheren 

Bildungskreise, die im filteren Wien den literarischen 
Salon, das Baaernfeld-Nest, die Grillparzer- Kapelle 
formten, sind über mich entsetzt, wie Bahr erzfihlt. 
Das war zu erwarten. 

* * * 

Ein Professor Schneidewin in Hameln schreibt mir, 
mein „Judenstaat" habe ihn von der Unrichtigkeit seiner 
in einer Broschüre dai^stellten Lösung fiberzeugt. Er 
schickt mir zugleich diese 163 S. starke Schrift, die den 
Standpunkt der „besseren" Antisemiten hat. 

3. März. 
Ein HodewarenhSndler in Semlin, S. Waizenkom, 

schreibt mir, alle Semliner Juden seien bereit, mit Kind 
und Kegel auszuwandern, sobald die Jewish Company 
gegründet ist. 

4. März. 
Mein wSrmster Anhänger ist bisher — der Preßburger 

Antisemit Ivan v. Simonyi, der mich mit schmeichelhaf- 
ten Leitartikeln bombardiert und mir jeden Aufsatz in 
zwei Exemplaren zuschickt. 



6. März. 
In der Münchner Allgemeinen Zeitung ist der bisher 
niederste Angriff von A. Bettelheim erschienen. Meine 
Schrift wird als „Gründerprospekt einer jüdischen 

354 



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Schweiz" bezeichnet. Der Inhalt wird unter Verkoppe- 
lung heterogener Zitate wiedergegeben. 

7. März. 
Bacher ist jetzt gegen mich charmant. Ea fällt in der 
Redaktion auf, und macht offenbar gute Stimmung für 
mich. 

* * * 

In der Berliner ,^llgemeinen Israelitischen Wochen- 
schrift" fällt Klausner vom Börsen-Courier über mich her 
und „verreißt" mein Buch ungefähr im Radauton der 
Berliner Theaterhyinen, die eine Premiere herunterma- 
chen. 

Der Herausgeher dieser Wochenschrift lädt mich ein, 
darauf so scharf es mir belieht zu antworten. Ich gebe 
gar keine Antwort. 

7. März. 

Die Zionisten hier wollen Kundgebungen für meine 
Schrift veranstalten. 

9. März. 

Der Berliner Verein ,,Jung-Israel" fordert mich zu einem 
öffentlichen Vortrag vor großem Publikum auf. — Ab- 
gelehnt, wie andere ähnliche Einladungen. 

iO. März. 

Die Zeitung „Haam" in Kolomea stellt sich mir zur 
Verfügung. 

Begeisterter Brief von Dr. Bierer aus Sofia. Der dor- 
tige Großrabbiner hält mich für den Messias. Am Pas- 
sahfeste wird vor einer großen Versammlung ein Vor- 
trag in bulgarischer und spanischer Sprache über meine 
Schrift gebalten w«-deo. 



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Rev. William H. Hechler, Kaplan der hiesigen eng- 
lischen Botschaft, war bei mir. 

Sympathischer, zarter Mensch mit langem, grauem Pro- 
phetenbart. Er enthusiasmiert sich für meine LSsung. 
Auch er hSit meine Bewegung für eine „prophetische 
Krise" — die er schon vor zwei Jahren angekündigt hat. 
Er hat nimlich nach einer Prophezeiung aus Omars Zeit 
(637/8) ausgerechnet, daß nach ^a prophetischen Mon- 
den, also 1360 Jahren, Palistina den Juden zurückgO' 
geben werden würde. Das ergSbe 1897/98. 

Als er mein Buch gelesen hatte, eilte er sofort zum 
Botschafter Monson und sagte ihm : die angekündigte Be- 
wegung ist dal 

Hechler erklftrt meine Bewegung für eine „biblische", 
obwohl ich in allem rationell vorgehe. 

Er will meine Schrift einigen deutschen Fürsten zu- 
kommen lassen. Er war Erzieher im Hause des Groß- 
herzogs von Baden, kennt den Deutschen Kaiser, imd 
glaubt, mir eine Audienz verschaffen zu können. 

1U. März. 

Große Aufregung an der Wiener Universität. 

Die „wehrhaften" „arischen" Verbindungen habenden 
Beschluß gefaßt, Juden auf keine Waffe mehr Satis- 
faktion zu geben, weil jeder Jude ehrlos und feig sei. 

Hein junger Freund PoUak und noch ein anderer Jude 
haben zwei Antisemiten, die Reserve-Offiziere sind, ge- 
fwdert; und als diese sich zu schlagen ablehnten, haben 
die beiden Juden die Anzeige beim General-Kommando 
erstattet. Dieses hat sie an das Bezirkskommando ge- 
wiesen. 

An der Entscheidung hingt viel — nSmlich die künf- 
tige Stellung der Juden in der {österreichischen Armee. 

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Ich machte Benedikt, dessen Sohn jetzt an der Uni- 
versität ist, und Bacher den Kopf gehörig warm mit dieser 
Sache. 

15. März. 
Benedikt veröffentlicht im ,Economist' einen kategori- 
schen Aufruf an die Reichen, die Judenschlacht nicht 
allein durch die Armen und die Jugend schlagen zulassen. 

Mit Ausnahme meiner Konklusion steht Benedikt in 
diesem Artikel schon völlig auf dem Boden meiner Staats- 
schrift. 

16. März. 
Gestern Sonntag nachmittag war ich beim Rev. Hech- 

1er. Das ist nach Oberst Goldsmid der eigentümlichste 
Mensch, den ich bisher in dieser Bewegung kennengelernt 
habe. Er wohnt im vierten Stock, seine Fenster gehen auf 
den Schillerplatz hinaus. Schon auf der Treppe hörte ich 
Orgelspiel. Das Zimmer, in das ich trat, ist mit Büchern 
ringsum bis an die Decke bestellt. 

Es sind lauter Bibeln. 

Ein Fenster des ganz lichten Zimmers war offen, kühle 
Frühlingsluft kam herein, und Mr. Hechler zeigte mir 
seine biblischen Schätze. Dann breitete er seine verglei- 
chende Geschichtstabelle vor mir aus, und endlich die 
Landkarte von Palästina. Es ist eine große Generalstabs- 
karte in vier Blättern, die auf den Boden gelegt wurde 
und so das ganze Zimmer ausf fiUt. 

„Wir haben Ihnen vorgearbeitet!" sagte Hechler tri- 
umphierend. 

Er zeigte mir, wo nach seiner Berechnung unser neuer 
Tempel stehen müsse: in Bethell Weil das der Mittel- 
punkt des Landes sei. Er zeigte mir auch Modelle des 
alten Tempels: „wir haben Ihnen vorgearbeitet". 

Wir wiuxlen dann durch den Besuch zweier englischer 

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Damen unterbrochen, denen er auch seine Bibeln, Erin- 
nerungen, Karten usw. zeigte. 

Nach der langweiligen Unterbrechung spielte und sai^ 
er mir auf der Orgel ein von ihm verfaßtes zionistisches 
Lied vor. Von meiner englischen Lehrerin hörte ich, daß 
Hechler ein Heuchler sei. Ich halte ihn vielmehr für einen 
naiven Schwärmer, der Sammlerticks hat. Es bt aber in 
seiner naiven Begeisterung etwas Hinreißendes, das ich 
besonders empfand, als er mir das Lied vorsang. 

Nachher kamen wir auf den Kern der Sache. Ich sagte 
ihm : ich muß mich mit einem verantwortlichen oder un- 
verantwortlichen Regierungsmenschen — also einem Mi- 
nister oder Fürsten — in direkte und nach außen hin er- 
kennbare Verbindung setzen. Dann werden die Jaden an 
mich glauben, dann werden sie mir folgen. Am geeignet- 
sten wäre der Deutsche Kaiser. Man muß mir helfen, 
wenn ich das Werk ausführen soll. Bisher hatte ich nur 
mit Hindernissen zu kämpfen, die meine Kraft aufreiben. 

Hechler erklärte sich sofort bereit, nach Berlin zu fah- 
ren, um mit dem Hofprediger, ferner mit den Prinzen 
Günther und Heinrich zu sprechen. 

Er hält unseren Aufbruch nach Jerusalem für ganz 
nahe, und zeigt mir schon die Rocktasche, in der er seine 
große Palästinakarte mitnehmen wird, wenn wir zusam- 
men im heiligen Lande umherreiten werden. Das war 
gestern sein naivster und überzeugendster Zug. 
* * ♦ 

Abends hOrte ich [von] . . . alles niedrige Geschwätz von 
Juden seines Kreises, die nicht begreifen, „wozu ich das 
unternommen habe in meiner Stellung, und wo ich ea 
doch nicht n6tig habe". 

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Ich antwortete ihm mit einem Wort, das Professor 
Leon Kellner mir neulich sagte: „Es gibt Juden, die vom 
Judentum, und solche, die fürs Judentum leben." 

Was nicht bindert, daß dieselben Juden, die sich jetzt 
über meine Donquichoterie lustig machen, mich späterhin 
neidisch einen raffinierten Spekulanten nennen werden, 
wenn der Erfolg eintrifft. 

Dieses Volk muß erzogen werden, und zwar durch 
unser Beispiel. 



In Wien sagt man, daß der Satisfaktionskonflikt der 
Studenten auf meine Broschfire zurückzufOhren sei. 



Der Leitartikel der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung 
(vom vorigen Donnerstag) über meine Schrift hat hier 
Aufsehen gemacht; in Berlin natürlich nocb viel mehr, 
denke ich mir. 

i7. März. 

Gestern war Heinrich Steiner, Direktor der „Wiener 
Mode", bei mir. Er macht den Eindruck eines braven, 
tüchtigen, überzeugten, entschlossenen Mannes. Er bot 
mir seine Kraft an. Ich setzte ihm den Beginn der nOtigen 
publizistischen Organisation auseinander. Er solle die 
Wiener Allgemeine Zeitung oder Szeps' Tageblatt kaufen 
und zionistisch machen. Ich würde unsichtbar mithelfen. 
So könnte ich unseren ersten Mitarbeitern in Wien : Lan- 
dau, Birnbaum, J. Kobn usw. gleich erste Belobnungen 
geben, indem ich ihnen auskömmliche Stellungen ver- 
schaffe. 

Ich sprach a^/i Stunden mit Steiner, und als ich ihm 
auf der Gasse noch einige kräftige Schlußworte sagte. 



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antwortete er mit erschütterter Stimme : „Es ist viel für 
mich, was ich jetzt empfinde." 

17. März. 

Brief an Martin Fürth, Sekretär des Fürsten in Sofia. 
Lieber Freund I 

Noch itevor ich Ihre Antwort auf meinen Brief habe, 
muß ich Ihnen wieder schreiben. Sie haben sich mir 
durch Ihre Depesche um den Kongreß-Katalog (der heute 
abgeht) gerade in einem Augenblick in Erinnerung ge- 
bracht, wo ich eine Gemeinheit erfuhr, hei deren Be- 
kämpfung Sie mir raten oder helfen können. 

Es ist nicht su sagen, mit welcher Perfidie gewisse 
Juden in Wien mich wegen meiner Broschüre anfeinden. 
Zuerst wurde versucht, mich ab verrückt hinzustellen. 
Nachdem dieses hübsche Mittel versagt hatte und man 
durch die Stellungnahme angesehener „christlicher" 
Blätter — besonders hervorzuheben ein Leitartikel der 
Norddeutschen Allgemeinen Zeitung — gezwungen wurde, 
mich und meinen Plan vollkommen ernst zu nehmen, 
kommen andere Lumpereien. Gestern wurde mir mit- 
geteilt, daß aus einem gewissen journalistischen Nest, wo 
die lumpigsten meiner Gegner sitzen, folgende LOge aus- 
geflogen ist : „Ich hätte meine Broschüre nur publiziert, 
um mich an Baron Hirsch für die Ablehnung meiner Be- 
werbung um den Posten eines Generaldirektors seiner 
Judenkolonisatjon zu rächen." 

Es wurde mir gleichzeitig erzählt, daß diese Lüge in 
das Zeitungsnest von einer der hiesigen Aüiance hraäite 
nahestehenden Person gebracht wurde. 

Ich wäre sehr vergnügt, wenn jemand es wagte, diese 
Verleumdung in einer greifbaren Form zu publizieren, 
weil ich dann einige Kerle bei den Ohren nehmen uod an- 

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□ageln könnte. Leider werde ich darauf einige Zeit war- 
ten müssen, denn in Wien „verschweigt" man mich vor- 
läufig. Diese Verschweigung hat die Folge, daß in allen 
Wiener Schichten und Kreisen anhaltend und erregt von 
meiner Sache gesprochen wird. Dadurch erhalten auch 
die Gemeinheiten der Gegner, eine unterirdische Publi- 
zität, und ich muß an Abhilfe denken. 

Was glauben Sie? Ist diese lügenhafte Aussprechung 
vielleicht auf die Umgebung des Baron Hirsch zurückzu- 
führen? Wenn ja, welche Person halten Sie dessen für 
fShig? Hirsch selbst halte ich für einen rücksichtslosen, 
aber nicht niedrig kämpfenden Menschen. Könnten Sie 
ihn zu einer Erklärung provozieren, worin er den wahren 
Sachverhalt angibt : daß ich mich bei ihm um nichts be- 
worben habe, sondern ihn lediglich in einer Unterredung 
und in mehreren Briefen mit den auch in meiner Bro- 
schüre enthaltenen Argumenten von der Verfehltheit sei- 
ner bisherigen Bemühungen zu überzeugen versuchte. 

Diese Erklärung könnte er in ein paar Zeilen in einem 
an Sie gerichteten Brief abgeben. Sie werden selbst wis- 
sen, in welcher Form Sie ihm diese Erklärung abverlan- 
gen können. Wenn er der grandios angelegte Kerl ist, 
für den ich ihn halte, obwohl ich ihn jetzt links liegen 
lasse, und obwohl ich vielleicht späterhin scharf gegen 
ihn marschieren werde, so bestätigt er Ihnen sofort loyale 
ment die Wahrheit, wenn Sie ihm in ein paar Zeilen 
meine gerechte Empörung schreiben. 

Den kleinen Lumpenhunden, die mich jetzt ankläffen, 
werde ich mit Fußtritten das Genick brechen. J'ai fait 
du ehemin, seit wir um den Cirque d'Et6 herum von der 
Judenfrage sprachen. Sie werden in nicht langer Zeit 
etwas sehr, sehr Überraschendes hören. Aber über eine 
bonne surpräe muß man gut das Maul halten. Das tue ich. 

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Antworten Sie mir rasch, inwieweit ich auf Sie rech- 
nen kann, denn Sie können sich denken, daß ich diese 
Lumperei nicht werde auf mir sitzen lassen. Geht's so 
nicht, wird's anders gehen. 
Mit herzlichem Gruß 

Ihr ergebener 

Th. Herzl. 

il. März. 

Dr. Beck, der alte Hausarzt meiner Eltern, hat mich 
untersucht und ein durch die Aufregungen hervorgeru- 
fenes Herzleiden konstatiert. 

Er versteht nicht, daß ich mich mit der Judensache ab- 
gebe; und von den Juden, mit denen er verkehrt, versteht 
es auch niemand. 

26. März. 

Der Verleger Breitenstein erzählt mir, Güdemann habe 
es abgelehnt, einen Vortrag über meinen „Judenstaat" zu 
halten. Mein Standpunkt sei ein staatspolitischer, der 
seinige ein religiöser. Von diesem aus müsse er es miß- 
billigen, daß ich der Vorsehung vorzugreifen versuche. 

Mit anderen Worten ; er traut sich nicht, er findet es 
nicht mehr opportun, er hat Angst vor den reichen Juden, 
die dagegen sind. 

Früher hieß es, er werde in Blochs Wochenschrift 
einen Artikel darüber schreiben. 



Verein „Sion" von Sofia schickt eine begeisterte Reso- 
lution, worin ich als Führer ausgerufen werde. 

Bankdirektor Dessauer auf der Gasse begegnet. Er ist 
bereit, mir die Zeitung, die ich brauche, zu finanzieren. 
Ich brauche eine Million Gulden für die Zeitung. Mit 

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der Zeitung bindige ich die anderen Blätter und die stör- 
rigen Finanzgroßjuden. 

Dessauer hat aber Stimmungen. In acht Tagen schützt 
er irgendeine Müdigkeit vor. Jedenfalls muß mein nfich- 
stes sein, die publizistische Agitation auf eine ernste 
Grundlage zu stellen. 

29. März. 
Sederabend der jüdischen Studentenverbindung Unitas. 

Lektor Friedmann erkifirte die Geschichte dieses Festes, 
das ja unser schönstes und bedeutendstes ist. Ich saß 
neben ihm. Er sagte mir dann vertraulich ein paar Worte, 
erinnerte mich an Sabbatai Z'wi, „der alle Menschen be- 
zaubert habe", und schien mir zuzublinzeln, ich solle doch 
ein solcher Sabbatai werden. Oder meinte er, ich sei 
schon einer? 

30. März. 
Mein kurioser Anhänger, der Preßburger Antisemit 

Ivan von Simonyi, war bei mir. Ein secbzigjähriger, über- 
bewegUcher, übergesprächiger Mann von verblüffend viel 
Sympathie für die Juden. Spricht vernünftiges und krau- 
ses Zeug durcheinander, glaubt ans Blutmärchen, hat da- 
neben die gescheitesten modernsten Gedanken. Liebt 
mich! 

5. April. 

Die drei Brüder Marmorek erklären mit einer gewis- 
sen Feierlichkeit ihren Anschluß an meine Bewegung. 
Der Pariser Pasteurianer Marmorek kam mit seinem 
jüngsten Bruder, dem Juristen, zu mir in die Redaktion, 
um ,4m eigenen Namen und in dem ihres Bruders des 
Architekten" zu erklären, daß sie mit mir gehen und be- 
geistert sind. 

5. April. 

Dr. Schnirer und Dr. Kokescb, vom hiesigen Verein 

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„Zioq", überbringen mir die Resolution, ich möge im 
Vertrauen auf die Unterstützung der Zionisten im Werke 
fortfahren. Schnirer will einen Aufruf an alle akade- 
misch gebildeten Juden in der Welt zirkulieren lassen. 
Hier soll sich ein Komitee von i5 — ao Leuten bilden, 
von denen jeder den Aufruf an drei, vier Freunde in an- 
deren Städten schicken soll. So will man Tausende von 
Unterschriften sammeln. Das wfire für mich ein bedeu- 
tender Rückhalt. 

7. AprU. 

In den letzten Tagen einige Unterredungen mit Steiner 
und Dessauer zum Zweck der Finanzierung des nötigen 
Tagblattes. Saure Arbeit. 

9. AprU. 

Dr. Beer-Hofmann hat folgende Idee für „erste Ein- 
richtung" : eine große medizinische Fakult&t, zu der ganz 
Asien strömen wird, und wo zugleich die Sanierung des 
Orients vorbereitet wird. Dann hat er einen monumen- 
talen Brunnenentwurf: Moses, Wasser aus dem Felsen 
schlagend. 

10. April 

Ein „Privatgelehrter" namens Carl Bleicher kam zu 
mir . Ich hielt ihn anfangs für einen Schnorrer, der auf 
Grund eines Buches milde Beiträge haben will. Aber er 
wollte von mir nichts nehmen, stellte sich mir als Agita- 
tor zur Verfügung. Ich verzeichne das, weil es ein Zei- 
chen für die Ergriffenheit der Armen ist. Dieser alte 
Mann, der von geschenkten Gulden und Zebnerln l^t, 
öffnet mir seine Börse, zeigt mir, wieviel er hat, und 
lehnt meine Spende ab. Das ist der wichtigste Unter- 
schied zwischen meiner Wirkung und der des Baron 
Hirsch. Dieser wird angebettelt und nicht geliebt. Mich 
lieben die Bettler. Darum bin ich der StSrkere. 

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13. AprU. 

Der „liberale" Gemeinderat Dr. Alfred Stern besuchte 
mich heute in der Redaktion, machte sich uDverkennbar 
näher an mich heran. Er finde es ganz gut, daß jemand 
in der Judensache auftrete und spreche wie ich. Da sagte 
ich üuu : „Kommen Sie zu uns, und ich garantiere Ihnen 
die Popularität. Erklären Sie dffeotlich: Ich, Alfred 
Stern, den ihr als einen ruhigen Menschen kanntet, trete 
lum Zionismus uberl — Das wird eine große Wirkung 
machen. Hunderte werden Ihnen folgen." 

Er antwortete: „Das glaube ich auch. Ich hätte für 
meine Person nichts dagegen. Aber ich übernehme eine 
Verantwortung für Hunderte und Tausende." 

Ich zurück: „Diese Verantwortung wird unsere Partei 
Ihnen demnächst abnehmen. Wenn Sie wieder einmal 
kandidieren, werden die organisierten Zionisten in Ihre 
Wählerversammlungen kommen." 

Was ihn ein bißchen betroffen machte. 

H. Aprü. 

Der englische Pfarrer Hechler kam nachmittags in gro- 
ßer Aufregung zu mir. Er war in der Burg, wo heute der 
Deutsche Kaiser eingetroffen ist, und sprach mit dem 
Generalsuperintendenten Dryander und noch einem Herrn 
von des Kaisers Gefolge. Er ging mit ihnen zwei Stun- 
den in der Stadt spazieren und teilte ihnen den Inhalt 
meiner Broschüre mit, der sie sehr überraschte. Er sagte 
ihnen, die Zeit sei da: „fo fulfU propheey". 

Nun will er, daß ich mit ihm morgen früh nach Karls- 
ruhe fahre, zum Großherzog, zu dem der Deutsche Kai- 
ser morgen abend fährt. Wir würden um einen halben 
Tag früher eintreffen. Hechler wollte zuerst zum GroB- 

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faenog gehen, diesem sagen, um was es sich handle, und 
daß er mich gegen meinen Willen nach Kartsruhe ge- 
bracht habe, damit ich den Herren nihere Aufklärung 
gebe. 

Ich lehnte ab, mitzufahren, weil das von mir abenteuer- 
lich auss&he. Wenn dann die hohen Herren sich nicht 
bewogen fahlen, mich vorzulassen, stünde ich in unwür- 
diger Attitüde auf der Gasse. Er solle allein hinfahren, 
und wenn man mich zu sprechen wünsche, werde ich auf 
die telegraphische Einladung sofort hinkommen. 

Hechler verlangte meine Photographie, um sie den Her- 
ren 2u zeigen — offenbar meint er, daß sie in mir einen 
„schSbigen Juden" vermuten würden. Ich versprach, sie 
ihm morgen zu geben. Merkwürdig, daß ich gerade für 
den heutigen Geburtstag meines Vaters mich hatte pho- 
tographieren lassen; woran ich schon seit Jahren nicht 
gedacht hatte. 

Ich war dann im Operntheater, in einer Loge schrig 
gegenüber der Hoflt^, und ich studierte den ganzen 
Abend die Bewegungen des Deutschen Kaisers. Er saß 
steif da, neigte sich manchmal verbindlich zu unserem 
Kaiser, lachte öfters herzlich, war im ganzen nicht unbe- 
kümmert um den Eindruck, den er auf das Publikum her- 
vorbrachte. Einmal setzte er unserem Kaiser etwas aus- 
einander und machte dazu entschiedene, starke, kurze 
Gesten mit der Rechten, indes seine Linke bestfindig auf 
dem Säbelkorb ruhte. 

Um elf Uhr kam ich nach Hause. Hechler saß schon 
seit einer Stunde im Vorzimmer, auf mich wartend. Er 
will morgen früh um sieben Uhr nach Karlsruhe fahren. 

Bis halb eins saß er in sanften Gesprfichen bei mir. 
Sein Refrain: falfü prophecyl 

Er glaubt fest daran. 

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15. Aprü. 
Hechler ist heute morgens richtig abgereist. Ich war 
bei ihm nachfragen ; so unwahrscheiDlich kam es mir trott 
allem noch vor. 

15. ApriL 
Abends in der „Wiener Mode" mit Steiner und Gol- 

bert. Letzterer ist geebnet, die Finaozkombination für 
meine Zeitung herzustellen. Er entwickelt einen klugen 
Plan, der auf Erweiterung seines jetzigen Unternehmens 
durch eine Papierfabrik und Kommanditierung der von 
mir zu leitenden Zeitung hinausgeht. 

16. April. 
Hechler telegraphiert aus Karbruhe : 

Alles begeistert. Muß über Sonntag bleiben. Bitte be- 
reit halten. Hechler. 

17. AprU. 
Die Aufforderung, nach Karlsruhe zu kommen, ist bis- 
her nicht da. Ich fange an, zu glauben, daß Hechler 
sich seihst Ulusioniert. 

17. AprU. 
Die Strammsten sind bisher die Zionisten von Sofia. 

Heute kommt eine Resolution, die im Tempel von Sofia 
unter Vorsitz des Großrahbiners gefaßt worden ist. 
Sechshundert Unterschriften. Begeisterte Worte. 

18. Apra. 
Von zwei Seiten höre ich, daß der vormalige Sektions- 
chef im Ministerium des Inneren, Geheimrat Baron Erb, 
sich für den „Judenstaat" lebhaft interessiert und mit mir 
reden möchte. 



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Nuntius Agliardi hat vor einiger Zeit mit unserem Mit- 
arbeiter MQnz gesprochen und ihm gesagt, daß er bereit 
wäre, mich zu empfangen. Leider bin ich nicht gleich 
zu ihm gegangen. Jetzt ist er vom Papst nach Rom be- 
rufen worden und soll diesen bei der Krönung des Zars 
vertreten. Wenn ich mit dem Nuntius gesprochen und 
ihn gewonnen hätte, wSre die Sache sofort vor Papst und 
Zar gebracht worden, deren Zustimmung wegen des hei- 
ligen Grabes erforderlich ist. 

* * * 

Von Hechler keine Nachricht. Jetzt erkläre ich mir das 
so, daß Hechler mich über die Erfolglosigkeit seiner Reise 
durch die Depesche beruhigen wollte. 

18. AprU. 

Hechler telegraphiert von Karlsruhe: 

„Zweite Unterredung gestern mit S. M. und S. K. H. aus- 
gezeichnet. Muß noch warten. Hechler." 

21. Aprü. 

Nichts mehr gehört von Hechler. Inzwischen ist der 
Kaiser von Karlsruhe nach Koburg gereist. 

An Nordau geschrieben, ihm den diplomatischen Auf- 
tr^ gegeben, bei Hirsch Föhler auszustrecken. Wenn 
Hirsch ein paar Millionen hergibt, können vnr der Sache 
eine ungeheure Resonanz geben und einiges für Bak- 
schisch in der Türkei springen lassen. 

21. AprU, nachmittagi. 

Den Brief an Nordau hatte ich gestern begonnen und 
heute beendigt. 

Zwischen gestern und heute starb Baron Hirsch auf 
einem Gut in Ungarn. 

Ich erfuhr es eine Stunde, nachdem ich den Brief an 

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Nordau aufgegeben hatte. Diesen Brief mußte ich also 
telegraphiach zurückrufen. Aber welch ein sonderbares 
Zusammentreffen. Seit Monaten ist die Broschüre fer- 
tig. Ich gab sie jedem, nur nicht Hirsch. Im Augenblick, 
wo ich mich dazu entschließe, stirbt er. Seine Mitwir- 
kung bitte unserer Sache ungeheuer schnell zum Gelingen 
verhelfen können. 

Jedenfalls ist sein Tod ein Verlust für die Judensache. 
Von den reichen Juden war er der einzige, der etwas 
Großes für die Armen tun wollte. Vielleicht habe ich 
ihn nicht richtig zu behandeln gewußt. Vielleicht hätte 
ich den Brief an Nordau vor vierzehn Tagen schreiben 
müssen. 

Es kommt mir vor, ab wfire unsere Sache heute Srmer 
geworden. Denn immer dachte ich noch daran, Hirsch 
für den Plan tu gewinnen. 



Hechler telegraphiert aus Karlsruhe: „Dritte Unter- 
redung gestern. Vierte heute vier Uhr. Harte Arbeit, mei- 
nen Wunsch durchzusetzen. Trotzdem alles gut. Hechler 
Zirkel a." 

2i. April, nachts. 

Morgen früh wollte ich nach Peat fahren. Da erhalte 
ich spät abends Hecblers Ruf nach Karlsruhe. 

Kurioser Tag. Hirsch stirbt, und ich trete mit Fürsten 
in Verbindung. 

Es beginnt ein neues Buch der Judensache. Nach mei- 
ner Rückkehr werde ich in dieses volle noch Hecblers zwei 
letzte Depeschen eintragen. 



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Drittes Buch 



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22. April 
Eid sonniger Frühlingstag. Heute um sieben Uhr wollte 
ich mit dem Schiff nach Pest fahren. Und jetzt sitze ich 
im Coup£ des Orientexpreß und fahre nach Karlsruhe. 

Ich schreibe gleich mit Bleistift mit den gerüttelten 
Zügen des Kmeschreibena in dieses Buch, weil ich wahr- 
scheinlich später keine Zeit haben werde, das ins reine 
zu schreiben. War ich daran schon verhindert, als die 
Judensache nur begann, wie wird es erst künftig sein, wo 
wir aus dem Traum hinübergehen in die Wirklichkeit. 
Denn es ist jetzt zu vermuten, daß es tSglich interessante 
Ereignisse geben wird, selbst wenn ich nie zur Staats- 
gründung kommen sollte. 

Daß mich der Gh. kommen iSßt, ist das deutlichste 
Zeichen dafür, daß er und demnach auch der K., der 
vor drei Tagen bei ihm war, die Sache ernst nimmt. Und 
das ist das Schwerste, Unwahrscheinlichste. Wenn es 
wahr ist, wird es wie ein Donnerschlag in der Welt wir- 
ken, und es ist dann der „Erfolg", den Bierer in Sofia 
erfleht. 



Ein holder Tag, ein lieblicher. Ein Anflug von Grün 
auf den reizenden Wiesen. Auf einem waldigen Hügel 
treten die Bäume auseinander, daß es wie ein breiter 
Scheitel aussieht. Hindurch siebt man vrieder den zarten 
Hintergrund des blassen Frühlingshimmels — und in 
diesem Augenblick muß ich an den toten Baron Hirsch 
denken. 

Der Lebende bat recht. Ich habe recht — solange ich 
lebe. 

Die Juden haben Hirsch verloren, aber sie haben mich. 



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Und nach mir werden sie einen anderen haben. Es muß 
aufw&rts gehen. 

Ein Wiener Morgenblatt sagte im heutigen Nekrolog: 
Hirsch konnte den Armen nicht helfen, weil er reich 
war. So ungefähr ist der Gedanke — und er ist richtig. 
Ich fasse dieselbe Sache anders an, und ich glaube, besser, 
mächtiger, weil ich sie nicht mit Geld, sondern mit der 
Idee mache. 



Von Hechler erhielt ich vor der Abreise noch ein Te- 
legramm: „Kann unmöglich bis Samstag hier bleiben. 
Konferenz bei S. K. H. auf Donnerstag für beide be- 
stimmt. Muß ich wirklich mit halbveriichteter Sache zu- 
rück? . . . Ich muß morgen zurückreisen, wenn Sie nicht 
kommen können bis Donnerstag mittags. Hechler." 

Er hatte nämlich meine gestrige Anzeige, daß ich nach 
Pest fahre, als Antwort auf sein zweites gestriges Tele- 
gramm aufgefaßt, was sie nicht war. Es ist gut, daß tx 
nochmals in mich dringen zu müssen glaubte. Nun wird 
er heute freudestrahlend dem Gh. melden, daß ich doch 
kcmime. 



Ich weiß eigentlich nicht viel vom Gh. : nur daß er ein 
alter Mann ist und der Freund Friedrichs war. Jetzt 
scheint auch Wilhelm auf ihn zu hören. Viel hängt also 
von dieser Unterredung und vom Eindruck, den ich auf 
ihn mache, ab. 

Dennoch darf ich auf dieser Höhe nicht schwindlig 
werden. Ich werde an den Tod denken und ernst sein. 

Ich werde kalt, ruhig, fest, bescheiden, aber entschlos- 
sen sein und sprechen. 



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23. April, Karlsruhe. 

Um elf Uhr nachta traf ich gestern hier ein. Hechler 
erwartete mich auf dem Bahnhofe, führte mich ins Hotel 
Germania, „das der Großherzt^ empfohlen hatte". 

Wir saßen eine Stunde im Speisesaal. Ich trank bay- 
risches Bier, Hechler Milch. 

Er erzShlte die Begebenheiten. Der Großherzog habe 
ihn gleich empfangen, als er ankam, wollte aber zunächst 
den Bericht des Gebeimrats über meinen „Judenstaat" 
abwarten. 

Hechler zeigte dem Großherzog die „prophetischen Ta- 
bellen", die, wie es scheint, Eindruck machten. 

Als der Kaiser ankam, wurde er vom Großherzog 
gleich verständigt. Hechler wurde zum Empfang ge- 
laden, und der Kaiser sprach ihn zur Oberraschung der 
Hofgesellschaft mit den scherzenden Worten an: „Hech- 
ler, ich höre, Sie wollen Minister des jüdischen Staates, 
werden." 

Hechler antwortete etikettewidrig in englischer Sprache, 
worauf der Kaiser auch englisch weitersprach: „Steckt 
da nicht Rothschild dahinter?" 

Hechler verneinte natürlich. Und damit scheint die 
„Unterredung" ein Ende gehabt zu haben. 

Insofern ist es also ein recht mageres Resultat. 

Dagegen war Hechler heim Großherzog glücklicher. Bei 
diesem wurde er mehrmals vorgelassen. Der Großherzc^ 
sprach vom toten Prinzen Ludwig, dessen Erzieher Hech- 
ler gewesen, und weinte sehr. Hechler tröstete ihn und 
las ihm einen Psalm vor, in welchem Zion vorkommt. 

Dann ließ der Großherzog mit sich weiter reden. Sein 
Hauptbedenken war, daß es ihm falsch ausgelegt werden 
kOnne, wenn er auf meinen Plan eingehe. Man würde an- 
nehmen, daß er die Juden aus seinem Lande vertreiben 

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wolle. Auch machte ihn meine journalistische Stellung 
stutzig. Hechler garantierte, daß nichts in die Zeitungen 
kommen werde. 

Nun fragte der Großherxog, was er denn eigentlich 
für die Sache tun könne. 

Hechler sagte : „Königliche Hoheit waren derjenige, der 
als erster unter den deutschen Fürsten in Versailles den 
König Wilhelm zum Kaiser ausrief. Wenn Sie sich nun 
auch an der zweiten großen Staatsgründung dieses Jahr- 
hunderts beteiligten! Denn die Juden werden eine grande 
nalion werden." 

Das machte Eindruck auf den Großherzig, und er ge- 
stattete, daß Hechler mich hierherrief, damit ich ihm die 
Sache erkläre. 

Ich soll heute nachmittags um vier Uhr zur geheimen 
Audienz kommen. 

Ich begleitete Hechler durch die öden, reinlichen Stra- 
ßen dieser netten Residenz nach Hause. Ab und zu 
Ifirmten Nachtwandler, von der Kneipe kommend, laut 
und gemütlich. 

Eine angenehme Kleinstaaterei, die ich da in nScht- 
Uchen Umrissen und in Hechlers Erzählungen vor mir 
liegen sah. Der Wachposten vor dem Schloßtor hörte 
behaglich zu, als Hechler mir sagte, wo die Gemächer 
des Großherzogs, der Großherzogin seien, und wo er 
selbst ehemals gewohnt habe. Er zeigte wehmütig nach 
den eleganten Fenstern. Ich begleitete ihn dann bis an 
sein Haustor. Er wohnt in einem der al^elegenen Hof- 
gebfiude. 



Meine Aufgabe wird nun heute nachmittags sein, den 
Großherzog dafür zu gewinnen, daß er mich dem Kaiser 



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zu einer Audienz empfehle, und daß er den Schwieger- 
vater des Zars, den Großhersog von Hessen, ebenfalls 
fOr die Sache interessiere. So könnte der letztere, wenn 
er zur ZarenkrCnung geht, vielleicht in Petersburg von 
der Sache sprechen. 

* * * 

Mit Hechler spazierengegangen und -gefahren. Wir 
betrachteten das Mausoleum des Prinzen Ludwig, das 
eben fertig wird. Schön, ernst steht diese rote Sandstein- 
kapelle im reizenden Jagdwald nSchst dem Wolfsgraben, 
wo der junge Ludwig einst spielte. 

Ich ließ mir von Hechler Details über die großherzog- 
liche Familie geben, um zu wissen, mit wem ich reden 
werde. 

Ich sah mir auch die Photographien des Großherzogs 
in den Schaufenstern lange an. Scheint ein wohlwollen- 
der mittlerer Mensch zu sein. 

Hechler erzShlte mir noch, der Großherzog habe sich 
besorgt gezeigt, daß der Abfluß der Juden auch einen 
enormen Geldabfluß bedeuten könne. 

Darüber werde ich ihn also beruhigen. 

* * * 

Hechler erzShlte mir, wie Napoleon I. eines Tages 
nach Karlsruhe kam und den Markgrafen Karl zwang, 
aeine Stieftochter augenblicklich zu heiraten — sonst sei 
dieser die längste Zeit Herrscher gewesen. Der Markgraf 
fügte sich und wurde dafür Großherzog. 



Bezaubernd ist die Stadtanlage von Karlsruhe. Vom 
Schloß strahlt alles aus. Hinter dem Schloß Park und 
schöner Wald. Davor die ruhige Stadt. 



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25. AprU. 

Mit Hechler zu Mittag gegessen. Er hatte seine Orden 
mitgebraclit und war aufgeregter als ich. Ich kleidete 
mich erst nach Tisch, eine halbe Stunde vor der Audieni, 
um. Hechler fragte, oh ich nicht den Frack aniiehen 
wolle. Ich verneinte, weil eine zu festliche Kleidung bei 
solcher Gelegenheit auch taktlos sein kann. Der Groß- 
herzc^ wollte sozusagen inkognito mit mir sprechen. Also 
nahm ich meine erprobte Redingote. Die Äußerlichkeiten 
werden immer wichtiger, je höher man steigt. Denn alles 
wird symbolisch. 

Es war nach dem regnerischen Vormittag ein reizender 
Nachmittag gekommen, als wir aus dem Hotel traten. 
Zwanzig Minuten hatten wir noch auf vier Uhr, konnten 
also ein bißchen schlendern. 

Ich sagte Hechler gutgelaunt: „Merken Sie sich diesen 
hübschen Tag, den lieblichen Frühlingshimmel über 
Karlsruhe I Vielleicht sind wir heute übers Jahr in Je- 
rusalem." Hechler sagte, er wolle den Großherzog bit- 
ten, den Kaiser im nächsten Jahre zur Einweihung der 
Kirche nach Jerusalem zu begleiten. Ich solle dann auch 
dort sein, und er, Hechler, möchte als wissenschaftlicher 
Begleiter des Großherzogs mitgehen. 

Ich sagte: „Wenn ich nach Jerusalem gehe, nehme ich 
Sie mit." 

Wir nahmen dann eine Droschke und fuhren, obwohl 
es nur noch ein paar Schritte waren, stattlich beim Schloß 
VW. Wir fuhren die kleine Rampe hinauf, was ich als 
ein besonderes Raffinement des Besuchs empfand. Es 
war meine erste Auffahrt vor einem fürstlichen Schloß. 
Ich versuchte, mich von den wachthabenden Soldaten 
nicht impressionieren zu lassen. Der Türsteher tat mit 
Hechler sehr befreundet. Wir wurden in den ersten 

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Wartesalon geführt. Daa ist das Adjutantenziramer. Aber 
hier ging mir doch der Atem aus. Demi da stehen groß- 
artig in Reih' und Glied die Regimentsfahnen. Sie stek- 
ken in Lederhülsen, ernst und schweigsam, und es sind 
Fahnen von 1870 — 71. Zwischen den Fahnenständern 
an der Wand ein Revuebild: der Großherzog führt dem 
Kaiser Wilhelm I. die Truppen vor. Da kam es mir so- 
zusagen erst zum Bewußtsein, wo ich eigentlich war. 

Ich suchte mich vom zu starken Eindruck abzulenken, 
indem ich wie ein Reporter ein Sacbinventar aufnahm: 
grünsamtene Möbel, das braune, geschweifte Holz der 
Stuhlbeine mit goldenen Leisten versehen; Photographien 
der drei deutschen Kaiser. 

Glücklicherweise plauderte auch Hechler rastlos. Er 
erzfihlte mir, wie er als junger Bursche zum erstenmal in 
diesem Saale war, um für die Erhaltung eines Oberschule 
rates, der abgesetzt werden sollte, zu petitionieren. Da- 
mak trat ein Adjutant auf ihn zu und sagte: „Haben 
Sie keine Angst t Der Großherzog ist auch nur ein Mensch 
wie wir." 

Ich dachte bei mir, innerlich lächelnd: „Das ist immer- 
hin gut zu wissen." 

Dann kam der Leibkammerdiener und lud uns ein, in 
den nSchsten Salon zu treten. Der Großherzog habe nur 
einen kleinen Spaziergang in die Fasanerie gemacht und 
werde bald kommen. 

Der zweite Salon ist Rokoko. Rote Seidendamast- 
tapeten, die Fauteuils mit demselben Stoff überzogen. 
Große Photographien der deutschen Kaiser. An der Wand 
Olportrfits eines früheren Großherzogs und seiner Frau. 

Hechler fuhr fort, mir durch sein Geplauder eine Con- 
tenance zu geben. Wenn er das mit Absicht tat, war es 
sehr fein. 



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überhaupt hatte er mich auf eine höchst delikate Weise 
vorhereitet. Zum Beispiel hatte er schon unterwegs be- 
merkt, ich müsse die rechte Hand euthlößen für den Fall, 
daß der Großherzog mir die Hand reichen werde. 

Nachzuholen: beim Mittagessen hatte ich ihm gesagt, 
daß der Wiener Nuntius Agiiardi mir (durch Dr. Münz) 
habe mitteilen lassen, er wünsche mich zu sprechen. Ich 
erzählte ihm das, damit er den englischen Botschafter 
Monson veranlasse, mit mir zu reden. Hechler warnte 
mich gleich vor Agiiardi und vor Rom. Ich solle vor- 
sichtig sein. Indessen dachte ich mir im Stillen : sie sol- 
len nur aufeinander eifersüchtig sein: Englinder und 
Russen, Protestanten und Katholiken. Sie sollen mich 
einander streitig machen — so kommt unsere Sache vor- 
wärts. 

Als wir nun im roten Salon saßen, erzählte mir Hech- 
ler von dem verstorbenen Großherzog, dessen Bild an 
der Wand hängt : der sei für ein unterschobenes Kind ge- 
halten worden. Wenigstens sei das von Bayern behaup- 
tet worden. Bayern wollte das badische Herrscherhaus 
verdringen, hatte auch mit Osterreich ein geheimes Ab- 
kommen. Osterreich hatte Bayern die Pfalz zugesagt 
und zahlte insgeheim jährlich zwei Millionen an Bayern 
bis 1866. Um nun die Ansprüche auf Baden zu begrün- 
den, wurde in Bayern die Caspar-Hauser-Geschichte 
aufgebracht. Ich hörte Hechlers Worten zerstreut zu. 
Ich weiß nicht einmal, ob ich sie jetzt richtig wieder- 
gehe. 

Es war mir nur angenehm, von den egoistischen Hin- 
deln der Großen zu hören, weil ich mich dabei in meiner 
reinen Bewegung ein bißchen überlegen fühlte und mehr 
Sicherheit bekam. 

Plötzlich öffnete sich die Türe des Arbeitszimmers, und 

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ein alter, kräftig, aber nicht fett aussehender General trat 
ein: der Großherzog. Wir sprangen von unseren Fau- 
teuils auf. Ich machte zwei Verbeugungen. Der Groß- 
herzog reichte Hechler die Hand — von meiner schicklich 
entblößten Rechten machte er keinen Gebrauch. Er lud 
uns mit einer Handbewegung ein, ihm zu folgen. Ich trat 
als letzter ein, schloß die Tür hinter mir. Ich weiß gar 
nicht, wie es im Arbeitszimmer aussieht, denn die ganze 
Zeit mußte ich den Großherzog als Sprechender oder Hö- 
render ansehen. Er ist siebzig Jahre alt, sieht aber um 
sechs bis acht Jahre jünger aus. 

Drei Fauteuils standen bereit. Der, den ich bekam, 
hatte das volle Licht auszuhalten. Die Armlehnen nicht 
weit genug auseinander, daß man die Arme am Leib her- 
unter hätte hängen lassen können. Diese Fauteuils sind 
für bequemes Zurücklehnen, wobei die Unterarme auf 
den Armlehnen ruhen können, vielleicht sehr angenehm. 
Da ich mich aber nicht zurücklehnen durfte, saß ich die 
zweieinhalb Stunden in einer gezwungenen Art da, wor- 
unter möglicherweise auch mein Vortrag litt. 

Anfangs sprach ich befangen. Ich glaubte, mit halbem 
Ton reden zu müssen, wodurch die gewöhnliche Selbst- 
berauschung im Sprechen wegfiel. Auf die ersten freund- 
lichen Fragen nach meiner Reise und meinem Wohnort 
sagte ich, was ich sei, und sprach auch von meiner frühe* 
ren Pariser Stellung. 

Der Großherzog sagte: „Ich besitze die Neue Freie 
Presse." Er erkundigte sich nach Paris. Ich schilderte 
die parlamentarische Krise, und insbesondere das jetzige 
Kabinett Bourgeois. 

Nach ein paar Minuten unterbrach er mich: „Wir woll- 
ten ja von anderem reden." 

Worauf ich sofort auf die Sache einging und bat, er 

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möge mich durch Fragen unterbrechen, wo meine Aub- 
f übruQgen undeutlich seien. 

Ich rollte also die ganze Frage auf. Leider mußte ich 
mich beim Sprechen derart konzentrieren, daß ich nicht 
gut beobachten konnte. Hechler sagte spSter, daß die 
Unterredung hätte stenographiert werden sollen. Er 
meinte, ich hätte ganz gut gesprochen und einige vor- 
treffliche Wendungen gefunden. 

Ich weiß nur, daß mir der Großherzog mit seinen schö- 
nen blauen Augen und seinem ruhigen, guten Gesicht be- 
ständig in die Augen schaute, daß er mir mit großem 
Wohlwollen zuhörte; und als er selbst sprach, geschah es 
mit einer unsaigbaren Bescheidenheit. Ich hatte nach der 
zweieinhalbstündigen «Anspannung aller Denkkraft eine 
solche Erschlaffung, daß ich mich an den genauen Gang 
der Unterredung nicht mehr erinnere. 

Jedenfalls nahm der Großherzog meine Staatbildung 
von Anfang an vollkommen ernst. 

Sein Hauptbedenken war, daß man es ihm als Anti- 
semitismus auslegen würde, wenn er für die Sache ein- 
träte. 

Ich erklärte ihm, daß nur die Juden gehen sollen, die 
wollen. 

Da sich die Juden in Baden unter seiner milden Herr- 
schaft wohl fühlen, werden sie nicht mitgehen, und sie 
haben recht. Im weiteren Verlauf kam ich noch mehr- 
mals von verschiedenen Seiten auf seine Judenfreund- 
lichkeit zurück und benützte sie verschiedenartig als Ar- 
gument. Wenn er für die Sache eintrete, werde sie nicht 
mehr als judenfeindliche angesehen werden können. Auch 
seien ja wir, die Führer der Juden, dazu da, um das Volk 
aufzuklären, daß die Herstellung des Judenstaates eine 
Gnade und keine Verfolgung bedeute. 

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Ferner sagte ich; .JlCönigliche Hoheit würdea, wenn 
Ihre wohlwollende Gesinnung gegenüber den Juden be- 
kannt würde, einen solchen Zuzug von Juden bekommen, 
daß es eine große Kalamität wlre." 

Er l&chelte. 

Fortgesetzt im Coapi auf der Rüdtfahrt, am 3^. April. 

„Oberhaupt", sagte ich, „gehörtes lum Unglück der Ju- 
den, daß man sich mit ihnen gar nicht zu beschfif tigen w^, 
wenn man ihnen wohlgesinnt ist. Sie sind in den langen 
Martern so wehleidig geworden, daß man sie gar nicht 
berühren kann." 

Der Großherzog formulierte denselben Gedanken dann 
noch einmal. Er befürchte, seine jüdischen Untertanen zu 
kränken, wenn er öffentlich auf meinen Plan eingehe. 
Man wisse zwar, wie er bisher über die Juden gedacht 
habe, aber man würde ihn dann wahrscheinlich dennoch 
mißverstehen und glauben, daß seine Anschauung sich 
eben geändert habe. Er habe über seine jüdischen Bür- 
ger nie zu klagen gehabt. „Ein Jude war 35 Jahre mein 
Finanzminister," sagte er, „und er hat seine Sachen immer 
zu meiner Zufriedenheit gemacht. Er hat gut regiert. Er 
gehurt noch jetzt Ihrem Glauben an. Allerdinga sind auch 
bei uns in Baden die Verhältnisse nicht mehr wie sie 
waren. Ein Jude, namens Bielefeld, mit dem ich eine 
literarische Unternehmung vorbereitete, riet mir selbst, 
seinen Namen von der Publikation wegzulassen, weil das 
in heutiger Zeit Schwierigkeiten bereiten könnte. Wir 
hatten auch noch andere Schwierigkeiten durch den An- 
tisemitismus, namentlich im Justizdienst. Wir haben 
Juden in allen Instanzen der Rechtspflege, und das hat 
einzelne Schwierigkeiten ergeben. 

Und doch haben die Juden viele gute Eigenschaften. 
Ich soll noch den ersten betrunkenen Juden sehen. Sie 

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Bind Döchtern, sparsam, sie wissen immer noch sich f(»i- 
zuhelfen. Ein ViehhSndler, der den ganzen Tag aus ist, 
geht doch in kein Wirtshaus, ja er i&t nicht eiamal von 
fräh bis abends, bis er nach Hause kommt. Neben der 
Genügsamkeit auch grofie Intelligenz, die freilich manch- 
mal bis zum Betrug geht. Aber wenn man andererseits 
die Dummheit sieht, die sich so überlisten ließ, so muß 
man sagen, es geschieht den Dummen recht. 

Jedenfalls werden Sie für die StaatsgrQndung ein sehr 
intelligentes Material haben. 

Aber wie stellen Sie sich den praktischen Gang der 
Ausführung vor?" 

Ich entwickelte nun den ganzen Plan, den er eigentlich 
noch nicht anders als durch Hechler kannte. Also von 
der „prophetischen" Seite, mit der ja ich nicht viel zu 
schaffen habe. 

Der Großhertt^ meinte, daß sich die Regierungen erst 
dann näher auf die Sache einlassen könnten, wenn ihnen 
die Society of Jews zu Gesicht stehe. 

Ich befürwortete nun natürlich den umgekehrten Weg. 
Einige Fürsten sollten ihr Wohlwollen erkennbar ma- 
chen ; dadurch würde die Society of Jews von vornherein 
mit mehr AutoritSt auftreten. Und AutoritSt sei nötig, 
wenn man diesen großen Zug in Ordnung durchführen 
wolle. Die Juden müßten ja auch auf der Wanderung 
erzogen und diszipliniert werden. 

Fortgesetzt in Manchen, 25. April. 

Der Großherzog erwShnte die Verwilderung, die nach 
Zeitungsberichten unter den in London eingewanderten 
russischen Juden existiere. 

Ich sagte: „Um dieser Herr zu werden, brauchen wir 
eine starke AutoritSt. Dazu wSre es eben unerlSfilich, 

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daß wir von den Mächten von vornherein anerkannt wer- 
den." 

Der GroBberzog sa^e : Deutschland k.5nne da eigent- 
lich nicht gut den Anfang machen. Zunächst sei es an 
der Frage nicht in so hohem Grade interessiert, wie z. B. 
Osterreich. Dort sei ja die Antisemiten-Schwierigkeit mit 
Lueger recht groß, Deutschland habe nicht übermäßig 
viele Juden. Deren Abzug würde sogar von den National- 
Okonomen nicht gern gesehen werden. 

Ich erklärte nun, wie nur das trop plein abfließen solle, 
wie das bewegliche Vermögen nie als im Lande befindlich 
angesehen werden könne, und wie es nach dieser Lösung 
der Judenfrage erst recht zurückkehren müßte. Jetzt 
bereite es durch Belebung der Industrie in exotischen 
Ländern mit billiger Arbeitskraft der einheimischen 
Schwierigkeiten. Man braucht die Chinesen nicht nach 
Europa kommen zu lassen. Man baut ihnen draußen 
Fabriken. So wird, nachdem die Landwirtschaft durch 
Amerika gefährdet ist, die Industrie durch Ostasien be- 
droht. 

Demgegenüber will meine Bewegung nach zwei Seiten 
hin helfen: durch Ableitung des überschüssigen jüdischen 
Proletariats, durch Bändigung des internationalen Kapi- 
tals. 

Den deutschen Juden kann die Bewegung nur er- 
wünscht sein. Der Judenzufluß vom Osten her wird von 
ihnen weggeleitet. 

Der Großherzt^ murmelte wiederholt zwischen meine 
Ausführungen hinein: „Ich möchte, daß es so wäre." 

Er wandte sich dann halb zu Hechler : 

„Das Zusammenwirken Englands mit Deutschland ist 
wohl wenig wahrscheinlich. Die Beziehungen sind jetzt 
leider sehr gestört. Würde England mittun?" 

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Ich sagte: „Dafür müssen unsere englischen Juden 
sorgen." 

Der Großhertog meinte etwas verstimmt: „Wenn die 
es können . . ." 

Ich sagte : „Wenn bekannt würde, daß der Großheriog 
von Baden sich für die Sache interessiert, würde das 
einen tiefen Eindruck machen." 

Er rief: ,J)as ist nicht wahr. Meine Stellung ist nicht 
groß genug. Ja, wenn es der Deutsche Kaiser oder der 
König von Belgien tfite." 

Ich blieb dabei: „Ja, wenn ein erfahrener Fürst, der 
das Deutsche Reich mit machen geholfen hat, bei dem 
sich der Deutsche Kaiser Rats erholt, für diese neue Un- 
ternehmung eintritt, wird das großen Eindruck machen. 
Königliche Hoheit sind der Ratgeber des Kaisers." 

Er lächelte: „Ich rate ihm, aber er tut, was er will." 

Ich : „Ich würde mich bemühen, auch dem Kaiser die 
Sache als nützlich zu erklären. Wenn or mich empfan- 
gen wollte, bliebe das ebenso geheim wie diese Unter- 
redung." 

Der Großheriog: „Ich glaube, Sie müßten zuerst die 
Society of Jews schaffen. Dann wird man sehen, ob man 
sich mit ihr einlassen kann." 

Ich: „Das sind dann schon mehrere Köpfe. Die ersten 
Vorbereitungen, die Keimbläschen, müßten wohl noch von 
mir geschaffen werden." 

Der Großberzog: , .Jedenfalls kann es nur gelingen, 
wenn wenige darum wissen. In der öffentlichen Diskus- 
sion wird alles gleich entstellt." 

Hechler kam mir jetzt zu Hilfe: „Ob Königliche Hoheit 
dem Dr. Herzl nicht gestatten wolle, einigen Vertrauens- 
würdigen in England zu sagen, daß der Großberzog von 
Baden sich für die Sache interessiere." 

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Das gestand der Großherit^ zu, indem er sich noch- 
mals ausbedang, daß davon nur außerhalb seines Landes 
die Rede sein dürfe. Dann fragte er mich, ob ich schon 
heim Sultan Schritte unternommen habe. 

Ich sagte, an Newlinsky denkend, daß sich jemand mir 
schon angeboten habe, mit dem Sultan lu reden. 

Nun entwickelte ich die Vorteile, die der Plan für den 
Orient hStte. Würde die Türkei in absehbarer Zeit ge- 
teilt, so k6nnte man in Palästina einen.^( tampon schaf- 
fen. Zur Erhaltung der Türkei könnten wir jedoch viel 
beitragen. Wir würden den Staatsbaushalt des Sultans 
definitiv regeln, gegen Überlassung dieses für ihn nicht 
sehr wertvollen Territoriums. 

Der Großherzog meinte, ob man nicht zuerst einige 
Hunderttausend Juden nach Palfistina bringen und dann 
die Frage aufwerfen sollte. 

Ich sagte in entschiedenem Ton: ,J)agegen bin ich. Es 
wSre ein Einschleichen. Die Juden müßten sich dann 
als Insurgenten gegen den Sultan stellen. Und ich 
will alles nur offen und klar, in vollster Gesetzlichkeit, 
machen." 

Er sah mich zuerst überrascht an, als ich so energisch 
sprach; dann nickte er beiffillig. 

Ich entwickelte dann die allgemeinen Vorteile des Ju- 
denstaats für Europa. Wir würden den Krankbeitswinkel 
des Orients assanieren. Wir würden die Schienenwege 
nach Asien bauen, die Heerstraße der Kulturvölker. Und 
diese Heerstraße wäre dann nicht im Besitze einer einzel- 
nen Großmacht. 

Der Großherzog sagte: ,J>as würde auch die ägyp- 
tische Frage lösen. England klammert sich nur an Ägyp- 
ten, weil es da seinen Weg nach Indien sichern muß. 
Tatsichlich kostet Ägypten mehr, ab es wert ist." 

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Hechler meinte : „Rufil^iul ^^^ vielleicht Absichten auf 
PalSstina?" 

Der Großherxog : „Das glaube ich nicht. Rußland hat 
in Ostasien für lange Zeit genug zu tun." 

Ich fragte: „Halten Königliche Hoheit es für möglich, 
daß ich vom Zar empfangen würde?" 

Er sagte:. „Nach den neuesten Berichten ist der Zar 
für niemanden zu sprechen. Er empfingt nur die Mi- 
nister, wenn es notwendig ist, sonst niemanden. Man 
könnte es übrigens in Hessen versuchen, ihm Ihr Buch 
zu lesen zu geben. Der Zar ist, wie ich glaube, den Juden 
nicht feindlich gesinnt, aber er muß mit der Volksstim* 
mung in Bußland rechnen. Ein Selbstherrscher herrscht 
keineswegs immer seihst." 

Ich bat um die Erlaubnis, dem Großherzog ab und zu 
schreiben zu dürfen, was er liebenswürdig annahm. Ober- 
haupt eine Bescheidenheit und Einfachheit I Ich schSmte 
mich innerlich, daß ich ihn ins Gewöhnliche hatte redu- 
zieren wollen, bevor ich mit ihm gesprochen. Er ist von 
einer großen edlen Natürlichkeit. Ich weiß nicht mehr, 
an welchen Stellen der Unterredung er über Parlamen- 
tarismus, Normaltag und anderes sprach. 

Er beklagt den Niedergang des Parlamentarismus, „er 
sei ein aufrichtig konstitutioneller Herrscher". Die Ge- 
setzgeberei werde immer schlechter. Man mache viele 
Gesetze, die nichts wert sind. 

Er sprach anläßlich meines Siebenstundentages mit der 
Überzeit von Versuchen, die man in der Schweiz mit dem 
Normaltag mache. Die Arbeiter selbst sind damit nicht 
zufrieden. 

Ich erzfihlte ihm zur Psychologie des Arbeiters die Ge- 
schichte Tom Sawyers von Mark Twain, wie Tom zur 
Strafe am Sonntag nachmittag seines Vaters Zaun an- 

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streichen muß, und daraus Gewinn zieht. Tom sagt sei- 
nen Kameraden nicht: ich muß, sondern: ich darf den 
Zaun anstreichen. Da dringen sich alle zur Mithilfe. 

Der Großherzog lächelte: „Sehr hübsch". 

Er erzählte mir dann vom Misoneismos der Leute : wie 
man in Baden eine nfitzliche Kreditkasse habe machen 
wollen, und es nicht möglich war, weil beschränkte Pri- 
vatinteressen sich dagegen wehrten. Beim Erzählen und 
Erklären gebrauchte er öfters die Wendung : „Sie werden 
mir beistimmen" oder ähnliches. Er ist bei aller Würde 
von einer ritterlichen Bescheidenheit. 

Als Hechler dann das Wort nahm und die baldige Er- 
füllung der Prophezeiung vortrug, hörte er still und groß- 
artig in seinem Glauben zu, mit einem merkwürdig ru- 
higen Blick seiner schönen festen Augen. 

Er sagte schließlich, was er schon einigemal gesagt 
hatte: „Ich möchte, daß es geschehe. Ich glaube, es wird 
ein Segen sein für viele Menschen." 

Nachzuholen, was mir jetzt einfällt. 

Ich hatte von den Zuschriften aus Semlin und Groß- 
Becskerek gesprochen, wo eine Anzahl Familien gleich 
aufbrechen will. 

Da sagte er : ,J)a3 ist ein trauriges Zeichen für die Zu- 
stände." 

Ich erzählte ihm auch von dem Bettler, der von mir 
nichts hatte nehmen wollen, und daß ich daraus folgere, 
ich hätte den Weg gerade zum Herzen der Armen ge- 
funden. Er nickte. 

Gegen das Parlamentarisieren sagte ich: „Nicht kann 
so hoch das Wort ich schätzen. Im Anfang war die Tat." 
Er nickte auch dazu. 

Wenn ich mich jetzt besinne, glaube ich, ihn für mich 
gewonnen zu haben. 

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Nach zweieinhalb Stunden, die auch für ihn ermfidend 
waren, denn er griff sich oft an den Kopf, wenn ich 
etwas Anstrengendes auseinandersetzte — nach sweiein- 
halb Stunden hob er die Audienz auf. Jetzt reichte er 
mir die Hand und hielt sie sogar sehr lange. Dazu sprach 
er gütige Abschiedsworte: er hoffe, daß ich mein Ziel 
erreichen werde, usw. 

Ich ging dann mit Hechler an den Lakaien und Wachen 
vorüber, die über die lange Audienz staunten. 

Ich war von der gelungenen Unterredung ein bißchen 
berauscht. Ich konnte nur zu Hechler sagen: „Er ist ein 
wunderbarer Mensch I" 

Und das ist er. 

Dabei notierte ich mir aber doch für die Psychologie 
des Besuchers diesen leichten Audienzrausch. 

Je natürlicher und einfacher sich der Audienzgeber be- 
nimmt, desto stSrker ist der Rausch des anfangs Einge- 
schüchterten. 

Ich ging noch in den Schloßpark, indes Hechler seine 
Sachen einpackte. 

Im Park war eine gar Hebliche Abendstimmung. We- 
nige stille Spaziergänger, Knaben am Graben, die auf 
Stelzen gingen. Starker Vogelgesang in den verjüngten 
Baumwipfeln. Abendklarheit, Frieden, wolkenlose Früh- 
lingsstimmung. 

SpSter begleitete ich Hechler, der nach Basel reiste, zur 
Bahn. Er war mit dem Resultat sehr zufrieden und wollte 
am nSchsten Tage von Basel aus an die „prophetische 
Versammlung" nach London telegraphieren, daß er mit 
zwei Souveränen gesprochen habe über den Judenstaat, 
dessen Verwirklichui^ nach seiner Ansicht ntdie bevor- 
stehe. 

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Ich bat ihn, diese Depesche zu unterlassen, weil der 
Großherzc^ damit vielleicht nicht einverstanden wäre. 

Jetzt bedauere ich, ihn davon abgehalten zu haben. Es 
hätte in England großes Aufsehen gemacht, und der Grofi- 
herzog wäre gar nicht genannt worden. 

26. AprÜ, Wien. 

Ab ich gestern mittags in München den Orientexpreß 
bestieg, saß Hechler da. Er war von Basel noch einmal 
nach Karlsruhe gefahren und hatte dort den Orientzug 
bestiegen. „Die Differenz gegen den gewöhnlichen Zug 
will ich auf eigene Kosten übernehmen", sagte er. 

Das lehnte ich natürlich ab. Er soll die ganze Reise 
auf meine Kosten gemacht haben. Für meine heutigen 
Verhältnisse ist das allerdings ein kleines Opfer. 

Wir fuhren angenehm. Er faltete im Coup6 seine Kar- 
ten von Palästina auseinander und belehrte mich stunden- 
lang. Die Grenze im Norden sollte das Gebirge gegen 
Kappadozien sein, im Süden der Suezkanal. Als Ruf 
auszugehen: Palästina wie zu Davids und Salomonis Zeitl 

Dann ließ er mich allein, und ich entwarf den Brief 
an den Großherzog. Hecbler bemängelte nachher einiges. 
Seine Belehrungen sind ausgezeichnet, obwohl gerade da- 
bei öfters sein Antisemitismus durchschlägt. Selbstbe- 
wußtsein des Juden erscheint ihm als Keckheit. Als es 
dämmerte, gab er mir sogar eine ausgesprochen antisemi- 
tische Erzählung zum besten. Er habe einmal einen Juden 
bei sich aufgenommen — zum Dank habe ihn dieser be- 
stöhlen. Ein Talmudbt, dem er sein Leid klagte, antwor- 
tete ihm darauf mit einem Vei^leich von Blimien und 
Nationen. Die Rose sei die englische, die Lilie die fran- 
zösische usw., die fette Distel auf dem Misthaufen sei 
die jüdische. 

391 



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Ich fertigte Um riemlich trocken ab: „Wenn Sie hun- 
dert Juden und hundert Christen ins Haus nehmen, wer- 
den Sie mit mehr Christen als Juden schlechte Erfahrun- 
gen machen." 

Dieser Hechler ist jedenfalls ein eigentflmlicher und 
komplizierter Mensch. Er hat viel Pedanterie, übertrie- 
bene Demut, Augenverdrehen — aber er gibt mir auch 
ausgeseichnete Ratschlfige voll unverkennbar echten Wohl- 
wollens. Er ist gescheit und mystisch, verschlagen und 
naiv. Hieb unterstfitzt er bisher in einer geradezu wun^ 
derbaren Weise. 

Seip Rat und seine Lehren sind bi^er ausgeieicbnet 
gewesen, und wenn sich nicht etwa noch spSter irgendwie 
herausstellt, daß er einen doppelten Boden hat, mOchte 
ich, daß ihm die Juden in großem Maßstabe dankbar 
wiren. 



Brief an den Großherzog von Baden. 
Ew. Königliche HoheitI 

Heimgekehrt, empfinde ich das Bedürfnis, für den gü~ 
tilgen Empfang in Karlsruhe meinen ehrfurchtsvollen Dank 
ausiusprechen. 

Der Gedanke, daß ich einem der Mitbegründer des Deut- 
sehen Reiches, dem ratgebenden Freunde dreier Kaiser, 
gegenübersaß, machte mich befangen. Dennoch darf die 
Sache unter der Schwftche ihres Vertreters nicht leiden, 
und ich bitte Ew. Königliche Hcrfieit, es mir su gestatten, 
daß ich einige Punkte noch schSrfer herausarbeite, als 
dies vielleicht mündlich geschehen ist. 

Die Judenfrage ist in Deutschland derxeit wohl keine 
so brennende, wie sie es in Osterreich, Rußland, Rum&- 



392 



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njen usw. ist. Aber gerade diese Ruhepause, die übrigens 
keine Isnge Dauer haben kann, iSßt es möglicherweise 
als wünschenswert erscheinen, an die Lösung heranzu- 
geben. Vor dem LSrmen unverantwortlicher Gassenpoli- 
tiker kann die staatliche Autorit&t nicht zurückweichen; 
wird sie jedoch nicht gedrängt, so mag sie das segens- 
reiche Werk eher unterstützen. 

Denn wir hoffen, daß ein Strom von Segen für viele 
Menschen von unserer Sache ausgeben werde, und kei- 
neswegs allein für die Juden. 

Fügt es Gott, daß wir in unser historisches Vaterland zu- 
rückkehren, so möchten wir als Kulturträger des Westens 
in diesen jetzt verseuchten,- verwahrlosten Winkel des 
Orients Reinlichkeit, Ordnung und die geklärten Sitten 
des Abendlandes bringen. Wir werden das tun müssen, 
um dort existieren zu können, und dieser Zwang wird 
unser Volk erziehen, soweit es dessen bedarf. 

Die Einzelheiten sind in meiner Schrift „Der Juden- 
staat" angedeutet. Da steht auch, wie der wirtschaft- 
lichen Schädigung der zu verlassenden Linder vorgebel^:t 
werden kann und muß — Seite i6, 77, 78 fg. 

An eine vollständige Evakuierung ist übrigens nicht 
gedacht. Die resorbierten oder noch resorbierbaren Ju- 
den bleiben. Der Zug ist ein freiwilliger und wird von den 
rechtzeitig aufgeklärten Juden nicht als Austreibung, son- 
dern als Gnade des Fürsten empfunden. 

Was ich aber in dieser zur Öffentlichen Diskussion ge- 
stellten Schrift kaum andeutete, und worauf ich die Auf- 
merksamkeit Eurer Königlichen Hoheit besonders hinzu- 
lenken wage, sind zwei Wirkungen unserer Bewegung. 
Wir schwächen die Umsturzparteien und brechen die in- 
ternationale Finanzmacht. Das sind keine vermessenen 
Worte, wenn wir Hilfe finden. 

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Falls Königliche Hoheit sich bewogen fühlen, meinen 
Plan Seiner Kaiserlichen Majestät vorzulegen, möchte ich 
ergebenst um die Betonung dieser Momente bitten. 

Genehmigen Ew. Königliche Hoheit die Ausdrücke 
meiner ehrfurchtsvollen Ergebenheil. 

Dr. Theodor Herzl, 
IX. Pelikangasse i6. 
Wien, a6. April. 

Budapest, 3. Max. 

Diouys Roseufeld, Herausgeher der „Osmanischea 
Post" in Konstantinopel, hat mich hier aufgesucht. 

Er bietet seine Vermittlerdienste an. Er behauptet, mit 
Izzet Bey, dem Günstling des Sultans, gut zu stehen. Ich 
sagte ihm mit wenigen Worten, um was es sich handelt. 
Wir werden der Türkei enorme Vorteile zuwenden und 
für die Vermittler große Geschenke widmen, wenn wir 
Palästina bekommen. Zu verstehen ist nur die Abtretung 
als unabhängiges Land. Dafür werden wir die Finanzen 
der Türkei vollkommen regeln. 

Die dem Sultan gehörigen LSndereien werden wir pri- 
vatrechtlicfa erwerben — obwohl ja dort kein so deut- 
licher Unterschied zwischen Hoheit und Privateigentum 
bestehen dürfte. 

Rosenfeld sagt, der Moment sei sehr günstig, denn die 
Türkei befinde sieb in argen Geldverlegenheiten. Nur 
glaubt er, dafi die Oberhoheit nicht aufgegeben werden 
würde — im günstigsten Fall ein Verhältnis wie das Bul- 
gariens. Das lehne ich von vornherein ab. 

Rosenfeld will sich beeilen, nach Hause zu fahren, und 
glaubt, mir die nötige Audienz beim Sultan für Ende Mai 
erwirken zu können. Vederemo. 

Ich erklärte, daß ich jedenfalls nur nach Konstant!- 

394 



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nopel komme, wenn Izzet Bey mir ausdrücklidi die 
Audienz beim Sultan vorher zusichere. 

7. Mai, Wien. 

Kozmian hat im Lemberger Amtsblatt Gazeta Lwowska 
einen sehr schmeichelhaften Aufsatz über den „Juden- 
staat" publiziert. 

Ich besuchte ihn heute, um ihm zu danken und den 
Faden wieder anzuspinnen. Er lag noch im Bett. 

Ich schilderte ihm, am Bettrande sitzend, die Situation, 
in die Badeni sich durch das Kapitulieren vor Lueger ge- 
bracht hat. Er wird entweder weiter mit den Antisemiten 
gehen müssen und sich dann den tückischen Haß der 
Juden zuziehen. Oder er wird wieder Fühlung mit den 
Juden suchen, und dann werden ihn die erfolggestärkten 
Antisemiten rasch umwerfen. 

Auf die morsche liberale Partei kann er sich im nSch- 
sten Abgeordnetenhaus nicht mehr stützen. Er wird kon- 
servativere Helfer suchen und finden. Dann hat er den 
ganzen Haß der liberalen Überreste. Da gibt es nur den 
Ausweg, den Zionismus zu poussieren und dadurch Spal- 
tung unter die opponierenden Juden zu bringen. 

Kozmian will mit Badeni darüber reden. 

7. Mai, abends. 

Newlinsky kam zu mir, nachdem ich ihn telephonisch 
angerufen. 

Er war mit zwei Worten aa courant gesetzt. Er sagte 
mir, er habe meine BroschOre schon vor seiner letzten 
Konstantinopler Reise gelesen und mit dem Sultan davon 
gesprochen. Der Sultan habe erkifirt, Jerusalem könne 
er nie hergeben. Die Moschee Omars müsse immer im 
Besitz des Islam bleiben. 

„Da könnten wir ja Rat schaffen", sagte ich ; „wir ex- 

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territorialisiereu Jerusalem, das niemandem und allen ge- 
hören wird, der beilige Ort, den alle GMubigen dann ge* 
meinsam haben. Das große Kondominium der Kultur 
und Sittlichkeit." 

Newiinsky meinte, daß der Sultan uns eher AnatoUen 
geben würde. Das Geld spiele bei ihm keine Rolle; er 
verstehe den Wert des Geldes gar nicht, was man oft bei 
regierenden Herren bemerken könne. Aber auf andere 
Weise könnte man den Sultan gewinnen: wenn man iha 
nSmlich in der armenischen Sache unterstützte. 

Newiinsky hat eben jetzt eine vertrauliche Mission des 
Sultans an die armenischen Komitees in Brüssel, Paris 
und London. Er soll sie dazu bewegen, daß sie sich dem 
Sultan unterwerfen, worauf dieser ihnen „freiwillig" die 
Reformen gewähren wird, die er auf den Druck der 
MSchte nicht bewilligt. 

Newiinsky verlangte nun von mir, daß ich ihm die 
Judenhilfe in der armenischen Sache vermittle, wofür 
er dem Sultan sagen will, daß die Judenmacht ihm diesen 
Dienst geleistet habe. DafOr werde der Sultan erkenntlich 
sein. 

Ich fand diese Idee sofort ausgezeichnet, sagte aber, 
daß wir unsere Hilfe nicht umsonst hergeben werden, 
d. h. nur für positive Gegendienste in der Judensache. 

Newiinsky machte hierauf den Vorschlag, daß nur ein 
Waffenstillstand von den Armeniern erlangt werden 
solle. Die armenischen Komitees bereiten das Losschla- 
gen für den Juli vor. Man müßte sie bewegen, einen Mo- 
nat zu warten. Diese Zeit würden wir zu Unterhand- 
lungen mit dem Sultan benutzen. Newiinsky selbst will, 
da er an der Judensache interessiert wird, die armenische 
Sache nützlich verschleppen, damit das eine das andere 
vorwärtsbringe. 

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Ich sagte: ,J)ie Judeasache wird Ihnen mehr eintragen 
als die armenische. Ich habe zwar mit dem Gelde nichts 
zu tun, werde Sie aber unseren Geldleuten empfehlen." 

NewUnsky, der den Sultan notorisch gut kennt, be- 
hauptet, daß wir auf diese Weise reüssieren können. Nur 
die offizielle Diplomatie möge sich nicht hineinmischen, 
ja sie möge lieber Schwierigkeiten machen. Dann werde 
der Sultan aus Trotz tun, was wir wünschen. 



Abends ließ ich mir vom Vetter meiner Frau die Fi- 
nanzlage der Türkei erklären. 

Soweit ich bisher sehe, wird der Finanzplan darin be- 
stehen müssen, die europäische Kontrollkommission zu 
beseitigen, die Zinsenzahlung in unsere jüdische Regie 
lu übernehmen, damit der Sultan diese beschämende Kon- 
trolle los wird und neue Anleihen ad Ubilum machen 

könne. 

* * • 

Heute auch an den Bildhauer Moise Ezechiel in Rom 
geschrieben. Der soll ein Zionist und mit Kardinal Hohen- 
lohe gut bekannt sein. 

8. Mai. 

Der Chassid Ahron Marcus in Podgorze schreibt mir 
wieder einen schönen Brief, worin er es mir ab möglich 
in Aussicht stellt, daß die drei Millionen Ghassidim Po- 
lens auf meine Bewegung eintreten. 

Ich antworte ihm, daß die Mitwirkung der Orthodoxen 
hochwillkcMnmen ist — aber eine Theokratie wird nicht 
gemacht. 

10. Mai. 

Newiinsky verabschiedet sich, um nach Brüssel zu 
gehen. 



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Er will jedeafalls beim Sultan für uns wirken und, 
selbst wenn wir die Ordnung der armenischen Sache nicht 
herbeiführen, sagen, daß wir ihm geholfen bStten. 

Er verl&ßt sich auf die Großmut der Juden, wenn er 
für uns etwas durchgesetzt hat. 

Von Kozmian ersShIt er mir, der habe von mir gesagt: 
ich erinnere ihn an einen der großen Juden, von denen 
Renan berichtet. Aber meine Bemühung sei utopisch. 

11. Mai. 
Nordau schreibt, er habe durch Zadok Kahn mit Ed- 
mund Rothschild Fühlung gesucht. Rothschild sei aber 
Anhfinger der Infiltration. 

Ich schreibe Nordau über die Armenier und verlange 
seine Unterstützung. 

* * * 

Mit Hechler gesprochen, ihn gebeten, den Botschafter 
Monsou zu verständigen, daß ein offiziöser Unterhändler 
des Suitaas nach Brüssel und London aufgebrochen sei, 
um die Armenier zu versöhnen. Monson möge Salisbury 
benachrichtigen. Es sei für Satisbury ein müheloser, gro- 
ßer diplomatischer Erfolg. 

12. Mai. 
Hechler war da. Die Mitteilung war dem Botschafter 

Monson sehr erwünscht, da England Frieden in Armenien 
wünscht. Ich riet, daß man Salisbury zur Erneuerung 
seiner versöhnlichen Worte anregen solle. 

12. Mai. 

Große Dinge brauchen kein festes Fundament. Einen 
Apfel muß man auf den Tisch legen, damit er nicht falle. 
Die Erde schwebt in der Luft. 

So kann ich den Judenstaat vielleicht ohne jeden siche- 
ren Halt gründen und befestigen. 



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Das Geheimnis 11^ in der Bewegung. (Ich glaube, da- 
hinaus wird auch irgendwo das lenkbare Luftschiff ge- 
funden werden. Die Schwere überwunden durch die Be- 
wegung; und nicht das Schiff, sondern dessen Bewegung 
ist zu lenken.) 

Brief an Newlinsky nach London: 

Mon eher. Monsieur, 

j'al travaitlö pour vous, et j'espire bien que vous vous 
en apercevrez. Notamment j'ai fait privenir Lord Salis- 
bury, et il me semble que de ce cAt^Ü on verra I'arrange- 
ment d'un oeil favorable. Quant & mes correligionnaires, 
je les ai d&jk fait marcher, tant i Paris qa'k Londres. 
Mais parmi mes amis il y en a qui fönt une objection assez 
s^rieuse. Ils disent que nous risquoos de travailler poUr 
le roi de Prusse, et que mime, la pacificatton une fois 
faite, on DOUS' oubliera vite. II y a aussi I'opinion d'un de 
nos amis les plus inftuents qui est nettement hostUe k 
cetto Intervention, croyant que la dissolution de ce grand 
Corps serait plutöt avantageuse pour nous. 

Moi, comme je vous Tai dit imm^diatement, je crois au 
contraire que c'est notre intirSt bien compris de marcher 
dans la direction indiqu^ par vous. Je d6sire le maintien 
et la fortif ication du pouvoir actuel qui s'apercevra bien 
vite qu'il a äff aire k des amis. 

Du reste, au premier t6moignage de bienveillance ac- 
cordi k notre cause, les contradicteurs se rangeront de 
mon cöt6. 

Ecrivez-moi, je vous en prie, s'il y a des nouvelles im- 

portantes. Je vous souhaite le succ^ le plus complet. 

Mille amiti^ . ,, , 

votre devoue _ 

Th.H. 



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i3. Mai. 

Nordau telegraphiert: „Neiol" 

Das heißt, er will eich um die armenische Angelegen- 
heit nicht kümmern. Ob er überhaupt schon genug hat, 
weiß ich nicht; sehe aber seinem nächsten Brief mit Span- 
nung entgegen. 

i4. Mai. 

S. Klatschko, der die russische Obersetzung besorgt, 
war da. 

Als er mir im GesprSch sagte, daß er früher Nihilist 
gewesen sei, fragte ich ihn, ob er die armenischen Komi- 
tees kenne. 

Er kennt siel Der Führer in Tiflis, Alawerdoff, ist 
BrSutigam einer Dame, die in Klatschkos Hause wohnt, 
und zum Londoner Chef Nikoladze hat Klatschko Be- 
ziehungen durch den Russen Zaikowski. 

Ich bat ihn, an Zaikowski zu schreiben, daß ich er- 
fahren habe, der Sultan wünsche eine Versöhnung, und 
habe zu diesem Zweck einen Unterhändler ausgeschickt. 
Die Armenier mögen sich getrost mit ihm einlassen. Ich 
halte den Friedensantrag für echt, könne aber natürlich 
für den Unterhändler nicht weiter einstehen, als soweit er 
mich selbst unterrichtete. Die Armenier riskierten aber 
nichts. Wenn auf ihre löbliche Unterwerfung hin der 
Sultan in der verabredeten Frist die Reformen dennoch 
nicht gewähre, können sie ja öffentlich erklären, daß sie 
betrogen worden seien, und alle Verhandlungen publi- 
zieren. 

Klatschko versprach, in diesem Sinne sofort nach Lon- 
don zu schreiben. 

1^. Mai. 

Von Rev. Singer einen lange erwarteten Brief eDdlich 
hekonmien. Ich glaubte schon, er sei abgefallen wie Gü- 

4oo 



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demann und andere, die ein^ Strecke weit mit mir ge- 
gangen. 

Er scbreibt, daß Montagu nicht bervortreten will, aus 
einigen Gründen ; doch habe Montagu ein Exemplar mei- 
nes Budies Gladstone gegeben. Sollte Gladstone sich 
äußern, so werde man seinen Worten retentissemenl in 
der Presse geben. 

Ich antworte Singer, indem ich ihm für Montagu er- 
kläre, daß ich keinen „Aufruf" (was ein echt englischer 
Gedanke wäre) an den Sultan richten, sondern mit die- 
sem insgeheim unterhandeln und eventuell Montagu nach 
Konstantinopel rufen will, damit er mir sekundiere. 

Ich schrieb auch Goldsmid und Solomon, daß ich im 
Juli nach London kommen will, um dort (wahrscheinlich 
bei den Makkabfiem) eine große Rede ober die bisherigen 
Resultate zu halten. Singer hatte gemeint, daß ich ein 
großes Meeting „mit Eintrittsgeld" abhalten solle. Aber 
das lehne ich ab. Vor zahlenden Zuhörern spreche ich 
nicht. Vielleicht ist das übrigens in England gang und 
gäbe. 

15. Mai. 

Brief an Newiinsky : 

Mon eher Monsieur, 

je viens de recevoir votre dSp^che. Je vous avais dijk 
6crit avant-hier k Berkeley-H6lel, Piccadilly, d'oü vous 
voudrez bien retirer ma lettre. 

Rri^vement je vous rip^te le contenu. J'ai f ait pr^parer 
pour vous le terrain aupr^s de Lord S., et j'ai pri£ mes 
amis de privenir aussi les chefs du mouvement armSnien. 
A Londrea c'est, je crois, Mr. Nikoladze, auquel il faudra 
parier. Un de mes amis s'est aussi chargS d'intervenir 
aupris du chef des comit6s russes ä TlfUs. 

36 Henk Tasebfloher I. 4oi 



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Vous aurez i vaincre la mifiaace des Arm^Dieaa. Les 
chefs croiront que Ton veut les compromettre par une 
souDiission vaine <]iji d^capiterait le mouvement entier. 
Au fond OD pourrait les disposer, d'aprM des reaseigne- 
ments que j'ai re^u hier soir, de conclure raimistice sans 
prÄjudice. 

Le cbef de TifUs viendra peut-&tre A Vieane, et je le 
varrai. 

Mille amitifis Votre bien d*vou6 h„j| 

Zweiter Brief: *^- ""'■ 

Mon eher Monsieur, 

J'ai fait erreur. Le chef du mouvement k Londres 
s'appelle Avetia Nazarbek, et il dirige le Journal „Hut- 
schak". On lui parlera. 

Bien i vous g 

i6. Mai. 

Von Nordau einen guten Brief bekommen, der das 
Nein-Telegramm, das mich ein bißchen erschüttert hatte, 
wieder ausgleicht. 

Nach seinem Brief hat er gestern nachmittag mit Ed- 
mund Rothschild gesprochen. Zadok Ktdm hat ihn in die 
RueLaffitte geführt. Daß Rothschild diesen angesehenen 
Schriftsteller sich in sein Bureau und nicht in seine Woh- 
nung führen läßt, ist ja einigermaßen snobbisch und er- 
innert an mein Rendezvous mit den KohlengutmSnnern. 

18. Mai. 
Nordau meldet, daß er mit Zadok bei Edmund Roth- 
schild war. Die „Audienz" dauerte 63 Minuten, wovon 

4o2 



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Rothschild 53 sprach und Nordau „mit Mühe und Uo- 
höflichkeit" nur zeba. 

Rothschild will absolut nichts von der Sache wissen; 
er glaubt nicht, daß beim Sultan etwas zu erreichen sein 
werde, will jedenfalls nicht mithelfen. Was ich mache, 
hält er für gefährlich, weil ich den Patriotismus der Ju^ 
den verdächtig mache, und für schädlich, seinen Palä- 
stina-Kolonien nämlich. 

Wir gehen also über ihn zur Tagesordnung. 

Lustig wirken danach die heutigen Pariser Depeschen, 
die von Straßendemonstrationen gegen die Juden und na- 
mentlich gegen die Rothschilds berichten. Vor demselben 
Hause in der Rue Laffitte, wo E. R. Freitag meinen Freund 
Nordau abgewiesen hatte, schrien Sonntag die Leute: 
„Nieder mit den Juden I" 

i9. Mai. 

Nuntius Agiiardi ließ mir gestern durch unseren Mit- 
arbeiter Münz sagen, daß er mich heute empfangen wolle, 
und zwar punkt zehn Uhr vormittags. 

Um zehn Uhr trat ich in das Haus der Nuntiatur „Am 
Hof", mich vorsichtig umschauend, wie wenn man in 
ein verrufenes Haus geht. Ich muß diese Stimmung hier 
festhalten, weil sie die bemerkenswerte war. 

Wer mich da hineingehen sah, konnte den Gang leicht 
mißverstehen. 

Die Nuntiatur ist ein dumpfes, kühles, altes, verkom- 
menes Palästchen. Keine stattlichen Diener, und auf der 
Stiege liegt ein dürftiger Teppich. 

Meine Karte wurde gleich dem Nuntius übergeben, und 
er ließ mich gleich vor, redete auch gleich zur Sache. 

Er machte nur den Vorbehalt, daß es kein Interview 
werden dürfe! Das versprach ich natürlich. 

»6' 4o3 



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Dann sebte ich ihm die Sache, die er nur in allgemei- 
oen Umrissen kannte, kurz auseinander. 

Ich sprach französisch, war aher heute nicht recht dis- 
poniert, wenn auch gar nicht verlegen. Es scheint, ich 
beginne die Verlegenheit zu verlieren. 

Agiiardi hörte mit einer großen Art zu. Er ist hoch, 
schlank, fein und steif, eigentlich ganz wie ich mir den 
pgpstlichen Diplomaten vorstellte. Die grauen Haare sind 
spSrIich, er rückt im Gesprfich öfters das violette KSpp- 
chen. Seine Nase ist schön, groß und adlermäßig. Seine 
Augen forschen. 

Er stellte in schlechtem Französisch Zwischenfragen. 
Oh ich mir die Schwierigkeiten gegenwfirtig hielte? In 
welcher Weise die Regierung dieses neuen „Königreichs" 
herzustellen und die Mächte zur Anerkennung zu bewegen 
wären? Ob die jüdischen „Grandseigneurs" — Rothschild 
und andere — dazu Geld hei^ehen würden usw.? 

Ich sagte: Wir wollen kein Königreich, sondern eine 
aristokratische Republik. Wir brauchen nur die Zu- 
stimmung der Mächte, und namentlich die Sr. Heiligkeit 
des Papstes ; dann werden wir uns — unter Exterritoiiali- 
sierung Jerusalems — konstituieren. Dem Sultan wer- 
den wir seine Finanzen ordnen. 

Agiiardi lächelte : „Er wird damit sehr zufrieden sein. 
Sie wollen also Jerusalem, Bethlehem, Nazareth ausschei- 
den und die Hauptstadt wohl mehr nach Norden ver- 
legen?" 

„Ja", sagte ich. 

Er meinte, es sei fraglich, ob die Mächte zustimmen 
würden, insbesondere Rußland. Auch glaube er tucbi, 
daß es die Lösung der Judenfrage sei. 

„Nehmen Sie an," sagte er, „Sie können von den 
i3oooo Juden in Wien Soooo abziehen. Eis blieben noch 

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looooo. Sagen Sie, es blieben nur 5oooo in Wien zu- 
rück. Diese würden den Antisemitismus weiter erregen, 
— diese leichten Verfolgungen, die wir jetzt sehen. Wie 
steht es bei uns in Italien? Wir haben vielleicht loooo 
Juden im ganzen Lande. Davon sind 5 bis 6000 in Rom, 
ein paar tausend in Livorno, Mantua, die übrigen zer- 
streut. Nun denn, diese 10 oder sagen wir 30000 Juden, 
die auf 3o Millionen der Bevölkerung kommen, rufen 
dieselben Klagen hervor wie hier. Man findet, daß sie 
die BCrse, die Presse beherrschen usw. 

Es scheint, mein Lieber, ihr Juden habt eine besondere 
Energie, die wir nicht haben, eine eigene Gabe Gottes . . ." 

In diesem Augenblick klopfte der Diener an die Türe. 

„Avantil" rief der Nuntius. 

Der Diener meldete : „Sua Eccellenza l'Ambasciatore di 
Francia !" 

Der Nuntius erhob sich, bat mich, ein andermal wieder- 
zukommen. 

Im Vorsaal wartete Loz£, der französische Botschafter. 

Ergebnis der Unterredung: ich glaube, Rom wird da- 
gegen sein, weil es die Lösung der Judenfrage nicht im 
Judenstaat sieht und diesen vielleicht sogar fürchtet. 

21. Mai. 
Sylvia d'Avigdor berichtet aus London, daß Samuel 
Montagu ihre Übersetzung meines „Juden8taat3"Gladstone 
gegeben habe. Gladstone bfitte sich hierauf in einem 
Briefe sympathisch geäußert. 

Pfingttaonntag. 
Morgen wird es ein Jahr, daß ich durch meinen Besuch 
bei Hirsch die Bewegung begonnen habe. Wenn ich im 
nächsten Jahre verhSltnismfißig ebensolche Fortschritte 

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mache, wie vom damaligen Nichts zu den beutigen Er- 
rungenschaften, so sind wir leichonoh haboH bijrmcho- 
lajiml 

* * * 

Rechtsanwalt Bodenheimer in Köln fordert mich auf, 
zur Versammlung der deutschen Zionifiten Ende Juni nach 
Berlin zu kommen. Ich antworte ihm u. a. : 

„Was die Zionisten bisher getan haben, bewundere ich 
dankbar, aber ich bin ein prinzipieller Gegner der In- 
filtration. Durch die Infiltration wird, wenn man sie 
gewähren läßt, das Land mehr wert, und wir werden es 
immer schwerer kaufen können. Den Gedanken einer 
Unabh&ngigkeitserklärung, „sobald wir dort genflgend 
stark wären", halte ich für unausführbar, weil die Mächte 
das sicher nicht zugeben würden, auch wenn die Pforte 
schwach genug wäre. Mein Programm ist vielmehr Sistie- 
rung der Infiltration und Konzentration aller Kräfte auf 
die vdtkerrechtliche Erwerbung Palästinas. Hierzu sind 
nötig diplomatische Verhandlungen, die ich schon be- 
gonnen habe, und eine publizistische Aktion im allergröß- 
ten Maßstäbe. 

Pfingattonntag. 

NewUnsky telegraphiert und schreibt aus London, er 
könne nichts ausrichten, ich solle ihn an Lawson vom 
Daily Telegraph empfehlen und „beim Premier, der 
nichts tun wolle", unterstützen. 

Ich telegraphiere ihm eine Empfehlung an Lucien 
Wolf vom Daily Graphic und will noch versuchen, Hecb- 
ler zu Monson zu schicken. 

Newiinski schreibe ich : , Ja chose a kX6 mal emmanch6 
et Burtout trop tard". Er solle nur zurückkommen, ich 
würde die Sache schon in die Hand nehmen. 

do6 



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Pfingstsonntag. 

Zwei Burschen der „Kadimah", Schallt und Neuberger, 
waren bei mir. Au der Uuiversitit scheinen die Assimi- 
lanten wieder die Oberhand lu bekommen. Man wolle 
in der Lesehalle vom Zionismus nichts hören. Sie sagten 
mir auch, es sei der Vorschlag aufgetaucht, eine Frei- 
willigentruppe von tausend oder zweitausend Mann zu 
werben und eine Landung in Jaffa zu versuchen. Wenn 
auch einige ihr Leben dabei ließen, würde doch Europa 
auf die Bestrebungen der Juden aufmerksam werden. 

Ich widerriet diesen schönen garibaldinischen Gedanken, 
weil diese Tausend uoch nicht wie die von Marsala eine 
national vorbereitete Bevölkerung vorfinden würden. 
Die Landung wäre nach a^ Stunden wie ein Knabenstreich 
reprimiert. 

26. Mai. 

Newlinsky telegraphiert : 

„S(ali8bury) veut pas recevoir. Faitea possible." 

Ich antworte ihm: 

Rate baldigst heimzukehren. Werde vielleicht Emp- 
fang bei S. Ende Juni persönlich verschaffen. Fahren 
wir vorher zu Ihrem Auftraggeber, 

• • • 

Brief an Rev, Singer (Antwort). 

Verehrter Freund I 

An Sir S. Montagu schreibe ich nicht direkt, weil ich 

mich englisch nicht gut ausdrücken kann, und es auf 

Klarheit ankommt. Ich bitte Sie also, sich abermals zu 

bemühen und ihm die Sache eindringlich zu erklären. 

Niemand von uns weiß, wie lange er leben wird — das 

habe icb, obwohl ich es mir dachte, dem Baron Hirsch 

407 



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gestern vor einem Jahre, als ich mit ihm eine große Un- 
terredung hatte, nicht gesagt. Heute ist dieser Mann, der 
so viel Herz für die Judeu hatte, tot, und er hat nichts 
als Philaatropischea geleistet — das heifit, für die Schnor* 
rer. Und er hätte etwas für die Nation tun können ! 

Sprechen Sie ernst mit Montagu, denn unsere Sache 
ist hoch und ernst. Ich sehe in ihm eine geeignete Kraft 
für einen Teil der Aufgabe. Man wünscht von ihm kei- 
nerlei materielles Opfer. Er braucht nicht einen Penny 
herzi^eben. 

Will er nicht mitwirken, so werden wir uns eben ohne 
ihn behelfen müssen. 

Es tut mir leid, daß die Zeit anfangs Juli wieder un- 
günstig sein soll. Ich kann aber erst Mitte Juni von hier 
fort und will tuerst nach Konstantinopel. Sollte meine 
Reise nach Konstantinopel jedoch aus irgendeinem 
Grunde verschoben werden müssen, so will ich zuerst 
nach London kommen. Sie werden davon rechtzeitig 
verständigt werden, damit der Abend bei den Makkabäern 
eventuell schon auf den si. Juni anberaumt werden 
könne. 

Gehe ich nach Konstantinopel, was vorläufig noch ein 
strenges Geheimnis bleiben muß, so teile ich es Ihnen 
ebenfalls rechtzeitig mit, damit Sie diejenigen Mitglieder 
Ihrer Community, deren Anwesenheit erwünscht ist, 
wenn ich hinkomme, veranlassen, bis zum 5. Juli in Lon- 
don zu bleiben. 

Wir würden dann am 5. Juli bei den Makkabäern zu- 
sammenkommen . 

In einem früheren Briefe bat ich Sie, mir einige Per- 
sonen zu nennen, die wir in die Society of Jews koop- 
tieren können. Diese Society soll aus einem großen Ko- 
mitee bestehen, in das wir angesehene Juden — größten- 

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teils Engländer — setzen und aus einem Exekutivkomitee. 
In letzterem möchte ich Sie, Goldsmid, Montagu, Nordau 
usw. haben. 

Ich bitte Sie, mir über diesen Punkt zu antworten, und 
zwar bald. 
Mit herzlichem Gruß 

Ihr ergebener 

Herzl. 

29. Mai. 

Unser Mitarbeiter Schütz hat den Grafen Leo Tolstoi 
auf dessen Gut bei Moskau besucht und schreibt darüber 
ein Feuilleton. 

Gleichzeitig schickt er mir eine Postkarte, auf der er 
mir mitteilt, daß Tolstoi meine Broschüre erwähnt habe. 
In dem Feuilleton ist aber nur gesagt, Tolstoi habe sich in 
der Judenfrage ablehnend über den Judenstaat geäußert. 
Das ist das erstemal, daß der „Judenstaat" in der Neuen 
Freien Presse erwähnt wird — ohne daß ich genannt 
würde, und ohne daß irgend jemand verstehen könnte, 
was eigentlich gemeint ist. Das Prinzip des Totschwei- 
gens wird in diesem Augenblick geradezu komisch. 

31. Mai 
Schon eine Spaltung unter den jungen Zionisten. Schon 
Vorzeichen der Undankbarkeit, die ich erwarte. Ein Stu> 
dent war bei mir, erzählte, wie die jüdisch-nationalen 
Vereine untereinander hadern; dann machte er versteckte 
aber verständliche Anspielungen, daß er und vielleicht 
auch andere meine Liebenswürdigkeit gegen die jungen 
Leute für Komödie halten. 

Ich war sehr empört und habe ihm gleich den Kopf 
zurechtgesetzt. Wenn man mir meine Bemühung ver- 

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ekelt, werde ich sie einfach aufgeben; uod wenn ich Un- 
dankbarkeit merke — natürlich nicht von Einzelnen, die 
qaantiti n^gligeable sind, sondern von der Menge — so 
ziehe ich mich gfinzlich zurück. 

* * * 

Ahnlich wie bei den Studenten, scheint sich aber auch 
bei den erwachsenen Zionisten schon eine gewisse Unzu- 
friedenheit mit meinen Erfolgen zu regen. Ich höre, daß 
„Gegenströmungen" sich bilden — schonl Es wird mir 
gesagt, daß Dr. J... K... eine „Richtung" etablieren 
will, die sich aktiv am innerpolitischen Lehen Österreichs 
beteiligen, das heißt Gemeinderats-, Landtags- und 
Reichsratsmandate vergeben soll. Klar, an wen. 

Von Dr. Bodenbeimer erhielt ich eine neuerliche Auf- 
forderung, zum Berliner Zionistentag zu kommen. Gleich- 
zeitig sandte er mir die „Grundsätze" der Kölner Zio- 
nisten, mit denen ich mich vollkommen einverstanden er- 
klirte — mit Ausnahme der Infiltration, die ich sistiert 
sehen mOchte. Ich schrieb Bodenheimer, er solle in Ber- 
lin, falls ich verhindert wäre hinzukommen, Beschlüsse 
für unsere Londoner Zusammenkunft am 5. Juli provo- 
zieren. Auch möge eine Abordnung nach London ge- 
schickt werden, die zwei, drei Tage früher dort sei, damit 
wir uns über das Vorgehen konzertieren könnten. Ich 
entwarf auch kurz für die Berliner Zionisten den Plan 
der Society-Zusammensetzung aus großem und Exeku- 
tivkomitee. Beide Komitees, hauptsSchlich aus Englin- 
dern bestehend, sollen durch kooptierte Mitglieder aus 
anderen Ländern verstärkt werden. 

* * * 

Rosenfeld schreibt aus Konstantinopel, sein Vertrau- 
ensmann wünsche, die Geldkräfte zu kennen, die hinter 

4io 



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mir stehen, weil er beim Scheitern der Verhaadlungeu 
seinen Kopf riskiere. Da Rosenfeld in Budapest damit 
debütierte, von mir einen Geldvorscbuß zu verlangen, 
lasse icb mich vorläufig mit ihm nicht weiter ein. Übri- 
gens sind gute Nachrichten von Newiinsky aus London 
da. Ich glaube aus seinen kurzen Briefen entnehmen zu 
können, daß er Vertrauen zur Sache hat. Ist das richtig 
— was ich bei seiner Rückkehr erfahren werde — , so 
fahren wir offenbar Mitte Juni nach Konstantinopel. 



Von Klatschko einen interessanten Bericht über die 
Schritte in London bei den Armeniern erhalten. Sein 
GewShrsmann schreibt aus Harrow, daß er mit Nazarbek 
gesprochen habe, der Mißtrauen gegen den Sultan hege, 
aber dem „Führer der Judenbewegung" für die guten 
Gesinnungen danke. 



Klatschkos Brief, wie der Nordaus über die Unter- 
redung mit Edmund R., wird nach dem Datum in dieses 
Buch einzuschalten sein. 

i. Juni. 

Mein gestriges Feuilleton, „Das lenkbare Luftschifr', 
wurde ziemlich allgemein als eine Allegorie auf den Ju- 
denstaat verstanden. 



Heute bringt die Londoner Zeitungskorrespondenz die 
Zuschrift Gladstones an Montagu über meinen „Juden- 
staat". In der Redaktion wurde diese Notiz wie mit Zan- 
gen angefaßt. Der England-Redakteur V. . . schickte sie 
dem Lokal-Redakteur Oppenheim, der sie vorsichtig lie- 



41. 



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geo ließ. Darauf packte ich einfach den Stier bei den 
Hörnern und zeigte den Ausschnitt Benedikt, der heute 
aus redaktionellen Gründen mit mir besonders zufrieden 
war. 

„Wollen Sie das geben?" fragte ich ijin im Vorzimmer, 
als er eben im Begriffe war, wegtugehen. Er las die Notii 
aufmerksam und sagte: „Ja". 

„Soll man dazu einige einleitende Zeilen schreiben?" 
fragte ich. 

„Nein", sagte er. „Geben Sie das einfach unter der 
Spitzmarke ,Gladstone über den Antisemitismus', gant 
naiv, ab hätten wir schon darüber geschrieben. Lassen 
Sie sich auch den Roman kommen, den Gladstone er- 
wähnt; nur dürfen Sie, wenn Sie darüber schreibea, nicht 
Ihren Judenstaat erörtern." 

„Habe ich Ihnen denn schon Schwierigkeiten ge- 
macht?" fragte ich sanft. 



Und so ist am a. Juni i8g6 zimi erstenmal diese dürf- 
tige Notiz, die ich hier einklebe, in der Zeitung erschie- 
nen, deren Mitarbeiter ich seit Jahren bin. Ich müßte 
mich aber sehr irren, wenn sie nicht große Wirkungen 
haben sollte. Denn die anderen Blätter, die mich in einem 
tiefen Zwiespalt mit den Herausgebern vermuteten, wer- 
den das als ein bedeutsames Zeichen der Versöhnung auf- 
fassen; und die Leser der N. Fr. Pr. werden anfangen, 
vom Judenstaat zu reden. 

(Gladstone über den Antisemitismus.) 

Gladstone hat an den Parlaments-Abgeordneten Sir 
Samuel Montagu, welcher ihm die Broschüre Dr. Theodor 
Herzls, .Der Judenstaat', zusendete, das folgende Schrei- 
ben gerichtet: „Der Gegenstand der zugesendeten Schrift 

4l3 



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ist höchst interessaat. Es ist nicht leicht fOr den Aufien- 
Bteheaden, sich ein Urteil darüber zu bilden; und es trägt 
vielleicht wenig zur Sache bei, wenn man es ausspricht, 
nachdem man sich eines gebildet hat. Es überrascht mich 
aber, zu sehen, wie weit das Elend der Juden geht. Ich 
bin natürlich stark gegen den Antisemitismus. In einem 
eigentümlichen und ziemlich fesselnden Roman: ,Das 
GUed' (The Limb) finden Sie eine ziemlich außerge- 
wöhnliche Behandlung des Judentums." 

5. Juni. 
Nordau schreibt, daß er einen Geldsammeiaufruf um 

keinen Preis unterfertigen würde, wenn nicht bekannte 
Millionäre mit darauf stünden. Auch ins Exekutivkomi- 
tee scheint er nicht zu wollen, nur ins große Schau- und 
Ehrenkomitee der Society, 

Ich antworte ihm, daß ich auch nicht naiv und weit* 
unkundig genug sei, um einen Geldaufruf zu unterschrei- 
ben, der nicht zweifelsohne sei. Aber ich habe für meine 
Verhältnisse Geldopfer genug gebracht und muß es wei- 
terhin dem Judenvolk selbst überlassen, ob und was es 
für sich tun will. 

6. JunL 
Newlinski ist seit drei Tagen hier und hat sich nicht 

sehen lassen. Ist er al^eschwenkt? Ich schreibe ihm: 
Jecomptepartirle i5 juin. fites-vous avec moi? Mille 
amiti^s, votre d6vou6 Herzl. 

7. Juni. 
Newlinski war heute bei mir, während ich in Baden 

war. Frage, ob er noch mit mir geht oder das Vertrauen 
zur Sache — wenn er überhaupt welches hatte — ver- 
loren hat? 

ii3 



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8. Juni 
Ich war heute bei Newlinski, der den Eindruck macht, 

abgekühlt zu sein. Der Moment sei jetzt nicht geeignet 
für die Reise nach Konstantinopel. Der Sultan habe nur 
die Kretensischen Unruhen im Kopf usw. 

Vielleicht war alles, was er mir vor seiner Reise nach 
London sagte, nur zu dem Zwecke gesagt, daß ich ihn 
dort unterstütie. Jetzt weicht er zurück und meint, er 
kOnne nicht uneingeladen nach Konstantinopel kommen. 

9. Juni. 
Newlinski war vormittags anderthalb Stunden bei mir. 

Ich hatte mit ihm eine Kampfunterredung, in der ich 
ihm wieder Vertrauen zu unserer Sache einzuflößen ver- 
suchte. Et ist mir offenbar in London und auch hier ent- 
mutigt worden. Ich bearbeitete ihn mit Eindringlichkeit. 
Ich sprach mit starker, entschlossener, herrischer Stimme, 
ließ unsere Machtmittel vor ihm aufsteigen, riet ihm, 
uns zu dienen, solange er davon den großen Vorteil haben 
könne, das heißt früh, im B^mt der Aktion. 

Er sagte mir, mein Unternehmen werde in Joumalisten- 
kreisen, und folglich auch in Finanz- und Regierungs- 
kreisen, als ein utopisches angesehen. Der LSnderbank- 
direktor habe es für eine Phantasie, unser Herausgeber 
Benedikt für eine Verrücktheit erklärt. Die Journalisten 
lachen alle darüber. 

Ich antwortete ihm : „D'ici un an tonte cette racaille me 
I£chera les bottes." 

Er meinte, ich solle jetzt nicht nach Konstantinopel 
gehen, dort habe jetzt niemand den Kopf auf andere 
Sachen als den Kretensischen Aufruhr. 

Ich sagte, wenn er nicht mitwolle, würde ich allein 
gehen — obwohl ich daran nicht denke. Denn mit ofti- 



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ziellen Empfehlungen, wenn ich sie überhaupt kriege, 
kann ich die Privataudienz schwerlich erzielen. Und ob 
der Roseofeld, der mich zu Izzet führen will, verläßlich 
ist, scheint mir mehr als fraglich. 

NewUnski schilderte mir seine englischen Eindrücke. 
Dcoi glaube man an den bevorstehenden Untergang der 
Türkei. Kein englischer Premier dürfe es wagen, sich für 
den Sultan zu erklSrea, weil er die öffentliche Meinung 
gegen sich hätte. Man denke daran, den Bulgaren Fer- 
dinand, weil er ein Koburger sei, zum Erben des Tür- 
kischen Reiches zu machen. Wenn das keine diceria ist, 
ist es ja hochinteressant. NewUnski glaubt, des Sultans 
einzige Rettung sei, sich mit den Jungtürken zu verbin- 
den, die ihrerseits mit Mazedoniern, Kretensern, Arme- 
niern usw. gut stehen, und mit ihrer Hilfe die Reformen 
durchzuführen. Das habe er auch dem Sultan in einem 
Bericht geraten. Ich sagte nun, er solle diesem Programm 
hinzufügen, daß er dem Sultan auch die Mittel zur Durch- 
führung in der Hilfe der Juden bringe. Der Sultan gebe 
uns das Stück Land, und dafür werden wir ihm alles in 
Ordnung bringen, seine Finanzen regeln und die öffent- 
liche Meinung der ganzen Welt für ihn stimmen. 

Newlinski verwies skeptisch auf die Haltung der Wie- 
ner Blätter mir gegenüber. Darauf sagte ich ihm, daß 
ich, wenn ich wolle, durch Gründung von Konkurrenz- 
blättern ausnahmslos alle kirre machen kann. 

Ich erzählte ihm, daß die Zionisten-Adresse an mich 
schon von 3ooo Doktoren unterschrieben sei, was ich 
Sonntag von meinem Vetter LSbl gehört hatte. 

Er verließ mich, wie ich glaube, erschüttert und halb 

wiedergewonnen. Ich drang in ihn, sofort an den Sultan 

zu schreiben und sich rufen zu lassen. Das versprach er. 

* * * 

4t5 



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In der Delegation zu Budapest hielt Golucbowski heute 
ein Expos^ voll ernster Mahnungen an die Türkei. Ich 
schreibe daraufhin an Newlinski: 

Mon eher monsieur, 

L'expoa£ de Budapest vous fournit une excellente occa- 
sion de renouveler vos cooseils non moins excellents k 
Constantinople. Soyez iaergique, faites entrevoir tous les 
avantages que nous saurions apporter. 

Si vous d^cidez ä partir avec moi, j'espSre bien que 
vous me ferez l'honneur et le plaisir d'Atre mon invitö 
pendanf ce voyage. 

Mille amiti^, votre d6vou£ 

Th. Herzl. 

Bei Hechler traf ich nachmittags den englischen Bi- 
schof Wilkinsoa, einen klugen, schlanken, alten Mann 
mit weißen Whiskers und dunklen, gescheiten Augen. 
Der Bischof hatte meine BroschOre schon gelesen. Er 
fand, es wäre „rather a business". 

Ich sagte kategorisch : „I don 't make businesses. I am 
a literary man"; worauf der Bischof erklärte, daß er das 
nicht kränkend gemeint habe. Er halte die Sache viel- 
mehr für eine praktische. Wenn es auch als Gesch&ft 
hegfinne, kOnne doch etwas Großes daraus werden. So sei 
ja auch das indische Reich Englands unbewußt entstan- 
den. Er segnete mich schließlich und wünschte Gottes 
Segen für die Sache. 

15. Juni. 
Nachts im Coupä, nachdem ich in Wien allein in den 
Orientzug eingestiegen bin. 

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Newlinski wird erat um zwei Uhr morgens in Budapest 
einsteigen. 

Ich will jetzt in aller Eile die Ereignisse der letzten 
Woche nachtragen, in der ich vor OberbeschSftiguug lei- 
der nicht dazu kam, die Eindrücke frisch nach ihrem 
Entstehen zu fixieren. 

Newlinski hatte nach seiner Rückkehr von London 
keine Lust, mit mir nach Konstantinopel zu fahren. 

Er widerstand in mehreren Suggestivunterredungen; 
offenbar stand er unter der Einwirkung ungünstiger Äuße- 
rungen aus meinem eigenen Kreis über die Sache. Par 
ricochet hörte ich von einigen, daß er sich über mich 
erkundigt hatte. 

Ich gewann ihn endlich durch die Entschlossenheit, die 
ich zeigte, allein nach Konstantinopel zugehen. Damochte 
er besorgen, daß andere die großen Vorteile gewinnen 
würden, die ihm in Aussicht stehen, wenn er mich unter- 
stützt. 

Freitag verbliehen wir nach einer langen Unterredung 
so, daß wir es uns beide noch überschlafen wollen, ob wir 
Montag, den i5. Juni nach Konstantinopel reisen. Ich, 
ob ich die Sache ohne ihn, d. h. mit meinen „anderen 
Konstantinopler Verbindungen" unternehme — er, ob er 
mittue. 

Samstag besuchte ich ihn wieder. Ich hatte eigentlich 
keine Erwartung mehr und war von der fragwürdigen 
Expedition so ziemlich abgekommen. Er fragte mich 
leise lauernd: „Eh bien, partez-vous?" 

Ich erriet, was in der Frage lag, und antwortete ent- 
schieden : 

„Je pars." 

Und da er nun sah, daß ich jedenfalls, auch ohne ihn, 
gehen würde, erklärte er sich bereit, mitzufahren, bat 

17 Her»U TaeebOoliBr I. ^lij 



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mich sogar, „mir keine andere Einführung mitzuneh- 
men". Bon. 

Gestern waren wir wieder beisammen, verabredeten das 
Letzte für die Abreise. Er werde schon heute nachmittag 
nach Pest vorausfahren und nachts in den Orientzug ein- 
steigen. 

Wir kamen dann auf den Finanzplan durch seine Fra- 
gen, auf die ich eigentlich nicht vorbereitet war. Mit den 
Details hatte ich mich schon lange nicht mehr oder — 
zum Teile — noch nicht beschäftigt. 

Unvorbereitet, wie ich war, sagte ich ihm nur, daß wir 
uns vorstellen, wir würden ao Millionen Pfund für Pa- 
lästina geben. (Montagu hat im „Daily Chronicle" nur 
zwei Millionen angeboten.) 

Ich fuhr dann nach Baden und telephonierte an Rei- 
chenfeld, den Vetter meiner Frau, er möge noch abends 
hinauskommen, um mir einige Aufschlüsse zu geben. 

Er kam um neun Uhr abends nach Baden, ich bat ihn, 
mir Aufklärungen über die türkische Staatsschuld zu 
geben. Während er mir den Zustand der dette publique 
entwickelte, konstruierte ich den Finanzplan. 

Wir wenden ao Mill. Lt. an die Regelung der türki- 
schen Finanzen. 3 Mill. davon geben wir für Palä- 
stina, auf Basis der Kapitalisierung des jetzigen Ertrags 
von 80000 Lt. jährlich. Mit dem Rest von 18 Mill. be- 
freien wir die Türkei von der europäischen Kontroll- 
kommission. Die Inhaber der Titres A, B, C, D der dette 
publique werden durch Begünstigungen, die wir ihnen 
unmittelbar gewähren: Erhöhung ihres Zinsenbezugs, 
Verlängerung der Amortisierung usw., bewogen, der Si- 
stierung der Kommission zuzustimmen. 

Reichenfeld war von diesem Plan, den ich sofort mit 
allen Details und spekulativen EventualitSten entwickelte, 

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überrascht, und fragte, welcher Finaacier das ausge- 
arbeitet habe. Ich hüllte mich in geheimmsvoUes Schwei- 
gen. 

Heute brachte ich Ncwlinski seine Fahrkarte nach 
Konstantinopet. Die Expedition kostet mich nicht wenig. 
Newlinski ersuchte mich auch, einige Früchte für den 
türkischen Hof mitzunehmen. Er hatte einen Bestell- 
zettel angefertigt, den ich im Hotel Sacher besorgen lassen 
solle: Erdbeeren, Pfii'siche, Trauben, Spargel — alles 
aus Frankreich. Der Korb kostete siebzig Gulden — und 
dabei waren zum Glück nur halb so viel Trauben, nur 
6 statt 3^ Pfirsiche, und nur ein Bund Spargel zu 
haben. Ich nahm alles, was da war. Ultra posse nemo 
tenetur. 

Mein armer Hechler war anspruchsloser, als wir zu- 
sammen fuhren. 

17. Jani. 

Im Orientzug, morgens um sechs Uhr, vor Baba-Eski. 

Der gestrige Tag der Fahrt war schon hochinteressant. 
Newlinski sagte mir, ab er um zwei Uhr morgens in Bu- 
dapest einstieg, daß einige Paschas mit seien, namentlich 
Ziad Pascha, Chef der türkischen Mission bei der Mos- 
kauer Krönung. 

Gestern vormittag stellte Newlinski mich Ziad, Kara- 
theodory und dem Belgrader Gesandten, Tewfik Pascha, 
vor. Später bereitete er die wichtigste dieser drei Exzel- 
lenzen, Ziad Pascha, auf den Zweck meiner Reise nach 
Konstantinopel vor. Ziad interessierte sich sofort für die 
Sache, und es wurde nur der Moment abgewartet, wo 
wir allein wären, um ihn näher einzuweihen. 

Ziad Pascha ist ein kleiner, eleganter, zierlicher, ver- 
pariserter Türke, der, so klein er ist, sich ein gehöriges 
Ansehen zu geben versteht. Er blickt ernst und kühn 

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aus duoklen Augen, seine Gesichtszüge sind fein und 
scharf, die Nase geschwungen, der kurze, spitze Vollbart 
wie das dichte Haar schwarz und im Beginn des Er- 
grauens. 

Karatheodory ist weißbirtig, fett, gescheit, lustig, 
spricht brillant Französisch, liest, wenn er nicht plau- 
dert, eine neue Geschichte Rußlands, erzihlt Wunder 
von den Reichtümern der Moskauer Krönung — und ißt 
auf den Haltestationen leichtsinnig Obst und trinkt das 
Wasser des Ortes dazu. 

Tewfik ist ein junger Pascha, spricht mit Bewunde- 
rung von der Neuen Freien Presse, zitiert Passagen aus 
alten Leitartikeln. 

Nachmittags, als Karatheodory das Rauchzimmer des 
Speisewaggons verlassen hatte, und nur Ziad, Newlinski 
und ich da waren, entwickelte ich dem ernst und ge- 
spannt zuhörenden Ziad den Plan. 

Er sagte: ,,Ich sehe, daß Sie nicht mit .Hintergedanken 
sprechen." (Ich erkifirte nämlich, daß wir Pat&stina als 
vollkommen unabhängiges Land erwerben wollten; und 
wenn wir es so nicht bekämen, würden wir nach Argen^ 
tinien gehen.) 

„Sie sagen Ihren Gedanken voll heraus," sagte Ziad, 
„aber ich muß Ihnen sagen, daß man sich mit Ihnen wohl 
kaum auch nur in Pourparlers einlassen wird, wenn Sie 
das unabhängige Palästina verlangen. Die Vorteile in Geld 
und Presse, die Sie uns versprechen, sind sehr groß, und 
ich hielte Ihren Vorschlag für sehr günstig; aber es bt 
gegen unser Prinzip, Territorium zu veräußern." 

Ich erwiderte : „Das ist unzSbligemal in der Geschichte 
vorgekommen." 

Newlinski warf ein, daß ja erst kürzlich England Hel- 
goland an Deutschland veräußert habe. 

^30 



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Ziad blieb dabei: „Als unabhSng^es Land bekommen 
Sie Palftstina keinesfalls — vielleicht als Vasallenstaat." 

leb erwiderte, daß dies eine Unaufrichtigkeit von 
vornherein wfire, denn die Vasallen denken doch immer 
nur daran, sich möglichst bald unabhfingig zu machen. 

Die Unterredung dauerte, bis wir nach Zaribrod kamen. 
Dort wurde Newlinski vom bulgarischen Minister Natcho- 
witch erwartet, der ihm entgegengefahren war. Mir kam 
eine Deputation der Sofianer Zionisten entgegen. Ich 
hatte vorgestern telegraphiert, daß ich durchreisen werde. 

Die beiden Herren befragten mich über den Stand mei- 
ner Zionsarbeit. Ich sagte ihnen, was ich konnte. Dann 
mußte ich sie verlassen, um mit Newlinski und Natcho- 
witch im Speisewagen zu dinieren. Natchowitch bat mich 
insbesondere, daß ihm die Neue Freie Presse bei seinem 
nichsten Rücktritt keinen schmeichelhaften Nachruf 
widmen möge, weil er sonst im derzeit russenfreundlichen 
Bulgarien zu sehr als Günstling Österreichs gelten würde ; 
und dadurch wäre ihm sein Wirken im österreichischen 
Sinn erschwert. 

In Sofia erwartete mich eine ergreifende Szene. Vor 
dem Geleise, auf dem wir einfuhren, stand eine Men- 
schenmenge — die meinetwegen gekommen war. Ich 
hatte total vergessen, daß ich das eigentlich selbst ver- 
schuldet hatte. 

Es waren MSnner, Frauen, Kinder da, Sepbardim und 
Aschkenasim, Knaben und Greise mit weißen BSrten. 
Vorne stand Dr. Rüben Bierer. Ein Knabe überreichte 
mir einen Kranz aus Rosen und Nelken. Bierer hielt eine 
deutsche Ansprache. Dann verlas Caleb eine französische 
Adresse, und zum Schluß küßte er mir trotz meines StrSu- 
bens die Hand. In diesen und den folgenden Ansprachen 
wurde ich ab Führer, als das Herz Israels usw., in Ober- 

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Bchwenglichen Worten gefeiert. Ich glaube, ich stand 
ganz verdutzt, und die Passagiere des Orientzuges starr- 
ten die fremdartige Szene erstaunt an. 

Ich stand dann noch eine Weile auf den Waggonstufen 
und überblickte die Leute. Die verschiedensten Typen. 
Ein alter Mann mit Pelzmütze sah meinem Großvater 
Simon HerzI Shnlich. 

Ich küßte Bierer zum Abschied. Alle drKngten sich 
herzu, um mir die Hand zu gehen. Sie riefen leschonoh 
haboh bijruackolajim. Der Zug fuhr ah. Hüteacbwenken, 
Rührung. Ich seihst war ganz gerührt, insbesondere von 
der ErzShlung eines RumSnen, der mir sein Leid klagte: 
er habe nach geleistetem Militlrdienst auswandern müs- 
sen, weil man ihm das Bürgerrecht nicht gewShrte. 

Newlinski und Ziad waren von der Manifestation wf»- 
niger frappiert, als ich es erwartet hatte. Oder zeigten sie 
ihren Eindruck nicht? Newlinski seinerseits war vom 
bulgarischen Kirchenfürsten Gregor erwartet worden, 
dem wieder er seine Durchreise voraustetegraphiert hatte 
— vielleicht, damit ich sein (N's) Ansehen in Bulgarien 
konstatiere. 



Abends saß ich noch mit Newlinski allein im Speise- 
wagen und entwarf ihm den auf Basis von ao Millionen 
Pfund gestellten Finanzplan, wovon zwei Mill. auf un- 
mittelbares Handgeld für die Überlassung Palästinas, und 
i8 Mill. auf die Befreiung der türkischen Regierung von 
der Kontrollkommission kämen. 

Newlinski widersprach heftig. Er habe Ziad schon ge- 
sagt, daß ich die Befreiung von der Kontrollkommission 
in der folgenden Form proponiere: 

Ein Drittel bezahlen wir bar. Das zweite Drittel üher- 



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nehmea'wir zu unseren Lasten (resp., wenn wir Vasallen 
werden, wird dieses Drittel auf unseren Tribut fundiert). 
Das dritte Drittel verzinsen wir aus den der jetzigen 
Kommission wef^nonunenen und uns überwiesenen 
Staatseinnahmen. 

Wir könnten es unm^lich wagen, meint N., dem Sul- 
tan ao Mill. Pfund für das Land Pal&stina anzubieten. 
Das sei sozusagen schon der Geschäftswert; wir müßten 
jedoch das pretium affectionia zahlen. Wir könnten 
eventuell uns noch verschiedene Konzessionen ausbedin- 
gen, wodurch wir uns die Leistung billiger stellen, z. B. 
ein Elektrizitätsmonopol für die ganze Türkei usw. Aber 
bei dieser Dreiteilung müsse es unbedingt bleiben. 



Das habe ich überschlafen und finde, daß Newlinski 
recht hat. Ich kann sogar aus dieser Wendung einen 
neuen Vorteil ziehen. Ich kann und werde in Konstanti- 
nopel sagen, daß die Bedingungen absolut geheim blei- 
ben müssen, weil ich mein Komitee erst mit allem ver- 
traut machen müsse. Dadurch verhindere ich es, daß 
eventuell Montagu oder E. Rothschild gegen meine Vor- 
schläge protestieren. 

Komme ich aber, stark durch die Unterredung mit dem 
Sultan nach London, so werde ich durchsetzen, was ich will . 

Eventuell nehme ich Fühlung mit Barnato. 



Bierer sagte mir in Sofia, Edm. Rothschild habe vor 
ein paar Tagen seinen Vertreter nach Konstantinof«! ge- 
schickt, um dem Sultan Geld anzubieten für die Gestat- 
tung weiterer Kolonisation. 

SoUte das ein Schachzug gegen tnich sein? 



433 



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i8. Juni, Kontlantinopel. 

Newlinski ist unBerer Sache vom allergrößten Wert. Er 
ist von einer Geachicklicbkeit und Hingebung über alles 
Lob. Er wird eine ganz außerordentliche Belohnung er- 
halten müssen. 

Wir kamen gestern nachmittags in Konstantinopel an. 
Auf dem Bahnhof erwartete uns Baron B. Popper aus 
Wien, nebst zwei hiesigen Journalisten, über die New- 
linski verfügt. Die Paschas, die mit uns gereist waren 
und sich schon vor der Ankunft in Gala geworfen hatten, 
um sofort zum Sultan zu gehen, wurden von einer Schar 
von Leuten erwartet. 

Wir fuhren durch diese erstaunliche, schöne, schmut- 
zige Stadt. Blendender Sonnenschein, farbige Armut, zer- 
fallende GebSude. Vom Fenster des Hotel Royal geht der 
Blick über das Goldene Hörn. Die HSuser an den Hügel- 
hSngen stehen im Grün, und es sieht aus, wie wenn Gras 

zwischen den Steinen wüchse wie wenn die Natur 

diese verfallende Stadt langsam zurückeroberte. 



Newlinski ist hier sehr angesehen und einflußreich. So 
wie mit Ziad und Karatheodory, mit denen wir fuhren, 
steht er mit vielen großen Türken. 

Gleich nachdem er sich umgekleidet hatte, fuhr er nach 
Yildiz Kiosk. Ich begleitete ihn im Wagen. Das Straßen- 
leben ist sonderbar arm und heiter. Die vergitterten Ha- 
remsfenster der Hluser - sind ein reizendes Geheimnis. 
Dahinter harrt wohl für den Eindringling die Entttu- 
schung. 

Wundervoll der Blick auf den Bosporus vor dem wei- 
ßen Palast von Dolma Bagdsche. 



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Nachdem NewUnski in Yildiz ausgestiegen war, fuhr 
und schlenderte ich allein durch die holprigen Straßen 
von Pera und hinunter zur alten Brücke. 



NewUnski kam spät und verdrießlich zurück. Iszet 
Bey, der erste Sekretftr des Sultans, hatte sich schroff 
ablehnend gegen die Sache gestellt. „Man verspricht in 
dieser Sache zu viel Beteiligungen I" sagte er, und New- 
Unski meint, daß der Mann, der hier schon erste Schritte 
unternommen hat, ungeschickt vorgegangen sei. Das 
w£re also gutznmachen, was vielleicht nicht leicht sein 
wird. 

Eine andere Schwierigkeit: der Sultan scheint krank 
SU sein. NewUnski wurde nicht voi^lassen. Was dem 
Sultan fehlt, ist nicht zu erfahren. Baron Popper hat von 
seiner Schwester gehört, daß beim Wiener Professor 
Nothnagel angefragt wurde, ob er hierherkommen könne. 
Es wSre ein furchtbares contreiemps, wenn mein Emp- 
fang daran scheitern soUte. 



Wir gingen nach dem Diner in den Konzertgarten von 
Pera, wo eine itaUenische Operettengesellschaft gastiert. 
Im ersten Zwischenakt trafen wir Djawid (oder Djewid) 
Bey, den Sohn des jetzigen Grofiveziers. Ich wurde vor- 
gestellt und ging sofort media» in res. Wir saßen auf 
einer Gartenbank, die Operettenweisen klangen entfernt 
von der Arena her, und ich machte den noch jungen 
Staatsrat mit der Sache vertraut. 

Seine Einwendungen waren : die Verhfiltnisse der hei- 

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ligen Orte. Jerusalem müsse unbedingt unter der Ver- 
waltung der Türkei bleiben. Es wSre gegen die heiligsten 
Empfindungen des Volkes, wenn Jerusalem abgetreten 
würde. Ich versprach eine weitgehende Exterritorialität. 
Die heiligen Stätten der Kulturwelt dürfen niemandem, 
müssen allen gehören. Ich glaube, wir werden schliefilich 
zugeben müssen, daß Jerusalem in seinem jetzigen Zu- 
stande verbleibe. 

Ferner fragte Djawid Bey, in welchem Verhältnis der 
Judenstaat zur Türkei stehen solle. Also wie Ziads Frage 
nach dem Vasallentum. 

Ich sagte, daß ich einen vollen Erfolg nur in der Un- 
abhängigkeit sehe, aber wir würden jedenfalls die Ver- 
bindung wie die Ägyptens oder Bulgariens, also das Tri- 
butverhältnis, diskutieren. 

Endlich erkundigte sich Djawid nach der zukünftigen 
Regierungsform . 

„Eine aristokratische Republik", sagte ich. 

Djawid wehrte heftig ab: „Sagen Sie dem Sultan nur 
das Wort Republik nicht I Davor hat man bei uns eine 
heillose Angst. Man fürchtet das ansteckende Übergrei- 
fen dieser revolutionären Regierungsform von einem Ge- 
biet auf das andere." 

Ich erklärte ihm in ein paar Worten, daß ich mir eine 
Staatsform wie die Venedigs vorstelle. 

Endlich bat ich ihn, bei der Audienz zugegen lu sein, 
die sein Vater, Khalil Rifat Pascha, der Großvezier, mir 
gewähren soll. 

Der junge Exzellenzherr versprach dos und will uns 
überhaupt mit Rat und Tat beistehen. Auf seine Frage 
nach den Vorschlägen, die ich zu machen gedenke, 
sagte ich, daß ich die Details nur dem Sultan mitteilen 
könne. 

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i8, Juni. 

Newlinski sagte mir beute, daß in Yildiz Kiosk Ruß- 
land die Oberhand gewonnen babe. Man halte die Lage 
der Türkei aicht für gefährdet, solange die Freundschaft 
mit Rußland bestehe. Izzet neige zu Rußland hin. Was 
ich dem Großvezier sage, werde man Rußland unter- 
breiten. 

Wir kamen daher überein, daß ich mit dem einfluß- 
reichen Dragoman der russischen Botschaft, Jakowlew, 
^trechen werde, bevor ich zum Großvezier gehe. 

Ich bat sofort Jakowlew schriftlich um eine Unterre- 
dung, die er mir sofort für ein Uhr nachmittags zusagte. 
Offenbar sind sie auf meine Ankunft schon durch die 
Zettungen und den Diplomatenklatsch aufmerksam ge- 
worden. 

19. Juni. 

Der gestrige Tag war ein bewegter — mit ungünstigem 
Ausgang. 

Mein erster Besuch galt dem russischen Dragoman Ja- 
kowlew. Er wohnt im Konsulatsgebäude in Pera. Ein 
türkisch verwahrlostes Haus. Im Hof Kawassen und 
nicht elegant aussehende Diener. Eine schmutzige Magd 
nimmt meine Karte und trägt sie tu Jakowlew, der noch 
beim Speisen sitzt, wie ich dem Teltergeklapper aus dem 
Nebenzimmer entuehme. Jakowlew schickt mir Zigaret- 
ten herein. Nach zehn Minuten erscheint er selbst, hager, 
groß, dunkelhaarig, schmales Gesicht mit dürftigem Bart, 
schmal geschlitzte, kleine Augen. 

Er benimmt sich sympathisch. 

Ich sage ihm den Zweck meines Besuches in ein paar 
Worten, spreche aber, um ihn auf den Schock vorzubereiten, 
anfangs vorsichtig nur von einer Kolonisation. Ich bitte 
ihn, zur Kenntnis zu nehmen, daß ich mich bei der rus- 

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sischen Botschaft melde, bevor ich mit der türkischen 
Regierung spreche. Ich hätte auch die Absicht und die 
Hoffnung, mich heim Zar durch ein Mitglied von dessen 
Familie einführen zu lassen (worunter ich den Prinzen 
von Wales verstehe, ohne ihn zu nennen). 

Jakowlew antwortet mir mit einer ErzShlung seiner 
Erfahrungen in Jerusalem, wo er Konsul war. Die Juden, 
die er dort kennenlernte, haben ihm wenig Sympathie 
eingeflö&t, obwohl er ihnen mit Wohlwollen entgegen- 
kam und sie, wenn sie Russen waren, als russische Staats- 
angehörige protegierte. Sie hätten sich gegen das Kon- 
sulat betrügerisch benommen, sich um die schuldigen 
Konsulatstaxen herumgedrückt und sich, je nachdem es 
ihnen paßte, für Türken oder Russen ausgegeben. 

Ich bemerke hierauf, daß es bei den Verfolgungen, 
denen unser Volk seit vielen Jahrhunderten ausgesetzt war, 
kein Wunder sei, wenn die Juden moralische Defekte auf- 
weisen. Dem stimmte er zu. 

Dann gehe ich auf meinen Plan nSher ein, es handle 
sich nicht um eine Kolonisation im kleinen, sondern im 
großen. Wir wollen das Territorium als ein autonomes. 

Er hört mit wachsender Spannung und Teilnahme zu, 
findet, daß es ein großer, schöner, menschenfreundlicher 
Plan sei. 

Ich sage: „Je crois que cette id6e doit £tre sympathique 
k tous les honn^tes gens." 

Er meint schließlich, daß die Sache viele Jahrzehnte 
in Anspruch nehmen würde. Ich würde wohl das Ge- 
lingen nicht erleben; aber er wünsche mir den besten Er- 
folg und freue sich, mich kennengelernt zu haben. Er 
wünscht mir Kraft und Gesundheit zur Ausführung, und 
ich empfehle mich. 

Beim Abschied rät er mir noch, mich beim hiesigen 

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russischen GescbSftstr&ger zu melden, und begleitet mich 
zur Treppe. Da sagt er, wie um seine früheren abffilligen 
Bemerkungen gutzumachen: „Sie haben vielleicht unter 
Ihren Leuten zwanzig Perzent, die moralisch nicht viel 
taugen, aber das findet man auch bei anderen Völltern." 
„Ja," sagte ich; „nur werden sie uns doppelt angerech- 
net, so daß man glauben könnte, es wären vierzig Per- 
zent." 



Von Jakowlew fahre ich nach der Hoben Pforte, wo 
ich schon angesagt bin. Auf dem Bock sitzt neben dem 
rotbefezten Kutscher mein Dragoman. 

Fahrt durch winklige, schmutzige Straßen nacbStam- 
hul. Die Hohe Pforte ist ein verfallendes, altes, schmut- 
ziges, großartiges Haus, erfüllt vom merkwürdigsten 
Leben. Auf kleinen Sockeln der Vorhalleq stehen die 
wachhabenden Soldaten. 

Arme Teufel hocken auf der Erde. Eine Unzahl von 
Beamten und Dienern läuft auf und ah. 

Mein erster Besuch bei Sr. Exzellenz Khair Eddin Bey, 
dem GeneralsekretSr des Großveziers. Die Namen aller 
der Funktionäre schreibe ich nach dem Gehör auf. Ich 
weiß nicht. Ob richtig. Erst heute erfahre ich, daß der 
Sohn des Großveziers nicht Djawid, sondern Djewad Bey 
heißt. 

Khair Eddin ist ein Mann von etwa dreißig Jahren, 
hübsch, mit glatten blassen Wangen, schönem schwarzen 
Vollbart und abstehenden Ohren. Er lächelt bei jedem 
Wort freundlich und zugleich erstaunt. Nach wenigen 
Minuten werden wir zum Großvezier gerufen. Wir durch- 
schreiten die Vorhalle und einige Vorzimmer. In einem 
großen Saale, mit dem Rücken zum Fenster, sitzt Se. 



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Hoheit der Großvezier KhalU Rifat Pascha. Er erhebt 
sich bei meinem Eintritt, reicht mir die Hand. Er ist ein 
großer, vorgebeugter, alter Mann mit weißem Bart, fal- 
tiger verdorrter Gesichtshaut. Auf dem Schreibtisch vor 
ihm liegen zwei Rosenkränze. 

Er setzt sich, weist mir einen Fauteuü neben sich an; 
uns gegenüber, jenseits des großen Schreibtisches, nimmt 
Khair Eddin als Dolmetsch Platz. 

Der Großvezier erkundigt sich zuerst nach meiner An- 
kunft, dem Reisewetter, der voraussichtlichen Dauer mei- 
nes Aufenthaltes, nachdem er mir eine Zigarette gereicht 
hat. 

Dann macht er der Neuen Freien Presse einige Kom- 
plimente. 

Khair Eddin übersetzt die BanalitSten mit freundlicher 
Wichtigkeit. Ich antworte mit anderen Salamaleks: die 
N. Fr. Pr. habe immer gute Gesinnungen gegen die Tür- 
kei gehabt und werde sieb immer freuen, wenn sie Gün- 
stiges über das Reich zu melden habe. Zuweilen seien 
wir vielleicht über die Tatsachen nicht genügend unter- 
richtet; aber vrir verlangen nichts Besseres, als immer das 
Wahre zu berichten. 

Der Großvezier läßt mir sagen, unser Korrespondent 
mdge nur wann immer kommen, man werde ihm alles 
sagen. 

Ich danke für die Zusicherung. 

Dann lasse ich Seine Hoheit fragen, ob er den Zweck 
meiner Reise kenne. 

Nein, läßt er mir antworten, wobei seine halbgeschlos- 
senen Augen immer auf den Tischrand oder auf seine mit 
dem Rosenkranz spielenden großen Hände gesenkt sind. 

Ich setze also Khair Eddin meinen Vorschlag zur Wei- 
terbeförderung auseinander. 

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Der Großvezier hört unerschütterlich zu. Er stellt 
Fragen wie diese: „PaiSstina ist groß. Welchen Teil da- 
von ich mir denke?" 

Ich lasse antworten : „Das werde sich mit den Vorte^en, 
die wir bieten, balancieren müssen. Für mehr Land wer- 
den wir größere Opfer bringen." 

Se. Hoheit läßt sich nach den Bedingungen erkundigen. 

Ich lasse um Verzeihung bitten, wenn ich auf Details 
nicht eingehe. Ich könne nur Sr. Majestät selbst den 
genauen Umfang unserer PropositioneD angeben. Sollle 
man unsere Vorschläge im Prinzip entgegennehmen wol- 
len, so würde Sir Samuel Montagu unser finanzielles 
Programm vorlegen. 

Khalil Rifat Pascha macht große Pausen im Gespräch, 
während welcher er den Rosenkranz Perle für Perle zwi- 
schen seinen Fingern abzählt, als hätte er innerlich eine 
Bedenkzeit von Wort zu Wort einzuhalten. 

Ich habe schließlich den Eindruck, daß er der Sache 
nicht nur at^neigt, sondern geradezu mißtrauisch ist. 

Während unseres Gesprächs sind fortwährend Beamte 
und Diener tief grüßend, meldend, Papiere bringend, er- 
schienen und haben sich rücklings schreitend entfernt. 

Khalil Rifat läßt mir nach dem Eintritt eines anderen 
ernsten, alten Mannes andeuten, daß die Unterredung zu 
Ende sei. Er erhebt sich halb und reicht mir die Hand. 

Im Vorsaal frage ich den freundlich lächelnden Khair 
Eddin, ob der Großvezier es mir übel genommen habe, 
daß ich die Bedingungen vorläufig verschwieg. 

„Nein," sagt der Lächelnde, „er ist ein Philosoph, und 
es kann ihm nur gefallen, daß Sie Ihre Pflichten er- 
füllen, wie er die seinigen erfüllt. Es kann ihm nur recht 
sein, wenn Sie sich an seinen erhabenen Herrn direkt 
wenden." 

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Khair Eddin zeigt mir noch einen herrlichen Ausblick 
auf den Bosporus und das ferne Dolma Bagdsche; dann 
drückt er mir lange und vei^nflgt die Hand. < i^- 



Durcb viele Gänge, an Wachen, Dienern, Bummlern, 
Beamten vorüber werde ich ins AuswSrtige Amt zu N . . . 
Bey geführt. 

Das ist ein rotblonder, eleganter, intelligenter, gebil- 
deter Armenier, der lange in Paria gelebt hat und ein 
ganzer Pariser ist. Einige fremde Diplomaten kommen 
und gehen. Es ist eben von zwei Frauen die Rede, die 
irgendwo Räubern in die Hände fielen und gegen Löse- 
geld freigelassen werden sollen. Ein Attache irgendeiner 
Botschaft bittet N... Bey, alle nicht dringenden Ange- 
legenheiten liegen zu lassen, weil er vor seinem Urlaub 
nichts Neues in Angriff nehmen möchte. Man merkt, daß 
ihm gar nichts dringend vorkommt. 

Als wir allein sind, sage ich N . . . Bey, was ich will. 
Seine Augen leuchten hoch auf. Er kapiert sofort. 

„C'est süperbe", sagt er, als ich ihm — wie vorhin 
dem Großvezier — sage, daß wir die Türkei von der 
Schuldenkontrollkommission befreien wollen. Man hätte 
dann Mittel, um alle nötigen Reorganisationen durchzu- 
führen. N . . . ist entzückt und gewonnen. Er hat aber 
das große Bedenken wegen der heiligen Orte. Wer soll 
die administrieren? ,,Das wird sich arrangieren lassen," 
bemerke ich; „bedenken Sie nur, daß wir die einzigen 
Käufer einer für jeden anderen wertlosen und nichts 
tragenden Sache sind, und zwar zu hohem Preis." 

Hierauf führt mich N . . . Bey zu Daout Efendi, der ein 
Jude ist, aber als erster Dragoman die rechte Hand des 

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Ministers des Auswärtigen, und für den einflußreichsten 
Mann im Ministerium gilt. 

Seine hohe Stellung erkenne ich an den tiefen Salam- 
aleks der Eintretenden. Die Beamten legen die Schrift- 
stücke zu seinen Füßen nieder, so daß er sich immer 
bücken muß, also unbequemer bedient ist. Er arbeitet 
auf einem Fauteuil, ohne Tisch vor sich, sitzend und 
schreibt, das Papier frei in der Hand haltend. 

Er ist ein großer, dicker Mann mit kursem, grauem 
Bart. Auf der gebogenen, fleischigen Nase, vor den vor- 
quellenden Augen sitzt die Brille. 

Er versteht mich sofort. Aber er ist sichtticb ängstlich. 
Er sehe deutlich die ungeheuren Vorteile für die Türkei, 
aber als Jude müsse er sich die allergrößte Reserve auf- 
erlegen. 

Es werde enorme Schwierigkeiten geben, ja er halte die 
Sache für undurchführbar. Er sprach bald wie ein Bru~ 
der mit mir, ernst und bekümmert. Dem Minister des 
Äußeren solle ich mich durch einen anderen vorstellen 
lassen, aber diesen Refus begleitete er mit einem Freun- 
desblick, der mich um Entschuldigung bat. Ich solle ihn 
vor meiner Abreise noch einmal besuchen. 

Den Juden gehe es in der Türkei gut, und sie seien 
gute, treue Patrioten, sagte er. 

Wie eine Illustration dazu war es, als er dann mit mir 
durch eine Vorhalle ging und die swei Wachsoldaten auf 
ihren Postamenten klirrend und rasselnd das Gewehr vor 
ihm präsentierten. 

Ich sah auch Niscban Efendi, den Chef des Preß- 
bureaus, in seinem kleinen Zimmer, wo ein paar Redak- 
teure aus den europäischen Blättern die öffentliche Mei- 
nung der Türkei herstellten. 

iS Henli Tagebflohet I. 433 



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Nischan beklagte sich Ober die Leitartikel der N. Fr. Pr. 
und über Gotucbowskis letzte Rede. 



Abends kam Newliuski mit langem Gesicht und schlech- 
ten Nachrichten aus Yildiz Kiosk zurück. 

Er ließ sich nur eine halbe Flasche Champagner geben 
— en aigne de deuU — und sagte mir in zwei Worten: 
^.Es ist nichts. Der große Herr will nicht darauf ein- 
gehen!" 

Ich hielt den Stoß wacker aus. 

,J)er Sultan sagte: Wenn Herr Herzl in solchem Maße 
Ihr Freund ist, wie Sie der meinige, dann raten Sie ihm, 
keinen Schritt weiter in dieser Sache zu tun. Ich kann 
keinen Fußbreit Landes veräußern, denn es gehört nicht 
mir, sondern meinem Volke. Mein Volk hat dieses Reich 
mit seinem Blut erkämpft und gedüngt. Wir müssea es 
wieder mit unserem Blut bedecken, bevor man es uns 
entreißt. Zwei meiner Regimenter aus Syrien und Palä- 
stina haben sich Mann für Mann bei Plewna umbringen 
lassen. Gewichen ist keiner; alle Mann sind tot auf die- 
sem Schlachtfeld gehlieben. Das Türkische Reich gehOrt 
nicht mir, sondern dem türkischen Volke. Ich kann davon 
nichts hergeben. Die Juden sollen sich ihre Milliarden 
aufsparen. Wenn mein Reich zerteilt wird, bekommen 
sie vielleicht Palästina umsonst. Aber teilen wird man 
erst unseren Kadaver. Eine Vivisektion gebe ich nicht zu." 

Sie sprachen dann noch von anderem. Newlinski riet, 
mit den Jungtürken zu regieren. 

Der Sultan sagte ironisch: ,,Also eine Verfassung? So- 
viel ich weiß, hat die Verfassung Polens es nicht verbii^ 
dert, daß Ihr Vaterland geteilt wurde." 
* * * 



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Ich war vob den wirklich erhabeoen Worten des Sul- 
tans gerührt und erachüttert, obwohl sie alle meine Hoff- 
nuoffen vorläufig zuscbanden machen. Es ist eine tra- 
gische SchSoheit in diesem Fatalismus, der sich totschla- 
gen und teilen lassen, aber bis zum letzten Atemzuge 
wehren will, wenn auch nur durch passiven Widerstand, 

19. Juni. 

Newlinskl zeigte sich angenehm davon Überrascht, daß 
ich meine Enttäuschung nicht in einer Depression merken 
Ueß. 

Ich dachte natürlich sofort an andere Kombinationen 
und fand diese, die ich Newtinski zur Besorgung aufgab: 
Wir wollen trachten, der Umgebung des Sultans gleich 
und im vorhinein „Beweise unserer Anhänglichkeit" zu 
geben. 

Newlinski möge durch Izzet Bey und direkt alles auf- 
bieten, damit der Sultan mich dennoch empfange. Ich 
will dem Sultan unsere Proposition mitteilen, (out en 
m'inclinant respectaeusement devant sa volonti. Er soll 
wissen, daß ihm die Juden an dem Tage, wo er es für 
gut finden wird, auf diese Ressource zurückzugreifen, 
ihre Geldkraft zur Regelung der finanziellen Situation 
der Türkei zur Verfügung stellen wollen. 

19. Juni. 

Das Selamlik, Freitag. 

Wir fahren an dem sonnigen Tag hinaus nach Yildiz- 
Kiosk. Truppen in Gala unterw^. Der Bosporus 
leuchtet. 

In Yildiz, vor dem Pavillon der Gäste, empfangen uns 
zwei Adjutanten des Sultans in großer Gala. Es jagen 
in wenigen Viertelstunden die herrlichsten Bilder vorüber. 
Die weiße Yildiz-Moschee im Sonnenschein. Jenseits, 

'8* 435 



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drübea der blaue Bosporus, ferne die Inseln im Duft. 
Truppen marschieren auf. Stämmige, sehnige, braune 
Kerle, energisch, ,^trapasentrutzeDd". Prachtvolle Ba- 
taillone. Hechts vom Bei^ herunter reiten die Kavallerie- 
regimenter. Die roten Lanzenfähnchen flattern. Vor uns, 
den Hügel hinan, schreiten in straffem Stecbschritt die 
Zuaven mit grün-rotem Turban. Die Trompeter halten 
ihr Blechhorn vor dem Mund, zum Blasen bereit. 

Paschas in großer Uniform fahren und reiten heran. 

Id den Moscheevorbof liehen Fromme in den farbig- 
sten Trachten. 

Buntes Geflirr. Jeder Augenblick bringt neue Pracht 
der Farben. 

Kleine Jungen in Offizierstracht, Söhne von Paschas, 
treten in pubtiger Grandezza auf. 

Endlich kommt der Hof. Zuerst die Söhne des Sultans 
und andere Prinzen. Sie steigen am Fuß des Yildiz- 
Hügels zu Pferde und erwarten dort in stattlicher Reihe 
das Erscheinen des Kalifen. In der Reihe der jungen Prin- 
zen zwei graubfirtige Offiziere, die militärischen Erzieher 
der Prinzen. 

Der Chef der Eunuchen, ein fetter, großer Kastrat, 
kommt würdevoll vorüber. 

Drei geschlossene Hofequipagen mit dichtverschleier- 
ten Haremsdamen. 

Jetzt kommt eine Doppelreihe von Palastoffizieren in 
feierlichem Schritt den Hügel herunter. Und dann der 
Wagen des Sultans, ein halbgeschlossener Landauer mit 
Vorreitern, umgeben von Garden und Offizieren. 

Im Wagen sitzt der Sultan, ihm gegenüber Ghazi Os- 
man Pascha. 

Vom Minarett ruft ein Muezzin mit heller Stimme zum 
Gebet. Militärmusik dazwischen. 

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Die Truppen begrüßen mit zweimaligem lauten Zuruf 
den Kalifen. 

Er ist ein schmSchtiger, kränklicher Mann mit großer 
Hakennase und halblangem Vollbarte, der braun gefSrbt 
aussieht. 

Er macht den türkischen Gruß mit einem SchnOrkel 
beim Mund. 

Wie er an der Terrasse vorüberkommt, auf der wir 
stehen, fixiert er NewUnski und mich scharf. 

Dann fShrt er hinter das Moscheegitter, steigt beim 
linken Flügelvorsprung aus, geht tangsam die Treppe 
hinauf. 

Zurufe. Er grüßt nochmals imd tritt in die Moschee 
ein, der nun alle Spaliersotdaten das Gesicht zuwenden. 

Die Andacht dauert etwa zwanzig Minuten. Im Mo- 
scheehof breiten die Pilger Gebetteppiche aus, knien, 
hocken nieder. 

Den Soldaten im Sonnenbrand wird Wasser gereicht. 

Nach der Andacht erscheint der Sultan wieder, besteigt 
einen offenen zweispSnnigen Wagen, den er selbst kut- 
schiert. 

Im Moscheehof ein tiefvemeigtes Spalier von Paschas 
und Generalen. 

Die Prinzen steigen wieder zu Pferde. 

Wie der Sultan abermals an uns vorbeikommt, fixiert 
er mich, der ich an Newlinskis Seite für ihn erkennbar 
bin, mit einem harten Blick. 

Ein Gewühl von laufenden Offizieren den Berg hinauf 
hinter dem Wagen. 

Dann löst sich das mftrchenhaft prächtige Bild auf. 



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i9. Juni. 

Nach dem Selamlik sah ich die Drehderwische in der 
Moschee der Rue de P^ra. 

Ein kleiner Junge unter den alten hageren, dumpf und 
verschmitzt dreinschauenden „Fanatikern", die das feier- 
lich-groteske Tanzspiel aufführen. 

Einfältige Musik, genKselte Gebete, Rundgang wie eine 
Art chaine anglaUe der Quadrille mit tiefen Verbeugun~ 
gen, dann das schwindlige sinnlose Drehen. Nach Ab- 
werfen der bunten Mäntel in weißen Kleidern ä la Laie 
Füller, die linke Handfläche zur Erde, die rechte nach 
oben geehrt. 

* * * 

Nachmittags mit Margueritte, dem Günstling des Groß- 
veziers, bei den süßen Wassern von Europa. 

Margueritte bietet sich mir an. Er könne vom Groß- 
vezier erlangen, was er nur wolle. Er werde demnächst 
eine Konzession für die Petroleumquellen von Alexan- 
drette bekommen. Er erzählt mir die Geschichte vom ge- 
scheiterten Anlehen des Baron Popper. Dieser habe das 
Drei-Mitliooen-türk.-Pfund-Anlehen, das dann die Otto- 
man Bank machte, machen wollen. Er hatte schon alles 
abgeschlossen, Izzet, Tahsin, den Scheik des Palais und 
einige andere Personen beteiligt. Der Großvezier nimmt 
nichts, doch wollte P. dessen Frau ein Kollier oder dgL 
schenken. 

Die Botschaften im Auslande waren angewiesen, P. zu 
unterstützen. Da stellte sich heraus, daß die Bank, deren 
Vertreter P. zu sein erklärte, angab, sie kenne ihn nicht. 

Das habe hier gegen P, verstimmt — parbleul — ohne 
ihn jedoch dauernd unmöglich zu machen. Er bewerbe 
sich jetzt um die Bahnkonzession Alexandrette-Damas- 

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kus, die dem Suezksaal den Verkehr nach Asien abgrtibeD 
würde. 

Margueritte teilt mir auch mit, daß Newlinski gestern 
spät abends in meinem Namen — er hatte mich davon 
nicht verstSndigt — sagen ließ, er möge die von mir 
vorgetragene Sache fallen lassen. 

Margueritte versprach mir, Djewad Bey, den Sohn des 
Großveziers, für mich zu interessieren. 

Mit Djewad könne man „offen reden". 

20. Juni 

Morgens beim Frühstück wird in unserem Salon mit 
dem langen grdndamastenen Sofa immer Kriegsplan ge- 
macht. Ich schlage Newlinski vor, den Leuten im Palais 
und auf der Pforte ein Anfangsgesch&ft in Aussicht zu 
stellen. Ich würde mich bemühen, sie zu einer kleinen 
Anleihe von ein bis zwei Millionen zu bewegen, da nach 
meiner Ansicht dies unseren ferneren Plan nicht kompro- 
mittiert. Das Geld w&re in ein Faß ohne Boden geworfen. 
Wir würden aber dadurch hier festen Fuß fassen und 
beliebt werden. 

Ich bitte Newlinski, nur alles Mögliche aufzubieten, da- 
mit mich der Sultan empfange. Wenn ich ohne Empfang 
mit Nein zurückkehre, wird man alles für Traum halten. 

Vorläufig wagt natürlich niemand, dem Sultan von mir 
zu reden, nach dem formellen Refus, das er Newlinski vor 
Münir Pascha, Izzet Bey usw. gegeben. 

Izzet Bey rSt aber fönendes: die Juden sollten irgend- 
ein anderes Territorium erwerben und es dann der Türkei 
als Tauschobjekt (mit Draufzafalung) anbieten. 

Ich denke sofort an Zypern. 

Izzets Idee ist gut und zeigt, daß er mit uns und für 
uns denkt. 

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Eine persönliche Beteiligung lehnt er ab. Doch hat er 
in Arabien seine Familie, die aus — i5oo Köpfen be* 
steht, für die man etwas tun müßte. 



Gestern nachmittags sah ich N . . . Bey wieder, nach- 
dem Newlinski von ihm fortgegangen war. Ich wartete 
auf Newlinski im Wagen vor der Hohen Pforte. Heiße 
Nachmittagsstunden. 

Newlinski kam nach einer Stunde. Er hatte mit dem 
Großvezier und N . . . Bey von unserer Sache gesprochen. 
Der Großvezier ist dagegen. N. . . Feuer und Flamme dafür. 

N . . . Bey empfing mich sehr liebenswürdig, ging dann 
aus seinem Zimmer, wo Besucher waren, mit mir ins 
Nebeokabinett und sprach da gani offen. Er sei ganz für 
uns; aber leider müsse man hier mit den vielen vernagel- 
ten Köpfen rechnen. 

Er kokettiert ein bißchen mit seiner europSischen Bil- 
dung und Intelligenz und sagt selbstgefällig: „Unter die- 
sen Blinden bin ich der Einfiugige." 

Er ist aber wirklich eine viel höhere Intelligenz als die 
meisten der übrigen. 

Folgendes r&t er : Die Juden sollten die türkischen Pa- 
piere erwerben und die Kommission der Bondholders mit 
Juden besetzen. Diese Kommission habe großen Einfluß 
und trete in jedem kritischen Augenblick auf den Plan. 

Er hat diese Idee auch Newlinski mitgeteilt, wie ich 
später erfuhr. Newlinski war gleich dagegen, weil da- 
durch die Juden hier so verhaßt würden, wie jetzt die 
Kommission, 

Newlinski bemerkt sogar gegen meine Lobsprüche auf 
N . . . : „Intelligent wäre er, wenn er das riete, um die 
Judensache unmöglich zu machen." 

Uo 



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N . . . versprach mir seine Unterstützung im reichsten 
Maße, namentlich auch, wenn wir gegen die Ottoman 
Bank einschritten, die hier für die Finanzmiseren ver- 
antwortlich gemacht wird. 



Dann bei Davout Efendi, nach meiner Ansicht der Ta- 
delloseste unter den Funktionären, die ich bisher kennen- 
lernte. Ich bin stolz, daß er ein Jude ist. Der Sultan hat 
keinen treueren Beamten. Er ist im Herzen mit uns, muß 
sich aber hüten, es zu zeigen. 

Er h&lt es für möglich, daß wir eines Tages unser Ziel 
erreichen, wenn die Türkei „sera dana la dicke, et si 
voaa dorez la pilale" — nämlich den Staat als Vasallen- 
staat gründen. 

Er versprach mir, heute bei Tewfik, dem Minister des 
Auswärtigen, zu sein, wenn ich komme. Nur solle es aus- 
sehen, als ob wir uns nicht kennen. 



Abends teilt mir NewUnski mit, daß Izzet Bey mich 
heute empfangen werde. 

2*. Juni 
Ich schreibe Davout Efendi, er mOge vorläufig mit 
seinem Minister nichts von der Sache reden. Der Moment 
sei nicht günstig. 

* * * 

Gestern hat der Sultan NewUnski gesagt, er wolle mich 
als Journalisten nicht empfangen, weil die N. Fr. Pr. 
nach Bachers Interview ihn persönlich schwer attackiert 
habe. 

Ut 



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22. Juni. 

GeaterQ morgens fuhr ich mit Newliiuki nach Yildiz 
Kiostc zu Izzet Bey. E^ wurde vorher ausgemacht, daß 
die Unterredung nur aus höflichen Banalitäten bestehen 
dürfe. 

Um halb zehn fuhren wir auf dem schon bekannten 
Weg, den das bunte, arme Volkstreiben des Orients sSumt, 
an Dolma-Bagdsche vorbei, wo der blaue Bosporus schim- 
mert, den Berg hinauf nach Yildiz. 

Wir traten in den Schloßhof, wo jetzt gerade Baurepa- 
raturen gemacht werden. 

Izzet Bey stand zufällig im Hofe. Wir grüßten und 
gingen in sein Amtsgebäude, das recht dürftig aussieht. 
Die einzelnen Bureaus sehen wie Badekabinen aus. Selbst 
das Zimmer Izzet Beya, des Allmächtigen, ist klein und 
dürftig. Ein Schreibtisch Izzets, ein kleinerer des Sekre- 
tärs, einige Fauteuils und ein geschlossenes Himmelbett 
(für den Fall des Übernachtens im Permanenzdienst), daa 
ist alles. Aber ein Fenster öffnet sich auf die weite und 
lachende Schönheit des Bosporus, über die weißen Mina- 
retts der Selamlik-Moschee bis nach den duftigen Prinzea- 
inseln. 

Mit uns wartete auf Izzet Hey ein jüdischer Juwelier, 
der die vom Sultan bestellte silberne Standuhr gebracht 
hatte. Diese Uhr ist die Belohnung für den Militärarzt, 
welcher vor ein paar Tagen das Furunkelgeschwür des 
Sultans operiert hatte. 

Izzet Bey trat ein und fertigte zuerst den Juwelier ab, 
nachdem ich ihm vorgestellt worden war. 

Izzet Bey ist ein mittelgroßer, schmächtiger Mann in 
den Vierzigern. Das faltige, ermüdete, aber intelligente- 
Gesicht ist eher häßlich. Große Nase, schütterer, halb- 
langer dunkler Vollbart, kluge Augen. 

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Ich sage die verabredetea Banalitäten: icb hätte nicht 
wegfahren wollen, ohne einen der hervorragendsten Min- 
ner dieses großen Landes kennengelernt zu haben. Ich 
würde mich sehr freuen, wenn es mir gelänge, die gün- 
stigen Eindrücke, die ich von Konstantinopel mitnehme, 
auch anderen durch die Zeitung beizubringen. Ich ge- 
dächte, eine Reihe von Artikeln über die politischen Kreise 
der Türkei zu schreiben und wäre erfreut, wenn ich etwas 
nützen könnte. 

Izzet Bey Ifichelt zu alledem sehr liebenswürdig und 
„freut sich, meine Bekanntschaft gemacht zu haben", als 
ich mich nach einer Viertelstunde empfehle. 

Newiinski hatte mir vorher gesagt, daß man allen Die- 
nern Bakschisch geben müsse. Izzets Diener nahm im 
Wandelgang des ersten Stockes zwei Medschidies, der 
Diener im Erdgeschoß, der meinen Stock gehalten hatte, 
nahm eine Medschidie. Am Yildizausgang aber wurde 
die Sache komisch. Da befanden sich zwei Türstoher. Als 
ich in die Tasche griff, hielten sie beide nebeneinander 
die Hand auf, und ich verzögerte absichtlich die Gabe 
um ein^ Sekunden, um das symbolische Schauspiel die^ 
ser Bakschischiden am Hoftor etwas länger zu genießen. 
Jeder bekam eine Medschidie. 

Dann fuhren wir den Bosporus entlang hinaus nach 
Bebek, an träumenden Haremaschlössern vorbei, im Son- 
nenbrand. Vom Bosporus her wehte eine leichte Brise. 

Jetzt erst sagte mir Newiinski alles, was er am Vortage 
(Samstag) bei der Pforte und im Palais ausgericlitet hatte. 
Denn damit ich im Gespräch mit Izzet auch nicht die 
leiseste unabsichtliche Andeutung mache, hatte er mir 
vorher nichts sagen dürfen. 

Der Großvecter sei gegen den Vorschlag, den ich ge- 
macht habe. (Marguerilte, der Vertraute des Großveziers, 

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hatte mir das Gegenteil berichtet. Wer lügt? Vielleicht 
politisierte der Großvezier nur Newiinski gegenüber, weit 
er mich im unklaren lassen wollte?) 

Newiinski bat den Großvezier, wenn dieser schon da- 
gegen sei, mindestens dem Sultan nichts zu sagen. Der 
Großvezier darf nämlich nicht wissen, daß der Sultan 
dagegen ist. Hier haben alle die unterwürfige Gewohn- 
heit, den Sultan in allem zu bestärken, was er ohnehin 
schon will, und alles köhn zu bekimpfoo, was er ohnehin 
nicht will. 

Im Yildiz Kiosk habe sich nun, nach Newlinskis Wahr- 
nehmungen vom Samstag, die Stimmung für mich eini- 
germaßen gebessert. Der Sultan gestattete wenigstens, 
daß Newiinski von mir sprach. Newiinski hatte dem Sul- 
tan Samstag mitgeteilt, daß ich dessen erste abscblSgige 
Antwort sublim gefunden und sehr bewundert habe. Ich 
sei ein Freund der Türkei und wünsche dem Sultan zu 
dienen. Er möge mich empfangen. 

Der Kalif lehnte das ab. Als Journalisten könne und 
wolle er mich nach den Erfahrungen, die er mit Bacher 
und der N. Fr. Pr. gemacht habe, nicht empfangen. 
Wenige Monate nach der Audienz Bachers erschien bei 
uns der gehässigste Angriff gegen seine Person, der je 
in den BUttern gestanden — die englischen und arme- 
nischea inbegriffen. Der Sultan beklagte sich darüber 
heim österreichischen Botschafter Calice und bedauerte 
ausdrücklich, daß dieser ihm Bacher vorgestellt habe. 

Hingegen könne und wolle er mich als Freund emp- 
fangen — nachdem ich ihm Dienste geleistet haben werde. 
Der Dienst, den er von mir verlangt, ist folgender: ich 
solle teils in den europäischen Blättern (in London, 
Paris, Berlin und Wien) dahin wirken, daß man die ar- 
menische Frage türkenfreundlicher behandle, teils möge 

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ich direkt auf die armenischen Führer einwirken, zu dem 
Zwecke, daß sie sich ihm unterwerfen, worauf er ihnen 
alle möglichen Zugeständnisse machen wolle. 

Der Sultan gebrauchte Newlioaki gegenüber ein poeti- 
sches Wort: „Für mich sind alle meine Völker wie Kin- 
der, die ich von verschiedenen Frauen bStte. Meine 
Kinder sind sie alle; und wenn sie auch untereinander 
Differenzen haben — mit mir können sie keine haben." 

Ich sagte Newiinski sofort, daß ich bereit sei ä me 
mettre en campagne. Man möge mir eine pragmatische 
Darstellung der armenischen Sachtage geben : welche Per- 
sonen in London umzustimmen, welche BlStter zu ge- 
winnen seien, usw. Freilich würde mir meine Bemühung 
sehr erleichtert werden, wenn mich der Sultan empfinge. 

Newiinski sagte : „Er wird Sie nachher empfangen und 
Ihnen einen hohen Orden verleihen." 

Ich antwortete: „Den Orden brauche ich nicht. Was 
ich jetzt will, ist nur, daß er mich empfange. Planter le 
premier jalon — das ist jetzt unsere ganze Aufgabe." 

Wir führten dieses GesprSch im Kaffeegarten zu Bebek 
am Bosporus. Wir saßen unter einem Baum im Schatten, 
in der schweren Mittagsbitze. 



Wir fahren dann den Berg hinauf zu Frau Gropler, 
einer merkwürdigen, lieben, alten, kranken Dame. Es 
ist ein polnisches Emigrantenhaus, wo seit vierzig Jahren 
alle flüchtigen Politiker, alle reisenden Künstler und 
Diplomaten en ruptare d'ennai officiel verkehren. 

Ein polnischer Geiger, Neffe der Hausfrau, spielte uns 
nach Tisch vor. Es kam auch Reschid Bey, Exzellenz, 
Sohn des berühmten Reschid Pascha und Enkel Fuad 
Paschas. 



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Rescbid ist ein dicker, intelligenter, noch junger Mann, 
welcher der Botschaft in Wien zugeteilt war. Seine bei- 
den kleinen Buben, die er mitgebracht hatte, sprechen 
Deutsch und sangen uns lieb deutsche Lieder vor. 

Newlinski hatte mit ßeschid, der beim Sultan gut an- 
geschrieben ist, nach Tisch von meinem Projekt gespro- 
chen. Rescbid begrüßte es mit Sympathie; und als ich 
vor meinem Abschied einige Minuten mit ihm auf der 
Terrasse stand, sagte er mir seine Unterstützung zu. 



Nachmittags war ichbeim Feuerwehrexerzitium, zudem 
uns der hier als Pascha angestellte Graf Szteh^nyi, ein 
gemütlicher, alter Herr, sehr dringend eingeladen hatte. 

Die Sappeurs sind stimmige Prachtkerle aus Anato- 
lien. Man versteht, daß der Herr solcher Truppen, die 
keinen Sold zu kriegen brauchen und doch freudig die- 
nen, seine Situation noch lange nicht oder nie als ver- 
loren ansehen wird. 

Leider bin ich durch die großen Sorgen meiner poli- 
tischen Bemühung halb blind gegen die Schdnheit des 
Ortes, die Wunder der Geschichte, die Farben der Ge- 
stalten, die ich fortwährend sehe. So waren auch beim 
Feuerwehrmanöver am Straßenrand und den Berg hin- 
auf Menschengnippen, hockende Frauen in ihrer geheim- 
nisvollen Tracht, und viel anderes, was sonst ein Genuß 
für meine Augen gewesen wfire. 



Auf den verfallenen Friedhöfen viel hundert Jahre alte 
Grabsteine, auf die sich die Leute sötzen oder Wäsche- 
leinen spannen. 

Abends kam Newlinski ermüdet und verstimmt von 



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YUdii-Kiosk zurück. Aus verschiedenen Teilen des Rei- 
ches sind schlechte Nachrichten eingelaufen. Blutver- 
gießen auf Kreta; die Drusen haben ein ganzes Bataillon 
regulSrer Soldaten (am Libanon?) aufgerieben, d. h. 
Mann für Mann ermordet, und von der russischen Grenze 
her sind neuerdings Armenier eingedrungen und haben 
dreihundert Mohammedaner niedergemetzelt. 

Der Sultan möchte durchaus gern mit den Armeniern 
Frieden machen. Er sieht düster in die Zukunft und sagte 
zu Newlinski : „G'est une croisade d^guis^e contre la Tur- 
quie." 

Mich erinnert dieser großmütige, melancholische Fflrgt 
des Untergangs an Boabdil-el-Cbico, von dem Heine singt. 

Die Höhe von Yildiz ist vielleicht der „Berg des letzten 
Kalifenseufzers" . 

Nach Sonnenuntergang fuhr ich auf einer kleinen Jacht 
den Bosporus hinauf, in der Richtung von Bujukdere. 

In Abendscbleier hüllen sich langsam die schönen, wei- 
ßen, stolzen Schlösser, wo die Haremsfrauen wohnen, 
die Witwen voriger Sultane und die Witwen des jetzigen. 
Denn er lebt nicht mit ihnen. 

22. Jani. 

Newlinski, dessen diplomatische SchSrfe und Feinheit 
ich immer mehr bewundere, meint, ich müsse zunSchst 
eine Stellung im Palais haben, von der aus ich selbst — 
ohne irgend jemands Vermittlung, der wie gekauft aus- 
sehen könnte — immer wieder auf den Vorschlag der 
Juden zurückkäme. 

Das ist ausgezeichnet. 

Ich dringe stündlich in Newlinski, mir die Andient 
beim Sultan eu verschaffen, damit mir meine Londoner 
Freunde glauben, daß ich da war. 

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Hätte der Sultan „Ja" gesagt, so brauchte er mich 
nicht zu empfangen. Ich wSre weggereist und h&tte die 
Sache engagiert. 

Da er Nein sagt, ist es unerläßlich, daß er mich emp- 
fange, damit meine Freunde sehen, que toat n'est poM 
rompa. 

23. Juni. 

Giestera ist nicht viel vorgegangen. Tak6 Miu-gueritte 
hat mit dem Großvezier gesprochen und ihm gesagt, daß 
ich ihm den Dienst erweisen wolle, ihn zu interviewen. 
Kbalil Rifat Pascha ließ mir antworten, er werde mich 
empfangen. 

Darauf telegraphierte ich an Benedikt, daß ich mit dem 
Großvezier über allgemeine Politik reden und die ganze 
Unterredung telegraphieren werde, jedoch unter der Be- 
dingung, daß in den redaktionellen Kommentaren der 
Liebenswürdigkeit Rechnung getragen werde, mit der ich 
hier empfangen wurde. 

Benedikt antwortete mir telegraphisch: „Werde alles 
tun, was Sie wünschen." 

Das habe ich erwartet. 



Newlinski ist ein eigentümlich interessanter Mensch, 
dem man in Wien schweres Unrecht tut. 

Sein Charakter wird mir immer sympathischer, je näher 
ich ihn kennenlerne. Wenn er genug Geld gehabt hätte,' 
wäre er einer der feinsten grandseigneara und ein welt- 
geschichtlicher Diplomat geworden. Er ist ein Verstauch- 
ter, aber sehr fein und voll edler Regungen. Er ist ein 
tmglücklicher Pole und sagt oft : , J)a ich nicht die Politik 
meiner Nation machen kann, ist mir alles Wurst. Ich 



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nnteriiehine Kunstreisen in der Politik, wie ein Klavier- 
rirtuose — das ist alles." 

Eh ist schwer, von dieser edlen polnischen Melancholie 
nicht gerührt zu werden. 

Er ist viel gebildeter als die meisten Adeligen, hat 
Kunstsinn, Zartgefühl. Ich wollte ihn nur als Instrument 
benutzen, und bin dabin gelangt, ihn zu achten und zu 
lieben. Er ist gefällig und stolz, listig und dabei doch 
aufrichtig, und seine unverkennbaren Kavalierseigen- 
schaften schaden seinem Ruf nur, weil er sich in die 
Bourgeoisie begeben hat. Er ist die interessanteste Ge- 
stalt, mit der ich zu tun bekam, seit ich die Judensache 
fahre. 

26. Juni. 

Gestern hatte ich das Interview mit dem Großvezier für 
die li. Fr. Pr. Es dauerte anderthalb Stunden. Haireddin 
Bey war wieder der liebelnde Dolmetsch. Er sagte ver- 
gnügt: „Es war nichts — nur ein paar hundert Tole." 

Ich saß am Fenster im Sonnenschein und schwitzte, 
während ich auf den Knien schrieb. Die Sonne fiel auch 
auf das Papier und blendete meine Augen. Es war sehr 
ermüdend. 

Orientalischer Zug. 

Als wir über die Brücke vom Goldenen Hörn gingen, 
belästigte mich ein Betteljunge, auch nachdem ich ihm 
etwas gegeben hatte. Ich bat Tak^ Margueritte, mir Ruhe 
zu verschaffen. Er spuckte dem armen Buben einfach 
ins Gesicht. 

Eine halbe Stunde später waren wir im Hotel. New- 
linski schrieb und sagte plötzlich zu Tak6 in barschem 
Ton: „Sonnez," 

Und Takä läutete gehorsam. Der Bettelbub war gerächt. 

39 HenU TagebOcber I. h^Q 



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Newiinski, dem ich die Siene von der Bracke erzthlt 
hatte, höhnte Taki apSter noch, indem er sagte: „Ici on 
refoit des crachats, et on les rend." 



Newiinski war gestern den ganzen Nachmittag mitizzet 
und N . . . Bey im Palais heisammen. Ich soll auf beide 
den günstigsten Eindruck gemacht haben. Izzet sagte von 
mir: ich sei ein „inspiri", was das htehste Lob bei den 
Muselmanen ist, und N . , . meinte, ich sei ein komme hora 
ligne. 



Freilich, die Hauptsache, der Empfang beim Sultan, 
war nicht zu erreichen. 

Es ist immerhin eine ungeheure Sache, denn Sz6cb£nyi 
Pascha z. B., in dessen Haus wir gestern d6jeunierten, 
hat mit dem Sultan seit zehn Jahren nicht gesprochen, ob- 
wohl er beim Selamlik nie fehlt, und c^wohl er vom Sul- 
tan demnSchst zum Marschall befördert werden vnrd. 

25. Juni. 

Gestern ließ mir der Sultan sagen, ich möge heute noch 
nicht wegfahren; er werde mir wahrscheinlich noch vor 
meiner Abreise etwas zu sagen haben. Das ist ein Erfolg, 
freilich ein unsichtbarer. 

Ich telegraphierte gestern ein größeres Eatrefilet an 
die N. Fr. Pr., welches die hiesige, allerdings kritische 
Lage in regierungsfreundlicher Weise darstellt. 

Dann fuhr ich nachmittags auf einer kleinen Jacht 
nach Bujukdere zum österreichischen Botschafter, Baron 
Calice. 

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Dieser empfing micli gnSdiger, als er es wahrw^Hnlich 
getan hfttte, wenn ich von vornherein mich an ihn ge- 
wendet hStte. 

Calice ist ein hober, gut repräsentierender Sechziger. 
Glatze, große Nase, Schnurrbart, ziemlich große Manie- 
ren, nicht unbedeutende Gesprächigkeit. Von Zeit zu 
Zeit fällt ihm im Redestrom plötzlich ein, was er eigent- 
lich für ein großer Mann sei — et alors U se reprend. 

Wir saßen in dem schönen, großen Salon des Sommer- 
botAchaftshauses zu Bujukdero. Zu den großen Fenstern 
hinaus umfängt der Blick liebend die rosige und blaue 
Schönheit des Bosporus. 

Calice entwickelte mir ausführlich seine Auffassung 
der Situation. Er sprach ungefähr im Stil der Diplomaten 
in deu Gregor Samarowschen Romanen. Er „stellte die 
Situation auf einem Schachbrett dar". Wer die Partie 
verstehe, sagte er mit bedeutendem Augenaufschlag, der 
erkenne die Wichtigkeit dieser oder jener Figur. Der 
russische Einfluß sei groß durch die geographische Lage. 
England habe seine Stellung hier eingebüßt, weil die 
Türken sahen, daß es nicht die Dardanellen forcierte, 
auch nach der Drohung nicht. Andererseits ist der Bos- 
porus für Rußland offen. Hinzukommt die jetzige Fär- 
bung Bulgariens, das russisch geworden. 

Die Lage der Türkei hält Calice für ziemlich ernst — 
aber die Lebenskraft dieses Reiches habe sich schon so 
oft bewiesen, daß es vielleicht noch länger dauern wird. 
Freilich — die vielen Aufstände, der Mangel an Geld 
usw. Er hofft, die Türkei werde sich wieder helfen, aber 
er weiß es nicht. Die armenische Frage stellt er wesent- 
lich anders dar als die Türken, die immer die Tatsachen 
fälschen. Jetzt wollen sie natürlich keine fremde Inter- 
vention, sie werden schon alles seihst machen, Reformen 

"9* 45i 



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usw. Aber ist die Not vorbei, so denken sie nicht mehr 
daran. 

Von einer croäade diguisie könne man nicht spre- 
chen, eher von einem Zug des croiasant, denn die Türken 
verfolgen die Christen. 

Osterreich beobachte wie immer eine Politik der Er- 
haltung der Törkei. Meinen Vorschlag eines freund- 
schaftlichen Ratschlags, den Golucbowski den Arme- 
niern geben solle, lobte er als einen patriotischen. 

Im ganzen ein leeres Gespräch. 

Wir speisten dann bei Petala am Bosporus-Ufer. Wun- 
derbarer Meeresabend. 

Im Mondschein fuhren vnr nach Konstantinopel zurück. 
Namenlos süße Nacht. 

Tak6 Margueritte war betrunken. 

25. Juni. 

Heute das Großvezier-Interview durch einen Passagier 
des Orientzuges nach Wien abgeschickt. 

Newlinski kommt abends aus dem Palais, wo man mir, 
wie es scheint, schon sehr wohl will. Sie befreunden sich 
mit der Judenidee. 

Sie scheinen eben in einer sehr argen Geldklemme ni 
stecken. Nur müßte man die Sache in einer anderen Form 
präsentieren. Sauver les apparencesl , 

Izzet (aus dem natürlich der Sultan spricht) oder der 
Sultan (aus dem Izzet spricht) möchte wohl Palästina her- 
geben, wenn man dafür eine gute Form fände. Gerade 
weil es ihnen schlecht geht, dürfen sie kein Land ver- 
kaufen, berichtet Newlinski, der abergünstigeFortscbritte 
meiner Idee konstatiert. 

In einigen Monaten werden sie im Yildiz Kiosk viel- 
leicht reif sein. L'idie les iravaiUe visiblement. 

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Auch N . . . Bey ist unserer Sache sehr geneigt. Er sagte 
lieute: wir maßten nur trachten, den Zar zu gewinnen. 



Es sind heute wieder schlechte Nachrichten aus Ana- 
tolien da. 
Neue Massaker in Van. 

26. Juni. 

Wieder ein Selamlik. Genau dasselbe Schauspiel wie 
heute vor acht Tagen. 

Newlinski sagt, er sei fiberzeugt, daß die Türken uns 
Palästina geben wollen. Es sei, wie wenn man in einer 
Frau vermute, daß sie sich ergeben wolle; man könne 
dabei vielleicht noch gar nicht sogen, worauf sich diese 
Vermutung stützt. 

„Ich sag', sie ist eine Hur' — ich weiß nicht warum; 
ich fühle es nur", sagt er in seinem polnisch gebrochenen 

Deutsch. 

* * * 

Nach dem Selamlik fuhr ich nach Therapia, und New- 
linski wurde vom Sultan empfangen. 

Jetzt abends, nach meiner Rückkehr, berichtet er mir 
Ober seine Audienz. 

Der Sultan begann selbst, von mir zu sprechen. Er be- 
dankte sich für den Artikel in der N. Fr. Pr., den ich 
.telegraphiert hatte. 

Dann fing er an, von Palästina zu sprechen. Zunächst 
warf er Newlinski vor, daß er die Sache in einer unüber- 
legten Weise vorgelegt habe. Newlinski müsse als Ken- 
ner der hiesigen Verhältnisse wissen, daß in der propo- 
nierten Form eines Kaufes Palästina nie hergegeben wer- 
den könne. Aber wie er — der Sultan — höre, dächten 
die Freunde des Herrn HerzI eventuell an einen Tausch. 

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Diese Tauschidee, die von Izzet Bey herrührt, scheint 
dieser als von uns kommend dem Sultan vorgetragen 
zu haben. Izzet war auch der Dolmetsch von Newiinskis 
heutiger Audienz. 

Newiinski wußte nicht gleich, was er dazu sagen solle, 
und verwies auf die Auskünfte, die ich geben würde. Es 
wäre mein sehnlichster Wunsch, von Sr. Majestät emp- 
fai^n zu werden. 

Der Sultan antwortete hierauf : „Ich werde schon sehen. 
Jedenfalls werde ich Herrn Herzl empfangen — früher 
oder später." 

Newiinski machte darauf aufmerksam, daß ich in den 
ersten Julitagen in London mit meinen Freunden reden 
müsse. Der Sultan wiederholte: „Ich werde sehen." 

Es ist also mOglich, daß ich doch noch empfangen werde. 

Der Sultan machte dann Newiinski nodi eine weitere, 
recht überraschende Eröffnung: er sei schon von einer 
Großmacht sondiert worden, wie er sich zu meinem Vor- 
schlag stelle. 

Welche Großmacht das war, konnte Newiinski nicht 
fragen. 

(Ich aber muß hier eine Parenthese für mich machen: 
ich habe doch schon einiges zuwege gebracht, wenn mein 
von so manchen Leuten für verrückt erklärter Plan heute 
bereits Gegenstand großmSchtiger diplcHnatischer Schritte 
ist. Armer Friedrich S...! Armer Moritz Benedikt I) 

Der Sultan fragte dann noch : Müssen denn die Juden 
durchaus Palfistina haben? Könnten sie sich nicht in 
einer anderen Provinz niederlassen? 

Newiinski antwortete: Palästina ist ihre Wiege; dahin 
wollen sie zurück. 

Dar Sultan antwortete: „Aber Palistina ist auch die 
Wiege anderer Religionen." 

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Newlinski meinte hierauf : 

„Wenn die Juden Palästina nicht bekommen können, 
müßten sie eben nach Argentinien gehen." 

Der Sultan sprach dann noch Türkisch mit Izzet über 
mich. Newlinski verstand nnr, daß mein Name Öfters wie- 
derkehrte. Iszet scheint freundlich über mich gesprochen 
zu haben. 

Der Sultan stellte dann noch eine Frage an Newlinski: 
„Wieviel Juden gibt ea in Saloniki?" 

Newlinski wußte es nicht. Ich auch nicht. 

Mochte er uns vielleicht die Gegend von Saloniki geben? 

Dann sprach der Sultan ober die allgemeine Lage. Die 
MSchte hätten vorgestern einen ungerechten Kollektiv- 
schritt wegen der Greuel von Van unternommen, wo doch 
in Van die Muselmänner von Armeniern niedergemetzelt 
wurden. 

Ferner sprach er von der Finanzlage, die nichts weniger 
als rosig ist. 

Newlinski konkludiert: „Es ist eine Hur'l" 

27. Juni. 

Newlinski erzählt mir Geschichten aus Yildiz Kiosk. 
Träume spielen eine große Rolle. Da ist der Kammer- 
diener des Sultans, Lufti Aga, ein großer Träumer. Lufti 
Aga ist den ganzen Tag um den Sultan herum, bedient 
ihn intim, hat großen Einfluß. Wenn Lufti Aga sagt: 
Das und das habe ich geträumt, so macht das Eindruck 
auf den Sultan. Wenn Lufti Aga eines Tages sagen sollte ; 
mir hat geträumt, daß die Juden nach Palästina kommen, 
so wäre das mehr wert als die „Schritte" aller diploma- 
tischen Vertreter. 

Es klingt wie ein Märchen, aber ich habe unbedingtes 
Vertrauen zu Newlinski. 

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Als die AusaöhDuog mit dem FürsteD von Bulgarien 
stattfand, haben Lufti Agas TrSume eine große Rolle 
gespielt. Er tr&umt nicht umsonst. Der Fürst von Bul- 
garien verstand nicht gleich, warum dieser Kammerdiener 
ein Geschenk von aoooo Franks bekommen sollte. Aber 
die Ernennung Ferdinands zum Muschir hatte er einem 
Traum zu verdanken. 



Diplomatenklatsch. 

Ich hatte Calice gesagt, daß Sz^h6nyi Pascha wahr- 
scheinlich mit einem Handschreiben des Sultans nach 
Wien gehen werde. Calice Ifichelte überlegen und sagte: 
„C'est de la menue monnaie." 

Aber gestern heim Selamlik trat er auf St^ch^nyi zu 
und sagte: „Ich höre von Dr. Herxl, daß Sie einen Auf- 
trag an unseren Ktüser bekommen sollen — " wo ich ihm 
das nur vertraulich gesagt hatte. 

Sz£ch6nyi, der sieb schon als Muschir (Marschall) ge- 
sehen hat, für langjähriges Löschen KonstantinopoUta- 
nischer Brände, ist jetzt ganz außer sich. Er fürchtet um 
den Urlaub, um die Muschirscbaft und um die „Mission" 
zu kommen, weil Calice eifersüchtig sein und dagegen 
arbeiten vnrd. 



Idee für London. 

Den englischen Finanzlords muß ich die Sache in dieser 
Form genießbar machen : 

„Überzeugt, daß Judenfrage nur territorial zu lösen, 
bilden wir Society zur Erwerbung eines autonomen Lan- 
des für diejenigen Juden, die sich nicht an ihren jetzigen 
Wohnorten assimilieren können." 

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Diese Form vereinigt Zionistea und Assimilanten. 
Die kann Edmund R. wie Lord Rothschild unter- 
schreiben. 

27. Juni. 

N . . . Bey, der intelligenteste Kopf des Auswärtigen 
Amtes, und beim Sultan sehr beliebt, hat diesem einen, 
wie es scheint, günstigen Bericht über meinen Vorschlag 
erstattet. N , . . Bey ist durchaus für meine Idee. Viel- 
leicht ist die merkliche Wendung im Verhalten des Sul- 
tans auf N . . . s Bericht zurückzuführen. 

Iizet Bey war ein wenig verstimmt — aber nicht gegen 
mich — weil N . . . diesen Bericht hinter seinem Rücken 
erstattete. 

Izzet und N . . . sind übrigens Freunde. 

Gestern früh sagte ich als meiner Weisheit letzten 
Schluß, mit Widerstreben und heimlicher Scham, zu 
Newlinski : 

„Wenn mich der Sultan nicht empfangen will, müßte 
er mir wenigstens ein zeigbares Zeichen geben, dafi er 
nach Anhörung meiner Proposition und nach deren Ab- 
lehnung doch noch en coqueiterie mit mir bleiben will. 
Dazu würde sich ein hober Orden eignen. Ich bitte Sie 
aber inständig, mich nicht für einen Ordenajäger zu hal- 
ten. Ich habe immer auf Orden gepfiffen und pfeife auch 
jetzt. Aber ich brauche für meine Leute in London drin- 
gend ein Gnadenzeicben des Sultans." 

Newlinski schrieb das sofort an Izzet Bey; aber es kam 
im Lauf des Tages keine Antwort. 

Nur nachmittags eine Depesche des Zeremonienmeisters 
Munir Pascha, worin angezeigt wird, daß ich heute die 
Schlösser und Schätze des Sultans durch einen Adjutan- 
ten gezeigt bekommen werde. 

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In diesem Augenblick entstand swiscben Newlinski und 
mir eine ganz leichte Verstimmung. 

Ich war ein bißchen eBttSuscht. Darauf wollte New- 
linski die Ehre dieser Einladung stark unterstreichen. 
Aber ich sagte : „Je ne suis pas assez fabricant de cho- 
colatpour 6tre touch£ jusqu'aux larmesparcettefaveur." 

Newlinski widersprach ein bißchen gereizt: er sei für 
solche Aufmerksamkeiten sehr empfänglich und dankbar. 

Ich mühte mich aber im Lauf des Abends, diesen un- 
angenehmen Eindruck wieder auszulöschen. 

Später kam der Grieche Constantinides, ein unterwür- 
figer Journalist, dem Newlinski heute einen Orden ver- 
schafft hat. 

Der byzantinische Grieche trug seine luokelnagelneue 
Rosette im Knopfloch und küßte Newlinski die Hand. 

Newlinski empfand meinetwegen eine merkliche Ge- 
nugtuung. 



Wir fahren heute abend nach Sofia. 

Diese Reise kostet mich ungefähr dreitausend Frank. 

Der fonds perda wächst. 

28. Juni. 
Im Jardin des Petits Champ» von Pera, der auf einem 
alten türkischen Friedhof steht, gastiert eine italienische 
Operettentruppe. Der Stern ist die Sängerin Morosini, 
hübsch, graziös, liederlich. Newlinski sprach öfter davon, 
sie zum Souper einzuladen. Es geschah nie. Er nennt 
sie „la Moroxina". Aus diesen zehn Tagen, in denen ein 
Stück Weltgeschichte von uns vorbereitet wurde — denn 
selbst dieser Versuch, den Judenstaat zu gründen, wird 
im Gedächtnis der Menschen bleiben, auch wenn der Plan 



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ein Traum bleibt — aus diesen bunten und ernsten Tagen 
wird uns der Name la Morosina sieber im Gedäcbtnis 
bleiben, gerade weil nur davon gesprochen wurde. New- 
linski sagte seinen Byzantinern, dem dicken Danusso, dem 
komischen Rumänen Tak£ Margueritte und dem krieche- 
rischen Griechen Constantinides täglich : „Invitez-moi la 
Morosina." 

Es steckt darin etwas unnachahmbar Grandseigneu- 
riales. 

Die Aussicht aus unseren Hotelfenstern auf das Gol- 
dene Hörn habe ich sehr geliebt. Whistlersche Dämme- 
rungen und NSchte mit Lichtern, wundervolle rosige Mor- 
gendünste; die schwere violette und blaugraue Pracht der 
AhenddSmpfe. Die großen Schiffe tauchen in den Nebel 
und taueben wieder heraus. In der Mondnacht weiche 
Staubschleier. Heute ein sonniger Tag. Die Höhe drüben 
— ich glaube Ejub — streckt sich zwischen zwei blauen 
Farben. Oben der zarte Himmel, unten das ölige Wasser, 
auf dem silberne RuderscblSge aufleuchten. 



Man begreift die Gier, mit welcher die ganze Welt nach 
Konstantinopel blickt. 

Alle möchten es haben — und das ist die größte Ga- 
rantie für den Bestand der Türkei. 

Diese Schönheit gönnt keiner der Seeräuber dem an- 
deren — so bleibt sie vielleicht ungestohlen. 

29. Juni, Sofia. 
Gestern nachmittags sah ich, vom Adjutanten des Sul- 
tans begleitet, die Schätze in Eski Serai und die Bosporus- 
Paläste Dolma Bagdsche und Beglerbeg. 



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Der Adjutant sprach wenig Französisch, hatte aber 
einen enorinea Respekt vor mir, sagte auf jede Frage: 
„Oui, Monsieur" und ging dann zu Exzetleoz über : „Oui, 
mon ExcelleDcel" 

Die Schlösser sind herrlich. 

Der Badesaal von Beglerbeg ein schwüler orientalischer 
Traum. 

Den Kaik des Sultans, in dem wir fuhren, ruderten acht 
stSmmige Schiff sknechte des Kalifen; der Steuermann 
hockte mit gekreuzten Beinen hinten und trug den Salon- 
rock, 



Als ich von dieser heißen und schönen Fahrt ins Hotel 
Royal heimkehrte, sagte mir Newlinski, der in Unterhosen 
und Leibchen Briefe schrieb: „Das schickt er Ihnen I" 
und übergab mir ein Etui, enthaltend das Kommandeur- 
kreuz des Medscbidijeordens. 



Wir verabschiedeten uns dann vom edundi exercitas 
Danusso, Margueritte und Constantinides, und reisten ab. 

Im Coup£ erzählte mir Newlinski : 

„Der Sultan hat mir gesagt, er hStte Ihnen auch eine 
Dekoration gegeben, wenn ich sie nicht verlangt hätte. 
Er konnte Sie aber diesmal nicht empfangen, weil Ihr 
Plan nicht geheim geblieben ist, und mehrere sogar dar- 
über Bericht erstaltet haben, und zwar der Großvezier, 
N . . . Bey, Davout Efendi und Djavid Bey. Unter sol- 
chen Umständen hätte der Empfang nicht mehr den in- 
timen Charakter gehabt; und da der Sultan Ihre Propo- 
sition in der jetzigen Form ablehnen muß, so wollte er 
überhaupt nichts davon sprechen. Aber er sagte mir : , J)ie 

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Juden sind iatelligent; sie werden schon eine Fonn fin- 
den, die akzeptabel ist." Daraus geht hervor, daß der 
Sultan nur will „sauoer le» apparences", und ich glaube, 
er wird schließlich annehmen. Er scheint die Tausch- 
form zu meinen, jedenfalls darf man in der Diplomatie 
nicht allzu deutlich über den Kern der Dinge sprechen. 
Oft verhandelt man lange Zeit und drückt sich um die 
Hauptsache herum. Izzet Bey scheint für Sie zu arbeiten, 
diesen Eindruck habe ich. 

Der Großvezier erstattete ein ungünstiges Referat, er 
halte den Plan nicht für ernst gemeint, sondern für phan- 
tastisch. N... Bey erstattete ebenfalls Bericht und hob 
nur die Gründe hervor, die dagegen sprechen, obwohl er 
uns g^^nüber so warm tat. N . . . Bey hat wohl erfahren, 
daß der Großvezier dagegen sein wird, und wollte sich 
salvieren. Aber er wird leicht wieder zu gewinnen sein, 
sobald der Wind umschl%t. Am klügsten schrieb Davout 
Efendi. Dieser setzte den ganzen Plan deutlich ausein- 
ander und fügte hinzu : er könne als Jude weder zu- noch 
abraten. Djavid Bey, der Sohn des Großveziers, sprach 
sich in seinem Referat entschieden für den Plan aus, je- 
doch mit der dummen Begründung, die Juden seien so 
gute Untertanen Sr. Majestät, daß man es nur gern sehen 
konnte, wenn ihrer mehr einwanderten. 

Der Sultan ist letzterer Ansicht und erwähnte, daß ihm 
der Gouverneur von Saloniki berichtet habe, die Juden 
von Saloniki zögen fort, sobald sie zu Geld gekommen 
wären. Ich erklärte das dem Sultan damit, daß die Juden 
doch keine rechte Heimat hätten, und daß es sich ja ge- 
rade darum handelt, ihnen ein foyer zu verschaffen. 

Der Sultan erwartet jetzt von Ihnen, daß Sie ihm in 
der armenischen Sache helfen. Auch wünscht er, daß 
Sie ihm das Anlehen auf den verpachteten Ertrag der 

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LeuchttOrme verschaffen. Zu diesem Zweck schickt er 
Ibnen den Vertrag mit Collas. Der Ertrag ist jährlich 
iiSooo türkische Pfund. Das Anlehen soll zwei Millionen 
Pfund betragen." 



Wir fuhren dann nach Sofia. Unterwegs besprachen 
wir die nSchsten Schritte. Bismarck wird für die Sache 
lu interessieren sein. Newlinski hat Beziehungen zu ihm, 
ebenso wie zur römischen Kurie, an die wir ja auch heran 



Im Coup6 erzählte mir Newlinski wieder eine Menge 
Geschichten aus Hof-, diplomatischen und Regierungs- 
kreisen. Längst hatte ich intuitiv herausgefunden, dafl 
die Großen der Erde nur aus dem Respekt bestehen, den 
wir vor ihnen haben. Jedes Geschichtchen bestätigt diese 
Annahme. Z. B., was Newlinski mir vom bulgarischen 
Kriegsminister Petrow erzählt. Diesem hat der Sultan 
einmal ein Pferd versprochen, und da es bis jetzt nicht 
eingetroffen, ist Petrow schwer ergrimmt. Jede Woche 
schreibt er an den bulgarischen Vertreter nach Stambul: 
„Wo ist mein Pferd?" 

Und er erklärt, er werde auf die mazedonischen Re- 
bellen nicht schießen lassen, weil er das Pferd nicht be- 
kommen habe. 

Als Fürst Ferdinand heim Sultan war, verteilte dieser 
Geschenke an die bulgarischen Minister. Sie vei^lichen 
die Dosen usw. miteinander und waren erbittert, wenn 
ein Geschenk minderen Wert hatte als das andere. 

463 



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30. Juni. 

Auf clem Bahnhofe in Sofia erwarteten mich Ewei Her- 
ren vom Zionsverein, denen meine Durchreise von Phi- 
lippopel telephoniert worden war. 

Aufsehen in der Stadt; überall flogen die HQte und 
Mützen in die Luft. Ich mußte mir den Cort^ge ver- 
bitten lassen. 

Im Zionsverein Ansprachen. Ich mußte dann in den 
Tempel gehen, wo Hunderte mich erwarteten. 

Ich warnte vor Manifestationen, riet zur Ruhe, damit 
nicht die Volksleidenschaften gegen die Juden aufgereizt 
werden könnten. 

Meine Worte wurden bulgarisch und spaniolisch wie- 
derholt, nachdem ich deutsch und franzOsiscb gespro- 
chen hatte. 

Ich stand auf der AltarerhOhung. Als ich nicht gleich 
wußte, yne ich zu den Leuten mich wenden solle, ohne 
dem Allerheiligsten den Rücken zu kehren, rief einer: 
„Sie können sich auch mit dem Rücken zum Altar stellen, 
Sie sind heiliger als die Thora." 

Mehrere wollten mir die Hand küssen. 



Abends mit Minister Natchevitch diniert. Ich erw&hnte 
die Beschwerde der Juden, denen man den Tempelgrund 
expropriieren will. Auf dem Platze stand seit 5oo Jahren 
die Synagoge. 

Die befreiten Bulgaren sind unduldsamer, als die Tür- 
ken waren. 

Natchevitch versprach, die Sache wohlwollend lu er- 
ledigen. 



m 



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i.JulL 

Badea bei Wien, bei meinen Eltom. 

Noch der letzte Tag im Coup£ mit Newlinski war voller 
Anregungen. Das ist ein seltener, eigentümlicher Mensch 
von hohen Gaben. 

Er hatte folgenden Einfall. Man müßte dem Sultan 
suf^rieren, daß er sich der lionistischen Bewegung be- 
mtchtige und den Juden kundgebe, er wolle ihnen Palä- 
stina als Fürstentum mit eigenen Gesetzen, Heer usw. 
unter seiner SuzerSnitSt eröffnen. Dafür hStten die Juden 
einen Tribut von etwa einer Million Pfund jihrlicb zu 
entrichten. Diesen Tribut könnte man dann sofort für 
ein Anlehen (das wir machen würden) verpfänden. 

Ich finde diese Idee ausgezeichnet. Ich hatte mir schon 
in Konstantinopel etwas Ahnliches gedacht, aber nicht 
davon gesprochen. Denn das ist ein annehmbarer Vor- 
schlag, und ich durfte bisher nur unannehmbare machen, 
weil ich nicht sicher bin, ob die Londoner mich nicht im 
letzten Augenblick im Stich lassen. 

Jetzt gehe ich mit diesem Vorschlag nach London, wo 
man mich schon mit einiger Spannung erwartet. 

Newlinski proponiert ferner, Bismarck durch seinen 
Freund Sidney Whitman für die Judensache interessie- 
ren zu lassen. Whitman wird von London nach Karlsbad 
EU Newlinski gerufen, und soll von dort nach Friedrichs- 
ruh gehen. 

Bismarck soll dann dem Sultan Newlinskis Coup^vor- 
schlag in einem Brief machen ; der Sultan soll mich emp- 
fangen, den Judenruf ergehen lassen, den ich aller Welt 
mitteile — und die Sache ist gemacht. 

Newlinski sagt: „Si youb arrivez k pacifier les Arme- 
niens, si vous faites Temprunt de a millions de Uvres 

464 



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sar les phares, et si nous avoos la lettre de Bismarck — 
nous enlevons la chose ea huit joursi" 



Wir nabmen herzlich Abschied in Wien. Ich sagte 
Newlinski meine Freundschaft fflrs Leben lu. 

Wenn wir durch ihn Palästina bekommen, werden wir 
ihm ab EhrensoM ein schönes Gut in Galizien schenken. 

S./uii. 

Gestern abends mit dem Armenier Alawerdow in der 
Wohnung meiner Eltern gesprochen. Herr Klatschko war 
Dolmetsch. 

Ich bot den Armeniern meine VersOhnungsdienste an. 
Alawerdow traute sich nicht mit der Sprache heraus, weil 
er Russe ist und sich vor seiner Regierung fürchtet. Auch 
schien er mir nicht lu trauen. Endlich kamen wir über- 
ein, daß er mich in London als Freund der Armenier an- 
kündigen und in seinem Kreise beschwichtigend wirken 
werde. 



Ich sprach mit Reichenfeld von der Unionbank über 
das Zwei-Millionen-Anlehen. Er weiß nicht; man müßte 
sehen, fragen, beraten. Ich lehnte n&bere Erkundigun- 
gen ab. 



Hechler telegraphierte mir gestern aus Karlsruhe, daß 
eine Audienz versprochen sei. Ich fahre also heute nach 
Karlsruhe, um vom Großberiog die Unterredung mit dem 
Kaiser zu erlangen. 

30 Henli Tvsliitoliar I. (66 



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2. Juli. 

Im Orieatzug, uaterwegs nach Karlsrahe. 

Die Tage über habe ich vergessen, ein glänzendes Wort 
Bismarcks zu notieren, das er dem Sultan via Whitman- 
Newlinski sagen ließ. Der Sultan hatte ihn telegraphisch 
via Newiinski-Whitman um Rat in den gegenwärtigen 
Schwierigkeiten fragen lassen. Bismarck antwortete : 
„Fermetä, pas se laisser intimider, et loyaut£ dclairee aux 
trait^s." 

Loyaati iclairee ist geradezu köstlich. 



Newiinski sagte Öfters : Wenn ich Bismarck Ober Politik 
reden höre, ist mir zumut wie einem Musiker, der Rubin- 
stein spielen hörte. 

♦ * * 

Heute früh auf dem Bahnhof verstimmte mich Seh . . . 

Als ich die günstigen Ergebnisse von Konstantinopel 
schilderte, und insbesondere bei Erwähnung des Ordens, 
verdüsterte sich sein Gesicht. 

Ich nahm sofort Gelegenheit, zu sagen, daß ich Ed- 
mund Rothschild zum Eintritt in die Bewegung durch 
meinen Rücktritt veranlassen wolle. Denn es gebe J i d e n 
und Juden. Die Jiden werden nicht Lust haben, die Sache 
zu unterstützen, aus Furcht, mir persönlich damit Vor- 
spann zu leisten. 

3. Jali. 
Im Coup£ unterwegs nach Brüssel. 
Hechler erwartete mich gestern abends auf dem Perron 
in Karlsruhe. Der Großherzog sei nach Freiburg gefah- 



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reo und lasse mich bitten, ihm dahin, resp. nach St. Bla- 
sien, nachzufahren. 

Da ich den Großherzog momentan nicht brauche, ließ 
ich ihm durch Hechler telegraphieren, ich sei pressiert, 
man erwarte mich in London, und ich bäte um die Er- 
laubnis, ihm auf meiner Rückreise zu berichten. Der 
Sultan scheine unserer Sache wohlwollend entgegenzu- 
kommen. 

5. Jali, London. 

Wieder in London. Diesmal fine wealher, und alles 
bezaubernd. 

Die Ankunft war übrigens schlecht. Auf der Überfahrt 
von Osteade nach Dover hatten wir böse Wellen. Ich 
hatte mir schlechtes Wetter gewünscht, um meine Wil- 
lenskraft zu erproben. Richtig wurden nach und nach 
alle seekrank, bis wir vor Dover kamen. Aber auch ich 
hatte eine Anwandlung von Schwäche, und ich weiß nicht, 
wie mein psychologisches Experiment ausgefallen wäre, 
wenn die Sache noch eine Viertelstunde gedauert hätte. 

Ein bißchen deprimiert kam ich hier an und fand noch 
anderes Deprimierendes. 

Goldsmid entschuldigt sich. Er kann wegen einer Ba- 
taillons-Inspektion Cardiff morgen nicht verlassen. 

Montagu lud mich brieflich ein, ihn zu besuchen — 
aber er müsse abends (gestern) verreisen. Ich schrieb 
ihm, ich könne nicht gleich kommen, bfite ihn aber, mir 
seinen Sonntag zu opfern, weil ich von Konstantinopel 
die presque-certitude mitbrachte, daß wir Palästina wie- 
derbekommen würden. Dennoch reiste Sir Samuel Mon- 
tagu ab und gab mir nur für morgen Rendezvous in sei- 
nem Geschäft. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt hin- 
gehen werde. Ich mache mich darauf gefaßt, Montagu 

30* 467 



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ganz aus meinem Plane lu streichen, obwohl mir dies 
in Konstantinopel schaden muß, da ich ihn nannte. 

Rev. Singer war abends bei mir. Ich feuerte ihn ein 
bißchen an. Oberhaupt werde ich hier erst alleo einheinn 



Der heutige Morgen war besser. Ich machte meine 
Rede für die Malücab&er fertig und schickte sie im Lauf« 
des Vormittags Stack für Stack zu Sylvia d'Avigdor lur 
Obersetzung. 



Lucien Wolf vom Daily Graphic kam, um mich zu 
interviewen. 

Alle hiesigen BUtter fangen schon seit einigen Tagen 
an, Laut zu geben. 

Singer sagte gestern, ich mOge Lord Rothschild um ein 
Interview bitten. Ich lehnte das als meiner unwürdig ab. 
Singer meinte: „Lord Rothschild ist ein .Patron'". Den 
Patron definiert ein englischer Schriftsteller so: ,Er sieht 
vom Ufer aus zu, wenn Sie ertrinkend mit den Wellen 
kimpfen. Sind Sie aber gerettet am Land, so wird er 
Sie mit seiner Hilfe belSstigen.' 

Wenn Sie in der Judensache gesiegt haben, wird ot 
Sie — mit anderen Löwen — zum Diner einladen." 

Ich sagte: ,J)»a Diner bei Rothschild ist also der Preis 
für Sieger 1 Moi, je m'en fout, wenn Sie diesen Ausdruck 
kennen." 

Wie ich nun heute von der beginnenden Bew^^ung in 
den BlSttem höre, frage ich mich ergOtzt, ob das schon 
für die Rothschild-Einladung genügt. 

Dann war ich bei unserem Korrespondenten S . . . Wenn 

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ich die $uperoB der jQdlschen Finanz nicht für die Leucht- 
tunn-Anleihe, die der Sultan wünscht, haben kann, werde 
ich den Acheron bewegen. 

Ich versprach S . . . für die Vermittlung dieser Anleihe 
eine Provision; doch wenn er auch Geld daran verdiene, 
so müsse doch immer und jedermann die Wahrheit be- 
kannt sein : da& ich an diesen Geschäften nichts verdiene 
und sie nur ab entrie en matüre mache, um dem Sultan 
gefSllig zu sein im Hinblick auf die Judensache. 

5. Jali. 

Mittags kam Lucien Wolf vom Daily Graphic mich 
tu interviewen, nachdem schon in den heutigen Sunday 
Times ein Interview mit Zangwill über mich stand. 

Beim Luncheon machte Wolf Notizen für sein Inter- 
view. 

Nachmittag kamen Claude Montefiore und Frederic 
Mocatta von der Anglo-Jewish Association. Ich hatte Mon- 
tefiore bitten lassen, die mit dem morgigen MakkabSer- 
Bankett zusammentreffende Ausschuß-Sitzung zu ver- 
schieben. Ich wolle alle jüdischen Komitees zu einem 
einzigen großen zusammenballen; und damit niemand 
glauben kdnne, daß ich mir persönlich Vorspann leisten 
lassen wolle, bot ich für die Annahme meines einfach 
formulierten Programms meinen Austritt aus der Füh- 
rung der Bewegung an. 

Das Programm formulierte ich wie folgt : 

irDie Society of Jews macht sich die völkerrechtliche 
Erwerbung eines Territoriums zur Aufgabe, für dieje- 
nigen Juden, die sich nicht assimilieren können." 

Die Herren erbaten sich Bedenkzeit, die ich natürlich 
gewährte. Nur sagte ich, daß ich nicht die aasoeiation» 

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als solche, sondern die einzelaen hervorragenden Per- 
sonen in die Society rufen wolle. 

Es war eine ermüdende Kampfunterredung. Mocatta, 
der mein Buch nicht kannte, brachte alle alten Argiunenle 
vor. 

Montefiore s^e ernst, daß ich eine Revolution aller 
seiner bisherigen Ideen verlange. 

6. JulL 

Die Rede für die MakkabSer tont bien que mal, ermüdet 
wie ich schon bin, fertig gemacht. 

Ich schrieb an Montefiore und Mocatta, daß ich die 
gestern im Verlauf der Unterredung vorgebrachte Pro- 
position, die Society of Jews zunächst als eine sociite 
d'itudea zu gründen, Einnehme. 

(Dieser würde ich natürlich meine bisher acquirierten 
Verbindungen nicht zur Verfügung stellen. Nur einem 
Aktionskomitee gebe ich meine Aktionsmittel.) 



Mocatta antwortet einige Stunden spSter, er halte den 
ganzen Plan für unannehmbar, den Judenstaat weder für 
mj^lich noch für wünschenswert. 

Komisch ist dabei, daß ich Mocatta gar nicht hatte rufen 
lassen, sondern nur Montefiore. Mocatta kam mit Monte- 
fiore, wie einmal Antonin Proust mit Spuller zu Casimir 
Parier, als letzterer gebeten wurde, ein Kabinett zu bil- 
den. Casimir P£rier nahm dann Proust auch ins Kabinett, 
weil der zufällig mitgekommen war. 

Mocatta machte ungefähr den Eindruck eines geschäf- 
tigen Sekundanten bei einem Duell. 



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S . . . kam, um mir die Würmer aus der Nase zu ziehen: 
worauf die Anleihe des Sultans basiert werden solle. 

Da ich fürchte, daß er das als „Geschäft" herumtrageo 
und Krethi und Plethi anbieten, mich aber dadurch in 
Konstanlinopel kompromittieren würde, so sagte ich ihm 
nichts. Es wäre zwar für die Sache vortrefflich, wenn 
ich die Phore-Anleihe durch Bankiers zweiten Ranges, 
durch die Afrikander wie Barnato usw., machen könnte, 
weil ich die besser in der Hand hfitle, als die Rothschilds, 
Montagus usw. Aber ich kann mich nicht durch S . . . s 
geschäftliche Behandlung eventuell kompromittieren las- 
sen. Lieber soll die Anleihe gar nicht gemacht werden. 

7. Juli. 

Gestern abends das Maccahean Dinner. 

Ich hatte Miss d'Avigdors Übersetzung erst nachmittags 
typewriten lassen können. 

Um fünf Uhr bekam ich dieses lesbare Manuskript und 
las es nun mit Rev. Singers Hilfe durch. Ich lernte sozu- 
sagen eine Stunde vor der Versammlung Englisch. Die 
Aussprache der Wörter notierte ich mir zwischen die 
Zeilen. 

Das Bankett hatte einen sehr festlichen Charakter. Auf 
den Toast des Chairman Singer antwortete ich deutsch 
und französisch, was ZangwiU zu dem Witz veranlaßte, 
ich sei wie die neue Revue „Cosmopolis", die deutsch, 
französisch und englisch erscheint. 

Wir gingen nachher in den Redesaal, und ich las mei- 
nen Speech mutig vor. 

Der Erfolg war sehr groß. Später kam eine Debatte 
mit alten Argumenten, auf die ich schon bekannte Dinge 
erwiderte. Mit zwei beinahe unhöflichen Ausnahmen — 
der Nationalökonom Levy oder Leve und ein Russe, des- 

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sea Namen ich nicht verstand — sprachen selbst die Geg- 
ner ehrfurchtsvoll. 

L. Wolf beantragte die Einsetzung eines Studienk<Mai- 
tees aus MakkabSern und anderen xur Prüfung meines 
Vorschlags. 

Das rief üne Debatte hervor, die meine Antipathie 
gegen die Vereinsmeierei nur neuerlich hestfirkte. 

7.JutL 
Colonel Goldsmid telegraphiert, er werde Donnerstag 

hier sein. 

* * * 

S . . . telegraphiert, er könne so, wie ich es pK^niere, 
das Gescbift nicht einleiten. 



Nordau schrieb gestern von Zadok Kahns Besuch. Za- 
dok kam, Klage zu führen, weil — - wie er und Edmund 
Rothschild vermutet ^- infolge meiner Publikation die 
türkischen Behörden in PalSstina den letztangekonune- 
nen Kolonisten Miseren bereiten und sogar die neueste 
Kolonie zerstörten. 

Zugleich entschuldigte Nordau in abgekühltem Ton sein 
Ausbleiben vom heutigen Makkab&er-Diner. 

Ich telegraphierte sofort an Zadok Kahn: „Viens de 
Constantinople. Vos inqui^tudes injustififies. Sultan t6- 
moignait beaucoup de bienveillance. Si sousorganes com- 
mettent brutalit^ je suis en mesure de me plaindre di- 
rectement aupr^ de lui. Donnez d£tails Hötel Albemarle. 

Herzl." 

An Newlinski telegraphierte ich : 

„Phare und Armenisache wirksam eingeleitet. Aber 
alles aussiditslos, wenn sich bewahrheitet, daß türkische 



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Behörden Palistina neuangekommeae Kolooistea gewalt- 
Bsm ausweisen. Bitte sofort Konstandnopel anfragen. 
Resultat hierher melden. Gruß Theodor." 

S.JulL 

Ich bin schon sehr mOde, 

Gestern mit Lucien Wolf die armenische Sache enga- 
giert. Ich bat ihn, eine kleine PreÖkampagne für die Be- 
schwichtigung der Gemüter in der armenischen Sache 
einzuleiten. 



Dann fuhr ich zu Montagu in das House of Commons. 

Die gotischen Steinscbnitiereien und das Leben in der 
Wartehalle interessierten mich sehr. 

Beim Anblick dieser imposanten Parlamentsmaschine- 
rie — ■ Äußerlichkeiten wirken ja dramatisch — empfand 
ich einen leichten Schwindel, wie damals im Vorsaal des 
Großherzogs von Baden. Zugleich begriff ich, daß die 
englibchea Juden sich an ein Land klammem, wo sie in 
diesem Haus als Herren einziehen können. 

Montagu kam und führte mich in ein reizendes kleines 
Sprechzimmer mit gotischen Fenstern, durch die man auf 
einen gotischen Hof hinaussiebt. 

Ich erzShIte ihm die praktischen Resultate vom Groß- 
herzog bis zum Sultan. 

Er war betroffen und bald wieder erwärmt. Ein präch- 
tiger alter Mensch. 

Sein erstes und Hauptbedenken war, daß der Sultan, 
wenn er erst das Geld der jüdischen Tributanleihe hat, 
die eingewanderten Juden würgen wird. 

Ein heftiges Glockenzeichen rief Montagu zur Abstim- 
mung Über die Teesteuer. Während der zehn Minuten 



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seiner Abwesenheit fiel mir die Lösung dieser Schwierig- 
keit ein. 

Angenommen wird ein Tribut von einer Million Pfund, 
worauf eine Anleihe von ao Mill. zu beschaffen. Wir 
machen Tribut und Anleihe in Raten. 

Für die ersten Jahre looooo Pfund, worauf zwei Mill. 
Anleihe. Allmählich, mit der Einwanderung, steigt der 
Tribut, auf den immer neue Portionen der Judenanleihe 
gewährt werden, bis das Geld ganz erlegt ist — und so 
viel Juden mitsamt jüdischer Heereskraft in Palästina 
sind, daß Würgversuche der Türken nicht mehr zu be- 
fürchten sind. 

Ich fuhr dann mit Montagu nach seinem Hause. Unter- 
wegs sagte er mir, wir müßten Edmund Rothschild unbe- 
dingt zu gewinnen versuchen. 

Ferner teilte er mir im Vertrauen mit, daß die Hirsch- 
Stiftung gestern abends*) über eine „disponible" Summe 
zu verfügen hat, deren wahre Größe niemand ahnt. Ea 
sind zehn Millionen Pfund Sterling. 

Wenn wir die Hirsch-Association für den Plan ge-^ 
winnen und etwa fünf Mill. Pfund bekommen, könnte 
damit der Tribut für die ersten Jahre der Einwanderung 
gesichert werden. 

* * * 

Sonntag soll hier ein jüdisches Massenmeeting für mich 
einberufen werden. Montagu, in dessen Wahlkreis — 
Eastend — das Meeting stattfinden soll, meint, es wäre 
verfrüht, in dieser Versammlung zu sprechen. 

Ich behalte es mir noch vor. Flectere si nequeo superos 
Acheronta movebo. 

*) So im Original-Manuskript. Die Ewei Worte geharen aber 
anschdneod in einen anderen Zusamm entlang. 



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8. Juli. 

Voa Zadok Kahn einen Dankbrief erhalten, den ich 
so beantworte : 

Monsieur le grandrabbin, 

je fais imm^diatement une dämarche — si le mot ne 
vous paralt pas trop diplomatique et „puissance" — k Con- 
stantinople. Je vous donnerai le resultat, peut-^tre ver- 
balement, la semaine prochaine k Paris. 

Mon plan, qualifii d^daigneusement de r£ve, prend de- 
puis quelque temps des contours de r£aUt6. 

J'ai dijk obtenu des resultats itonnants — m'itonnant 
moi-m£me. II faut absolument qu'Edmond Rothschild 
soit avec nous. Pour obtenir son concouirs j'offre de me 
retirer complMement de la direction du mouvement, pour 
dissiper tout soupcon d'ambition personelle. Qu'il ac- 
cepte mon programme, qu'il s'engage de continuer l'oeuvre 
commenc^, et je donnerai ma parole d'honneur de ne 
plus m'occuper de la chose autrement qu'en soldat dans 
les rangs. 

Avec Sir Samuel Montagu et Colonel Goldsmid je m'ef' 
forcerai de trouver la forme sous laquelle nous potirrons 
offrir k Edmond R. la pr6sidence de la Society Of Jewtf 
' — et plus tard un autre titre. 

Tout cela est absolument coofidentiel — et s^rieux, 
je vous prie de le croire. 

Je vous en apporterai les preuves. Pr^parez Rothschild, 
s'il vous plalt. 

Recevez l'assurance de mes sentiments distingues. 

Votre divou6 



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9.Juil 

Diesen Brief an Zadok Kahn habe ich mir Oberschlafen 
und dann nicht abgeschickt. 

,J)un8ten lassen 1" sagt Newlinski. 

Gestern mit Alfred Cohen gesprochen, ihn gebeten, 
mich durch Lord Rothschild bei Salishury einführen zu 
lassen. Ich wolle der Politik Lord Salisburys den Dienst 
erweisen, die armenische Sache auszugleichen und da- 
durch den verlorenen englischen Einfloß in Konstanti- 
nopel wiederherzustellen. 

Alfred Cohen ist ein angenehmer, intelligenter Gentle- 
man. Er nahm eine Art Protokoll auf, worin mit Eleganz 
und Deutlichkeit für Lord Rothschild der Tatbestand fi- 
xiert ist. Er will darüber heute zu Pferde mit Rothschild 
sprechen. 

10, JalL 

Goldsmid ist hier. 

Wir sprachen nach dem Luncheon im Rauchzimmer, 
das halb im Keller liegt. Das Haus Priuces-Square ist ein 
bißchen eigentümlich. Die GoIdsmid-d'Avigdors sind 
eine der besten jüdischen Familien, und das Haus birgt 
schöne Erinnerungen. 

Goldsmid schien mir kühler als damals in Cardiff — 
oder war ich in den Anfingen genügsamer? 

Dennoch machte ich ihm wann durch die ErzShlung 
meiner bisherigen Resultate. Am sympathischsten aber 
war ihm, wenn ich nicht irre, mein Wort, daß ich mich 
von der Leitung der Bewegung zurückziehen würde, wenn 
Edmond Rothschild einträte. Diesem wolle ich damit 
zeigen, daß es mir nicht um meine persSnIicbe Führung 
lu tun sei. 

Goldsmid machte geltend, daß er nicht hervortreten 

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könne, solange er on fidl pay sei. Inkompatibilität usw. 
Dennoch konnte ich zur Kenntnis nehmen, dafi er im 
Prinzip einverstanden sei. 

Ich bat ihn, mich bei Arthur Cohen, Queen's Coun- 
sel, einxuführen, weit dieser ein Freund des Duke of 
Argyll ist, welcher in dem armenischen Komitee eine 
Rolle spielt. 

Ich bat ihn auch, vom Prinzen v. Wales eine Einfüh- 
rung beim Zar fQr mich zu verlangen. 

iO. Jali. 

An den Verleger David Nutt 19 Pfund und einige 
Schilling für die englische Ausgabe gezahlt. Er hat nur 
160 Exemplare verkauft. 

Auch nach Paris, an Nordau, mußte ich vor zwei Tagen 
3oo Franks für die französische Übersetzung schicken. 

li.Juli. 

Der russische Journalist Hapoport (von den Novosti) 
kam mich interviewen. 

Im GresprSch stellte sich heraus, daß er zu den arme- 
nischen Komitees Beziehungen hat, insbesondere zum 
Hindjakistenf ührer Nazarbek. Hapoport deutete mir seine 
Vermutung an, daß die armenischen RevolutionSre von 
der englischen Regierung mit Geld unterstützt würden. 

Ich bat ihn, mich mit Nazarbek in Verbindung zu 
setzen. Ich will diesem Revolutionfir erklären, daß die 
Armenier sich jetzt mit dem Sultan aussöhnen sollen, 
unbeschadet ihrer späteren Revindikationen bei der Tei- 
lung der Türkei. 

An Newlinski geschrieben; ihm mitgeteilt, daß Mon- 
tagu und Goldsmid mit der Vasallenstaatsidee einverstan- 

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den sind, und dabei entwickelte ich den Plan des eche- 
lonierten Einwanderungsanleheos, begiimend mit einem 
Tribut von looooo Pfund Sterling — also zwei Millionen 
Anleibe auf die Hand — und ansteigend bis zu jfiiirlich 
einer Million — womit das ganze Anlehen 30 Millionen 
betrüge. 

Ihm auch meine bisherigen Schritte in der armenischen 
Sache angegeben. 



Luncheon bei Moatagu. Es war noch Oberst Goldsmid 
und ein hier ansässiger polnischer Jude L . . . anwesend. 
Letzterer ein unsympathisch scharfer Kopf, der aber 
Autorität in hiesigen Judenkreisen zu haben scheint und 
auch im Hirscbkomitee ist. 

Nach dem Essen kurze pragmatische Debatte. Ich er- 
klärte den dreien, was bisher vorliegt, und daß wir Bis- 
marck veranlassen wollen, an den Sultan zu schreiben und 
die Vasallenidee zu lancieren. 

Montagu stellte für seine offene Adhäsion drei Bedin- 
gungen: 

I. Die Zustimmung der Mächte, 

3. daß der Hirschfonds die disponible Summe, also 
zehn Millionen Pfund, hergebe, 

3. daß ein Rothschild, also Edmund, in das Komitee 
eintrete. 

L . . . beantragte, ein geheimes Komitee zu bilden, das 
hervortreten solle, sobald die Sache gesichert. 

Goldsmid meinte, auf mich zeigend : „He is more than 
any committee." 

Er verpflichtete sich, an Edmund Rothschild einen 
empfehlenden Brief zu schreiben. 

Alle drei äußerten Besorgnisse über die morgige 



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Elastend- Versammlung. Sie sei verfrüht und bedeute eine 
Aufrübrung der Massen. 

Ich sagte, daß ich keine demagogische Bewegung wolle, 
aber im schlimmsten Fall — wenn die Vornehmen zu 
vornehm sein sollten — auch die Massen in Bewegung 
setzen würde. 

12. Jali. 

Gestern abend bei Rev. Singer. Anwesend noch Lucien 
Wolf und Solomon. Die Debatte armselig schleppend 
und sich selbst immer wiederholend. 

Am meisten Organisalionslust und Fähigkeit zeigte der 
Maler Solomon. Lucien Wolf hätte gern ,, Näheres über 
den Sultan erfahren", ist aber auch ein sehr guter Junge. 
Rev. Singer weiß nicht recht, ob er seine Position nicht 
erschüttert, wenn er bei einer Society of Jewa mittut. 

Schließlich kam man doch überein, ein enquiring or 
toatching committee zu bilden, und zwar aus dem Kreise 
derjenigen Makkabäer, welche vorigen Montag für meinen 
Plan gesprochen haben. 

Der Name des Komitees soll nicht Society of Jews sein 
— dieser Name sei colourless, sagt Rev. Singer — son- 
dern irgendwie die Beziehung zu Palästina ausdrücken. 

Alle diese Leute, so brav und sympathisch sie auch 
seien, machen mich durch ihr Zögern zum Führer! 

n . , , ^ « '3- •'«'»• 

Bnei an den Großherzog von Baden. 

Ew. Königliche Hoheit I 
Es war mir leider nicht vergönnt, von der gütigen Er- 
laubnis, nach St. Blasien zu kommen, Gebrauch zu ma- 
chen, als ich in Karlsruhe nach der Abreise Eurer König- 
lichen Hoheit eintraf. Versammlungen, die schon seit 
Monaten bestimmt waren, erwarteten mich hier in London. 

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Nun bitte ich jedoch über wichtige Vorkomnmisse in 
der Judensache, der Ew. Königliche Ht^eit eine so gnS- 
dige Teilnahme zuwenden, zu berichten. Sowohl in Kon- 
stantinopel als hier in London sind bemerkenswerte Fort- 
schritte lu verieichnen. Ich reise morgen nach Paris und 
von dort Ende der Woche nach Österreich. Darf ich nun 
neuerlich um die große Gunst bitten, von Eurer König- 
lichen Hoheit Montag, den 30. oder Dienstag, den ai. ds. 
zur Erstattung meines Berichtes empfangen zu werden? 
Die Antwort mit der freundlichen Angabe des Ortes, wo 
ich mich einzufinden habe, trifft mich in Paris, Hotel 
Gastille, nie Cambon. 

Genehmigen Ew. König]. Hoheit die Ausdrücke meiner 
ehrfurchtsvollen EIrgebenheit 

Dr. Theodor Herzl. 



13. Jali. 

Gestern mittags mit einer Empfehlung von Rev. Singer 
zum „Noncooformisten'-Prediger Dr. Clifford nach 
Westboume Park Chapel gegangen. Ich hörte den ein- 
schlSfernden Schluß seiner Rede an, worin er mit leiden- 
schaftlichen Geberden und geschwollener Stimme filtere 
Selbstverstfindlichkeiten zum besten gab. 

Das Auditorium war hypnotisiert — Psychologie der 
Massen — und nachher wurde abgesammelt. 

Ich sprach beim Ausgang mit Clifford, sagte ihm, daß 
ich w^en der Aussöhnung der Armenier kSme, imd er 
empfahl mich weiter an Ab. Atkin. 

Dann fuhr ich mit der Underground-Kailway nach 
Shepherd's Bush zum armenischen Rev<dutionfir Nazar- 
bek. Dieser war eben mit Georg Brandes nach der Bahn 
gegangen, als ich in dem Haus ankam. 

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Das Haus ist geräuschvolle Bourgeoiseleganz zweiter 
Klasse, und gelegentlich tauchen wilde armenische Ge- 
sichter im Türspalt auf. Es sind Flüchtlinge, die hier 
unterkoQunen. 

Der Russe Rapoport hatte mich eingeführt. Ich war- 
tete mit ihm und Mme. Nazarhek int Salon auf den Haus- 
herrn. Ich sagte, daß ich noch Dicht getüncht hahe, wor- 
auf mir die Frau mit unfreundlichem Gesicht ein Stück 
Fleisch geben ließ. 

Nazarhek kam nach Hause : ein genialischer Kopf, wie 
man sie im Quartier Latin herrichtet. Schwarze wirre 
Schlangenlocken, schwarzer Bart, hlasses Gesiebt. 

Er mißtraut dem Sultan und möchte Garantien haben, 
bevor er sich unterwirft. Seine politischen Ideen sind 
konfus, seine Kenntnis der europäischen Lage geradezu 
kindisch. Er sagte: Osterreich errichtet Befestigungen 
am Schwarzen Meerl 

Und seinen Worten gehorchen, wie es scheint, die armen 
Leute in Armenien, die man massakriert. Er sitzt nicht 
unbehaglich in London. 

Ich fragte, ob er wisse, wem all die Unruhen schließlich 
zu statten kämen: Rußland oder England? 

Er antwortete, ihm sei das gleichgültig; er revoltiere 
sich nur gegen den Türken. 

Die Frau sprach immer wieder drein, und zwar arme- 
nisch, offenbar gegen mich. Sie hat einen bösen Blick; 
und wer weiß, wieviel Schuld sie aa dem Blutvergießen 
trigt? Oder ist es der böse Blick der Geängstigten, Ver- 
folgten? 

Ich versprach zu versuchen, daß der Sultan die Massa- 
ker und Neuverbaftungen sistieren lasse, als ein Zeichen 
seines guten Willens. Die Gefangenen würde er schwer- 
lich im vorhinein freilassen, wie das Nazarhek wünschte. 

31 Herala Ti«ebttaher I. 48 1 



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Ich erklSrte ihm vergebens, daß die Revolutionäre ja 
Gevirehr bei Fuß den Verlauf der Friedensverhandlungen 
beobachten können, ohne abzurüsten. 



Abends mein Massenmeeting im Eastend, im Workinp- 
menVClub. 

Englisch-jiddische Plakate an den Mauern; im jiddi- 
schen Text wird fälschlich gesagt, ich hStte mit dem 
Sultan gesprochen. 

Das Arbeiterklubhaus ist voll. Überall drSogen sich 
Leute. Eine Theaterszene ist die Plattform, auf der ich 
frei spreche. Ich habe mir nur auf einem Zettel ein paar 
Schlagworte notiert. Eine Stunde lang spreche ich in der 
furchtbaren Hitze. Großer Erfolg. 

Folgende Redner feiern mich. Einer, Ish Kischor, 
vergleicht mich mit Moses, Kolumbus usw. Der Vorsit- 
zende, Chiefrabbi Gaster, hfilt eine feurige Rede. 

Ich danke endlich in ein paar Worten, worin ich mich 
gegen die ÜberschwengUchkeiten verwahre. 

Großer Jubel, Hutschwenken, Hurrahrufe bis auf die 
Gasse. 

Es hfingt wirklich nur noch von mir ab, der Führer der 
Massen zu werden; aber ich will nicht, wenn ich irgendwie 
die Rothschilds durch meinen Austritt aus der Bewegung 
erkaufen kann. 



Im Eastend bilden sich spontan Komitees für die Agi- 
tation. Programm: der Judenstaat I 

Parteiführer: Rabbinowicz, Ish-Kischor, de Haas u. a., 
brave, begeisterte Leute 1 



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U. Juli. 

Gestern abends habe ich das DOmmste oder das Ge- 
scheiteste getan, was ich in dieser Sache bisher tat. 

Die Chovevi-Zion-GeBellscbaft hatte mich zum „Haupt- 
quartier der Zelte" einj^laden. Das wird draußen im 
Eastend, BevU Mark in der spaniscben Synagoge abge- 
balten. Ich kam spät; die Diakussion dauerte schon an- 
derthalb Stunden und hatte vor meiner Ankunft mich zum 

(Fortgesetzt in Folkestone i5. Juli,) 
Gegenstande gehabt, wie mir der junge de Haas, der im 
Torgang auf mich gewartet hatte, mitteilte. Die Chovevi 
Zion wollen mir anbieten, mit mir zu gehen, wenn ich 
mich verpflichte, sie nicht wieder anzugreifen. 

Bei meinem Eintritt wurde ich mit sympathischem 
Trommeln auf den Tisch empfangen und bekam wie ge- 
wöhnlich den Ehrenplatz. Auf der anderen Seite des 
Chairman Prag saß Goldsmid, ein bißchen düster hlik- 
kend. 

Sie verlasen langwierige Berichte Ober eine neuzugrOn- 
dende Kolonie, die, ich weiß nicht, vrieviel hundert Pfund 
kostet: soviel Ochsen, soviel Pferde, Samen, Holz usw. 

Es kam auch die Anfrage vor, ob die Kolonisten ge- 
sichert seien, und die Antwort lautete verneinend. 

Daran knüpfte ich an, als meine Sache zur Diskussion 
kam. Ich wolle nur die Kolonisieruog, die wir mit un- 
serer eigenen jüdischen Armee beschützen können. Gegen 
die Infiltration müsse ich auftreten. Die Bemühungen der 
Zionsvereine würde ich nicht stören, aber Edmund Roth- 
schilds Sport müsse unbedingt ein Ende nehmen. Er 
solle sich der nationalen Sache unterordnen, und dann 
wäre ich nicht nur bereit, ihm die höchste Stelle zu geben, 
sondern auch seinen Eintritt in die Leitung mit meinem 
Austritt zu bezahlen. 



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Darauf Sturm. 

Dr. Hirsch sprach lange gegen mich. 

Rabbinowics, mein Freund vom Eastend, erklärte, daß 
nie ein Chovev Zion gegen Edmund Rothschild werde auf- 
treten können. Hoffentlich werde die Geschichte der 
Juden keinen Hader zwischen Edmund Rothschild und 
mir zu verzeichnen haben. 

Isb-Kischor fragte den Oberst Goldsmid, inwieweit ein 
Chovev inoffiziell mit mir geben könne. 

Gotdsmid antwortete ausweichend: er könne natürlich 
niemand darin Vorschriften geben, was außerhalb von 
Chovevi Zion geschehe. 

Ich stand auf und sagte; 

,, Ich werde Mr. Isb-Kishors Frage nfiher präzisieren. Er 
meint : ob der Oberst glaube, daß meine geheimen Schritte 
irgendwie praktisch seien, und ob man sie ernst zu neh- 
men habe." 

Der Oberst sagte zögernd : „Well — wenn Dr. Herzl — 
ich meine, wenn die Leute, mit denen er sprach — wenn 
sie nicht illoyal sind, so bat Dr. Herzl schon ein bemer- 
kenswertes Resultat erzielt." 

Sodann erklärte ich, daß ich von meinem Standpunkt 
gegenüber der Infiltration nicht lassen könne, auch wenn 
ich mich dadurch um die Unterstützung aller Chovevi 
Zion-Vereine, die jetzt in einem Zentralverbande stehen, 
bringe. 

Hierauf hob der Chairman Mr. Prag mit einem trocke- 
nen kurzen „Good-bye, Dr. Herzll" die Versammlung 
auf. 

Goldsmid zog mich beiseite und sagte mir, er habe 
nachmittags bei der Gardenparty der Königin nicht au 
den Prinzen v. Wales herankommen, also auch in der 
Einführungssache nichts tun können. 

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Somit bleibt es nach wie vor mir überlasaen, alles allein 
tu tun. 

Auf der Gasse nahm ich sofort Rabbinowics beim Arm 
und sagte : Organisieren Sie mir das Eastend 1 

Dann fuhr ich mit Herbert Bentwich, der mir ergeben 
ist, nach dem Parlament, wo ich Stevenson in der arme- 
nischen Sache sprechen wollte. 

Bentvnch machte mich auf meinen Fehler aufmerksam: 
ich sei zu schroff gewesen, ich hätte dem Hauptquartier 
nicht sagen sollen, daß sie es schlecht gemacht haben, 
sondern ihre Idee und bisherigen Leistungeu als vor- 
bildlich anerkennen sollen. 

Das ist richtig. Und doch hatte ich gleich das Gefühl, 
daß meine Haltung, wie sie offen war, möglicherweise 
auch klug gewesen sein könne, trotz der augenblicklichen 
schlechten Wirkung. 

15. Juli, Folkestone. 

WShrend ich gestern morgens Im Hotel meine Sachen 
packte, wurde ich durch den Besuch Ish-Kishors über- 
rascht. Das ist der arme russisch-jüdische Lehrer, dessen 
Jargonrede mich beim Eastend-Meeting sehr gerührt und 
die anderen Zuhörer hingerissen hatte. 

Ich hatte auf dem Podium der Arbeiterbühne am Sonn- 
tag eigentümliche Stimmungen. Ich sah und hörte zu, wie 
meine Legende entstand. Das Volk ist sentimental; die 
Massen sehen nicht klar. Ich glaube, sie haben schon 
jetzt keine klare Vorstellung mehr von mir. Es beginnt 
ein leichter Dunst um mich herum aufzuwallen, der viel- 
leicht zur Wolke werden wird, in der ich schreite. 

Wenn sie aber auch meine Züge nicht mehr deutlich 
sehen, so erraten sie doch, daß ich es sehr gut mit ihnen 
meine, and daß ich der Mann der armen Leute bin. 



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Freilich brächten sie wahrscheinlich auch einem ge- 
schickten Verführer und Betrüger dieselhe Liebe ent- 
gegen, wie mir, in dem sie sich nicht tfiuschen. 

Es ist vielleicht das Interessanteste, was ich in diesen 
Büchern verzeichne: wie meine Legende entsteht. 

Und wShrend ich den unterstrichenen Worten und 
Zurufen meiner Anhänger auf dieser volkstümlichen Tri- 
büne lauschte, nahm ich mir innerlich recht fest vor, 
ihres Vertrauens und ihrer Liebe immer würdiger su 
werden. 

* * * 

Ish-Kishor kam also gestern, um mir die Bildung einer 
OrganisatioD anzubieten, die mich als Haupt anerkennen 
wolle. Es würden sich im Eastend hundert Männer zu- 
sammentun, in allen Lindem Genossen werben und die 
Propaganda des Judenstaates betreiben. 

Das nahm ich an; und als de Haas, der mein „honorary 
secrelary" sein will, kam, schlug ich ihnen als den Namen 
dieser Vereinigung vor: The Knighis of Palestine. Ich 
müsse aber außerhalb stehenbleiben, weil ich keinem Agi- 
tationsverein angehören dürfe. 



De Haas verstand mich, und erklärte es Isb-Kisbc«-: ich 
wolle die Armen zusammenraffen, um einen Druck auf 
die lauen und zögernden Reichen auszuüben. 

Als ich später zu Montagu ging, um ihn zu bitten, die 
armenische Sache für mich mit Stevenson, dem Vizeprä- 
sidenten der anglo-armenischen Komitees, in Fluß tu 
Inringen, merkte ich an seinem dienstbeflissenen Wesen 
die Wirkung meines Erfolgs im Eastend. 



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Ich bin mit dem Er^bnis meiner Londoner Reise zu- 
frieden. 

Die bedingte Zusage Montagus und Goldsmids, mitzu- 
gehen, wenn Edmund Rothschild und der Hirschfonds 
mittun und der Sultan sich auf positive Verhandlungen 
einlSßt, genügt mir vorläufig. 

16. Juli, Boalogne »ur mer. 

Es soll immerhin nicht vergessen werden, daß sowohl 
Hontagu wie Goldsmid es ablehnten, dem Eastend-Mee- 
tiog zu präsidieren. Es war auch keiner von Beiden beim 
Bankett des Maccabean Club. 

Aber ich brauche sie — folglich — i- — 

i7. Juli. 

Wieder in Paris. 

Eänes der Zimmer, die ich jetzt im Hotel Catille be- 
wohne, war das, in dem ich den Judenstaat (in der Form 
der Rede an die Rothschilds) schrieb. 

Ich fand Depeschen von Newlinski vor. 

Eine lautet : 

Die zweite: 

Grande pri^ achetez deux garnitures chemin^ com- 
pos^ pendule deux candelabres en argent premi^ qua- 
litä, demi-m£tre hauteur ou plus, massif, style renais- 
sance et une Orientale ou moresque, deux k trois mille 
francs chacune pay^ cc»nptant. £n ai besoin urgent 
pour Sa MajestS personellement. Ici impoasible trouver. 
Venez tous cas me voir KarMtad. Priuce pour moment 
inutile. Newlinski. 

Die dritte: 

Wäre gut, wenn kämen, um wieder alles besprechen. 
Übermorgen kehrt Whitman von Herbert. R^pondez pour 

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garnitures dois telegraphier ConstantiDOple si trouvables 
Amiti^ Newlinski. 



Die Geschichte dieser Ktuningarnituren leuchtet mir 
Dicht recht ein. Warum soll ich gerade sie besoi^u? 
Jedenfalls bin ich nicht in der Lage, sie von meinem 
Gelde zu bestreiten. Ich telegraphierte zurück, er möge 
angeben, ob ich meinen Freunden nahelegen solle, dem 
Sultan zwei prachtvolle Garnituren zu schenken. Wenn 
nicht — an wen das per Nachnahme expediert werden 
solle 



Bemard Lazare gesprochen. Vorzüglicher Typus eines 
guten, gescheiten französischen Juden. 



Nordau hat neuaufgelauchte Bedenken: es werde eine 
innerrussisch-jodische Angelegenheit sein usw. 

Ich teilte ihm wie Lazare mit, daß ich Edmund Roth- 
schilds und des Hirschfonds Beitritt durch meinen Aus- 
tritt erkaufen wolle. Das schien beiden das richtige. 

i8. Juli. 

Nordau sagte gestern: „Die Fabel ist, daß man sich 
mit Ihnen in Konstantinopel eingelassen hat. Fragten die 
Leute nicht: mit wem sprechen wir, wer hat das Geld?" 

Ich sagte: „Ich habe die Junktion gefunden, das ist 
alles. Ich durfte mich auf Montagu berufen. Da lag 
übrigens mein ungeheures Risiko. Montagu hatte mir 
nur unter vier Augen seine bedingte Rereitwilligkeit, mit- 



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zugehen, erklSrt. Ich lief Gefahr, daß er mir bei meiner 
Rückkehr sagen würde: das war nur ein Rauchzimmer- 
gespräch, nicht ernst. Indessen ist er auch jetzt bei 
seinem Wort gehlieben; und so bin ich heute gedeckt." 



Gestern nachmittags l)rBchte mir der sympathische Rer- 
nard Lazare den Mr. Meyerson von der Agence Havas 
und von den hiesigen Zionsvereinen. 

SpSter kamen auch Nordau und Bildbauer Beer. Ich 
hatte bei dieser Vereinigung geistig hochstehender Leute 
in meinem Zimmer und auf meinem Terrain wieder ein- 
mal deutlich das Gefühl des riesigen Fortschritts meiner 
Idee. 

Meyerson machte viele, allzu viele Einwendungen, na- 
mentlich gegen BauernfShigkeit der Juden. 

Ich bat ihn endlich : , ,Ne me f aites donc pas tant de mis^ 
res. Nous ne pouvons pas prSvoir l'avenir. Marchons, et 
nous verrons." 

Da wurde er weicher. Er nahm es auf sich, zu Edmund 
Rothschild EU gehen und ihm zu sagen, daß ich bereit sei, 
ihn zu besuchen. Ich verbarg dabei den Herren nicht, daß 
es eines der größten Opfer sei, die ich der Judensache 
bringe. Denn Edmund Rothschilds Benehmen gegen 
Nordau hat mich verstimmt 

Ich bat Meyerson, meinen Standpunkt deutlich zu for- 
mulieren: Ich verlange die Einigung aller Zionsgesell- 
Schäften, insbesondere des Hirschfonds und Edm. Roth- 
schilds. Letzterer braucht seinen Eintritt nur bedingungs- 
weise zu erklären. Wenn ich die ganze Sache diploma^ 
tisch fertiggemacht habe, sollen die von mir bestimmten 
Herren die Fährung der Sache übernehmen. Hingegen 

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engagiere ich dann mein Ehrenwort, von einer volkstüm- 
lichen Führung abzusehen. Ich will keine demagogische 
Bewegung, ohwohl ich auch im Notfälle bereit bin, sie 
zu* machen. Die Konsequensen könnten freilich schwere 
sein. 

Wird mein Programm aber angenommen, so trete ich 
von der Leitung der Bewegung gänzlich zurück. 



Ahends mit S . . . heim Bier. Ich erinnerte ihn an das 
v(n-ige Jahr. Er meinte : Na, dann habe ich mich vielleicht 
geirrt. 

Übrigens ist er noch sehr verstockt und versteht nicht. 

18. Jali. 

Depesche aus St. Blasien vom 17. Juli; 

Großherzog kann Sie in ang^ebener Zeit nicht emp- 
fangen. Lißt bitten, Angelegenheit schriftlich vorzu- 
tragen. 

Geh. Kabinett. 

19. Jali. 
Gestern habe ich die „Rede an die Rothschilds" ge- 
halten. 

So geht alles in Erfüllung, was ich mir vorgenommen 
habe, wenn auch in anderer Zeit, in anderer FtHin; und 
das Ziel wird zweifellos erreicht werden, wenn ich selbst 
es auch schwerlich sehen werde. 

Ich war gestern vormittag bei Leven in dessen apparU- 
meni de bovtrgeoit cottu. Leven bebandelt die Juden- 
frage recht gelassen. Er befindet sich nicht übel. In maet 
Gespr&ch hinein wurde Meyerson gemeldet. Er kam vom 

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„Baron EdmuDd", um Levttn und mich zu einer Konfe- 
renz zu bitten, der er selbst auch beiwohnen werde. Zeit : 
halb zwei Uhr nachmittags. 

Um halb zwei war ich in der nie Laffitte. Der Diener 
nahm meine Karte, fOhrte mich in das erste Wartezimmer 
der allgemeinen GeschSftsbesucher dieses Bankhauses. 
Nach einigen Minuten wurde ich in ein anderes holzge- 
tSfeltes Empfangszimmer geführt, wo Meyerson schon 
wartete und mich darauf vorbereitete, daß der Baron ein 
Mensch sei wie wir beide. 

Ich war von dieser Mitteilung nicht überrascht. 

Nachdem wir etwa zehn Minuten gewartet hatten, öff- 
nete sich eine Tür und Leven trat ein, hinter ihm ein 
großer, schmSchtiger Mensch in den Vierzigern. Ich hatte 
geglaubt, daß er viel Slter sei. Er sieht aus, wie ein ält- 
licher Jüngling, hat rasche und dabei schüchterne Bewe- 
gungen, leicht ergrauenden, hellbraunen Bart, lange Nase, 
h&ßlich großen Mund. Er trug eine rote Halsbinde zur 
weißen Weste, die ihm um den mageren Leih schlotterte. 

Ich fragte, inwieweit er mein Vorhaben kenne, wcffauf 
er zu sprudeln anfing: er habe von mir als von einem 
neuen Bemard l'hermite gehört, und sich kreuz und quer 
in eine Widerlegung meines Programms verlor, das er 
nicht genau kannte. 

Nach fünf Minuten unterbrach ich ihn und sagte : „Sie 
wissen nicht, um was es sich handelt. Lassen Sie es sich 
zuerst erkliren." 

Er schwieg verdutzt. 

Ich begann: ,,Eine Kolonie ist ein kleiner Staat, ein 
Staat ist eine große Kolonie. Sie weilen einen kleinen 
Staat, ich will eine große Kolonie machen." 

Und ich breitete noch einmal, wie schon so viele Male, 
den ganzen Plan aus. Er hörte stellenweise mit Oherra- 

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schung zu, einige Male sah ich Bewunderung in seinen 
Augen. 

Er glauht aher nicht an die Zusagen der Türken. Und 
wenn er daran glaubte, würde er das auch nicht unter- 
nehmen. Er hält es für unmöglich, den Zufluß der Mas^ 
sen nach Palästina in Ordnung zu halten. Zuerst würden 
i5oooo Schnorrer kommen, die man eruShren müßte. 
Er fühle sich dem nicht gewachsen, vielleicht wäre ich es. 
Er könne eine solche Verantwortung nicht auf sich neh- 
men. Es könne Unglücksfälle geben. 

Gibt es so keine? warf ich ein. Ist der Antisemitismus 
nicht ein beständiges Unglück mit Verlusten an Ehre, 
Leben und Gut? 

Die Adhäsion der Londoner genügt ihm nicht. Sir S. 
Montagu wolle sich hinter ihn stellen, das begreife er. 
Was aber Oberst Goldsmid betrifft, so habe ihm dieser 
in einem eben empfangenen Brief mein Unternehmen 
geradezu als gefährlich hingestellt. 

Diese Mitteilung verblüffte mich sehr. Das hätte ich 
von Goldsmid nicht erwartet. Wenn er gegen mich ist, 
warum hat er mir es nicht mit militärischer Offenheit 
gesagt, warum hat er mich in dem Glauben gelassen, und 
am Chovevi-Zion-Abend ausdrücklich gesagt, daß ich 
seine Sympathie bei meiner Unternehmung habe, wenn 
ich in Konstantinopel nicht in Irrtum geführt würde? 

A\ä Oberst Goldsmid wird nicht mehr gezählt. 

Herr Leven nickte gefällig zu allem, was „der Baron" 
sagte, auch Meyerson stimmte allem zu. 

Ich hob nach zwei Stunden dieser Kampfunterredung 
mein Parapluie vom Boden auf und erhob mich: 

„Um diese Unterredung, die ernst war, die wir nicht 
zu unserer Unterhaltung geführt haben, zu beendigen, 
sage ich: Woran erkenne ich die Macht einer Idee? 

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Daran, daß man sich eogagiert, wenn man Ja sagt, und 
auch engagiert, wenn man Nein sagt." 

Der Baron machte ein sehr unbehagliches, ja sehr böses 
Gesicht. 

Ich ergänzte: ;,Sie waren der Bogenscfalüssel der ganzen 
Kombination. Wenn Sie sich weigern, zerffillt alles, was 
ich bisher gerichtet habe. Ich werde es dann auf eine 
andere Weise machen müssen. Ich werde eine große Agi- 
tation anfangen, wobei die Massen noch schwerer inOrd> 
nung zu halten sein werden. Ich wollte Ihnen, dem phi- 
lanthropischen Zionisten, die Führung der ganzen Sache 
übergeben und mich zurückziehen. Sie hätten — wenn 
einmal die Sache mit dem Sultan in Ordnung gebracht 
wäre — so viel veröffentlichen und so viel geheimhalten 
können, als Ihnen beliebte. Die Regelung des Massen- 
zuflusses ist eine Frage der Regierung. Wäre z. B. ein 
Run eingetreten, so hätte man ungünstige Meldungen über 
Unterkunft und Arbeitsgelegenheit publizieren können, 
wodurch sich der Strom verlangsamt hätte. Das sind 
lauter Regierungsdetails. Sie finden, daß es ein Unglück 
wäre, mit solchen Massen zu operieren. Überlegen Sie, 
ob das Unglück nicht größer ist, wenn ich die Massen 
durch eine verworrene Agitation in Bewegung setzen muß. 

Gerade das wollte ich vermeiden. Ich habe meinen 
guten Willen gezeigt, und daß ich kein intranaigeant en- 
UU bin. Sie wollen nicht — ich habe das meinige getan." 

Dann empfahl ich mich. Wir erklärten noch beide, daß 
wir onchantiert seien, die Bekanntschaft gemacht zu 
haben, und ich ging. 

Rothschild hielt die anderen beiden, die er sich, glaube 
ich, zu seinem Schutz bestellt hatte, falls ich ein Anar- 
chist sei, an den Rockknöpfen zurück. 

Eine halbe Stunde später kam Meyerson mit säuerlich 



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sQßem Gesicht su mir ins Hotel. War es ein offindser 
Auftrag des Barons, als er mir riet, zuerst klein anzii- 
fangen, in der Türkei kloine Zugeständnisse für die Kolo- 
nien Edm. R's zu erwirken — dann werde sich dieser 
vielleicht allmihlich meinen PiSnen geneigter zeigen. 

Gesamteindruck: Edmund ist ein aostSndiger, gutmü- 
tiger, feigherziger Mensch, der die ganze Sache absolut 
nicht versteht und sie aufhalten mJVchte, wie die Feigling« 
eine notwendige Operation aufhalten. Ich glaube, er ist 
jetzt entsetzt darüber, daß er sich mit PalSstina einge- 
lassen hat, und wird vielleicht zu Alphonse laufen : „Du 
hast recht gehabt, ich hfitte lieber Pferde rennen als Juden 
wandern lassen sollen." 

Und von solchen Menschen soll das Schicksal vieler Mil- 
lionen abhSngenl 



An Newiinski telegraphierte ich: 

Edmund R. macht Schwierigkeiten, die in London Re- 
perkussion zu haben drohen. Er wünschte zunSchst kleine 
Zugestfindnisse, für die er wohl kleine Gegenleistung bOte. 

W. Juli. Paris. 

Nachtrag zur Rothschild-Unterredung. 

Über dieses Gespräch, das eines der wichtigsten war, 
habe ich eigentlich auf den vorigen Seiten sehr wenig 
notiert. 

Ich hatte gestern mit Unlustgefühlen zu kftmpfen. 
Wenn ich denke, wie leicht und selbstverständlich den 
Leuten die ganze Sache vorkommen wird, wenn sie ein- 
mal gemacht ist, und an welchen blödsinnigen Wider- 
ständen ich mich jetzt krank arbeite und aufreibe 

Edmund R. sagte unter anderem pikiert: „Ich habe 

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nicht auf Sie gewartet, um zu wissen, daß wir jetzt Ma- 
schinen zur Verfügung haben." 

Ich antwortete: „Ich hatte nicht die Absicht, Sie zu 
belehren." 

An einer anderen GesprächssteUe sagte er: 

„Et qu'est-ce que vous me demandei?" 

Ich antwortete barsch: „Pardon, vous ne m'avez pas 
c<mipris. Je ne vous demande rien du tout. Je vous invite 
seulement de donner votre adh^ion sous condition." 

Leven und Meyerson waren, wie gesagt, ganz seiner 
Ansicht. 

11$ abondaieitt dan» le sens indiqud par lui, sie schafften 
gefällig die Argumente für ihn herbei. Als Edmund 
sagte; die Massen würden nicht lu zügeln sein, meinte 
Meyerson düster: ,,Ja, so wie auf dem Chodinkofelde." 

Leven verstieg sich sogar dazu, zu erkifiren, daß ich 
bisher gar nichts erreicht habe. 

Edmund R. sagte zweimal: „II ne faut pas avoir les 
yeux plus gros que le ventre." Das ist, glaube ich, sein 
h^hster philosophischer Satz. . 

20. Juli, Paris. 

An de Haas nach London schreibe ich, man m6ge die 
Organisation der Massen beginnen. Das werde die Ant- 
wort auf das Chodinko-Argument sein. 

21. Jali. 

Im Coup£ hinter Jaxtzell unterwegs nach Karbbad, 
wohin mich Newlinski dringend ruft. 



21. Juli. 
Gestern noch mit Nordau und Beer gesprochen und 
ihnen die Antwort mitgeteilt, die ich auf Rothschilds Ein- 
wendung gefunden: das ist die Organisierung unserer 



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Massen schon jettt. Unsere Leute werden schon bei der 
Abreise organisiert sein und nicht erst bei der Ankunft. 
Niemand wird ohne Abgangsdokumente ankonunen 
dürfen. 

Nordau erklSrt sich mit mir ganz einverstanden und 
will auch in das Pariser Komitee eintreten, wie ich sagte : 
als Chef der Bewegung in Frankreich. Er sträubte sich 
ein bißchen gegen den Titel Chef, nahm aber die 
Sache an. 



Nachmittags sprach ich im Vereinslokal der russisch-jü- 
dischen Studenten, draußen im Quartier des Gobelins. 
B. Lazare war anwesend, auch drei jüdische Studentinnen 
aus Bußland. Der Saal voll. Ich hielt meine mir mm 
schon bekannte Rede, war aber nicht gut disponiert. 

Ich sprach mit Schonung von den Finanzjuden, die 
keine Eile haben, und schloß mit den Worten: „Je ne 
vous dis pas encore: marchons — je dis seulement: la 
jeunesse, deboutl" 

Ich forderte sie auf, die Organisation der Kader zu 
beginnen. 



Et noiu voilä reparlia de Paris. 

Diese reizende Stadt hat mich nie so entzückt, wie diefr- 
mal am Abscbiedstag. 
Wann werde ich Paris wiedersehen? 



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Viertes Buch 



D,3,l,zedb,GÖOgle 



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22. Jali. KarUbad. 

Newlinski erwartete mich mit den Mitteilungen: 

I . daß mich der Fürst von Bulgarien hier empfangen 
werde. 

a. daß der türkische Botschafter in Wien kategoriach 
die Nachricht von Verfolgung jüdischer Kolonisten in 
Palfistina dementiert. 

3. daß von jüdischer Seite gegen mich in Yildiz-Kiosk 
intriguiert wird. 

Ich meinerseits berichtete ihm von meiner Reise. Ich 
kirne mir vor wie der Offizier, der mit unsicheren Re- 
kruten ins Feld zieht und mit dem Revolver hinten stehen 
muß, damit keiner davonlaufe. 

Insbesondere Edmund Rothschilds Verhalten sei stö- 
rend, da die ganze Kombination jetzt von ihm abhängt. 
Es sei übrigens noch durchaus nicht ausgemacht, daß er 
nicht schließlich mitkommen werde. 

Newlinski sagte, diese Mitteilungen decouragierten ihn 
zum erstenmal in der Sache. Er wußte nicht, daß meine 
Truppe so schlecht sei. 

22. Jali. KarUbad. 

Ich telegraphiere an Edmund Rothschild : 

Ambassadeur Türe de Vienne 6crit: 

vous pouvez d^mentir cat^goriquement la fausse nou- 
velle invent^ dans un but Evident de malveillance que 
autorit^ turques auraient expuls£ anciens ou repouss^ 
nouveaux Colons juifs. D'autre part j'apprends que quel- 
qu'un aurait essayä d'intriguercontre moi k Yildiz Kiosque. 
Si ce serait un de vos serviteurs trop z£l£s, il aurait lourde- 
ment engag6 votre responsabititi. Espire que non, nous 
devons nous entendre. ^^^^^ j,^^j 

Hotel Erzherzog Karl. 



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22. Jali. 

Heute morgens fröhstOckte ich im Pogthofgarteo mit 
Newiinski. Ffirst Ferdinand von Bulgarien ließ sich mit 
seiner Suite unweit von uns an einem Tisch nieder. Ich 
bemerkte, daß ich ihm gezeigt wurde. Dann schickte er 
Fürth herüber, der vorhin gesagt hatte, es sei zweifelhaft, 
ob mich der Fürst heute Oberhaupt empfangen würde. 
Fürth teilte mit, der Fürst werde spfiter in den Laub- 
gSngen mit mir sprechen. 

Es wurde nun aufgepaßt, wann er sich erhebe; und als 
er ging, schritten Newiinski, Fürth und ich ihm eilig 
nach. 

Er wartete hinter einem Gebüsch. Ich lOg den Hut 
schon in einer Entfernung von zehn Schritten, und er 
kam mir zwei Schritte entgegen. Es fand eigentlich keine 
Vorstellung statt. Er reichte mir die Hand, und ich be- 
gann gleich, die Judensache vorzutragen. Wir gingen 
dabei auf und ab. Das Gefolge hielt sich in ehrfurchtS' 
voller Entfernung. Manchmal vergafften sich vorüber* 
gehende Badegäste an uns. Einmal stampfte der Fürst 
ungeduldig mit dem Fuß auf, als zwei in der Nähe hor- 
chend stehenblieben, und er machte eine Bewegung mit 
dem Schirm, als wollte er dreinschlagen. Dabei sagte er : 
„Es ist unerhört, wie man hier belästigt wird. Und die 
Christen sind noch ärger ab die Juden." 

(Die zwei waren nämlich erkennbar Juden.) 

Ich legte ihm meine Sache in lakonischer Kürze ftus- 
einander. Er war rasch gepackt : „Es ist eine großartige 
Idee", sagte er; ,,so hat noch niemand mit mir über die 
Judenfrage gesprochen. Aber was Sie sagen, habe ich 
mir oft gedacht. Ich hin eigentlich von Juden erzogen. 
Mit Baron Hirsch habe ich meine Jugend verbracht. Ich 
kenne also alle Verhältnisse, ich bin ein halber Jude, wie 

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man mir oft vorwirft. Ihre Idee hat meine volle Sym- 
pathie — aber was kann ich dafür tun?" 

„Ich möchte Ew. Königl. Hoheit bitten, den Zar auf 
meinen Plan vorzubereiten und mir, wenn möglich, eine 
Audienz zu verschaffen." 

„Das ist sehr schwer," meinte er bedenklich, „es ist 
eine Frage, in die der Glaube hineinspielt. Ich bin ohne- 
hin bei den Orthodoxen nicht gut angeschrieben. Es gibt 
da heikle Dinge, in denen ich oft meine Überzeugung der 
politischen Notwendigkeit unterordnen muß." 

Dabei richtete er sich hoch auf und sah wirklich groß- 
artig mit zurückgeworfenem Kopf auf mich herab. Zu- 
meist stand er aber auf den Schirm gestützt, leicht vor- 
geneigt vor mir. Ab ich einen Schritt zurücktrat, imi 
respektvoller dazustehen, rückte er mir sofort nach, trat 
mir sogar auf den Fuß und sagte: „Pardon I" 

Ich sah also sein feines, leichtverfettetes Gesicht mit 
dem spitzen Bart, der langen Nase und den verständig 
hellen Augen fortwahrend ganz dicht vor mir. 

Er erklärte wiederholt, daß er ein Judenfreund sei, und 
freute sich, als ich ihm das auch vom Sultan und Groß- 
herzog von Baden sagte. 

,J)er Großherzog", rief ich aus, „ist der gute alte König 
aus dem Märchen. Er fürchtet nur, daß man seine Teil- 
nahme an meinem Plan für antisemitisch halten könnte. 
Es wird also meine Aufgabe sein, der Welt, insbesondere 
dea Juden, zu erklären, daß es sich nicht um Austreibung, 
sondern um eine Gnade der Fürsten handle." 

Er nickte befriedigt und versprach mir seine volle Un- 
terstützung unter der Bedingung der Geheimhaltung. In 
Rußland werde böchBtens Großfürst Wladimir für die 
Sache zu interessieren sein. Alle anderen sprechen von 
deu Juden nicht wie von Menschen. Ich möge ihm, dem 

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Företen, mein Buch in deutscher, russischer und eng- 
lischer Sprache schicken. 

Er wolle es verbreiten. Auch dürfe ich ihm Öfters über 
den Stand der Sache berichten. 

Er verabschiedete mich sehr wohlwollend, und New- 
linski erzählte mir dann, er hStte der Sache ausdrücklich 
seine Mitwirkung versprochen; ich dürfe unbedingt auf 
ihn zShIen. 

22. JaU. 

Nachmittags mit Newlinski spazierengegangen. Wir 
verabredeten die nächsten Schritte. Auf Bismarcks Mit- 
wirkung sei vorläufig nicht zu rechnen. Bismarck habe 
Sidney Whitman gesagt, er kenne mein Buch schon, der 
Sekretär Chrysander habe ihm den Inhalt mitgeteilt. Bis- 
marck hält meinen Entwurf für eine melancholische 
Schwärmerei. Whitman war dann bei Herbert Bismarck 
und bat diesen, auf den alten Fürsten einzuwirken. Her- 
bert versprach es. 

(Newlinski las mir auch den Brief vor, den Bismarck 
an den Sultan über die Äffären von Kreta, Armenien, Sy- 
rien gerichtet hat. Sehr interessant. Bismarck rSt, sich 
vor England, dessen Macht in aller Welt tersplittert sei, 
nicht zu fürchten, und mit Rußland zu gehen. Dieses 
wolle weiter nichts haben als die Durchfahrt von Kriegs- 
schiffen durch den Bosporus. Bismarck hält die jetzige 
Lage des Sultans nicht für eine gefährdete und spricht in 
sehr verächtlichem Ton von den Kretensern.) 

Da wir also auf Bismarck jetzt nicht rechnen können, 
müssen wir die Einladung an die Juden dem Sultan ron. 
anderer Seite suggerieren lassen. 

Gegenfiber den jüdischen Intrigen — es ist unglaub- 
lich — in Yildiz Kiosk beschlossen wir folgendes: New- 
linski wird an Izzet schreiben, die Juden, die gegen mich 

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wühlten, hStten, weim schon keine persdnlicheo Inter- 
essen — was auch denkbar wfire — , doch zweierlei sach- 
liche Bedenken. Erstens befürchten sie eine Verstärkung 
des AntisemitismuB an ihren jetiigen Wohnorten, wenn 
der Wandemif an die Juden erginge. Zweitens haben 
sie die Besorgnis, daß wir es in PalSstina mit einem nicht 
zu bändigenden Masseneinbruch von armen Juden zu tun 
bekämen. Aus diesen Gründen möchten die jüdischen 
Urheber dieser Intrigen vielleicht die Sache von vorn- 
herein vereiteln. Ixzet mOge sich aber an mir nicht irre 
machen lassen. 

Newlinski meint nun, daß es jetzt allerdings noch mög- 
lich wäre, leicht mOglich sc^ar, die ganze Sache in Yildiz 
Kioak zu zerstören. Wenn meine Gegner wüßten, wie die 
Sache momentan steht, vermüchten sie das mit Leichtig- 
keit. Ich denke mir dabei, daß es von Newlinski ein Be- 
weis der Anständigkeit und des Vertrauens zu mir ist, 
wenn er nicht zu meinen reichen Gegnern übergeht. 
24. Juli, Gmanden. 

In meiner grtdwQ Depesche an Edmund Rothschild war 
ein grammatischer Fehler: „>i ce terait", statt „>i c'itait". 
* * * 

Aus dem negativen Verhalten Rothschilds muß ich alles 
herausnehmen, was müglich. Insbesondere muß mir sein 
Nein zum Ja des Deutschen Kaisers verhelfen. 

Immer kehrt der Gedanke wieder, wie wenig Dank mir 
die Juden für das Riesenwerk wissen werden, das ich für 
sie tue. Wenn ich heute die Sache einfach fahren Ueße, 
bliebe sie gewiß ungetan, und käme in Jahrzehnten nicht 
zustande — dann auch nur durch Benützung meiner 
Ideen. 

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26. Juli. 

Brief an Zadok Kahn. 

Ew. EhrwOrdenl 

Daß Sie Paris verließen, bevm- ich ankam, habe ich 
sehr, sehr bedauert. Unsere Sache hat vielleicht den größ- 
ten Schaden davon, denn es war ein wichtiger Moment. 
Sie hfitten vielleicht durch ernste, gute Ratschläge eine 
andere Wendung herbeiführen können. 

Ich schreibe Ihnen Deutsch, was Sie ja verstehen, weil 
ich Französisch zu langsam und schlecht schreibe. Die 
Judensache nimmt bei dem wachsenden Umfang der Be- 
w^nng meine Kräfte ohnehin sehr in Anspruch. 

Hier kurz und in streagstem Vertrauen die Tatsachen. 
Ich war in Konstantinopel und habe da Resultate erzielt, 
die mich eigentlich selbst überraschten. Der Sultan nahm 
meinen Plan: Palästina den Juden I zur Kenntnis, und 
wenn er sich auch gegen die Idee eines einfachen Vei^ 
kaufes sträubt, so zeichnete er mich doch auf verschiedene 
Weise aus und ließ mich wissen, daß die Sache gemacht 
werden könne, wenn eine passende Form gefunden wird. 
II s'agit de aaaver lea apparences. Aus der Umgebung des 
Sultans wurde folgender Vorschlag gemacht: der Sultan 
könnte die Juden feierlich auffordern, in ihr historisches 
Vaterland zurückzukehren, sich dort als Vasallen des tür- 
kischen Reiches autonom zu etablieren und ihm dafür 
einen Tribut zu entrichten (auf den er dann ein Aidehen 
aufnehmen könnte). 

Mit diesem Ergebnis reiste ich nach London, wo mir 
Sir S. Montagu und andere ihren Anschluß versprachen 
unter drei Bedingungen: i. die Zustimmung der Mächte, 
3. der Beitritt des Hirschfonds, 3. der Beitritt Edmund 
Rothschilds. 

Die erste Bedingung hoffe ich erfüllen zu können, da 

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mir bereits zwei regierende Fürsten ihre Hilfe in Aus- 
sicht f^stellt haben. Ich ging also nach Paris und sprach 
mit Edmund Rothschild, Ihm sowie den anderen Herren 
sagte ich deutlich, um was es sich handle. Ich erbat seinen 
bedingungsweisen Eintritt in die Sache: d. h. er solle 
sich daran erst beteiligen, wenn sie fix und fertig sei. 
Er brauche sich nicht zu exponieren, ich würde schon 
alles mit dem Sultan und den anderen Regierungen in 
Ordnung bringen. Sobald es aber zur Ausführungkomme, 
möge er mit Montagu und den anderen die Sache von 
mir übernehmen. Damit nun auch nicht der Schatten 
eines Verdachtes auf mir ruhen kQnne, daß ich diese 
Einigung aller unserer Kräfte nur zu dem Zwecke wolle, 
um die Führung an mich zu reißen, machte ich mich 
anheischig, völlig zurückzutreten, sobald dieses Aktions- 
komitee sich gebildet hat. Gegen das Ehrenwort der Her- 
ren, mein Ziel zum ihrigen zu machen, wollte ich mein 
Ehrenwort geben, fortab mich in nichts mehr zu mischen. 
Sie könnten dann die Bewegung nach ihrem bestenWissen 
und Gewissen leiten, da ich zu den bisherigen Zionsfreun- 
den Vertrauen hfitte. Sie könnten insbesondere im stillen 
arbeiten, der Öffentlichkeit immer nur so viel mitteilen 
als nötig wfire, kurz, die große Bewegung vernünftig or- 
ganisieren und kanalisieren. 

Ich glaube, daß es ein anständiger Vorschlag war, der 
von meinem guten Willen und meiner absoluten Selbst- - 
losigkeit zeugte, und daß ich damit keine unmäßige For- 
derung stellte. 

Leider wollte oder konnte Edmund R. mich nicht ver- 
stehen. Er antwortete, daß er, selbst wenn alle diploma- 
tischen Voraussetzungen richtig wären und wenn wir 
Palfistina bekämen, die Sache für unausführbar halte, 
weil die Massen der armen Juden in einem unbändigen 

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Schwärm nach Palfistioa gingen, und man sie dort nicht 
beschftftigen und nicht verköstigen könnte. 

Sie haben meine Schrift Qher den Judenstaat gelesen. 
Sie wissen, mit wieviel — sogar überflüssigen — Details 
ich die der Wanderung vorhergehende Organisierung der 
Massen beschrieb. Man kann meine Detailvorschlfige ver- 
werfen: das Prinzip, daß man die Emigranten bei der 
Abreise und nicht erst bei der Ankunft zu organisieren 
hat, ist jedenfalls durchführbar. Ohne CffdentUche Pa- 
piere — Paß usw. — wird niemand aufgenommen. Das 
sind einfache Regierungsprobleme und bereiten keine 
größere Schwierigkeit als andere Aufgaben eines Staates. 

Ist das also ein sachliches Bedenken E. R's, so müßte 
man ihm doch mit Vernunftgründen beikommen können, 
und ich bitte Sie, ich darf wohl sagen: im Namen unserer 
unglücklichen Brüder, Ihr ganzes Talent und Ihre aner- 
kannte Autorität in den Dienst dieser Sache su stellen. 

Ich trete gleichzeitig den praktischen Beweis für die 
Organisierbarkeit unserer Massen an, indem ich meinen 
Freunden in allen Ländern empfehle, die Kader für den 
Fall der Wanderung aufzustellen. Ich glaube, in wenigen 
Monaten, etwa bis zum Frühjahr, werden die National- 
juden in allen Landern stramm organisiert sein. 

Die Bewegung wird fortgesetzt, und sie wird stürinisch 
wachsen, darüber soll sich niemand täuschen. Trotz der 
Bitternisse und Schwierigkeiten, die man mir bereitet, 
führe ich diese Bewegung als ein besonnener Mann, dw 
sich in jedem Augenblick der ungeheuren Verantwortung 
bewußt ist. Ich reize die Massen gewiß nicht auf; aber 
kann ich tumulluarische MißverstSndnisse verhiodem, 
wenn es vorkommen kann, daß ganze Kapitel meiner Aus- 
einandersetzungen übersehen werden? 

Das Unglück, das Edmund Rothschild verhindern 

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möchte, richtet er durch seine Weigerung erst an. Hio- 
lukommt das Unberechenbare, wie die Vdlker, UDter denen 
wir serstreut leben, diese Bewegung aufnehmen werden, 
wenn wir sie durch öffentliche Agitation betreiben mü»- 
sen, statt sie von oben herab in aller Stille und Ordnung 
XU dirigieren. 

Meinen guten Willen habe ich gezeigt; keine Mühe und 
kein persönliches Opfer habe ich gescheut. Mein Ge- 
wissen ist ruhig. Man möge doch verstehen, welchen 
StiuTQ des Unwillens es bei den armen Juden und bei 
alten NichtJuden erregen wird, wenn eines Tages bekannt 
wird, daß ich in meiner Rettungsaktion von denen im 
Stich gelassen wurde, die mithelfen konnten und mußten. 
Ich bin ein Gegner des Hauses Rothschild, weil ich es 
für ein Nationtdunglück der Juden halte. Der einzige, 
der diu*ch sein bisheriges Verhalten Sympathien erregte, 
Edmund Rothschild, den ich für einen braven, guten 
Juden hielt, ja noch immer halte, sollte sich weigern, 
zur nationalen Erlösung beizutragen? Und es ist keiner- 
lei materielles Opfer, das man von ihm verlangt. Er soll 
keinen Centime hergeben, keinen Schritt tun, sich nicht 
exponieren. Er hat nur die fertiggemachte Sache zu ak- 
zeptieren — bis sie diplomatisch fertig ist, bleibt er in 
vollkommen gedeckter Stellung. Wenn er darauf nicht - 
eingeht — er, von dem der Eintritt der Londoner und des 
Hirschfonds, also das Ganze abhSngt, so wird ein Schrei 
des Zornes durch die Welt gehen. Es mag ihm ungerecht 
scheinen, daß er durch seine philanthropischen Versuche 
in PalSatina jetzt vor eine solche EventualitSt gestellt ist. 
Ja, es war eben kein Spiel, kein Zeitvertreib, sondern 
eine furchtbar ernste Sache, in die er mit seiner PalSstina- 
Kolonisierung eingetreten ist. 

ErklSren Sie es ihm, ich bitte Sie. Ich war vielleicht 

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SU ungeschickt oder ungeduldig. Aber die Sache darf 
nicht unter meinen Fehlern leiden. 

Ihr Amt und Ihre Liebe zur Sache machen es Ihnen 
Eur Pflicht, nach Ihrer besten Kraft mitzuwirken. Ver- 
hindern Sie es insbesondere, daß Edmund Rothschild 
sich eine falsche Vorstellung von meinen Absichten 
mache. Überzeugen Sie ihn davon, daß ich das Gute, 
Rechte will. 

Es liegt jetzt die offizielle Konstatierung vor, daß die 
türkischen Rehörden weder die ansässigen jüdischen Ko- 
lonisten ausgewiesen noch die Neuangekommenen zurück- 
gewiesen haben. Der Wiener türkische Rotschafter 
schreibt: „Vous pouvez ddmentir caligoriquement cetle 
nouvelle invent^ dans un but Evident de malveillance." 

Ich telegraphierte da» Edmund R. Zugleich erfuhr ich 
etwas geradezu Monströses aus dem Palast zu Konstant 
tinopel, wo ich ergebene Freunde habe: daß nämlich von 
jüdischer Seite gegen mich intrigiert wird. Es klingt so 
ungeheuerlich, daß ich es kaum glauben kann. Man hat 
vielleicht in Yildiz-Kiosk die hSmische hingeworfene Be- 
merkung irgendeines Juden, der vor mir nicht so viel 
Respekt bat, wie es sich nach der Ansicht der Türken ge- 
bührt, zu tragisch genommen. Aber durch solche Hand- 
lungen — ob sie nun aus Leichtfertigkeit oder Böswilleo 
begangen werden — kann man eine gar schwere Verant- 
wortung auf sich laden. Und es wird Zeit, daß wir die 
Verantwortungen gut sondern und feststellen. 

Die nationaljüdische Bewegung ist so ernst, nein, viel 
ernster als der Antisemitismus. Man möge es beizeiten 
verstehen. 

Risher waren die mittellosen Juden der Ambos, und 
die Antisemiten der Hammer. Wehe denen, die zwischen 
Hammer und Ambos geraten I 

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Wenn Sie mir gleich antworten, trifft mich Ihr Brief 
noch hier. Vom 3. August an bin ich wieder in Wien, 
Adresse: Neue Freie Presse. 

In herzlicher Verehrung 
Ihr 

Th. Heral. 
Abgeschickt am 37. VII. 

« * * 

Briefe am 37. Juli an: 

Q. > Sofia (Organisierung im Hinblick auf E. R'b 

Einwand). 

B. Lazare, Paris (Besorgung d. franz. Ausgabe unter 
Verzicht auf meine Auslagen für Übersetzung). 

J. de Haas, London (Organisierung mit Rabinowicz, 
Ish-Kisbor). 

Schnirer, Wien (Einladung Kokesch Mintz zur Orga- 
nisierungs-Besprechung) . 

All das mit Erw&hnung der Weigerung E. R's. 

Hecbler, Wien (mein Besuch angekündigt). 

Klatschko, Wien (russische Broschüren). 

30. Jati, Au««ee. 

Hechler telegraphiert aus Tegernsee : 

„Bin in Tegernsee, Villa Fischer, habe Vorträge ge- 
halten im Schloß und hei hohen Herrschaften. Alles be- 
geistert. 

Können Sie sogleich kommen, um vorzustellen? Ich 
will etwa Samstag fortreisen. Womöglich. 

Hechler." 

Ich antworte ihm, daß es mir schwer möglich sei, da 
ich nSchster Tage nach Wien müsse. Jedenfalls möchte 

Sog 



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ich zuoSchst wissen, wem er Vortrag gebalten, und wer 
mich sehen wolle. 
Wenn es Kaiserin Elisabeth ist, reise ich hin. 



Brief an den Großherzog von Baden : 

Aussee, i. August 96. 
Ew. Königliche Hoheit I 

Aus Frankreich wollte ich nicht schreiben, weil die 
dortige Post im Verdacht steht, neugierig zu sein, imd 
ein Brief an einen deutschen Souverän gewiß Aufmerk- 
samkeit erregt bfitte. Dann war ich einige Zeit unruhig 
unterwegs. So kann ich erst jetzt der gütigen Aufforde- 
rung entsprechen, meinen Bericht über die Judensacbe 
schriftlich zu erstatten. 

Ich war in Konstantinopel und habe dort das Terrain 
sondiert. S. M. der Sultan nahm meinen Vorschlag zur 
Kenntnis, und wenn er sich auch auf das bestimmteste 
gegen die Überlassung Palfistinas als eines unabhSngigen 
Staates an die Juden aussprach, so entmutigte er mich 
doch nicht volbtändig. Ja, er zeichnete mich sogar auf 
verschiedene Weise aus, und es wurde mir indirekt an- 
gedeutet, daß die Sache sich vielleicht machen ließe, wenn 
die richtige Form gefunden würde. Aus der Umgebung 
des Sultans wurde nun der Gedanke lanciert, den Juden 
die Errichtung eines Vasallenstaates in PalSstina zu ge- 
statten. Ihre Einwanderung sollte durch Gewährung der 
Autonomie begünstigt werden, und sie hätten einen jähr- 
lichen Tribut an den Suzerän zu zahlen. 

Als ich in Karlsruhe die Ehre hatte, die Sache vorzu- 
tragen, sprachen Ew. Königliche Hoheit sich ja auch für 
eine allmähliche Einwanderung in Palästina aus. 



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Mit den Ergebnissen von Konstantinopel reiste ich nach 
London. Unsere dortigen Finanzleute sind bereit, diese 
Form der Staalsbildung für die Juden durchzuführen; 
doch stellen sie Bedingungen: Zunächst die selbstver- 
stSndliche, daß die MScbte das Ganze gutheißen. 

Dann den Beitritt EÄlmund Rothschilds in Paris. 

Mit diesem EÄimund Rothschild habe ich gesprochen. 
Er fürchtet sich. Er glaubt, daß wir die armen Leute, 
die hinwandem sollen, nicht organisieren, nicht beschaf- 
tigen und nicht verköstigen könnten. Das sind aber lauter 
Regierungsprobleme, nicht schwerer und nicht leichter 
als andere Aufgaben des Staates. 

Ich will hier nicht wiederholen, was ich ihm alles er- 
klärte. Genug, er versteht es nicht. Es wäre nun wirklich 
ein Jammer, wenn die Entwicklung dieses ernsten, großen, 
menschenfreundlichen Planes durch den Widerstand eines 
einsigen Menschen von ungenügender Intelligenz aufge- 
halten werden sollte. Kann das Gottes Wille sein? 

So liegt die Sache augenblicklich. Ein Ausweg aus den 
jetzigen Schwierigkeiten wSre es, den Hergang zu ver- 
öffentlichen und durch eine Agitation den Willen des 
Widerstrebenden zu beugen. Aber ich möchte die Be- 
wegung nicht demagogisch betreiben. 

In guter Ordnung, wie ich es meine, kann der allmäh- 
liche Abzug der Juden nur von oben hepab geleitet wer- 
den. Darum verharre ich in der Hoffnung, daß die wirk- 
lich hochgesinnten Fürsten Europas der Sache ihren gnä- 
digen Schutz werden angedeiben lassen. Dann könnten 
wir über die Weigerung einzelner Geldjuden leicht hin- 
weggehen. 

Es wSre von unschätzbarem Werte für den weiteren 
Gang, wenn Seine Majestät der Deutsche Kaiser sich von 
mir den Plan vortragen ließe. 

Sil 



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Einiges ist schon zu dem Zwecke eingeleitet, dsfi Se. 
MajestSt der Kaiser von Rußland mich empfangen mOge. 

Ew. Königliche Hoheit waren der erste regierende Herr, 
welcher sich für diese Bewegung großmütig interessierte, 
und ich werde die königlich schlichten Worte dieser Teil- 
nahme nie vergessen. An die Gnade jener Unterredung 
wage ich anzuknüpfen, wenn ich jetzt Eure Königliche 
Hoheit- geradezu bitte, Se. MajestSt, den Deutschen Kai- 
ser zu veranlassen, daß er mich höre. 

Im Keim existiert heute diese Lösung der alten Juden- 
frage schon. Viele Menschen, Christen wie Juden, wür- 
den aufatmen. Eine soziale Schwierigkeit ernster Art 
könnte behohen werden. Es wäre eine segensreiche und 
ruhmvolle Tat, die hinauswirken müßte bis in spSte 
Zeiten. 

Aber wenn wir keine Hilfe finden, wird der Keim viel- 
leicht verderben. 

Ich verbleibe 

Eurer Königlichen Hoheit 
ehrfurchtvoU und dankbar ergebener 

Dr. Theodor Herzl. 

(Adresse: Reichenau bei Payeiiiach, Nied.-Ost., Thal- 
hof). 

''■^-- ~ 1. Aaguat, Aüsaee. 

Hechler telegraphiert aus Tegernsee: „Heute fünfter 
und letzter Vortrag. Heute oder morgen früh reise ich 
ab. Hechler." 

Das heißt also, daß die hohen Herrschaften, von denen 
seine erste Depesche sprach, eine direkte Einladung nicht 
an mich ergehen lassen. 

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Oder wollte er mich nur aufs Unbestimmte hin kommen 
lassen? Jedenfalls tat ich gut, mich nicht gleich in Be- 
wegung 2u setzen. 

i. Augast. 

Die Wirkung meiner Bewegung zeigt sich zunSchst in 
Bettelbriefen. 

1. Aagast. 

Von Wolffsohn in Köln kam anfangs Juli ein Brief, 
den ich erst hier erhielt. Auf dem Berliner Zionistentag 
war heftige Opposition gegen mich. Wolffsohn war der 
einzige, der zu mir hielt und es mit Mühe verhinderte, daß 
die Zionisten gegen mich offen Stellung nahmen. Den- 
noch waren Hildesheimer und Bambus bereit, mit mir 
in Köln zusammenzukommen, was ich also versSumte. 

Ich antworte Wolffsohn, daß mich Anfeindungen sei- 
tens der Zionisten veranlassen könnten, die ganze Sache 
wegzuwerfen. Ich teile ihm Edmund Rothschilds Wei- 
gerung mit, und daß eine Organisation nötig werde, in 
der auch ihm eine Aufgabe zufalle. Ferner sei ich bereit, 
mit den Berliner Zionisten zusammenzukommen. Wir 
würden demnächst in Wien eine Konferenz abhalten, in 
der die Einberufung eines allgemeinen Zionistentages be- 
raten werden soll. 

1. August. 

Von Zadok Kahn aus Weggis ein guter Brief. Er pro* 
poniert eine geheime Beratung der Vertreter aller größ- 
ten Judengemeinden, da kein Einzelner befugt sei, eine 
Sache von so unermeßlicher Wichtigkeit allein ins Rollen 
zu bringen. Es solle also eine kontradiktorische Debatte 
stattfinden. Im übrigen wolle er gleich nach seiner Rück- 
kehr nach Paris (so. bis aS. August) in ernster Weise 
reden „avec qui de droit" — also Edmund Rothschild? 
— doch scheint er davon nicht viel zu erwarten. 

33 Henli TasebOaber I. 5 1 3 



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Ich nehme den Vorschlag der geheimen Konferenz an, 
weil ich glaube, bis dahin weitere diplcnnatische Erfolge 
erzieh zu haben, und dann werde ich schon diese kontra- 
diktorische Versammlung zu einer Aktion aufraffen. 

3. Aagast, Au»see. 

Brief an Zadok Kahn : 

Ew. EhrwOrdenl 

Ihren Vorschlag, eine vertrauliche Konferenz der Ver^ 
treter aller großen Judengemeinden einzuberufen, akzep- 
tiere ich, wenn Sie der Einberuf er sind und die Sache von 
vornherein einen praktischen Charakter hat. Auf rein 
akademische Diskussion lasse ich mich nicht mehr ein. 
Damit ist nicht gesagt, daß ich Verbesserungen meiner 
Idee, Ratschläge, EinschrSnkungen usw. ablehne. Wenn 
ich bereit bin, zu dieser Konferenz zu kommen, so ge- 
schieht es vielmehr, weil ich zum soundsovielten Male 
beweisen will, daß ich kein blindwütiger Agitator bin, 
sondern besonnen und im Einvernehmen mit unseren ru- 
higsten und besten Mfinnem vorgehen möchte. Meine 
heute im Prinzip gegebene Zusage wird definitiv, sobald 
ich die Tagesordnung der Konferenz und die Liste der 
Mitglieder kenne. 

Natürlich werde ich meine Aktion in Erwartung dieser 
Beratung nicht unterbrechen. Ich marschiere, wie Sie 
schon gesehen haben, rasch; und wenn Sie die Beratung 
lange verzögern, kommt sie vielleicht nach der Tat. Sie 
können also schon von Weggis aus das nötige einleiten. 

Für den sympathischen Ton Ihres Briefes danke ich 
Ihnen und bleibe in herzlicher Verehrung 
Ihr ergebener 

Th. Herzl. 

Si4 



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2. August, Aussee. 

An Nordau geschrieben, er mSge die französische Aus- 
gabe besorgen, da ich sie für den russischen Hof und 
für Rom dringend brauche. 

Was ich nicht selbst mache, geschieht nicht. 

S. Whitman schreibt aus Konstantinopel, er werde in 
drei Wochen nach Wien kommen und daua nochmals 
zu Bismarck fahren. 

3. Aagust, im Coupi untertoegg nach Wien. 

Eine während meiner Reise nach England eingetroffene 
Zuschrift des Arabienreisenden Dr. Glaser las ich erst 
jetzt. Es ist ein Memorandum aus dem Jahre 1890, ge- 
richtet an den Baron Hirsch. Es ist in unterwürfig be- 
geistertem Ton gehalten und gipfelt in dem Rufe: Es 
lebe der König von Israel — und nach dem vorhergehen- 
den Satz ist kein Zweifel, dafi „Moritz Freiherr von 
Hirsch" als König von Israel gedacht ist. 

Aber der Inhalt des Memorandums ist vorzüglich ge- 
dacht. Dieser Glaser ist ein Mann, den man sich merken 
muß. Jedenfalls besitzt er eine bedeutende Kenntnis des 
Orients, und vielleicht hat er sogar militfirische Organi- 
sationsgaben. Da ich für den unverlSßlichen Goldsmid 
möglicherweise einen Ersatz brauchen werde, ist Glaser 
zu pflegen. 

Er macht allerdings den unm^lichen Vorschlag, das 
südliche Arabien als Territorium für den jüdischen Staat 
zu wählen; aber die Art, wie er diesen Kolonisations- 
gedanken motiviert, ist ausgezeichnet. 

Ich will ihm noch heute oder morgen von Wien aus 
schreiben, daß ich ihn als eine vielversprechende Kraft 
in unseren Reihen willkommen heiße. 



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Der Verfasser eines Geheimmittetbuches für Ge- 
schlechtskranke, Dr. L. Ernst, bat eine possierliche 
Gegenschrift gegen meine Broschüre unter dem Titel: 
,JCein Judenstaat 1" verfaßt. 

Der Verleger Breitenstein fragte mich, ob ich etwas 
dagegen habe, wenn er diese drollige Schrift auch in sei- 
nem Verlag erscheinen lasse. Ich hatte absolut nichts 
dagegen. 

(Gleichzeitig gab mir Breitenstein die Abrechnung Qber 
die Broschüre. Es kommen ihm noch einige Gulden her- 
aus. Und er hSit bei der vierten Auflage I) 

Die Schrift des Ernst habe ich nun im Coup6 gelesen, 
den Bürstenabzug. Einfältige Wichtigtuerei, Unwissen- 
heit, Borniertheit auf jeder Seite. 

Keine Autwort. 

3. August, Wien. 

Wieder in der Redaktion. 

Kurzer, kräftiger Zusammenstoß mit Bacher. Erfragte, 
ob ich nicht ein Feuilleton über Konstantinopel schreiben 
werde. 

„Nein", sagte ich. „In Konatantinopel hatte ich nur 
geschichtliche Erlebnisse, keine feuilletonistischen." 

Er lachte dSmIich. 

„Sie glauben das nicht?" sagte ich. 

„Nein, das glaube ich Ihnen nicht", gab er zurück. 

Und ich darauf barsch : „Sie werden schon glauben 1" 

Dann trennten vtir uns ziemlich gereizt. 



Nachmittags bei Newlinski. 

Er hat in Karlsbad noch mit König Milan über meine 
Sache gesprochen. Milan meint, ich übersähe die Schwie- 
rigkeiten, die Frankreich machen würde. Frankreich 



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will sein syrisches Protektorat und ein arabisches Kaiser- 
reich haben. (Kurios, daß das mit Glasers Mitteilung 
lusammentrif f t. ) 

Newiinski behauptet, Milan hätte mein Buch von 
Dr. Milicevic schon in Paris bekommen und darfiber ein- 
gehend mit französischen Politikern gesprochen. 

Newiinski sprach ferner io Karlsbad nochmab mit dem 
Fürsten Ferdinand, der sich als ein Champion meiner 
Idee erklärt haben soll. Ferdinand meint — wie Bismarck 
— , daß die Sache von Rom aus protegiert werden müsse. 

Newiinski spann daran gleich interessante Phantasien. 
Eine Rennfahrt im Oktober, fünfzehn Kardinäle — das 
ganze Konklave zu gewinnen. Der Papst würde mich 
empfangen, vielleicht eine Enzyklika über meinen Plan 
veröffentlichen. Die katholische Kirche müßte die Sache 
unter ihren Weltschutz nehmen. Der Sultan würde auch 
vom Papst eher einen Rat annehmen als vom Zar. 

Es ist auch meine Ansicht, daß wir von Rom aus ar- 
beiten müssen. Ich wollte aber Newiinski, so gut ich ihm 
auch bin, nicht merken lassen, wie sehr mir das paßt. 
Denn er ist ein Klerikaler und dem Papst jedenfalls er- 
gebener als mir. 

Ich muß zurücklesen, ob ich den Zug notiert habe, daß 
Newiinski auf unserer Stambulfahrt im Coup6 wie im 
Schlafsaloa des Hotel Royal vor dem Schlafengeben 
immer sich bekreuzigte. Und er arbeitet, wie ich glaube, 
ehrlich für die Juden. 

Beweis, daß mein Vorschlag wirklich die lösende Ver- 
söhnung von Christen und Juden ist. 



6,7 



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5. Aagust, Wien. 

Mit Schnirer über die Ergebnisse meiner Reisen und 
die Notwendigkeit einer Organisation gesprochen. 

Die Haltung Edmund Rothschilds erklärt er sich mit 
der Tatsache, daß so und so viele Leute ein Interesse an 
dem Zwiespalt zwischen £. R. und mir haben. Schnirer 
weiß, daß für jeden Hausbau in Palästina zweilausend 
Frank Bakschisch angeblich gezahlt werden. 

Ich erzählte von der vermutlichen Intrige des Roth- 
schildschen Direktors Scheid gegen mich in Yildii-Kiosk 
und fragte, was Scheid verdiene, wenn es wahr ist? — 
Schnirer sagte entrüstet: ,,Er verdiente, aufgeknüpft zu 
werden." 

Die jetzige Organisation der Zionsvereine läßt alles 2U 
wünschen übrig. Der Zionaverband ist ein untaugliches 
Instrument und muß umgebildet werden. Sie haben vor 
allem kein Geld. Ich kann für die Agitation auch nicht 
mehr hergeben, da ich mich schon erschöpfe. 

Wir kamen überein, daß die Zionsleitung in Wien 
regelmäßige „Mitteilungen" an ihre Mitglieder versenden 
werde, die ihr dafür etwas zahlen sollen, so daß der Zions- 
verband wenigstens Drucksorten bezahlen könne. 

So ärmlich ist der gegenwärtige Zustand der Ziooisten 
— die ich wahrscheinlich bald und hoch hinauf bringen 
werde, und die dann vergessen dürften, was ich suw^e 
gebracht habe. 

7. Augatt. 

Newiinski schreibt mir aus Ungarn, er habe eben einen 
Brief von Whitman aus Konstanlinopel mit einem inter- 
essanten Detail erhalten. 

Whitman hat in Therapia mit dem früheren preußi- 
schen Kriegsminister Verdy du Vernois gefrühstückt. 
Dieser, ein großer Orientkenner, habe sich über mein 

5i8 



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Palästinaprojekt sehr sympathisch ge&dßert, und „glaube, 
es wfire ein Segen für die Türkei, für die er schwlrmt". 

„Veraois meiot, die Sache sei so groß gedacht, daß es 
Zustandekommen müsse und glaubt an Sie*)I... Er 
ist sehr viel; ich wollte es Ihnen mitteilen, um Sie für 
die Schmach und Enttäuschungen zu entschädigen, die 
Ihnen von anderer Seite bereitet werden. Machen Sie 
sich nichts daraus, und denken Sie an meine Worte: Sie 
werden gerade unter Ihren Glaubensgenossen auf die 
niedrigsten Intrigen, auf Dummheit, Charakterlosigkeit 
und Undankbarkeit stoßen. Gott wird Ihnen aber helfen! 
...Ich auchl 

Mit herzlichsten Grüßen 

Ihr 

Newlinski," 

*} „an Heril" (Fußnote v. Newlinskis Brief). 



Ich schreibe den charmanten Brief Newlinskis zur Er- 
innerung ein. Wie eine Illustration dazu ist es, daß Son- 
nenschein (Hofsekret&r im Eiseababnministerium) mir 
eben erzählt, der Londoner Chief-Rahbi Adler hätte zu 
David Gutmann gesagt : „Dr. Herzl hat in London Fiasko 
gemacht." 

Und David Gutmann erzählte das vergnügt weiter. 

Ich schreibe das an de Haas nach London. Meine Leute 
im Eastend sollen dem Chief rabbi antworten. 

iO. Auguit. 
De Haas schickt Zeitungsausschnitte, darunter einen 
aus dem Daily Chronicle, worin meine Reise nach Lon- 
don mit einer türkischen Anleihekonversion in Verbin- 
dung gebracht wird. Ich lasse das nicht einmal dementie* 



5i9 



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ren. Zugleich erzShlt mir de Haas, in London sei das 
Gerücht verbreitet, eine Bankfinna (Barclay, Bevan & 
Cie.) hStte mir zwei Mitlioneo Pfund Sterling für meine 
Unternehmung lur Verfügung gestellt. Auch gegen die- 
sen Unsinn protestiere ich nicht, weil Märchen, Witze, 
Karikaturen die Vehikel der Verbreitung einer Idee sind. 



Newlinski befühlte mich heute mit dem Vorschlage, ob 
wir für den Fall eines „Non possumus!" der Türkei uns 
nicht mit einem geringeren Ferman des. Sultans begnügen 
wollten, worin die Juden nur cur Kolonisierung aufge- 
fordert werden. 

Ich witterte darin seine Lust, mit Edmund Rothschild 
und den geldkriftig vermuteten Zionsvereinen zu gehen 
und sagte: ,,Wemi wirklich die Unmöglichkeit eintritt, 
eine Staatsgrundlage zu bekcHnmen, werde ich selbst Sie 
mit den Zionisten und Edmund Rothschild in Verbindung 
bringen (damit er das nicht etwa selbst versuche), aber 
ich mache Sie aufmerksam, daß erstens für solche Kolo- 
nisierung den Vermittlern wenig Bakschisch gegeben wird, 
und zweitens, daß ich ein prinzipieller Gegner dieserForm 
bin und es nachher heftig bekämpfen würde. Behalten 
Sie nur Ihr Vertrauen zur Sache. Dana cette chose il faut 
oüoir de l'estomac, comme disent les joueurs." 

Hierauf fragte er mich, sichtlich neugekrSftigt, ob er 
an Kardinal Rampolla nach Rom schreiben solle, um 
die Aktion beim Papst einzuleiten. 

Natürlich bin ich damit sehr einverstanden. 



In Reichenau sprach ich gestern mit Hörn, dem frühe- 
ren Chefredakteur des Journal de St. Pfetersbourg. Er 



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ist der Bruder des verstorbenen ungarischea Staatsaekre- 
tfirs Ednard Hörn, den ich in meiner Knabenzeit kannte. 
Er war dreißig Jahre lang offiziöser Journalist in Kuß- 
land und kennt die VerhSltnisse natürlich gut. Er glaubt 
nicht, daß Rußland Pal&stina den Juden zulassen werde. 
Es bestehe eine „Gesellschaft des heiligen Grabes" unter 
dem Vorsitz des Großfürsten Sergius. Auch meint er, daß 
man die brauchbaren Juden nicht werde ziehen lassen. 
Der Antisemitismus in Rußland sei darauf zurückzufüh- 
ren, daß die Stadtbürger in Rußland höchstens acht 
Millionen zählen; und wenn auf diese fünf Millionen 
Juden kommen — die sich auch noch auf die ge- 
lehrten Berufe stürzen, wegen gewisser Militärerleich- 
terungen — so sei das ein unertriglicher Zustand. In 
die Bauernschaften wieder lassen sich die Juden nicht 
eingliedern, weil in der russischen Dorfgemeinde die 
Allmende besteht, an der die Juden nicht teilnehmen 
können. 

Er war übrigens seit sechs Jahren nicht mehr in Ruß- 
land und weiß nicht mehr, wie der Wind weht. 

Von Ignatiew sagt er, daß dieser als Mimster des Inne- 
ren die Judenverfolgungen geradezu ermuntert habe. 

Pobedonossew sei ein Fanatiker, der selbst dem Kaiser 
Trotz biete und sich mit mir schwerlich einlassen würde. 

i2. Augatt, Wien. 

Haas meldet aus London, ein „Zelt" der Chovevi Zion 
habe sich erboten, zu meinen Gunsten zu „revoltieren"; 
ein anderes habe mich attackiert. Die Daily-Chronicle- 
Meldung, daß ich für den Sultan eine finanzielle Mis- 
sion gehabt habe, verstimme die Leute. 

Ich telegraphiere an Haas: 

6ai 



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,4^ümmert Euch nicht um falsche Zeitungsnachrichten. 
Sagen Sie Prag, ich wünsche Zusammengehen mit Cho- 
vevi. Henl." 



In der Allgemeinen Israelitischen Wochenschrift vom 
17. Juli füllt mich ein Dr. Singer-Coblenz giftig an. 

. 13. August, Wien. 
Heute beim türkischen Botschafter M . . . N . . . gewesen. 
Er sprach eine Stunde ununterbrochen, ohne dasgeringste 
zu sagen — aber nicht aus rouerte, sondern aus unsag- 
barer Kindlichkeit. 

Er war sehr liebenswürdig — ohne ju verstehen. Oder 
ist er unendlich fein??? 

Interessant, daß Iizet ihm von mir geschrieben hat. 

M... N... gab mir die gewünschte Erklärung, die er 
zuerst an Newiinski adressiert hatte : daß die türkischen 
Behörden die jüdischen Kolonisten nicht ausweisen. Er 
bat mich aber, seinen heutigen Brief nicht zu veröffent- 
lichen. Ich solle nur sagen: „Comme nout apprenoat de 
tource eeriaine — oder rambassadeur turc m'a du — oder 
nous sommei en mesure d'affirmer" — kurz, er rechnete 
alle Glichis der Agence Havas her. 

Worin sich wieder einmal meine Definition der Diplo- 
maten bestätigt: „Leute, die aus unseren Notizen Noten 
machen." 

18. August, Aassee. 
■ De Haas gibt schlechte Nachrichten aus London. Die 
Gegner im Chovevi Zion usw. gewinnen die Oberhand. 

Meyerson habe aus Paris berichtet, daß ich dort Miß- 
erfolge hatte. Auch die Aufnahme bei den russisch-jü- 

5aa 



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dischen Studenten sei ungünstig gewesen. Dagegen bitte 
Hr. Prag sich neuerlich freundlich zu mir gestellt. 

Ich schreibe de Haas einige Komplimente für Mr. Prag 
und ermfichtige ihn gleichzeitig, das Dementi des türki- 
schen Botschafters in den Blättern zu publizieren — nur 
den Inhalt, nicht den Wortlaut. 

i8. Augutt, Austee. 
Newiinski telegraphiert aus Vasvar: 
„Habe gute Nachrichten Rom." 
(Also vom Kardinal Rampolla.) 

23. August, Baden. 

Mit dem Elektrotechniker Kremenezky lange gespro- 
chen. Er ist ein guter Zionist mit modernen Ideen. Am 
sehr salzhaltigen Toten Meer ließen sieb große chemische 
Industrien errichten. 

Die jetzigen Süfiwasserzuflüsse wSren abzuleiten und 
als Trinkwasser zu verwenden. Ersatz der Zuflüsse aus 
den} mittelländischen Meer durch einen Kanal, der teil- 
weise wegen der Gebirge als Tunnelkanal geführt werden 
müßte (eine Weltsehenswürdigkeit), und der Niveau- 
unterschied der beiden Meere wfire (Wasserfall) zur 
Treibung von Maschinen zu verwenden. Viele tausend 
Pferdekräfte. 

Auch sonst gibt es ia Palästina genug elektrisch ver- 
wendbare Wasserkraft. 

Wir müssen einen nationalen Baumverein zur Auffor- 
stung des Landes gründen. Jeder Jude stiftet einen oder 
mehrere Bäume. Zehn Millionen Bäume I 

Zur Organisation hatte ich im Gespräch einen Einfall. 

Die jungen Doktoren wollen einen Zionsverein der ab- 
solvierten Akademiker gründen. Ich meine, es wird noch 

533 



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besser sein, zionistische Fachvereine für hüben und drü- 
ben zu bilden: Vereine jüdischer Juristen, Ärzte, Tech- 
niker, Elektriker, Bauunternehmer, Beamten, Kaufleute 
(Handelskammern). Diese haben schon hier ein Gegen- 
seitigkeitsinteresse. Dann werden ihnen praktische Fra- 
gen und PUne vorgelegt, zur Begutachtung, Diskussion 
usw. Wird der Plan zur Ausführung gebracht, so hai>eQ 
wir an ihnen P^pini^n für die nötigen MSnner. 

Diese Fachvereine sollen sich dem Zionsverband ein- 
gliedern, der dadurch aus seinem allgemein beklagten 
Schlaf geweckt vnrd. 

35. Aaguat, Wien. 

Gestern ließ ich durch Colbert 5ü Stück Steyrermühl- 
Aktien an der Börse kaufen. Es ist mein erstes Geschfift 
im Leben. Ich bin dazu gezwungen durch das gemein- 
schmXhltche Verhatten der Wiener Presse, die meine Idee 
verschweigt. Ich muß trachten, Einfluß auf eine Zeitung 
zu bekommen. Diesen Einfluß kann ich nur als Mit- 
besitzer von Aktien haben. Jeder andere Versuch, zur 
publizistischen Macht zu gelangen, würde an den hiesigen 
Preßverhfiltnissen scheitern, und ich würde mich daran 
verbluten. 

So habe ich als locus minoris resistentiae das Steyrer 
Tagblatt gewShlt, das ich durch allmähliche AktienkSufe 
in meine Gewalt bringen will. Resp. soll aus der Steyrer- 
mühl ein neues Blatt hervorgehen, das ich red^ere. 

Ich setze daran mein Vermögen und das meiner Eltern. 
Dessauer verspricht mir die Lombardierung meiner Aktien 
in großem Maßstab. 

25. Aagust. Wien. 

Ich besitze i5o Steyrermühl-Aklien. 



5a4 



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Newiinski ist aus Ungarn zurückgekehrt und machte 
mir heute folgende Mitteilungen : 

Die Türken haben finanziell das Messer an der Kehle. 
Izzet Bey hat ihm geschrieben, er wSre bereit, dem Sultan 
den modifizierten Plan vorzulegen, wenn die Sache ganz 
ernst sei. Denn es kOnne ihn den Kopf kosten, wenn 
nachher nichts daraus würde. Newiinski fordert mich 
abo auf, die Proposition endgültig zu formulieren. 

Das tue ich in der folgenden Weise, wobei für Itzel 
(und für mich) noch immer die Möglichkeit bleibt, den 
Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Ich stelle eidige vage 
Bedingungen, bei deren Diskussion sich auch „ernste" 
Anträge zerschlagen können. Während der Unterhand- 
lungen mit dem Sultan werde ich auch die Londoner und 
Pariser Juden bändigen. Übrigens beruhen meine Vor- 
. schlage vollkoDunen auf den allerdings vagen Abmachun- 
gen mit Mont^u, Landau usw. Entwurf, den Newiinski 
bearbeitet dem Sultan vorlegen will : 

Die Gruppe will Sr. Majestät ein echeloniertes An- 
lehen von 30 Millionen Pfund Sterling zur Verfügung 
stellen. Dieses Anlehen ist zu fundieren auf den Tribut, 
welchen die in Palästina autonom angesiedelten Juden 
alljährlich Sr. Majestät zu zahlen haben. Der von der 
Gruppe garantierte Tribut beträgt im ersten Jahre ein- 
hunderttausend Pfund Sterling und steigt bis zu jährlich 
einer Million Pfund. Das allmähliche Ansteigen des Tri- 
buts wird mit der allmählichen Einwanderung der Ju- 
den in Palästina in Korrelation gebracht, und die nähe- 
ren Modalitäten sind in den mündlich in Konstantinopel 
zu pflegenden Verhandtungen im einzelnen zu bestim- 
men. 

Hierfür hätte Se. Majestät gnädigst folgendes zu ge- 
währen : 

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Die nicht nur vollkommeo freie, sondern von der kai- 
serlich türkischen Aegierung auf jede Weise su begün- 
stigeade Einwanderung von Juden in Palästina. Die ein- 
gewanderten Juden erhalten eine völkerrechtlich garan- 
tierte Autonomie in der Verfassung, Verwaltung und 
Rechtspflege des ihnen überwiesenen Territoriums. (Pa- 
lästina als Vasallenstaat.) 

Es wird in den Konstantinopler Verhandlungen des 
näheren festzustellen sein, in welcher Weise der ober- 
herrliche Schutz Sr. Majestät des Sultans im jüdischen 
Palästina ausgeübt und die Aufrechterhaltung der inne- 
ren Ordnung durch eine eigene Schutztruppe von den 
Juden seihst besorgt werden soll. 

Die Abmachung kann in folgende Form gebracht wer- 
den: Se. Majestät erläßt eine allergnfidigste, gesetskräf- 
tige und den Mächten vorher mitgeteilte Einladung an 
die Juden der ganzen Welt, nach dran Lande ihrer Väter 
zurückzukehren . 

Selbstverständlich soll diese Einladung erst erfolgen, 
nachdem in einem Präliminarabkommen alle einzelnen 
Punkte fixiert worden sind. 



Brief an Montagu : 

Mein lieber Sir Samuel I 

Aus Konstantinopel erhalte ich eine sensationelle und 
entscheidende Mitteilung: man ist dort geneigt, mit uns 
sofort auf der Basis in Verhandlung zu treten, die ich 
Ihnen schon in London angab. Für ein echeloniertes 
Anlehen von zwanzig Millionen Pfund Sterling, das auf 
mehrere Jahre zu verteilen wäre, würde der Sultan unter 
vorheriger Verständigung der Mächte die Juden der gan- 
zen Welt auffordern, in das Land ihrer Väter zurück- 

5a6 



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xokehren, wo sie Autonomie haben und ihm einen jShr- 
Uchen Tribut zahlen sollen. Auf den Tribut wSre da» 
Anlehen zu fundieren. 

Die Geldnot der Türkei ist aufs höchste gestiegen. 
Jetzt oder nie bekommen wir Palästina. Ich frage Sie, 
Sir Samuel, ob Sie bereit sind, mit mir nach Konstanti- 
nopel zu reisen, um die Verhandlungen zu führen. Ich 
weifi, es ist ein schweres Opfer für Sie, sich zu dieser 
Reise zu entschließen. Aber wenn Sie es bringen, wird 
man, solange Juden leben, von Sir Samuel Montagu dank- 
bar reden. 

Wenn Sie sich entschließen, werde ich Ihnen den Zeit- 
punkt noch nSber angeben. Es wird jedenfalls Ende Sep- 
tember werden, wo die Hitze in Konstantinopel nicht mehr 
so arg ist. 

Edmund Rothschild gab mir in Paris eine ausweichende 
Antwort — weder Ja noch Nein. Er wird zweifellos mit- 
gehen, wie alle Juden begeistert mitgehen werden, sobald 
wir den Erfolg haben. 

Bedenken Sie wohl, Sir Samuel, in welcher historisch 
denkwürdigen Situation Sie sich jetzt befinden 1 Verste- 
hen Sie die ganze Größe der Aufgabe, die an Sie heran- 
tritt I Seien Sie der Mann, den wir brauchen l 

Ich grüße Sie herzlich. 

Ihr aufrichtig ergebener 

Herzl. 



Brief an Zadok Kahn. 

. Ew. Ehrwürden I 

(streng vertraulichl) 
Aus Konstantinopel erhalte ich die sensationelle und 
entscheidende Mitteilung, daß man zu nSheren Verband- 
Sa? 



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lungen sofort bereit ist. Die Geldnot ist dort aufs höchste 
gestiegea. Jetzt oder nie bekommen wir PaUstina. 

Was haben Sie seit unserem letzten Briefwechsel veran- 
laßt? 

Die Ereignisse drängen. Ich bitte um schleunige Ant- 
wort. 
In aufrichtiger Verehrung 

Ihr ergebener 

Herzl. 

29. Aagust. 

Aus Konstantinopel kommen Schreckensnachrichten. 
Das Haus der Ottoman-Bank wurde von Armeniern ge- 
stürmt. Mord, Totschlag, Bomben, Straßenkämpfe. Die 
Ordnung scheint wieder hergestellt worden zu sein, aber 
der Eindruck in der Welt ist deplorabel. Jedenfalls unter^ 
lasse ich vorläufig die Absendung der vorstehenden ge- 
stern entworfenen Schriftstücke. Die Engländer Mon- 
tagu usw. werden jetzt wahrscheinlich gar nichts mit dem 
Sultan zu tun haben wollen. Andererseits wäre freilich 
der Moment sehr günstig, mit dem Sultan zu verhandeln, 
weil er gegenwärtig schwerlich von irgendwem Geld be- 
kommt. 

39. August, nachmittag. 

Den Brief an Zadok Kahn schicke ich doch ah. 

d. September, Breslau. 

Die Begebenheiten der letzten Tage einzutragen war 
ich durch den hastigen Zeitungsdienst verhindert. 

Von Zadok Kahn kam eine Antwort : er könne vorläufig 
nichts ausrichten, weil er von den Leuten, an die er sich 
wandte, „dilatorische, also ausweichende Antworten" er- 

5a8 



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hielt. Dilatorisch, aUo ausweichead, ist auch seine eigene 
Antwort. Niemand hilft. 

Dienstag, den i . September, fragte mich Bacher, ob 
ich EU den Kaisertagea als Berichterstatter nach Breslau 
gehen wolle. Ich sagte natürlich Ja. 



Am selben Abend war ich im Caf 6 Louvre in der Wipp- 
lingerstraße, wo sich die Wiener Zionisten jeden Diens- 
tag versammeln und seit Monaten darüber beraten, wie 
man ein Vereinslokal akquirieren könnte. Wenn es mir 
gelingen sollte. Größeres für die Zionisten zu erreichen 
und ihnen mehr als ein Vereinslokal für 800 fl. Jahres- 
lins zu verschaffen, werden mich gewiß viele angreifen. 
Einzelne dieses Schlages erkenne ich schon jetzt: sie 
„fühlen sich durch mich verdrSngt" usw. Die werden 
daran zu erinnern sein, wie ohnmichtig sie sich gezeigt 
haben, und wie sie nichts taten als leer herumreden. 

Obrigens boten sie mir diesmal förmlich an, Chef des 
Exekutivkomitees der Partei zu werden. Das nahm 
ich an. 

Es war der „Christliche Zionist", Baron Manteuf fei, zu- 
gegen, der armen Judenjungen auf seine Kosten landwirt- 
schaftlichen Unterricht geben l5&t. 



Ich telegraphierte an Hechler, der nach Höritz zu den 
Bauernpassionsspielen gereist ist, daß ich nach Breslau 
gehe. 

Er fragte mich darauf, ob ich ihn kommen lassen wolle; 
er habe gleich nach Baden an den Großherzog geschrie- 
ben. 

34 Banl« TBcebSober I. 5l9 



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Ich bat Hechler telegraphisch, nach Görlitz zu kommflo. 
Heute meldet er mir, daß er morgeu dort eintrifft. Ich 
will ihn zum Prinzen Heinrich von Preußen schicken; 
vielleicht gelingt es, die Audienz beim Kaiser zu be- 
kommen. 

9. September, Görlitz. 

Vorgestern hier angekommen. Ich wohne in einem 
traulichen Privathause bei Mueikdirektor Stiehler. Ich 
fand schon Hechlers Visitkarte vor, der mich aufgespürt 
hatte, obwohl ich meine Adresse nicht angeben konnte. 
Er selbst wohnt im „Evangelischen Vereinshause", das 
auf mich den Eindruck eines christlich-sozialen Konsum- 
vereins macht. Kahle, saubere Wände mit Bibelsprüchen. 
Eine große Wirtsstube, wo man zwar den Leuten zu 
trinken gibt und daran vielleicht sogar eine Kleinigkeit 
profitiert, die Leute aber offenbar in der Hand hält. Das 
Ganze macht den Eindruck einer geschickten politischen 
Einrichtung. 

Hechler saß in einem freundlichen, evangelisch mit 
Bibelworten geschmückten Zimmer. Das ist ganz ausge- 
sprochen die Stöckersche Gegend, und eine der kuriose- 
sten, in die ich bisher im Verlauf meiner Bewegung ge- 
kommen. 

Hechler hatte sich schon ein wenig informiert. Unter- 
wegs von Höritz hierher bat er einen Brief an den Kaiser 
über the return of the Jews in englischer Sprache auf 
dem Papier der Wiener Botschaft abfaßt. Der britische 
Stempel gab dem Ganzen einen vagen, amtlichen Cha- 
rakter. 

Leider ist Prinz Heinrich von Preußen, auf den Hech- 
ler rechnete, nach Kiel abgereist, um den Zar dort zu 
empfangen. „Übrigens," sagt Hechler, „wer weiß, wozu 

53o 



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ea gut ist. Prinz Heinrich soll sich in der letzten Zeit 
Ober die Religion nur noch spOttelod geiußert haben. 
Und man soll die Perlen nicht vor die Säue werfen, wie 
die Bibel sagt." 

Günther von Schleswig-Holstein, der Bruder der Kai- 
serin, ist aber hier. Dieser hat Wohlwollen für Hechler 
und Interesse für soziale Fragen. Er war in England, um 
Arheiterzustände zu studieren. Seines Zeichens ist er 
Major, ich glaube, im GenerBlstabe. Hechler erzählte 
mir bei dieser Gelegenheit auch, daß Herzog Günther 
kürzlich verdächtigt wurde, in die anonyme Hofbrief- 
geschicbte, die zum Duell Schrader-Kotze geführt hat, 
verwickelt zu sein. Klatsch, für den ich mich bisher nicht 
interessiert habe und jetzt gern höre, weil er mir die 
großen Herrschaften von der kleinen Seite zeigt. Und 
das ist notwendig, wenn man vom äußeren Brimborium 
ihres Glanzes nicht verwirrt werden und unbefangen mit 
ihnen verkehren soll. 

Dariun habe ich den Deutschen Kaiser in der letzten 
Woche, wo ich ihn so häufig sah, scharf auf sein Ge- 
brechen hin beobachtet. Ist es nicht merkwürdig, daß 
man von ihm, einem der „angesehensten" Männer der 
Welt, eigentlich nicht weiß, daß er nur einen Arm hat. 
Sie wandeln wirklich in der Wolke. Da ist eine Gestalt, 
die man aus hunderttausend Abbildungen kennt; und 
wenn man ihn sieht, bemerkt man, daß sein entschei- 
dendes Merkmal der Menge vorenthalten wird. Ja, die 
Menge sieht ihn täglich und weiß es kaum. Die Scharf- 
sichtigsten sagen: er hat einen steifen Arm. Tatsächlich 
ist es der Arm eines Kindes, der ihm von der linken 
Schulter herabhängt. Der Arm soll durch eine rachi- 
tische Entwicklung zurückgeblieben sein. Hechler gibt 
mir die — offenbar höfische — Version, Wilhelm sei 

34- 53 1 



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als Kind von seiner Amme falleo getasseo worden, und 
man habe die Folgen erst bemerkt, als es su spfit war. 

Jedenfalls ist diese Abnormilit für sein Bild wichtig. 
Mir bringt sie ihn menschlich nfiher. Sie zeigt, dafi er 
eigentlich unter seinen vielen Regiments-Inhaber-Uni- 
formen doch nur ein hilfloser Mensch ist. Wenn ich die 
Bilder seiner Macht, den Glanz seines Hofes, die kriege- 
rische Pracht seiner Legionen auf dem Paradefetde sab, 
habe ich immer nur seinen Krüppelarm betrachtet, um 
meinen Geist nicht bet&uben zu lassen für den Fall, daß 
ich unter vier Augen mit ihm sprechen werde. 

Diese Krüppelhaftigkeit erklärt, glaube ich, auch sei- 
nen ganzen Charakter. Dieser Oberste Kriegsherr würde 
von der Assentierungskommission abgelehnt werden, wenn 
er ein gewöhnlicher StellungspfUchtiger wäre. Daher 
kommt vielleicht seine krankhafte Vorliebe für alles Mili- 
tSrische. Er kann auch keine ungezwungene Haltung 
haben, weil er immer an die Verbergung seines Gebre- 
chens denken muß. Wirklich täuscht er auch viele durch 
die Art, vrie er zu Pferde die Zügel mit seiner kurzen 
Linken hält. Dieser Zügelarm macht ihn zum Reiter. 
Auch liebt er blendende, glänzende Uniformen, strahlende 
Helme, die den Blick anziehen, ablenken. 

Er ist aber, wie mir scheint, ein sympathischer Mensch, 
besser noch und kürzer: ein Mensch 1 

Der Menge will er zwar stark imponieren, und er spielt 
den Kaiser mit Macht. Denen, die ihm näherkommen, 
will er jedoch liebenswürdig gefallen. Er hat eine ge- 
winnende Art des Händedrucks, wie ein Parteiführer. Er 
schaut jedem, mit dem er spricht, tief in die Augen, in- 
dem er dicht herantritt. Am liebenswürdigsten war er in 
Breslau bei der Festvorstellung, als das kleine Militär- 
lustspiel von Moser aufgeführt wurde. Da lachte er stark 

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über die bannlosen Soldatenscberze; er schüttelte sich 
ordentlich vor Lachen. Ja, es war eine Nuance von Über- 
treibung in dieser Ungezwungenheit, die er von so vielen 
Augen beobacbtet wußte. Er hat einen Hang zur Ober- 
treibung. 

Zweifellos ist er ein hoch- und vielseitig begabter 
Mensch, der nur mit seinem einzigen Arm zu viel an- 
greifen möchte und immer die Hände voll zu tun hat, 
weil er verbergen will, daß er nur eine Hand hat. 

Wenn ich ihn recht verstehe, werde ich ihn für die 
Sache gewinnen, falls es mir gelingt, mich ihm zu nähern. 



Hechler war gestern nachmittag heim Prinzen Günther, 
als dieser vom Manöverfeld heimkehrte. Leider um eine 
Minute zu spät. Der Prinz saß schon im Bade oder ließ 
wenigstens durch den Diener sagen, er sitze schon im 
Bade; Hechler möge abends vor dem Hofdiner wieder- 
kommen. 

Das tat Hechler; aber ein bober General war beim 
Prinzen. Günther sprach im Weggehen nur ein paar 
Worte mit Hechler, hat ihn, heute abend um halb sieben 
wiederzukommen. 

Damit ist die Aussicht, hier zum Kaiser zu gelangen, 
ziemlich geschwunden. Denn von morgen früh weiter 
durch drei Tage ist der Kaiser bei den Manövern. Auch 
muß ich morgen fort. 

/2. September, Wien. 
Hechler kam vorgestern nachmittag und berichtete. 
Prinz Günther habe von der Sache gesprochen, wie je- 
mand, der sie kenne. Der Kaiser scheine mit ihm bereits 

533 



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vorher darüber g^esprochen zq haben. Sie wollen ab«* 
offenbar nicht an die Sache herangehen, Fürsten haben 
eine Scheu vor der ganzen Frage. „/( is to ttrange", sagte 
Prinz Günther zu Hechler. Dieser wird aber doch viel- 
leicht vcnn Kaiser empfangen werden, obwohl Günther 
Hechlers Brief an den Kaiser nicht zur Beförderung über- 
nehmen wollte. 

Ich sah ein, daß ich jetzt in Görlitz nichts erreichen 
würde, und entschloß mich sofort zur Abreise. Hechler 
begleitete mich auf die Bahn. Dort schSrfte ich ihm ein, 
er möge noch versuchen, was er könne, und jedenfaUs 
dem Prinzen, evtl. dem Kaiser, sagen, daß ich zwar plötz- 
lich abreisen mußte, aber bereit sei, wann immer und 
wo immer zu erscheinen, um die Sache vorzutragen und 
zu erkllren. 



Der arme Hechler hatte Pech. Er war von Höritz ab- 
gereist, ohne seine Adresse zu hinterlassen. Vorgestern 
suchte ihn die Botschaft, weil ein Engländer hier gestor- 
ben ist, und Hechler ihn gestern hier hatte einsegnen 
sollen. Ich tel^raphierte es ihm, freilich zu spfit. 

Die Köchin Hechlers, bei der ich in seinem Auftrag an- 
gefragt hatte, teilte mir diesen Zwischenfall klagend mit 
Und sagte; „Wie schade, es war eine reiche Leiche." 



Von Zadok Kahn traf w&hrend meiner Abwesenheit ein 
Brief ein, worin neue Klagen und Anklagen des Roth- 
Bchildschen Direktors Scheid vorkommen. Wer lügt? 
Scheid oder die Türken, welche die Ausweisung jüdischer 



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Kolonisten förmlich leugneten? Das muß jetzt aufge- 
klSrt werden. Ich schreibe darüber an Newlinski. 



Ans London kommt die Nachricht, daß sich die Mächte 
mit dem Gedanken der Absetzung Abdnl Hamids be- 
scblftigen. Wenn das eintrifft, ist der Zionsgedanke auf 
lange hinaus tot. Denn ein neuer Sultan findet Geld nnd 
braucht diese Kombination nicht. 



Hecbler telegraphiert aus Görlitx: 
„Sehr freundlichen Brief (wohl von Günther), nur 
Mangel an Zeit." 

16. September, Wien. 

Gestern uferlose Debatte im Zionsverband im Cafi 
Louvre, dann im Gasthaus Robicsek. 

Ein Vertreter der Lemberger Zionisten war zugegen, 
der eine rasche Aktion forderte. Sie könnten in Galizien 
in einem Jahre 4oo bis Oooooo Unterschriften für eine 
Petition an die Mächte aufbringen. Das Elend sei groß, 
die Sehnsucht auszuwandern unermeßlich. Dr. Gabel 
beißt dieser Abgesandte. 

Ich nahm ihn beim Wort : er solle die Unterschriften 
aufbringen. Diese würden die Stärke der Bewegung be- 
weisen und ein Rückhalt für unsere Aktion sein, die man 
aber nicht schon morgen als perfekt erwarten dürfe. 

Alle wünschten Taten, und zum Schluß stellte sich 
heraus, daß Schnirer mein ihm vor Wochen übergebenes 
Rundschreiben über die Notwendigkeit einer Organisation 
noch gar nicht verschickt habe. 

Man stritt über die Stilisierung des ersten Paragraphen 
in dem von Schnirer entworfenen Parleiprc^amm. 

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Brief äo Zadok K«lm. '^- September, 

Ew. EhrwOrdenl 

Von einer Reise zurückkehrend, beeile ich mich, Ihren 
werten Brief v. 7. ds. zu beantworten. 

Es war mir schon früher mitgeteilt worden, daß Herr 
Scheid gegen mich arbeitet. Aus Ihrem Briefe ersehe 
ich, daß dies wahr ist. Ich frage mich, welches Interesse 
dieser Herr denn wohl haben könne, so vorzugehen? Die 
Bewegung, die ich eingeleitet habe, mag nicht die Zu- 
stimmung aller Juden finden; daß aber Leute, die mit 
der Kolonisation zu tun haben, dagegen ankämpfen, ist 
mir vorderhand unverständlich. 

Auf Ihre erste Reklamation im Juli, die mir durch 
Dr. Nordau zuging, habe ich sofort in Konstantinopel 
Schritte gemacht und ein offizielles Dementi vom Wiener 
türkischen Botschafter erhalten. Dieses Dementi telegra- 
phierte ich an Baron E. Rothschild, der sich bis zum 
heutigen Tage dafür nicht bedankt hat. 

Ich ließ mir dann im August dieses Dementi vom Bot- 
schafter wiederholen, weil sein erster Brief auch noch 
anderes enthielt, was ich nicht vorzeigen wollte. Beilie- 
gend finden Sie den Brief, den Sie Baron Rothschild 
und Herrn Leven zeigen und mir dami baldigst zurück- 
schicken wollen. 

Jetzt kommt Herr Scheid mit spezialisierten Anklagen. 
Ich schicke diese zur Untersuchung an die geeignete Stelle. 
Ich werde konstatieren lassen: i. ob die Tatsachen richtig 
sind, a. ob dergleichen Schwierigkeiten vor meinemAuf- 
treten nicht vorgekommen sind, 3. ob die angeblichen 
Maßregeln irgendeinen Zusammenhang mit meinen Be- 
mühungen haben. 

Da es zum Unglück der Juden gehört, daß auf die Ent- 
schließungen des Herrn v. Rothschild viel ankommt, muß 

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diesem Zwischenfall einige Aufmerksamkeit zugewendet 
werden. 

Wer unserer Sache in die Nähe geht, soll sich den 
ganzen Ernst klar machen. 

Ich habe bis jetzt die Bewegung schonend und als ein 
ruhiger Mann geführt, das weiß man. Man weiß auch, 
daß für mich der Zionismus weder Sport noch Gescfafift 
ist. Ich lebe nicht davon, sondern dafür. Ich bringe 
Opfer aller Art, die im Verhältnis zu meinem Vermögen 
gewiß nicht geringer sind als die des Herrn v. Rothschild. 
Also fordere ich, daß man, wenn man schon nicht mit- 
hilft, doch nicht gegeaarbeite. 

Ich glaube, daiß wir an einem großen Wendepunkt 
unserer Geschichte stehen. Sie kennen die Vorkomm- 
nisse in der Türkei. Nie war uns die allgemeine Lage gün- 
stiger. Ich lasse mich jetzt darüber nicht aus, weil ich 
mit Bedauern Ihrem Brief entnehme, daß Sie wieder um- 
gestimmt worden sind, nachdem Sie mir aus Weggis 
schrieben, Sie wollten einen vertraulichen Wettkongreß 
einberufen. 

leb gehe meinen Weg weiter, unbeirrt, unerschütterlich. 

Merkwürdigerweise wissen noch manche Leute nicht, 
daß ich schreiben kann und ebensowenig zu kaufen bin 
wie der unangenehme Herr Drumont. Pampbiete werde 
ich zwar nicht schreiben, aber einen einfachen Beriebt 
über das, was ich versucht habe, und woran ich vielleicht 
verbindert worden bin. Das Buch wird heißen „Die 
Rückkehr der Juden",' und jeder wird darin seinen Platz 
haben. Tont pis, $i cela foarnira encore de la eopie ä 
Monsieur Drumont. 

Mit hocbachtungsvollem Gruß 

Ew. Ehrwfirden ergebener 

Herzl. 

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16. SepUmber, Wien. 

Aus Jerusalem ist eiae begeisterte und rührende Reso- 
lution gekommen. 

Der Übersender Wilhelm Groß schreibt mir, die Unter- 
fertiget gehörten zu den angesehensten M&nnern Jeru- 
salems. 

Er bestreitet — wie merkwürdig sich das trifft — daß 
meine Bemühungen den dortigen Juden geschadet bitten. 

Ich antworte ihm, er möge aus den angesehensten 
MSnnern ein Untersuchungskomitee bilden. Dieses solle 
weder aus Freunden noch aus Feinden des Scheid he* 
stehen und die drei Punkte feststellen, die ich an Zadok 
Kahn geschrieben. 

Zugleich bat ich ihn um vertrauliche Mitteilungen Ober 
Scheid, weil ich diesen nicht kenne und wissen möchte, 
ob ihn nur reine Überzeugung verleite, gegen mich zu 
arbeiten, oder ob da noch andere Motive mitspielen. 

2ä. September. 

Von Zadok Kahn erhielt ich einen Brief mit Einlage 
von Scheid, worin dieser meint, ich traute den Türken 
SU viel. Wenn ich wirklich was erreichen könne, solle 
ich die Einwanderungserlaubnis für loo Familien 
nach dem Djolan erwirken. Zugleich teilt Zadok mit, 
es werde im Oktober in Paris eine Versammlung der 
Hirscbfonds-Leute stattfinden, denen er meinen Plan uaw. 
vorlegen wolle. 

Ich suchte sofort Newlinski auf, sagte ihm, der Moment 
de frapper un grand coup sei gekommen. Der Sultan 
möge mir die Einwanderungs-Befugnis für drei- bis 
fünfhundert Familien geben oder eine andere große 
Kundgebung, daraufhin würden ihm die Birschleute usw. 
einen Antrag machen. 

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NewUnski schrieb an Izzet und sprach mit dem hie- 
sigen Botschafter M . . . N . . . Dieser erzählte bei der Ge- 
legenbeit, daß der Botschaftenreporter der N. Fr. Pr. 
von mir als einem Verrückten spreche. 



Inzwischen hat sich noch folgendes abgespielt. Glogau 
kam zu mir mit der Mitteilung, die Regierung wolle der 
N. Fr. Pr. ein Konkurrenzblatt in den Nacken setzen, 
weil die N. Fr. Pr. seit der Versöhnung Badenis mit 
Lueger dessen Ministerium unangenehm wird. Das Blatt 
soll liberal-konservativ-antisemitiscb, kurz ein Unding 
sein, aber typographisch (diebographisch) genau so aus- 
gestattet wie die N, Fr. Pr., die freilich auch Shnlich aus 
der alten , .Presse" entstanden war. 

Ich ließ nun vor Newlinski die Bemerkung fallen, diese 
Konkurrenz sei dumm. Wenn man die N. Fr. Pr. schwä- 
chen wolle, könne man es so nicht machen. Ich aber 
würde, weil man mir das vor einem Jahr gegebene Wort 
nicht gehalten und den Judenstaat, die Judensache, nicht 
nur nicht unterstützt, sondern geradezu böswillig ver- 
schwiegen hat — ein großes Blatt gründen. 

Sofort erzSblte Newlinski das seinem Freunde Kozmian 
— am Montag — und als ich Dienstag im Burgtheater 
War, kam Kozmian und sagte, Graf Badeni, der auch 
im Theater sei, wünsche mit mir über „mein Blatt" zu 
sprechen. Ich antwortete, so weit seien wir noch gar nicht; 
es wfire nur ein Anfang da, usw. 

Aber am folgenden Tage, nach neuerlicher Rücksprache 
mit Badeni, rief mich Kozmian zu sich ins Hotel Imperial, 
wo Newlinski zugegen war. Badeni ließ mich fragen, was 
ich ,rfür meine Unterstützung" wünsche. 

leb antwortete: „Vor allem kein Geldl Ich will unab- 



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faiogig sein, das gegenseitige Verhältnis hat mehr in der 
Attitüde zu bestehen. Wenn ich für meine Idee eine Hilfe 
oder Gefälligkeit irgendwie brauche, soll mir die Regie- 
rung helfen, dafür werde ich ihr nicht anangenehm sein." 

, j)as ist wenig", sagte Kozmian, der im Hemd war und 
nur einen Oberzieher daraufgezogen hatte. 

,^l80 angenehm 1" erklärte ich, „aber Graf Badeni muß 
den Zionismus unterstützen." 

Kozmian glaubte das versprechen zu können. Badeni 
werde die jüdische Kolonisation fördern (parbleal auch 
Luegers Wunsch), und es ist nun plötzlich der Moment 
da, den ich damals beim Erscheinen meiner Broschüre 
in dem Brief an Badeni vorgeahnt hatte. 

Kozmian sagte noch, Badeni werde mich empfangen, 
sobald ich es wünsche, — und reiste ab nach Galizien, 
von wo er übrigens anfangs Oktober zurückkehrt. 

Als ich hinausging, begleitete mich Newiinski vor die 
Tür und meinte: „II faudra cr^r aussi k Kozmian une 
Situation dans ce Journal." 

Ich sagte: „Ce n'est pas possible, mais je tächerai de 
I'int^resser autrement." 

Newiinski sagte hierauf bündig: „II en a besoin." 



Ich betreibe jetzt die Vorarbeiten für die Blattgrfln- 
dung. Schwierige Finanzsache. Dessauer berät mich. 

25. September. 
Brief an Zadok Kahn. 

Ew. Ehrwfirdenl 
Ihren freundlichen Brief mit Einlagen habe ich dan- 
kend erhalten. Ich ließ gestern durch den hiesigen tür- 
kischen Botschafter eine Anfrage nach Konstantinopel 

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richten, oachdem ich auch direkt dort schon die nötigen 
Schritte in den letzten Tagen vorgenommen habe. In der 
Türkei hat man jetzt viele große Sorgen; und es ist nicht 
zu verwundern, wenn man mir nicht sofort antwortet, 
obwohl ich begründete Ursache zur Annahme habe, daß 
man mir sehr wohl will. 

Ich bitte Sie, mir den genauen Termin des Zusammen- 
tritts der Hirschleute anzugeben, damit ich die Kund- 
gebung, um die ich in Konstantinopel bat, Ihnen zur 
Vorlage an die Herren einsenden oder selbst damit nach 
Paris kommen könne. Ich ersuchte nSmlich um eine 
jeden Zweifel ausschließende Bestätigung der mir münd- 
lich gegebenen Erklärungen. Erhalte ich diese, ao wird 
das, denke ich, ein schätzbares Material für die von Ihnen 
angekündigte Beratung in Paris sein. 

Auch auf verschiedenen anderen Punkten bin ich tätig. 
Icli habe insbesondtsre hier in Osterreich an einer sehr 
hohen Stelle Entgegenkommen gefunden. Was es sonst 
noch — in Rom und Berlin — für uns Günstiges gibt, 
kann ich Ihnen nicht schreiben. Ich bin (verzeihen Sie 
mir gütig meine Aufrichtigkeit!) nicht ganz überzeugt, 
daß Sie, wie es für die Sache erforderlich wäre, durch 
dick und dünn mitgehen. 

Das schließt aber nicht aus, daß ich Ihnen für Ihre Be- 
mühungen herzlich dankbar bin und Sie bitte, weiter mit- 
zuhelfen, soweit Sie ebeu mithelfen kSnnen. 

In aufrichtiger Verehrung 

Ihr ergebener 

Herzl. 

Konnte Edmund Rothschild nicht versuchen, sich dem 
Zar jetzt in Paris zu nähern und dessen Wohlwollen für 
die Kolonisation zu erbitten? Unsere Bestrebungen 

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konvergieren ja, wenn wir auch im einzelnen auseinander- 
geben. 

25. September. 
Newlinaki erz&hlt mir, er habe von Kardinal Agiiardi 
die Nachricht, daß Kardinal Rampolla dem Papst meine 
Idee vorlegen wolle. 

* * * 

Hechler war schon ein paarmal da, um zu fragen, ob 
ich schon an den Prinzen Günther geschrieben habe.. Ich 
war in den letzten Tagen zu matt und zerstreut. 



Gestern waren Schnirer und Kokeech bei mir. Sie klag- 
ten, der kleine Dr. K . . . „wolle sich losreißen". Er agi- 
tiere auf eigene Faust in Mähren usw. und es solle 
„innerpolitisch" gewirkt werden. Beide erklärten K... 
für einen Streber, dem es nur um die Ergatterung einer 
persönlicheu Situation zu tun sei. Schnirer sprach davon, 
sich zurückzuziehen. Kokesch wollte K . . . durch Zuge- 
ständnisse wieder kriegen. Ich sagte diesen beiden, die 
zu den bravsten der hies^ea Zionisten gehören : 

„Weder das eine noch das andere, sondern arbeiten 1 

Beginnen Sie endlich das oft besprochene Organisa- 
tionswerk, so entziehen Sie diesen Separatisten den 
Boden." 

Schnirer sagte, er habe K . . . aufgefordert, die Resul- 
tate seiner Agitation „uns", d. h. dem Zionsverband, zu 
überlassen. K . . . lehnte das ab, das habe er „nicht für 
uns" getan. 

Ich hOre aber aus Mähren, daß die jungen Leute mit 
meinem Namen agitieren — und doch „nicht für uns"? 

Endlich beschlossen Schnirer, Kokesch und ich die Ein- 

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Setzung von Kommissioaea, die der Leitung, d. h. uns, eu 
referieren hätten. Eine Vereins-, eine Preß-, eine Finanz-, 
eine Studienkommission. 

Das Schlimme ist nur, daß Schnirer und Kokesch dann 
bald wieder die Sache werden einschlafen lassen. 



Heute war der Rabbiner Dr. L . . . G . . . aus Mieslitz bei 
mir und bat mich um Unterstützung, da er in Floridsdorf 
Rabbiner werden möchte. Er ist Zionist. Er teilte mir 
bei dieser Gelegenheit mit, daß die jungen Leute in 
MShren den Rabbinern schreiben, sie mögen Anteil- 
scheine & 5o Fl. zur Gründung einer jüdischen Zeitung 
aufl>ringeD. 

Das ist offenbar K . . . s Idee. 

5. Oktober, Wien. 

Seit der letzten Eintragung schwere, wirre Tage mit 
viel Sorgen und Ekel. Ich habe mit „praktischen" Leuten 
aus der Geschäftswelt und Politik zu tun gehabt und oft 
bedauert, daß ich mich aus der Literatur in dieses Trei- 
ben hinausbegeben mußte. 

Einige Tage w^u'en voll von Versuchen der Zeitungs> 
grOndung. Der Bankdirektor Dessauer hatte monatelang 
mit mir davon gesprochen, daß er, resp. seine Bank, sich 
au der Zeitungsgründung (die natürlich ab eine anstän- 
dige, von Finanzgeschäften unabhängige gedacht war) 
mit einem Teil des Aktienkapitals beteiligen würde. Als 
ich aber mit Colbert und Steiner, von der Verlagsgesell- 
schaft Wiener Mode, zu ihm kam, erklärte er : „So dür- 
fen Sie mich nicht beim Wort nehmen." 

Es war eine beschämende Situation. 

Dann wurde eine andere Kombination begonnen, in der 



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ich und einige VerwaDdtea die Hälfte des nötigen Geldes 
herbeischaffen soIImi. Die andere HSlfte wird aber 
scliwerlich aufiubringen sein. 

Inzwischen ließ ich aber schon durch Newlinsld und 
Kozmian den Grafen Badeoi wissen, daß ich eine große 
Zeitung zur Vertretung meiner. Idee aufstellen wolle. Die 
innere politische Lage ist eine derartige, daß dies auch 
im Interesse Badenis ist. Er ließ mir durch Kozmian 
sagen, daß er mich empfangen werde, sobald ich ihn zu 
sprechen wünsche. Ich ging absichtlich nicht hin, so- 
lange ich nicht mit der Geldbeschaffung für die Zeitung 
fertig war. Ich bin es noch nicht. Und durch den Wort- 
bruch Dessauers bin ich jetzt vor Newlinski, Kozmian und 
Badeni blamiert. Badeni hatte ohnehin von vornherein 
erklärt, er glaube nicht daran, daß ich es machen würde. 
Ich sei ein schwacher Mensch. Kozmian hatte mich ge- 
fragt, was ich für die „Unterstützung der Regierung" 
verlange. Ich antwortete ihm, daß ich keinerlei Geldsub- 
vention annehmen könne, aber für die Förderung meiner 
zionbtischen Politik dem Kabinett Badeni Dienste leisten 
wolle. Kozmian schien nicht recht zu verstehen, wie man 
so etwas gratis tun könne. 

Als ich nun Newlinski berichten mußte, daß meine 
Zeitungsversuche soviel wie fehlgeschlagen seien, geriet 
- er in großen Zorn (ich hatte ihm eine gute Anstellung 
als Informator bei der Zeitung in Aussicht gestellt). Er 
sagte, er sei von mir enttäuscht, ich sei offenbar nicht 
der Mann zur Ausführung der Idee. Ich sei zu viel Idea- 
list. Ich müsse von Montagu, E. Rothschild usw. Geld 
verlangen, um ein großes Organ zu schaffen. Ich sagte 
darauf, daß ich es nie über mich bringen würde, von 
jemand Geld zu verlangen, das aussähe, als wäre es mir 
gegeben. 

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Er meinte darauf, es sei am besten, die ganze Sache 
fallen lu lasaeo. 

Ich begleitete ihn dann bis zur türkischen Botschaft. 
Er scherzte: „Wenn wir zwei Verschwörer wSren, und 
es handelte sieb darum, einen Dynamitdiebslahl zu be- 
gehen, und Sie weigerten sich zu stehlen, so würde ich 
meinen Revolver ziehen und Sie niederschießen." 

Ich glaube wirklich, daß eine Energie dieser Art für 
die Durchführung nOtig wSre. Ich habe sie nicht. Ich 
scheue mich davor, Geld für die Agitation zu verlai^n, 
geschweige denn, es auf ungenteele Art aufzubringen. 

Als die Steyrermühl-Kombination im Zuge war, ge- 
nierte mich das Börsenmißige daran, und mit einer Er- 
leichterung ließ ich die Aktien wieder verkaufen, ab die 
Kombination sich als undurchführbar erwies. 

übrigens hat Newlinski jetzt Gelegenheit, figürlich den 
Revolver zu ziehen, wenn er die ihm unter Diskretion 
gemachte Mitteilung an Bacher und Benedikt weitergibt. 

Ich sSße dann plötzlich zwischen zwei Stühlen auf der 
Erde. 

Ich traf heute Benedikt auf der Gasse, bevor ich ins 
Bureau ging, und er begleitete mich eine Stunde durch 
die Stadt. Ich fragte ibn, ob er heute schon dem Zionis- 
mus nähergekommen sei durch alles, was sich in Oster- 
reich seit einem Jahr abgespielt hat — Lueger beim 
Kaiser, Badenis Aussöhnung mit den Antisemiten, usw.? 

Er beharrte darauf, daß die N. Fr. Pr. auf dem deutsch- 
liberalen Standpunkt bleiben müsse. Die jüdisch-natio- 
nale Bewegung sei ein Unglück usw. Insbesondere Mäh- 
ren gehe dadurch dem Liberalismus verloren. Dennoch 
schien mir sein Widerspruch heute schwächer als vor 
einem halben Jahre. 

Dieses balbe Jahr hat für mich einiges bedeutet. Die 

35 Benli Taoebtkilier L 5^5 



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Wiener Juden scheiDen mürber geworden zu sein. Es 
gal> da etwas Eigenlümlicbes. Mir waren die Fortschritte 
des Antisemitismus gleichgültig, ich sah sie kaum. Bene- 
dikt und Genossen hingegen Ärgerten sich täglich mehr 
lu mir herüber. 

Auf wie vielen Punkten habe ich schon recht behalten! 

Oppenheim, der vor einem Jahre meine Broschüre für 
einen bösen Witz erklärte, sagte heute, dali ich ganz gut 
einige sachliche Artikel über den Zionismus in der N. 
Fr. Pr, schreiben könnte. 

Das wäre ein Ausweg I 

Jedenfalls kommen aber wieder schwere Tage für mich, 
wie vor einem Jahr, als ich von der N. Fr. Pr. weg sollte 
und in den Unterhandlungen so viel Herzklopfen bekam, 
daß mein Herz seitdem leidet. 

Wieder gibt es spannende Fortsetzungen in meinem 
Lebensroman. Vielleicht schleudert mich die Bewegung 
jetzt ans meiner sicheren Stellung bei der N. Fr. Pr. 
hinaus und in Abenteuer, denen ich wegen meiner Familie 
nicht ohne Sorgen entgegenblicke. 
* * * 

Newlinski erzählt mir ein Wort von Bacher. Sie trafen 
abends im Prater zusammen. Bacher fragte ä bräle pour- 
point: „Was machen Sie mit dem Herzl?" 

Newlinski antwortete : „Ich bin ihm bei der türkischen 
Regierung in der Judenkolonisationssache behilflich." 

Worauf Bacher: ,J)er Herzl ist ein solcher SchmockI" 

6. Oktober. 
Unter all den Leuten, die durch die „Bewegung" an 
mich herangezogen wurden, ist Rev. Hechler der bravste 
und schwärmerischste. Aber ich glaube, er will mich 
bekehren. 

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Er schreibt mir öfters ohne VeranlassuDg Postkarten, 
worin er mir meldet, daß er nachts nicht habe schlafen 
können, weil ihm Jerusalem eingefallen sei. 

10. Oktober. 
. Wieder einige Tage mit auf und ab in der Zeitungs- 
sache. Mehrmals erschien alles fertig, dann wieder: ioat 
est rompa, mon gendre. 

Diese Peripetien sind uointereasant und vergessenswert, 
wenn man sie nicht gleich aufschreibt. 

Aber gestern abend gab es etwas Starkes in der Re- 
daktion. Bacher rief mich in sein Zimmer. 

Ich glaubte, er wolle über meinen Zeitungsplan roden 
und machte innerlich zum Gefecht klar. Kam es schon 
jetzt zum Bruche? 

Bacher fragte: „Was halien Sie in Konstantinopel für 
die Neue Presse ausgemacht?" 

Ich war ganz verblüfft; „Ausgemacht? Gar nichts." 

Er: ,,Sie waren mit Newlinski unten?" 

Ich: „Ja. Das ist bekannt." 

Er: „Er hat Sie bei den Ministern herumgeführt?" 

Ich: „Jawohl." 

Er: ,,E3 ist uns heute zum zweitenmal mitgeteilt wor- 
den, daß Sie in Konstantinopel waren, um von der tür- 
kischen Regierung eine Subvention von dreitausend Pfund 
für die N. Fr. Pr. zu verlangen. Man spricht in Konstan- 
tinopel allgemein, daß Sie auch tatsächlich Geld bekom- 
men hätten. Wir wurden vom hiesigen Auswärtigen Amte 
davon vertraulich verständigt, und Adler, Präsident der 
österreichischen Handelskammer in Konstantinopel, 
sciireibt dasselbe hierher." 

Mein gutes, ruhiges Gewissen ließ mich diese kräftige 
Mitteilung mit vollster Ruhe hinnehmen. 

35* 54? 



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Ich sagte : „Und das haben Sie einen einxigen Augen- 
blick geglaubt? Kennen Sie mich denn nicht? leb denke 
doch, Sie mflssen mich mindestens für einen Gentleman 
halten." 

Bacher lenkte sofort ein: „Wir haben nichts anderes 
geglaubt, als daß Newlinski auf Ihrem und unserem ROk- 
ken eine Lumperei begangen hat. Er wird sich Ihrer An- 
wesenheit bedient haben, um von den Türken Geld lu 
nehmen." 

Ich erkiSrte kategorisch: „Dem werde ich auf den 
Grund gehen. Ich habe in Konstantinopel immer deutlich 
die Grenze zwischen meiner Eigenschaft als Redakteur 
der N. Fr. Pr. und als Vertreter der Judensache gezc^n. 
Den türkischen Autoritäten war es kein Geheimnis, daß 
ich nur wegen der Judensache hinkam. Meine erste Unter- 
redung mit dem Großvezier galt ausschließlich der Ju- 
densache. Erst die zweite war ein Interview, in dem ich 
übrigens nicht offiziöser war aU beispielsweise Schütz 
kürzlich in Rußland in seinen Gesprächen mit den russi- 
schen Staatsmfinnem." 

Bacher forschte ungeschickt weiter: „Sagen Sie mir 
alles I Mit wem haben Sie gesprochen?" 

Ich begann: „Mit dem Großvezier...", besann mich 
aber gleich und brach ab: „Das werde ich Ihnen nicht 
sagen. Sie sind ein Gegner meiner Bewegung. Lassen 
Sie mich in der N. Fr. Pr. zu Worte kommen, und ich 
werde Öffentlich alles sagenl" 

Er schrie: „Das werde ich nie zugeben. Ich kann mich 
nicht auf Ihren Standpunkt stellen. E^ gibt keine Juden- 
frage, es gibt nur eine Menschenfr^e." 

Ich : „Ich mache mich anheischig, die Sache den Lesern 
zu efklSren, ohne Ihrem Standpunkt etwas zu vergeben. 

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Was wollen Sie gegen die jüdische Kolonisatioa ein- 
weoden?" 

Er: „Ich will überhaupt nicht, daß die Juden auswan- 
dern. Übrigens gehen die Kolonisten zugrunde. Die rus- 
sischen Juden kommen alle wieder turflck." 

Ich: „Ja, von Argentinien, weil Hirsch die Sache falsch 
angepackt hat." 

Er: „Und die in Palfistina sind lauter Schnorrer." 

Ich: „Nicht richtig I Die Palfistina-Koloniea gedeihen. 
So wie Sie das nicht wissen, so wissen es Ihre Leser nicht. 
Lassen Sie es mich ihnen erklären." 

Er wankte ein bißchen, ließ aber nicht nach. 

Dann ging ich zu Benedikt, der süßlicher sprach, auch 
erklfirte, daß weder er noch Bacher noch Döczy einen 
Verdacht gegen mich gehabt hätten. Ich sei nur un- 
vorsichtig gewesen, ich werde schon wissen, was und 
wen (Newlinski) er meine. Die Folge dieses Zwischen- 
falles sei, daß die N. Fr. Pr. heute einen wütenden Leit- 
artikel gegen die Türkei bringen werde. Das sei die ein- 
zige Form, in der man das Gerede aus der Welt schaffen 
könne. 

Auch ihm drang ich dann mit der Judensache auf den 
Leib. Er solle mich eine Serie von Artikeln schreiben 
lassen. Er sagte, das ginge nicht au. Sie könnten den 
österreichischen Standpunkt nicht aufgeben. Ich sagte 
ihm: „Sie sind doch ein guter Jude. Warum soll ich 
mich mit Ihnen nicht verständigen können. Von Ihnen 
hängt ungeheuer viel ah. Gehen Sie mit, und Tausende 
werden folgen. Lassen Sie mich Ihnen zuerst alles er- 
klären, was in dem Jahre vorgekommen ist. Sie werden 
mir dann glauben." 

Er meinte: ,3eden kömien wir ja. Sie wissen, daß ich 
mich mit Ihnen gern ausspreche." 

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Kun, die Unterhandlung schloß in friedlichen Akkor- 
den. 

Ich traue diesem Frieden dennoch nicht. Ich hatte den 
Eindruck, daß sie sich vor mir fürchten und Wind von 
meinen Zeitungsplänea bekommen haben. 

Vielleicht ist diese Verleumdungsgeschichte nur eine 
Kriegsmaschine gegen mich, um mich, wenn ich weg- 
ginge, in den Verdacht zu bringen, ich sei wegen einer 
schmutzigen Geldgeschichte entlassen worden. Oder wol- 
len Sie mich von Newlinski, d. b. von Kozmian und Ba- 
deni, trennen? Oder wollen sie mir das Weggehen von 
der N. Fr. Pr. unmöglich machen? 

Die nächsten Tage werden Antwort bringen. 

11. Oktober. 

Gestern abend ein schwerer Auftritt mit Bacher. 

Ich hatte ihm mittags gesagt, daß ich D6czy wegen 
seiner Äußerung zu fordern beabsichtige. Noch früher 
hatte ich mit unserem Mitarbeiter V. . . gesprochen und 
diesen gefragt, ob er mein Sekundant sein wolle. Y. . . 
schützte eine Reise vor, ließ sich aber „im Vertrauen" 
die Geschichte erzählen. Bacher erklärte mir, D6czy habe 
nur als Freund eine vertrauliche Verständigung (unter 
„Bruch des Amtsgeheimnisses") ergehen lassen. D6czys 
Mitteilung habe einen auch für mich rein freundschaft- 
lichen Charakter .gehabt. Und wenn ich Döczy fordere, 
müßte ich auch ihn — Bacher — fordern. Ich sagte: 
„Gewiß würde ich Sie fordern, wenn Sie mir etwas Ehren- 
rühriges nachsagten." 

Ich ließ aber die Sache fallen, nachdem Bacher diese 
freundschaftliche Erklärung abgegeben. 

Indessen hatte V... im „Ausland"zimmer geschwätzt. 
Das ganze „Ausland" sprach von der Sache. Bacher ließ 

55o 



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mich abends holen und stellte mich wutentbrannt zur 
Bede: 

„Herr, wie sieht es in Ihrem Gehirn aus? Sie haben 
eine Illoyalität begangen, indem Sie die Sache weiter- 
verbreiteten. Dticzy kann um sein Amt kommen, usw." 

Mir paßte es nicht, einen groben Streit als Anlaß mei- 
nes Austritts aus der N. Fr. Pr. setzen zu lassen. Darum 
antwortete ich entschieden, aber ruhig: „Die lUoyalitftt 
lehne ich entschiedenst ab. Wenn V. . . geplaudert hat, ob- 
wohl er Diskretion versprach, ist das nicht meine Schuld. 
Übrigens war ich nachmittags bei NewUnski und habe ihm 
Döcty nicht genannt. Es ist meine Überzeugung, daß auch 
NewUnski an dieser Subventionsgeschichte absolut unbe- 
teiligt ist. Sie werden es aber begreiflich finden, daß ich 
die Sache nicht so einfach auf sich beruhen lassen konnte. 
Sie haben in Ihrem heutigen Leitartikel die Teilung der 
Türkei verlangt. Damit sind Sie aus dem Wasser — ich 
noch nicht." 

Hierauf erklXrte er, ruhig geworden, daß ich Oberhaupt 
nicht kompromittiert gewesen sei. V. . . kam berein, war 
geniert, weil seine Schw&tzerei den Lfirm verschuldet 
hatte, aber schließlich ging die grobe Lärmszeno doch 
friedlich aus. Bacher gab mir mit seiner brummigen, fal- 
schen Gutmütigkeit die Hand, mehr als je bourru maU 
faitant. 

Ich habe aber den Eindruck, daß sie mich bald gewalt- 
sam aus der Zeitung hinausdrSngen worden. Es wSre eine 
Katastrophe, weil die Finanzkombinationen zur Grün- 
dung meiner Zeitung gescheitert sind. 

ii. Okiober. 
Von Zadok Kahn erhielt ich die Mitteilung, daß die 
Hirschleute von der Jewish Colonisation Association am 

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i4. in Paris zusammenkommen; doch sei ihre Gewalt 
durch eine Parlamentsakte beschrankt, welche Ober die 
Hirschstiftung besteht. 

Ich antworte ihm: 

Ew. Ehrwürden 1 

Es ist mir derieit nicht möglich, nach Paris zukommen. 
Ich muß auch leider daran sweifeln, daß die Herren, die 
sich dort versammeln, hören wollen, was ich zu sagen 
habe. 

Sie erinnern sich gewiß aus meinen Briefen an den 
Stand unserer Sache, da ich Ihnen einige Hauptpunkte 
mitteilte. Diese Daten werden Ihrer B^edsamkeit ge- 
nügen, um den Herren ein Bild zu geben. 

In zwei Worte dränge ich das Ergebnis meiner bishe- 
rigen Bemühungen zusammen : Unsere breitesten Schich- 
ten nehmen den Judenstaatsgedanken mit Begeisterung 
auf. In der Türkei ist die Geneigtheit vorhanden, eine 
Kolonisation in großem Maßstabe zu gestatten, falls da- 
für viel gezahlt wird. 

In den höchsten Regiorungskreisen einzelner LSnder 
behandelt man meinen Plan ernst und wohlwollend. 

Wenn die in Paris versammelten Herren ebenso ernst 
auf die Sache eingehen wollen, stehe ich zu weiteren Auf- 
klärungen zur Verfügung. 

Ferner mache ich folgenden positiven Vorschlag. Die 
Herren mögen je ein großes Tageblatt in London und in 
Paris gründen oder kaufen. Es gibt Blätter, die sich gut 
rentieren, und bei denen der Fonds nichts verlieren würde. 
In diesen Blättern ist die Politik der Juden zu machen, 
für oder gegen die Türkei, je nach Umständen usw. Die 
Blätter brauchen nach außen hin nicht als JudenbIfitter 
kenntlich zu sein. Als Chefredakteur für London emp- 
fehle ich Luden Wolf, für Paris Bernard Laiare. 

SSa 



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Das hatte ich für eine der nächsten notwendigen Auf- 
gaben. Wenn die Herren verstehen, was jetzt in der Tür- 
kei vCMTgeht, werden sie die historische Größe des Augen- 
blicks einseben. 
In aufrichtiger Verehrung 

Ew. Ehrwfirden ergebener 

Horzl. 

i3. Oktober. 

Heute telephonierte man mir von der türkischen Bot- 
schaft in die Redaktion, daß man mich nachmittags zu 
sprechen wünsche. 

Ich schrieb sogleich an M . . . N . . . Pascha, daß ich be- 
dauere, ihn nicht besuchen zu können. Ich sei aber den 
ganzen Nachmittag zu Hause. 

Der Botschaftor antwortete, er habe mir nur ein Doku- 
ment überreichen und „mit mir eine Zigarette rauchen" 
wollen. 

Das Dokument ist offenbar das Ordensdekret und 
dient als Vorwtmd, um mit mir Ober die Verleumdungs- 
geschichte zu sprechen. 

Wahrscheinlich hat auch der antitürkische Leitartikel 
der N. Fr. Pr. Entsetzen in Konstantinopel erregt 

Schon wieder spiele ich unerwartet und ohne mein Hin- 
zutun in die hohe Politik hinein. 

Eine heutige Zeitungsdepesche aus Konstantinopel mel- 
det, der Minister des Äußeren, Tewfik Pascha, habe ge- 
sagt, die Türkei wolle eine Eisenbahn durch PalSstina 
führen, den Weg nach Indien bauen. 

Das war mein Vwschlag I 

13. Oktober. 

Ich muß es mir offen gestehen: ich bin demoralisiert. 

Von keiner Seite Hilfe, von allen Seiten Angriffe. Nor- 

553 



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dau schreibt mir aus Paris, daß sich dort niemand mehr 
rührt. Die Maccabeans in LondoD sind immer mehr 
Pickwickier, wenn ich den Berichten meines getreuen 
de Haas glauben darf. In Deutschland habe ich nur 
Gegner. Die Russen sehen teilnehmend zu, wie ich mich 
abrackere, aber keiner hilft mit. In Österreich, besonders 
in Wien, habe ich ein paar Anhänger. Hieven sind die 
Uninteressierten vQllig untStig, die anderen, die Tätigen, 
wollen durch den Redakteur der N. Fr. Pr. vorwärts- 
kommen. 

Hinzu kommt die Verleumdungakampagne, deren Leiter 
der brave Scheid >u sein scheint. 

Die Juden, denen es gut geht, sind alle meine Gegner. 

So daß ich anfange, das Recht lu haben, der grüßte 
aller Antisemiten zu sein. 

Oft denke ich an Levysohns Wort: „Die, denen Sie 
helfen wollen, werden Sie zunächst recht empfindlich ans 
Kreuz schlagen." 

ia. Okiober. 

Heute war ich bei M . . . N . . . Pascha, dem türkischen 
Botschafter. Er kam mir liebenswürdig mit dem Ernen- 
nungsdekret des Medschidijeordens entgegen. Er hoffe, 
mir bald auch den Stern für die Brust überreichen zu 
können. 

Ich tat, als fühlte ich mich sehr ausgezeichnet. 

Wir plauderton dann. M . . . N . . . hatte wieder seine ko- 
mische Ausdrucksweise: „Imaginez-vous quo vous n'£tes 
pas un homme politique et pas un Autrichien, et imagi- 
nez que je ne suis pas ambassadeur. Vous ^tes un Ghilien 
et moi du Pirou — et maintenant parlons de la Turquio." 

Er wollte sagen : sprechen wir unbefangen. 

Ich sagte ihm denn auch imbefangen meine Meinung. 

554 



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Daß es DUT eine Rettung für die Türkei gebe : ein Abkom- 
mea mit den Juden über Palästina. Dadurch könnte man 
die Finanzen regeln, Reformen durchführen und sich 
nach Herstellung geordneter Zustände jede fremde Ein- 
mischung dauernd verbitten. Alle Finanzarrangements, 
die vorgeschlagen werden, sind kurzbefristete cxpidienls, 
und dienen nur dazu, einige Bdrsenagioteurs zu berei- 
chern. 

M . . . N . . . nickte dazu sorgenschwer und sprach offen 
über den verzweifelten Stand der Staatsfinanzen. Das 
türkische Volk sei gänzlich verarmt, man könne auch keine 
Steuern mehr auflegen. Wo nichts ist, hat der Sultan 
das Hecht verloren. Er, M . . . N . . . selbst, stehe voltkom- 
men auf meinem Standpunkt, er glaube auch, daß es 
möglich wäre, mit Hilfe der Juden die Türkei zu rekon- 
struieren. Aber er habe keinen Einfluß inKonstantinopet. 
Er meint, die Einwanderung von Juden in Palästina könnte 
jedenfalls nur stattfinden, wenn diese Juden türkische 
Untertanen werden wollten. 

Im ganzen scheint er gar nicht recht zu verstehen, was 
ich meine. Ich begnügte mich, seine Einbildungskraft zu 
erhitzen, indem ich vom Auferstehen der Türkei mit Hilfe 
der Juden ein Bild in wenigen Strichen entwarf. Die 
schon jetzt lachenden Erben der Türkei würden um die 
erwartete Teilung geprellt. La Turqaie ichapperait & ses 
hiritiers ! 

M . . . N . . . hatte auch ganz offen mit mir gesprochen. Er 
sagte: „Seit vierzehn Tagen höre ich nichts von Konstan- 
tinopel. Das ist ein gutes Zeichen. Wenn man von einem 
Kranken keine Verschlimmerung berichtet, darf man 
wieder hoffen." 

Er war ganz resigniert, der arme Botschafter. 

M...N... sprach auch auf eine komische Weise von un- 

555 



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seren Religionen. „Die Moslims", sagte er, „stehen den 
Juden nSher als den Christen. Wer Moses oder Abraham 
beleidigt, dem wird bei uns der Hals abgeschnitten. Auch 
sind wir wie Sie beschnitten. Sie könnten sich für einen 
Mohammedaner, ich für einen Juden ausgeben. Christus 
erkennen wir nicht als Gottes Sohn an, wenigstens nicht 
mehr als einen anderen. Für uns sind das lauter Pro- 
pheten." 

16. Oktober. 

Heute steht wieder ein Mord- und Brand-Alarmartikel 
über die „Zustände am Bosporus" in der Neuen Freien 
Presse. 

19. Oktober. 

Der junge de Haas in London scheint — nach seinen 
Briefen zu urteilen — tüchtig zu arbeiten. 

Er hat hundert „stalwarts", die sich Bnei Zion nennen 
und gehörig agitieren. Er will die Chovevi Zion (3ooo 
Mitglieder) erobern und von da aus weitermars<^ieren. 
Die englische Provinz und Amerika, schreibt er, gliedere 
sich seiner Bewegung an. 

Ich schreibe ihm , dafi ich jetzt bemüht bin, eine Audienz 
beim Kaiser von Rußland zu bekommen. Ferner, dafi 
ich mit M . . . N . . . über die türkischen Finanzen und ihre 
Sanierung durch Judengeld gesprochen habe. Ich frage 
de Haas, ob er glaube, daß Montagu und Goldsmid einer 
Einladung des Sultans, in Konstantinopel Propositionen 
zu machen, folgen würden? 

* * * 

Gestern schickte ich Hecbler die endlich fertig gewor- 
dene russische Übersetzung meiner Broschüre für den 
Zar. Zugleich entwarf ich ihm in ein paar Zeilen, was 
er an Herzog Günther und Prinz Heinrich von Preußen 

556 



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über die finanzielle Sanierung der Türkei und Erhaltung 
des Status quo mit Hilfe der Judenwanderung schreiben 
solle. 



Eine Notiz der Wiener Allgemeinen Zeitung vom 1 8. Ok- 
tober i8g6: 

(Hundertfünfzig Millionen ffir zionistische Zwecke.) 
Im „Dziennik Polski" finden wir die nachstehende Notiz : 
, .Einer der hervorragendsten Zionistenführer in Lemberg 
erhielt von dem bekannten Verfasser der Broschäre .Der 
Judenstaat', Dr. Theodor Herzl. einen Brief mit der Mit- 
teilung, ein englischer Millionär habe die Absicht, i5o 
Millionen Gulden für die Wiederherstellui^ des pal&sti- 
nischen Reiches zu opfern. Der Millionär verlangt aber 
vorerst Beweise dafür, daß die polnischen Juden auch 
wirklich zur Auswanderung bereit seien. Dr. Herzl er- 
sucht nun die Lemberger Zionisten, sie möchten im gan- 
zen Lande Volksversammlungen einberufen und eine 
möglichst große Zahl von Unterschriften sammeln, welche 
Uun als Beweis und gleichzeitig als Mandat für die wei- 
teren Verhandlungen mit besagtem MillionSr dienen sol- 
len. Der Brief des Dr. Herzl hat bei einer Sitzung des 
Zionisten-Ausschusses zu drastischen Szenen Anlaß ge- 
geben. Ein Teil der Mitglieder äußerte Zweifel bezüg- 
lich der Wahrheitsliebe des Dr. Herzl und verlangte, der- 
selbe möge vorerst den Originalbrief jenes englischen Krö- 
sus einsenden und auch beweisen, daß er wirklich in 
Audienz beim Sultan war und von ihm die Versicherung 
erhalten habe, daß er die Angelegenheit der Gründung 
eines Judenstaates in Palästina wohlwollend behandeln 
werde. Angeblich aus diesen Gründen wurde Dr. Heral 
das verlangte Mandat nicht bewilligt; es ist immer der 



557 



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Verdacht nicht ungerechtferti^, daß die Zionisten sich 
einfach bewußt waren, daß es ihnea nicht gelingen werde, 
die notwendige Anzahl von Unterschriften aufzatreibea." 

32. Oktober. 
Brief an M... N... Bej: 

Elxcellence, 
permettez moi de vous remettre mes remerciements 
pour la d£coration que Sa. Majest^ m'a fait Thonneur de 
me conf £rer. 

Veuillez agräer, Excellence, les expressious de ma haute 
considiration 

Dr. Theodore Herxl. 
Eingeschlossener Brief an den Sultan: 

Sirel 
Son Excellence M . . . N . . . Bey a bien voulu me re- 
mettre le brevet de la d^coration que votre Majestä m'a 
fait l'honneur de me confirer. 

En exprimant ma profonde reconnaissance pour ce 
signe de faveur, je prie Votre Majest£ de conserver aux 
Juifs Sa haute bienveillance. Le jour oü il plaira k Votre 
Majest^ d'accepter les Services des Juifs, ils mettront leurs 
forces avec joie aux ordres d'un monarque aussi magna- 
nime. 

Je suis avec le plus profond respect, 

Sire, 
De Votre Majest^ 

Le tr^ humble et objissant serviteur 
Dr. Theodore Herxl. 
(Die Ergebenheitsfloskel zum Schluß, die vielleicht 
ein bißchen tief ist, kopiere ich aus den „Usages du 
Monde", Kapitel „lettres k des personnages", der Baronne 
de Staffe.) 

558 



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22. Oktober. 

Gestern nachmittags war Kozmiaa lange bei mir, und 
zwar im Auftrage Badenis. Badeni wünscht sehr, daß 
ich eine große Zeitung mache, und sieht es als einen 
mächtigen Dienst an, für den er mir dankbar sein will. 

Ich wollte diplomatisieren, aber Kozmian fragte mit 
einer gewissen Rohheit: 

„Was verlangen Sie dafür? Sagen Sie es deutlich. Was 
wollen Sie für sich, und was für die Juden?" 

Er sprach Französisch, ich ging aber ins Deutsche über, 
pour faire sentir davantage les nuances. 

Er sagte: „Le gouvernement comprend que vous lui 
rendrez un Service inappr^ciable. II vous faut une po- 
sition politico-sociale qui est ä crier. Que demandez- 
vous? Puisque ce n'est pas de l'argent? Voulez-vous une 
fonction, un titre, une distinction?" 

Ich sagte : „II ne peut £tre question d'une fonction si 
je dois faire un Journal. NewUnski a eu l'id^ d'une 
d^coration pour moi, la couronne de fer par exemple." 

„Quelle claase?" fragte er. 

Ich sagte: „Troisiämel" hStte aber „deuxiÖme" sagen 
sollen. „Mais l'affaire principale n'est pas cela. II s'agit 
de dünner quelque chose aux Juifs. Par exemple un mot 
de l'empereur. M'ayant conf^r^ cette distinction, 11 me 
recevrait et me dirait de bonnes choses pour les Juifs, 
avec l'autorisation de les publier. Quoi? On s'entendrait 
lA-dessus." 

„C'est gravel" sagte Kozmian. „On ne peut pas faire 
«ntrer l'empereur k tont propos dans le d6bat. L'empe- 
reur n'a rien contre les juifs; seulement il n'aime pas 
les agioteurs. Badeni est ^galement plut6t philos6mite. 
II n'y sura certainement pas de pers^utions contre les 
juifs." 

5&» 



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Ich unterbrach: „Je ae crains pas des pers^utions, cela 
a'existe plus." 

Er: „Naturellement je ue peux rien vous dire de pr^is, 
dis qu'il s'agit de Is personne de Tempereur. Je causerai 
ä Badeni. Je lui dirai ce que vous m'avez dit. G'est ud 
esprit tris positif. II veut le Journal avant tes Ölections. 
II fera les £lectiona au mois de fävrier ou mars, s'il a le 
budget vot£ maintenant. Et il les fera tout de suite, si on 
le lui refuse. Donc il a besoin tout de suite d'un grand 
Journal ind£pendant qui ne lui fasse pas la guerre, et qui 
le traite avec objectiviti." 

Ich sagte endlich, daß ich mit meinen Freunden be- 
raten würde, was wir verlangen sollen. 

Er meinte: im vorhinein sei es schwer, mir etwas lu 
gewShren. Versprechen könne man mir die Eiserne 
Krone, und Graf Badeni würde das auch sicher halten, 
selbst wenn er abdanken müßte. 

Ich lud Kozmian für nächsten Mont^ zu Tische. In- 
zwischen werde ich mit mehreren Freunden gesprochen 
haben. 

Namentlich mit Dr. Grünfeld, dem Präsidenten der 
Israelitischen Union, der mich unlängst zu einem Vor- 
trag aufforderte. Ich nahm diesmal an und werde also 
zum erstenmal in Wien sprechen. Bei Gelegenheit sei- 
nes Besuches erzählte ich Grünfeld einiges von den schwe- 
benden Unterhandlungen mit Badeni, und wie wir jetzt 
eine Judenpartei gründen könnten mit Hilfe der Regie- 
rung. 

Ein Blatt, ein Blatt wäre aber notwendig, und dafür 
braucht man Geld, Geld. Ich habe aus der Familie 
4oo ooo Fl. zur Verfügung. Es ist aber eine volle Million 
erfcnrderlich. 

* * * 

56o 



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Gestern abeods war ich beim Festkommers der Kadi- 
mah. Eine Kette vod Ovationen. Sie nannten mich vor 
den übrigen Ehrengasten, ich saß rechts vom Präsidium 
und wurde zum Ehrenburschen ernannt. Alle Redner 
sprachen von mir. Ort ne parle qae de moi lä dedana. 

Ich fürchte nur, dem ßausch der Popularität wird ein 
Katzenjammer folgen. 

Vorläufig ist es noch sehr hübsch. 

22. Oktober. 

Heute steht in der N. Fr. Pr. ein sehr giftiger Leit- 
artikel gegen Yildiz Kiosk, Izzet Bey und Lutfi Aga. Der 
Artikel wird mir in Konstaatinopel sehr schaden, mittel- 
bar vielleicht auch den jüdischen Kolonisten in Palästina. 

Die Situation ist wirklich unhaltbar geworden. La 
Situation n'est pas franche. Wenn ich nur das Geld für 
die Zeitung hätte, wären wir mit einem Ruck in der 
Höhe. 

24. Oktober. 
Gestern war Sidney Whitman, Freund des Fürsten Bis- 
marck, des Malers Lenbach, des Sultans, Gordon Bennets, 
und Londoner Vertreter des „New York Herald" bei mir. 

Ein origineller Mensch 

Charakteristischer Kopf — eine großangelegte Nase, die 
plötzlich aufhört, bevor sie an ihrem geplanten Ende an- 
gelangt ist. Kurioser, unterm Kinn dichter, viereckiger, 
ergrauender Vollbart. Er spricht vorzüglich Deutsch, und 
zwar im schnoddrigsten Ton des Absprechens. Er erzählt 
mit Korrespondenten-Ruhmredigkeit von seinen Aben- 
teuern in Konstantinopel, wo er während der armenischen 
Massaker war. Er hatte, wenn er schrieb, immer den ge- 
spannten Revolver auf dem Tisch liegen aus Furcht vor 

36 HenlB TasebOolwr I. 56l 



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einem annenischen Überfall, da er Lanzen für den Sultan 
stach. Der Sultan gab ihm Orden und Händedrücke. 
Sidney Whitman war es, der nach Europa lancierte : die 
Türken würden alle Christen, deren sie habhaft werden 
könnten, ermorden, wenn die Mächte intervenierten. 

Dieser „Nachricht" war offenbar die Erhaltung des 
Friedens zu verdanken. 

Whitman geht jetzt zu Bismarck nach Friedrichsruh 
und wird trachten, ihn für meinen Plan zu interessieren. 



Später brachte Dr. Grünfeld den Landesschulrat und 
Advokaten Dr. G ... K ... zu mir. Dr. K . . . will das Kon- 
sortium von Geldgaranten für die zu gründende Zeitung 
zusammenstellen. Als ersten nannte er B. Albert Roth- 
schild, den ich rundweg refusierte. Der Plan ist: die 
Juden gründen ein Blatt, das den Grafen Badeoi unab* 
häogig unterstützt, wogegen Badeni eine judenfreund- 
lichere Haltung annimmt. 

26. Oktober. 
Heute speiste Kozmian hei mir. Ich konnte ihm noch 
keine definitive Zusage für Badeni geben. Dieser wünscht 
das Blatt sehr dringend, wegen der N. Fr. Pr., die ihm 
unangenehm ist, deren faktisches Monopol in Wien er 
brechen möchte, und wegen der Reichsratswahlen. 

4. November. 
Zur Stimmung dieser Zeit gehört, daß ich wieder von 
Tag zu Tag enervierter werde. Dr. G . . . K . . . soll das Zei- 
tungskonsortium zusammenstellen. Die ablehnen, schwei- 
gen vielleicht nicht, und bisher hat noch keiner seinen 
Beitritt zugesagt. So bin ich der zweifelhaften Diskretion 

56a 



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UnbekanDter ausgesetit, und jeden Tag, wean ich das 
„Ghefzimmer" betrete, bin ich auf die KriegserklSrung 
gefaßt. 

Auch Kozmian-Newlioski können etwas ausplaudern. 
Schon war in der Redaktion das Gerücht verbreitet, ich 
hStte die Wiener Allgemeine Zeitung gekauft. 

8. November. 

Gestern sprach ich zum erstenmal Öffentlich in Wien, 
in der Israelitischen Union. 

Das Lokal Kuhners beSngst^end voll. Ich war in der 
schweren Hitze und bei meiner mangelhaften Redevoi> 
bereitung nicht gut disponiert, hatte auch das Gefühl von 
Denklflcken bis ans Ende. Dennoch war der Erfolg stür- 
misch. 

Professor Singer, den ich durch eine Anspielung auf 
die jetzt aufgetauchten SozialpoUtiker — ich sprach von 
den Marranen Spaniens als Religionspolitikem — ge- 
Srgert hatte, meldete sofort einen Gegenvortrag an, und 
ich bat dann, über diesen eine Diskussion zu eröffnea. 

Der PrSsident der Union, Dr. Grünfeld, dankte in 
einem Speech dafür, daß ich das erklSrt habe, was man 
bisher für eine Utopie hielt. 



Ich sprach namentlich gegen das geplante russisch- 
fransösische Finanzarrangement der Türkei, weil dieses 
uns den Weg nach PalSstina dttschoitte. Diesen Teil der 
Rede schicke ich heute an de Haas nach London. Der 
Hauptsatz lautet: 

„Die jüdische Hochbank, die dazu mithilft, ohne Rück- 
sicht auf die Leiden der armen Juden, und ohne bei dieser 

36- 563 



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Gfil^enheit zur L{teung der Judenf rage beizutragen, lüde 
schwere Verantwortung auf sich." 

Ich fordere lugleich Haas auf, in England und Amerika 
dagegen zu agitieren. Er möge mit Rev. Gaster, RaU>ino- 
wicz, Isfa Kisfaor ein Masseoprotestmeeting im Eastend 
einberufen. 

Zugleich rege ich Sammlung eines Nationalfonds an, 
der uns von der Hocbbank unabhängig machen soll. 

8. November. 

Brief an Adolf Stand in Lemberg, der sich mir als Chef 
des Exekutiv-Komitees anmeldet. (In der Einleitung 
spreche ich den Wunsch nach Vereinigung aller öster- 
reichischen Zionsvereine im Zionsverband von Wien aus. 
Dann wörtlich :) 

,,Dem Zionismus droht jetzt eine ungeheure Gefahr. 
Sie wissen, daß ein russisch-französisches Arrangement 
der türkischen Finanzen geplant wird. Wenn das zustande 
kommt, ist der Sultan mediatisiert, handtungsunfShig, 
und jede Hoffnung, Palistina für uns zu bekommen, ist 
begraben. 

Dazu darf also die jüdische Hochbank nicht helfen! 

Ich sprach gestern dagegen in der hiesigen Union. Die 
Rede wird in Blochs Wochenschrift erscheinen. Ich gab 
meinem Komitee in England Auftrag, gegen dieses An- 
lehen eine große Agitation einzuleiten. 

Sie in Galizien können da nichts anderes tun, als daß 
Sie den Massen mitteilen, was vorgeht. 

Ich bitte Sie aber, vernünftig und vorsichtig vorzugehen, 
damit nicht wieder solche perfid-lScherliche GescLdcbten 
aufkommen, wie die des Dziennik Polski. 

Sie erbalten jetzt die erste Gelegenheit, Ihre Tüchtigkeit 
als Chef eines Laodesexekutivkomitees zu zeigen. 

564 



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Suchen Sie Fühlung mit den einflußreichsten ortho- 
doxen Rabbinern. 

Ich gab in meiner gestrigen Rede, deren Verbreitung 
wünschenswert ist, auch noch eine für die Zukunft wich- 
tige Anregung: 

Es möge an allen Orten, wo Juden wohnen, ein Natio- 
nalfonds durch Sammlungen, Spenden usw. angelegt 
werden. Der Fonds bleibt überall in der Ver- 
waltung derer, die ihn aufbrachten, resp. be- 
dingt subskribierten. Nur die Rechnungsausweise sind 
der Zentralstelle mittuteilen. Diese weiß dadurch, auf 
welche Mittel im Augenblick der Verwirklichung ge- 
rechnet werden kann. Und wir sind nicht mehr von der 
Gnade der Hochbank abhängig. 

Überlegen Sie alles gut und reiflich, was Sie in Erfül- 
lung dieses Auftrages tun. 

Mit Zionsgruß 

Ihr 

Th. Herzl. 

tO. November. 

Ein Mann aus Jerusalem, namens Back, war bei mir. 
Er reist in Europa herum, um eine Agrarbank für PalS- 
Btioa zu gründen — die Jewish Company in der Westen- 
tasche, offenbar in seiner Westentasche. 

Er behauptet unter der Patronanz des galizischen Wun- 
derrabbiners Friedmann zu stehen. 



Dr. G . . . K . . . teilt mir mit, daß seine Geldbeschaf- 
fungsversache gescheitert sind. 

Ea wird also nichts aus dem großen Blatt, die Aus- 
sichten, die sich daran schlössen, sind erloschen. 

565 



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Von diesem f esteo Punkt aus hStte ich Enormes leisten 
können. Das ist jetzt alles zunichte gewardea. 



Levin-Epstein, Administrator der Kolonie Rechowoth 
in Palästina, war bei mir. 

Er erzählte von Scheid, daß dieser die Kolonien in 
wirtschaftlicher Abhängigkeit zu erhalten trachte, und 
zwar mit allen Mitteln. 

In Rischon-le-Zion komme beinahe auf jede Kolonisa- 
tionsfamilie eine Beamtenfamilie. Daher Gedeihen aus- 
geschlossen. 

Scheid dürfte nach L. Epsteins Ansicht die falschen 
Gerüchte ausgesprengt haben, um eine Ausrede beim Ba- 
ron für die Mißerfolge der durch Bakschisch erkauften 
Ansiedlung im Hauran zu haben. 

Als Bakschischgeber in Koostantinopel soll der Arme- 
nier Dewleth fungiert haben. 

1i. November. 

Heute begleitete ich Benedikt von der Redaktion nach 
Hause und schmiedete ihn wieder. Wenn er die Sache 
aufgreife, sei sie gemacht. 

Unterwegs begegneten wir dem alten Kobleo-Gutmann, 
der protzig sich auf den Wanst schlagend sagte, man 
habe ihm heute die Wiener Allgemeine Zeitung zum Kauf 
angeboten. Er habe zwar schon viel Geld in Zeitungen 
gesteckt, werde sie aber vielleicht doch kaufen, weil 
70 Menschen brotlos werden könnten. Er erweist also 
noch eine Gnade, indem er diese Zeitung kauft, in der 
dann seine schmutzigen Interessen verteidigt werden sol- 
len. Ein doppelter Jammer. 

566 



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Nachdem wir den Lästigen losgeworden, sprachen wir 
weiter. Ich entwickelte Benedikt meinen „echelooierten 
Aoleiheplan". 

Er sagte : „Es fängt schon an, sich zu klären. Sie gehen 
nicht mehr so weit wie früher. Ober die Koloniaation in 
großem Maßstab — ohne Zionismus — läßt sich reden. 
Wir werden davon noch sprechen." 



Nachmittag war Wolffsohn aus Köln bei nur, ein 
wackerer, sympathischer Mensch, der mir schon gut ge- 
fallen hatte, als er vor Monaten zum erstenmal bei mir 
war. 

Ich erzählte ihm alles. Er staunte über meine Leistun- 
gen in Konstanttnopel, London, hier und insbesondere in 
Karlsruhe, weil er ja von Köln aus zum Großherzog von 
Baden wie in eine steile Höbe binaufblickt. 

Ich erzählte ihm von Scheids Intrigen, die er zum Teil 
auch kannte. Er will durch Dr. Holtzmann Material über 
Scheids Mißwirtschaft herbeischaffen lassen. 

leb erzählte ihm vom Verhalten Edmund Rothschilds 
und Zadok Kahns. Dieser hat mir ja in seinem letzten 
Brief mitgeteilt, die Hirschleute ständen meinem Unter- 
nehmen mehr als kühl gegenüber, und es wäre am besten, 
ich ließe die Sache fortab ruhen. 

Aber geradezu entsetzt war der gute Wolffsohn, als ich 
ihm die gescheiterte Verhandlung mit Badeni-Kozmian 
berichtete. Welcher Jammer liegt darin, daß ich die lum- 
pige Million Gulden nicht aufbringen kann, die zur Grün- 
dung des großen Blattes und mithin zur Erlangung der 
Unterstützung Badenis, der ganzen österreichischen Re- 
gierung, nötig ist. 



567 



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Eioe einzige Million Guldeal daß sie nicht jetzt für dea 
Zweck zvx Hand ist — dadurch wird vielleidit der histo- 
rische Moment, in dem die Lösung der Judenfrage mög- 
lich war, verpaßt. 

Badeni braucht mich jetzt. Selbst wenn er nach den 
Reichsratswahlen noch im Amte bleibt, wird er mich nicht 
mehr brauchen, wird mich folglich nicht in Rußland, wie 
in der Türkei, poussieren. 

Et ta Chance est bien manquie, 

Brief an den Großfürsten Wladimir, der sich gegen- 
wärtig in Berlin aufhält. 

Monseigneurt 

S. A. R. le Prince Ferdinand de Bulgarie m'a dit au 
mois de juillet k Karlsbad: „Le seul homme en Russie qui 
puisse vous aider, c'est le Grandduc Wladimir I" 

De quoi il s'agit? 

De la Solution d'une question ancienne d^j& comme le 
christiaoisme, d'une cause grande et belle, et faite pour 
plaire aux coeurs les plus nobles. Cest le retour des Juifs 
en Pal6stinel 

J'ai d£velopp£ le plan dans une brochure qui a kt6 tra* 
duite en dix langues. J'ai l'honneur de remettre k Votre 
Altesse Imperiale l'^dition russe. Depuis cette publica- 
tion j'ai fait quelques d^marches k Constantinople, oü 
j'ai vu le grandvizir, et ailleurs. 

S- A. R. le Grandduc de Bade m'a fait l'honneur de 
me recevoir k Karlsruhe, et il a eu la bont6 de a'int^resser 
ji la cause. 

Je me mets respectueusement k la disposition de Votre 
Altesse Imperiale pour explicper l'id^e toute enti^re, sans 
les restrictions qui sont nScessaires dans un Uvre. II est 
facile de se renseigner sur moi — je suis r£dacteur de la 
Neue Freie Presse de Vienne — et de savoir si je suis 

568 



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compromettant, s'U y a & craindre la moindre indiscrition 
de ma part. 

S. A. R. le Grandduc de Bade peut le dire. Si Votre 
Altesae -Imperiale veut bien m'accorder la faveur de me 
recevoir, je viendrai i Berlio, k St. P^tersbourg, n'im- 
porte oä. 

La Solution de la question juive est une ceuvre süperbe. 

Le jiüfs peuveDt venir en aide aux finances ditraqu^ 
de la Turquie. Cela faciliterait les riformes indispeo- 
aables au soulagement des malbeureux cfar£tiens de rem- 
pire ottomaD. Pour les pays daos lesquels oa aimerait 
voir s'Sloigner les juifs, cela serait un soulagemeat nou 
moins bienfaisant. 

Les massea des juifs pauvres acceptent l'idäe avec en- 
tbousiasme, j'en ai maintes preuves. 

Oq coQtenterait k peu pr6s tout le monde; c'est donc la 
Solution! 

Je suis avec le plus profond respect, 
MoDseigneur, 

de Votre Altesse Imperiale 

le trds humble et obeissant serviteur 
Dr. Theodore Herzl. 

15. Novemba- 9S: 
(Ergebenbeitsformel, siehe S. [558].) 
k Son Alt. Imp. 

le Grandduc Wladimir 

k Berlin. 

17. November . 
Im Jewisb World erscheint der Auszug meiner Union- 
Rede unter dem Titel: The Jewiah State. Dr. Herzt throw» 
light ort his icheme. 

569 



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Diesen Ausschnitt sende ich mit folgendem Brief an 
den Großherzog von Baden. 

Ew. Königliche Hoheit I 

Obwohl ich nicht die Auszeichnung hatte, auf mein vor 
einigen Monaten abgeschicktes ehrfurchtsvolles Schrei- 
ben eine Antwort zu erhalten, gestatte ich mir noch ein- 
mal auf die Judenfrage zurückzukommen. 

Der beiliegende Ausschnitt aus einem Londoner Blatte 
sagt Eiirer Königl. Hoheit in Kürze den augenblicklichen 
Stand der Sache. 

Es ist wirklich etwas Wunderbares um die Entwicklung 
der Judenrückkehr- Bewegung. Von den Armen und jun- 
gen Juden mit Begeisterung aufgenommen, ist dieser Ge- 
danke jetzt schon rund um die Erde verbreitet, wie aus 
zahllosen Kundgebungen hervorgeht. Und zugleich kann 
er auch zur Behebung der gegenwärtigen türkischen 
Schwierigkeiten dienen. 

Es ist im größten Interesse derjenigen Mächte, welche 
den Status quo und dabei aber auch die Gesundung der 
Verhältnisse in der Türkei wünschen, daß das geplante 
russisch-französische Finanzarrangement nicht zustande 
komme. Denn das wäre tatsächlich eine russische Be- 
schlagnahme der Türkei, ähnlich dem Protektorate, das 
Rußland sich durch die Finanzintervention nach dem 
japanischen Kriege über China zu sichern wußte. 

Dieses angebliche Arrangement liefe auf eine neue 
Agiotage hinaus, von der Frankreich (im evakuierten 
Ägypten) und Rußland alle politischen und ein paar 
Börsenjobber die Geldvorteile hätten, indes in der Türkei 
alles heim alten bliebe. 

Hingegen bedeutet das nationaljüdische Arrangement 
— ganz abgesehen von der weltgroßen und verheißenen 
Erfüllung, die darin liegt — eine wirkliche Sanierung 

570 



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der Türkei. Die Rückkehr der Juden ist der Schutz der 
' Christen im Orient. 

Königliche Hoheit I ich habe nur arme Worte zur Ver- 
fügung, um auf den Willen der MSchtigen dieser Erde 
' einzuwirken. Vielleicht habe ich heute den Ton getroffen, 
der überzeugt? Wenn sein guter, weiser Ratgeher dem 
Deutschen Kaiser empfiehlt, mich anzuhören, wird Se. Ma- 
jestät mich zu einem geheimen Vortrage nach Berlin 
kommen lassen. Damit wäre unendlich viel gewonnen. 
Als ich in Karlsruhe war, gestatteten mir Ew. Königl. 
Hoheit gnädigst, ab und zu über meine Arbeiten in der 
Judensache zu berichten. Aus Furcht, weiterhin lästig zu 
fallen, beschließe ich mit meinem heutigen Briefe den 
Gebrauch, den ich von dieser Erlaubnis machte, falls ich 
kein Zeichen der Ermutigung erhalte. 
Ich verbleibe in tiefster Ehrfurcht 

Eurer Königlichen Hoheit 

dankbar ergehener 

Dr. Theodor Herzl. 

f. Dezember. 

Dr. Rothfeld aus Pest erzählt mir von einem dort ver- 
breitet gewesenen Gerücht. Man sagte, ich hätte von einer 
englischen Landkomp^nie, die in Palästina ein Geschäft 
machen wolle, für die Publikation des „Judenstaates" 
ein großes Honorar bekommen. 

So unglaublich erscheint es unseren Juden, daß jemand 
etwas aus Oberzeugung tun könne. 

Brief an Hechler für Lord Salisbury. 

Verehrter Freund 1 
Ihre Ansicht, daß ich Lord Salisbury den Judenplan 
entwickeln sollte, scheint mir richtig. Nur will ich nicht 

67. 



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direkt aa iba herantreteo. Wcdd Sie es für gut finden, 
werden Sie ihm den Inhalt dieses Briefes zur Kenntnis 
bringen. 

Für Sie, mein sehr verehrter Freund, ist die Judensache 
eine theologische. Aber sie ist auch eine politische, und 
zwar sehr aktuelle. Sie wissen, daS religiöse Gefühle, und 
in jüngster Zeit der überall auftauchende Antisemitismus, 
in den breiten unteren Massen der Juden aller LSnder eine 
starke Sehnsucht nach Palästina erweckt haben. Sie wis- 
sen, daß Hunderttausende zur sofortigen Wanderung be- 
reit sind, und zu vermuten ist, daß ihnen später noch mehr 
Hunderttausende folgen würden. 

Das ist ein Element — ein neues allerdings — womit 
die englische Politik im Orient rechnen könnte und 
sollte. Lord Salisbury könnte damit einen Meister^ 
streich ausführen. Bei der jetzigen, von der russisch- 
französischen Entente beherrschten Weltlage würde eine 
Teilung der Türkei England schwer benacbteiligen. Für 
England wfire die Teilung jetzt ein Verlust, es muß also 
den Status quo wünschen. Dieser kann nur erhalten wer- 
den, wenn man die Finanzen der Türkei regelt. Darum 
bat Rußland soeben das vorgeschlagene finanzielle Arran- 
gement verbindert. Rußland will die AUirÖckelung und 
Selbstauflösung der Türkei. 

Nun gibt es ein Mittel, die türkischen Finanzen zu re- 
geln, somit den Status quo noch einige Zeit zu erhalten, 
und gleichzeitig für England einen neuen Weg nach 
Indien, den kürzesten, zu schaffen. Und das alles, ohne 
daß England einen Penny auszulegen oder sich irgendwie 
sichtbar zu engagieren bstte. 

Das Mittel ist die Herstellung eines autonomen jüdi- 
schen Vasallenstaates in Palästina, ähnlich wie Ägypten, 
unter der SuzerSnitSt des Sultans. Ich habe, wie Sie wis- 

57a 



dbyGoog-Ie 



sen, im Sommer, als ich in Konslantinopel war, die ersten 
Fäden hierzu angesponnen. Die Sache ist möglich, wenn 
wir den Rückhalt, und ich wiederhole ausdrücklich: den 
unsichtbaren Rückhalt, einer Großmacht haben. Da der 
Sultan vorläufig noch unbestrittener Souverän ist, kann 
keine Macht ihn hindern, die Juden zur Einwanderung 
in Palästina binzuladen. Hierfür würden wir ihm eine 
große Anleihe auf den von den Juden zu zahlenden, im 
vorhinein sichergestellten Tribut besorgen. 

England hätte den Vorteil, daß sofort die Eisenbahn 
quer durch Palfistina vom Mittelmeer nach dem Persi- 
schen Meerbusen gebaut würde oder im Anschluß an die 
vom Verkehrsbedürfnis bald erzwungene Rahn durch Per- 
sien und Belutschistan (evtl. Afghanistan) nach Indien. 

England hfitte diese Vorteile sans boarie dilier, und 
ohne daß die Welt von seiner Reteiligung erführe. Wäh- 
rend Rußland sich im Norden den Schienenweg nach 
Asien vorbereitet, hätte England im Süden einen neu- 
tralen Reserveweg nach Indien, falls am Suezkanal 
Schwierigkeiten entstehen sollten. 

Will Lord Salisbury dem Gedanken nähertreten, so 
stehe ich hier seinem Rotschafter und ihm selbst in Lon- 
don zur Verfügung, wenn er mich ruft. 

Findet er die Sache zu phantastisch, so kann ich nur 
bedauern. Die Rewegung existiert aber in Wirklichkeit, 
und ein geschickter und großer Staatsmann wird sie zu 
benützen wissen. 

Mit herzlichen Grüßen Ihr getreuer 

Theodor Herzl. 

il. Dezember. 
Auf dem Weg ins Bureau traf ich heute mittags New- 
linski. Seit dem Scheitern der Blattgründung hat er jetzt 

673 



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immer ein wohlwollend spitzbübisches Grinsen, wenn et 
mich sieht. Das will sagen: „Hast mich draagekriegtl 
Ich bin dir aufgesessen, nehm's aber nicht übel, weil da 
BO geschickt warst." 

Je lui remets loajoars du caeur aü venire. Ich sage ihm : 
„Es ist eine schlechte Pause im Werk. Nur Geduld. Wir 
werden es übertauchen. Die Freunde erkennt man dar- 
an, daß sie in den ungünstigen Tagen nicht wankend 
werden." 

Er versichert mir schließlich immer, daß er festhalte — 
und fügt ironisch hinzu: „Ich bin Ihr einziger AnhSnger." 

Er erzählt mir, daß Izzet Bey beim Sultan in Ungnade 
gefallen sei. Seit zehn Tagen wurde er nicht empfangen. 
Tahsim Bey scheine jetzt obenauf zu sein. Dem bat New- 
linski geschrieben, er möge dem Sultan den Judenvcv- 
scblag wiederholen. Man spricht von Rhagih Bey als 
wahrscheinlichem Nachfolger Izzets. 



Der dänische Literaturgeist Georg Brandes bestätigt 
mir in einem ausweichend höflichen Brief den Empfang 
des „Judenstaats". Er erzählt mir die alte Anekdote vom 
Bankier, der jüdischer Gesandter in Berlin werden 
möchte. 

Ich antworte ihm ironisch. Ich hätte eine andere Auf- 
nahme des schönen jüdischen Renaissancegedankens von 
ihm erwartet. Ich glaube nicht an die Ausführung des 
Gedankens, vne ich ihn in meiner Schrift entworfen. Aber 
ich glaube, daß der Judenstaat entstehen wird, unter teil- 
weisem Fortbestande der Diaspora, weil in solcher Dia- 
spora jetzt alle Völker leben. 



574 



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12. Dezember. 
Hechler war bei mir, brachte einen Zeitungsausschnitt, 

welcher meldet, daß der Deutsche Kaiser im nSchsteu 
Herbst nach Palästina gehen wird. 

Wir kamen überein, daß ich ihm, Hechler, einen zur 
Vorlage an den Kaiser bestimmten Brief schreiben werde. 
Die Zeit ist allerdings ungünstig. Der SkandalproceB, 
der sich an die Fälschung des Breslauer Zarentoasis 
knüpfte, dürfte den Kaiser mißmutig und mißtrauisch 
gegen Journalisten gemacht haben. 

13. Dezember. 
Im Morgenblatt lese ich, daß der frühere preußische 

Kriegsminister Verdy du Vernois hier angekommen ist. 

Ich schreibe ihm : 

Ew. Exzellenz I 

Im August erfuhr ich durch einen Herrn, der mit Ew. 
Exzellenz in Therapia zusammengetroffen war, daß Sie 
sich für meinen Entwurf der Judenwanderung nach Pa- 
lästina interessieren. 

Soeben lese ich in der Zeitung von Ihrer Anwesenheit 
in Wien. 

Wenn jene erste Meldung richtig war, bitte ich um die 
Ehre, von Eurer Exzellenz empfangen zu werden. Aus 
der Broschüre „Der Judenstaat" läßt sich der gegenwär- 
tige Stand dieser großen Sache nicht erkennen. Viel ist 
inzwischen vorgegangen, auch viel — malgri moi — 
versäumt worden. Rund um die Erde läuft heute schon 
diese von Menschen unterschätzte Bewegung. Was sie 
an Segen birgt, und zwar nicht nur für die Juden, wird- 
noch nicht erkannt. 

Wenn es mir vergönnt wäre, mich mit Ew. Exzellenz 
über den Gegenstand eingehend zu unterhalten, könnte ich 

575 



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gewisse Aufschlösse geben, die sich zur Veröffentlichung 
nicht eignen; und vor allem erhoffe ich Belehrungen von 
dem Orientkenner. 

Ich brauche nicht tu sagen, daß eine journalistische In- 
diskretion in dieser mir so heiligen Sache von mir nicht 
zu befürchten ist. Ich stehe zu jeder Stunde, und wo es 
Ihnen beliebt, zur Verfügung. Das Telephon (Nummer ' 
la 287) habe ich auch in meiner Privatwohnung IX Berg- 
gasse 6. Der Hotelportier kann mich anrufen. 

Heute nachmittags bin ich bis vier Uhr jedenfalls zu 
Hause. 

Nochmals mache ich aber den Vorbehalt der ersten 
Meldung; bitte, wenn sie unrichtig war, mich gütigst lu 
entschuldigen und diesen Brief als non avena anzusehen. 

Mit den Ausdrücken meiner ausgezeichnetsten Hoch- 
achtung 

Ew. Exzellenz 

sehr ergebener 

Dr. Theodor Herzl. 



Der Bote brachte diesen Brief aus dem Hotel Bristol 
zurück — der General war schon abgereist. Also non 
avenu. In den Papierkorb. 

1ü. Dezember. 

Hechler hat von Lord SaUsbury eine leichte Nase er- 
halten für die Einsendung meines Briefes. Lord S. caimot 
grant Dr. Herzl to interview him. 

Interessant an dem Refus nur die englisch gesch&fts- 
mSßige Art, in welcher vom „retarn of the Jena" die 
Rede ist. 



576 



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20. Dezember. 
Ich fühle mich ermüden. Ich glaube jetit öfter als je 

vorher, daß meiae Bewegung zu Ende ist. Ich habe die 
volle Überzeugung von der Ausführbarkeit, kann aber die 
Aofangsschwierigkeit nicht überwinden. 

Eine einzige Million Gulden wäre nötig, um die Be- 
wegung groß auf die Beine zu bringen. Dieser Bettel (für 
eine so große Sache) fehlt — und darum werden wir 
schlafen gehen müssen, obwohl der Tag da ist. 

21. Dezember. 
Güdemann, der mir seit Monaten auswich, in der 

Herrengasse getroffen. Er kam so dicht vorbei, daß wir 
stehenbleiben mußten. 

Er tat pikiert, weil ich ihn nicht mehr aufgesucht habe ; 
er sei doch auf meinen Ruf nach München gekommen, 
habe mich bei Adler in London eingeführt usw. 

Ich sagte ihm grob und geradezu : „Sie sind lau und flau 
geworden — da habe ich Sie einfach links liegen lassen." 

Er möchte sich wieder mit mir „aussprechen". 

Ich werde ihn vor ein Dilemma stellen: mit oder gegen! 

6. Jänner 1897. 

So sind vnr denn in das Jahr 97 eingerückt, das eines 
der „kritischen" Jahre meines Freundes Hechler ist. 

Ich bin trige geworden in der Führung dieses Tage- 
buchs. Mancher Tag bringt Aufschreibenswerles, aber 
die allgemeine Dumpfheit der Bewegung liegt allmfihlich 
auch mir in den Gliedern. Auch schreibe ich viele Briefe, 
da ich jedem antworte; und in diesen Briefen emoussiert 
sich meine geringe Schreibelust. 

Ich bekomme Besuche aus aller Welt. Der Weg von 

37 Henla TasebOobcr I. ^77 



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Palästioa nach Paris fängt an, durch mein Zimmer zu 
gehen. Interessantere Leute, die in den letzten Wochen 
vorüberkamen, waren : Schoub aus PalSstina, ein großer, 
langbärtiger Mensch mit schwärmerischen Augen ; Dr. H . . . 
aus Berlin, der mir etwas von der Berliner Judenkleinheit 
in seinen Kleidern mitbrachte; Landau aus Przemysl, ein 
intelligenter Halbchassid mit hinter die Ohren gestriche- 
nen Peiea, und Dr. Salz aus Tarnow, der Newlinski ähn- 
lich sieht mit seinem rötlich falben, polnisch herabhän- 
genden Schnurrbart, den hellen Augen und der großen 
GlaUe. 

Jedem der vier gab ich Aufträge. Schoub soll mit dem 
jodischen Leibarzt des Sultans, wenn ich mich noch recht 
erinnere, heißt er Eliau Pascha, reden. 

Dr. H . . . soll den Bnei Mosche in Jaffa, denen er af f i- 
liiert ist, schreiben, wie die Sache steht, und daß ohne 
publizistische Agitalionsmittel unsere Sache gänzlich ver- 
sumpfen wird. 

Landau aus Przemysl hat sich erboten, mit dem Wun- 
derrabbi Friedmann von Czortkow zu verhandeln. Ich 
gab ihm einen Brief mit, worin ich Friedmann einlade, 
seinen Sohn zu mir zu schicken. 

Dr. Salz entwickelte ich den jetzigen Zustand unserer 
Sache, die in dem Augenblicke groß werden könnte, wo 
wir eine Million für publizistische Zwecke hätten. 

Und so steht es wirklich. Mit der Million kann ein 
großes Blatt gemacht werden. Mit dem großen Blatte 
verhandeln die Regierungen wie von Macht zu Macht. 

Ich fürchte, die beste Zeit ist versäumt. Die war in 
den Monaten, seit ich in Konstantinopel weilte. Als Izzet 
Bey noch Günstling des Sultans war, und als ich noch 
mit meinem ersten Prestige mit den Paschas unterhandeln 
konnte. 

578 



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Das Finanzarrangement durch französische Bankiers 
hängt wie eine drohende Wolke über dem Zionismus. 
Unsere Chance besteht nur in dem Widerwillen der 
Pforte gegen die Einmischung fremder Finanziers, hin- 
ter welchen Mächte stehen, und in der Politik Rußlands, 
das die Türkei wie einen Aussätzigen lebend vermodern 
lassen möchte. 

Indessen erringt sich der Zionismus, wenn ich nicht 
irre, allmählich in den verschiedensten Ländern die bür- 
gerliche Achtung. Man fängt nach und nach an, uns 
ernster zu nehmen. 

Die wohlhabenden Juden benehmen sich zwar nach 
wie vor miserabel. Und wie mein getreuer de Haas aus 
London schreibt: „everyhody is waiting lo see how tke cat 
will jamp". 

Mit Benedikt rede ich öfter von der Sache. Vor Weih- 
nachten, als er mich fragte, ob ich nicht einen schönen 
Festartikelstoff für ihn wüßte, sagte ich : „O ja, schrei- 
ben Sie über die Lösung der Judenfrage durch die Kolo- 
nisation Palästinas, die auch die Regelung der Orient- 
frage durch Sanierung der türkischen Finanzen wäre." 

Er meinte: ,,Das wäre wohl ein schöner Artikel, auch 
ein Erfolg; aber diesen Artikel darf ich heute nicht mehr 
schreiben, weil Ihre Broschüre daliegt, in der Sie von 
der jüdischen Nation sprechen." 

Ich replizierte: ,,Gut, Sie schreiben den Artikel heuer 
nicht — Sie werden ihn vielleicht im nächsten Jahre zu 
Weihnachten schreiben. Wir können warten." 

Bei Güdemann war ich vorgestern abend. Wieder das 
alte Geschwätz. Er tat noch gekränkt. Aber als ich ihn 
im Verlauf meiner Argumentation wieder begeisterte, 
sagte er: „Mich baben Sie ganzi" 

„Gut," sagte ich, „dann reden Sie im Tempel davon!" 

37» 579 



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„Erlauben Sie," schrie er ganz entsetzt, „das geht nicht. 
Ich habe herunif^hört, die Leute wollen davon nichts 
wissen." 

„Sind Sie der Hirt Ihrer Gemeinde?" fragte ich ihn. 
„Ich gestatte Ihnen, so vorsichtig zu sein, wie Sie wollen. 
BekSmpfen Sie meinetwegen den Zionismus, aber ver- 
schweigen Sie ihn nicht. Man kann eine Sache zur Kennt- 
nis der Leute bringen, indem man sie ungeschickt be- 
kämpft, und auf vielerlei andere Weise. Das ist die Kunst 
der Rede." 

Aber der Salbungsvolle, den ich ja jetzt schon gut 
kenne, rang nur die HSnde und jammerte, dafi es un- 
möglich sei. 

Da sagte ich ihm: „Bleiben Sie gesundl" Und ich 
ging, wohl zum letzten Male, von ihm weg. 
* * * 

Eine neue Figur ist in meinen Kombinationen aufge- 
taucht : der Maler K . . ., den ich seit zwanzig Jahren kenne. 
Er hat die Kaiserin von Rußland öfters porträtiert, sowie 
andere gekrönte HSupter. Ich möchte ihn gern zum 
Agenten meiner Idee machen und will ihn mit Reklamen 
bezahlen. Es wird zum erstenmal geschehen, daß ich für 
jemanden Reklame mache; der Zweck ist es wert. Ich 
gehe heute zu K . . . 

7. Jänner. 

Die K . . .-Idee entwickelt sich komisch. Ich war gestern 
bei ihm. Künstleratelier up (o date, ein bißchen aufs 
Glitzern hergerichtet. Der Meister ist verblüht, nämlich 
physisch, seit ich ihn kannte. Ist aber ein tüchtiger Künst- 
ler und, glaube ich, auch ein braver Kerl. 

Die Kaiserin von Rußland hat er nicht jetzt — sondern 
als Prinzessin von Hessen gemalt. Es ist ein ganz gewöhn- 

58o 



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lieber Kuosthändlerkniff, der ihn ab Porträtisten der 
Kaiserin darstellt. 

Die Kaiaerinpea-Bilder sind Ausführungen von Skiz- 
len, die er ehemals in Darmstadt machte. 

Dennoch will ich K . . . benützen, und jetzt erat recht. 

Die damalige Prinzessin hatte gelächelt, als er ihr von 
dem Gerücht sprach, daß sie Kaiserin von Rußland wer- 
den solle. Scherzend hatte er gesagt : „Wenn Hoheit Kai- 
serin werden, müssen Sie mich zum Hofmaler machen 1" 
Und sie hatte l&chelnd zugesagt. 

Jetzt will ich für ihn die große Pauke schlagen, damit 
er Hofmaler werde; und wenn er es ist, muß er am rus- 
sischen Hof der Judensache dienen. 

Ich muß mir die Instrumente selbst fabrizieren, mit 
denen ich dann das Werk machen werde. 

Ob er seine moralische Verpflichtung nicht vergessen 
wird, nachdem ich ihn gemacht habe? 

Die Undankbarkeit will ich immerhin riskieren. 



10. Jänner. 

Newlinski frühstückte heute hei mir. 

Er teilte mir mit, die Hohe Pforte „sei auf mich böse", 
weil ich die seinerzeit in Koostantinopel versprochene 
publizistische Unterstützung nicht leiste. Ja, man glaube 
sogar, daß die Angriffe der europäischen Presse auf die 
türkische Regierung von mir ausgingen, aus Rache dafür, 
daß man uns PalSstina nicht verkaufen wolle. 

ich w&re mit dieser irrtümlichen Annahme der Tür- 
ken nicht unzufrieden, weil sie bewiese, daß man mit mir 
dort als mit einer Macht rechnet. Ich glaube aber, 'daß 
Newlinski, der mir diese Mitteilung mit diplomatisch 
gesenkten Augen machte, nur kleine Zeitungsgefillig- 

58 ( 



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Iteiten faerausdrückeD mOchte, die er wahrscheinlich dann 
für eigene Rechnung verwertet. 

Ich sagte ihm : die Zusage einer publizistischen Unter- 
stützung war selbstverstfindlich nur eine bedingte. Wenn 
die Türkei sich mit uns auf Verhandlungen einließe, wür- 
den wir sie in den Blättern verteidigen. Donnant, don- 
nant. Die dupes der türkischen Versprechungspolitik 
ohne wahre Leistung wollen wir nicht sein. 

Newlinski meinte : „Wenn die Türkei in den Blättern 
angegriffen wird, dürfte sie antisemitisch werden." 

Davor habe ich keine Angst. Wenn die Pforte anti- 
semitisch wird, bringt sie alle Börsen gegen sich auf und 
kriegt überhaupt nie mehr Geld. Dann stellen sich auch 
alle Hochbankiers hinter mich. 



18. Jänner. 

„L'Etat juif" ist in Madame Rattazzis Nouvelle Revue 
Internationale vom i. Jfinner 97 erschienen. 

Nachdem die Schrift ein Jahr lang in Frankreich über- 
haupt nicht anzubringen war, scheint sie jetzt Aufseben 
zu erregen: 

Heute bekomme ich von drei Pariser Freunden die 
Lihre Parole vom 16. ds. zugeschickt, worin Drumont 
einen höchst schmeichelhaften Leitartikel über mich I0&- 
ISßt und weitere verspricht. 

Es war ein guter Gedanke, daß ich die alte Madame 
Rattazzi, als sie mich hier wegen Reklamen heranlockte, 
zur Herausgabe der Broschüre veranlagte. 

Jetzt wird auch Alphonse Rothschild, der treueste Le- 
ser der Lihre Parole, die Sache zur Kenntnis nehmen. 
Die haute firumce liest ja nur dieses Peitschenblalt. 

S83 



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26. Jänner. 

Heute früb hatten wir in der N. Fr. Pr. die Nachricht, 
da£ FiDaozarrangement mit der Türkei , .unter der Ga- 
rantie aller MSchte" sei perfekt. 

Ich glaubte es zuerst nicht und telephonierte an New- 
Unskl, der nur bestätigte: „C'est mauvais pour nous." 

Dann war F. SchQti bei mir, der die Sache auch be- 
Eweifelt, weil er aus Rußland Nachrichten hat, wonach 
die russische Regierung es abgelehnt bitte, den Wunsch 
der französischen Finanziers (welche dieses Arrangement 
wollen) zu beachten. Ja, Schütz fügte hinzu: der neue 
Minister Murawiew reise jetzt nur darum zum Antritts- 
besuch nach Paris, damit die Regierung M^lines gestärkt 
werde. Und nach einem solchen Besuch könne die Börse 
es nicht wagen, gegen Rußland zu demonstrieren. 

Indessen kommen abends weitere Meldungen von allen 
Seiten : das Arrangement ist perfekt. Es sollen zunSchat 
vier Millionen Pfund den Türken gegeben werden. Jeden- 
falb sind sie „aus dem Wasser". Es ist in dieser üblen 
Wendung doch ein Gutes. Das Arrangement bedeutet 
ein weiteres Anwachsen der Macht dieser dette publi- 
que, welche dem Sultan und allen Paschas ohnehin 
schon ein Dorn im Auge ist. Dadurch wird die detle pu- 
blique noch verhaßter werden, und das Geld, das die 
Türken bekommen, ist ja ohnehin schon längst vorge- 
gessen. Es wird also nicht lange vorhalten, und die diche 
wird wieder da sein. 

Mr. Gharriant, der Sekretär der Madame Rattazzi, die 
heute von Konstantinopel bier eintraf und mich sehen 
wollte, war bei mir. Ich kann die Rattazzi wegen meines 
Schnupfens nicht besuchen. Gharriant erzählt, Izzet Bey sei 
noch immer in Gunsi beim Sultan, wie er vor sechs Tagen 
vom französischen Botschafter Gambon erfahren hat. 

583 



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, Dann wareo Sidney WhitmaD uad NewUnski bei mir. 
Sidney will meinea Judenstaat, dea er erst jetzt gelesen 
hat, durch den New York Herald lancierea. (J'aUais le 
lui demander.) 

NewUnski sprach mit bitterer Verve über das Fiaanx- 
arrangemeat. 

Die Paacba3 würden es ab eine rechte Beleidigung emp- 
finden. Denn das Geld werde seiner wirklichen Bestim- 
mung zufließen. Sie werden es als eine empörende An- 
leihe empfinden, die nicht für Djavid Bey und Izzat Bey 
usw. gemacht worden. Danusso und Take Margueritte 
fallen durch 1 Es ist unerhört. 

So scherzte er großartig zynisch. 

Er sagte auch : vor dem Ramazan kann man alles mit 
dem zehnten Teil Geldes richten. Da braueben sie Geld 
für die Beamten, Soldaten und Feste. Da sind looooo 
Pfund so viel vne sonst eine Million. 

Ferner erzlhlte NewUnski einige komische Züge von 
der Mißwirtschaft auf der Pforte. Der Marineminister 
Hassan Pascha steckt alles ein. Er verkauft die Kupfer- 
kessel von den Schiffen, iSßt die pharmazeutischen Weine 
der SpitSler für sich in seinen eigenen Kellern einlagern. 
Die Maut der Brücke zwischen Stamhul und Galata ist 
dem Marineamt überwiesen: d. i. a5 Millionen Frank. 

Die Zivilliste ist auf die ZoUeinnahmen fundiert; die 
sind aber in den letzten ao Jahren von drei MUUouen 
Pfund auf eine Million zurückgegangen. 

NewUnski hat, wenn er diese Dinge erzSblt, einen 
eigentümlich großen Ton. Er ist kein gewOhnUcher 
Mensch. 

27. JSnner. 

Die türkische Anleihe wird von einigen Blättern de- 
mentiert. Iq der N. Fr. Pr. hSlt man die Nachricht, die 

584 



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übrigens nicht von Paris, sondern aus dem hiesigen aus- 
wärtigen Amt kommt, aufrecht. Es verhSlt sich so, daß 
die Botschafter in Konstantinopel sich über die An- 
leihe geeinigt haben. Von da bis zur Perfektionierung ist 
noch ein weiter Weg. 

Ich hoffe, der Sultan wird sich das nicht bieten lassen, 
und die Paschas, die kein Bakschisch erhielten, werden 
ihn an seine bedrohte Kalifenwürde erianera. 

Wahr scheint nur, daß die Banque Ottomane Sooooo 
Pfund Vorschuß gegeben hat. Damit werden die Türken 
Ramazan machen und Allah einen braven Mann sein 
lassen. 

Die OttomanbSnkler wieder werden mit dieser Anleihe- 
nachncht ein paar Monate an der Börse auf und ab 
spielen. Bald wird die Anleihe zustande kommen, bald 
wird sie scheitern. Das wird die gewünschte ßausse und 
Baisse liefern. Damit werden sie sich für das Aleato- 
rische des neuen Vorschusses von Sooooo Pfund reich- 
lich entschSdigen '■ — wenigstens die Bankhalter. Die 
gogoa werden so und so gerupft. Eine schamlose Jour- 
nalistik wird dieses Spiel mit Tamtamschligen begleiten. 

28. Jänner. 

Sidney Wbitman besucht mich jeden Tag, sitzt stun- 
denlang bei mir. Er will die Judensache im New York 
Herald lancieren. 

Merkwürdig ist, daß er die Sache erst jetzt kennen- 
xulernen scheint. Ich dachte schon im Juli, er arbeite 
für mich. 



In der N. Fr. Pr. hatten wir ein Feuilleton von Flam- 
narion: „Ist der Mars bewohnt?" Man sprach in der 



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Redaktion vom Mars. Bacher sagte überlegen tu mir: 
„Den Judenstaat können Sie vielleicht auf dem Mars er^ 
richten." 
Gelächter der Korona. 

28. Jänner. 
Heute war Dr. Bloch hei mir, mich „als den Parteichef" 

um die Unterstützung seiner Reichsratswahl ia Sereth- 
Suczawa (glaube ich) zu bitten. 

Ich hatte diesen seinen Bittbesuch schon vor einiger 
Zeit vorausgesagt. 

29. Jänner. 
Blochs Erscheinen brachte mich auf die Idee, einen 

zionistischen Abgeordneten ins Parlament zu schicken. 

Ich berief Schnirer und Kokesch zur Beratung über 
Blochs Antrag. Zufällig kam aucb Berkowicz. Alle drei 
waren darin einig, daß man Bloch nicht unterstützen 
dürfe. Er sei unverlSßlich und habe sich immer schlecht 
gegen uns benommeq. 

Meinen Vorschlag, ein Mandat für einen Zionisten zu 
suchen, nahmen sie mit Beifall auf. Ich nannte Prof. 
Leon Kellner, der neulich auf meinen Wunsch einen Vor- 
trag im „Zion" gehalten hatte. Sie wollten aber, daß ich 
kandidiere ; meine Wahl wäre in Gallzien gesichert, würde 
auch viel wen^er kosten als die Kellners oder irgendeines 
anderen. Ich lehnte rundweg und kategorisch ab. 

Darauf akzeptierten sie Kellner als Kandidaten. leb 
ließ Dr. Salz aus Tarnow und Stand aus Lemberg für 
Dienstag zu einer Wahlbesprechung nach Wien rufen. 
Wir werden einen Wahlkreis suchen, unsere jungen Leute 
als Agitatoren hinschicken. Frage nur noch, wie die 
Wabikosten beschafft werden sollen. 



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The Palestine Pilgrimage. 

To the Editor of the Jewiah World. 

Sir, — The „Message" of Dr. Herzl to an East Eod 
meetiiig, dealing with this scheme, is so charged with 
that iDteDse zeal and eathusiasm which marks all the ut- 
terances and proceedings of this remarkahle man, that it 
seems almost a pity to have to repudiate some of the ideas 
which he has gathered — I know not where — about the 
movement. 

It is due, however, to those who are taking part in the 
Pilgrimage to say, that theyhave no such far-reaching 
scheme on foot as Dr. Herzl's fervid imagination would 
attribute to them, and that they have neither political 
objects to serve, nor even scientific researcbes to make, 
in connection with their visit. 

The Pilgrimage is what its name denotes, and not an 
„Expedition" nor an „Investigation Commission", as 
Dr. Herzl suggests; and it will have served its purpose, if 
it enlarges the interest of Western Jews in the land with 
which their history and traditions are so intimately 
bound up, and if it operates as an encouragement to 
similar pilgrimages in future years, so that the reproach 
that Palestine is less visited by Jews than by any other 
denomination may be removed from our people. 

I hope you will permit me to take the opporlunity to 
say that the success of the Pilgrimage is now assured by 
the adhesion of the necessary numbers; and it is hoped 
that our party will be completed up to its maximum limit 
(3o) within tbe next few weeks. — I am, Sir, yours faitb- 
fuUy 

Herbert Bentwich. 

Tbe Hohn, Avenue Road, N. W. 
37 th January, 1S97. 

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U. Februar. 
Neue Unruhen auf Kreta. Ich habe bei dieser Nachricht 
eine eigentömliche Vorahnung: daß es vielleicht die Li- 
quidation der Türkei sei, die jetzt beginnt. Ich bringe mit 
diesen offenbar wieder diplomatisch arrangierten Kre- 
tenser Unruhen die letzte auffallende Berliner Reise un- 
seres Ministers Goiuchowski, der fOr einen englischen 
Mittelsmann gehalten wird, in Zusammenhang, sowie die 
Reise des russischen Ministers Murawiew nach Paris und 
Bertin. Ich habe ein Vorgefühl, ich weiß nicht warum. 

4. Februar. 
Ich schreibe an de Haas nach London, er möge trach- 
ten, den südafrikanischen GoldmilUardSr Barnato durch 
den sephardischen Chief-Rabbi Gaster für unsere Sache 
gewinnen zu lassen. 

5. Februar. 
Aus den Wablberatungen ist hervorgegangen, daß Kell- 
ner weniger Aussichten hätte, gewählt zu werden, als 
Dr. Salz. Ich wurde von allen Seiten bestürmt, zu kandi- 
dieren, meine Wahl wäre sicher. Ich lehnte aber ab. 
Ich glaube, wenn ich mich hätte erweichen lassen, hätten 
mich dieselben, die mir zuredeten, innerlich gering ge- 
schätzt. 

Wir beschlossen endlich, Kellner und Sals aufzustellen. 
Kellner im Städtebezirk Drohobycz, Salz in der fünften 
(allgemeinen) Kurie von Kolomea. 
* * * 

Jewiah Chrontete, 5. Febr. 
Correspondence. 
The Palestine Pilgrimage. 
Sir, — The correction by Mr. Herbert Bentwich, who 
wishes to lead a Pilgrimage to Palestine on a much nar- 

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rower programme than I betieved bis intention to be, 
compels me also to say a few words. Mr. Beatwich eave- 
lops the thorn in a rose-Ieaf , still I feel it. He means tbat 
in my letler to the East End meeting I put the matter 
upoD an impossible plane. How has that come about? 
I was requeated, from London, to write a letter on Mr. 
Bentwich's expedition. Tbis letter was to be read in pu- 
blic, in Order to make the Pilgrimage and its objects wi- 
dely known. I wrote tbe wished-for letter on hinta wbich 
I had received from London. In it I said uothing either 
impossible or fantastic. Od the contrary, I recommen- 
ded the greatest possible sobriety. Apart from this, I 
requested the recipient of my letter, for greater precau- 
tioQ, to communicate my letter to Mr. Beotwicb, before 
giving it Publicity. In tbis way I thougbt to prevent any 
possible misunderstandtng. It, however, appears tbat my 
precautionary measures were not closely followed. 

I feel bound to make this communication, as he wbo, 
as I am, is accused in any case of too lively an imagina- 
tion in my scheme, can really not be sufficiently careful. 

As for the rest, there is a difference of a few degreea 
of warmth between Mr. Bentwicb's scheme and tbat sket- 
ched out by me. It is enough for me that be is not at 
freezing-point, and I can assure him tbat my blood does 
not boü. Yours obediently, jh. Henl. 

Vienoa, February ist, i$97- 
* * * 

Jewisk World, 5. Febr. 
An ex-premier on Dr. Herzls Scheme. 

His Excellency Prince Demeter Stourdza, who, to 
within two months ago, was the Minister-President of 

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Rumania, has beeo interviewed by the Special Vieona Cor- 
reapondent of the Paris edition of the New York Herald. 
After a talk on Continental poHtics, the Interviewer says: 
„Our conversation fiaally took a turn towards the af- 
faira of Austria proper, the coming elections, the growth 
of anti-Semitism, and the proposal put forward in con- 
necticm therewith by a Dr. Theodor HerzI, a doctor-of- 
law in Vienna, which has already the sympathetic appro- 
val of Zionists in all countries, for fouoding a Jewish 
State in Palestine. His Excellency expressed himself as 
followa: — I consider this an excellent idea; in fact, 
I may say the one and valuable way of solving the Jewish 
Question. (It must he borne in mind that Roumania has 
an enormoua Jewish population.) The Jews are the one 
people who, living in foreign countries, do not assi- 
milate with the inhabitants as others do. The causes of 
this are neither here nor there, but the very fact of the 
Jews at last forming a State of their own would comple- 
tely alter the present anomalous condition of things, even 
if a large number were to remain behind in Europe." 

20. Februar. 

Wieder eine Zeit, in der ich keine Lust hatte, etwas in 
dieses Buch zu schreiben. 

Dennoch bringt jeder Tag etwas. 

In den letzten Wochen ist mir die Kandidatur für den 
Reichsrat wiederholt nahegerückt worden. In Galiiien 
werden mir drei Mandate als sicher angeboten : Kolomea, 
Drohobycz, Stanislau. Ich bleibe bei der Ablehnung. 

Unter den Besuchern der letzten Zeit war bemerkens- 
wert Fürst Friedrich Wrede, ein junger literarischer Di- 
lettant, der sich gern im Feuilleton der N. Fr. Fr. ge- 
druckt sähe. Da ich in den hochadeligen Kreisen von der 

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Sache reden machen möchte, nahm ich mir die Mühe, 
ihm alles zu enShlen. 

Er sagte: „Wir brauchen die Juden, weil es immer eine 
Unzufriedenheit geben muß. Wenn man nicht gegen die 
Juden loszöge, hätten wir eine Revolution." 

Das Geständnis war io seiner Naivität geradezu char- 
mant. 



Gestern war Dr. D'Arbela aus Jerusalem bei mir. Er 
ist Direktor der Rothschildschen Spitäler. Ein interes- 
santer Mensch, sieht aus wie ein Reiteroherst, groß, kühne 
Nase, Schnauzbart, energisches Kinn. Er erzählte mir 
wunderbare Dinge aus Palästina, das ein herrliches Land 
sein soll, und von unseren Juden aus Asien. 

Kurdische, persische, indische Juden kommen in seine 
Konsultation. Merkwürdig: es gibt jüdische Neger, die 
aus Indien kommen. Sie sind die Nachkömmlinge der 
Sklaven, die bei den vertriebenen Juden dienten und den 
Glauben ihrer Herren annahmen. 

In Palästina sieht man nicht nur jüdische Feldarbeiter 
und Taglöhner aller Art, sondern auch kriegerisch ge~ 
färbte Berg- und Steppenjuden. 

Bei Arabern und Kurden sind wir beliebt. Streitende 
Araber gehen zuweilen statt zum türkischen Richter zu 
einem Juden, der richten soll. 

Von unserem Nationalplan spricht ganz Palästina. Wir 
sind ja doch die angestammten Herren des Landes. Die 
türkische Besatzung Jerusalems ist derzeit schwach — 
etwa 600 Mann. 

Schon jetzt bilden die Juden die Mehrheit der Einwoh- 
nerschaft in Jerusalem, wenn ich D'Arbela recht verstaa- 



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den habe. Wir sprachen so schnell und von allen Dingen, 
daß ich den Punkt gar nicht tiefer angriff. 

Das Klima ist vortrefflich, der Boden nicht verkarstet, 
nur die Humusschicht ist von den Bergen, wo einst Ter- 
rassen der Fruchtbarkeit waren, in Schlünde geschwemmt. 

Jetzt blühen in Palästina die Orangen. 

Alles ist zu machen in diesem Lande. 

Diesen prSchtigen Menschen wollen wir uns merken 
für kommende Aufgaben. 

Ich sagte ihm, daß ich auf dem Zionistentag in Zürich 
Ende August auch die Frage der Chaluka auf die Tages- 
ordnung setzen will. Die Chaluka soll in anistance par 
le travail umgewandelt werden. D'Arbela wird einen Be- 
richt über die bisherigen Zustände ausarbeiten, Vorschläge 
machen und ein Komitee in Palästina fflr die reo^ani- 
sierte Chaluka zusammenstellen. 

21. Februar. 

Gestern traf ich Newlinski im Theater. 
- Er hält die durch Griechenland auf Kreta geschaffene 
Situation, eigentlich schon das fait accompli der Los- 
reißung, für sehr ernst, für den Beginn vom Ende der 
Türkei. Die Aussichten der Juden sind dann schlecht. 
Rußland ist gegen uns. 

Er sagt mir — ich weiß nicht, ob ich es glauben soll — 
er habe mit dem hiesigen Botschafter M . . . N . . . davon 
gesprochen, dem Sultan, der jetzt in größter Geldver- 
legenheit sei, durch meine Freunde ein Darlehen von 
3 bis Sooooo Pfund Sterling verschaffen zu lassen. M . . . 
N... habe das nach Yildiz Kiosk telegraphiert und die 
Antwort erhalten, er dürfe sich mit mir nicht einlassen, 
weil ich die Forderung der Unabhängigkeit Palästinas auf- 
gestellt habe. 

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Newlioski sagte mir auch, daß man soeben 25o Fami- 
lien die Ansiedlung in Palästiaa verweigert habe. Die 
Armen mußten sich nach den Ufern des Roten Meeres 
wenden. 



Fürst Wrede schickt mir sein Stück, das voll Talent 
ist. Ich tat ihm unrecht, als ich ihn nur für einen Dilet- 
tanten hielt. Um so mehr freut es mich, daß er mir 
schreibt, er wolle in seinem Roman „Israel" meinen gan- 
zen Judenplan aufnehmen. 

9. März. 
Fürst Wrede schickte mir vor einigen Tagen aus Salz- 
burg einen Artikel über „die Zionisten", den ich an die 
Münchener Allg. Ztg. oder Kölnische Ztg. senden solle. 
Der Artikel wird wegen des Verfassernamens vermutlich 
Aufsehen erregen. Ich ließ ihn durch Sidney Whitman 
der Kölnischen Ztg. anbieten. Resultat noch ausständig. 

10. März. 

Wenn nichts vorgeht, bin ich zu mißgestimmt, um in 
dieses Buch etwas einiuschreiben. Wenn etwas vor- 
geht, so finde ich keine Zeit dazu. 

So gehen manche Stimmungen und Vorgänge verloren, 
die mich und andere in späterer Zeitinteressierenkönnten. 

Samstag, den 6. und Sonntag, 7. MSrz waren einige 
Zionisten aus Berlin hier, ferner Dr. Salz aus Tarnow 
und Dr. Ehrenpreis aus Diakovar. 

Die Berliner kamen auf die Anregung der Gründung 
einer großen Verlagsgesellschaft, zu der ich in meinem 
Bekanntenkreise Sooooo Gulden aufbringen wolle, wenn 
sie 700000 dazu aufbrächten. 

38 BcRli TtcebOolKr I. 5g3 



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Es kamen Willy Bambus aus Berlin, Dr.ThoD, Dr. Birn- 
baum aus Berlin, Moses aus Kattowitz,Turow aus Breslau. 

TuTOw ist ein schachteruer und verworrener Sp6tter, 
übrigens unter dem Namen Paul Dimidow Verfasser einer 
Broscbüre: „Wo hinaus?". 

Birnbaum selbstbewußter und innerlich mir feindse- 
liger als je. Er wollte meine Geld- und moralische Unter- 
stützung für seine in letzter Stunde geplante Kandidatur 
in dem auch mir angebotenen und von mir refüsierten 
Wahlkreise Sereth-Suczawa-Radautz. Ich verweigerte 
ihm im Hinblick auf die vorgerückte Zeit — es fehlen 
nur acht Tage zur Wahl — meine Unterstützung, weil 
wir durch ein mißlingendes Experiment das mystische 
Prestige unserer Bewegung in Galizten kompromittieren 
könnten. Er wird mir dieses Nein nie verzeihen. Übri- 
gens wollte er, nur um gewählt zu werden, auch mit So* 
eialpolitikern, Sozialdemokraten u. a. persönliche Kom- 
promisse schließen und als Vertreter einer (gar nicht be- 
stehenden) jüdischen Volkspartei kandidieren. 

Dr. Thon scheint ein begabter, aber noch nicht ausge- 
reifter junger moderner Theologe zu sein. 

Moses ein gemütlicher alter Mensch. 
. Der bedeutendste von allen ist Willy Bambus, ein stil- 
ler, klarer Organisator, der aber gern fähren möchte. 

Mit Bambus besprach ich Wichtiges, und ich erfuhr 
von ihm Interessantes. 

Die Jewish Colonisation Association unterhandelt der- 
zeit mit einer griechischen Familie (Soursouk ist der 
Name, glaube ich) wegen Ankaufs von 97 Dörfern in 
PalJistina. Diese Griechen leben in Paris, haben ihr Geld 
verspielt, und wollen ihren Grundbesitz (3o/o des ge- 
samten Bodens von Palästina, sagt Bambus) für 7 Mil- 
lionen Franks verkaufen. 

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Die J.C.A, hat sich von Argentiaieo abgewendet und 
macht nur noch in Palästina Anlagen. 

Interessant ist, was mir Bambus von der letzten Sit- 
zung der J.C.A. erzShIt. Zadok Kahn, dem ich hierin 
unrecht getan zu haben scheine, brachte wirklieb meinen 
Antrag vor, man möge in London und Paris je eine 
Zeitung für die Judensache kaufen. Dies geschah in der 
offiziösen Sitzung. Da erklärten Claude Montefiore, 
Lousada und Alfred Cohen, die englischen Mitglieder, sie 
würden die Sitzung verlassen, wenn ein solcher Antrag 
in der offiziellen Beratung vorkäme, und Alfred Cohen 
drohte sogar mit der Anzeige an die englische Regierung 
wegen Statutenöberschreitung. Zadok Kahn zog sich hier- 
auf verletzt zurück. 

Mit Willy Bambus stellte ich ein gutes Einvernehmen 
her — wenn er aufrichtig ist, kann es die beste Wirkung 
haben. 

Am Sonntag hielten wir im Zionsverein die Konferenz 
für den Allgemeinen Zionistenkougreß ab, den ich nach 
Zürich einberufen wollte. 

Man beschloß aber, nach München zu gehen, weil diese 
Stadt für die östlichen Juden besser gelegen sei, weil die 
Russen in die des Nihilismus verdächtige Schweiz nicht 
zu kommen wagen würden, und weil es in München ko- 
schere Restaurationen gebe. 

Wir werden also bei Jochsberger zusammenkommen, 
wo ich im August i8g5 mit Gfidemann und Meyer-Cohn 
zu reden begann. 

Wie groß ist die Bewegung seither geworden. 

Eine Organisations-Kommission wurde nach langem, 
leerem Reden eingesetzt, ich mit der Einberufung beauf- 
tragt. Der Kongreß wird ein öffentlicher und ein ver- 
traulicher sein. 

38* 595 



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Klar ist schon, daß Bambus und ich die ganze Arbeit 
machen werden. Die anderen werden zusehen. 



10. März. 

Die gestrigen Wahlen in der neuen V. Kurie brachten 
in Wien und Niederdsterreich den Sieg der Antisemiten 
auf der gaaxen Linie. Die N. Fr. Pr. empfahl in ihrem 
gestrigen Leitartikel, die Sozialisten zu wihlen. Diese 
Politik hatte ich vor viereinhalb Jahren von Paris aus 
empfohlen. Jetzt war es zu sp&t. 

Ich erinnerte übrigens Bacher und Benedikt an meinen 
damaligen Rat. 

Bacher sagte mir, als ich ihm vor einundeinhalb Jahren 
meinen Judenplan vorlas: „Wir werden ihn verschwei- 
gen. Wir haben auch die Sozialdemokratie a5 Jahre vei^ 
schwiegen," 

Und mit dieser verschwiegenen S. D. gingen sie gestern 
Arm in Arm zur Wahl. 

Ist es zuviel erwartet, wenn ich glaube, daß die N. Fr. 
Pr. auch mit dem Zionismus Arm in Arm gehen wird — 
freilich vielleicht auch zu spfit? 



Vorige Woche hatte Bacher übrigens ein launiges Wort. 

Ich erzShlte ihm, die Frau unseres Kollegen Steinbach 
pflege Dienstag in den Zionsverein zu kommen. 

Dr. Ehrlichs Frau habe sie das letztemal b^leilen wol- 
len. „Den weiblichen Teil der N. Fr. Pr. werden wir 
bald für uns haben", sagte ich. 

Bacher lachte: „Die MSaner kriegen Sie auch, sobald 
Sie den Erfolg haben. Wir beugen uns dem Erfolg." 



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10. März. 

Die Juden von Wien sind heute deprimiert. 

Dr. Grüafeld lud mich ein, an der heutigen Vorstands- 
sitzung der Israelitischen Union teilzunehmen. 

Man will eine große Versammlung (dea Wehklagens?) 
abhalten. 

10. März. 
Die gestrige Versammlung war betrübend. Einige alte 

Philister, die sich ,,nix zu erkennen geben" wollen als 
Juden, und unter den Fußtritten ausharren. 

11. Märt. 
De Haas schickt einen Brief Oberst Goldsmids aus 

Biarritz fQr mich. Goldsmid beteuert, er habe in Cam- 
bridge nicht, wie der Jewish Chronicle schreibt, gegen 
mich gesprochen, sondern nur seine historische Fahne, 
auf der die zwölf Stftmme symbolisiert sind, gegen meine 
siebensternige verteidigt. 

Wir hatten also schon eine Fahnenfrage. 

Obrigens ist die Wiederannäherung Oberst Goldsmids 
im Hinblick auf den MOnchener Kongreß willkommen. 

iU. März. 
Eine Briefkarte von Hechler. Er schreibt, bei seiner 
Rückkunft von Heran habe er eine Einladung des hie- 
sigen deutschen Botschafters Eulenburg vorgefunden, der 
üch sehr für unsere Sache interessiere. Sieht Hechler 
nur Illusionen? Möglich wäre es. Als literarischer Dilet- 
tant kennt Graf Eulenburg jedenfalls meinen Namen. 
Er ist ein Intimus des Deutschen Kaisers. Wenn ich ihn 
gewinne, kann er mich endlich zum Kaiser bringen. 

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Das Übergehen der Juden zu den Sozialdemokraten in 
den Wiener Wahlen vom g. M&rz dürfte auf die Regie- 
renden überall ein bißchen gewirkt haben. 

Wir werden sehen. 

tu. März. 

Newlinski frühstückte heute bei mir. Er wußte wieder 
allerlei von den Türken su erzählen. Das Schnurrigste 
die Geschichte vom Kri^sschatz. Nach dem russisch- 
türkischen Kriege legte der damalige Finanzmiaister 
einen geheimen Kriegsschatz an, der merkwürdigerweise 
nicht gestohlen wurde. Der jetzige Fintmzminister war 
Depositar des Geheimnisses, xmd aAs die Kretakrise aus- 
brach, meldete er dem Sultan, daß i4 Millionen Frank 
da seien. Der Sultan verlieh dem unbegreiflichen Manne 
den Ifrikar-Orden — und jetzt wird der Kriegsschatz 
gestohlen. Es werden Rückstände bezahlt, Unterschleife 
gemacht, die Botschafter sehen wieder Geld, auch New- 
linski hat welches bekommen. 

Newlinski meint aber, daß sie in allern&cbster Zeit wie- 
der Geld brauchen würden. Die Juden mögen doch eine 
Anleihe machen. Ich sagte ihm, eine Anleihe werde für 
nichts und wieder nichts nicht zu haben sein. Aber (mir 
fiel Bambus' Mitteilung vom Landkauf ein) wenn der 
Sultan LSndereien in Pal&stina mit der Ansiedlungsbe- 
fugnis für 3000 Familien verkaufen wolle, so kOnnte sich 
vielleicht etwas machen lassen. Wir kamen fiberein, daß 
ich nach Berlin, Paris, London schreiben solle, um einen 
offiziösen Kaufantrag zu provozieren. Bieten die Ver- 
walter der Jewish Colonisation Association soundso- 
viel per Hektar, so wird Newlinski es dem Sultan tele- 
graphieren und sich antworten lassen, ob man den An- 
tr^ offiziell stellen dürfe. 

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Ich schrieb auch sofort an Bambus, Zadok Kahn (zur 
MitteiluDg an Leven) und Dr. Gaster (für Mootefiore, 
Lousada, Alfred Cohen) beinahe gleichlautende Briefe. 
Dieser Landkauf sei zwar gegen meine Ansichten über die 
Infiltration, aber ich betrachte ihn ids Etappe zu unserem 
weiteren Ziel. Ich hStte auch bei meinem Gewährsmann 
die Frage einer eigenen Gendarmerie für diese Ansiedler 
angeregt. Der Gewährsmann halte es für möglich, daß 
man uns Mohammedaner als Gendarmen anzuwerben ge- 
statten würde. 

Die Gendarmeriefrage, die nach D'Arbelas Mitteilun- 
gen über die Wehrhäftigkeit der Juden in Palästina 
eigentlich gegenstandslos ist, werfe ich immer wieder 
auf, um daran eventuell die Verhandlungen scheitern zu 
lassen, wenn die Geldhalter mich im Stiche lassen. 

Im Brief an Zadok Kahn deutete ich an, daß diese 
Sache ohne den verdächtigen Bakschisch, der ja nicht 
immer in die rechten Hfinde gelangen dürfte, zu ma- 
chen sei. 

Im Brief an Gaster mahnte ich die englischen J. C. A.- 
Herren, die Notstände der armen Juden nicht zu vornehm 
SU behandeln. 

In beiden Briefen betonte ich, daß die Ansiedler aus 
den bei den verschiedenen Zionsvereinen Angemeldeten 
tu rekrutieren wären, welche auf eigene Kosten oder mit 
geringer Nachhilfe nach Palästina gehen wollen. 

f 5. März. 
An de Haas nach London schrieb ich, er möge die 
Sache durch ein Entrefilet im Jewish World ein bißchen 
schüren. Montefiore und Konsorten sollen einen Wink 
mit dem Zaunpfahl erhalten, daß wir eventuell die Mas- 
sen gegen sie aufbieten werden. 

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i7. MSrz. 

Gestern fand hier die erste öffentliche Zionistenrer- 
aammlung statt. Ich ging absichtlich nicht hin, um zn 
sehen, wie sich die Wiener Zionisten ohne mich hehelf«i. 
Es war ein großer Erfolg. Der Ressource-Saal, der 4oo 
Personen faßt, war überfüllt. Es solleD 800 bis 1000 da- 
gewesen sein, die wie die Heringe standen. Viele mußten 
weggehen, weil es zu voll war. 

Professor Kellner präsidierte, wie ich höre, vorzüglich. 

Das Verdienst der Einberufung, Organisation usw. ge- 
bührt Dr. Landau und Rosenbaum. 

Gegen den Zionismus sprachen ein paar Sozialisten mit 
alten Argumenten. 

Die zionistische Resolution wurde mit allen g^en &o 
Stimmen angenommen. Da stimmten die Sozialisten das 
Lied Aet Arbeit an, worauf unsere Leute mit dem Bundes- 
lied, das alle sehr ergriff, antworteten. 

iJ.März. 

Heute mit Bacher über Zion gesprochen. Er sagte 
mürb : ,Jl ne faul jurer de rien." 

Ich ging mit ihm nach Hause, erzfihlte ihm die neue- 
sten VorgSnge. Er meinte endlich: „Ich werde es wohl 
nicht erleben." 

Ich sagte : , J>en König von PalSstina werden Sie nicht 
erleben, ich auch nicht. Aber den Anfang können wir 
noch beide sehen." 

Er sagte noch, er möchte wohl einmal mit mir eine 
Reise nach Palästina machen (fihnlich wie Benedikt). 

Beim Abschied rief ich: „Sie werde ich noch bekehren. 
Vous aerez la plus noble de me» conquitesT' 

Worauf er mir gerührt die Hand drückte. Und mir 
fiel erst nachher ein, daß ich ihm etwas Komisches ge- 

600 



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sagt hatte, erinnernd an das Wort: la plus noble con- 
quHe de Vhomme, c'est te chevat. 

Ich halte es für möglich, daß die N. Fr. Pr. meine 
Idee doch noch aufgreift. Wurde mir doch heute vom 
Kommerziak'at Zucker das Präsidium des jüdischen Bour- 
geoisvereins Union angeboten. Ich lehnte es ab; doch ist 
der Antrag charakteristisch. Die Uniomsten waren vor 
einem Jahr meine Spötter und Gegner. 
« « * 

Bambus antwortet, er hal>e meinen Landkauf -Vorschlag 
sofort nach Paris und London befördert. 

18. März. 
Güdemann auf der Straße getroffen. Er begleitete 

knich bis an mein Haustor und fing mit verzweifelten 
Gesten und Intonationen an : „Erkl&ren Sie mir den Zio- 
nismus. Ich verstehe ihn nicht." 

Ich sagte: „Nein, ich erklSre Ihnen nichts mehr. Es 
ist schade um jedes W(^." 

Er hatte einige groteske EinfSlIe : er würde sich lieber 
vor dem Tempel in der Seitenstettengasse totschlagen 
lassen, ehe er den Antisemiten nachgäl». Er „will nicht 
die Flucht ergreifen", und was der bekannten Scherze 
mehr sind. Er sprach auch von der „Mission des Juden- 
tums", welche darin bestehe, in aller Welt zerstreut zu 
leben. Von dieser „Mission" sprechen alle, denen es am 
jetzigen Wohnorte gut geht — aber auch nur die. 

19. März. 
Wieder ein Gesprfich mit Bacher. Wir gehen jetzt 

immer zusammen vom Bureau weg. Er möchte mit mir 
eine Reise nach PalSstina machen, und als ich ihm den 

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Reiseprospekt der von Cook arrangierten Maccabean- 
Club-Tour zeigte, erzählte er mir eine alte Prager Sage, 
die er in seioer Jugend gehört hat : 

Eine jüdische Frau saß einmal in ihrer Stuhe und sah 
zum Fenster hinaus. Da bemerkte sie auf dem Dache 
gegenüber eine schwarze Katze in GeburtanOten. Sie 
ging hin, holte die Katze und half ihr beim Entbinden. 
Dann machte sie der Katze und den Kätzchen ein Lager 
auf Stroh über der Kohlenkiste. Nach ein paar Tagen 
war die genesene Katze verschwunden. Aber die Kohlen, 
auf denen sie geruht hatte, waren in lauter Gold verwan- 
delt. Die Frau zeigte es ihrem Manne, und der meinte, 
die Katze sei von Gott geschickt worden. Darum ver- 
wandte er das Gold zum Bau eines Tempels, der Altneu- 
schul. So ist dieses berühmte Haus entstanden. Aber dem 
Mann blieb ein Wunsch: er wire als frommer Jude gern 
in Jerusalem gestorben. Auch die Katze hStte er wieder- 
sehen mögen, weil er ihr für den Wohlstand danken 
wollte. Und wieder sah einmal die Frau zum Fenster 
hinaus und bemerkte an der alten Stelle die Katze. Da 
rief sie rasch ihren Mann : Schau, dort sitzt unsere Katze 
wieder. Der Mann lief hinaus, um die Katze zu holen, 
aber die sprang davon und in die Altneuschul hinein. 
Der Mann eilte hinterdrein und sah im Tempel plötzlich 
die Katze in den Boden sinken. Da war eine Öffnung, 
wie zu einem Keller, Ohne Besinnen stieg der Mann hin- 
unter und geriet in einen langen Gang. Die Katze lockte 
ihn weiter und weiter, bis er endlich wieder Tageslicht 
vor sich sah. Ab er aber hinaus kam, war er in einem 
fremden Ort, und die Leute sagten ihm, er sei in Jeru- 
salem. Da starb er vor Freude. 

Diese Geschichte, sagt Bacher, beweist, wie das Natio- 
nalbewußtsein überall und zu jeder Zeit sich in den 

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Juden erhalten hat. Eigentlich liege das unter der Schwelle 
des Bewußtseins — und es schimmerte durch: auch bei 
ihm. Und er habe mir das erzählt, weil auch er in sich 
einen Wunsch entdecke, nach Pal&stina zu geben. 

Welche Wandlung seit einem Jahr. 

Ich glaube, es ist nur noch eine Frage weniger Monate, 
daß die N. Fr. Pr. zionistisch wird. 

2f . März. 

Ich schicke den „Judenstaat" an Herbert Spencer mit 
der Bitte um seine Ansicht. Ich schließe den Brief mit 
den Worten: 

Wir sind zur selben Zeit Gäste auf der Erde. Nach 
dem natürlichen Laufe werden Sie vielleicht früher ab- 
gehen als ich, der 37 jährige. So möchte ich — da ich 
heute schon die Oberzeugung habe, daß der Judenstaat in 
einer oder der anderen Form, wenn auch jenseits der 
Grenze meines Lebens, entstehen wird — wissen und 
feststellen, wie sich der Beginn dieses Unternehmens im 
großen Geiste Herbert Spencers gespiegelt hat. 

In aufrichtiger Verehrung 

„■'''-'Y Th. H. 

\^■- . 2i5f. März. 
Der ägyptische Emissär Mustafa Kamil, der schon ein- 
mal hier war, hat mich wieder besucht. Er macht wieder 
eine Tournee, um Stimmung zu erregen für die Sache des 
ägyptischen Volkes, das die englische Herrschaft loa 
werden machte. Dieser junge Orientale macht einen 
vorzüglichen Eindruck; er ist gebildet, elegant, intelli- 
gent, beredsam. Ich notiere seine Gestalt, weil er wohl 
noch eine Rolle in der Politik des Orients spielen wird 
— wo wir uns möglicherweise begegnen werden, 

6o3 



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Der NacfakcHnme unserer einstigen Bedrücker in Hiz- 
raim senfit jetit selbst fiber Leiden der Unterjochung, 
und sein Wc^ führt ihn bei mir, dem Juden, Tcxüber, 
dessen publixistische Hilfe er sucht. Ich lube ihn, da ich 
für ihn jetxl nicht mebr ton kann, meiner Sympathien 
versichert. 

Ich glaube, ohne es ihm su sagen, daß es für unsere 
Sache gut wire, wenn die EnglSnder gexwungeo wjirden, 
Ägypten zu verlassen. Denn dann müßten sie für den 
verlorenen od^ mindestens unsicber gew<vdenea Snei- 
kanal einen anderen W^ nach Indien suchen. Da wir« 
das modern jüdische PalSstina für sie ein Aoskunfts- 
mittel — die Bahn von Jaffa nach dem Persischen Golf. 

34. März. 

Gestern mit dem türkischen Botschafter bei Newiinski 
gespeist. M . . . N . . . schmollte anfangs mit mir, offenbar 
wegen der türkenfeindlichen Haltung der N. Fr. Pr. Ich 
benutzte einen Gespr&cbsswischenfall, um hiniuwerfen, 
die BiStter kannten nie eine andere auswärtige Politik 
machen als die Regierung ihres Landes. Dann pries ich 
die LebensfShigkeit der Türkei, die noch große Tage 
sehen würde, wenn sie die jüdische Einwanderung be- 
günstigen wollte. 

Der arme Botschafter sagt ganx offenberdg: „Schlech- 
ter, als es uns jetzt geht, kann es bald nicht mehr werden". 

Das Milieu, in dem ich mich da befand, war kurios. Es 
ist diplomatische Halbwelt. . Neben dem Botschafter saß 
Direktor Hahn von der LSnderbaok, finanzielle Halbwelt. 
An der anderen Seite der Hausfrau Fürth, derzeit Sekre- 
tär des Fürsten von Bulgarien. Fürth war in Paris nach 
seinem Abschied von Hirsch eben im B^riffe, Remissier 
an der Bfirse zu werden — ich erinnere mich, daß er 

6o4 



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mir im Wagen auf der RAckfahrt aus dem Bois erzählte, 
er vermittle jetzt Börseoauf trSge in Goldminenaktien fOr 
Aristokraten — da bekam er die Anstellung beim Für- 
sten Ferdinand, ich glaube durch Vermittlung der Jesu- 
iten, als Lohn für seine Taufe. 

Newlinski selbst ist eine große Gestalt — ich weiß 
nicht, ob ich ihn in meinen Aufzeichntmgen schon fixiert 
habe. In Konstantinopel waren meine Eintragungen be- 
engt durch die Möglichkeit, daß er bei unserer intimen 
Heise irgendeinmal mein Tagebuch in die Hand be- 
kommen könnte. Er ist ein grand seigneur dichu. Er 
hat eines Tages den äußeren Halt seines angestammten 
Lebenskreises verloren und ist in eine tiefere Schicht ge- 
raten, deren Tugenden und Fehler er nicht bat, wo er 
mißverstanden und geringgeschätzt wird. 

EU gibt bei ihm kuriose Wahrnehmungen. Er hat die 
Technik der Diplomatie, alle feinsten und tiefsten Eigen- 
schaften der „Karriere" — aber diese sind im bürger- 
lichen Leben absolut nicht am Platz. Dadurch ist er eine 
halbbrüchige Existenz und macht einen verdächtigen Ein- 
druck. 

Dabei hat er die große slawische Liebenswürdigkeit, 
und ich stehe nach wie vor unter dem Bann seiner großen 
geistigen Qualitäten. 

Darum sehe ich aber doch deutlich, daß es diploma- 
tische Halbwelt ist — der kümmerliche Botschafter des 
verkrankten Kaisers der Türkei obenan. Aber auch dieser 
arme Botschafter und sein armer Herr sind mir herzlich 
sympathische Gestalten. 

2/1. März. 
Heute mit Benedikt von der Redaktion nach Hause ge- 
gangen. Wieder wie immer das Gespräch auf die Juden- 

6o& 



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Sache gebracht. Ich befolge jetit die Taktik, ihn tu Sng- 
stigen, da ich bemerkte, daß er zum Erschrecken in- 
kliniert. Ich kann natürlich nur durch die Blume — 
drohen. 

Allerdings habe ich jetzt auch wirklich schon die Be- 
sorgnis, daß die Juden iaWien lu spSt auf meinen Plan 
eingehen werden. Sie werden nicht mehr die politische 
Bewegungsfreiheit haben, vielleicht auch nicht mehr die 
FreizQgigkeit — sowohl von Personen wie auch von 
Sachen — um nach Zion schauen und gehen m köonea. 

Ich sagte Benedikt : „Die nächste Folge des Antisemitis- 
mus, noch vor den gesetzlichen und administrativen 
Schikanen, wird ein Krieg der Juden gegen die Juden 
sein. Die schon jetzt gedrückten und bedrohten Schichten 
der Juden werden sich gegen die Großjuden wenden, 
welche sich von Regierung und Hetzern mit Geld und 
Diensten toskaufen." - 

Das begriff er und sagte: „Es soll daraus nur nicht an 
Kampf gegen die Reichen überhaupt werden." 

Ich erwiderte: „Wenn der Kampf begonnen hat, liflt 
er sich nicht mehr begrenzen. Wer die Zeichen nicht 
verstanden, die Notschreie überhört hat, wird es sich selbst 
zuschreiben müssen." 

Und dann erzShlte ich ihm, was mir eben einfiel, weil 
ich die Listen für die Kongreßeinladungen von Schnirer 
hatte holen lassen, daß wir die Namen und Adressen ab- 
solvierter Hochschüler, die unsere Anhänger sind, auf 
einer zionistischen Kundgebung gesammelt haben. (Das 
ist die Adresse, die für mich aus Anlaß der Publikation 
des „Judenstaates" vorbereitet wurde.) 

Da sah ich den Ausdruck des Schreckens in seinem 
Gesicht. 

Ich hatte einen Schlag auf seine Einbildungskraft ge- 

606 



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führt. Ich erriet, was er in seinem Schrecken plötzlich 
dachte: das sind die Adressen der Abonnenten fQr das 
Konkmrenzblatt der N. Fr. Pr. 



Vorgestern, Montag, nach der Wahl in der Leopold- 
stadt, als der Antisemit gegen den „Liberalen" unterlag, 
gab es einen Rummel in diesem Judenviertel. 

Einige PObelbanden zogen umher, schlugen Fenster- 
scheiben von KaffeehSusern ein, plünderten etliche kleine 
Lsden. Auch wurden Juden auf der Gasse beschimpft 
und geprügelt. Als man das in den MorganblSttem las, 
gab es, glaube ich, der Judenschaft einen Schock — der 
aber schnell verwunden war. Es muß Srger kommen, es 
wird ärger kommen. Freilich, die Millionäre werden sich 
dem Ohel leicht entziehen; und die Wiener Juden sind 
wie die meisten unseres Volkes Ghettonaturen, die froh 
sind, wenn sie nur mit einem blauen Auge davonkommen. 

26. März. 
Heute einen reizenden Brief von Alpbonse Daudet be^ 
koDunen. Er erinnert sich noch unserer Gespräche. Wenn 
er noch da ist, bis der Judenstaat entsteht, will er zu uns 
kommen, um Vorlesungen zu halten. 



ü. April. 

Die hiesige „Union" lud mich zu einer Vorbesprechung 
über den Antrag, eine große Versammlung einzuberufen, 
worin die Lage der Juden in Osterreich erörtert werden 
solle. 

Ich setzte es durch, daß die Abhaltung der Versamm- 
lung beschlossen wurde. Zur Vorbereitung wurde ein 



607 



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Komitee eingesetzt — und dieses Komitee beschloß, sich 
zu vertagen. 

Ich habe zweimal drei Stunden in Argumentatioaen 
verloren, die Steine weich gemacht hätten. 

In der ersten Besprechung Dienstag sagte ich, daß 
Graf Badeni bald einem klerikaleren Minbterpräsidenten 
Platz macheo werde. Ein Advokat, namens Dr. Elias, 
liebelte überlegen : „Badeni wird den Reicbsrat auflösen, 
wenn er keine Majorität hat." 

Vorgestern, Freitag abend, war die Komiteesitzung, die 
ich am Dienstag erkämpft hatte. Und Freitag mittag 
hatte Graf Badeni seine Demission überreicht — zur all- 
gemeinen Überraschung. 



Aus Schaulen in Rußland zwei Briefe einer Kotonistin 
von Rischon le-Zion erhaltea. Sie heißt Helene Papier- 
meister und schildert in grellen Farben die Mißbräuche 
und Unterscbleife des Rothschildschen Direktors Scheid. 
Ich schicke die Anklagen an Bentwich, der sie, wenn 
möglich, bei Gelegenheit seiner Palästina-Pt^rimo^e un- 
tersuchen soll. 

Der Papiermeister schreibe ich, sie möge die Beschwer- 
den gegen Scheid in beglaubigter Weise vor den Münche- 
ner Kongreß bringen. 

Mit diesem Kongreß wird ein Forum für die armen 
Opfer unserer „Wohltäter" und ihrer Beamten ge- 
schaffen. 



Von de Haas aus London ein entmutigter Brief. Gol. 
Goldsmid habe ihn kommen lassen, ihn beschworen, vom 
Kongreß abzustehen, damit keine „Spaltung" unter den 



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Chovevi Zioa eotstehe. Ich mdge lieber am Delegierten^ 
tag aller Zionisten in Paris im nächsten Herbst teil- 
nehmen. 

Ich schreibe Haas, er solle unverzüglich, unbeküm- 
mert, mit seinem Anhang darauflos mar&cbiereD. 

Spaltung — tont pisl 

Von all diesen Pickwickier-Clubs und headquarteri will 
ich nichts mehr wissen. 



Heute auch ein Brief von Gol. Goldsmid, der mir 
schreibt, was er Haas sagte, mich beschwört, meine Krfifte 
mit den ihrigen zu vereinigen, mich seiner aufrichtigen 
Freundschaft versichert. 

Ich antworte ihm : 

Mein lieber Oberst I 

Dank für den herslichen Ton Ihres Briefes. Auch ich 
bin Ihnen aufrichtig zugetan und bedauere nur, daß Sie 
mich nicht verstehen. 

Der MüDcheaer Kongreß ist eine beschlossene Sache, 
von der ich nicht mehr abgehen kann. Aber er ist auch 
eine Notwendigkeit. Lassen Sie sich von Rev. Gaster den 
Brief zeigen, worin ich der J.G.Ä. empfahl, einen jetzt 
möglichen Landkauf mit Einwanderungsbefuguis vorzu- 
nehmen. Mein Vorschlag wurde, wie mir Zadok Kahn 
schreibt, ad acta gelegt. Diese Herren wollen und wer- 
den nichts tun. 

Ich habe lange genug gewartet. Im August werden es 
zwei Jahre, daß ich die ersten praktischen Schritte in 
der Judensache unternahm. Ich wollte es ohne Aufre- 
gung der Massen, von oben herab machen, mit den MSn- 
nem, die sich bisher im Zionismus hervorgetan hatten. 
Man hat mich nicht verstanden, nicht unterstützt. Ich 

39 Henia TacebOober I. 6oQ 



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mußte allein weitergehen. Auf dem Kongreß in München 
werde ich die Massen aufrufen, zur Selbsthilfe zu schrei- 
ten, da man ihnen nicht helfen will. 

Ihren Vorschlag, die Teilnahme der Chovevi Zion vom 
Pariser Zentralkomitee abhSngig zu machen, halte ich 
für aussichtslos. Die Pariser Antwort kenne ich im vor- 
aus. Es ist die Ablehnung. Es arbeitet da hinter den 
Kulissen jemand, mit dem ich mich weder auf eine Kon- 
kurrenz, noch auf einen Streit einlasse. Wer das ist, sagt 
Ihnen der beiliegende Brief. Ich vertraue den Brief Ihrer 
Diskretion als Gentleman an. Schicken Sie mir ihn 
zurück. 

Dieser Mann hat seit Jahr und Tag gegen mich intri- 
giert. Ich glaubte anfangs, er fürchte für seine Stellung, 
und hatte darum nur Mitleid mit ihm. Seit einiger Zeit 
kommen mir aber solche Beschwerden von den verschie- 
densten Seiten über ihn zu. Jetzt verstehe ich alles. 

Jedenfalb wird er alles aufbieten, um den Kongreß 
zu vereiteln. Er wird die nobelsten Gründe erfinden, um 
das Pariser Komitee von München fernzuhalten. Er 
wird als „Kenner des Orients" Befürchtungen erregen 
usw. usw. Er wird sagen, die Öffentlichkeit schädige un- 
sere Bestrebungen. Alles unwahr. Der Sultan und seine 
RSte kennen den Judenplan. Ich habe mit den türkischen 
StaatsmSnnern ganz offen gesprochen, und die haben es 
nicht übelgenommen. Als unabhSngigen Staat wollen sie 
uns Palästina um keinen Preis geben; als Vasallenstaat 
(vielleicht wie Ägypten) künnten wir das Land unserer 
VSter in kürzester Zeit bekommen. Wir hStten es heute 
schon, wenn man im vorigen Juli auf meine Londoner 
und Pariser Vorschläge eingegangen wäre. Begreifen Sie 
meinen Zorn und meine Ungeduld? 

Sie, Oberst, sollten ähnlich wie Woods, Kamphövener, 

610 



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V. d. Goltz und andere fremde Offiziere als General in 
türkische Dienste treten, und als solcher h&tten Sie in 
Palästina unter der SuzeränitSt des Sultans kommandiert. 
Bei dem Zerfall der Türkei würde uns oder unseren Söh- 
Den dann PalSstina unabhängig zufallen. War der Plan 
so unsinnig? Das finanzielle Arrangement war noch ein- 
facher, wenn die Geldmagnaten, wie ich es vorschlug, 
mitgegangen wären. Montagu hat mein Anlehensprojekt 
gebilligt. 

Da es nicht so ging, muß es anders gehen. Sie irren 
sich, glaube ich, wenn Sie von den Massen keine Geld- 
kraft erwarten. Jeder hat nur ein kleines Opfer zu brin- 
gen, und die Leistung wird schon enorm. Das wird Sache 
der Weltpropaganda sein, die vom Münchner Kongreß 
ihren Ausgang nehmen soll. Darum, als um eine Gield- 
sache, habe ich mich nicht zu kümmern. In München 
werden auch Geldfachleute sein, die diesen Teil der Auf- 
gabe besorgen werden. 

In München wird nach langer Zeit wieder eine jüdische 
Nationalversammlung stattfinden 1 

Ist das nicht etwas so Großes, daß jedes jüdische Herz 
bei diesem Gedanken hoher schlagen muß? Heute noch 
in der Fremde, leachonoh haboh vielleicht in der alten 
Heimat? 

Sie, Oberst Goldsmid, der Sie mich an jenem Abend 
in Cardiff so tief bewegten, als Sie mir Ihre Geschichte 
erzählten, und mit den Worten begannen : „/ am Daniel 
Deronda" — Sie sollten an dieser jüdischen National- 
versammlung nicht teilnehmen wollen? Ich könnte es 
begreifen, wenn Sie Rücksichten auf Ihre dienstliche 
Stellung für Ihre Person nehmen müßten. Aber vom 
zionistischen Standpunkt aus können Sie doch nichts da- 
gegen haben. 

39* 6ll 



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Daß ich keine aelfiah aims habe, müssen Sie glau- 
b«i. Eben jetzt in den Parlamentswahlen wurden mir 
drei Mandate von Bezirken angeboten, wo Jaden die Ma- 
joritSt haben. Ich lehnte ab. Ich habe keinerlei persön- 
lichen Ehrgeiz in der Judensache. 

Man stelle mich auf die Prcdw. Noch einmal proponiere 
ich folgendes: Stellen Sie sich mit Edm. Rothschild, 
HoDtagu, und mit wem Sie sonst noch wollen, lusammen. 
Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie das ausführen 
wollen, was ich in Konstantiaopel eingeleitet habe — 
Und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich von der 
Leitung der Judensache für immer zurücktrete. 

Ist Ihnen das nicht möglich, so vereinigen Sie Ihre 
Kraft mit meiner. Arbeiten wir zusammen I 

KSme es aber zu einer Spaltung zwischen den „großen" 
Geldjuden und uns, so werden nicht wir übel daran sein, 
sondern jene. Drüben werden ein paar GeldsScke mit 
ihren Schnorrern und Lakaien stehen — hüben wir mit 
allen edlen, mutigen, intelligenten und gebildeten Kräf- 
ten unseres Volkes. 

Mit Zionsgniß 

Ihr aufrichtiger Freund 

Th. Henl. 

Beilage; Brief der Frau Papiermeister aus Scbaulen. 

5. Aprä. 

Der Kaiser hat Badenis Demission nicht angenommen. 
Das Ministerium „will cur mit dem verfassungstreuen 
Großgrundbesitz regieren". 

Die Juden in Osterreich werden wieder einmal alles 
für gerettet halten. Aber die Antisemiten sind wfltend. 
Badeni, der keine Majorität hat, wird ihnen mehr Ge- 



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fäUigkeiten erweiseo mQseea, ak eine klerikale Regie- 
rung es getan hätte. 
Die Juden werden bald wieder stöhnen. 

12, April. 

Baron Manteuffel, ein christlicher ZionsschwSrmer, der 
in San Michele all' Adige junge Juden zu Weinbauern fflr 
Palästina heranbilden läßt, schreibt mir, er wolle nach 
Palästina gehen, um die Verhältnisse zu studieren. 

Ich beauftrage ihn mit der vertraulichen Untersuchung 
der von Frau Papiermeister angezeig^ten Mißbräuche 
Scheids. 

Leider ist es so, daß die Angaben eines arischen Ba- 
rons die Upper Jewa stärker beeinflussen, als was immer 
unsereiner sagen kOnnte. 

* >*> * 

Haas meldet aus London seine und der Genossen 
Marschbereitschaft. 

Sie werden Goidsmids Zelte spalten, wenn er nicht mit 
nach München geht. 

Zugleich schickt mir Haas einen Brief des Prager Rab- 
biners K . . . gegen den Münchner Kongreß. Diesen K . . . 
muß man sich als das Muster einer Wetterfahne merken. 
Bald ist er für, bald gegen uns. 

Seine Hauptsorge aber ist, ob „angesehene" Leute — 
d. h. reichet — dabei sind. 

Dieser Pfaffe verdient ein Denkmal in meinem Tage- 
buch. 



Eine Stunde, nachdem ich dies hier eingetragen, kam 
ein Brief von K . . ., der mich „zu meiner Initiative be- 
glückwünscht". 

6i3 



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Abo nachdem er es durch Scbmfihungen nicht lu ver- 
eiteln vermochte, gratuliert er dazu. Ein Typus I 

Er bittet sogar um ein Referat über hebrSische Sprache, 
denn er will unbedingt zum Kongreß kommen. 

U. April. 
6a. Geburtstag meines teuren Vaters. 

* ■« * 

Für den Kongreß: 

Die reichen Juden brauchen nur so viel jährlich her- 
zugeben, als sie sonst für Wohltätigkeit budgetieren. Da- 
f Qr seben wir die Armen nach PalSstina. 



Kundmachung an Buchhändler, die das stenographische 
Protokoll des Kongresses verlegen wollen. Anträge an 
„Zion" in Wien zu richten. 

* • ♦ 

Ich werde alle großen Blätter zum Kongreß einladen. 
Aber wer Platz reserviert haben will, muß früher anmel- 
den. Dadurch erzwinge ich vielleicht, daß alle vom Kon- 
greß reden — aus Konkurrenzfurcht. 

Auch die N. Fr. Pr. 

17. AprÜ. 

Von Dr. Güdemann ist eine tückische Gegenbroschüre 
unter dem Titel „Nationaljudentum" erschienen. Offen- 
bar auf Wunsch der hiesigen Upper Jews. Er hält sich 
in vagen, feigen Unbestimmtheiten, bat aber die ersicht- 
liche Absicht, Munition für kühnere Streiter zu liefern. 

Ich antworte ihm. Und zwar, nach dem Machiavelli- 
schen Rezept, vernichtend. 



6i4 



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Der Verleger Breitenstein, der natürlich alles i 
und nur sein Gescb&ft verfolgt, sagt mir, Rotfuchild hd)B 
gleich nach dem Eracfaeinen der GfiBkawamacAen Schrift 
dreißig £xeiBi^are hai^ Ua ma. 

21. April. 

Der griechisch-türkische Krieg, der in den letzten Tagen 
aus einem schleichenden sich in einen akuten verwan- 
delte, wird in seinem Weiterlaufe wohl auch auf unsere 
Sache wirken. Wie? 

Kommt es zu einem Friedenskongreß zur Ordnung der 
griechisch-türkischeo Differenzen, so werden wir unsere 
Bitte dem Kongreß der MSchte vortragen. 

Siegt die Türkei, was wahrscheinlich ist, und bekommt 
sie — was freilich unwahrscheinlich ist — vom finanziell 
schon jetzt zerrütteten Griechenland eine Kriegsentschä- 
digung in Geld, so brauchen die Türken die Judenhilfe 
weniger. 

25. AprU. 

Bodenheimer-KGln hatte eine glänzende Idee: für die 
türkischen Verwundeten sammeln zu lassen, um dem Sul- 
tan die Sympathie der Juden zu zeigen. 

Ich griff diese Idee sofort auf und lancierte sie unter 
den hiesigen Juden, auch unter Nichtzionisten. 



Schalit von der .Kadimab' kam und bat mich, ihn an den 
türkischen Botschafter zu empfehlen. EJ: will mit ein 
paar Medizinern nach dem Kriegsschauplatz abgehen, 
als freiwillige Ante. 

Ich schrieb M . . . N . . . einen Brief, worin ich ihm die 
freiwilligen Arzte und die Sammlung für die Verwunde- 
ten anzeigte. 

6i5 



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24. ApriL 

Eiae Perfidie von Bambus. 

Ich erhalte heute von ihm die Anzeige, da& er an einige 
j üdische BIStter eine Berichtigung meiner Kongrefianzeige 
gesendet habe. 

Der Zweck ist klar : er will mich als einen hableur hin- 
stellen, den Kongreß untergraben, Yielleicht schon im 
Auftrage Scheids. 

Als Vorwand gibt Bambus aa, dafi die Müochener Juden 
außer sich seien und gegen die Abhaltung des Kongressea 
in MüDchen protestieren. 

Wie weit das wahr ist, ob nicht auch da die Intrigen 
des sich bedroht fühlenden Scheid dahinter sind, werden 
wir noch herauskriegen. 

Vielleicht ist es nur platte Eifersucht der Berliner, die 
fürchten, daß ich die ganze Leitung in die Hand be- 
komme. 

Ich schreibe sofort an Bambus und verlange die Revo- 
kation der Berichtigung, sonst würde ich mich von ihm 
trennen. 

Gleichzeitig schreibe ich an Bodenheimer-KOln, ver- 
ständige ihn von der Intrige und verlange die Zusicherung 
seiner Standhaftigkeit. Eventuell vrird Kdln der Haupt- 
ort des deutschen Zionismus. 



Wenn man in München Miseren macht, gehe ich mit 
dem Kongreß nach Züricb.- 

25. April 

Das erste große Genre der neujüdischen Kunst wird 
wohl das Lustspiel sein — gleidigültig in welcher Sprache. 
Man übersetzt ja auch die Stücke des Labtche in alle 
Sprachen. 



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Auf diesen Gedanken kam ich gestern, wo ich mich 
recht gut unterhielt. Ea war der erste vergnügte Tag, den 
ich dem Zionismus verdanke — sonst hatte idi hisher nur 
Herzklopfen, Aufregungen, Erschütterungen davon. Auch 
die Zustimmungskundgebungen machen mir ja kein Ver- 
gnügen, weil ich hinter der Masse, die mir Beifall sollt, 
auch schon die Undankbarkeit, den kommenden Neid 
und den möglichen Wankelmut des morgigen Tages 
sehe. 

Aher gestern gab es reines Ergötzen. Da ich die Samm- 
lungen für die türkischen Verwundeten betreibe, berief 
ich einige Herren zu mir. 

Zuerst waren nur Prediger Gelbhaus und Dr. Bloch 
bei mir. Gegenstand der Unterhaltung: mein Artikel 
gegen Güdemann in der letzten Nummer von Blochs Wo- 
chenschrift. Der Artikel soll großes Aufseben gemacht 
haben. Bloch erzfihlte, daß er im Concordia-Klub war, 
um die Ansiebten der Journalisten zu hören. Ein Finanz- 
notizensammler im Dienste des Bankdirektors Taußig er- 
klSrte, daß „man einen solchen Artikel nicht bringen 
dürfe". Die anderen waren dafür, man bedauerte nur, 
daß ich Rothschild angegriffen habe. Bloch bestritt, daß 
ich Rothschild mit den „Hintermännern" gemeint habe. 
Worauf Julius Bauer sagte: „Bin ich Gott, daß Sie mich 
foppen wollen?" 

Gelbbaus wieder erzählte vom Aufsehen, das der Ar> 
tikel unter den Tempeljuden gemacht habe. Sie bildeten 
im Hofe ,Jiädlich", d. h. Gruppen, und sprachen nur 
von der DemolieruDg des Oberrabbiners. Sie kamen auch 
vor und nach der Predigt zu Gelbhaus, um ihm zu sagen, 
daß Güdemann „moralisch tot" sei; es sei ihm nachge- 
wiesen, daß er ein konfuser Kopf sei, ja daß er überhaupt 
nicht mehr auf dem Boden des Judentums stehe. Gelb- 

617 



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haus sprach aber vod dar Hinrichtung Gudemaoas ( 



Bloch ^tondait dan» le mime sens, und erklftrte' mir, 
was die in derselben Nummer seiner Wochenschrift ent- 
haltene Verteidigung des Güdemanoschen Standpunktes 
durch Zitieren des ungarischen Oberrabbiners Cfaorin be- 
deute. Chorin wird nSmlich von den Frommen als Goi 
angesehen. 

Und Gelbhaus sagte fröhlich : 

„Sie haben ihn mit Ihrer BekSmpfung erscblageo, abw 
der Nachweis seiner Obereinstimmung mit Chorin hat ihn 
beerdigt." 

Bloch erziblte nun, da der Humor der Sache in ihm 
erwacht war, daß er mich mit der Besprechung von Gü- 
demanns Broschüre in der „Wochenschrift" nur zu einer 
Antwort habe reisen wollen. 

Darum ließ er durch Feilbogen, dem er die Reiension 
aufgab, betooen, daß „der vierte Abschnitt heißen sollte: 
Dr. Güdemana contra Dr. Herzl". 

Ich glaube das freilich nicht. Eher glaube ich, daß Feil- 
bc^n mir ein Bein stellen wollte, und daß Bloch bei der 
Wendung, welche die Sache zu meinen Gunsten su neb' 
men scheint, sich auf die Seite des Stirkeren schlagen 
wUl. 

Wenn ich bei einem nächsten Zwischenfall erliege, 
verläßt er mich. 

Beiläufig erzählte er auch den Grund seines Hasses 
gegen Gfidemann. Dieser habe ihn in der Seminarfrage 
treulos im Stich gelassen. Und nun ein Langes und Brei- 
tes über die uninteressante Seminarfrage, welche die Her- 
ren etwa so passioniert, wie mich der Judenstaat. So kann 
durch die Leidenschaft auch der kleinste Gegenstand die 
Menschen lu Haß und Liebe treiben. 

6i8 



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Auf die Frage, was Güdemann zu meinem Artikel sage, 
gestanden beide Herren naiv, sie bStten es oiclit heraus- 
bekommen können, obwohl sie ihre Frauen zu Gödemann 
geschickt hätten, um ihm zum Franz-Josefs-Orden zu 
gratulieren, den er vor drei Tagen erhielt. 

Dann kam der kleine, alte, gescheite Sigmund Mayer, 
und wir stellten die Liste des Komitees für die Samm- 
lung fest. Das war die Krone der Unterhaltung. Dabei 
erlangte ich einige Personalkenntnis. Denn bei jedem 
Namen wurden Bedenken erhoben, und wieder zeigten sie 
mit einer uowillkOrtichen NaivitSt, wie bescheiden sie von 
den „Notabein" denken. 

Es wurde der Name eines Millionärs genannt. Mayer 
meinte, mit dem würde nicht jeder beisammen sitzen wol- 
len. Ich fragte, warum, da ich ihn nicht kannte. Keiner 
wollte mit der Farbe heraus. 

Allmählich machten sie zögernde Bemerkungen, die 
wie Entschuldigungen des Mannes klangen. Er habe zwar 
Baukredite gewährt, aber man kann nicht eigentlich sa- 
gen, daß er gewuchert habe. Und allmählich entstand 
das Bild eines Wucherers, so daß ich lachend sagte : „Jetzt 
weiß ich, wer der Mann ist." 

Und so bei anderen. Ich erfuhr bei Zusammenstellung 
der Komiteeliste eine Menge Details Ober eine Menge 
Personen. 

Die reine Lustspielssene. Denn nachdem man sie her- 
untergemacht hatte, wurden sie schließlich doch ins Ko- 
mitee kooptiert, das dem Publikum eine Illusion machen 
soll und diese selbst nicht besitzt. 

27. April. 
Gestern bei mir konstituierende Sitzung des Komitees 
für die türkische Sammlung. Die Vertreter der tOrldsch- 

619 



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israelitischen Gemeinde waren auch da. Es «rurde nach 
langem Herumreden beschlossen, daß die hiesigen tOrki- 
scheo Juden sich an die Spitte der Aktion setieo und 
die übrigen dazu' kooptieren sollen. 

28. AprU. 

Brief an M . . . N . . . Pascha. 

koafidentiell. 

Ew. Exiellenz 
beehre ich mich zu den glänzenden Siegen der türkischen 
Waffen zu beglückwünschen. 

Der Wunsch mehrerer jüdischer Studenten, die frei- 
willig zur Armee Sr. Majestät des Sultans abgehen wol- 
len, ist eine kleine Stichprobe der Freimdschaf t und Dank- 
barkeit, welche wir Juden für die Türken empfinden. 

Ich habe hier und an anderen Orten Komitees einbe- 
rufen, welche Geldsammlungen für die türkischen Ver- 
wundeten einleiten sollen. Die Ergebnisse der Sammlun- 
gen werden in den einzelnen Lindern den Botschaftern 
S. M. des Sultans Obergeben werden. 

Hier in Wien stellt sich auf meine Anregung die tür- 
kiscb'-israelitische Gemeinde an die Spitze der Aktion 
und kooptiert verschiedene andere Personen. Dadurch 
soll den Verdächtigungen von antisemitischer Seite, ab 
ob wir nicht aus Menschlichkeit, sondern gegen die Chri- 
sten sammelten, jeder Vorwand genommen werden. 

Immerhin hat die Sammlung einen heiklen Charakter, 
und viele Juden werden sich fürchten, gerade bei dieser 
Gelegenheit ihren aufrichtigen Sympathien für die Tür- 
ken Ausdruck zu geben. 

In den westlichen Lindem ist es jetzt geradezu unmög- 
lich, weil sie nicht ge^^en die Politik ihrer Mitbürger de- 
monstrieren dürfen. So ist gerade von den englischen und 
französischen Juden, welche finanziell am meisten in 

630 



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Betracht kommen, in diesem besonderen Fall nichts zu 
erwarten. 

Dennoch benutzen wir Juden mit Freude die Gelegen- 
heit, den Türken unsere Anhänglichkeit zu zeigen. Bei 
einer günstigeren Gelegenheit, wo die äußeren politischen 
Hemmnisse nicht existieren, würde sich die Sympathie 
der Juden in einem viel großartigeren Maßstabe zeigen — 
zum Segen für die Türkei wie für die Juden. 

Wenn diese Erkenntnis in Yildiz Kiosk Platz greift, wo 
man mich, wie es scheint, verleumdet hat — so werde ich 
eine große Befriedigung empfinden. 

Beifolgend Muster der Aufrufe, die wir verbreitet 
haben. Den Aufruf 3 habe ich für das öffentliche Komi- 
tee verfaßt. Dieses wird Samstag, den i. Mai neuerlich 
zusammentreten und Ew. Exzellenz eine offizielle Ver- 
ständigung zugehen lassen. Der vorliegende Brief ist eine 
vertrauliche Mitteilung. 

Genehmigen Ew. Exzellenz die Ausdrücke meiner vor- 
züglichsten Hochachtung. 

Ihr ergebener 

Dr. Th. Herzl. 

2. Mai, mein 38ler Geburtstag. 
Ich war in Brunn. Man gab mir einen Festkommers im 
Deutschen Hause, der an den Straßenecken plakatiertwar. 
Ich hielt eine beinahe einstündige unvorbereitete Rede, 
die gut gewesen sein soll. Ich apostrophierte darin Fabri- 
kanten und Frauen. 

* * *■ 

Heimgekehrt finde ich einen Brief von Bambus, der 
ein bißchen den Schweif einzieht. 



6s I 



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Die Sammlung für die türkischen Verwundeten ist 
von der hiesigen sephardischen Gemeinde in die Hand 
genommen worden. Die Vorsteher machen einen ordras- 
süchtigen Eindruck, namentlich der PrSsident Rusao. 
Mir kann's recht sein, wenn sie Orden kriegen, nur sc^en 
sie die Sache nicht denaturieren und für ihre Gemeinde- 
zwecke sequestrieren. 

* * * 

M . . . N . . . hat meinen Brief nicht beantwortet. Ich 
schrieb aber die ganze Geschichte an Sidney Whitman, der 
jetzt in Konstantinopel ist und täglich nach Yildiz kommt, 

9. Mai. 

Die Berliner „sagen sich vom Kongreß los". Ich ver- 
mute, daß dahinter eine Scheidsche Intrige steckt. 

Bambus und Hildesheimer desavouieren meine Kon- 
greßanzeige in Berliner jüdischen Blättern. 
„Deutschland. 

Berlin, 5. Mai. Vor einigen Wochen verMfentlichte 
Herr Dr. Theodor Herzl in Wien eine Vorankündigung, 
wonach am 35. August d. J. in einer Stadt Süddeutsch- 
lands ein „Zionisten-Kongreß" stattfinden soll. Unter 
den als Referenten genannten Rednern figurierte auch 
der Herausgeber dieses Blattes, welcher über das Thema 
„Die Aufgaben der jüdischen Wohltätigkeit in Palästina" 
sprechen sollte. Eine hiesige jüdische Zeitung druckte 
diese Anzeige nach, brachte ober bereits in der darauf- 
folgenden Nummer nachstehende Zuschrift des Herrn 
W. Bambus, welcher selbst Mitglied der mit der Vorbera- 
tung des geplanten Kongresses betrauten Kommission ist: 

„Es finden in der Tat Beratungen über die Einberu- 
fung des großen Kongresses statt, der sich mit allgemei- 

633 



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nen jüdischen Fragen, wie die Auswanderung der russi- 
schen Juden usw., zu beschäftigen haben wird. Obderselbe 
nach den vonHerrnDr.HerzI mitgeteilten Vorschlägen ein 
Zionisten-Kongreß sein wird, oder nach den von anderer 
Seite gemachten Propositionen eine Konferenz der Palä- 
stina-Vereine, oder ob er noch andere Form erhalten wird, 
ist heute noch nicht zu entscheiden, denn die ganze An- 
gelegenheit befindet sich durchaus im Stadium der Vor- 
beratung. Damit fallen auch alle an den Plan des Herrn 
Dr. Herzl geknüpften Folgerungen hinweg." 

Da Herr Dr. Herzl trotzdem mit der Versendung seiner 
Vorankündigung fortfährt, sieht sich der Herausgeber 
dieses Blattes zu der Erklärung gezwungen, daß er selbst- 
verständlich nie die Absicht gehabt hat, an einem Zio- 
nisten-Kongreß teilzunehmen, sondern seine Anwesenheit 
und seine Mitwirkung einzig und allein für den Fall in 
Aussicht gestellt hat, daß die geplante Versammlung einer 
Besprechung der mannigfachen Aufgaben des palästinen- 
sischen Hilfswerkes, insbesondere der .Kolonisation, ge- 
widmet sein würde. Die Teilnahme an einer Versamm- 
lung, welche „zionistische" Theorien und Zukunftspläne 
diskutiert, glauben wir — von unserem prinzipiell vOlIig 
abweichenden Standpunkte abgesehen — um so nach- 
drücklicher ablehnen zu müssen, weil dieselbe unserer 
Überzeugung nach anstatt des erhofften Nutzens nur 
schweren Schaden zu zeitigen und näberliegende, reali- 
sierbare Bestrebungen zu kompromittieren und ernsthaft 
zu schädigen droht. Es darf noch immer die Hoffnung ge- 
hegt werden, daß die bessere Einsicht siegen und der Auf- 
wand an Kraft und Mitteln in den Dienst derjenigen Auf- 
gaben gestellt werden wird, welche, wie von uns, selbst 
von Männern, die den Standpunkt des Herrn Dr. Herzl 
grundsätzlich teilen, als die nächstliegenden betrachtet 

6a3 



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werden. Nur in diesem Falle kann die zweifellos in bester 
Absicht geplante Veranstaltung wirklich Segen bringen." 
Gleicbieitig teilt mir Landau einen Brief mit, wtnrin 
Hildesheimer ihm vertraulich schreibt, er mfisse mich 
desavouieren, um seine Autorität bei seiner Spender- 
Klientel nicht zu verlieren. 



Meine Antwort auf, Hildesbeimers Bubenstreich steht 
im Kopierbuch, S. i6, fg. 

12. Mai. 
Heute kommen Nachrichten aus der Kriegsgegend, 
welche Waffenstillstand und Frieden zwischen Türkei 
und Griechenland in den nächsten Tagen erwarten las- 
sen. Damit fällt unsere Verwundetensanmilung in den 
Brunnen. Ich will aber versuchen, zu retten, was zu 
retten ist, und schreibe anSidney Whitman iuKoustanti- 
nopel, er möge in Yildiz sagen, daß wir zu sammeln be- 
gonnen hatten. 

* * * 

Gestern trat der wankelmütige Prager Rabbiner K . . . 
der Kongreß-Kommission bei. Ich hielt ihm vorher eine 
scharfe Standrede und nahm ihm vor den versammelten 
Aktionskomiteemitgliedern eine Art Treuegelöbnis ab. 



Dr. Schnirer beantragte gestern in der vertraulichen 
Komiteesitzung im „Zion" plötzlich, es solle ein Exeku- 
tivkomitee eingesetzt werden. Ich glaube, daß er diesen 
Antrag vorher mit Prof. Kellner und Dr. Kokesch be- 
sprochen hatte, um mir die „Alleinherrschaft" abzu- 

634 



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nehmea. Ich war aber hocherfreut, weil sie mir nur die 
Arbeitslast erleichtern werden, wenn das mehr als Ko- 
miteemeierei ist. Scbnirer, Kellner, Kokesch, Steiner, 
Kremenezky, Seidener sind mir Freunde, auf die ich mich 
gern stütxe. Wenn ich bisher etwas gegen sie hatte, war 
es, daß sie nicht genug mithalfen. Daß sie sich nun selbst 
cur Arbeit melden, ist mir erwünscht. Sie erkannten mich 
übrigens gleichzeitig als Präsidenten der Partei an. 



Ich fragte dann, ob ich Schritte machen solle sum 
Zweck der Entsendung eines offiziellen oder offiziösen 
Delegierten des Sultans zum Kongreß. Sie machten alle 
strahlende Gesichter und stimmten gern zu. 

12, Mai. 

Einige Erscheinungen: die Attacke Hildesheimcrs, die 
Akquisition eines hiesigen Montagswinkelblatles durch 
die Zionisten K , . . und Rappaport, die indemselben Augen- 
blick sich von uns lossagten, endlich die Misere, bei jeder 
kleinen Notiz oder Berichtigung auf die Gnade Blochs 
angewiesen zu sein, machen die GrQndung eines eigenen 
Organs zu einer nicht länger auf schiebbaren Notwendig- 
keit. 

Ich fragte Dr. Landau, wie er die Redaktionskosten 
beziffere. Er machte eine Aufstellung, worin er mit 
5o Fl. monatlich vorkommt. Dann ließ ich mir von Hein- 
rich Steiner einen Überschlag der Herstellungskosten ma- 
chen. Steiner berechnet sie mit 1 1 ooo Fl. jährlich. Dar- 
auf befragte ich noch meinen Vater, ob er einverstanden 
sei, und als er bejahte, entschloß ich mich, das Blatt zu 
machen, von dem in anderthalb Jahren so oft die Rede 
war, und für das die Mittel nie aufzubrii^en waren. 

At> H«nU Taffeboober I. 6s5 



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Mit allem war ich gleich im reiDon, nur mit dem Titel 
nicht. 

13. Mai, 

Gestern abends Prof. Kellner und Dr. Kokesch von 
meinem Entschluß Mitteilung gemacht. Sie waren über- 
rascht. Kellner sagte: „Sie verblüffen einen durch das 
Tempo Ihres Marsches, der reine Moltke." 

Die Herren wollten zunächst eine Komiteeberatung 
provozieren. Ich machte Kellner den Antrag, als Heraus- 
geber oder verantwortlicher Redakteur aufs Blatt lu 
gehen. Er lehnte das Wagnis im Hinblick auf seine Stel- 
lung ab. Kokesch erklärte sich bereit, als Herausgeber 
EU figurieren. 

Über Nacht fiel mir der Titel des Blattes ein: „Die 
Welt" mit dem Mog'n Dovid, in das ein Globus hinein- 
suzeicfanen wäre, mit Palästina als Mittelpunkt. 

Landau kam und stellte plötzlich höhere Forderungen, 
als er sab, daß es mit dem Blatt, um das er mich einund- 
einhalb Jahre gebeten, ernst werden solle. Er müsse „sei- 
nen Zeitverlust berechnen. Entgang anderen Erwerbs usw." 
Worauf ich ihn einlud, seine Wünsche schriftlich zu 
formulieren. Er brachte nachmittags ein Dokument, 
worin er außer dem Fixum von 5o Fl., das ja bescheiden 
wäre, 3oo/o vom Reinertrag verlangte. Steiner, dem ich 
eine Beteiligung am Reinertrag anbot, hatte für sich ab- 
gelehnt, und riet mir auch, Landaus Begehren abzuleh- 
nen, da es ja meine Absicht ist, den eventuellen Rein- 
ertrag zur Vergrößerung der Agitation zu verwenden. 

Nachmittags waren Kellner, Steiner, Scbnirer, Kokesch, 
Landau bei mir versammelt. Steiner brachte einen rei- 
zend entworfenen Titel: „Die s^ Welt" mit, der allge- 
meinen Beifall fand. 

636 



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Im übrigen schien sich merkwürdigerweise eine Gegen- 
stimmung hei den Herren gegen das Blatt zu regen. Sie 
wurde zuerst nicht ausgesprochen, ich fühlte sie nur. 
Kellner sprach gegen die Gründung des Blattes als eine 
verfrühte. 

Schnirer empfahl die Gründung. 

Steiner meinte, man sollte vielleicht früher eine „Sy- 
nagogentour" machen und zuerst Abonnenten in den ver^ 
schiedenen Lfindern werben. 

Ich bemerkte, daß ich schon vor Monaten proponiert 
hatte, sich durch vorläufige Sammlung von Abonnenten 
einer Basis für das von allen dringend gewünschte Organ 
der Bewegung zu versichern. Dies war ebensowenig ge- 
schehen, wie anderes, was ich empfahl, wenn ich es nicht 
selbst tat. Also habe ich mich entschlossen, das Blatt ein- 
fach selbst zu schaffen, mit meinem Geld und mit meiner 
Arbeit, 

Hierauf gingen die Herren, die soeben noch zu wenig 
erwartet hatten, mit einem Sprui^ in zu große Erwar- 
tungen über. Kellner kaute ein bißchen an dem Gedanken 
herum : daß ich als Unternehmer ja meine Arbeit gratis 
in das Blatt hineinstecken könne, daß aber andere doch 
auf dem Honorarstandpunkte stehen müßten. 

Darauf bat ich die Herren, sich doch in das Verhältnis 
des Miteigentums zum Blatte zu stellen, indem sie ent- 
weder Geld oder Arbeit darin anlegen. Geld wollte keiner 
dazu geben; Kellner aber versprach, seine Arbeit gegen 
eine Gewinnbeteiligung beizusteuern, womit ich sehr zu- 
frieden war, 

15. Mai. 
Kellner hat abgesagt. Er muß demnächst auf zehn 
Wochen nach England. Demnach kann von seiner Mit- 

40* 627 



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redaktioQ zu meinem Bedauern nicht mehr die Rede sein. 
Die ganxe Last wird auf mir ruhen. 

Wir machten gestern abends den Spiegel des Blattes. 
Ich entwarf den Plan, Rubrik für Rubrik; Kellner, Lan- 
dau und Steiner hftrten mir, glaube ich, mit Erstaunen 
>u. Kellner und Landau rieten dies und das. Nach Kell- 
ners Rat würde daraus eine mehr gelehrte Zeitung eng- 
lisch-jüdisch-deutschen Aussehens. Nach Landaus Rat 
würde „Die Welt" ein polemisches Blatt mit hauptsicb- 
lich galizischem Horizont. Ich glaube, es soll ein vor- 
nehm-universal jüdisches Blatt sein. 

Ich regte Kellner dazu an, eine Serie literarischer Cba- 
rakterkOpfe von Vertretern des Zionismus zu schreiben: 
Disraeli, G. Eliot, Moses Hess usw. 

Er ging mit Enthusiasmus darauf ein und wird mitDis- 
raeli in der ersten Nummer beginnen. Ich versprach ihm, 
die ganze Serie — für die er bei den heutigen Zeitungs- 
verhlltnissen wohl nirgends Unterkunft gefunden hStte 
— nachher als Buch im Verlag der „Welt" herauszugeben. 
Honorieren werde ich seine Artikel wie die N. Fr. Pr. 
Denn gerade von Zionisten darf das Blatt keine Ge- 
schenke annehmen. Wenn es gut geht, wird man mir 
ohnehin alles m^liche nachsagen — besonders die, die 
zu keinem Opfer sich entschließen konnten. 

Landau verlangte gleich eine „Aufbesserung" auf 
75 Fl. monatlich. Bewilligt. 

i6. Mai. 
Die Vorarbeiten zum Blatt. Briefe, Organisation, alles 
von Grund auf zu schaffen. 

18. Mai. 
Auch wieder die Konfliktstimmung, die mein Herz 
nicht gesünder macht, in der Redaktion. 



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i9. Mai. 

Von Sidney Whitman ein ausgezeichneter Brief aus 
Konstantinopel. Er findet, d^ß die Sache jetit Hand und 
Fuß habe, und will dem Sultan selbst die Sache unlerbrei- 
ten. Er hat ein Siegel vom Sultan; Briefe, die damit ge- 
siegelt sind, werden dem Sultan sofort gegeben. 

S. Whitman erwartet, dafi wir für seine Leistungen 
seine Zukunft sicherstellen werden. Das verdient er, das 
verspreche ich ihm in einem Briefe, den die dankbaren 
Juden dereinst einlösen werden. Eine Summe kann ich 
ihm ebensowenig versprechen, wie Newlinski. Aber bei- 
den werden die Judeo ebenso großartig danken, wie daa 
Werk ein großartiges ist. 

20. Mai. 

Noch ein Brief von Sidney Whitman. Er hat Ahmed 
Midhat Efendi, den Günstling des Sultans, fflr die Sache 
interessiert. Ahmed Midhat meint, wir sollten „jawaach" 
vorgehen, nicht zuviel verlangen, damit der Sultan nicht 
gleich Nein sage. Namentlich das Wort Autonomie dür- 
fen wir nicht gebraueben, weil dieses die Türkei schon 
in viele Kri^e verwickelt habe. Den Brief soll ich fran- 
tOsisch abfassen, damit er dem Sultan vorgelegt werden 
könne. 

Ich schreibe also heute an Whitman einen Brief, der 
ihm Belohnung verspricht (deutsch, im Kopierhuch), und 
diesen französischen zum Vorteigen; 
Man eher ami, 

je vous ^is aujourdhui sur le papier d'un nouveau 
Journal, hebdomadaire, mais de grand style, que nous 
cr6ona pour les besoins de la cause. „Die Welt" parattra 
le 4 juin 1897. Dans ce Journal nous comptons donner 
k la Turquie — pour ainsi dire — des arrhes de nos pro- 

639 



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fondes sympathies. Vous pouvez dire & Ahmed Midhat 
Effeodi qua dous y publierons avec ptaisir et, bien ea- 
tendu, d'une fa^on absolument desint^ressäe, des commu- 
nicatioDS et nouvelles pouvant 6tre utiles au gouvernement 
du Sultan. 

C'est un commeacement dans la voie de mettre en mou- 
vement l'inftueDce. de la presse juive au profit de la Tur- 
quie. Nous continuerous, si Ton encouragera dos efforta 
par des sympathies accord6es ä la cause juive. 

Une tentative faite par moi, en rapport avec vos indi- 
cations, pour porter secours aux bless^ est venue — je 
ne veux pas dire malheureusement — trop tord. Gar 
les victoircs des armes turques ont rendu bien vite inutile 
cette souscription commencee. La Situation politique en 
Angleterre et en France n'ayant pas permis aux Jutfs 
de ces pays de t^moigner leurs sympathies — r^Ilement 
existantes — aux Turcs dans cette circonstance, nous 
avons d& nous borner k itablir des comitis en Allemagne, 
en Antriebe et en Hongrie, en priant nos amis des autres 
pays de verser leura secours de la mani^re possible. 

Ce n'£tait du reste qu'un incident de moindre impor- 
tance dans l'flBuvrc juive que je poursuis. Je craios fort 
que l'on soit inexactement renseignS k Yildiz Kiosque 
sur le caract^re et la portee du plan juif. Des malveil- 
lants, des intrigants, ont peut-Stre changi l'aspect des 
cboses. 

Ce que nous voulons faire est con^u — je ne m'ea 
Cache pas — dans l'intir^t du peuple juif, mais cela ser- 
vira d'une fa^on grandiose au maintien, au renouvelle- 
ment, des forces de l'Empire Ottoman. 

Tout d'abord il ne faut pas prendre mon livre sur l'^^Hat 
juif comme la forme definitive du projet ; je suis le pre« 
mier k reconnaitre qu'il y avait U-dedans beaucoup 

63o 



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d'idtologie. J'avais lanc£, simple icrivain, cette id^, sons 
savoir comment eile serait re^ue par le peuple juif. La 
meilleure preuve ea est que j'avais proposä de dous ilab- 
lir soit en Argeatine, aoit en Palestine. 

Mais depuis cette publicatioo le mouvemeat n£o-juif 
a pris un tout autre caractöre, et il est devenu pratique 
et praticable. Nous comptons avec les circonstances, nous 
voulons faire de la boone politique sinc&re et efficace. 

VoiU en deux mots la chose : 

Si S. M. le Sultan nous accorde les conditions indis- 
pensables pour r^tablissement de dos gens ea Palestine, 
nous apporterons au für et ä mesure l'ordre et la prosp6- 
rit^ dans les finances de rEmpire. 

Ce principe une fois accepti, on s'entendra avec bonne 
volonte de part et d'autre sur les d^tails. 

Ceux qui veulent l'affaiblissemeDt et la disparition de 
t'Empire Ottoman sont les ennemis plus ou moins d6- 
claräs de notre plan, c'est facile i comprendre. 

Ceux qui veulent 6puiser la Turquie par des emprunts 
usuriers sont ägalement les adversaires de notre projet. 
Car le gouvernement de S. M. recouvrcrait la disposition 
des ressources du pays; et ce serait un pays reflorissant. 

Ce ne sont pas de vaines paroles, et S. M. le Sultan 
aura le moyen de s'en convaincre, s'il nous fait l'bonneur 
de nous envoyer un d^l^u6 au Congr^ Sioniste qui 
aura lieu k Municb le 35, a6 et 37 Aoüt 1897. 

Le d6l^gu6 de S. M. pourrait assister k toutes nos d6- 
lib^rations, et par cela däji nous voudrions donner une 
preuve ^clatante de soumission. 

Mais — et il faut appuyer sur ce point — mais nous 
ne voulons pas faire immigrer nos gens en Palestine, 
avant d'avoir men£ ä fin rarrangemenl avec le gouverne- 
ment turc. 

63i 



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II est vrai que nos gena sont malhenreux dans diff ereots 
pays, mais tout de mAme nous ne voulons pas ächanger 
les conditioos actuelles de dos malheureux contre des 
incertitudes. 

La Situation doit Mre franche et nette. 

Et j'arrive maintenant i vos questions: 

Les juifs immigr^s en Palestlne deviendraieat les 
Sujets de S. M. le Sultan k la condttion d'une .^elf-pro- 
tection" absolument assnr^e. 

Les achats nicessaires du terrain s'accompliraient d'une 
maniire tout i fait libre. II ne peut 6tre question de ,,d6- 
possMer" qui que ce seit. La propri6t6 est de droit priv6, 
OD ne peut pas y toucher. Les domaines priv^s du Sultan 
lui seraient payäs argent comptant seien leur valeur, s'il 
d£sire les vendre. 

En ce qui conceme le cöt£ „droit des gens" de l'arran- 
gement, I'^quivalent apport^ par les Juifs serait un tri- 
but annuel, payi k Sa Majest6. 

On commencerait par un tribut de cent mille livres 
par exemple, qui s'^l^veralt au for et k mesure de Tim- 
migration jusqu'i un million de livres par an. 

Sur ce tribut nous pourrions procurer tout de soite 
un emprunt proporlionn6 k l'annuiti. Le tribut serait 
garanti par les grands fonds ezistants, dont je vous ai 
parlä k maintes reprises. 

Je ne veux pas r^piter encore ce que je vous ai si sou- 
vent dit, mon eher ami, que la Solution de la question 
juive comporte aussi la consolidation de la Turquie. On 
connatt l'inergie et l'iniportance des Juifs dans le com- 
merce et les finances. C'est un fleuve d'or, de progr^, 
de vitalit6 que le Sultan ferait entrer dans son Empire 
avec les Juifs qui toujours, depuis le moyen &ge, ont M 
les amis reconnaissants des Turcs. 

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Et avec le r^lement des finances, plus d'ioterventions 
des puissances sous des prStextes fallacieux, plus de 
„dette publique", plus de „gdueurs". 

Comprendra-t-on la port£e, l'utiliti, de ootre projet k 
CoDstantinople? Esp^rons-le. 

Poor le moment je ne demande pas mieux que de prou- 
ver k S. M. le Sultan que tout cela est inspirS par les 
meilleures intentions. 

Inutile de vous recommauder le secret de cette lettre. 
Vous, qui £tes ud ami si dSvou£ des Turcs, compreodrez 
quel int£r£t il y a de ne pas donner l'iveil aux f aux amis qui 
voudraient contrecarrer un projet salutaire k la Turquie. 

Croyez moi votre cordialement d6vou^ 

Tb. Herzl. 

23. Mai. 

Die Bewegung beginnt in Amerika. 

Michael Singer, Herausgeber einer neuen Wocbenschrift 
„Toleranf" schickt mir Berichte über Meetings in New- 
York usw. 

Eine Babbinerkonferenz mit Dr. Gottheil an der Spitze 
bat sich für unsere Bewegung erklärt. 

„New York Sun" brachte am lo. Mai Artikel Qber den 
Zionismus. 

Als ich gestern die Sun-Spalte Benedikt zeigte, sagte 
er wohlwollend; „Die ganze Welt machen Sie verrückt.. 
Der reine Rattenfänger von Hameln." 

Ich erwiderte: „An Ihnen werde ich eine Genugtuung 
erleben, wenn Sie gezwungen sein werden, den Bericht 
über den Mänchener Kongreß aus der Kölnischen Zei- 
tung zu nehmen, nachdem Sie durch einundeinhalb Jahre 
Gelegenheit hatten, am besten von allen unterrichtet zu 
sein." 

633 



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Worauf er entgegnete: 

„Nein. Wir werden einfach am 36. August einen Be- 
richt aus München im Blatt haben." 

Und diese hingeworfenen Worte, die er eher halten 
wird, als seine Versprechungen — weil er muß, weil das 
Blatt nicht „zurückbleiben" darf — diese kurze ErklS- 
rung stellt, wenn ich nicht irre, schon meinen Sieg über 
die ti. Fr. Pr. vor. Der Sieg kann nur bis zum Aufpist 
noch wiederholt entrissen werden — gestern hielt ich ihn 
in Hfinden. 

23. Mai. 

Heute war „Pater Paulus" Tiscbmann bei mir. Wun- 
derliche Gestalt von den Grenzen der Religionen. Ver- 
wahrlost aussehendes Jüdlein mit schwerem polnisch-jü- 
dischen Akzent, vor kurzem noch katholischer Geistlicher. 
Er erzählte mir, wie er im Alter von i5 Jahren cinge- 
fangen, getauft und spfiter ordiniert wurde, wie er es 
auf die Dauer nicht aushielt und in Siebenbürgen auf der 
Kanzel eine GotteslSsterung beging. Er wurde angeklagt 
und freigesprochen, nachdem er zum Judentum zurück- 
gekehrt war. Eine Roroanfigur. Jetzt hospitiert er vne- 
der bei Rahbinern. Ich glaube, er schnorrt auch ein biß- 
chen. Ich gab ihm eine Kleinigkeit. Kurios, daß er für 
seine „Rückkehr" wohl keinen Dank bei den Juden fin- 
det. Früher, unterm Krummstah, ging's ihm gut. 

Er sagt aber doch mit glänzenden Augen: „Ich habe 
aber die innere Befriedigung." 

Das ist das kostspieligste aller Vergnügen, ich weiß es. 



Haas schreibt, daß man in Amerika wünscht, ich mfige 
drüben eine „Vortragstoumee" machen, 

63i 



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26. Mai. 
Ich arbeite bis zur Erschöpfung, bis zum ZuBammen- 
brecheo, an der neuen Zeitung. . 

* * ♦ 

Zwei Abonnenten haben sich gemeldet. Auf viele hun- 
dert verteilte Agitationstinzeigen der „Welt" sind über- 
haupt erst drei briefliche Antworten gekommen. 

Meine näheren Parteifreunde glauben an den Mißer- 
folg. 

■o ♦ * « 

, Konstantinopel, s^. Mai 1897. 

Verehrter Freund 1 
Meiner Gewohnheit gemäß zeige ich Ihnen umgehend 
den Empfang Ihrer freundl. Zuschrift vom 20. dieses an. 
Ich werde den Inhalt gleich dem Ahmed Midhat vor- 
lesen und ihn auffordern, daß er was für die „Welt" 
Bchreibe. 

Übrigens mehren sich die Zeichen, daß ich den Sultan 
selbst sehen werde und ihm von der Sache sprechen 
kann. Ich finde Ihre Darlegung sehr klar und überzeu- 
gend. Näheres später. 
In Eile 

Ihr 

Sidney Whitman. 
P.S. 
Seitdem ich obiges geschrieben, war ich bei Midhat und 
habe ihm Ihren Brief vorgelesen und werde ihm eine Kopie 
ausfertigen. Er ist sehr günstig für die Sache gestimmt 
und will sich ihr mit Leib und Seele widmen, mit 
der ausdrücklichen Bedingung, daß er nie einen Pfennig 
für seine Dienste annehmen wird. Wir haben zu zweit 



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eineD Schlachtplan entworfen, und werde ich möglicher- 
weise noch vor meiner Abreise dem Sultan die ersten Er- 
öffnungen machen. Das weitere wird sich finden. J>er 
Münchener Kongreß soll beschickt werden, oder Midbats 
Einfluß imd der meinige sind null. S. W. 

Unter uns. Rothschilds in Wien haben 5oo Fl. für 
die Verwundeten beigesteuert. 

Ich erxihle dem Sultan selbst von der „Welt". 

Man sprach vor einiger Zeit davon, daß der Sultan 
A. Midhat zum Großvezier ernennen wollte 1 

27. Mai. 
Von Zadok Kahn looo Franks in einem Scheck für die 
türkischen Verwundeten erhalten. Ich schicke den Scheck 
dem Botschafter M . . , N . . . und Zadoks Brief an Sidney 
Whitman nach Konstantinopel. Gleichzeitig schreibe ich 
Sidney, er möge dem Sultan si^en, daß ich bereit sei, 
nach Pfingsten nach Konstantinopel zu kommen. 

30, Mai. 

In den letzten Tagen habe ich zwei Schwierigkeiten mit- 
einander kompensiert, was, glaube ich, die beste denk- 
bare Politik ist — wenn es gelingt. 

Der Fall an sich unbedeutend; aber mein Prestige bei 
den Türken war doch auf dem Spiel. 

Die jungen Mediziner, die sich unter Schalits Führung 
angeboten hatten, als freiwillige Ärzte nach dem Kriegs- 
schauplatz abzugehen, bekamen die Bewilligung in einem 
Brief des hiesigen Botschafters M... N... Da stellte 
sich heraus, daß sie zuviel versprochen hatten, denn sie 
konnten nicht fahren. Sie hatten kein Geld. 

Andererseits hatte das türkisch-israelitische Samm- 
lungskomitee für die Verwundeten nur eine iScherlich 

636 



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kleine Summe aufgebracht — 800 Gulden — die man 
sich abzuliefern schämte. 

Da hatte ich den Einfall, die 800 Fl. den Ärzten zu 
geben: „das Komitee schickt auf seine Kosten eine 5rzt- 
liche Expedition ab". Das sieht etwas gleich. 

Zu meiner Überraschung verstanden die Komiteeleute 
den Vorsditag. 

31. Mai, 

Ungeheure Arbeit mit der Zeitung. Dr. Landau ist zur 
Waffenübung einberufen; Schalit, den ich mir als Hilfs- 
arbeiter gedrillt hatte, geht nach Elasona. So steht die 
Zeitung gleich ganz auf meinen zwei Augen. 



Kellner, Schnirer, Kokesch richten einen gemeinschaft- 
lichen Brief an mich, worin sie bitten, eine den Kohlen* 
Guttmanns unangenehme Notiz (über deren Rekurs gegen 
die Kultussteuer) aus der ersten Nummer wegzulassen. 
Sie begründen diesen Wunsch nicht näher. Ich berück- 
sichtige ihn — aber diese Kommissions-Redaktion werde 
ich mir natürlich nicht gefallen lassen können. 

2. Juni. 

Vorgestern und gestern „Die 2^ Well" aufgebaut. Es 
war gar nichts da. Heute existiert ein Blatt mit deutlicher 
Physiognomie. 

Alle Bürstenabzüge, auch die „Inserate" gelesen, alle 
Spalten habe ich umbrochen. D. h. Inserate gab's nicht. 
Im letzten Augenblick bat ich Kremenezky tetephonisch 
um ein Gratisinserat. Er konnte es nicht geben, weil er 
mit der Kommune Wien verhandelt. 

Abends im Zion wurde ein Inserat eines Mariahilfer 
Konfektionärs gebracht. 



63? 



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Die EinrichtUDgsmüfae hat mir Spaß gemacht. 

Um sechs Uhr abends lief gestern das erste Exemplar 
der „Welt" aus der Presse. Das widme ich meinen teuren 
Eltern. 

6. Juni, nachts. 

„Die S^ Welt" ist erschienen. Ich bin recht .sehr er- 
schöpft. Diese Pfingstwoche 1897 werde ich mir merken. 
Neben der „Welt"arbeit auch noch die Stimmung er- 
iwingen für ein Pfingstfeuilleton der N. Fr. Pr. Dazu 
die Aufregung im Bureau, daß es jetzt und jetzt zum 
Krach und Bruch mit Benedikt wegen der „Welt" kom- 
men müsse. 

Mehrmals war ich daran, ihm wenigstens das fait ao- 
compli mitzuteilen. Er fährt mich in seinem Wagen jetzt 
öfters aus der Redaktion nach Hause. Dabei wSre die 
beste Gelegenheit, über alles zu reden. Aber ich entschloß 
mich endlich, ein Inserat gegen Bezahlung einfach der 
N. Fr. Pr. zuzuschicken. Das Inserat nahm die Admi- 
nistration. 

8. Juni. 

An dieser Stelle bin ich vorgestern nachts vor Müdig- 
keit eingeschlafen. 

Die Administration der N. Fr. Pr. nahm das Inserat 
„ungern", wie telephonisch meiner Administration mit- 
geteilt wurde. Die Aufnahme einer Notiz in den Text 
der N. Fr. Pr. vmrde aus „politischen Gründen" abge- 
lehnt. 

Mir war's auch gar nicht darum zu tun, daß die Notiz 
ins Blatt käme. Ich wollte nur Benedikt ein faire pari 
vom Erscheinen der „Welt" zuschicken, auf das er mir 
nicht mit einem Verbot antworten könnte. Darum wShIte 
ich den Geldweg. Die halbe Seite im Annoncenteil der 

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N. Fr. Pr. kostet 75 Fl. Es sprach einige Wabrscbeinlicb- 
keit dafür, daß Benedikt diesen Betrag nicht refüsieren 
würde. 

Und so ist die „Welt" in der N. Fr. Pr, angezeigt er- 
schienen. 

Samstag vor Pfingsten, 5. Juni, sah mich Benedikt mit 
gar kuriosen Augen an. Wir verkehrten wie sonst in der 
Redaktion, aber es lagen bereits zwei Administrationen 
zwischen uns. Ich glaube, er bStte gern mit mir eine 
scharfe Auseinandersetzung gebäht, aber er hing in die- 
sem Augenblick von mir ab : ich hatte mein Pfingstfeuil- 
leton noch nicht abgeliefert, und er brauchte es dringend 
für die Pfingstni 



Am Pfingstsonntag, vorgestern, erschien in der offi- 
ziösen iJlcicbswehr" ein grimmiger zweiter Leitartikel 
gegen die „Welt" unter dem Titel „Benedictus I., König 
von Ziou". 

Benedikt wird darin als Zionist behandelt. Ich glaube, 
er wird bis an die Decke springen vor Wut, 

Wenn ich heute in die Redaktion komme, muß ich 
wieder, vielleicht zum letzten Male, zum Gefecht klar 
machen. Die Auseinandersetzung ist heute ffiltig. Ich 
weiß nicht, wie sie enden wird. Vielleicht werde ich in 
den nächsten 34 Stunden, solange noch die Blätter dieses 
Buches reichen, von der N. Fr. Pr. entlassen? 



Ich blicke dieser Eventualität gefaßt entgegen. Herz- 
klopfen habe ich allerdings dabei, aber das ist nur eine 
Schwäche dieses Muskels, nicht meines Willens. 

Sollte mich die N. Fr. Pr. wegjagen, so habe ich meine 
Stellung, die ich mir in zwanzig Jahren der Arbeit schwer 



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erwarb, auf eine Weise verloren, deren ich mich auch 
nicht schSmen muß. 



Das englische „Hauptquartier" der Choveve Zioo hat 
sich offiziell vom Münchener Kongreß losgesagt und das 
in einer trockenen bösartigen Notiz verlautbart. Jewish 
Chronicie brachte diese Anzeige am 4- Juni. 

The Proposed Zionist Conference at Munich. 
A meeting of Headquartera Tent of the Chovevi Zioa 
Association was hetd on Monday last, the Chief, Colonel 
Goldsmid, presiding. It was resolved that the Associatioo 
should take no part in, nor send any delegates to, the 
Congress convened by Dr. HerzI, which is to meet at 
Munich in August next. 



Gleichzeitig macht Hildesheimer die amerikanische 
Bewegung herunter. „Es dürften sich nur wenige ein- 
flußlose Kreise aus Amerika am Kongreß beteiligen." 

8. Juni. 

Erster Gang des Duells mit Benedikt. 

Er fragte mich heute ä bräle pourpoint, als ich etwas 
beklommen ins Lesezimmer kam, um das tägliche Feuil- 
leton tu besprechen, und während er sich wie immer nach 
Schluß des Abendblattes das Gesicht wusch : 

„Haben Sie mit Bacher über die ,Well' gesprochen?" 

„Nein", sagte ich kampfbereit. 

Er antwortete: „Das ist uns sehr tinangenehm." 

„Wegen des Artikeb in der ,Reich8wehr'?"-fragte ich. 

„Nein, ich habe den Artikel erst heute gelesen, er hat 
mich nicht geniert. Aber schon als ich das Inserat in un- 

Güo 



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serer Pfingstnummer sah, war ich wütend. Es hfitte gar 
nicht ina Blatt kommen dürfen. Es ist die Liste unserer 
Mitarbeiter." 

Ich zuckte die Achseln und ging im Zimmer auf und 
ab. 

Er wischte sich das Gesicht ab; „Sie haben uns in eine 
Verlegenheit gebracht." 

Ich sagte mit lauter Stimme: „Der Artikel in der 
.Reichswehr' strotzt von den gemeinsten Lugen." 

Dann kam Goldbaum ins Zimmer — ich glaube, er 
hatte gelauscht — und das Gespräch wurde abgebrochen. 
Wir redeten Gleichgültiges. 

9. Juni. 

Zweiter Gang. Benedikt fing heute mittags wieder an: 
„Wir müssen noch über die ,Welt' sprechen. Bisher war 
es in unserem Hause Gepflogenheit, daß jeder, der an 
einem Unternehmen sich beteiligen wollte, der Redaktion 
eine Anzeige machte." 

Ich sagte: „Ich habe auch für die .Zeit' geschrieben." 

Er meinte: ,JMit der ,Zeit' standen wir auf gutem Fuß. 
Auch damals schon erörterte ich mit Bacher die Zu- 
Ifissigkeit Ihres Vorgehens. Jetzt haben Sie unsere 
ganze Mitarbeiterliste in die Voranzeige der .Weit' ge- 
nommen." 

Ich wendete das GesprSch : „Wissen Sie, was ein ge- 
scheiter Mensch über den Artikel der .Reichswehr' sagte? 

.Der Verfasser des Artikels wußte sehr gut, daß Bene- 
dikt ein Gegner des Zionismus ist. Er wollte nur Zwie- 
tracht zwischen Ihnen und mir sSen.'" 

Er antwortete: .J>aa glaube ich auch. Man wollte ein 
Zerwürfnis in der N. Fr. Pr. herbeiführen. Ich bitte Sie 
nur, wenn unser freundschaftliches Verhältnis erhalten 

41 Herala Tasebaoher I. Q^j 



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bletben soll, uns nicht weiter su exponierao. Namentlich 
die Mitarbäterliste dürfen Sie nicht mehr publizieren." 
Ich versprach, dafür mein mOg^chstes la tun — und 
wir schieden als Freunde. Er fuhr mich in seinem Wagen 
nach Hause. 

10. Juni, 7ler Geburtstag meinet Hans. 

Hier schließe ich dieses vierte Budi meiner Geschichte 
des Judenataates. 

Ich will jetzt die Büdier an einem sicheren Orte hinter- 
legen. 

Der Zeitpunkt ist ohnehin ein Abschnitt, viel geht nicht 
mehr in das Buch hinein, und ich mache ein Datum aus 
dem Geburtstag meines guten Hans, der mir gesund und 
glücklich, ein starker Mann und Fortsetzer meines Wer- 
kes werden möge. 



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Anmerkungen 



D,3,l,zedb,G00gle 



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s.a. „Dührings Bucli". Gemeint ist des Philosopbea 
Eugen Karl Dühring »Die Judenfrage als Frage der Rassen- 
schädUchkeit fQr Existenz, Sitten und Kultur der Völker". 
Vgl. L. Kellner, llieodor Herzig Lehrjahre, S. 137 ff. 

5.5. Dr. Heinrich Friedjung, der bekannte Ver- 
fasser des Werkes „Der Kampf um die Vorherrschaft in 
Deutacbland 1859 — 1866", gab Mitte der achtziger Jahre die 
„Deutsche Wochenschrift" in Wien heraus, und dort erschien 
eine Jugenderzählung Herzls „Napfatalin". Friedjung war 
vom österreichischen Unterrichtsministerium wegen seiner 
großdeutsch«! Gesinnung g^naßregelt worden und erntete 
als Heransgeber der „Deutschen Zeitung" von den National- 
deutschen Österreichs bitteren Undank. Vgl. Friedjung, Ein 
Stück Zeitungsgeschichte, 1887. 

Über Heinrich Kana, den Busenfreund Herzb, vgl. 
L. Kellner, Theodor Herzls Lehrjahre, S. 95 — 100. 

5.6. Ludwig Speidel hatte sieb in Wien als Musik- 
und Theaterkritücer einen großen Namen gemacht. Fär die 
Neue Freie Presse schrieb er über die Aufführungen im Burg- 
theater und redigierte das Feuilleton. Als HerzI den Wunsch 
hatte, vtieder nach Wien zu kommeD, gingen die Herausgeber 
der Zatung, Dr. Ed. Bacher und Moritz Benedikt, gern auf 
den Gedanken ein, um HerzI die Redakti(Mi des Feuilletons 
zu Übei^el>en und so Speidel zu entlasten. 

S.i3. „Bildhauer Beer". Friedrich Beer (geb. i8ä6 
zu BrOnn) studierte in Wimi an der AJcademie, ging mit einem 
Stipendium nach Rom und ließ sich spjtt«- dauernd in Paris 
nieder. Die bekannte Herzl-Büste stammt von ihm. 

S.i^. „Onkel Toms Hütte": ein i85i erscliienener, 
sönerzeit vielgelesener Roman der Amerikanerin Harriet Bee- 
cher-Stowe, dessen Schilderung der N^^leiden lur Aufhe- 
bung der Sklaverei beitrug. 

Alphonse Daudet, der bekannte franz^ische Ro- 
mancier, war mit HerzI befreundet. 

S.15. Baron Moritz Hirsch von Gereuth (i83i bis 
1896), war der Gründer der Jewish G^nization Association 
(,Jtca"), der er rund zrfin Millionen Pfund zwecks Rück- 
fflhnmg der Juden zur Bearbeitung des Bodens widmete. 
Die Hirsch-KolonieD in Argentinien sind ein großw Erfolg. 

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S. 18. „Ein Peabody". George Peabody (1795—1869) 
war aus klejnstea Anfingen zu gn3D«n Reichtum gekommen. 
Berülimt wurde er durch seine gro&ea Schenkungea an die 
Hochschulen seiner amerikanischeu Heimat und durch die 
Gründung von Arfoeiterwobnungen. Vor Carnegie gidt er als 
der größte Philanthrop neuerw Zeit. 

S.20. Eugine Spüller (i835— 1806), franiöaiwiier Po- 
litiker, war wiederholt Ministw, iSgi Unterrichtaministw im 
Kabinett Casimir P^riirs. 

S.3Ü. Leopoldstadt, der von vielen Juden bewohnte 
xweite Bezirk der Stadt Wien. 

S.38. „Leinkauf nehmen". Moritx L«okauf war der 
Begründer der Speditionsfirma Leinkauf in Wien, durch aräne 
Frau mit Herzl verwandt. 

,3ei Floquets Sekretlr". Charles Emest Floquet 
(1826 — 1896}, der her